Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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Die geistigen Unkosten der deutschen Einheit
DIE WISSENSCHAFT ZERBRICHT SICH DEN KOPF DER NATION
Die Wissenschaft nimmt Stellung zur deutschen Einheit. - Die Sa-
che: Ein Staat vergrößert sich. In einer friedlichen Eroberung
unterwirft er 40 Jahre lang beanspruchtes Feindesland und die
darauf ansässige Bevölkerung seiner Hoheit. Seine Machtmittel er-
weitern sich damit beträchtlich. Vom ersten Tag an steht fest,
daß er in der Konkurrenz der Nationen einen beträchtlichen Zu-
wachs an "internationaler Verantwortung" verzeichnet: In Europa
ist er endgültig die führende Macht mit seinen "Partnern". Mit
diesen zusammen gewinnt der ökonomische Vergleich zur Weltmacht
USA und zu Japan ganz neue Perspektiven. Und die ehemalige sowje-
tische Weltmacht, die militärische Bedrohung des Frontstaats von
gestern, die nun vom Sozialismus nichts mehr wissen will und
statt dessen auf "Entwicklung" vor allem durch den erfolgreichen,
kapitalistischen Nachbarn setzt, bietet sich und ihre einstigen
Verbündeten zur Kolonialisierung an. - Die annektierten Gebiete
werden dem Maßstab des Geldes unterworfen. Was sich nicht als Ge-
schäftsmittel bewährt, verliert sein Existenzrecht. Und das be-
trifft die ganze alte Produktionsweise und die mit ihr gegebene
Reproduktion der Gesellschaft. Unter dem staatlichen Schutz des
Privateigentums blühen dafür die gesellschaftlichen Gegensätze
von Kapital und Lohnarbeit, Grundeigentümer und Mieter, Gläubiger
und Schuldner wieder auf. Unternehmerischer Pioniergeist soll
durch staatlich garantierte, erstklassige Gschäftsbedingungen zum
Investieren im Osten bewegt werden und macht sich überall dort
auch tatsächlich an den "Aufbau", wo sich aus Geld mehr Geld ma-
chen läßt. Wirkungen stellen sich ein, schließlich war es schon
immer etwas teurer, in einer Erfolgsnation zu leben. Verbucht
werden die sozialen Unkosten des Anschlusses unter der Rubrik
"Erblast des alten Unrechtsregimes". So machen sie auch noch
ideologisch enorm viel Sinn.
Und dann kommt die Wissenschaft. Der Erfolg der Nation gibt den
Gelehrten schwer zu denken. Fragt sich nur, was. Sozialwissen-
schaftler und Psychologen, Althistoriker und Philosophen melden
sich zu Wort. Auch wenn ihnen in ihrem Gelehrtenalltag die Befas-
sung mit dem alten Rom, mit Kant und Hegel, mit dem Seelenhaus-
halt des Menschen oder mit den Einfällen der eigenen Wissenschaft
viel näher liegt als die geltenden Zwecksetzungen der politischen
Macht, mag sich keiner mit der Auskunft bescheiden: Das fällt
nicht in mein Fach. Vom unübersehbaren Erfolg der Nation sehen
sie sich alle aufgerufen, sich ihrer anzunehmen. Das fachspezifi-
sche Forschungsinteresse beiseitelassen und sich vorurteilsfrei
an die Erklärung der Sache machen, mag allerdings auch keiner von
ihnen. Ihre Entdeckungen machen sie mittels des "Begriffsinstru-
mentariums", das ihnen je nach Fach und "wissenschaftlichem
Ansatz" zur Verfügung steht. Durch Anwendung auf den Fall
verschaffen sie sich Einblick in das, was sie für die
"eigentlichen" Probleme der Vergrößerung Deutschlands ausgeben;
die seien im nationalen Überschwang glatt untergegangen und
würden in den Reden und den Taten der politischen Macher viel zu-
wenig berücksichtigt.
So legen die studierten Geister auf ihre Weise allemal Zeugnis
davon ab, daß die Bildung einer Theorie etwas mit Distanz zum Ob-
jekt der Betrachtung zu tun hat: Sie haben ihre eigenen Kriterien
und Gesichtspunkte, an denen sie erst noch entscheiden, ob eine
Sache für sie in Ordnung geht. Und im Normalfall kommen sie zu
dem Ergebnis, daß einiges im Argen liegt. Unübersehbar ist aller-
dings auch, daß sich ihre Distanz nicht dem Anliegen verdankt,
wissen zu wollen, was es mit dem neuen Deutschland auf sich hat.
Der Wille zur Verbesserung ist am Werk, wenn die Wissenschaft
ihre Probleme aufwirft, die zur Vervollkommnung der Nation erst
noch gelöst werden müssen. Gedacht wird da allemal im Geist der
Verantwortung für das Gelingen des nationalen Projekts. Die deut-
sche Einheit stellt die Wissenschaft allerdings auch vor Probleme
anderer Art. Nicht daß die bürgerliche Wissenschaft sich nochmal
ändern und etwas dazulernen würde. Ihr Begriffsinstrumentarium
ist fertig und alles, auch wenn es den Charakter von "noch nie
dagewesen" hat, paßt darunter. Aber auf ihre Weise bemerken
selbst ihre Vertreter die neue Lage: Der Geist ist schwer beein-
druckt vom Erfolg deutscher Macht. Er sieht sich in Frage ge-
stellt, wird, je nachdem, selbstkritisch oder kritisch gegen die
Kollegen, schreitet zur Überprüfung seiner theoretischen Grund-
sätze und läßt das Gerücht vom "Paradigmenwechsel" zirkulieren.
Die Vergrößerung des Staatswesens ist zwar kein Argument und an
sich wenig geeignet eine Theorie zu widerlegen oder auch nur in
Zweifel zu ziehen. Aber der bürgerliche Sachverstand nimmt dieses
Faktum wie ein Argument auf, an dem er sich zu orientieren hat.
Und das begründet eine Konjunktur im Denken: Wo das konstruktive
Problematisieren die Triebkraft allen Nachdenkens abgibt, fallen
mit dem Erfolg der Nation eben auch die Gründe zur distanzierten
Betrachtung fort. Fragt sich nur, was dann eigentlich noch Wis-
senschaft heißt.
I. Beispiele für konstruktives Problematisieren
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1. Ein Volkswirtschaftslehrer weiß, wie man
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das deutsche Wirtschaftswachtum ankurbelt
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Der Münchner Ö k o n o m i e p r o f e s s o r Sinn ist bei
seiner Prospektion der ehemaligen DDR auf eine echte Entdeckung
gestoßen, die er in seiner Vorlesung seinem Publikum vorstellt.
Entgegen allen ideologischen Gerüchten, daß im Osten Deutschlands
nur lauter Schrott herumsteht, mußte er feststellen, daß sich in
40 Jahren Sozialismus einiges an brauchbarer Maschinerie und
funktionierenden Produktionsanlagen angesammelt hat, daß aber das
nützliche Zeug nicht mehr zur Anwendung kommt, weil es keinen
Käufer findet, der mit ihm ein Geschäft macht. Der Sache nach ein
Dokument dafür, daß der neue Maßstab des Reichtums, die D-Mark,
seine Wirkung tut: Das schönste Gerät zählt in der Marktwirt-
schaft nichts, wenn es sich nicht als Geschäftsmittel bewährt.
Die Konsequenz dieses Zwecks - weil sich mit ihnen kein Geschäft
machen läßt, werden Produktivkräfte außer Kurs gesetzt stimmt un-
seren Ökonomen sehr bedenklich. Allerdings gerade deswegen, weil
er in all seinen Gedanken Parteigänger dieses Zwecks ist: Er hat
das staatliche Ideal im Auge, alle Produktivkräfte müßten als Po-
tenzen eines regen Geschäftslebens ihre Wirkung tun und das Wirt-
schaftswachstum befördern. Und an diesem Ideal gemessen sieht er
in der ehemaligen DDR "einen riesigen Kapitalstock" brachliegen.
Daß Produktionsanlagen, weil für die Herstellung nützlicher Dinge
brauchbar, auch schon Kapital sind, kann er unmöglich bei seiner
Prospektion gelernt haben. Die Kapitalisten, deren Beruf es
schließlich ist, noch jedes Geschäft mitzunehmen, das sich machen
läßt, stellen mit ihrer Zurückhaltung beim Investieren ja gerade
praktisch das Gegenteil klar. Unser Volkswirt ist allerdings von
der Aussicht auf eine florierende Ökonomie so begeistert, daß er
ziemlich kontrafaktisch auf dem umgekehrten Zusammenhang besteht:
daß nützliches Zeug auch einen Wert hat, also potentielles Mittel
des Geschäfts ist, und sich nur mehr ein Geschäftsinteresse fin-
den lassen muß, damit aus der Geschäftsmöglichkeit Wirklichkeit
wird. Seine Frage lautet damit: warum die Geschäftsmöglichkeiten,
die er im Osten der Republik ausgemacht haben will, nicht wahrge-
nommen werden von einer Mannschaft, die gewöhnlich nichts anbren-
nen läßt, wenn es um die Mehrung ihres Reichtums geht.
Für dieses merkwürdige Benehmen von Unternehmern ist seiner Auf-
fassung nach die Bundesregierung mit ihrer Treuhandgesellschaft
verantwortlich, die mangels ökonomischen Sachverstands völlig
verkehrt mit dem Erbe der DDR-Ökonomie umgeht:
"Um den ganzen Kapitalstock zu verkaufen, dazu fehlen den Käufern
einfach die Mittel. Es sind insgesamt 40000 Betriebe, die zum
Verkauf stehen! Denken Sie allein an die Grundstücke!" (I)
Hätte man nur ihn gefragt! Er hätte der Regierung mit dem Instru-
mentarium seiner Wissenschaft vorrechnen können, daß das nicht
gutgehen kann! So bildet er ideell schnell mal die gesamtwirt-
schaftlichen Geld- und Güterhaufen und schon ist festgestellt,
daß der Vergleich nicht aufgeht. Zur Gewinnung dieses Resultats
mußte er nur auf der einen Seite vergessen, daß der Kredit der
Hebel dafür ist, daß wegen fehlendem Geld noch lange kein Ge-
schäft unterbleibt, und auf der anderen Seite den Betrieben so
etwas wie einen objektiven Wert unterstellen, den sie nur nicht
realisieren - ein besonderer Spaß für einen Vertreter der
"subjektiven Wertlehre"! Den Einfall, die DDR-Ökonomie zu verkau-
fen, hält er also für einen Fehlgriff der Treuhand AG, und der
hat weitreichende Konsequenzen. So kriegt sie keinen vernünftigen
Verkauf zustande, sondern muß zum "Ausverkauf an die westdeutsche
Industrie" schreiten, die Preise senken und schließlich zu der
Einsicht gelangen:
"Eine ganze Ökonomie kann man doch gar nicht verkaufen, man kann
sie nur verschenken." (I)
Und dabei hat sie schon wieder danebengelangt:
"Bei der Wahl, ob sie die DDR-Betriebe an die westdeutsche Indu-
strie oder an die Bürger der ehemaligen DDR verschenken sollte,
hat sich die Bundesregierung damit durchgesetzt, sie an die Indu-
strie zu verschenken. Das war nicht gut für die Investitionen."
(I)
Wenn die Betriebe "an die Industrie" verschleudert werden, weiß
Sinn zu berichten, haben zwar die Kapitalisten die Betriebe - und
wer soll sie sonst sachkundig führen als westdeutsche Wirt-
schaftskapitäne? Und sie haben sie, ob geschenkt oder nicht, nach
Auffassung des Ökonomen jedenfalls billig bekommen, also ohne Be-
lastung ihres schmalen Budgets. Aber gerade das ist auch wieder
ganz schlecht. Sie investieren jetzt nämlich deswegen nichts in
die Betriebe, weil sie nicht wissen, ob es das geschenkte Zeug
wert ist, etwas reinzustecken. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte
der Ökonomieprofessor freilich schon einen Ausweg gewußt aus sei-
nem Dilemma:
"Man hätte Unternehmensteile, d.h. den ehemaligen DDR-Bürgern zu-
teilen sollen, oder ihnen die Möglichkeit einräumen sollen, mit
ihren eingetauschten Sparguthaben Aktien der Betriebe zu kaufen.
Die Aktien hätte man dann an den Börsen handelbar machen sollen.
Man muß die Märkte angehen, wo sich Unternehmen verkaufen lassen.
Dort hätten sie einen Marktpreis bekommen. So gibt es z.B. in Ja-
pan sicherlich Anleger, die in ihrem Portfolio noch eine Nische
für die Junk-Bonds aus der DDR einräumen würden..." (I)
Alles steht auf dem Kopf: Ausgerechnet die Börsenspekulation
fällt unserem Ökonomen ein als Hebel, nützliche Produktionsanla-
gen in Gang zu setzen. Realismus bei der Bewältigung seines Pro-
blems kann man ihm allerdings nicht absprechen: Seine ganzen
Überlegungen verdanken sich der Sorge um die ausbleibende Ge-
schäftstätigkeit im neuen Teil Deutschlands. Die mag er sich
nicht erklären, sondern er will sie als Ratgeber der Bundesregie-
rung befördern und sinnt deswegen nach Methoden, sie in Gang zu
setzen. Dabei geht er sehr realistisch davon aus, daß in diesem
Land nichts läuft, wenn es nicht ein Geschäftsinteresse bedient.
Dem praktischen Urteil der konkurrierenden Kapitalisten, die
seine Wertschätzung der ostdeutschen Betriebe nicht teilen, ent-
nimmt er daher seinen Auftrag: ideell ein Geschäftsinteresse zu
mobilisieren, das aus den ungenutzten Betrieben etwas fürs deut-
sche Wirtschaftswachstum macht. Und so gelangt er zu seinem gran-
diosen Einfall: Die Spekulation auf ein Geschäft, das es nicht
gibt, soll das Geschäft hervorbringen, auf dem sie beruht.
2. Die deutsche Einheit als soziologisches Großexperiment
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mit unbekanntem Ausgang
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Sozialwissenschaftler treffen sich zu einem "Expertengespräch",
um die Frage zu klären: "Wie transformiert sich das DDR-System?"
Die Experten sehen in der Annexion der DDR ein "soziales Großex-
periment" vor sich, einen "Prozeß", der von unbekannten Voraus-
setzungen ausgeht - "Die DDR ist ein unbekanntes Sozialsystem."
Das hat übrigens Sozialwissenschaftler bislang nicht am Hetzen
gegen den Realen Sozialismus gehindert. Jetzt aber stellen sie
sich total dumm und wissen überhaupt nicht mehr, zu welchen Re-
sultaten der Prozeß noch führen wird:
"Wir haben eine einzigartige experimentelle Situation, in der ge-
wissermaßen das gesamte Institutionen- und Rechtssystem schlagar-
tig ausgetauscht wird und die Mentalitäten und die subjektiven
Befindlichkeiten weiterbestehen." (II)
Die Runde unterhält sich also darüber, was passieren wird, wenn
ein bislang realsozialistisch regiertes Volk, das im Arbeiter-
und Bauernstaat seine Gewohnheiten ausgebildet hat, mit völlig
neuen staatlichen Vorgaben konfrontiert wird. Diesen Gegensatz
mag es geben, und er mag auch seine Wirkungen haben. Nur: Etwas
eigentümlich ist es schon, wenn eine Wissenschaft den Witz des
Anschlusses ausgerechnet in solchen "nicht-intendierten Nebenfol-
gen" sieht. Warum sollen "gravierende, nicht-beabsichtigte und
kaum steuerbare Folge- und Nebenwirkungen" eigentlich wichtiger
sein als die intendierten Folgen bundesdeutscher Politik? Weil
diese Wissenschaft die Hauptsache für praktisch und deswegen auch
für theoretisch erledigt hält. Den politischen Zweck der Veran-
staltung und die von Staats wegen entsprechend gesetzten Fakten
unterstellt sie als nicht weiter erklärenswerten Ausgangspunkt
ihrer Überlegungen und ihre Aufgabe sieht sie darin zu er-
forschen, ob im Verhältnis zwischen den neuen staatlichen Ansprü-
chen und den in der Gesellschaft zirkulierenden Erwartungen nicht
womöglich eine Quelle von Störungen steckt. Ihr Experiment hat,
rein wissenschaftlich betrachtet, ein paar entscheidende Haken.
Interessiert an der Klärung der Frage, ob das Verhältnis zwischen
den neuen staatlichen Institutionen und dem Volk, das sich nach
ihnen in Zukunft richten muß, gelingt, weigern sich die Experten
standhaft, die beiden Seiten dieses Verhältnisses zu untersuchen
und zu bestimmen. Sie wollen weder Auskunft geben über das
"Institutionen- und Rechtssystem", mit dem es die EX-DDRler zu
tun kriegen, noch über die "Mentalitäten" und "Befindlichkeiten"
der neuen Bundesbürger. Daß sich dann, recht besehen, auch nichts
mehr über das Verhältnis der beiden Seiten sagen läßt, stört die
sozialwissenschaftlichen Forscher allerdings wenig. Für sie er-
setzt ihr Interesse am Gelingen des Verhältnisses den Gegenstand.
Und aus diesem Widerspruch leiten sie ihre Aussagen über die bei-
den Seiten des Verhältnisses ab.
So stellt sich ihnen auf der einen Seite die Frage: Können
"grundlegend veränderte Institutionen noch Sicherheit und Ver-
trauen" stiften? Der Export von Institutionen in die neuen Bun-
desländer als großangelegter Versuch, Vertrauen in diese Institu-
tionen zu stiften? Gerne hätte man etwas mehr darüber erfahren,
in was da Vertrauen gestiftet wird. Arbeitsämter und Steuerbehör-
den werden schließlich nicht den ganzen Tag mit Vertrauenswerbung
beschäftigt sein. Aber für die Soziologen ist die Bestimmung
schon rum, weil ihnen das Ideal der Entsprechung die Feder führt
und den ganzen Inhalt ihres Gedankens diktiert. Auf der anderen
Seite erschöpft sich ihre Forschertätigkeit aus demselben Grund
in einer regen Spekulation darüber, welche Einstellungen zu den
Institutionen die neuen Bundesbürger an den Tag legen mögen:
"Ich hatte zunächst gedacht, daß wir vielleicht mit einer Welle
des Nationalismus rechnen müßten... Weit mehr werden sich Apathie
und Zynismus ausbreiten... In einer Gesellschaft, die bisher fast
ausschließlich aus Leuten bestand, die sich selbst als
"Werktätige" bezeichneten, ist es ganz ungewiß, ob diese reflexi-
ven oder assoziativen Klumpen und Gruppenbildungen innerhalb der
Gesellschaft Bestand haben, und wenn ja, entlang welcher Linien:
Werden es Klassen sein, werden es Berufsstände sein, werden es
Regionen sein, werden es Geschlechts- und Altersgruppen sein oder
Professionen? Die ganze Matrixbildung in der ehemaligen DDR ist
ungewiß.... Eine Art Interaktions- und Verständigungspathologie
könnte sich ausbreiten... (Vielleicht kommt es auch) zu einem im
landläufigen Sinne "postmodernen" Egoismus, zu einem Naturzu-
stand, in dem sich jeder nur daranmacht, seinen Teil vom Kuchen
zu bekommen, oder eben auch zu dem anderen Extrem eines neuen
Fundamentalismus." (II)
Eine Auskunft über die subjektive Einstellung der Ostdeutschen zu
den neuen Lebensverhältnissen, die ihnen der bundesdeutsche Staat
beschert, wie sie sich die Ansprüche der neuen Herrschaft zu-
rechtlegen und wie sie sich praktisch dazu stellen, ist das je-
denfalls auch nicht es sind ja erklärtermaßen nur Spekulationen.
Die Stichworte künden vielmehr von der Sorge um das Gemeinwesen,
dessen Funktionieren durch eine ihm nicht entsprechende Einstel-
lung seiner Mitglieder in Frage gestellt werden könnte. "Welle
des Nationalismus": Wo in der süßen Bundesrepublik alles Natio-
nale gerade aus einer Distanz zum -ismus gerechtfertigt wird!
Apathie und Zynismus": Wo die Nation gerade eine Gesinnung der
geistigen Anteilnahme an ihren Anliegen verlangt! "Klassen": Wo
sich die Klassen im real existierenden Kapitalismus gerade als
Schichten und Gruppen verstehen sollen! "Egoismus" und
"Fundamentalismus" statt gedeihliches pluralistisches Miteinan-
der. In all diesen Punkten beschwört die Soziologenrunde die ihr
einzig angemessen erscheinende Einstellung zum bundesdeutschen
Staatswesen: G e m e i n s i n n. Bei dieser Beschwörung ver-
zichtet sie konsequent auf jede Begründung dafür, warum man sich
eigentlich für diesen Staat erwärmen soll. Statt dessen wird sie
totalitär: Ein "Gemeinwesen", das seinen Bestand nicht von der
Gesinnung seiner Mitglieder abhängig macht, sondern in einem
veritablen "Institutionen- und Rechtssystem" umgekehrt die
Untertanen auf die Anliegen ihrer Herrschaft verpflichtet, wird
da recht absichtsvoll ins Licht einer dräuenden Gefahr gerückt.
Die versuchen die "Experten" gar nicht erst mit Hinweisen auf die
wirkliche Gesinnungslage der Nation zu belegen. Mögliche
Abweichungen von ihrem Entsprechungsideal tun viel bessere
Dienste bei der Ausmalung ihres Wahngemäldes, mit dem sie für
jedermann sichtbar ihre Botschaft loswerden: Wer nicht wie sie
das Funktionieren des Gemeinwesens im Auge hat, darf sich als
Krankheitsherd am Volkskörper neu kennenlernen - "Interaktions-
und Verständigungspathologie".
Das Problem ist nur, daß sich die Sozialmedizinmänner noch nicht
so recht auskennen. Die Frage "Sind wir eigentlich darauf vorbe-
reitet, solche Dinge aufzuarbeiten?" kommt daher auf und wird von
den "Experten" negativ beschieden:
"Nach den ganzen Forschungsproblemen, die wir während der ersten
Runde genannt haben, sehe ich in der zusammengefaßten Kompetenz
der West- und Ostsoziologie überhaupt keine Manpower in dem Ge-
samtsystem zur Verfügung, um unter den Geboten der Eiligkeit,
Dringlichkeit, Einmaligkeit der Prozesse, die ablaufen, überhaupt
nur zu beschreiben, geschweige denn sie zu analysieren. Also,
wenn wir alles das, was uns in den Sinn kommt unter diesen Son-
derbedingungen, diese für makrosoziologische Verhältnisse einzig-
artig experimentelle Situation auch nur angemessen beschreiben
würden, dann müßten wir alles einstellen und uns nur noch mit der
DDR beschäftigen. Das ist ungeheuer zeitraubend und anstren-
gend... Für die Politikberatung sind wir ohnedies immer zu spät."
(II)
Ein Problem der deutschen Einheit, und sicher nicht das gering-
ste, das bei allen Spekulationen über mögliche Probleme jetzt
schon feststeht, ist daher ein ziemlich faßbares: Die gelehrten
Herren brauchen mehr Forschungsmittel. Ihr Beruf, das Denken, ist
nämlich ziemlich "zeitraubend und anstrengend".
3. Die deutsche Einheit als Psychotest: Deformierte Charaktere
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werden ohne Therapie in eine verkorkste Umwelt entlassen
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Ein Psychologe sieht die Sache anders. Die Vergrößerung Deutsch-
lands bietet ihm die Gelegenheit, die Methode psychologischen
Denkens zu erläutern. Der Mann heißt Hans-Joachim Maaz, stammt
aus der DDR und ist mit dem Buch "Der Gefühlsstau - ein Psycho-
gramm der DDR" an die Öffentlichkeit getreten. Den Anschluß der
DDR sieht er im Lichte einer "deutschen Autoritätsproblematik",
die das Schicksal der deutschen Nation quer durch das Jahrhun-
dert, durch Faschismus und Realen Sozialismus geprägt habe und
deren Aufarbeitung er für dringend geboten hält, damit sich ihr
Wirken nicht auch noch ins neue Gesamtdeutschland hinein fort-
setze. Sichtlich bemüht, den "Vereinigungsprozeß" mit den ihm zur
Verfügung stehenden Mitteln zu erklären, sieht auch er sich genö-
tigt, von einer Analyse deutscher Politik abzusehen:
"Wir brauchen ein umfassendes Verständnis für die deutsche Auto-
ritätsproblematik... In Deutschland hat es verheerende kollektive
Kränkungen gegeben: Der Verlust des Kaiserreiches, der verlorene
erste Weltkrieg und die Versailler Verträge ließen nach dem neuen
starken Mann rufen, der für alle Demütigungen entschädigen
sollte... Hitler... Diese Teilung war aus psychologischer Sicht
von Anfang an die große Chance der Verdrängung. Die vereinte
Schuld wurde in zwei Lager geteilt - die Polarisierung war herge-
stellt -, und ohne Trauerarbeit hatte der Gefühlsstau seine Ab-
lenkung. Die Innenschau war erfolgreich verhindert, und die alten
Mechanismen von Verleugnung und Projektion bekamen neue Möglich-
keiten und Ziele. Der Jude als gemeinsamer Feind konnte zumindest
formal aufgegeben werden - die neuen Außenfeinde hießen jetzt:
die Bolschewisten und die Kommunisten auf der einen Seite, Mili-
taristen, die Revanchisten und Nazis auf der anderen Seite."
(III)
Aus der Sicht des zitierten kritischen Psychologen ist die deut-
sche Geschichte ein Prozeß, in dem "repressive" Verhältnisse
"deformierte Charaktere" hervorgebracht haben und umgekehrt die
so verkorksten Menschen nur mehr umso verkorkstere Verhältnisse
zustandebringen: Der "Verlust des Kaiserreichs" = eine
"kollektive Kränkung", die nach Hitler rufen läßt. Diese psycho-
logische Befindlichkeit des Volks = der Hitler-Faschismus. Der
wiederum = Schuldgefühl. Dessen Bewältigung = die Teilung
Deutschlands. Bis hin zum "Vereinigungsprozeß", der als
"psychischer Abwehrvorgang" gedeutet die Rolle zugesprochen be-
kommt, in der DDR und der BRD gleichermaßen nicht bewältigte see-
lische "Deformationen" zu kompensieren. Was hier als Erklärung
angeboten wird, ist das Gegenteil davon. Die herbeizitierte poli-
tische Wirklichkeit wird aufgelöst in ein nationales Innenleben
und dieses wiederum wird aufgelöst in den bloßen Ausdruck eines
politischen Außenlebens. Exemplarisch an der DDR, für die einer-
seits "die Verwandlung des äußeren Zwangs in innere Unterdrüc-
kung" kennzeichnend gewesen sein soll, von der aber andererseits
behauptet wird: "Dieser Staat war auch ein Abbild unserer psychi-
schen Strukturen und setzte etwas äußerlich ins Bild, was wir in
unserem Inneren nicht sehen und wahrhaben wollten". Durch die
wechselseitige Auflösung von Politik in Psychologie und von na-
tionaler Psychologie in Politik wird man von Pontius zu Pilatus
geschickt, aber dabei bleiben beide Seiten gerade unbestimmt.
Dabei macht der Mann an der Volkspsychologie durchaus korrekte
Beobachtungen: Bei Mißerfolgen ihrer Nation rufen deren Angehö-
rige nach einem Hitler. Nur versteht sich das eben nicht von
selbst, wie der Psychologe meint, wenn er hier einen
"psychologischen M e c h a n i s m u s der Selbstversklavung
und Selbstzerstörung" am Wirken sieht. Es ist kein Gesetz der
menschlichen Psyche, den Mißerfolg der Nation als persönliche
Kränkung oder einen verlorenen Krieg als persönlich zu verant-
wortende Schuld zu erfahren. Das unterstellt vielmehr ein natio-
nalistisches Gemüt, das den Fehlschluß hinter sich gebracht hat,
als Anhängsel seiner Nation auch schon der Nutznießer des Erfolgs
seiner Nation zu sein, und das sich deswegen zum ideellen Auf-
traggeber der Nation aufschwingt. Der Psychologe, dem die natio-
nalistischen Gefühlsregungen seiner Zeitgenossen sichtlich unsym-
pathisch sind, der ihren Fehler aber nicht kritisieren mag,
bringt mit ihrer Übersetzung in die mechanische Wirkung der Kon-
junkturen deutscher Politik nur eines zum Ausdruck: wie verständ-
lich ihm der falsche Schluß ist, den selbstbewußte Untertanen ei-
ner Nation ziehen.
Wie schon die Soziologenrunde verwechselt auch er zielsicher die
nationale Politik mit der Einstellung der Leute zu ihr: Die Kate-
gorie der "Repression" gehört zu den Produkten dieser Verwechs-
lung: Was unser Psychologe mit dieser Kategorie angesprochen ha-
ben will, ist mindestens auch - die nationale Politik. Aber die
staatlichen Zielsetzungen, die sie bestimmen, interessieren ihn
überhaupt nicht, weil er sie lieber als Wirkung auf das Seelenle-
ben definiert sehen möchte. Daß dann auch die Umkehrung gelten
muß, und ganze Staatsprogramme nichts als der Ausfluß von Schuld-
gefühlen und so Seelenkram sein sollen, ist irgendwie konsequent:
Wenn die theoretische Befassung mit dem Staat und dem, was er ins
Werk setzt, für die Sozialwissenschaften mit der Frage erledigt
ist, wie sich die Bürger darauf einstellen (sollen), wieso soll
sich die Psychologie dann überhaupt noch mit etwas Objektivem be-
fassen?
Dem Psychologen ist alles Psychologie. Er thematisiert Einstel-
lungen, ohne das, worauf sie sich beziehen; und auch wenn er
letzteres benennt - irgendwie soll es ja bei Maaz auch um die
deutsche Einheit gehen -, so nur, um klarzustellen, daß es sich
dabei schon wieder um nichts als eine Einstellungsfrage handelt.
Und zwar nicht zur Politik, sondern des Individuums zu sich sel-
ber. In der Welt dieser Wissenschaft gibt es nur eine Frage: Wie
der Mensch mit sich und seinem Seelenhaushalt zurechtkommt. The-
rapie der "deformierten Charaktere" ist also angesagt als Lebens-
hilfe im neuen Deutschland. Wenn Maaz in diesem Sinne mit seinem
Buch für die richtige Beunruhigung der Leute plädiert, ihre
"Ängste" und "gestauten Gefühle" mobilisieren will gegen die
"Repression" in uns und um uns herum, so kommt die Nation in sei-
nem Beitrag zum nationalen Großereignis entweder nicht vor oder
schlecht weg. Dennoch lehrt er, wie man ein positives Verhältnis
zu ihr gewinnt. Nicht weil er als Staatsapologet affirmativ
denkt, sondern weil er aus Prinzip affirmativ denkt: Wer alles
als Frage der richtigen Einstellung verhandelt, der verfolgt das
Ideal, den Menschen zufriedenzustellen, indem er jedem Grund zur
Unzufriedenheit die Objektivität abspricht und dem Subjekt den
Auftrag erteilt, die Sache anders zu sehen, sich überhaupt nicht
mehr um die Politik zu kümmern und mit sich ins Reine zu kommen.
4. Sorgen um die geistige Einheit der Nation: Durch den Anschluß
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des DDR-Volks gefährdet
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Die H i s t o r i k e r, von Berufs wegen mit der Frage befaßt,
wie sich der n a t i o n a l e Geist eine ihm gemäße staatliche
Wirklichkeit gibt, sind mit die ersten gewesen, die mit einer re-
gen Debatte über den jüngsten Erfolg der Nation an die Öffent-
lichkeit getreten sind. Eine Zunft, die seit dem verlorenen Krieg
den nun verwirklichten Anspruch der Bundesrepublik, sich nach
Osten hin zu vergrößern, aus der angeblich schon Jahrhunderte
währenden nationalen Zusammengehörigkeit der Deutschen gerecht-
fertigt hat, sieht nach läppischen 40-Jahren Teilung, justament
in der glücklichen Stunde der "Wiedervereinigung", die geistige
Einheit der Nation abhanden gekommen. Aber nicht, um nun mit dem-
selben Argument von der Vergrößerung der Nation abzuraten, son-
dern um sie durch Pflege des rechten Nationalbewußtseins zu ver-
vollkommnen. Sie definiert die staatliche Einigung als Volksbe-
gegnungsstätte und entdeckt Probleme:
"Wir begegnen uns einstweilen noch (und wieder) deutlich weniger
als Angehörige der gleichen Nation denn als DDR-Deutsche und sol-
che aus der Bundesrepublik." (IV)
"Sollten die Deutschen zunehmend von der Frage beschlichen wer-
den, ob sie wirklich zusammengehören, ob der Wunsch nach einem
gemeinsamen Staat nicht voreilig war, so würde dadurch der Prozeß
der Bildung dieses Staates vermutlich nicht aufgehalten - aber er
kann erheblich erschwert und gestört werden." (IV)
Der zitierte Historiker, Christian Meier vom Institut für Alte
Geschichte in München, spricht von vornherein als Deutscher. Wenn
er die Einstellung seiner Volksgenossen zum Problem erklärt, dann
nicht wie die Soziologenrunde aus der fingierten Sorge um das
Funktionieren des "gemeinsamen Staats" heraus. Er besteht auf dem
Recht der Nation auf eine deutsch gestimmte Nationalmannschaft.
Und ohne die Verwirklichung dieses Rechts hält er die Nation
nicht für vollendet. Bei seinem Publikum, das er im nationalen
"Wir" anspricht, unterstellt er denselben Standpunkt. Wo also ist
sein Problem, wenn er davon ausgeht, daß jeder so deutsch denkt
wie er? Wie jeder, der sich um die geistige Einheit der Nation
verdient machen möchte, beruft er sich auf sie, um aus diesem eh-
renwerten Kreis erstens diejenigen Kandidaten
a u s z u s c h l i e ß e n, die seiner Definition des rechten
Nationalbewußtseins nicht entsprechen, und um ihnen zweitens die
Verantwortung für das Resultat der eigenen Spaltungskünste zuzu-
schustern: Sie sind das Problem, das die Lage der Nation
"außerordentlich ungünstig" gestaltet. Im Auge hat Meier da ins-
besondere die Deutschen Marke Ost. Er denkt die Erblast-Lüge ra-
dikal zuende und wirft die Frage auf, ob Deutschland mit der An-
nexion der DDR nicht ein ganzes Volk von unsicheren Kandidaten
mit einer spiegelbildlichen und deswegen nicht ganz passenden Ge-
sinnung geerbt hat. Sein Ausgangspunkt ist der offensichtlich
wissenschaftlich verbürgte Standpunkt, daß es an Deutschland ein-
fach nichts auszusetzen gibt:
"Wahrscheinlich ist die gesamte Geschichte der Bundesrepublik für
die DDR-Gesellschaft demütigend gewesen. Sowohl aufgrund des An-
sehens, der Überlegenheit, die wir erwarben, wie auch aufgrund
der vielen milden Gaben. Nichts ist dagegen einzuwenden, kaum et-
was hätten wir anders machen können. Aber wer beschenkt wird, wem
Mitleid gilt, der gerät doch fast unvermeidlich in die Lage armer
Verwandter." (IV)
"Wir" - da ist diesmal die Bundesrepublik gemeint - sind die un-
erschütterlich guten Deutschen, die sich einfach nicht verbessern
lassen und an ihrer Güte die anderen Deutschen aus der ehemaligen
DDR schon immer haben teilhaben lassen. Was soll daran für die
demütigend gewesen sein: Meier übersetzt sich den Erfolg der BRD
in ein Gütesiegel derjenigen, deren Erfolg das zwar nicht ist,
die aber als Untertanen der erfolgreichen Nation angehören. So
denkt er sich den BRDler als Angehörigen einer überlegenen Rasse
zurecht, gegen die andere nur abstinken können. Von den Zonis
steht damit für ihn umgekehrt fest, daß sie als Angehörige eines
untergegangenen Staatswesens Niederlagen-Menschen sind, die, da-
von ist er sich sicher, sein Urteil über sie an sich wahrmachen
und vor Scham in den Boden versinken möchten. Und von da aus
zeichnet er sein moralisches Charaktergemälde des Zonenbewohners.
Sie sind Deutsche zweiter Klasse und denken auch noch so:
"Man sieht seine Landsleute aus dem Westen im Osten auftreten.
Man schreckt zusammen. Zum Teil sind sie wirklich laut, besitzer-
greifend, erdrückend, taktlos. Aber oft ist das gar nicht der
Fall. Doch wirkt es so, weil schon das freiere, ungezwungenere
Auftreten als laut, weil schon gute Ratschläge als erdrückend,
weil selbst Menschen von Takt, indem sie die ganze Empfindlich-
keit, auf die sie stoßen, nicht kennen, als taktlos aufgenommen
werden... Aber auch umgekehrt: Man sucht seine Gesprächspartner
aus dem Osten nach dem und jenem zu fragen, sucht ihnen dies und
jenes plausibel zu machen. Und man kommt nicht richtig an sie
heran. Was immer sie sagen, allzu oft schweigen sie. Und dann
hält man sie gern für verstockt. Und wenn sie reden, ist man
recht mißtrauisch, ob sie es so wohl auch meinen. Gar nicht so
selten lügen sie ja auch... Ist man rücksichtsvoll, passiert
nichts, und wir wissen doch, wie sehr die Zeit drängt. Sucht man
die Dinge zu beschleunigen, läuft man Gefahr, erdrückend zu wir-
ken. Sucht man zu orientieren, sieht man sich rasch in der Rolle
des Belehrenden. Hält man sich mit Investitionen zurück, hat man
wenig Verantwortungsgefühl. Wagt man sie, will es rasch als Ein-
mischung erscheinen. Und es muß einem zunächst einmal durchaus
unheimlich zumute sein, wenn man merkt, in welchem Ausmaß man
sich hat belügen und betrügen lassen; was alles geschehen konnte,
ohne daß man es gewahr geworden wäre... Eine ganze Bevölkerung
kann ja nicht über mehr als vier Jahrzehnte nur negativ zu einem
so weitgehend alles in Anspruch nehmenden Regime stehen. Schließ-
lich handelt es sich nicht um Neapolitaner und auch nicht um
Tschechen, Polen oder Ungarn, sondern um Deutsche... So müssen
irgendwelche Weisen der mentalen Verknüpfung mit dem Staat, und
sei es mit seiner Idee, seinen Verheißungen weithin, bei allen
Reserven, stattgefunden haben... Das hat offenbar eine gewisse
DDR-Identität entstehen lassen, wie immer sie geartet war; beson-
ders belastet war sie ja jedenfalls nicht." (IV)
Ein Kunstwerk nationalistischer Heuchelei: Meier hat ganz viel
Verständnis dafür, daß die Zonis uns "erdrückend" finden. Aber
nur um ihnen mitzuteilen, daß das an ihrer eigenen Empfindlich-
keit liegt. Es sind verschrobene Typen, die sich "verstockt" zei-
gen, wenn man ihnen Gutes tun will. Was das so im einzelnen ist -
von Investitionen ist am Rande die Rede -, ist gar nicht so wich-
tig. Feststeht jedenfalls, daß diese Burschen versaut sind,
durchs falsche System. Sie lügen sogar, wenn wir ihnen gegenüber
ehrlich und offen unsere Ansprüche anmelden. Lauter falsche Fuff-
ziger, die dem falschen Staat gehorcht haben, statt ihm Schwie-
rigkeiten zu machen. Und obendrein auch noch Deutsche: Die sind
ja bekanntermaßen besonders gewissenhaft in ihrem Gehorsam. Was
er an den einen Deutschen als Tugend der Unterordnung und als
ausgezeichnete Eigenschaft dieser Sorte Mensch lobt, das kenn-
zeichnet für ihn die anderen Deutschen eindeutig als geschädigte
Charaktere. Man kann als Deutscher West machen, was man will -
man fällt ihnen auf die Nerven. Sie wären nämlich zur Zufrieden-
heit verpflichtet, wenn wir sie schon mit unserem System und un-
serem Nationalismus beglücken. In seinem rassistischen Urteil ar-
gumentiert Meier sehr unbefangen mit der moralischen Wirkung des
nationalen Erfolgs bzw. Mißerfolgs, ohne diese Grundlage seiner
Menschenkenntnis zu benennen. Und diese Wirkung berechtigt ihn
eindeutig, die gesamte Bevölkerung der DDR schon mal ideell den
bundesrepublikanischen Behörden für Gesinnungsprüfung zu überant-
worten.
5. Unbegründete Warnungen vor der Großmacht Deutschland
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Kritische Gemüter haben einmal das Argument aufgebracht: Groß-
deutschland böse; Deutschland gut, wenn klein und putzig. Auch
wenn der Einwand nicht sehr gelungen war sonderlich einleuchtend
ist es nicht, ein kleines Deutschland gemütlich zu finden, wenn
das gerade mit seiner Rolle als "politischer Zwerg" sichtlich un-
zufrieden ist und auf Veränderung dringt -, gemeint war das Argu-
ment allemal als Einwand gegen die (Wieder-)Herstellung deutscher
Machtvollkommenheit. - Anläßlich der erfolgten Vergrößerung
Deutschlands nimmt der Historiker J ä c k e l in einem Zei-
tungsartikel bezug auf dieses Argument. Er zitiert eine Schrift
aus dem Jahre 1816, in der es um ein "System des Gleichgewichts"
zwischen den Staaten Europas geht, das ihnen wechselseitige Frei-
heit und Unabhängigkeit ermöglichte und in dem es immer dann,
wenn ein Staat zum "Centralstaat" avancierte und nach Vormacht
strebte, "gefährlich" wurde und zum Krieg kam. Die Botschaft ist
klar: Skepsis gegen große Mächte ist immer geboten. Und mit der
wendet er sich dem neuen Großdeutschland zu:
"Immerhin ist die Gefährdung des Gleichgewichts in Europa und da-
mit seiner Freiheit durch den jeweils stärksten Staat (man kann
auch das Spanien des 16. Jahrhunderts einbeziehen) eine zu alte
und stabile Erfahrung, als daß man sie ohne weiteres in den Wind
schlagen dürfte... Vorkehrungen gegen die Versuchungen einer
Großmacht zu treffen, das wird die Leitlinie unserer Antworten
sein müssen. Es wäre leichtfertig, uns und anderen zu versichern,
wir hätten aus der Geschichte gelernt. Wenn Völker aus der Ge-
schichte lernen könnten, lebten sie seit langem im Paradies." (V)
Will Jäckel also das neue Großdeutschland zur Gefahr für den Rest
der Staatenwelt erklären: Die Ergebnisse seiner Wissenschaft, die
er anführt - "alte und stabile Erfahrungen" -, sprechen jeden-
falls dafür. Ebenso wie die für einen Historiker wirklich bemer-
kenswerte Einsicht, daß aus der Geschichte noch kein Schwein ge-
lernt hat. Was dann kommt, ist allerdings eine etwas eigenartige
Form von Skepsis: "Angst vor der eigenen Stärke zu haben muß eine
Leitlinie deutscher Politik sein. Das vereinigte Deutschland kann
ein Risiko für das europäische Gleichgewicht werden, nicht morgen
oder übermorgen, vielleicht nie. Aber Risiken beugt man vernünf-
tigerweise auch dann vor, wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist,
daß sie eintreten." (V)
Zunächst einmal will der Mann die Gefahr angemessen einordnen.
Die Großmacht ist nicht irgendeine, sondern die "eigene" Nation.
Und bei der leuchtet es ihm ein, daß Skepsis gegen sie für ihre
guten Absichten bürgt - also gegen Skepsis spricht. Das" Risiko"
ist damit von der Tagesordnung ins Reich der ziemlich unwahr-
scheinlichen Möglichkeiten verbannt. Aber Jäckel ist gewissen-
haft. Selbst gegen das unwahrscheinlichste Risiko, das von deut-
schem Boden ausgehen könnte, will er noch "Vorkehrungen" getrof-
fen sehen. Was schlägt er vor? "Soviel Föderalismus wie mög-
lich... jede überflüssige Machtkonzentration vermeiden... deswe-
gen sollte Bonn Regierungssitz bleiben... Es geht darum Bedingun-
gen zu schaffen, unter denen spätere Generationen möglichst wenig
Unfug anstellen können." (V)
Soviel B u n d e s republik wie möglich, mit nur soviel Macht,
wie die Bundes r e p u b l i k unbedingt braucht. Und damit holt
er zu seinem letzten Schlag gegen den Mißbrauch von Macht aus:
"Regierungssitz Bonn". Ein S y m b o l des kleinen Deutschland
soll endgültig dafür bürgen, daß die w i r k l i c h e n Fähig-
keiten des neuen Großdeutschland harmlos sind. Der besorgte Zeit-
genosse, der nichts "in den Wind geschlagen" sehen und gegen
"Leichtfertigkeit" im Umgang mit der Macht zu Felde ziehen will,
liefert im Tonfall der Skepsis eine einzige Beschwichtigung ab.
Er bezieht sich auf die alte Problematisierungstour, daß Groß-
mächten immer mit Vorsicht zu begegnen ist, um klarzustellen, wie
diese Tour im Licht der neuen deutschen Größe zu interpretieren
ist: als Auftrag, den die neue Nation sich selbst zu Herzen neh-
men soll. Die Warnungen von gestern vor einem Großdeutschland
sind die Mission des Großdeutschland von heute.
*
Fünf Beispiele bürgerlicher Wissenschaft. Daß diese Wissenschaft
affirmative Staatswissenschaft ist, liegt an den Gesichtspunkten,
die ihre Denkweisen definieren, und nicht erst daran, daß sie
diese im aktuellen Fall auf die Nation anwendet. Wäre das Ok-
toberfest der Anwendungsfall, würde sie darin einen Beitrag zum
wirtschaftlichen Gesamtkreislauf sehen oder vermissen, eine Mög-
lichkeit, die gesellschaftliche Bindung zu pflegen, den Alltags-
frust zu kompensieren, eine Tradition zu bewahren usf. - also
auch nichts anderes abliefern als lauter Orientierungsangebote an
einen Verstand, dem einleuchtet, was sich als Dienst an einem
ideellen Gemeinwohl verstehen läßt. Daß dabei nichts als das zur
Kenntnis gebracht wird, was es ist, ist eine Sache. Die andere
ist, daß damit alles ins Recht gesetzt wird, was im real existie-
renden Gemeinwesen namens Staat Geltung besitzt - die gewachsene
Macht des Staates natürlich allem voran. Insofern ein Lehrstück
normaler bürgerlicher Wissenschaft. Ein paar Neuerungen gibt es
allerdings auch noch zu verzeichnen.
II. Der Erfolg der Nation als Maßstab des Denkens
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1. Die Wissenschaft ist beeindruckt
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Einfach bei ihrer Tagesordnung bleiben die Gelehrten nicht, wenn
die praktische Geltung der Nation in der Welt sichtlich zunimmt.
Schon daraus, daß keine der Wissenschaften an einem Beitrag zur
nationalen Sache vorbeikommen will, ist ersichtlich, daß die Wis-
senschaft schwer beeindruckt ist vom Erfolg der Nation. Der
Münchner Philosoph Dieter Henrich, von Berufs wegen eher welt-
fremd, kann sich dem auch nicht verschließen. Rasch läßt er ein
paar Aufsätze von sich zwischen zwei Buchdeckel binden, nur um
vor "dem Geschehen" nicht "in Stummheit zu verharren":
"Als Philosoph, der im Bewußtsein der Perspektive arbeitet, wel-
che die klassische deutsche Philosophie erschlossen hat, sah ich
mich außerstande, in der Stummheit vor einem Geschehen zu verhar-
ren, das die Zukunft dieser Tradition ebenso berührt, wie es mit
deren Geschichte verbunden ist." (VI)
Menschlich verständlich wäre es ja noch, wenn Henrich mit der Be-
merkung eingestiegen wäre, daß man sich nicht ein Leben lang auf
die klassische deutsche Philosophie bornieren kann und die Gren-
zen seines Fachs auch einmal überwinden muß. Er will sich aber
gerade "als Philosoph" zum neuen Großdeutschland äußern. Einen
Zusammenhang zwischen der Zunahme deutscher Macht und der Kritik
der reinen Vernunft kriegt er lässig hin: Er behauptet ihn mit
der ganzen Autorität seines Lehrstuhls, indem er die nationale
Bedeutung dessen hervorhebt, womit er sich als Philosoph beschäf-
tigt, und umgekehrt die Bedeutung der Nation für das, was sein
Fachinteresse ausmacht. Kant und Hegel werden als deutsche Gei-
stesgrößen gefeiert und Deutschland dafür verehrt, solche Den-
kriesen hervorgebracht zu haben. Der Wissenschaftler zeigt sich
beeindruckt von der deutschen Nation, macht seinen Diener vor der
Staatsmacht und verleiht ihr darin eine geistige Bedeutung.
Die kleine Heuchelei, daß er nicht anders konnte, als sich vor
Deutschland zu verbeugen, ist deswegen auch nicht uninteressant.
Schließlich hat das niemand von ihm verlangt. Er ist selbst so
frei und weiß seinen guten Grund dafür in der Befreiung der Wis-
senschaft durch die Revision der alten Landesgrenzen: Henrich
wünscht sich nichts so sehr wie "die Selbständigkeit eines offe-
nen und unangepaßten Weltverhältnisses" und verlangte gleich nach
dem Fall der Mauer im Namen der Geistesfreiheit,
"daß die wichtigste Voraussetzung dafür wieder hergestellt wird:
die Aufhebung der Grenze innerhalb der Nation, die eine freie Be-
sinnung aus eigener Mitte heraus niederhält." (VII)
Ohne die Vollendung Deutschlands zu einer ganz eigenständigen
Macht ist der tiefe Denker in seinem Nachdenken behindert? Das
muß an seiner Tour liegen, seinen Kopf anzustrengen: Er weiß sich
in seinem Denken so sehr eins mit den Ansprüchen der Nation, daß
ihm deren Erfüllung wie die "Bedingung der Möglichkeit" des Nach-
denkens erscheint.
Und er verheimlicht diesen Zusammenhang auch nicht. Ein Denker,
der das Wesen sozialistischer Wissenschaft darin ausgemacht hat,
daß sie im Unterschied zur bürgerlichen "harte analytische Prü-
fungen weder vertrug noch lehrte", der Philosoph Henrich, legt
eine Probe dafür ab, wie sich knallhartes analytisches Denken zur
Lage der Nation stellt:
"So zeichnet sich die Möglichkeit ab, nunmehr das Profil der
deutschen Mentalität und ihrer Kultur mit einer republikanischen
Verfassung des Lebens zusammenwachsen zu lassen." (Es kommt Hen-
rich darauf an, daß) "zwischen dem Verhalten im politischen Sy-
stem und den Lebensformen und Erfahrungsweisen der Menschen ein
Übergang von der Art besteht, der es erlaubt, von einer bruchlo-
sen Kontinuität oder gar einer Konkordanz zwischen beiden zu
sprechen." (VI)
Henrich verkündet den geheimen Traum aller bürgerlicher Wissen-
schaft: den Wunsch nach einem d i s t a n z l o s e n
V e r h ä l t n i s d e s G e i s t e s z u r M a c h t. Und
er hegt die Hoffnung, durch das größere Deutschland könne dieser
Wunsch wahr und das Denken, die "Mentalität" der Menschen endlich
ununterscheidbar werden von den höchsten Prinzipien der politi-
schen Gewalt in Deutschland. Bruchlosigkeit ist sein Stichwort,
und er weiß ein glänzendes Argument für die bruchlose Überein-
stimmung des Geistes mit der Macht: Die "Geschichte der deutschen
Mentalität von 1848 bis 1945" hat ihn darüber belehrt,
"daß Brüche, welche dieser Mentalität bei der Umsetzung in poli-
tische Verhaltensweisen aufgedrängt werden, selbst die folgen-
schwersten Quellen für solche Fehlentwicklungen sind." (VI)
Wenn die Gesinnung der Menschen nicht hundertprozentig national
ist, dann kommt es zu folgenschweren Entwicklungen, die bis Hit-
ler reichen, lautet sein Argument. Und das ist ziemlich auf-
schlußreich. Wo man bislang aus allen Lehrbüchern lernen konnte,
daß es zu allen möglichen Katastrophen kommt, wenn der Nationa-
lismus die Köpfe der Leute beherrscht, dreht Henrich den Spieß um
- und bringt eine Wahrheit aufs Tapet: Ein unzufriedener Nationa-
lismus schlägt zu. Das läßt er aber nicht gegen den Nationalismus
sprechen, der offenbar einen ziemlich unversöhnlichen Standpunkt
bezeichnet, sondern für ihn und für die Notwendigkeit, ihn zu-
friedenzustellen.
Was sich Henrich von einem solchen in der deutschen Nation aufge-
henden Geist verspricht, bezeichnet er zurecht als Kultur. Zu de-
ren Pflege sieht er sich berufen, und zwar aus folgendem Grund:
"Ohne ein solches Verhältnis haben wir in das heraufkommende Eu-
ropa nur die Brigaden der Bundeswehr und unsere Wirtschaftskraft
einzubringen." (VI) Nur Gewalt und Geschäft hat Deutschland zu
bieten. Untragbar! Also sorgen Leute wie Henrich für den schönen
Schein dazu. Wer übrigens wissen will, wie damals unter Hitler
die Intellektuellen dem nationalen "Taumel" anheimfallen und das
deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte, propagieren konn-
ten: So! Mit dem Selbstbewußtsein, daß ohne sie die Nation ärmer
wäre.
*
Die Verwandlung der Staatsmacht in ein Ding, das unbedingte Aner-
kennung verdient, an dem sich das Denken auszurichten hat, kennt
und beansprucht kein anderes Argument als den Erfolg der Staats-
macht. Der ist zwar kein Argument, sondern eine Gewaltfrage. Aber
für eine Wissenschaft, die sich in ihren Betrachtungsweisen dem
Gelingen der Nation verschrieben hat, ist diese Gewaltfrage kon-
sequenterweise d a s Argument.
Und mit diesem Argument werden die Wissenschaften selbstkritisch.
Es gibt zwar keinen rationellen Übergang von der Feststellung,
daß Sachsen-Anhalt und Mecklenburg im Zukunft von Bonn aus re-
giert werden, zu der Notwendigkeit, die eigenen theoretischen
Grundsätze in Zweifel zu ziehen; und schon gar nicht gibt der na-
tionale Machtzuwachs ein einsichtiges Kriterium für eine solche
Überprüfung ab. Die Widerlegung einer Theorie ist noch allemal
eine theoretische Angelegenheit und beruht nicht auf Regierungs-
beschlüssen. Aber genau diesen Übergang macht der wissenschaftli-
che Geist, wenn er die Frage aufwirft, ob er die Sache der Nation
in seinen Weltbildern genügend berücksichtigt hat, ob da nicht
auf seiner Seite Versäumnisse vorliegen und Korrekturen fällig
sind.
Ändern wird sich diese Wissenschaft nicht mehr. Aber die Frage
nach der Fälligkeit von "Paradigmenwechseln" angesichts des neuen
Deutschlands diskutiert sie aufgeregt. Und selten war so deut-
lich, was es mit diesem Topos aus der Wissenschaftstheorie auf
sich hat. Wo die Wissenschaftstheorie das eigenartige Phänomen
entdeckt haben will, daß die Wissenschaften von Zeit zu Zeit ihre
Erklärungsweisen grundlegend ändern, eine "kühne Vermutung" durch
die nächste ersetzen und dadurch ausgerechnet einen Fortschritt
an einem so bleibendem Gut wie dem Wissen bewerkstelligen soll,
da führt die ganze Mafia bürgerlicher Wissenschaftler heute vor,
daß Fortschritte beim Erklären einer Sache dem merkwürdigen Phä-
nomen jedenfalls nicht zugrundeliegen. Sie laborieren vielmehr an
der Frage herum, wie sie die Konjunkturen ihres Denkens an die
Konjunkturen der Politik anpassen können.
Das kann ganz verschieden daherkommen. Klar, daß manch einer nach
gewissenhafter Selbstprüfung auch zu dem Resultat gelangt, schon
in der Vergangenheit genügend in Sachen geistiger Opportunismus
gegenüber der Nation walten gelassen zu haben, und von daher be-
friedigt von sich sagen kann, daß ihm im Jahre 1990 nichts Neues,
sondern die Bestätigung seines aufrechten wissenschaftlichen
Strebens untergekommen ist. Andere aber verspüren den intellektu-
ellen Drang, die Vergrößerung Deutschlands zum Anlaß zu nehmen,
an ihrer Wissenschaft oder an der ihrer Kollegen etwas zu ändern.
Darüber werden die Gesichtspunkte, die bislang den Standpunkt ei-
ner Disziplin bestimmt haben, nicht über den Haufen geworfen. Was
aber schon stattfindet, ist eine Neusortierung der Wertetabelle
nach dem als bedeutsamer eingestuften Standpunkt "Nation". Alle
stellen sich der nationalen Macht als der neuen Richtlinie fürs
Denken, an der sich manches von dem relativiert, was der Wissen-
schaft bis gestern als oberster Wert gegolten hat.
2. Kritische Wissenschaft begibt sich in die Defensive
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So fühlt sich eine Reihe von Wissenschaftlern dazu veranlaßt, der
Nation den ihr gebührenden Platz in ihrem Weltbild erst noch zu-
zuweisen. Zumal die Abteilung "kritische Wissenschaft", die das
Lob der deutschen Nation an ein "wenn" gebunden hat - demokra-
tisch, ökologisch, sozial -, sieht sich mit ihren Argumenten
durch "die Fakten" in die Defensive gebracht, aus der sie unbe-
dingt herauswill. Auch sie nimmt die neue Lage als unwidersprech-
liches Argument. Und dessen Anerkennung scheint ihr der gelungen-
ste Weg der Verteidigung.
So ein kritischer Wissenschaftler ist beispielsweise der Histori-
ker Jürgen Kocka von der FU Berlin. Er hatte sich die Lage vor
dem Anschluß so zusammengereimt, daß gerade die deutsche
"Zweistaatlichkeit" die BRD zu einem international anerkannten
Staatswesen hat werden lassen, das auch seine vollste Anerkennung
verdient. In dem "Verzicht" auf die Ausbreitung der Bundesrepu-
blik nach Osten, hatte er seinen Beleg dafür, daß dieses Land aus
der Geschichte gelernt und Abstand genommen hat von einem
"deutschen Sonderweg", der die Nation ins Unglück gestürzt hatte.
Ein Deutschland namens BRD, integriert in die Staatenwelt der
westlichen Demokratien, damit konnte er leben.
In Ordnung ging das schon damals nicht. Denn immerhin war auch
das eine Generalrechtfertigung der BRD, die unter dem Titel "kein
Sonderweg" systematisch davon abgesehen hat, was dieser Staat so
alles ins Werk gesetzt hat. Und der moralische Standpunkt, von
dem aus er die BRD ins Recht gesetzt hatte, kannte auch keine an-
deren Kriterien als den Erfolg bzw. den Mißerfolg der Nation: Ge-
warnt hatte er schließlich immer nur vor der Abweichung von einem
Erfolgsweg, die er an dem verlorenen Krieg festgemacht hatte. Das
aus der Geschichte zu lernen, daß man Kriege besser gewinnt, dazu
gehört schon ein historisches Gemüt. Aber der Standpunkt war
klar: Keine Revision der Grenzen. Nach dem Anschluß der DDR sieht
Kocka die Lage der Nation wie folgt:
"Anders als die Bundesrepublik wird das neue Deutschland die
Kernlande des alten Sonderwegs umfassen... Das langsamere Wirt-
schaftswachstum, der erzwungene Verzicht auf Öffnung nach Westen,
die Fortdauer des Mangels und der Diktatur haben dazu geführt,
daß die DDR deutscher geblieben ist als die Bundesrepublik, weni-
ger weitläufig, zumal sie sich aus erklärlichen Gründen viel we-
niger von ihren östlichen Nachbarn beeinflussen ließ, als die
Bundesrepublik vom Westen... Jedes Stück Entwestlichung wäre als
Preis für die Vereinigung zu hoch. Im Licht der Erinnerung an den
deutschen Sonderweg, seine katastrophalen Folgen und sein kosten-
reiches Ende um 1945 ist klar: Die Vereinigung geschieht zurecht
als Integration der DDR in die Bundesrepublik, nicht als Kompro-
miß zwischen Westen und Osten, nicht als Zusammenwachsen aufmitt-
lerem Grund." (VIII)
Das Zitat stammt aus einem Artikel mit dem Titel "Nur kein neuer
Sonderweg!". Derselbe Standpunkt wie vor dem Anschluß wird ver-
treten - nur ganz anders. "Kein Sonderweg", das ist nach der An-
nexion der A u f t r a g der Bundesrepublik, die alten
"Kernlande" einzugemeinden und nach ihrem Muster umzukrempeln!
Man kann wirklich nicht sagen, daß diese Ausdeutung des alten Ar-
guments naheliegt. Der Mann tut sich sichtlich schwer. Er muß die
vergrößerte Bundesrepublik von einem verkleinerten Großdeutsch-
land unterscheiden. Dann muß er den "alten Sonderweg" in die re-
alsozialistische DDR verlegen. Dann muß er erklären, wieso er
dieses altgebliebene Deutschland im anderen Teil Deutschlands,
unbedingt haben will. Um schließlich aus der Gefahr, die daraus
erwächst, den Auftrag abzuleiten: Deutschland muß BRD werden, da-
mit die BRD nicht deutsch wird. Warum bleibt er nicht auf der al-
ten Schiene: Weil er sich nicht unglaubwürdig machen will; will
heißen: Weil er sein Argument nicht gegen die Stimmungslage der
Nation vertreten will. Also paßt er sein Argument der neuen Lage
an.
Ein dionysischer Geist sieht sich ebenfalls veranlaßt, öffentlich
darüber nachzudenken, welche Stelle die Nation in seiner Welt
hat. Bislang eher gar keine. Ein aufs Universale gerichteter Phi-
losoph wie Peter Sloterdijk übersieht sowas lässig und goutiert
mehr den Weltbürgerstandpunkt. Von daher ist klar, daß er die Na-
tion nicht für eine Sache, und zwar eine ziemlich gewaltsame,
sondern für eine bornierte Geisteshaltung hielt. Jedenfalls geht
das aus seiner Einlassung zur nationalen Feierstunde noch hervor:
"Die neuen künstlichen Himmelskörper spielen für die menschheit-
liche Selbstwahrnehmung eine nicht hoch genug einzuschätzende
Rolle... Von dem heute höchstmöglichen Blickpunkt aus gesehen
gibt es also weder Deutschland als abgrenzbare staatliche Größe
noch eine deutsche Frage... Wenn aber das Bewußtsein eines Indi-
viduums ein einziges Mal, und wäre es nur für kurze Zeit, satel-
litengleich geworden ist - das heißt erdbürgerlich, exzentrisch
und souverän -, dann ist seine Fähigkeit, sich in schlichter
Identifikation zu einem politischen Grundstück auf der Erde dort
unten hinzuzurechnen für immer gestört..." (IX)
Mit der verfremdenden Optik einer "umgekehrten Astronomie", die
schon die Satiremannschaft von der "Titanic" zu einem Spaß bemüht
hat, macht Sloterdijk deutlich, wie relativ der nationale Stand-
punkt ist. Ihm ist es damit allerdings ernst. Er will zeigen, daß
die "schlichte Identifikation" mit der Nation den Geist ungebühr-
lich einengt. Wie er das zeigt, dokumentiert allerdings nur, wie
befangen er selber in diesem Standpunkt ist. Distanz zur Nation
kann er sich nicht anders vorstellen denn als räumliche Entfer-
nung von ihr. Aber bitte, soll er sich halt vorkommen wie ein
weltbürgerlicher Satellit. Das ginge doch auch im vergrößerten
Deutschland. Niemand hat es ihm bestritten. Er ist Philosoph und
steht als solcher sowieso auf dem Standpunkt, daß die Freiheit
des Geistes im freien Spinnen ihre Qualität beweist.
Zurück auf der Erde kommt jedoch auch bei diesem Freigeist die
Fähigkeit zur Identifikation mit der Nation wieder ungebrochen
zum Zug. Justament am 9. 11. 1989, als die Mauer fiel, gewann er
die Einsicht in die Unwidersprechlichkeit der nationalen Sache:
"Die deutschen Dinge, mit Fichte zu reden, haben sich bewegt und
werden bewegend. Über die Bildschirme der fernsehenden Welt rol-
len Tränen, derer sich, zum allgemeinen Erstaunen, niemand zu
schämen hat... Und inmitten dieses allgemeinen Durchdiemauerge-
hens, inmitten dieses Herauskommens und Überdiegrenzetretens im-
mer wieder ein Bild, das offenkundig stärker werden wollte als
die gesamtdeutsche Zusammengenommenheit... immer wieder dieses
Vertrauen auf ein so noch nicht erlebtes Sichnichtschämenmüssen,
dieses Mitgehen mit der integren Erschütterung, dieses Sichhin-
überweinen in eine andere Seinsweise, und vor allem dieses
Selbstbewußtsein der Tränen, hinter das nicht mehr zurückgegangen
werden kann." (X)
Daß damals an der Mauer ziemlich viel Volk geheult hat, ist
schlecht zu bestreiten; daß es sich dafür nicht geschämt hat,
wahrscheinlich auch nicht. Schon aber, daß deswegen auch der In-
halt der Gefühlswallungen in Ordnung geht und sich deswegen die
"deutschen Dinge" als respektable Angelegenheit erweisen und die
nationalistischen Volksumtriebe eine bedeutsame philosophische
Existenzweise darstellen: ein "-heit". Und es liegt auch nicht an
den Freudentränen deutscher Volksgenossen, wenn sich ein weltbür-
gerlicher Verstand von ihnen zu folgender Definition von Nation
anregen läßt:
"Nationen sind politische Mutterinstanzen, sie sind und haben po-
litische Schoßfunktionen." (X)
Immerhin besteht er ja auch selber darauf, daß man diese Blut-
und-Boden-Vorstellung über den durch die Gewalt des Staats ge-
stifteten Zusammenhang von s e i n e m über allem Nationalismus
stehenden Standpunkt aus einsehen kann und soll:
"Über alle Nationalismen hinweg werden die Intelligenzen der Völ-
ker einzusehen haben, daß jedes menschliche Leben seiner Struktur
nach bereits den Charakter einer Einwanderung in ein Land, eine
Nation, eine Population, eine Kultur besitzt." (IX)
Und das ist interessant. Das Weltbürgertum und den Kosmopolitis-
mus haben Intellektuelle nämlich schon mehr deswegen aufgebracht,
um sich mindestens in ihrem Sebstbewußtsein vom gewöhnlichen Na-
tionalismus zu unterscheiden. Und das ist auch heute nicht an-
ders. Aber eben das kann angesichts des nationalen Überschwangs
der autonome Denker heute nicht mehr vor sich verantworten - wenn
er nicht zuvor klargestellt hat, daß er damit nicht völlig neben
dem allgemeinen nationalen Geist liegt. So verspürt er den Drang
zu zeigen, wie die Nation in seinem Weltbild berücksichtigt ist,
und macht sich damit von seiner höheren, bewußt nationalismusfer-
nen Warte aus zum Sinndeuter der Nation.
*
Solche Auslassungen, in denen Wissenschaftler ihren jeweiligen
Idealismus an die Nation zurückbinden, bekommen ganz von selbst
den Charakter der Klarstellung der Wissenschaft über ihr Weiß-
warum. Und dort, wo man einen Denker vor sich hat, der sich durch
die Fakten nicht in die Defensive gebracht, sondern bestätigt
sieht, ist das auch der Zweck der Stellungnahmen.
3. Der Triumph der konservativen Wissenschaft
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und ihr Bedürfnis nach Klarstellung
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Damit sich niemand täuscht: Der Unterschied zwischen kritischer
und konservativer Wissenschaft besteht darin, wie einer auf das
Bekenntnis zur Nation dringt. Scharf sind sie alle darauf, und
ihr Streit besteht darin, ob mehr die deutsche Nation angemahnt
wird, als demokratische die Zustimmung von unten einzuholen; oder
ob das Bekenntnis nationale Bürgerpflicht ist, zumal im demokra-
tischen Deutschland. Im letzteren Fall wird die Wissenschaft an-
gesichts des nationalen Erfolgs triumphal. Sie sieht sich bestä-
tigt und sieht sich berufen, im Reich der Wissenschaft Klarheit
zu stiften. "Zu unserer individuellen Identität mit uns selbst
gehören kollektive Identitäten, solche, in denen wir uns vorfin-
den, und die wir dann akzeptieren können, kollektive Identitäten,
die ausmachen, daß ich und andere uns als ein Wir verstehen...
Wer nationale Identität nicht sozusagen selbstverständlich hat,
hat ein Identitätsproblem, leidet an einem Identitätsverlust oder
einer Störung." (XI)
Der Historiker Nipperdey, von dem das Zitat stammt, argumentiert
einerseits wie ein Psychologe: Das Individuum hat eine Identität,
und wenn es sich gegen die vergeht, dann treten "Störungen" auf,
wird es krank und lebt in einer "neurotischen Selbstbezogenheit".
Es ist derselbe Gesichtspunkt wie oben bei Maaz, der von
"deformierten Charakteren" spricht und dem Individuum dabei hel-
fen will, mit sich ins Reine zu kommen. Andererseits zitiert Nip-
perdey diesen Gesichtspunkt, um eine Klarstellung über den Inhalt
loszuwerden, den er mit der Identität des Individuums angespro-
chen sehen will. Gegenüber den Psychologen besteht er darauf, daß
die Verwirklichung des Individuums in seiner Unterordnung unter
Deutschland und in seiner Auflösung in das so genannte
"Kollektiv" besteht. Dasselbe Denkmuster führt sein Fachkollege
Meier an einer soziologischen Kategorie vor:
"Heute allerdings ist die Nation im Westen nur als historisch ge-
gebene Solidargemeinschaft zu verstehen. Eine von mehreren, klei-
neren und größeren, denen der Mensch einfach deswegen zugehört,
weil er - normalerweise - alleine nicht fertig wird, weil es zu
seiner Individualität auch gehört, daß er Teil von Kollektiven
ist. Im Laufe der Jahrtausende läßt sich eine lange Geschichte
der Zugehörigkeitsitrukturen beobachten. Die nationale Zugehörig-
keit ist diejenige, die es unter modernen Verhältnissen ermög-
licht, mit anderen, mit dem gesamten Kreis derer, mit denen zu-
sammen man sie bildet, gleichsam so groß zu werden, daß man in
der Welt nicht verschwindet. Damit ergibt sich indirekt die Mög-
lichkeit, handelnd an deren Geschehen mitzuwirken." (XII)
Im ersten Teil des Zitats schließt sich Meier der soziologischen
Unart an, sich von der Sache zu entfernen, über die man redet.
Das "Kollektiv", von dem die Rede ist, wird nicht als Nation
identifiziert - das wäre eine nähere Bestimmung: Es steht unter
der Hoheit des staatlichen Gewaltmonopols, das alles, was in ihm
geschieht, zu einer Frage des Dürfens macht usf. Gerade umgekehrt
wird angefangen: Die Nation ist ein Kollektiv. Und diese Abstrak-
tion davon, daß es sich bei der Nation um einen gewaltsam gestif-
teten gesellschaftlichen Zusammenhang handelt, gibt dem Gelehrten
erst einmal Gelegenheit, über den Nutzen von Kollektiven zu phi-
losophieren. Man erfährt, daß der Mensch so etwas braucht, weil
er "alleine nicht fertig wird". Und das, wobei und womit er fer-
tigwerden soll, wird aufgelöst in sein Bedürfnis, ein "Teil von
Kollektiven" zu sein, um deren Funktionieren er sich dann aber
auch sorgen muß. Das ist soweit beste Soziologie. Die zieht Meier
allerdings nur zu Rate, um die soziologische Abstraktion auf ih-
ren nationalen Kern zurückzuführen. Mit dem Kunstgriff, die
"modernen Verhältnisse", die nun mal bestimmt sind durch das Wir-
ken der Nation, von der Nation zu trennen, gelingt es ihm,
astrein zu beweisen, daß unter "modernen Verhältnissen" das ein-
zig passende Kollektiv die Nation ist. Zu der verlangt er ein
klares Bekenntnis, und vor diesem Anspruch kommt ihm die Soziolo-
gie - die immerhin auch für ihn brauchbar war, dieses Bekenntnis
zu begründen - wie ein Herumreden um den nationalen Kern vor, um
die es ihr zu gehen habe.
*
Fast wäre man geneigt, die ganze Mafia der Wissenschaftler aufzu-
fordern, die ganzen verlogenen Abstraktionen, in denen sie denkt,
die idealisierenden Absichten von dem, was die Nation ist und
treibt, und den Ersatz für die Bestimmung ihres Zwecks durch lau-
ter Sinnkonstruktionen, um deren Verwirklichung es angeblich
geht, wegzuschmeißen. Soll sie doch sagen, daß ihr die Staatsge-
walt am Herzen liegt und daß sie den Anspruch erhebt, daß sich
der jedermann auch geistig unterordnet. Soll sie doch aufhören
mit ihrem Getue mit "Identität der Person", "Zusammengehörig-
keitsstruktur", "Kultur und Tradition", wenn mit all dem doch
bloß das gemeint ist. - Aber dazu muß man sie nicht erst
auffordern:
4. Nation statt Wissenschaft
----------------------------
Die Rede ist von einer Wissenschaft, der in ihrer Begeisterung
für die Nation jede Distanz zu den Anliegen des Staats, der sie
denken läßt, zuviel ist. Selbst das bißchen Distanz noch, das sie
mit ihren eigenen Problematisierungsgesichtspunkten gerade noch
aufbringt. Sie will Bekenntnisse zu Deutschland ablegen und Be-
kenntnisse zu diesem Land sehen. Während ersteres ein eher wort-
karger Akt ist, füllt die Agitation für letzteres zahllose Druck-
bogen. Die freude über den Erfolg der Nation führt nämlich auch
bei dieser Wissenschaft nicht dazu, daß Zufriedenheit einreißt.
Sie ficht einen Kampf gegen den Ungeist der Kritik.
Nipperdey hat die Stunde der Nation so verstanden. Er zieht den
Schlußstrich unter alle wissenschaftlichen, will heißen: sinn-
stiftenden Bemühungen. Und er faßt deren Ergebnisse korrekt so
zusammen:
"Das neue einig Vaterland entspricht der historischen und der mo-
ralischen, der politischen und der praktischen Vernunft." (XI)
Er ist der Auffassung, daß Deutschland erst zu seinem Recht ge-
kommen ist, wenn der Geist seiner Untertanen, auch der aus der
Abteilung Wissenschaft, ohne Rest deutsch ist. Und so weiß er
sich berufen, ein wenig nach abweichenden Standpunkten zu fahn-
den:
"Die erste Frage ist, ob wir überhaupt eine Nation brauchen. Ist
nicht das Individuum sich selbst genug mit den Wohlstandsidealen
der Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung und ihrer narzißti-
schen Auslegung im Westen? Oder gibt es nicht, wenn denn Gemein-
sames gefragt ist, anderes: Sozialismus, Avantgarde, Postmoderne,
Konsumkritik, Feminismus? Oder wenn das zu partikular ist: Soll-
ten wir uns nicht an Europa und an einer Welt und Menschheit, auf
Friede und Vernunft, Menschenrechte und Schutz der Umwelt gegrün-
det, orientieren oder, wenn denn das Nahe und Sicht- und Fühl-
bare, das Nicht-Verkopfte nötig ist, an Heimat und Region? Oder
an dem Staat, in dem wir leben, wenn er denn eine gute Verfassung
hat, wie uns Jürgen Habermas belehren will? Sind also die Verfas-
sungspatrioten bessere Menschen als die Einig-Vaterland-Patrio-
ten? Mir scheint, all das sind Intellektuellen-Erwägungen. All
das mag die Orientierung an einem Vaterland, einer Nation ein-
schränken und relativieren, ersetzen kann es sie nicht. Wir wer-
den gar nicht gefragt, ob wir eine Nation sein wollen, ob Sie und
ich Deutsche sein wollen, ob uns das wichtig ist oder gleichgül-
tig, wir werden so gesehen. Die Welt ist die Welt der Vereinten
Nationen, Europa ist ein Europa der Vaterländer. Weil alle Natio-
nen sind, sind wir für die anderen eine Nation, ob wir wollen
oder nicht, wir sind mit unserem Heimatland und unserer Herkunft
identisch..." (XI)
Seinen Auftrag mit der Frage, ob wir eine Nation brauchen, an-
zugehen, ist ein kleiner Kunstgriff. Der Ankündigung, eine Kon-
struktion der Nation aus dem Willen ihrer Untertanen zu probie-
ren, folgt nämlich die Klarstellung, daß jeder verkehrt liegt,
der diese Frage aufwirft: "Wir werden gar nicht gefragt"; wir
sind Angehörige einer Nation", ob wir wollen oder nicht". Und mit
diesem freundlichen Hinweis auf ein Zwangsverhältnis, das natür-
lich nicht in der Gewalt der eigenen Nation, sondern in der na-
tionalistischen Sicht des Auslands liegen soll, geht er über zur
Denunziation aller, denen es überhaupt noch eine Überlegung ist,
ob sie mit ihrer Nation gut fahren.
Dabei ist der Witz an den herbeizitierten "Intellektuellen-Erwä-
gungen" gar nicht, daß sie größere Gegensätze zur Nation aufma-
chen würden. Es sind lauter Standpunkte, die nach dem Muster ar-
gumentierten: Die Nation ist in Ordnung, wenn sie den Menschen
und die Frauen achtet, wenn sie sozial und umweltverträglich ist,
wenn sie Volkswohlstand und Konsumkritik zu ihrem Recht kommen
läßt usf. Wer so daherkommt, macht auch nicht ernsthaft eine Be-
dingung auf und von der dann seine Zustimmung zur Nation erst
noch abhängig. Er geht vielmehr von der Vereinbarkeit seines An-
liegens mit dem der Nation aus. Und das hat diesen Titeln auch
die allgemeine Anerkennung eingebracht, die sie in deutschen Lan-
den genießen: Noch jeder demokratische Politiker beherrscht es,
den Spieß umzudrehen, die moralische Affirmation der Nation her-
auszuhören und in ihrem Namen sämtliche nationalen Schandtaten zu
legitimieren.
Aber Nipperdey hält genau dieses Ansinnen, in der Nation etwas
Gutes entdecken zu wollen, für die Quelle allen anti-nationalen
Geistes, den er nicht ausstehen kann und an der Wurzel angehen
will. Ein wenig totalitär ist das schon. Er stellt sich auf den
Standpunkt: Die Nation ist nicht gut, wenn..., sondern gehört
sich ohne Wenn und Aber akzeptiert. Wie radikal dieser Denker in
seinem Verlangen nach einem unbedingten Bekenntnis zur Nation
ist, zeigt er übrigens nicht zuletzt in seiner kleinen Polemik
gegen den Kollegen Habermas. Immerhin hat der mit seiner Sorge um
den "Verfassungspatriotismus" auch nichts anderes im Sinn als
eben dieses Bekenntnis. Aber eben so, daß er das Volk durch die
Verpflichtung auf die bundesdeutsche Verfassung auf das große
Deutschland eingeschworen sehen will. Den einzig zulässigen Maß-
stab, den der an die Nation angelegt sehen will, sind ihre eige-
nen Prinzipien. Und selbst das ist Nipperdey viel zuviel Distanz
zu Deutschland, die er nicht durchgehen lassen will. Ein gelunge-
ner Streit unter nationalistischen Vordenkern in der Frage, wie
ein distanzloses Verhältnis zu Deutschland auszusehen habe.
*
Eines soll man dieser Wissenschaft schon glauben. Wenn sie mit
dem Hinweis auf das unduldsame Verlangen der Nation einer
"Mentalität" das Wort redet, die bruchlos in der Nation aufgeht;
wenn sie Distanzlosigkeit zur Nation zum Maßstab des Geistes er-
hebt und sich von daher als Institut für Antikritik versteht;
wenn sie das Volk an diesem Kriterium rassistisch zu unterschei-
den lehrt und die politische Aussortierung von falschen
"Seilschaften" noch ein wenig radikaler haben will - dann ist sie
darin der herrschende Geist und die moralische Avantgarde im de-
mokratischen Musterland deutscher Nation.
5. Das Ideal
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Wie ist das Ideal von nationaler Gesinnung beschaffen, das diese
Wissenschaft im Sinn hat? Klar, ein wenig geistlos gerät das Pro-
jekt "deutsch denken" schon. Aber es geht. Der Politologe Kurt
Sontheimer hat es vorgemacht:
"Fehlt den Deutschen was?... Aber - dies meine einzige Frage -
soll sich denn groß was verändern bei uns? Fehlt den Deutschen
was? Geht ihnen etwas ab?... Es fehlt uns alles mögliche, und die
Politik auf allen Ebenen hat in der Tat damit genug zu tun eini-
ges von dem, was uns fehlt, zur Kenntnis zu nehmen und nach Mög-
lichkeit herbeizuschaffen. Politik, insbesondere Parteipolitik,
ist die ständige Auseinandersetzung über die Frage, was uns fehlt
oder, positiv gewendet, was wir brauchen und tun müssen, um
friedlich, solidarisch, im Wohlstand und nicht zuletzt menschlich
zusammenleben zu können... Doch so viel uns im einzelnen fehlen
mag, aufs Ganze gesehen, finde ich, fehlt uns wenig oder fast gar
nichts Es scheint mir gerade für unsere Verhältnisse in der Bun-
desrepublik wichtig, sich bewußt zu machen, daß uns ungeachtet
der vielen kleinen Dinge, die hier oder dort zu fehlen scheinen,
in Wahrheit nichts Wesentliches fehlt, zumindest nichts Wesentli-
ches von dem, was eine staatliche Ordnung heutzutage ihren Bür-
gern geben und bereitstellen kann... Uns gebricht es an der Tu-
gend der Gelassenheit... Die Deutschen, so mein Fazit, haben we-
nig Grund zur Aufregung und zur Klage, denn ihnen fehlt nichts
Wesentliches. Doch sie wissen es nicht, oder sie wissen es nicht
zu schätzen. Sie verhalten sich so, als fehlte ihnen dauernd et-
was, angefangen bei der Identität bis hin zum Geliebtwerden sei-
tens der anderen Völker. Weil sie ständig so tun, als fehlte ih-
nen was, obwohl ihnen Wesentliches nicht fehlt, sind die Deut-
schen oft unruhig und hektisch. Das könnten sie sich - zur Zeit
wenigstens - ersparen. Es wäre besser für sie wie für ihre Umge-
bung. Wir sollten uns vornehmen, uns in der Tugend der Gelassen-
heit zu üben." (XIII)
Der Mann denkt unreflektiert. Und damit ist nicht die Niveaufrage
gemeint. Die wirft er bei Gelegenheit selber auf, wenn er sich an
seinem Institut darüber ärgert, daß seine Kollegen nicht den Har-
vard-Standards genügen. Bei ihm fällt der nationale Standpunkt
mit seinem Denken zusammen. Es ist derselbe Standpunkt wie der,
den Nipperdey und Co. propagieren. Und das unterscheidet diesen
Denker auch vom Rest der zitierten Mannschaft. Selbst die Propa-
ganda des nationalen Standpunkts kommt nämlich nicht ohne die
Kunst des Vergleichens aus. Die Fähigkeit, Einwände zu bemerken,
muß selbst der beherrschen, der sie bloß als abweichende Auffas-
sungen dingfest machen und beseitigen will. Von all dem ist bei
Sontheimer nichts zu sehen. Er wendet sich nicht gegen Einwände
gegen die Nation, sondern versteht sie einfach nicht. Bei ihm
versagt die Vorstellungskraft in der Frage, wie es denn anders
zugehen soll, als es in der Bundesrepublik zugeht. Dem gibt er
Ausdruck. Und das ist seine ganze Theorie.
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