Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
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Die Kapitalisierung der DDR
VOM UNTERSCHIED ZWISCHEN STAATSWILLEN UND GESCHÄFTSKALKULATION
Eine Zeitlang haben west- und ostdeutsche Politiker so getan, als
wären bundesdeutsche Kapitalisten nur so darauf brennen, ihr Ka-
pital in die aufgelassene DDR-Wirtschaft zu stecken; als würden
die außergewöhnlich günstigen Einkaufspreise für Boden, Gebäude,
Arbeit etc. garantiert ein "zweites Wirtschaftswunder" bewirken;
als bedürfte es staatlicherseits nur eines entschlossenen "Abbaus
von Investitionshemmnissen", damit die tatendurstige "Unter-
nehmerinitiative" voll zulangen könne, wohingegen finanzielle
Zuwendungen des Staates sich sehr in Grenzen halten könnten.
Die eine Hälfte dieses Optimismus war auf Schau gemacht: Demokra-
tische Politiker glauben nun mal daran, daß sie selbst so etwas
wie eine elementare Investitionsvoraussetzung sind - die Demon-
stration staatlicher Stärke und Entschlossenheit stiftet Ver-
trauen und legt Gewinnkalkulationen ein solides Fundament. Ver-
läßlich ist dieser Glaube allerdings nur in einer Hinsicht, daß
nämlich die Abwesenheit solcher Staatstugenden auf Kapitalisten
zweifellos einen schlechten Eindruck macht.
Die andere Hälfte dieses Optimismus war aufrichtig: Die Wucht
bundesdeutscher Akkumulation und deren Ausbreitung in alle Welt
hat die Nation vorangebracht, also würde sie den neuen nationalen
Auftrag wohl auch erledigen wollen und können. Sind bundesdeut-
sche Unternehmer nicht Weltmeister im Exportieren, besorgen sie
der Nation nicht ständig neue Überschüsse auf dem Weltmarkt und
sitzen sie nicht auf dicken Liquiditätspolstern? Sonnenklar
schien den Politikern zudem, daß jede DM-Million und jedes Pfund
Managerschläue, im neuen Staatsgebiet zur Anwendung gebracht, den
Nachweis eines ungeheuren "Wachstumspotentials" erbringen würde.
Dieser Optimismus hat eins auf den Deckel gekriegt. Über das
"Wachstumspotential" ist noch nichts Definitives in Erfahrung zu
bringen und das ewige "Die DDR-Wirtschaft ist kaputt!" ist keine
frohe Botschaft mehr. Die Eigentumsfrage ist im wesentlichen ge-
regelt, der "Plan" vollständig abgeschafft, das Volk dem freien
Lohnarbeiterdasein überantwortet - wo bleibt der Aufschwung? An-
stelle dessen jeden Tag neue Meldungen über neue Kosten, die auf
den Staat zukommen und die die Anleihe "Deutsche Einheit" immer
voluminöser werden lassen; bislang übrigens noch sehr zur Freude
des Kapitalmarktes, der es sich natürlich nicht nehmen läßt, über
die "Konditionen" zu nörgeln. Übersehen wird dabei gerne, daß ei-
nes durchaus gelungen ist, nämlich die Einführung des Kapitalis-
mus. Das ist nur nicht ganz dasselbe wie das versprochene blü-
hende Wirtschaftswachstum. Die erste Wirkung der Einführung der
DM war nämlich die Zerstörung der auf ihre besondere Art ohne
weiteres funktionierenden DDR-Wirtschaft - Versorgungs- und Zu-
lieferungseinrichtungen, Ersatz und Neuinvestition waren ja alle
vorhanden und stabil. Aus der Einführung der DM durch den Staat
haben westdeutsche Kapitalisten ihren Geschäftserfolg zu machen
verstanden. Ihre Marktstrategien und ihre Konkurrenzmethoden sind
die einzig gültigen, weil sie ihren Markt nach Osten ausgedehnt
haben. Daß ein Ding einen Profit abwerfen muß oder auf dem Markt
nichts zu suchen hat, führt mittlerweile bei manchem Zoni zur
Verwunderung warum kommen z.B. reichlich vorhandene Lebensmittel
nicht an den Mann, der der teuren Westware einigermaßen geknickt
gegenübersteht:
Beim A u f b a u w e r k hingegen wollen staatliche Absicht und
kapitalistische Kalkulation nicht so recht zur Deckung kommen.
Nicht, weil dort drüben kein Geschäft zu machen geht, sondern
weil den Kapitalisten - zumindest vorläufig - k e i n
G e s c h ä f t e n t g e h t. Der jetzt existierende Markt und
das in ihm existierende zahlungskräftige Bedürfnis werden allemal
aus der vorhandenen Produktion bedient bzw. abkassiert - und die
positive Wirkung auf die Bilanzen westdeutscher Unternehmer ist
unübersehbar. Es wird sogar der eine oder andere VEB aus dem Sor-
timent der Treuhandgesellschaft abgekauft, aber nur, wenn er mo-
dernen kapitalistischen Ansprüchen schon genügt. Vor allem aber,
wenn er in die Marktstrategie eines westdeutschen Unternehmens
ausnahmsweise einmal hineinpaßt; daß ein Betrieb in alten plan-
wirtschaftlichen Zeiten seinen realsozialistischen Markt hatte,
zählt unter der Herrschaft der DM überhaupt nichts mehr. Ein
westdeutscher Unternehmer richtet sein Investitionsprogramm am
Weltmarkt aus - innerhalb dessen die ehemalige DDR doch ein recht
bescheidenes Segment ausmacht, zwar die eine oder andere günstige
Bedingung aufweist, sich aber als Markt und Anlagesphäre mit dem
Rest der Welt vergleichen lassen muß, wo günstige Geschäftsbedin-
gungen ja auch nicht gerade Mangelware sind. Für dieses ganz nor-
male Geschäftsleben ist der gesamte Überrest von realsozialisti-
scher Industrie und Landwirtschaft kein interessanter Sanierungs-
fall, wie es die Politiker gerne hätten; es ist eine Konkurrenz,
die den Namen gar nicht verdient und das Geschäft nicht belebt.
Von diesem praktischen Urteil sind Kapitalisten auch nicht da-
durch abzubringen, daß ihnen die Bonner Patrioten die DDR wie den
Nabel der Welt anpreisen. Ein Kapitalist kennt hinsichtlich sei-
nes wertvollsten Gutes keinen nationalen Auftrag, und trotz der
Namensähnlichkeit ist a l l s e i t i g e K a p i t a l i-
s i e r u n g eine Sache, die er anderen überläßt - vorzugsweise
dem Staat.
Das heißt nicht, daß er sich dafür nicht einspannen ließe - zu
seinen Bedingungen, versteht sich. Reife demokratische Politiker
wissen, daß sie ihre Ungeduld zu zügeln und mit Kritik an der in-
ter-nationalistischen Sichtweise des Kapitals hinterm Berg zu
halten haben. Immerhin haben sie dieser Sichtweise als dem zen-
tralen Pfeiler des nationalen Erfolgs rechtgegeben - also müssen
die Lieblingsbürger behutsam "gelenkt" werden. Das ist so schwer
nicht - Das neue Staatsgebiet muß den Kapitalisten als
b e s o n d e r s a t t r a k t i v e s S t ü c k W e l t-
m a r k t schmackhaft gemacht werden. Bislang exportieren die
Kapitalisten im wesentlichen überschüssige Waren in die DDR;
damit sie einen zweifellos vorhandenen - Überschuß an Kapital
dorthin transportieren, muß der Staat mit seinem Geld für eine
außergewöhnliche Verbilligung und langfristige Sicherung
einstehen: Infrastrukturmaßnahmen, Investitionsbeihilfen, Steuer-
befreiung, Abschreibungserleichterungen, Kreditbürgschaften etc.
- staatliche Anreize, die die Kapitalisten regelmäßig mit einem
"Reicht noch nicht!" bescheiden. Erfolgsverwöhnte deutsche Poli-
tiker haben sich mit der simplen Tatsache herumzuschlagen, daß
Kapitalisten Erfolg anders buchstabieren als sie. Das ist den Ma-
chern in Bonn weder neu noch unbekannt, aber ein bißchen merkt
man ihnen die Verwunderung schon an, daß eine friedliche Erobe-
rung - für den Staat ein einmaliger Glücksfall - auch ihre
N a c h t e i l e hat. Anders als nach einem echten Krieg, wenn
den Kapitalisten sozusagen gar nichts anderes übrig bleibt, als
einen Aufbau und damit ihr Bombengeschäft zu machen, also einen
M a r k t h e r z u s t e l l e n, betrachten Kapitalisten un-
ter der Bedingung des fertigen Weltmarktes den nationalen Sieg
wie eine Geschäftssphäre u n t e r a n d e r e n. Während der
bundesdeutsche Staat sich um das Wohlergehen der Kapitalisten
also keine Sorgen zu machen braucht, hat er den Nachweis noch
nicht erbracht, daß sein Zugewinn an Macht auch ein Zugewinn an
R e i c h t u m f ü r i h n i s t. Wo das doch bislang so
glänzend zusammenpaßte! Jetzt aber blecht er bloß.
Dennoch: Das deutsche Einigungswerk ist seinen Machern soviel
wert, wie es kostet. Sie strapazieren ihren Kredit. Sie setzen
darauf, daß sich auch diese Schulden, wie ihre bisherigen, ir-
gendwann lohnen werden für die Nation und ihre Mark. Und sie ge-
hen ganz einfach davon aus, daß sie mit ihrem Finanzbedarf dem
internationalen Finanzkapital, dieser notorisch heimatlosen Ge-
sellschaft, schwer imponieren.
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