Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR


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       Günther Grass, der "Einheitsgegner"
       

AUFS BLECH GETROMMELT, WIE GEHABT

Ziemlich genausolang, wie es die Bundesrepublik gibt, haben ihre Schriftsteller mit ihrem bekannten Feinsinn u. a. der "deutschen Frage" die Lösungswege vorausgedacht. Meist reichte dazu die An- schauung von der einen "deutschen Kulturnation", und mit der ha- ben sie der Nachkriegsrepublik den furchtbar schönen geistigen Schein besorgt, die eher platten Bonner Rechtstitel auf Einver- leibung des zweiten Staates auf deutschem Boden hätten mindestens in so erlesenen Gütern wie Sprache, Klopstock und Weimar ihre über alle Zweifel erhabenen Berufungsinstanzen. Seit einigen Monaten ist der stinkordinäre deutsche Imperialismus auf seinem Rechtsweg praktisch um einiges vorangekommen, und auch gewohnheitsmäßigen Pflegern eines Gesamtdeutschlands im Geiste konnte an den politischen Methoden, mit denen es in Wahrheit auf den Weg gebracht wurde, zumindest eines auffallen: Selten lag der Schein vom Geist und der Kultur als der ideellen Leitinstanz deutscher Politik im Dienst an der Nation so offenkundig daneben. Einer von ihnen hat es auch gemerkt - bloß wie. 1. Bekanntlich kennt sich G. Grass in Sachen deutsch-deutscher Kul- tur nicht nur ausgezeichnet aus, sondern hat sich zu Lebzeiten der DDR auch eifrig in deren innere Angelegenheiten eingemischt. Im Namen der "deutschen Kulturnation" versteht sich, und insoweit in höherem Auftrag. Dem ist er auch heute, wo von inneren Angele- genheiten einer DDR so recht nicht mehr die Rede sein kann, noch entschieden treu. Und kaum bekommt er mit, wie wenig das politi- sche Projekt der einen deutschen Nation mit dem ideellen Gesamt- kunstwerk der "Kulturnation" gemein hat, von dem er schwärmt, zieht er daraus den denkbar dümmsten Schluß: Je weniger das schöne Ideal auf den wirklichen Gang der Dinge paßt, um so ent- schiedener kommt es an auf es - und schon wird aus einem unbe- lehrbaren Idealisten der deutschen Nation ein "vaterlandsloser Geselle" (Grass über Grass). "Ich lehne den Einheitsstaat ab und wäre erleichtert, wenn er - sei es durch deutsche Einsicht, sei es durch Einspruch der Nach- barn - nicht zustande käme." (Die Zeit, 7.2.) Und warum will er sich nicht einreihen in die patriotische Ein- heitsfront? Weil Deutschland mit seinem Anschlußprogramm ihm dies schwer macht. Nichts hat er dagegen, daß deutsche Politiker unter Berufung auf das Recht auf ihrer Seite die Fakten schaffen, die sie haben wollen. Bloß hätte er es gerne, sie wären statt auf die Erweiterung ihres Herrschaftsbereiches, die sie praktisch betrei- ben, ganz von sich aus lieber darauf verfallen, sich in weiser Selbstbeschränkung zu üben - das hätte viel besser zu ihnen ge- paßt. Und wenn schon sie selbst soviel Tugend nicht aufbringen, dann möchten doch bitteschön die lieben Nachbarn, den kleinen Fauxpas korrigieren und für die Einsicht Sorge tragen, daß sich das Einverleiben der DDR für einen so lieben Staat überhaupt nicht gehört. Wenn deutscher Imperialismus für einen Grass so aussieht, als wäre es wirklich einer oder so was Ähnliches, dann paßt das einfach nicht zu Deutschland - eine ziemlich unanfecht- bare Art, mit der sich da ein Intellektueller seinen Nationalis- mus als Genußartikel bewahrt: Ganz ohne Bezugnahme auf ein einzi- ges praktisches Vorhaben deutscher Politik baut er mit der Flos- kel "Einheitsstaat" den Popanz auf, an dem er die deutsche Real- politik ebenso grundlos wie grundsätzlich scheitern läßt - seinen Maßstäben in Sachen nationaler Ästhetik genügt sie nicht, weil ihr so banal und nieder anmutende Gelüste wie das nach schlichter Einverleibung anhaften. So unfein ist doch Deutschland nicht. 2. Viel besser nämlich paßt zu Deutschland die Rolle des guten On- kels der Weltpolitik, die die BRD ausgerechnet in ihrem Verhält- nis zur DDR so überzeugend zur Anschauung gebracht hat. "Dieser Staat (die DDR) hat seine eigene Geschichte gehabt. Und ich glaube, er sollte das Recht haben, jetzt, nachdem er sich selbst Freiheit erkämpft hat, das in einer gewissen Eigenständig- keit fortzusetzen, miteinzubringen in das deutsch-deutsche Ge- spräch." (Grass, in der ARD-Diskussion mit Augstein) Bekanntlich hat Grass dem realsozialistischen Leben im Rahmen der von ihm so geschätzten DDR-"Eigenständigkeit" schon zu Zeiten nichts abgewinnen können, als es noch stattfand: Zur Wertegesell- schaft der Freiheit, der er ideell vorsteht, hat es nicht gepaßt, und das hat gereicht. Ungefähr genauso gleichgültig ist ihm heute das Los derer, die entweder in der Noch-DDR oder demnächst unter dem Regime der DM das Volk spielen. Ihm reicht es, über den Ab- gang des zweiten deutschen Staates zu befinden, der habe sich nun endlich in das Reich der "Freiheit" aufgemacht, wo der erste schon immer war, und sich damit das Recht verdient, sich in dem auch in einer "gewissen Eigenständigkeit" tummeln zu dürfen. Das gebietet nämlich erstens der zwischenstaatliche Knigge, den Grass im Kopf hat, und zweitens vor allem die Glanzrolle, die seine BRD in dem immer gespielt hat. Die hat ja schon gleich nach Kriegs- ende immer nur haufenweise Respekt vor der DDR gehabt und ganz viel dafür getan, daß aus ihrer Geschichte jede Menge "Eigenständigkeit" wird; an der Zersetzung der Staatsmacht drüben war sie nicht nur überhaupt nicht beteiligt, sondern das war gar keine, weil bloß ein Kampf der "Freiheit" um sich selbst; deswe- gen ist auch hinten und vorne nicht abzusehen, warum der deutsch- deutsche Dialogverkehr abreißen soll und das schöne "Gespräch" ein Ende findet, das da 40 Jahre vom-Frontstaat der westlichen Wertegemeinschaft gepflegt wurde, bis die Mauer endlich fiel: Wo eine ganze Nachkriegsgeschichte der Würde des westdeutschen Staa- tes im Grunde nur gute Zeugnisse ausstellt, da gilt es doch jetzt erst recht, im Namen dieser Würde die des zweiten deutschen Staa- tes entschieden zu wahren - und ihn wenigstens nicht merken las- sen, daß es ihn demnächst gleich überhaupt nicht mehr gibt. Das wäre fein von Deutschland. 3. Aber was muß Grass statt dessen feststellen? Nichts ist's mit vornehmer Zurückhaltung und der grandezza einer Nation von gei- stigem Adel - statt ihrer stillen Größe schlägt dem Wuchergeist die historische Stunde: "Und schon wird Beute gemacht. Kaum hat die eine Ideologie ihren Griff lockern, dann aufgeben müssen, da greift die andere Ideolo- gie wie altgewohnt zu. Wer nicht spurt, kriegt nix. Nicht mal Ba- nanen. Nein, ein so unanständig auftrumpfendes, durch Zugriff vergrößertes Vaterland will ich nicht..." (Die Zeit) Wo nichts weniger stattfindet als erst die Zersetzung und dann die politische und ökonomische Eroberung eines fremden Staates, sieht der Denker Grass erst ein Vakuum im Geist, in das dann ein anderer Geist einzieht. Der Geist gefällt ihm weniger, weil er so kleinlich und egoistisch daherkommt und nur noch "Materialismus" gelten läßt - anstatt den selbstlosen Zwecken Bahn zu brechen, die den Aufenthalt in der "sozialen Marktwirtschaft" für einen Grass zu einem unüberbietbaren Segen machen. Deren Export nach drüben kann seinetwegen schon passieren - Hauptsache, er kommt als untrüglich selbstloser Dienst und unter dem Titel "Hilfe" da- her. Dann darf auch für Grass die DM in ganz Deutschland gelten, und mit der auch die eine deutsche Staatsbürgerschaft - wenn nur dabei nicht offensichtlich wird, daß das eben die Annexion ist: Was immer praktisch in die Wege geleitet wird in Sachen "Vereinigung der Deutschen", ist einem Grass prinzipiell scheiße- gal, weil er an allem sowieso bloß die glaubwürdige Pflege des Scheins vermißt, der Vollzug des Anschlusses sei bloß der Nach- vollzug eines urmenschlichen Vereinigungsstrebens und bloß die Versinnlichung des deutschen Nationalgeistes, der sich in einer "Konföderation der beiden deutschen Staaten einer Kulturnation" selbst um den Hals fällt. "Ich will sagen, daß in einer Konföderation, wenn wir sie gestal- ten wollen, und wir könnten sie gestalten, all das; was Sie vor- geschlagen haben, die wirtschaftliche, die technische Hilfe, durchaus möglich ist. Eine Konföderation erlaubt auch eine Wäh- rungsunion, sie erlaubt auch eine gemeinsame Staatsangehörigkeit, eine Wirtschaftseinheit... Und ich sehe nicht, daß eine solche Einigung dem Einigungswunsch der Deutschen widerstrebt." (Grass, im Gespräch mit Augstein) Zwei gemerkt, eins im Sinn - das wäre ein feines Deutschland. 4. Aber so, einfach bloß das eigene Herrschaftsgebiet auszuweiten; sich nur zu benehmen, wie der Materialismus eines ganz gewöhnli- chen Staates es verlangt, dem es um seine Macht geht - und nicht das zu tun, was das Schwärmen eines Idealisten der Nation für de- ren Belange für "erstrebenswert" hält: Das stimmt einen Grass schon unfroh. "Sind denn umfassende Einheit, größere Staatsfläche, geballte Wirtschaftskraft ein erstrebenswerter Zuwachs? Ist das denn nicht alles wiederum zuviel?" - fragt er und grämt sich wegen des häßlichen Deutschen, weil der demnächst in 80 Mio. Exemplaren Weltpolitik macht. "Am Ende werden wir knapp achtzig Millionen zählen. Wir werden wieder stark und - selbst beim Versuch, leise zu sprechen - laut vernehmlich sein... wieder einmal zum Fürchten und isoliert..." (Die Zeit) Im gegenwärtigen Umfang von 60 Mio. Volksgenossen muß offensicht- lich die nationale Vernunft gerade noch ihr richtiges Maß gefun- den haben. In der Größenordnung ist der deutsche Imperialismus, wie er geht und steht, für einen Grass nicht nur von Haus aus un- schuldig wie ein Lamm, sondern auch noch von allen anderen impe- rialistischen Konkurrenten heiß verehrt und weltweit ein schöner Gast. Aber wehe, er verschafft sich seine grundgesetzlich veran- kerte Sollstärke wirklich - dann ist die Hölle los! Gegen rein gar nichts, was dieser Staat jetzt und demnächst an praktischen politischen Interessen nach innen wie nach außen wirklich anmel- det und verfolgt, will Grass einen Einwand anbringen; vom bedin- gungslos segensreichen Wirken einer Politik von deutschem Boden aus ist der Mann so überzeugt, und der materielle Inhalt des Vor- wärtsprogramms der deutschen Nation ist ihm so gleichgültig, daß er seine abwegige Stilkritik an dessen Abwicklung bloß noch zu einer Warnung vor F o l g e n übertreiben mag, die nicht in deutschem Interesse liegen k ö n n e n. Ein bloß großes Ein- heitsdeutschland hat nämlich schon mal ganz schlechte Erfahrungen gemacht und sich dafür 40 Jahre lang schämen müssen. "A u s c h w i t z ist die Schamschwelle, die mitgedacht werden muß, ... wenn wir aufgrund der günstigen Lage und der in der DDR erkämpften Freiheit die Chance bekommen, etwas neuzugestalten." "Der deutsche E i n h e i t s s t a a t verhalf der nationalso- zialistischen Rassenideologie zu einer entsetzlich tauglichen Grundlage." (Die Zeit) So verbissen hat sich dieser Liebhaber der Deutschen in seinen Fanatismus einer politisch begrenzten, in ihrer geistigen Grund- lage aber ohnehin schon immer grenzenlosen deutschen Erweiterung, so borniert hält dieser Geist an den ästhetisch-moralischen Maß- stäben fest, aus denen er seine Verehrung für Deutschland be- zieht, daß er wg. "Einheitsstaat" das moralische Trumpfas aus dem Ärmel zieht, das bislang noch jeden guten Deutschen entwaffnet hat - "Auschwitz", Punkt. Dieser Hinweis hatte ja mal seine mora- lische Konjunktur, als die Deutschen mit einer Geschichtsmetaphy- sik von Schuld und Sühne an die Verkleinerung des Deutschen Reichs gewöhnt werden sollten, um mit dieser neuen Bescheidenheit ihren neuen Aufstieg zu beginnen. Im Weltbild von Grass scheint die ideologische Manier des westdeutschen Wiederaufstiegs dessen Erfolge überlebt zu haben und die einzig wahre Größe der Nation auszumachen. Ihm gefällt der moralische Bonus, den die neue Repu- blik aus dem moralischen Malus der deutschen Tradition "Auschwitz" - gezogen hat, so gut, an die Lüge von der gelernten nationalen Bescheidenheit glaubt er so sehr, und an der Deutung der deutschen Spaltung als erfolgreiche erzieherische Maßnahme hält er so gläubig fest, daß er meint, er müßte im Programm des neuen Einheitsstaat die alte Unmoral bekämpfen. Gerade so, als müßte sich zur "tauglichen Grundlage" automatisch ihre Verwendung für das, was der Faschismus verbrochen hat, einstellen. Auch eine Weise, es gar nicht der Rede für wert zu halten, um welchen neuen deutschen Imperialismus es bei der anstehenden Wiedervereinigung geht. 5. Auschwitz dräut. Doch ist nicht alles so hoffnungslos, wie es aussieht. Bei soviel Schatten muß ja auch jede Menge Licht sein, und eine Nation, die so lange über dieselbe "Schamschwelle" ge- stolpert ist, kann ja gar nicht anders, als letztendlich doch al- les richtig zu machen. "Auschwitz ist ja nicht nur Schaden; Auschwitz hat uns die Mög- lichkeit gegeben, uns selbst zu erkennen in unseren extremen Mög- lichkeiten, die sich nicht wiederholen dürfen" (Grass, im Ge- spräch mit Augstein) - aber eben schon auch in den ganz extremen Möglichkeiten, die noch nie da waren: "Ob dann in zehn Jahren - ich komme jetzt auf Willy Brandts Vor- schlag zurück - auf der Grundlage dieser beiden konföderierten Staaten ein Bundesstaat entstehen könnte, also das, was die Paulskirche mal angestrebt hat, was leider nicht vollzogen wurde, das ist eine andere Frage." (ebda.) Dann hätte es Deutschland auch noch seinem großen Dichter Grass recht gemacht, und alles wäre in Ordnung. Eine sehr poetische Art, die Frage des Tempos beim Anschluß zu problematisieren. zurück