Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR


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       Peter Decker / Karl Held
       Abweichende Meinungen zur "deutschen Frage"
       

DDR KAPUTT DEUTSCHLAND GANZ

Eine Abrechnung mit dem "Realen Sozialismus" und dem Imperialis- mus deutscher Nation Resultate Verlag Copyright 1989 by Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher Literatur mbH Barerstr. 60 8000 München 40 Verantwortlich Dr. Karl Held Druck und Vertrieb: MHB Gesellschaft für Druck und Vertrieb wissenschaftlicher Lite- ratur mbH Amalienstr. 67/Rgb. 8000 München 40 ISBN 3-922935-31-1 Abweichende Meinungen zur "deutschen Frage" ------------------------------------------- - halten nichts von einer Kritik, die die Politik des "Realen So- zialismus" als organisiertes Verbrechen verdammt und seine Ökono- mie als Bereicherungsquelle ihrer Macher entlarvt. Statt dessen kritisieren sie die politische Ökonomie der DDR und rechnen mit einer Planwirtschaft ab, die keine war; - beteiligen sich nicht an der Suche nach Perspektiven für einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Statt dessen kritisieren sie die realsozialistische Form politischer Herrschaft und rech- nen ab mit dem alternativen Nationalismus, dem das Herrschen im Namen des Volkes diente; - hüten sich vor der Verwechslung des deutschen Wiedervereini- gungsprogramms mit ein bißchen Reisefreiheit. Statt dessen kriti- sieren sie den imperialistischen Geist der "deutschen Frage" und rechnen mit dem D-Mark-Kapitalismus ab, der sich den Osten her- richtet; - beteiligen sich nicht mit guten Ratschlägen an dem Projekt, die DDR in ein deutsches "europäisches Haus" einzubauen. Statt dessen rechnen sie mit dem nationalen Programm ab, das den "Weltfrieden" um einen echt deutschen Casus belli bereichert. Inhalt Statt eines Vorworts: "Bevormundung" Die Fluchtwelle des Sommers '89 Die Mauer: Mahnmal eines gescheiterten Nationalismus 10 Fragen an unsere neuen Mitbürger aus der DDR Ein Leserbrief aus Leipzig Die Selbstkritik der SED: Grundverkehrt, bitterernst, hochmoralisch, also stalinistisch Ein kleines Folgeproblem hüben mit den Folgen des "aufrechten Gangs" drüben Herbst '89 - Eine Republik starrt ungläubig auf ihre Taten von gestern: Wie konnte es dazu kommen? Der Weisheit letzter Schluß: Ausgerechnet "freie Wahlen"! Die "friedliche Revolution": Mit aufrechtem Gang in Richtung in Richtung Großdeutschland Das Volk - eine furchtbare Abstraktion Alle rufen nach "ökonomischen Reformen". Aber: Was soll in der Wirtschaft der DDR eigentlich anders werden? Kommando durchs Geld und Manipulationsideale statt planmäßiger Arbeitsteilung: Der "leistungsgerechte" und "leistungsstimulierende" Lohn "Gerechte und soziale Preise" und die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik": Was sind diese "Errungenschaften" des "Realen Sozialismus" wert? Mehr Markt - weniger Plan: Wieso jetzt auf einmal "gegen Bürokratie und Zentralismus"? Warum soll die DDR-Mark konvertibel werden? Und wozu braucht der "Reale Sozialismus" Ausgerechnet "Kapitalhilfe"? Gegen den deutschen Wahn Die Mauer ist weg - wer hat was davon? Ein Leserbrief aus Halle Was tun? Ein Wort an die linke Opposition in der DDR Eine Nation wird hilfsbereit Ob mit oder ohne "10-Stufen-Plan", das Programm der BRD ist klar: "Investitionen für Deutschland" Die Idee vom "europäischen Haus" - und ihre imperialistische Wirklichkeit Friedliche Eroberung? Anhang 1 Die "realsozialistische" Weltmacht und ihre Führer Stalin - wer war das? Michail Gorbatschow: Warum dieser Mann keinen Respekt verdient Anhang 2 Kommunismus tot? Statt eines Vorworts "Bevormundung" -------------- Nach seinen Errungenschaften des Jahres 1989 befragt, gibt das in Bewegung geratene Volk der DDR ziemlich stolz und selbstbewußt Auskunft: Die Bürger des einen deutschen Staates, ob sie nun um- ziehen, reisen oder daheim demonstrieren, sind froh darüber, ei- ner Jahrzehnte währenden B e v o r m u n d u n g zu entrinnen. Seit sie sich nicht mehr "gängeln" und "kommandieren" lassen - so ihre Kennzeichnung der verbesserten Lage -, ist endlich wieder Hoffnung begründet, sind brauchbare Perspektiven in Sicht. Mit dieser Haltung lehnen viele Ex- und Noch-DDR-Bürger sehr selbstsicher bis ärgerlich die Kenntnisnahme von Argumenten ab, die sich etwas anders mit der vergangenen und aktuellen Entwick- lung in der DDR befassen. Befunde, die sich gar wie eine Kritik der Illusionen - über errungene "Siege" und künftige Annehmlich- keiten - anhören, sind da gänzlich unbeliebt. Sie klingen in den Ohren der Menschen, die sich gerade darüber freuen, den "Druck" von gestern losgeworden zu sein, wie eine Geringschätzung ihres "Aufbruchs". Viele entnehmen dem Versuch, die Veränderungen nüch- tern zu analysieren und auf die Härten der anstehenden "Erneuerung" aufmerksam zu machen, nichts Geringeres als - einen neuen Versuch zur "Bevormundung"! Insbesondere dann, wenn Leute, die sich Kommunisten nennen, ihre Überlegungen an den Mann brin- gen wollen, weiß man Bescheid: das sind die, die einem nur Vor- schriften machen! * Im Vergleich dazu benehmen sich die Instanzen, die maßgeblich an der Neuordnung der Politik und Wirtschaft der DDR beteiligt sind, äußerst zuvorkommend. - Die S E D und die ihr so lange treu verbundenen B l o c k p a r t e i e n ereifern sich geradezu in der Beteue- rung, daß sie niemanden mehr zu bevormunden gedenken. "Das Ge- sicht zum Volke" lautet ihre neue Parole; und während sie ver- sprechen, ab sofort um das Vertrauen des Volkes zu werben und zu kämpfen, leiten sie ein neues Staatsprogramm und eine "Vertragsgemeinschaft" mit der BRD in die Wege, ohne auch nur einen Leipziger oder Dresdener zu "gängeln". - Die B u n d e s r e g i e r u n g schwört ebenfalls Stein und Bein; auch sie will die Menschen in der "Zone", über die sie schon immer ihr Verfügungsrecht angemeldet hat, auf keinen Fall bevormunden. Ganz locker beruft sie sich auf Flüchtlinge, Demon- stranten und alle, die "gebraucht werden" in der DDR von morgen. Genauso locker wie auf das Grundgesetz der BRD - und zieht wäh- renddessen ein Einmischungs- und Wiedervereinigungsprogramm durch, in dem das von neuem Selbstbewußtsein erfüllte Volk als Manövriermasse vorgesehen ist. - Deswegen, weil demnächst ganz viele "Investitionen für Deutsch- land" stattfinden; weil das so investitionsstarke Deutschland- West schon führend an einer dritten Weltmacht E u r o p a be- teiligt ist, wird auf westeuropäischen Gipfeltreffen ebenfalls verhandelt, was aus der DDR und ihrem menschlichen Inventar wer- den soll. Freilich immer, ob die europäischen Partner nun die Wiedervereinigung ablehnen oder unterstützen, unter einem Vorbe- halt: Bei all ihren Entscheidungen ist die gesamte EG gegen jede Bevormundung ... - Dasselbe und große Worte über "Selbstbestimmung" samt Demokra- tie heben sogar die hohen Herren G o r b a t s c h o w und B u s h auch nach ihrem Seegipfel vor Malta immer wieder hervor. Klar, es ist allemal i h r e Sache zuzusehen, was sie in ihrem Interesse aus dem Staat DDR samt Volk machen (lassen) - aber daß sie bei der Kalkulation mit den "Kräfteverhältnissen" in Europa, die ihnen als Weltmächten nun einmal zusteht, eines vergessen, ist unwahrscheinlich: die Berufung auf das Volk, das keine Bevor- mundung braucht! Den meisten Respekt genießt das D D R - V o l k seit dem Herbst 1989 bei denen, die aufgrund ihres Einflusses auf den D D R - S t a a t entscheiden, was aus beiden wird. In ihren deutschland-, europa- und weltpolitischen Initiativen stellen sie die Weichen; ohne Scheu verhandeln sie darüber, wie demnächst in der DDR zu regieren ist und welchen Zielen die Benutzung des Vol- kes unterworfen gehört. Erlauben können sie sich das, weil es tatsächlich von ihnen und vom Einsatz ihrer Mittel abhängt, unter welchen Bedingungen jede künftige DDR-Regierung ihren Staat führt - und welche "Sachzwänge" sie, wegen Devisen, Import und Export, ihren Bürgern aufhalst. Erlauben können sie sich deswegen auch das billige Zugeständnis an das bewegte Volk, dessen Recht auf N i c h t - B e v o r- m u n d u n g sie unablässig bekräftigen. Sie verlassen sich eben auf die Bedingungen, denen sich die Regierenden wie die reiselustigen Werktätigen fügen müssen; Bedingungen, die vor allem die ehemaligen "Revanchisten" aus der BRD stellen können, weil von ihrer "Hilfe" abhängt, was sich der Staat der DDR auf der einen Seite, das Volk auf der anderen wirtschaftlich leisten können. Und nicht nur das. Mit ihrem Lob des Bürgers, der sich zum Pro- test gegen den SED-Staat entschlossen hat, gehen die auswärtigen Interessenten an der DDR auch offen b e r e c h n e n d vor. Wer sich gegen "Bevormundung" auflehnt - da sind sie sich sicher -, meint immer die eigene Regierung; eben die Instanzen, die ei- nem Beschränkungen aller Art verordnet und spüren läßt. Wenn die fälligen Neuerungen im Arbeiten und Leben, beim Reisen und "Devisenerwirtschaften" den Leuten Probleme bereiten, so dürften sie allemal ihre "Bevormunder" haftbar machen! D i e sind näm- lich für die Durchsetzung der modernen "Sachzwänge" in der DDR verantwortlich, die sie in der "Vertragsgemeinschaft" mit der BRD vereinbaren, wenn sie ihren "Sozialismus" retten wollen. Die Berechnung, von der die Rede ist, geht inzwischen schon so weit, daß man in Bonner Regierungskreisen auf d i e alles klä- rende "Einsicht" hofft bei der DDR-Bevölkerung: Diese soll in der "schmerzhaften Phase des Übergangs" (so die Voraussage des BRD- Wirtschaftsministers Haussmann für die Auswirkung der "Hilfe" und "Zusammenarbeit") schlicht merken, daß eine souveräne DDR-Regie- rung einfach das einzige und größte Hindernis ist. Nämlich für die Segnungen der Freiheit und ihrer Marktwirtschaft, welche die Bürger von Dresden und Rostock nun einmal brauchen. Die Ende No- vember '89 bei Demonstrationen aufgekommenen Parolen für das "einig Vaterland" geben solchen Hoffnungen frühzeitigen Auftrieb. * Freilich gibt es auch in der DDR - und zwar in der SED wie in der oppositionellen Bewegung und bei eher passiven Bürgern - genug Leute, die vor der angesagten Wiedervereinigung ein wenig er- schrecken. Hans Modrow mag die Übernahme seines Gemeinwesens durch die Bonner Regierung ebensowenig wie Stefan Heym, und man- cher vor die Fernsehkameras gezerrte Zoni hat auch seine Beden- ken. Obwohl man annehmen könnte, daß ein um die Rolle der SED in der künftigen DDR-Politik werbender und kämpfender Ministerpräsident anderes im Sinn hat als ein schon längere Zeit kritischer Schriftsteller - in diesem Punkt sind sie sich einig. Auch mit dem Bürger, der vor den Medien des Westens dem Import der bundes- deutschen Politik und dem dazu gehörigen Geschäft zustimmen soll. Sie haben auch sehr verschiedene Gründe, dergleichen nicht zu wünschen. Der eine macht Andeutungen über die Erhaltung des Staa- tes DDR, der andere über die Notwendigkeit einer Alternative zum Deutschland der Großkonzerne; der dritte will einfach nicht ein- sehen, daß seine Lust, mit weniger Beschränkungen als bisher le- ben zu wollen, gleich dasselbe sein muß wie ein in Bonn ausge- hecktes Anschlußprogramm. Dennoch schaffen sie es, zwar für Zu- sammenarbeit, aber nicht für Wiedervereinigung zu sein - und da- bei mit e i n e r Stimme zu reden. Der Schlüssel zur Gemeinsam- keit liegt schon wieder darin, daß sie allesamt e i n e s n i c h t leiden können: B e v o r m u n d u n g! Auf diese Weise bringen sie zwar eine Befürchtung zum Ausdruck, weigern sich aber erneut anzugeben, wovor. Mit der Perspektive konfron- tiert, demnächst für ein Sanierungsprogramm ihrer DDR geradeste- hen zu müssen, in dem westdeutsche Interessen auf ihre Bedienung dringen, fällt ihnen nur eines ein - daß sie übergangen werden. Und das ist ein ernster Fehler. * Denn ü b e r g a n g e n wird das Volk künftig ebensowenig wie unter den unseligen Tagen, als Honecker und die Seinen bestimm- ten, wo's lang ging. Es ist schon recht merkwürdig, wenn erwach- sene Menschen eine ganze Periode "gesellschaftlichen Lebens" - in der sie gearbeitet und gewohnt, gekauft und gewählt, ferngesehen und gesportelt haben ... - als "B e v o r m u n d u n g" abbu- chen. Umgekehrt: Sollte d a s die Mission der SED gewesen sein, immerzu die Leute zu bevormunden? Oder hat sie wenigstens ein paar Pläne und Gesetze gemacht, die sozialistischen Bürgern einem Reglement von Rechten und Pflichten unterstellt, ihnen Leistungen abverlangt und Belohnungen zugeteilt, Betriebe verändert und er- öffnet, andere gelassen, wie sie waren, den Urlaub über die Ge- werkschaft organisiert, Feiern inszeniert und Außenpolitik be- trieben? Um über den Sinn dieser Fragen bzw. Aufzählungen keine Zweifel aufkommen zu lassen: Es ist ziemlich lächerlich, die Maßnahmen des SED-Staates, die mit ihren Ge- und Verboten, aber auch mit ihren Angeboten das Leben von zwei Generationen bestimmt haben, jeglichen Inhalts zu entkleiden. Genau das tun aber alle, die nachträglich keine politische Ökonomie, kein Recht und kein öf- fentliches und privates Leben mehr entdecken können - weil sie ihre mehr oder minder schlechten Erfahrungen mit ihrer Obrigkeit in dem Stichwort "Bevormundung" zusammenfassen! Und das tun erst recht diejenigen, die voller Wut und Begeiste- rung "hinter" der "Bevormundung" doch noch ein materielles Motiv entdeckt haben wollen, nämlich in der privaten Bereicherungslust eine Handvoll SED-Häuptlinge, denen die Stichwortgeber im Westen und die empörten Massen im Osten der Nation glatte 100 Milliarden auf den berüchtigten "Schweizer Nummernkonten" nachsagen. Eine Diebesbande an der Macht: D a s wäre das Geheimnis eines ganzen umständlichen "Systems der Planung und Leitung" mit RGW-Ver- pflichtungen und Westhandel, mit Lohnkennziffern und Prämien- fonds, mit Kernkraftwerken und Billigmieten? Dieser Wahn mag sich an jeder Devisensumme, die in irgendeinem Tresor in der DDR her- umliegt, seine "Bestätigung" abholen: Er hat mit der Produktions- weise des "realen Sozialismus" und ihren Härten nichts zu tun; er ersetzt Kritik endgültig durch kriminalistische Phantasie. Anders ausgedrückt: Wer gar nicht prüfen will, w e l c h e I n t e r e s s e n gültig waren und welche darunter litten; warum der gesellschaftliche R e i c h t u m und M a n g e l so und nicht anders geschaffen und verteilt wurden; wer sich nicht einmal die Frage stellt, warum und wozu B e f e h l und G e h o r s a m gut waren - der ist äußerst u n k r i- t i s c h. Wer die Imperative der alten Staatsmacht nicht auf ihre Ziele und Mittel hin begutachten mag, weil er sich mit der Feststellung begnügt, d a ß er von ihnen "betroffen" war und daß er sich beschränkt vorkam, führt eine sehr billige Beschwerde. Er klagt ja nur darüber, daß ihm keine Rücksicht zu- teil wurde - ohne zu sagen, wobei! Und er will sich auch künftig gar nicht dazu aufraffen; die Verhältnisse, unter denen er lebt, s e l b s t z u b e s t i m m e n. Statt sich Rechenschaft darüber abzulegen, inwiefern seine Interessen zu kurz gekommen sind und was auf seine Kosten durchgezogen worden ist, pflegt er sein b e l e i d i g t e s S e l b s t b e w u ß t s e i n. Man hätte mehr d ü r f e n wollen, insbesondere mal seine ei- gene Meinung sagen - mehr steckt nicht in der Klage über die all- gegenwärtige "Bevormundung". Andernfalls wäre die ärgerliche Wahrnehmung dessen, daß man bevormundet wird, auch schon die Beendigung des unschönen Zustandes - man läßt es sich einfach nicht gefallen. * Eine solche Beendigung der Klage und der Übergang zur Kritik daran, wie in der DDR Staat gemacht und Ökonomie getrieben wird, ist gerade bei der regelmäßig demonstrierenden und diskutierenden Opposition nicht auszumachen. Sooft sich Leute der Partei den aufgeregten Versammlungen stellen, läuft der gleiche Film ab. Neue und alte Politiker erzählen, daß sie das Volk zu wenig ge- achtet hätten. Die Bürger entgegnen, daß sie ihnen nicht glauben. Die Politiker beteuern, daß sie es ehrlich meinen mit ihrer Lo- sung "Das Gesicht zum Volke!" Die Bürger lassen per Sprechchor und Plakat verlauten "Wir sind das Volk!" - was sowieso niemand bezweifelt - und melden ihren Wunsch nach Respekt an. Und während die Politiker unablässig um V e r t r a u e n werben, besteht das Volk hartnäckig darauf, nur Politikern zu vertrauen, die das verdienen. So wird die G l a u b w ü r d i g k e i t s f r a g e von Amtsträgern und Wählern erörtert - und weder ein Fehler der alten Politik noch das künftige Staatsprogramm ist Gegenstand des Streits. Den a l t e n "Bevormundern" wird nicht getraut, wobei der Vorwurf, sie hätten ihre Privilegien in Saus und Braus genos- sen, während das Volk darben mußte, zum politökonomischen Grund- wissen gerät. N e u e n Kräften schenkt man freilich schon ei- niges Vertrauen - bei welchem Geschäft, ist keine Frage. So ent- steht auf der einen Seite eine flotte Lynchmentalität, auf der anderen ein demokratischer Untertanenkult. Die Sicherheit, daß die alte Garde der SED mit Kommunismus - das ist drüben ein "Ideal" - wenig am Hut hatte, bewegt die aufgeregten Bürger kei- neswegs dazu, dann wenigstens selbst Ernst zu machen mit dem Kom- munismus. Der besteht nämlich nicht darin, daß man als Werktäti- ger Leute seines Vertrauens den Staat machen läßt und ihnen viel Erfolg wünscht. Vielmehr darin, daß man die Sache mit der Wirt- schaft, dem Produzieren und Verteilen etc. selbst in die Hand nimmt und bestimmt, was wie laufen soll. Wenn es zum Funktionie- ren der beschlossenen Arbeitsteilung Funktionäre braucht, dann bestellt man sie sich - und prüft, ob sie ihre Sache gut machen. Aber "Funktionäre" sind für DDR-Bürger auch schon längst dasselbe wie Politiker, die erfolgreich und vertrauenswürdig, ineffektiv oder korrupt ... - r e g i e r e n. Insofern bewegen sich die in Aufbruchsstimmung schwelgenden Massen zielstrebig in eine Richtung - in die Rolle des d e m o k r a t i s c h e n U n t e r t a n e n, der stolz darauf ist, das Personal des Staates e r m ä c h t i g e n zu dürfen und dabei seine höchst- persönliche Meinung zur Geltung bringen zu können. Unter der trostlosen Bedingung, daß die Aspiranten für die Macht um ihr wertes Vertrauen buhlen müssen, sehen sie ihre "Würde" gewahrt. Und halten es für völlig überflüssig, Politik und Ökonomie ihres Systems einer Kritik zu unterziehen. Wie gesagt: Ihre ganze Kri- tik heißt ja "B e v o r m u n d u n g". So brauchen sie sich bei Krenz und Gerlach ebenso wie bei deren Konkurrenten und Nach- folgern immer nur die Frage zu stellen, ob sie's "ehrlich mei- nen", wenn sie sagen, sie meinen es ehrlich. Das "es" scheint ziemlich unwesentlich zu werden, wenn moralische Probleme mit den hohen, aber volkstümlichen Herrschaften die Hauptsache sind. Die neuen Imperative, an denen auch die jeder "Bevormundung" abge- neigte Bundesregierung mitwirkt, heißen dann eben "Sachzwänge". Die werden dem zu seiner Mündigkeit geläuterten Volk öffentlich glaubwürdig verkauft. Die Fluchtwelle des Sommers '89 ------------------------------- Die alte DDR ist kaputt, eine neue noch gar nicht absehbar, und schon sind lauter Geschichtslegenden unterwegs, wer da über wen gesiegt - das Volk über seine Unterdrücker, oder überhaupt die Freiheit über den Kommunismus - und wer sich durch vornehmes Raushalten ausgezeichnet hätte - die Bundesregierung nämlich. Geben wir doch der Wahrheit die Ehre: Die Flüchtlinge haben die DDR kaputtgemacht. Freilich nicht mit ihrem ohnmächtigen und dann auf einmal nicht mehr aufzuhaltenden privaten Drang nach Westen. Zum Untergang der alten SED-Herrschaft sind sie durch die Macht geworden, die ihnen die "Abstimmung mit den Füßen" - so heißt auf westlich, was drüben "Republikflucht" hieß - ermöglicht und ange- tragen hat und wofür ihre Flucht so ohne jeden Rest funktional war. 1. Wie hat es wirklich angefangen? ---------------------------------- Die bundesdeutschen Botschaften in den osteuropäischen Ländern haben Besuch von DDR-Bürgern bekommen, die nicht mehr gegangen sind. Daß sie bleiben durften, verdanken sie einer einzigartigen bundesdeutschen Rechtskonstruktion. Danach ist die DDR zwar ein Staat der ein eigenes Territorium und eine unter Vorbehalt aner- kannte Staatsgewalt besitzt. Nur ein eigenes Volk hat er nicht; denn das wird von der westdeutschen Bundesregierung als zu ihr gehörig betrachtet. Das heißt praktisch überhaupt nichts weiter, solange die DDR-Insassen - richtige Staatsangehörige der DDR sind es ja nach bundesdeutschem Recht nicht - zu Hause bleiben. Wann und wo immer es aber geht, kann so ein verhinderter Bundesdeut- scher sich ohne jede Schikane und ohne Numerus clausus in der BRD einschrieben lassen. Die westdeutsche Republik will zuständige Schutzmacht aller Menschen mit DDR-Ausweis ebenso wie ihrer ein- geborenen Paßbesitzer sein. Jeder weiß, was das ist, auch ohne Völkerrechtskenntnisse; Diplo- maten wissen es sowieso, und die Bundesregierung selbst macht aus ihrer Absicht gar kein Geheimnis: Die staatliche Existenz der DDR wird in einer entscheidenden Hinsicht prinzipiell in Abrede ge- stellt. Denn es geht ja gar nicht um so etwas Geringfügiges wie ein Asyl für politisch Verfolgte, also den Rechtsfall, in dem ein um Schutz ersuchter Staat sich die Bewertung und Verwerfung der Strafverfolgungsgründe eines anderen Staates vorbehält - was auch schon immer eine außenpolitisch konfliktträchtige Sache ist. Es geht auch nicht bloß um "Volkstumspolitik" - die übrigens auch kein Staat der Welt nur annähernd so raumgreifend praktiziert wie die BRD, und zwar über die DDR hinaus nach Osten -, also den Rechtsanspruch einer Regierung auf eine gewisse Zuständigkeit für Volksgruppen in fremden Staaten, wobei aber immer noch die Hoheit des anderen Souveräns auch über diese Volksgruppen anerkannt bleibt; und schon das bedeutet die Einrichtung eines fortwähren- den Streitfalls zwischen den Beteiligten. Gegenüber der DDR wei- gert sich die BRD grundsätzlich, und ihre Regierungen haben sich diese Weigerung durch ihr höchstes Verfassungsgericht als bin- dende Pflicht bestätigen lassen, die Bürger dieses "zweiten deut- schen Staates" rechtlich als Ausländer zu behandeln. Damit ver- weigert sie der DDR die staatliche Anerkennung, die sie im übri- gen der DDR-Regierung als solcher, als höchster Gewalt im eigenen Land, in dem Maße gewährt, wie es nötig ist, um deren Land und Leute in d e r Form und mit d e n Mitteln für westdeutsche Interessen zugänglich zu machen, wie dies im Verhältnis zum nor- malen Ausland auch sonst überall üblich ist. Neben diesen norma- len "gutnachbarschaftlichen" Beziehungen betreibt die BRD so eine Politik der friedlichen, aber gründlichen Infragestellung der Souveränität ihres Nachbarn. Dieses Nein zur Existenz der DDR setzt für seinen Erfolg auf die Kalkulationen und Entscheidungen der DDR-Bürger, auf eine Ent- zweiung zwischen ihnen und ihrem Staat, aus welchem Grund auch immer - Begeisterung für die BRD muß es gar nicht sein. Das Volk der DDR wird durch das pauschale westdeutsche Staatsangehörig- keitsangebot in eine Entscheidungssituation hineinbugsiert, die sonst kein Volk der Welt so locker geboten bekommt und in der es selber im Grunde auch wieder gar nicht das entscheidende politi- sche Subjekt von irgend etwas ist: Ihm wird von der Bundesrepu- blik die Befugnis zugesprochen, sich dem bundesdeutschen Nein zur DDR anzuschließen. Und d a s tut automatisch jeder der das bun- desdeutsche Sonderangebot auf Einbürgerung annimmt oder annehmen möchte; automatisch, also ohne daß er sich die Ablehnung oder gar Bekämpfung der eigenen Staatsgewalt auch nur im geringsten zum Anliegen zu machen und d a f ü r einen Finger krumm zu machen bräuchte. Denn der gesamte politische Inhalt einer individuellen Vorliebe für den westdeutschen Paß liegt schon fix und fertig vor, in der eingeräumten Wahlfreiheit als solcher. Die DDR hat auf diesen vertrackten Angriff auf ihre Existenz- grundlage so reagiert, wie ein Staat da nur reagieren kann. Sie hat ihre Gewalt dafür eingesetzt, daß diese Entscheidung sich für ihre Bürger praktisch gar nicht stellt: Keine freie Ausreise in Staaten, die den westdeutschen Übernahmestandpunkt für DDR-Bürger gelten lassen; Verträge mit den für die eigene Bevölkerung frei zugänglichen verbündeten Staaten über die nötige Stützung der DDR-Hoheit über ihre Bürger. D o r t hat sich in den bundesdeutschen diplomatischen Vertre- tungen immer wieder DDR-Besuch eingestellt; und die Botschaften des Bonner Alleinzuständigkeitsanspruchs in Sachen deutscher Staatsbürgerschaft haben auf ihrer Schutzmachtfunktion bestanden. Die "Zufluchtsuchenden" waren stets willkommen als Symbole dieser durch die BRD definierten Rechtslage. Das bundesdeutsche Recht auch praktisch durchzusetzen, kostete "zähe Verhandlungen", die regelmäßig gewonnen wurden, weil die Bonner Macht schon längst etwas gilt in den Hauptstädten des "sozialistischen Lagers". - Und in Budapest, im Sommer '89 ist dann "der Damm gebrochen". Es war wohl nicht zuletzt die melodramatisch inszenierte Demon- tage des "eisernen Vorhangs" an der ungarisch-österreichischen Grenze, die ausreisewillige DDR-Bürger auf die Idee brachte, in Ungarn müßte sich auch für sie die Grenzfrage anders stellen. Und damit hatten sie wohl Recht; insofern nämlich, als das Abschnei- den von Stacheldraht von der neuen ungarischen Regierung durchaus als diplomatischer Wink gemeint war. Zwar nicht an DDR-verdrossene Touristen, sondern an den zum Staatsbesuch ange- sagten US-Präsidenten und an den Westen überhaupt, und weniger den Export von SED-geschädigten Ostdeutschen als den freiwilligen Import von Kapital und marktwirtschaftlichen Vorschriften betref- fend. Für die westdeutsche Regierung war das aber schon so gut wie eine Einladung zu dem Versuch, gleich auch noch die vertrag- liche Solidarität des ungarischen Staates mit dem DDR-Staatsbürgerrecht zu brechen. Von diesem politischen Inhalt der ungarischen Grenzöffnungsgeste brauchten die Ausreisewilligen nichts zu wissen; das volkseigene Gerüchtewesen genügte, um den Garten der bundesdeutschen Bot- schaft zu füllen. Die Duldung der ungarischen Regierung gab ihnen recht; also kamen immer mehr; und wo sich so viele sammelten, konnten noch viel mehr nicht mehr widerstehen. So wurden "unhaltbare Zustände" herbeigeführt; und deren "humanitärer Lö- sung" konnte die ungarische Regierung ganz einfach auch nicht mehr im Wege stehen. Das Ergebnis zeigt freilich, daß es bei der Humanität um nichts als die Rechtslage gegangen ist. Denn die war am Ende neu festgelegt, im Sinne des bundesdeutschen Eingemein- dungsstandpunkts. Und damit war die Fluchtwelle da. An diesem Ergebnis hat, neben den Regierenden in Bonn und in Budapest und den Ausreisewilligen selbst, in sehr aufschlußrei- cher Weise noch eine vierte Partei mitgewirkt: Die Organe der westdeutschen Öffentlichkeit haben sich der Lage angenommen. Zum einen ideologisch, was keine große Leistung war. Die Konstella- tion selbst sorgt nämlich bereits dafür, daß der bundesdeutsche Rechtsanspruch gegen den Staat DDR völlig deckungsgleich zusam- menfällt mit den privaten Ausreisewünschen der "Zufluchtsuchen- den", mit ihren Nöten im Zeltlager und mit ihrer Erleichterung nach vollbrachtem Grenzübertritt. Aus Gründen, die völlig verschiedenen Welten angehören - die politische Option der westdeutschen Macht auf ein neues Großdeutschland hier, Überdruß am SED-Staat und hübsche Lebenspläne dort -, wollen ja beide Sei- ten genau dasselbe, nämlich ein Loch in der Abschirmung der DDR. Auf diesem Punkt: dem Grenzübertritt, seinen Chancen, Hindernis- sen, Erleichterungen usw., brauchten die Journalisten nur herum- zureiten, um fürs öffentliche Bewußtsein die Differenz zwischen dem politischen Inhalt des Geschehens und den menschlichen Schicksalen ideologisch vollends zu tilgen. Selten hat eine impe- rialistische Großtat so total menschlich-fürsorgerisch ausgesehen wie in dieser authentischen Berichterstattung. Und was Presse und Fernsehen ideologisch so leicht hingekriegt haben, das hatte auch seine praktischen Wirkungen. Denn der bun- desdeutsche Einspruch gegen die DDR-Staatsangehörigkeit ist ja nun einmal ein Nein gegen diesen Staat, das auf Leute angewiesen ist und setzt, die die damit ergangene Einladung annehmen und so die gemeinte Infragestellung der DDR erst praktisch wirksam ma- chen. Diese Leute mußten also mitkriegen, was da in Ungarn in Gang kam - das Gerüchtewesen unter den Betroffenen war zwar wirk- sam, für den Betreuungsstandpunkt westdeutscher Journalisten aber längst nicht wirksam und zuverlässig genug -; und diese Leute mußten, um sich gleich massenhaft ihrer Bonner Schutzmacht anzu- vertrauen, ja schon irgendwie denken, der wäre es - "irgendwie" - um ihre werte Person zu tun. Das ideologische Gemenschel war also, endlich mal, erfolgsorientierte Agitation; Journalisten durften mal wirklich "was bewegen" - und sich auf ihre eigenen Berichte als Beweise dafür berufen, daß sie natürlich alles nur aus humanitärer Verantwortung taten. Eine Sternstunde des bundes- deutschnationalen Journalismus! 2. Freilich: Losmarschieren mußten die DDR-Flüchtlinge immer noch selbst. Daß sie k ö n n e n, w e n n s i e w o l l e n, liegt an der bundesdeutschen Macht und dem Erfolg ihrer Eingriffe in die Staaten des Warschauer Pakts. Aber w a r u m wollen sie? Sie sind ja von Fernsehen und Presse der BRD ausgiebig nach ihren Motiven befragt worden. Was sie bereitwillig zu Protokoll gegeben haben, war sehr menschlich verständlich oder jedenfalls verständ- nisheischend und als begründete Absage ans politische System der DDR sehr schlagend und sehr schlecht. Schlagend war die an den Tag gelegte Empfindung, Druck und Abhängigkeiten des DDR-Alltags, dessen Enge und Lästigkeiten los zu sein. Menschlich verständlich die Angaben über den Inhalt dieses Gefühls, nämlich Freiheit; das Eingehen neuer Verbindlichkeiten und Abhängigkeiten, gerade wenn man die und deren alltägliches Gesicht noch gar nicht kennt, stellt sich allemal zuerst als Befreiung von den alten dar, die man leid ist. Ein Urteil über die Sache ist es allerdings nicht, auf die Drangsale zu deuten, denen man sich glücklich entronnen weiß, sondern wirklich bloß die Kundgabe einer subjektiven Be- findlichkeit vis-à-vis mit ungeliebten Realitäten. Deswegen sind Beschwerden dieser Art auch nie der Auftakt zu dem Versuch, sich zum Subjekt der Verhältnisse aufzuschwingen, die so schlecht auszuhalten sind, und d i e zu ändern. Wo kein Wille vorhanden ist, die eigenen Lebensbedingungen zu b e g r e i f e n, ist die Absage an sie auch bloß die Einleitung dazu, sich ihnen ge- genüber für o h n m ä c h t i g zu erklären, worauf normaler- weise ganz konsequent die private A n p a s s u n g an sie wei- tergeht - das Schimpfen selbst erweist sich da, und so kennt es ja auch ein jeder, als eine der Techniken, mit denen der grund- sätzlich anpassungswillige Mensch sich seine entsprechenden Lei- stungen wenigstens seelisch erleichtert. Nichts Besseres als solche billigen Kapitulationserklärungen ge- genüber der DDR-Realität haben die meisten Mitglieder der sommer- lich-herbstlichen Fluchtwelle zur Begründung ihrer Teilnahme an dem großen Treck gewußt. Sicher, sie haben sich auch bemüht, durch Übertreibungen den Schein eines politischen Urteils über die DDR zu erwecken, und ihr subjektives Befreiungserlebnis in das Bild einer umfassenden Unterdrückung übersetzt, das die bun- desdeutsche Öffentlichkeit sowieso hat und sich gerne bestätigen lassen wollte, so daß die paar Leute, die wirklich vor politi- scher Verfolgung davongelaufen sind, in diesem allgemeinen Ver- folgungswahn glatt untergegangen sind. Vor allem sollten sich die hartgesottenen westlich-demokratischen Reporter und Interviewer aber in eine namenlose existenzielle Notlage - "keine Zukunft", "keine Perspektive" - einfühlen. Die wurde mit Vorliebe an den mitgebrachten Kindern ausgedrückt: Denen wollten die in den We- sten kommenden Eltern ein Leben ersparen, dessen Unerträglichkeit sie dann für sich selber schon gar nicht mehr auf den Begriff zu bringen brauchten. Die war sowieso am schlagendsten durch den kleinen Wohlstand bewiesen, den die befragten Flüchtlinge nach eigener Aussage zurückgelassen hatten. Denn "Wirtschafts- flüchtlinge" in dem banalen Sinn, daß sie der Armut entkommen wollten, das mochten sie alle nicht sein; und sie können es auch nicht gewesen sein, weil sämtliche Angaben über materielle Entbehrungen in der Heimat und materielle Erwartungen an die BRD gar kein materielles Gewicht hatten, sondern bloß als an- schauliche Symbole von der allgemeinen Lästigkeit realsozialisti- scher Lebensbedingungen künden sollten und komplementär dazu von der Hoffnung auf die Freiheit, sich das Leben insgesamt im Westen mehr nach dem eigenen Geschmack einrichten zu können; das selbst- verständlich ganz bescheiden und, wie alle beteuert haben, in ge- nauer Kenntnis aller Härten, die sie sich damit einhandelten. Und das war überhaupt das Härteste an den offenherzig dargebote- nen Fluchtmotiven: Jeder hat g e w u ß t, daß die beglückt er- lebte Freiheit einen Inhalt hat, nämlich den Zwang, sich anzupas- sen; und jeder hat darauf bestanden, daß f ü r i h n und seine Liebsten die Gleichung umgekehrt aufgehen müßte, nämlich daß der Anpassungszwang, wie er im Westen herrscht, Freiheit ist und da- mit schon das existenzielle Lebensglück. Die Flüchtlinge haben sich als Leute vorgestellt, die völlig selbstverständlich davon ausgehen, daß ihre Freiheit und ihr ganzes Leben ein Produkt der politischen Lebensbedingungen ist, die sie vorfinden; die sich etwas anderes auch gar nicht vorstellen können und wollen; die sich bloß die eine freie Entscheidung herausnehmen wollen, in die Anpassungszwänge eines anderen, des westlichen Systems überzu- wechseln, weil die ihnen persönlich leichter fielen; und die für diese persönliche, private Entscheidung gar kein "warum" und "inwiefern" brauchen, weil doch sowieso alle so dächten. Ein sel- ten offenes Bekenntnis denkender Menschen dazu, als Privatleute b l o ß e P r o d u k t e zu sein. In dieser Gesinnung wurden dann auch schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt, zugeworfene Bananen begeistert aufgefangen, hier und da sogar westdeutsche Bahnsteige geküßt. Wer sich so total als die abhängige Variable der eingerichteten Verhältnisse begreift und aufführt, der nimmt seine neuen Lebensbedingungen natürlich als ein geschenktes neues Leben, als von oben gewährte Gnade in Empfang und ist schon ein Botschafter der Güte alles dessen, wo- von er jetzt abhängt, noch bevor er peinliche Bekenntnisse zur maßgeblichen Vereinsfahne ablegt. Bei den Teilnehmern an der Fluchtwelle des Sommers '89 sind also der Stolz des westlichen Systems - die Freiheit -, bundesdeut- scher Nationalismus und der allgemein bekannte und beliebte Standpunkt der begriffslosen, unpraktischen privaten Beschwerde deckungsgleich zusammengefallen; und die westdeutsche Öffentlich- keit hat ihnen noch die Ehre angehängt - auf die sie wohl auch ein wenig stolz waren -, die Subjekte und Urheber ihres triumpha- len Einzugs in die BRD, gar "Freiheitskämpfer" zu sein. Beweis- ziel dieses kleinen Schwindels war der Schein, westliche Demokra- tie und die deutsche Nation wären zutiefst menschengemäße Be- darfsartikel, für die ein DDRler meilenweit geht. Dieser Beweis hat deswegen so gut geklappt, weil genau das Gegenteil wahr ist: Der gesamte politische Inhalt der Fluchtbewegung war so sehr das Werk der bundesdeutschen Macht, die die Gelegenheit dazu geschaf- fen hat, daß die ausreiselustigen DDR-Bürger sie bloß wahrnehmen mußten und dabei politisch und ideologisch überhaupt nichts mehr falsch machen konnten. Die Flüchtlinge ihrerseits waren bei ihrer privaten Abrechnung mit der DDR so ohne begründete Kritik, bei ihrem Entschluß zum Weggang so ohne praktischen Veränderungswil- len - außer eben dem, s i c h zu verändern, nämlich staatsange- hörigkeitsmäßig -, und bei ihrer Ankunft im Westen waren sie schon wieder so bedingungslos einordnungsbereit, daß sich damit sogar ihre subjektiven Fluchtmotive als ein Produkt der Umstände erweisen: D i e G e l e g e n h e i t hat aus einer Beschwer- dehaltung, die sich zu ihrer Ohnmacht bekennt, einen Entschluß gemacht, nämlich den doppelten, die Enge des alltäglichen Lebens nicht mehr aushalten zu können und es lieber mit der großzügige- ren Atmosphäre der BRD zu versuchen. Die ehrlichsten unter den Grenzgängern der ersten Welle haben sogar gleich die "einmalige Chance" als ihren Fluchtgrund angegeben. Das war den publizisti- schen Flüchtlingsbetreuern der BRD dann freilich nicht mehr ganz recht - obwohl natürlich auch das noch durchaus menschlich ver- ständlich ist ... 3. Die Fluchtwelle war da, und die SED hat darauf so schlecht reagiert wie noch immer, wenn zwischen ihr und ihrem Volk unüber- sehbare Gegensätze aufgebrochen sind: Sie hat ideologisch und ad- ministrativ ihr Bestes getan, um sie abzustreiten. Um das Dogma von der Einheit des Volkes mit "seiner" DDR zu ret- ten, hat die Partei eine bescheuerte Deutung nach der anderen probiert: Die Zahlen wären aufgebauscht und prozentual gar nicht so eindrucksvoll. Die, die immerhin abhauen, wären Opfer west- deutscher Abwerbung, Irreführung, ja eines Menschenhandels - so wurden die Abwanderer wenigstens theoretisch für ihr Vaterland gerettet und dieses vor dem Makel eines massenhaften Beschlusses, aus ihm abzuhauen. Ein gewisser Vorwurf war damit freilich auch ausgesprochen: "Hier wirken die Gesetze des Klassenkampfes un- barmherzig. Nicht jeder hält diesen Anforderungen und Belastungen stand und verläßt sein Vaterland unter dem Druck der psychologi- schen Kriegsführung des Gegners". So etwas wie Desertion wäre also die Flucht, mangelnde Standfestigkeit im gemeinsamen Kampf - die Fiktion, den gäbe es als einigendes Band der DDR-Nation, lebte noch eine Runde weiter, blamierte sich allerdings an der Begeisterung, mit der die Abwanderer der DDR den Rücken kehrten und der BRD entgegenfieberten. Damit wurde eine etwas andere Be- tonung fällig: "Sie haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen." Die Beschimpfung der Flüchtlinge als unmoralische Abweichler hätte die moralische Schönfärbung der Lage im Sinne der ungetrüb- ten DDR-Wertegemeinschaft allerdings nur aufrechterhalten können, wenn die administrativen Bremsungsversuche der DDR-Führung ge- griffen hätten; zu einer durchgesetzen Gewalt hätte die ideali- sierende Lüge wieder gepaßt; so verhält es sich immer und überall mit staatlichen Ideologien. Tatsächlich folgte jedoch auf das Budapester Beispiel das Prager "Modell"; gleichfalls mit kata- strophal überfüllter BRD-Botschaft, aber ohne Grenzöffnung durch die Regierung der CSSR. Deren Vertragstreue zur DDR bereitete die nächsten Niederlagen der DDR-Führung vor: Die sah sich gezwungen, mit den bundesdeutschen Behörden, die ihr die staatsbürgerrecht- liche Hoheit streitig machen, um ihre Souveränität erstens zu verhandeln und zweitens nachzugeben. Der matte Versuch, den An- schein von Souveränität zu wahren und mit der Lenkung der Flücht- lings-Sonderzüge über DDR-Gebiet und Abfertigung der Ausreisenden durch die Volkspolizei dem Mauerexodus das Ansehen eines Raus- wurfs aus der DDR zu verpassen, ging notwendigerweise vollends nach hinten los. Denn dem wirklichen Inhalt nach war es eben das Gegenteil eines Souveränitätsbeweises der DDR - oder wenn schon, dann der Souveränitätsbeweis einer Staatsmacht, die ihn nötig hat: Die bundesdeutsche Oberhoheit über das DDR-Volk, sogar in Person anwesend, fuhr als Freiheitszug mitten durch die DDR. Ein paar Tausend, die nicht mehr und noch nicht nach Prag gekommen waren, sahen in dieser rollenden BRD-Botschaft eine rollende Fluchtgelegenheit, verloren eine kleine Schlacht um den Dresdner Hauptbahnhof - und die DDR-Führung stand vor einer unmöglichen Alternative. Der eine Ausweg wäre - für eine Staatsgewalt allemal naheliegend - R e p r e s s i o n gewesen. Das erschien der SED nicht mach- bar; vielleicht auch deswegen, weil sie damit ihre Staatsmoral von der unverbrüchlichen Einheit zwischen Volk und Staat - eine für beide Seiten sehr viel anspruchsvollere Ideologie als die de- mokratische Lehre vom staatlichen Gewaltmonopol als allerheilig- stem Rechtsgrundsatz - ganz offen gekündigt hätte, unübersehbar und ohne Beschönigungsmöglichkeit; ein Offenbarungseid vor der Partei selbst, vor dem Volk und vor dem sozialistischen wie nichtsozialistischen Ausland. Auf alle Fälle fehlte in jeder Hin- sicht die Rückendeckung durch das eigene Bündnis, das der DDR überhaupt jahrzehntelang ihre staatliche Eigenexistenz ermöglicht hat; im Gegenteil, die Führungsmacht auf Staatsbesuch zum Repu- blikjubiläum hatte die neuen Tugenden "Glasnost" und "Perestroika" angemahnt und damit ja nicht an den liberalen Staatsgrundsatz erinnern wollen, daß der "Druck der Straße" hin- weggefegt gehört, sondern Grenzen gezogen für den Gebrauch des staatlichen Unterdrückungsapparats. Rückendeckung fehlte in Un- garn; die bundesdeutschen Botschaften in Prag und dann auch in Warschau waren gleichfalls zu Löchern im System der Abschirmung der eigenen Bürger gegen die konkurrierenden Hoheitsansprüche der BRD geworden; und diese Situation ist schlechterdings nicht zu reparieren. Denn die Verbündeten der DDR haben nun einmal, ganz im Sinne der offiziellen Auflösung jeder östlichen Blockdiszi- plin, ihre nationale Bilanz aus Vor- und Nachteilen der Partei- lichkeit für die eine oder andere deutsche Seite gezogen; und sie haben jegliches Engagement ihrer Staatsgewalt zugunsten der Sou- veränitätsbelange der DDR-Führung für blockpolitisch überflüssig und weltpolitisch viel zu kostspielig befunden. Eine Abschirmung auch noch zu diesen Nachbarn hin kam für die SED gar nicht in Frage; das wäre ganz unvereinbar mit dem Status und dem Ehrgeiz der DDR als Exportnation mit Weltniveau und Kreditbedarf; als mo- derner Sozialstaat mit Tourismus als festem Posten im garantier- ten Lebensstandard; als leistungsfähiger, aber auch längst abhän- giger Zulieferer der BRD und "inoffizielles EG-Mitglied"; als weltweit respektierter Staat mit gewissen politischen Interessen vor allem in westlichen Ländern, an Anerkennung durch westliche Regierungen; usw. Die SED hat jedenfalls den anderen Ausweg versucht, eine Art "Flucht nach vorn." Ihre I d e o l o g i e zur Fluchtwelle hat die SED über Nacht von der Leugnung jeglicher Differenzen zwischen Führung und Volk und der Verurteilung vaterlandsloser Gesellen auf die These von den "hausgemachten Gründen" umgestellt. Diese neue, wörtlich der bundesdeutschen Häme entnommene These klingt wie ein ehrliches Eingeständnis, war auch so gemeint - die Wahrheit ist sie aller- dings auch nicht, genausowenig wie die blitzartig abgelegten Theorien. Sie kommt nämlich gar nicht "zur Sache": Es wird gar nicht unterschieden zwischen den Motiven der Abwanderer und den Fehlern des politischen Systems der DDR; es wird gar nicht ermit- telt, womit die SED ihrem Volk so furchtbar auf die Nerven gefal- len ist, geschweige denn, warum all die guten Gründe, die die Partei für ihre Herrschaft jahrzehntelang geltend gemacht hat, notwendigerweise zu dem Ergebnis tiefster Staatsverdrossenheit geführt haben; und schon gar nicht wird auseinandersortiert, in- wiefern die Fluchtwelle tatsächlich ein Produkt der DDR ist und inwiefern andererseits ein Werk des konkurrierenden bundesdeut- schen Besitzanspruchs auf die DDR-Bürger. Der Spruch von den "hausgemachten Gründen" s o l l gar nichts erklären. Er ist zum einen der ziemlich verzweifelte Versuch der SED, sich wenigstens ideell zum Subjekt des Geschehens und Herrn der Lage zu erklären, indem sie sich als Alleinschuldiger an ihrem Zustandekommen be- kennt; die Partei drückt darin lediglich ihren Wunsch aus, die Initiative zurückzugewinnen. Deswegen zieht sie mit ihrem Be- kenntnis zum anderen alle Anschuldigungen an die Adresse der BRD zurück, so als hätten deren Botschaften wirklich bloß aus purer Menschenfreundlichkeit herrenlosen Touristen eine warme Mahlzeit und die Verpflegung mit einem neuen Reisepaß gewährt. Ideell klammert die DDR-Führung damit aus der Massenflucht d i e M a c h t aus, die dazu erst die Gelegenheit geschaffen und po- litisch durchgesetzt und die gesamte DDR-Staatsgewalt samt Grenz- posten und Staatsicherheit z u r O h n m a c h t v e r u r- t e i l t hat - gerade so, als ließe sich damit auch die eigene Ohnmacht aus dem Geschehen ausklammern. Im Sinne dieses hilflosen Wunsches, die Situation zu retten, hat die SED auch g e h a n d e l t: Sie hat erlaubt, was zu verbie- ten sie gar nicht mehr die Macht hat, nämlich: daß jeder, der will, die Republik verläßt; daß folglich die Basis ihrer Macht, das Volk, nicht mehr als zuverlässige Größe einkalkuliert werden kann; daß also in Ökonomie und Politik, bei der Benutzung der Ar- beitskräfte wie bei der Versorgung der Bevölkerung, überhaupt nichts mehr von Staats wegen sichergestellt werden kann. Die SED hat sich, so als wäre das ihre souveräne Tat, auf den Boden der Tatsache gestellt, daß sie den einzigen Staat der Welt regiert, der wirklich auf dem Willen des Volkes beruht, nämlich nicht auf dem unausweichlichen "Sachzwang" dazubleiben, der das staatsbür- gerliche "Ja" zur "eigenen" Nation unausweichlich nach sich zieht, sondern allen Ernstes auf der guten Laune seiner Mann- schaft - und das bei einer Mannschaft, die sich nie die politi- sche Beurteilung der eigenen Lage und der etablierten Verhält- nisse zur Gewohnheit gemacht hat, sondern eine gehorsam und ver- bittert weggesteckte private schlechte Meinung über Staat und Partei. Die Initiative hat die SED-Führung damit nur in einem Sinn ergriffen, nämlich indem sie vor dem Mißmut ihres Volkes, das sie nicht mehr staatlich im Griff hat, einen Teil-Rückzug nach dem andern angetreten hat, bis hin zur offen eingestandenen Kapitulation vor der Umöglichkeit, die Grenze zur BRD überhaupt noch dichtzuhalten. 4. Die davonfahrenden DDR-Bürger sind sich in dieser Konstella- tion wie die politisch handelnden Subjekte und wie eine Art Volksmacht vorgekommen oder zumindest so interpretiert worden. Bei dieser (Selbst-)Deutung fällt freilich ein wenig unter den Tisch, daß ihr ohnmächtiger Unmut über die SED-Herrschaft über- haupt nur deswegen zur praktischen Tat, zur "Abstimmung mit den Füßen" wird, weil die BRD ihn dazu ermächtigt. Handelnde Subjekte waren da schon eher die Massen von DDR-Bürgern, die in ihren De- monstrationen die SED ihre Ohnmacht haben spüren lassen. Aller- dings haben auch die mit ihrem seltsam paradoxen Kampfruf "Wir bleiben hier!", dem unmißverständlichen Wink mit der Alternative abzuhauen, an die gar nicht von ihnen selbst hergestellte Grund- lage ihres höchst zivilen Ungehorsams erinnert. Zur Ohnmacht ver- urteilt war die SED nicht durch den unbestreitbaren Mut der er- sten Demonstranten, die ja wirklich noch keine Macht waren und deswegen Mut brauchten, sondern durch die von ihr gesehene Unmög- lichkeit, durch Repression wieder Herr der durch die Fluchtwelle geschaffenen Lage zu werden. Dieses Zurückweichen der Obrigkeit hat die Massen munter gemacht; und deren Munterkeit hat zu der optischen Täuschung geführt, sie hätten mit ihrer Volksmacht das Regime in die Knie gezwungen. Ihre Macht hat nach wie vor das von der Bundesrepublik geschaffene "Loch im System" des DDR-Staats und die so hergestellt Ohnmacht der SED zur "Geschäftsgrundlage"; und sie hat darin auch schon leider ihren ganzen Inhalt, denn zur Volksmacht mit einem Programm für einen gesellschaftlichen Um- sturz will ja keine der Demonstrantenmassen werden. Die voll- strecken praktisch nur ein Kräfteverhältnis, das in der politi- schen Konstellation selbst gegeben ist. Und es ist nur konse- quent, daß sie sich - unter tatkräftiger Mithilfe westdeutscher Betreuer und Stichwortgeber - zielsicher zu der Forderung hinar- beiten, dieses Kräfteverhältnis sollte doch auch offiziell in Kraft treten: "Deutschland einig Vaterland!" wird zum Leitmotiv der Leipziger Montagsabends-Vollversammlung. Freilich täuschen nicht nur die Demonstranten sich gern über die wahre Urheberschaft ihrer Erfolge. Der SED selbst ist ihre Nie- derlage ideologisch nur erträglich, indem sie die Demonstranten ebenfalls zur Volksmacht stilisiert, der sie als Volkspartei ohne Wenn und Aber zu gehorchen habe - so kriegt diese Partei noch in ihrer Entmächtigung eine Ehrenrettung ihres Parteidogmas von der Einheit zwischen Volk und Führung hin. Und den bundesdeutschen Betrachtern des Geschehens paßt es aus dem entgegengesetzten ideologischen Grund bestens in ihr demokratisch-konformistisches Weltbild, das Volk der DDR zum siegreichen Subjekt der Geschichte zu verklären: Sie sagen ja schon immer, daß "die Unterdrückung" gegen "die Freiheit" keine Chance hätte ... Mit der Öffnung der Mauer und der Grenze zur BRD hat die SED dem Anschein nach vor dem West-Drang ihrer Bürger kapituliert. Vor wem sie wirklich ihren Offenbarungseid geleistet hat und was für einen, das geht nur zu deutlich aus den Verhandlungspartnern her- vor, mit denen die neue Staatsführung um die Rettung ihrer Macht und um das verbindliche Programm für deren Gebrauch ringt. Da ist vom angeblich so revolutionären Volk und seiner Freiheit nichts zu sehen; die Demonstrationen sind Mittel eines Drucks, dem die Demonstranten selber gar keinen e i g e n e n politischen In- halt geben. Verhandelt wird m i t d e r B u n d e s- r e g i e r u n g, und zwar um alles. Der Totalrückzug der SED bis zur Preisgabe ihrer Abgrenzung gegen die BRD war eben eine Kapitulation vor dem Öffnungsanspruch der BRD; Sieger ist nicht das Volk, sondern die westdeutsche Regierung. Gegen die vermag die DDR-Führung ihren Souveränitätsanspruch nicht durchzusetzen; das hat sie mit der Grenzöffnung unwiderruflich eingestanden und sich dazu bekannt, daß ihre Souveränität nur noch auf Basis einer neuen "Verständigung" mit der BRD zu halten ist - also a l s d e r e n Z u g e s t ä n d n i s. An diesem definitiven Nullpunkt der defensiven Selbständigkeits- politik der DDR ist das DDR-Volk nur noch als Instrument fortdau- ernder, aber auch wieder unter Kontrolle zu bringender Unruhe- stiftung gefragt; und die Fluchtwelle hat als politischer Hebel ausgedient. Daß sie noch weitergeht, liegt erst einmal nur an ih- rer privaten Seite; die Kalkulationen der Ausreisewilligen enden ja nicht mit ihrer politischen Funktionalität. Aber unübersehbar treten die beiden bislang deckungsgleichen, in Wahrheit inkommen- surablen Größen - der Wille der BRD, die Volks-Hoheit der DDR zu brechen, und die Freiheitswunschzettel reiselustiger DDR-Bürger - auseinander, die miteinander den Massenexodus zustandegebracht haben. Ermahnungen zum Drübenbleiben, und zwar mit dem wunder- schön zynischen - bislang der SED und anderen um den Bestand der DDR besorgten Kräften vorbehaltenen - "Argument", alle würden d o r t g e b r a u c h t - wofür wohl? -, lösen in West- deutschland das "Herzlich willkommen!" für jeden Fluchtwilligen ab. Ob die demnächst wieder einmal gefragt sind oder Bekannt- schaft mit dem guten deutschen liberalen und demokratischen Asylantenstatus schließen dürfen, hängt ausschließlich davon ab, ob die bundesdeutsche Seite mit ihrem hoheitlichen Verfügungsan- spruch über die Bewohner der DDR in der DDR so vorankommt, wie sie das will. Die Mauer: Mahnmal eines gescheiterten Nationalismus ---------------------------------------------------- Jetzt ist sie weg. Warum war sie da? Die einen halten schon die Frage für einen Rechtfertigungsversuch und möchten außer Abscheu gar nichts gelten lasen. Mit dem Stand- punkt, daß eine Regierung keine g u t e n Gründe dafür haben kann, ihrem Volk den Weg zu verlegen, ersparen sie sich Kenntnis und Kritik der Gründe, die die DDR-Regierung damals hatte. Die hat ihrerseits nie eine wahrheitsgetreue Begründung gegeben. Die wäre auch nicht sehr gut ausgefallen. Ein Mittel des Sozialismus war die zugesperrte Grenze nie. Wie sollte das auch gehen. Zumal sie ja für kapitalistische Außen- händler und Bankiers, für imperialistische Staatsmänner und Franz Josef Strauß mit seinem Milliardenkredit immer sperrangelweit of- fen war. Die Mauer war ein Selbsterhaltungsmittel des SED - S t a a- t e s; ein sehr schlechtes, im Laufe eines Sommers vollends un- tauglich gewordenes. Er hat damit die Politik des westdeutschen Staates, der DDR ihre bloße Existenz als souveränes Gemeinwesen zu bestreiten und insbesondere die Hoheit über ihr Staatsvolk streitig zu machen aus einer Position der Schwäche heraus beant- wortet. Diese Antwort verdient kein Verständnis; sie verdient eine Erklärung. 1. Der DDR ist vom westdeutschen Staat, der Rechtsnachfolger des alten, also Vorläufer eines erneuerten Großdeutschland sein will, im Namen der d e u t s c h e n N a t i o n ihr Existenzrecht abgesprochen worden. Für eine Arbeiterpartei mit kommunistischer Tradition hätte das Anlaß genug sein können, sich auf ein paar kommunistische Wahrheiten über Nation und Nationalismus zu besin- nen. Sie war damit ja ganz praktisch konfrontiert: daß "Nation" nichts anderes ist als der Rechtstitel einer Staatsgewalt, ihren Herrschaftsanspruch geltend zu machen; und zwar ohne einschrän- kende Bedingung, eben b l o ß auf diesen Titel hin. Der gibt einer Staatsgewalt völlig ohne Grund und Zweck, ganz p r i n z i p i e l l Recht, indem er eine über jeden Zweifel erhabene Identität von staatlicher Gewalt und beherrschtem Volk dekretiert. So paßt dieser Rechtstitel zu einer Gewalt, die die organisierende Klammer einer Klassengesellschaft sein will und deswegen den feindlichen Interessen eine zweckdienliche Einheit aufherrscht. Mit Sozialismus jedenfalls ist er absolut unverträg- lich: Eine Gesellschaft, die die nötige Arbeit nicht dem Kommando des Geldes unterwirft, sondern vernünftig teilt, so daß sie allen Beteiligten nützt, braucht keine allgegenwärtige Beaufsichtigung durch staatliche Gewalt und deswegen auch nicht die Lüge, Staat und Untertanen wären letztlich ein und dasselbe kollektive Sub- jekt. Tatsächlich ist der SED noch nicht einmal die Phrase vom vater- landslosen Proletarier eingefallen, geschweige denn eine der Po- lemiken Lenins gegen die falsche, allemal arbeiterfeindliche Ein- heit, die die Verpflichtung aller gesellschaftlichen Interessen auf ihren staatlichen Zwangszusammenhang herstellt und die Beru- fung aufs "Wohl der Nation" absegnet. Das hätte allerdings auch schlecht gepaßt zu ihrem Entschluß, einen S t a a t aufzuma- chen: eine sozialistische Republik d e u t s c h e r N a- t i o n. Dieser neue Staat hat seine Herausforderung durch die BRD wie eine Einladung zu einer n a t i o n a l e n K o n k u r r e n z angenommen. Er hat sich definiert als das Unternehmen, die deut- sche Nation - zwar nur teilweise, aber vorbildlich - auf das Gleis des sozialen Fortschritts zu heben. Folgerichtig hat er al- les, was unter seiner Hoheit an Arbeit und Freizeit, an Sport und Wissenschaft, an Konsum und Kultur zustandekam, als Leistung des nationalen Kollektivs verbucht. Dabei hat er in seinen Erfolgsbi- lanzen stets - so oder so - an bundesdeutschen Verhältnissen Maß genommen. Und er hat, zumindest nach seinen Maßstäben, durchaus manchen Sieg errungen, z.B. bei der antifaschistischen "Säuberung" des Staatsapparats und "Umerziehung" des Volkes, einer Forderung der Siegermächte und ein Anliegen aller überlebenden Opfer der Nazi- Herrschaft. Bei der Existenzsicherung durch soziale Leistungen hat er sich durch den westdeutschen Sozialstaat nicht übertreffen lassen. Auf den Lieblingsspielplätzen internationaler Angeberei, Sport und Musik, hat er Weltniveau bewiesen. In anderen Fragen, denen des "Lebensstandards" vor allem, dessen Definition sie aus dem Westen übernahm, mußte die SED schon einiges an Übertreibun- gen - zum Guten auf der eigenen, zum Schlechten auf der feindli- chen Seite - aufbieten, um wenigstens vor sich selber Ehre einzu- legen. Wie auch immer: die entscheidende Schwäche dieses Vergleichens war stets, daß die SED damit nichts Geringeres als ihre Staats- gründung selbst rechtfertigen wollte; und zwar gegen eine west- deutsche Republik, die gar nichts zu rechtfertigen hatte, weil sie sich als Sachwalterin der deutschen Nation etabliert hatte - zu rechtfertigen hatte sie höchstens vor ihren revanchistisch ge- stimmten Anhängern die Tatsache, daß sie noch nicht das ganze Deutschland war, und da wurde ja von Anfang an Abhilfe verspro- chen. Mit diesem nationalen Rechtsanspruch aufs ganze Deutschland hat die BRD sich auch nie blamiert, auch nicht - wie die DDR es gern gehabt hätte - bei Honeckers Staatsbesuch; denn sie hat sich genügend Mittel beschafft, um neben ihren vielen anderen Interes- sen auch diesem nationalen Anliegen in der Staatenwelt Respekt zu verschaffen, sogar zunehmenden, wie man sieht; und diese Mittel der außenpolitischen Einflußnahme und Erpressung sind nun einmal in nationalen Fragen das einzige "Argument", das überhaupt zählt. Daß sie in dieser w i r k l i c h e n Staatenkonkurrenz nicht siegen konnte, ist hier nicht der Vorwurf an die DDR. Der Vorwurf ist, daß der SED, diesem sozialistischen Traditionsverein, im be- siegten Deutschland nichts anderes eingefallen ist - wohl auch von der genauso national gewirkten sozialistischen Siegermacht nichts Besseres aufgetragen war -, als aus dem Sozialismus eine S t a a t s r ä s o n zu machen, die Nationalideologie und (Miß-)Erfolgsmethode einer Konkurrenzunternehmens zur BRD. 2. Rechtfertigen wollte die SED ihre Staatsgründung vor den Leu- ten, die der Sieg der Roten Armee ihrer Macht unterstellt hatte. Daß ein Krieg, keine Revolution, sie zur herrschenden Partei ge- macht hatte, ist für sich nichts Ehrenrühriges. Um so mehr wäre es für Kommunisten fällig gewesen, die Erkenntnisse über Lohnar- beit, Staatsgewalt und "nationale Identität" unter die Massen zu bringen, ohne die zwar allerlei Umsturz, aber keine Revolution in Richtung Kommunismus zu machen ist. Die SED hat aber etwas an- deres vorgehabt, nämlich die Eröffung eines neuen Staates m i t - verstaatlichter - Lohnarbeit, politischer Herrschaft und natio- nalem Konkurrenzerfolg. Deswegen hat sie ihre Massen auch auf die denkbar schlechteste Gemeinsamkeit festgelegt, nämlich die Unter- ordnung aller unter ein und dieselbe Staatsgewalt. Mit "Sozialismus" hat sie einen Idealfall dieser Gemeinsamkeit ge- meint, also einen n a t i o n a l e n K o l l e k t i v i s- m u s propagiert. Die SED hat eben nie das politische Programm gehabt, in ihrem Zuständigkeitsbereich gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, die mit ihrer selbstverständlichen und einleuchtenden Nützlichkeit für die damit beglückten Werktätigen die Existenz einer allgegenwärtigen Staatsgewalt überflüssig gemacht hätte. Statt dessen hat sie ein System gesetzlich erzwungener Dienste und Abhängigkeiten hergestellt und dies den Leuten als ihre Heimat ans Herz gelegt - ganz nach der reaktionären Logik, welche die von der Staatsgewalt gestifteten "Realitäten" als vorgegebene Lebensumstände deutet, in die der Mensch hineingeboren wird, in die er sich deshalb einfügen muß und die er deswegen auch noch liebgewinnen soll. Für ihre Arbeit an einem DDR-Nationalbewußtsein hat die SED gegen ihren eigenen sozialistischen Idealismus seit jeher den leicht zynischen Extra-Grund auf Lager, man dürfte die Leute nicht mit zu viel Vernunft und Sozialismus überfordern und könnte eine Ge- sellschaft sowieso nicht "vom Kopf her" aufbauen. Nun ja, sie ha- ben es ja auch nicht nötig gehabt, Leute dafür zu agitieren, daß sie mit guten Gründen, also "vom Kopf her", eine Revolution ma- chen. Und die Gefahr einer Überforderung des antikommunistischen Gemüts durch sozialistische Einsichten war sowieso nie gegeben, weil die dafür ja erst einmal hätten vorliegen müssen. Die Par- teiideologie von der Rücksicht, die man aufs Volk und seine un- terentwickelte Bereitschaft zu richtigem Sozialismus nehmen müßte, ignoriert aber vor allem die auch nicht ganz einfache all- gemeine Lebensaufgabe, die dem Bürger mit der Aufforderung zur Heimatliebe gestellt ist. Schließlich soll er sich daran gewöh- nen, nichts in die eigenen Hände zu nehmen außer seiner Anpas- sung, die aber gründlich. Die Lebensverhältnisse, in die ja wirk- lich nicht "das Leben", sondern die SED ihn hineingestellt hat, soll der Mensch nicht beurteilen, schon gar nicht nach ihrem po- litischen Grund und Zweck, sondern hinnehmen und nach Gelegenhei- ten absuchen, sich darin wohnlich einzurichten. Und egal, wie die Suche ausgeht, soll er unverdrossen f ü r "seine" Heimat sein, einfach deswegen, weil er dazugehört und sowieso keine andere hat. Dieses nationale Erziehungsprogramm ist der SED einerseits voll gelungen. Ihr Volk kennt jetzt den Sozialismus als idealistische Phrase, in deren Namen man die DDR als besonders gelungenen Staat schätzen soll. Es hat zu den gegebenen Verhältnissen das Privat- verhältnis des Sich-Arrangierens eingenommen und sich mit einer privaten schlechten Meinung darüber begnügt. Nur eins hat sich nicht eingestellt: die fraglose Identifizierung mit der Staatsge- walt, die hinter allen Lebensumständen steckt - die "nationale Identität". Das Volk hat nämlich auch und vor allem das Haupt- stück der DDR-Nationalideologie voll mitgemacht: den vergleichen- den Blick nach "drüben", das dauernde Maßnehmen an der BRD. Nur: es sieht das anders, als seine Führung wünscht. Und zwar eben deswegen, weil ein jeder neben dem offiziellen Urteil noch seine ehrliche private Sicht der Dinge anwendet: die Abschätzung der Chancen, die die Lebensverhältnisse hüben und drüben - soweit be- kannt - dem anpassungsbereiten Staatsbürger bieten. Das kommuni- stische Urteil, daß die Lebensbedingungen, und zwar gleichfalls hüben wie drüben, nicht zum Nutzen derer eingerichtet sind, die sie aushalten müssen, und daß deshalb das Setzen auf Gelegenhei- ten, die "sich ergeben" oder auch nicht, ein Fehler ist: s o eine Sicht der Dinge hat den Blick der von der SED regierten Le- benskünstler ja nie getrübt. Die "vergleichen" also, weil ihr ganzer Staat ja aus dem Ver- gleich seine Existenz rechtfertigen will. Aber wem imponieren da schon Erfolge in der Faschismusbewältigung? Die nationale Angebe- rei mit dem großartigen Unterschied zu Hitlers KZs schätzt man- cher Bürger, so wie andere die nationalen Siegesmeldungen von Klavier oder Turnwettbewerben, weil sie die Parteilichkeit fürs nationale Kollektiv b e s t ä t i g e n - aber e r z e u g e n können sie die nicht. Viel wichtiger ist da jedenfalls die Frei- heit in dem ganz privaten Sinn, zwischen vielen verschiedenen Möglichkeiten, ins bürgerliche Leben ein- oder auszusteigen, wäh- len zu können - auch wenn die Wahl gar nicht real, sondern nur in der Phantasie stattfindet und aus den vielen Möglichkeiten nur eine ziemlich vorgezeichnete Wirklichkeit wird. Dieser Gesichts- punkt zieht um so mehr, als die ja wahrhaftig reichlichen Ein- schränkungen und Enttäuschungen im eigenen Laden, die man kennt, allemal schwerer wiegen als die Abhängigkeiten eines alternativen Lebens im westdeutschen Staat, die im Vergleich dazu lauter Frei- heiten sind. Auch Arbeitslose im Kapitalismus schrecken nicht ab, wenn man entschlossen ist, nicht dazuzugehören. Umgekehrt sind soziale Sicherheiten im Alter und bei Krankheit ein matter Trost für Leute, die gerade erst einmal loslegen wollen. Den allerhärtesten Systemvergleich macht im übrigen der SED-Staat seinem Publikum selber vor: Sogar in staatseigenen Läden kann sich ein Mensch mit Westmark Wünsche erfüllen, die Träume blei- ben, wenn einer bloß heimische Währung verdient. Da legt dieser Staat seine Bürger aufs Geldverdienen als Voraussetzung für jeg- liche Bedürfnisbefriedigung fest - und dann bleiben sie von den schönsten Dingen und Genüssen, die es durchaus gibt, bloß deswe- gen ausgeschlossen, weil sie das einheimische Geld verdient haben und nicht das des feindlichen Nachbarn, den das eigene Staatswe- sen doch überboten haben will an Chancen und Angeboten fürs pri- vate Leben. Wie soll sich gerade ein völlig anpassungsbereiter Bürger da bestmöglich aufgehoben fühlen? 3. Die SED hat mit der BRD einen Konkurrenzkampf auf dem Feld des öffentlichen und des privaten Nationalismus aufgenommen. Das ist antikommunistisch. Außerdem ist es immer eine Defensive geblieben; deswegen hat sie den Vergleich verloren, auch und gerade im opportunistischen Ur- teil ihres Volkes, das sie nie mit Sozialismus "überfordern" wollte. Diese Niederlage muß allerdings erst einmal weiter gar nichts heißen. Die meisten Staaten dieser Welt sind voll von Leuten, die von anderen Ländern nicht viel wissen, sich aber sicher sind, daß es ihnen auswärts, im Heimatland der Dollars und D-Mark, die sie kennen und schätzen, sehr viel besser gehen und wahrscheinlich auch gefallen würde. Das heißt bloß praktisch überhaupt nichts. Sie sind nämlich zum Dableiben verurteilt; weniger dadurch, daß ihr Staat ihnen das Ausreisen verbieten würde, sondern vor allem dadurch, daß kein anderer Staat sie haben will, und schon gar nicht die Staaten, in denen das weltweit kursierende echte Geld mit der sagenhaften Kaufkraft zu Hause ist - ganz abgesehen da- von, daß in der Regel auch die Mittel fehlen, dort überhaupt hin- zukommen. Wer die hat, ist umgekehrt meist gern gesehen, wenn er vor Schweizer Banken aufkreuzt - und will seine Nationalität überhaupt nicht wechseln. Im Normalfall jedenfalls gibt es für die Massen einer Nation gar keine Chance, praktische Konsequenzen aus der Vorstellung zu ziehen, ihnen würden die Lebensverhält- nisse anderer Staaten besser bekommen. Deswegen sieht sich auch keine Staatsgewalt auf der Welt genötigt, die Existenz ihres Staatswesens vor den eigenen Untertanen ernstlich zu rechtferti- gen, geschweige denn um staatsbürgerliche Loyalität konkurrierend zu werben. Und deswegen ist es auch unter den so säuberlich nach Nationalitäten eingeteilten Bewohnern dieses Globus gar nicht üb- lich, einzig aus Gründen eines rein privaten "Systemvergleichs" dem eigenen Staat Loyalität und Zugehörigkeit aufzukündigen. D a s ist alles anders im Fall der DDR. Deren Insassen haben seit jeher eine Alternative zu den Abhängigkeiten, in denen sie sich heimatlich einrichten sollen. Der Nachbarstaat, mit dem ihre andere deutsche Republik sich so defensiv vergleicht, bietet sie: Er offeriert jedem DDR-Bürger unbesehen die westdeutsche als die wahre und eigentliche deutsche Staatsangehörigkeit. Und damit macht er das, was sonst jedem Bürger quasi kraft Geburt als seine "nationale Identität" anhängt, daß er nämlich gewissermaßen ein Stück Staatseigentum ist, zum Gegenstand einer Wahl, die so leicht zu treffen sein soll wie die Entscheidung für einen Umzug. Die BRD tut das aus Gründen, die mit den systemvergleicherischen Kalkulationen der DDR-Bürger nicht das Geringste zu schaffen ha- ben. Es ist noch nicht einmal Abwerbung, wenn sie das gesamte Staatsvolk ihres östlichen Nachbarn pauschal zum - zeitweise ver- hinderten - eigenen erklärt: Ihr geht es ja gar nicht um das An- locken von zusätzlichem Volk. Zweck der Sache ist der Angriff auf die Existenz der DDR. Der wird - mangels aussichtsreicher Gele- genheiten, den Staat von der Landkarte zu tilgen - über den In- halt staatlicher Souveränität vorgetragen, der ansonsten im Ver- kehr der Staaten untereinander genauso elementar und selbstver- ständlich anerkannt ist wie die Grenzen des Staatsgebiets, deren Bestreitung Krieg bedeutet: die Hoheit über das Staatsvolk. Hier betätigt sich, innerhalb der durch die europäische Nachkriegsord- nung vorläufig gezogenen Schranken, das westdeutsche Großmachtin- teresse, unter anderem auch an den nationalen Besitzstand des un- tergegangenen deutschen Reiches wieder anzuknüpfen. Dieser völkerrechtliche Angriff auf die DDR wird deren Einwohnern vom Westen her als ein Stück sozialstaatlicher Fürsorge für sie präsentiert; als Angebot an sie, d.h. genauer an den ganz norma- len Opportunismus, mit dem Staatsbürger sich die Werke und Wir- kungen politischer Herrschaft allemal als Bedingungen und Gele- genheiten zurechtlegen, aus denen es das relativ Beste fürs pri- vate "kleine Glück" zu machen gilt. Es ergeht die Einladung, die Gesetzesschranken und Grenzen des DDR-Staatswesens zu überschrei- ten, die sonst dafür sorgen, daß die hoheitlichen Ansprüche auf die Dienste des Volkes zu dessen heimatlicher Lebensgrundlage werden. DDR-Bürger haben dieses westdeutsche Angebot massenhaft genutzt, und so ist es im Sinne des Erfinders wirksam geworden. Vom Schwarzhandel und Schwarzarbeit im Westen bis zur "Republik- flucht" sind lauter Betätigungen des staatsbürgerlichen Strebens üblich geworden, die die DDR nicht vorangebracht, sondern zerrüttet haben. Der sozialistischen Staatspartei ist damit eine Lektion erteilt worden, nämlich darüber, was eine komplette Nation ist und braucht. Nur unangefochtene Grenzen und eine Gewalt ohne Alterna- tive verleihen den Abhängigkeiten, die eine nationale Gesell- schaft beherrschen, die nötige Schwerkraft, so daß jedem Bürger gleich die Anpassung ans Gegebene als seine einzige Lebensper- spektive einleuchtet. Nur die Staatsgewalt, die fraglos gilt, le- gen sich deren Untertanen als ihre Heimat zurecht und gehorchen ihr so, daß sie sich bloß fallweise gewaltsam zu betätigen braucht. Die Staatsführung der DDR hat diese Lektion im nationalstaatli- chen Sinn beherzigt: Sie hat den staatsbürgerlichen Privatbetäti- gungen ihrer Bürger mit ihrer Gewalt den Weg verlegt, die Sekto- rengrenze in Berlin mit einer Mauer zur richtigen Staatsgrenze gemacht und damit ihr defensives Staatsgründungsprojekt vollen- det. Republikfluchtparagraphen, Todesstreifen usw. haben zur An- schauung gebracht, was für das Verhältnis zwischen Staatsgewalt und Volk in jedem Land der Erde gilt, in der DDR aber so deutlich zu sehen ist, weil sie mit der bundesdeutschen Konkurrenz darum zu kämpfen hatte: Die Staatsbürger mit ihrem gesetzestreuen Pri- vatleben sind Staatsbesitz, Ressource der Nation, die kein Staat nach privatem Belieben abwandern läßt. Normalerweise garantieren die zwischenstaatlichen, als Völkerrecht kodifizierten Gepflogen- heiten, die Scheidung von In- und Ausländern, dieses hoheitliche Besitzverhältnis - an der Mauer ist nicht mehr und nicht weniger zu besichtigen als die Gewalt, die in so unauffälligen und ehren- werten Sachen wie einem Ausländergesetz oder einem Übersiedlungs- abkommen drinsteckt. Die Sozialisten von der SED haben nicht einmal das ihren Bürgern erklären können. Statt dessen haben sie sich hinter dem Märchen vom "antifaschistischen Schutzwall" versteckt, zum Beweis dafür hinter der Mauer ein paar Panzersperren aufgestellt, als hätten sie allen Ernstes mitten in Berlin mit einem alliierten Panzeran- griff gerechnet, - und damit doch bloß ihrer schlechten Defensive gegen den gesamtdeutschen Staatsbürgerstandpunkt der BRD eine peinliche Offenbarung ihres schlechten sozialistischen Gewissens hinzugefügt. 4. Jetzt ist die Mauer weg, ohne daß einer ihrer Gründe weggefal- len wäre. Sie ist dadurch zum Einsturz gekommen, daß die Verbün- deten der DDR nicht in der vereinbarten Weise dichtgehalten haben - und daß die SED eine bemerkenswerte "Flucht nach vorn" angetre- ten hat. Sie verlegt ihren Leuten nicht länger den Verkehr mit der Bundesrepublik, die zum Dank ihren gesamtdeutschen Oberho- heitsstandpunkt bezüglich der DDR mehr denn je bestätigt sieht. Und so wird es auch sein. Nach der Preisgabe dieser Grenze ist die DDR als Staat nämlich nur haltbar, wenn es ein völlig neues Arrangement mit dem Nachbarn gibt, mit dem die DDR ja nach wie vor um ein Stück nationaler Identität konkurriert. Und zwar ein Arrangement, das es für die BRD mit ihrem ungeschmälerten, im Ge- genteil ganz neu und erfolgsorientiert aufgetischten Wiederverei- nigungsanspruch ü b e r f l ü s s i g macht, auf eine neue und weitergehende Z e r r ü t t u n g der DDR durch die privaten Betätigungen ihrer Bürger zu setzen, gegen die einstmals die Mauer gebaut worden ist. Nichts gegen die Erleichterung derer, die sich in der DDR jetzt nicht mehr eingesperrt fühlen. Aber wissen sie wenigstens, daß die Mauer n i c h t u m i h r e t w i l l e n gefallen ist? Und wie die zwischenstaatlichen Kalkulationen gehen, von denen ihre Reisefreiheit ein Abfallprodukt ist? 10 Fragen an unsere neuen Mitbürger aus der DDR ----------------------------------------------- 1. Sie sind jetzt in der Freiheit und sind darüber begeistert. Ist es Ihnen schon gelungen, mit Ihrer Freiheit irgend etwas an- deres zu tun als das, was Sie drüben mit Ihrer Unfreiheit getan haben? Sehen Sie hier eine Perspektive? Oder nur die, daß S i e jetzt alles tun müssen, um sich in der freien Welt zurechtzufin- den und zu bewähren? 2. Sie können aufatmen; denn Sie werden hier nicht mehr "gegängelt" (zumindest nicht mehr, als die westdeutschen Behörden für nötig halten). Anpassen müssen Sie sich auch hier selber - an die Vorschriften im Betrieb an die Launen des Chefs, an die Ver- kehrsregeln Ihres Vermieters usw. - an sämtliche "Preise der Freiheit". Ist das die Selbstverwirklichung", die Sie gesucht ha- ben? 3. Der Aufsicht des Stasi sind Sie entronnen. Daß statt dessen der westdeutsche Verfassungsschutz ein Auge auf Sie hat und sich jede verdächtige Gesinnung merkt, werden Sie wissen. Aber ist Ih- nen auch klar, daß 80 Prozent von der alltäglichen Kontrolle, die dem ostdeutschen Stasi nachgesagt wird, hierzulande wirklich stattfindet nämlich durch Vorgesetzte, Nachbarn und Kollegen, denen jedes falsche Benehmen auffällt? Daß bloß die restlichen 20% dann unser Stasi erledigt, ist Ihnen die Reise wert gewesen? 4. Eine Partei, die Zustimmung und Dankbarkeit für lauter Wohlta- ten will, die gar keine sind: diese "realsozialistische" Zumutung haben Sie hinter sich. Die demokratischen Parteien hierzulande verlangen bloß hin und wieder ein Wahlkreuz von Ihnen, und zwar vor allem dafür, daß sie ganz bewußt erst gar keine Wohltaten versprechen. Und wenn Sie gar nicht wählen mögen, werden Sie ge- nauso regiert. Gefällt Ihnen das? 5. Drüben haben Sie sich an dem mickrigen Luxus Ihrer Oberfunk- tionäre gestört und an den Zäunen, hinter denen er stattfindet. Haben Sie eigentlich vor, sich hierzulande am privaten Reichtum von Börsenmaklern und Grundbesitzern, Parteibonzen und Ministern mit Aufsichtsratsmandaten, Kapitalistenkindern und Zahnärzten ge- nauso zu ärgern? Würden Sie im Falle von Entdeckungen in dieser Richtung eventuell weiterfahren? 6. Sie sind, wenigstens hin und wieder, von den Bundesdeutschen gut aufgenommen worden. Ist Ihnen klar, daß dieselben Leute an- dere Flüchtlinge, die von der Bundesregierung nicht zur deutschen Menschenart gerechnet werden, genau deswegen mit Verachtung be- handeln? Schließen Sie sich denen an oder werden Sie zum Gegner des Nationalismus Marke BRD? 7. Sie werden schon gemerkt haben oder bald merken, daß Sie von den meisten Ihrer neuen Volksgenossen als unerwünschte Konkurrenz - vor allem in Sachen Mietwohnung und Arbeitsplatz - betrachtet werden. Wie wollen Sie sich dazu eigentlich stellen? Werden Sie auf Ihren I n t e r e s s e n bestehen oder Ihr R e c h t ge- nießen? Auch wenn sich beide als gar nicht dasselbe herausstel- len? Oder wollen Sie wie einige Deutsche vor Ihnen darauf pochen, daß Sie immerhin staatlich anerkannte deutsche Volksgenossen sind, wohingegen Türken und Polacken... usw.? 8. Sie hatten - sagen Sie - in der DDR "keine Perspektive". Des- wegen sind Sie froh und dankbar, daß der westdeutsche Staat Sie in seine Obhut genommen und mit einem Paß ausgestattet hat. Wenn es diese westdeutsche Rechtslage nicht gäbe: Hätten Sie dann eine "Perspektive in der DDR" oder wenigstens anderswo gehabt? 9. Der westdeutsche Staat betrachtet Sie und alle DDR-Bürger als seine angestammte Bürgermannschaft. Wissen Sie warum? Für Sie ha- ben die Bonner Politiker diesen Besitzanspruch aufs DDR-Volk näm- lich nicht eingerichtet. Ist Ihnen die politische Berechnung, der Sie mit Ihrem Fortbewegungsdrang als Beweis dienen, schon einmal verdächtig gewesen? Ist sie Ihnen überhaupt bekannt? 10. Sie sind "mit der DDR fertig". Deswegen sind Sie für die Großdeutschlandpolitiker in Bonn ein prächtiger Beleg für deren Absicht, den Staat DDR fertig zu machen. Das werden Sie wissen. Aber ist Ihnen auch schon folgendes aufgefallen? Die Bundesrepu- blik tut alles, um die staatliche Existenz der DDR in Frage zu stellen und zu untergraben; deshalb spielt sie sich als überge- ordnete Schutzmacht für alle irgendwie unzufriedenen DDR-Bürger auf. Und bloß deswegen haben Sie es sich überhaupt geleistet, Ih- ren Verdruß an der DDR zur totalen Absage zu steigern, und haben sich der bundesdeutschen Staatsmacht in die Arme geworfen, als es gerade ganz leicht ging. Sie sind also nicht bloß nützliche Idio- ten der "nationalen Frage", die in Bonn dauernd aufgeworfen wird; sie sind ein Produkt dieses großdeutschen Projekts und haben es noch nicht einmal gemerkt. Wie wollen Sie das eigentlich Ihren Kindern erklären, wenn sie dereinst hierzulande und vollends frei "no future" seufzen? Flugblatt der Marxistischen Gruppe (MG), Herbst '89 Ein Leserbrief aus Leipzig -------------------------- Münchner Verwandte schickten mir Ihren Aufruf ... Ich möchte gerne, daß Sie wissen: Mit einem solchen Text werden Sie von keinem ehemaligen DDR-Bürger ernst genommen. Das ist ge- nau der Stil, den wir noch aus Goebbels' Zeiten kennen und den wir anschließend dreißig Jahre lang aus dem Munde Karl-Eduard von Schnitzlers übers DDR-Fernsehen hätten hören können, wenn wir alle nicht rechtzeitig abgeschaltet hätten. Jetzt haben wir es endlich erzwungen, daß dieser Mann seinen Posten und damit seine Sendung verlor. Das müßte Ihnen doch zu denken geben, wenn Sie sich anschicken, weitere demagogische Flugblätter zu verfassen. Und seit vier Wochen sind wir dabei, uns auch noch einer Regie- rung zu entledigen, die wir nie gewählt haben und die außer ihren privilegierten Kostgängern keine Anhänger hat. Was sagen Sie nun?! Wir in der DDR sind auch nicht glücklich über diese Ausreise- welle, denn sie macht unser ohnehin problematisches Leben noch viel problematischer. Aber was für eine Angst spricht doch aus Ihren Worten! Angst, die vielen Flüchtlinge könnten den Alteinge- sessenen etwas von ihrem seit Jahrzehnten genossenen Wohlstand nehmen, womöglich müsse man dies oder jenes künftig mit ihnen teilen! Wir hier wissen solche Töne genau einzuschätzen, seien Sie sicher. Auch DDR-Bürger haben nur ein Leben. Wenn es einige Zehntausende von ihnen endlich satt haben, dieses Leben in einer Diktatur zu fristen und endlos die Schulden des letzten Krieges auch für die Bundesbürger mit abzubezahlen, ohne je einen Silber- streif am Horizont zu sehen - wer kann es ihnen verdenken?! Alle, die sich so wie Sie um die DDR sorgen und gegen das eigene System hetzen, sollten hierher übersiedeln. Aber das tut KEINER! Die Freiheit und der Wohlstand des Westens sind ihnen viel zu wertvoll, als daß sie auf sie verzichten wollten. Ich weiß, ich weiß: Sie bleiben alle im Kapitalismus, um ihn besser bekämpfen zu können. Aber was wollen Sie statt dessen? Unseren "Sozialismus", gegen den wir uns gerade erheben und den wir end- lich abwerfen? Ich würde ihn Ihnen und Ihren Genossen herzlich gönnen. Antwort ------- 1. Wir setzen darauf, daß es unter den ehemaligen wie den ver- bliebenen DDR-Bürgern und sogar unter den Bundesdeutschen ein paar Leute gibt, die sich in der Politik nicht bloß an Stilfragen ärgern oder belustigen, sondern Inhalte wenigstens noch zur Kenntnis nehmen. Wir halten es jedenfalls so. Sogar an Gobbels' berühmter rhetorischer Frage: "Wollt ihr den totalen Krieg..." usw. stört uns der Inhalt mehr als die demagogische Masche. Vielleicht wäre es auch bei Schnitzlers Schwarzem Kanal besser gewesen, die Zuschauer hätten nicht immer rechtzeitig abgeschal- tet, sondern einmal den Fehler herausgehört, den Sozialismus als die bessere deutsche Staatsideologie auszugeben und damit die Konkurrenz gegen den Nationalismus der BRD gewinnen zu wollen. Verärgerung über Stilfragen ist jedenfalls auch da nichts als die hochanständige billige Tour, sich die Mühe einer Kritik in der Sache zu ersparen. (Dem Gegner übrigens auch!) 2. Sie sind, sicherlich gemeinsam mit fast allen DDR-Bürgern und mit der westdeutschen Öffentlichkeit sowieso, überzeugt, ein neues Fernsehen und eine neue Regierung erzwungen zu haben. Hof- fentlich ist Ihnen nicht ganz entgangen, daß da noch mindestens zwei andere, maßgeblichere Mächte mit im Spiel waren und sind. Die SED hat sich zu ihrer Wende entschlossen; sie tut alles, um beim Nachgeben die Kontrolle über das Geschehen zu behalten; sie geht sehr kalkulierend mit dem Druck von unten um. Und vor wem sie wirklich nachgibt, das zeigt sich nur allzu deutlich an den Verhandlungspartnern, mit denen sie die tatsächliche materielle Zukunft der DDR aushandelt. Da ist von Ihnen und Ihren Kampfge- fährten leider gar nichts zu sehen; um so mehr dafür von Bonner Ministern, westdeutschen Parteigrößen, kapitalistischen Unterneh- mern und Bankiers usw. Mag sein, daß Sie und Ihre Mitbürger in ein paar Wochen oder Mo- naten die Gelegenheit gewährt kriegen, sich tatsächlich Ihrer nicht gewählten Regierung zu entledigen und neue Leute in die al- ten Ämter zu wählen. Aber wenn Sie und Ihre Landsleute sich wei- ter den Schwenk der SED als Ihren Erfolg in die Tasche lügen, dann werden Sie nicht bloß genau an dem Tag zur Wahl latschen, an dem Sie hinbestellt werden; Sie werden dann auch abgewartet ha- ben, welche Parteien bis dahin von lauter "privilegierten Kost- gängern" einer neuen, prowestlichen DDR und von deren bundesdeut- schen Paten aufgebaut und mit "netten Menschen" als Wahlkandida- ten ausstaffiert worden sind. Meinen Sie, es gibt dann, bei einer solchen gut vorbereiteten freien Wahl, andere ernsthafte Wahlal- ternativen als solche zwischen den beflissensten - und natürlich "glaubwürdigsten"! - Hampelmännern der West-Integration der DDR? Nebenbei: nicht einmal die Abschaltung des Schwarzen Kanals kön- nen wir so ohne Weiteres als Ihre Befreiungstat würdigen. Für uns ist nur gar zu offensichtlich, daß da die Partei einen Stören- fried bei ihrem entschlossenen West-Schwenk abgehalftert hat. Und bevor Sie sich jetzt darüber erbosen, daß wir Ihnen nicht einmal diesen kleinen Triumph lassen, bitten wir um Prüfung, ob es nicht vielleicht stimmt. Sonst machen wir in Zukunft Sie für die Aktu- elle Kamera verantwortlich. 3. Sie lesen aus unseren "10 Fragen" die Angst davor heraus, wir müßten "unseren Wohlstand" mit den Zuzüglern aus dem Osten tei- len. Dem Inhalt unseres Blättchens können Sie das nicht entnommen haben. In dem erlauben wir uns eine Polemik gegen den widerlichen nationalistischen Konkurrenzstandpunkt, mit dem die Übersiedler hierzulande nur allzu leicht konfrontiert sind - und dem sie sich leider nur allzu gern anschließen. D a ist nämlich oft blitz- schnell die Sorge da, man müßte mit "Nachzüglern" teilen; oder womöglich mit Zuzüglern, die "noch nicht einmal Deutsche" sind. Darf man dagegen nicht einmal die Frage stellen, ob die Ausgerei- sten (übrigens genauso verkehrt wie leider die riesige Mehrheit der Bundesdeutschen) sich unbedingt auf den Standpunkt eines vor- gestellten n a t i o n a l e n R e c h t s t i t e l s stellen müssen - der übrigens immer gleich Leute kennt, die rausgeschmis- sen gehören -; oder ob sie vielleicht noch unterscheiden können zwischen dem Fanatismus für ein deutsches Vorrecht und i h r e n m a t e r i e l l e n I n t e r e s s e n? 4. Was d i e betrifft, so teilen wir erstens nicht Ihre Vor- stellung, die wären in der BRD der Leitfaden aller Dinge und be- stens sichergestellt. Zweitens finden wir Ihre Vorstellung grund- verkehrt, der Kapitalismus Marke BRD wäre ein enorm großer Wohl- standstopf, aus dem alle sich was rausholen dürfen; der schneller leer würde, wenn mehr Leute sich was rausholen; und aus dem des- wegen womöglich ausgerechnet die Deutschen, sei es ohne DDRler oder mit denen, vorrangig oder sogar exklusiv bedient werden müß- ten. Die materiellen Interessen der normalen Leute hierzulande werden dadurch "bedient", daß sie total ein- und untergeordnet sind; und zwar unter die Belange einer Weltwirtschaftsmacht, die mit ihrem akkumulierenden Reichtum auch noch den Rest der Welt in Dienst nimmt - nicht zuletzt und schon seit langem die DDR, deren Einwohnern das auch gar nicht gut bekommt. Das macht die Leute hierzulande kaputt, und "versorgt" werden sie so, daß sie funk- tionieren. Wir halten es drittens gar nicht für gut, die eigenen materiellen Interessen aus einem vorgestellten "Systemvergleich" heraus zu bestimmen, also von vornherein davon auszugehen, daß einem so- wieso gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach der Decke zu strecken, so daß man sich am besten gleich die längste Decke sucht. Es ist kläglich, sich immer schon damit abgefunden zu ha- ben, daß eine nationale Ökonomie sich sowieso nie um die Interes- sen der Leute dreht, so daß man immer bloß auf die Gelegenheiten und Chancen spechten kann, die in dem einen oder dem anderen Wirtschaftssystem so abfallen und dann doch allesamt wieder einen Pferdefuß haben. Wir agitieren jedenfalls hierzulande dafür, daß die Leute aufhören, ohne Rücksicht auf sich selbst bei lauter mehr oder weniger erfolgreichen D-Mark-Kapitalisten Dienst zu tun und diesen Dienst auch noch dankbar für ein herrliches Lebensmit- tel zu halten, bloß weil es anderswo noch elendere Verhältnisse gibt. Deswegen liegt es uns auch fern, den Bürgern von anderswo schulterklopfend bundesdeutsche Verhältnisse zu "gönnen": Auch denen sollte, bei aller Unzufriedenheit mit ihren heimischen Zu- ständen, doch ein etwas anderer Wohlstand einfallen als die be- wunderten Abhängigkeiten und Freiheiten in Deutschland/West, die- sem Paradies für alle, die von ihren D-Mark nicht leben müssen, sondern genug haben, um sie ertragreich anlegen zu können. Auch allen unzufriedenen DDR-Bewohnern möchten wir zu bedenken geben, ob denn wirklich die einzige Alternative zum schlecht entlohnten Arbeitsdienst drüben der Arbeitsdienst für weltrekordmäßige Kapi- talisten herüben sein kann. Soll das wirklich das Höchste sein: Anpassung an neue Dienstvorschriften, die man für erträglicher hält?! Na klar, bei Ihnen kommt jetzt sicher gleich wieder der Verdacht hoch, wir wollten Ihresgleichen bloß den Zugang zu westlichen Futterkrippen neiden oder verwehren. Wenn Sie also wirklich keine besseren Sorgen haben, dann können wir Sie trösten: Das westdeut- sche Kapital ist schon im Aufbruch, es kommt zu Ihnen rüber, mit seiner D-Mark und seinen Fließbändern, seinen Bodenspekulanten und seinem Werksschutz. Es wird auch alle Kaufhausketten mitbrin- gen, die in Ihrer Optik für den westlichen Wohlstand stehen. Wir wünschen Ihnen bloß, daß Ihr Geld dann etwas weiter reicht als der Durchschnittslohn eines westdeutschen "Wohlstandsbürgers". Und wenn die "Zehntausende", die den "realsozialistischen" Laden satt haben, nichts wirklich in die eigenen Hände nehmen wollen, sondern bloß danach seufzen, daß die große kapitalistische Be- scherung noch zu ihren Lebzeiten stattfindet, dann kriegen sie halt auch nichts besseres. 5. Auf dem Höhepunkt Ihrer Beschwerde über den Egoismus der Bun- desdeutschen, den Sie in unserem Flugblatt erspürt haben, kommen Sie mit den "Schulden des letzten Krieges", die einseitig in der DDR abbezahlt würden. Meinen Sie das wörtlich? Sollte ausgerech- net diese SED-Ideologie über den fortwährenden Grund des schlech- ten Lebens in der DDR bei Ihnen eingeschlagen haben? Oder meinen Sie das mehr moralisch, im Sinne einer historischen Strafe, die die unglücklichen Bewohner von Deutschland/Ost ungerechterweise allein getroffen hätte? Ungefähr so, wie es der westdeutsche Bun- deskanzler öfters sagt, um seinen bundesdeutschen Besitzanspruch auf die DDR als Wille zur Wiedergutmachung an den vom Kriegser- gebnis so arg gebeutelten Ostdeutschen hinzustellen? Wie dem auch sei: Wahr ist doch nur, daß die DDR unter viel schlechteren materiellen Voraussetzungen an den Wiederaufbau nach Kriegsende herangehen mußte. Ansonsten läßt sich aus dem Ge- schichtsverlauf aber doch bloß ablesen, daß er mit Schuld, Sühne und Gerechtigkeit überhaupt nichts zu tun hat; weil er nämlich von Staaten gemacht wird, für die ihr nationaler Erfolg die ein- zig gültige "Moral" ist; und daß die Menschen i m m e r die Dummen sind, wenn sie sich auch noch moralisch mit den Kriegen und Kriegsfolgen der Staaten identifizieren, für die sie doch bloß die Manövriermasse hergeben müssen. Und diesen Fehler müssen wir Ihnen vorwerfen. Sie grübeln über Sinn und Ungerechtigkeit der Geschichte, denken dabei überhaupt bloß in nationalen Kollektiven, vor allem in der Kategorie "wir Deutschen", und deuten sich Ihre Lage und die Ihrer Landsleute als verletzte nationale Solidarität. Meinen Sie, damit hätten Sie irgendeine Wahrheit darüber erwischt, w a r u m es wie nach dem Krieg zugegangen ist mit dem besiegten "3. Reich" und seinen In- sassen? Oder Sie hätten damit irgendeinen vernünftigen Anspruch gestellt, was sich gefälligst ändern soll? Die nationale Solida- rität, die Sie vermissen, gibt es überhaupt nur so, daß eine Staatsgewalt das Zusammenhalten ihrer Untertanen e r- z w i n g t; das dürfen sich die Betroffenen dann als ihre moralische Leistung zurechtlegen. Und in diese Ecke gehört ihre Beschwerde. Eindruck können Sie damit allenfalls gleichgesinnten Moralaposteln einer deutschnationalen Volkssolidarität machen - und Sie werden auch wissen, welchen: Sie fordern damit nur ge- nauso verkehrte moralische Selbstrechtfertigungen heraus. 6. Auf das gute alte reaktionäre "Geht doch rüber!" wollen Sie am Ende also auch nicht verzichten. Sie finden also am Kapitalismus nichts auszusetzen; Sie verwechseln jede Kritik daran mit Befür- wortung der DDR-Verhältnisse; Sie nehmen uns Ihre Verwechslung persönlich übel; und Sie wüßten für den DDR-"Sozialismus" mit seiner "Diktatur" immerhin eine gute Verwendung, nämlich die, uns das Kritisieren abzugewöhnen. Na, das ist ja wenigstens mal wohl- tuend undemagogisch. Die Selbstkritik der SED: ------------------------- Grundverkehrt, bitterernst, hochmoralisch, also stalinistisch ------------------------------------------------------------- In der SED ist Selbstkritik angesagt, aber was für eine. Der al- ten Politik erteilen die Genossen eine strikte Absage. Auf einmal wissen alle, daß - fast - alles Bisherige Lüge und Unterdrückung war. Aber mehr will keiner wissen; von den Gründen, die bis ge- stern noch parteioffiziell fürs alte Verfahren gegolten haben, schon gleich nicht. Klarzustellen, wofür das neulich noch gut war und wozu es taugen sollte, das verlogene Schönfärben der Welt und das Niedermachen abweichlerischer Umtriebe, hält niemand für nö- tig - oder sogar für den untauglichen Versuch einer Rechtferti- gung dessen, was heute doch kein Bürger und kein anständiger Ge- nosse mehr leiden kann. Ebensowenig besteht Bedarf danach, einmal für sich und andere stichhaltig zu begründen, daß die SED mit ih- rer Politik sich womöglich schon auch ganz zurecht eine Abfuhr verdient hat. Lieber hält man sich an die moralische Fiktion, das Unterdrücken und Schwindeln wäre niemals das Mittel eines für sauber erachte- ten Zwecks, sondern irgendwie schon so ziemlich der ganze Inhalt und die böse Absicht der alten Politik gewesen. So läßt die sich v e r w e r f e n, zutiefst und radikal, ohne daß man weiter auch nur einen Gedanken auf sie zu verschwenden, geschweige denn sie zu k r i t i s i e r e n braucht. Un-, nein: a n t i- k r i t i s c h e E m p ö r u n g beherrscht die Szene. Und die ist nach einer Seite hin enorm selbstgenügsam. Wo die bisherige Führung der Staatsgeschäfte wegen mangelnder morali- scher Qualifikation in Grund und Boden verurteilt wird, steht ja schon fest, womit man statt dessen gerne bedient wäre. Die Frage, wofür man die Macht gebrauchen und welchen politischen Weg die DDR gehen soll, steht ja gar nicht zur Debatte, wenn nach mora- lisch zweifelsfreien Führungsmenschen gesucht wird: Diese Frage ist zur gänzlichen Zufriedenheit abgehakt, wenn die Auffassung sich breitmacht, der Macht würden bloß noch die astreinen Bur- schen abgehen, die sie ausüben und die Marschroute vorgeben, nach der sich der Rest zu richten hat. Diese Selbstgenügsamkeit der moralischen Sauberkeitsfrage in den Belangen der Macht ist die eine Seite. Die andere ist die maßlose Dummheit und Ekelhaftigkeit, mit der dieser Wahn von einem "sauberen Sozialismus", den man machen will, sich Bahn bricht. Der richtet sich logischerweise gegen die alten Funktionäre der Partei. Bis gestern haben sie noch für die gute Sache der Partei ihr Bestes getan und sich um die schwer verdient gemacht. Heute nimmt man ihnen ihr politisches Wirken persönlich übel und krei- det es ihrem schlechten Charakter als Verfehlung an. Das Ressen- timent gegen üble Figuren wird zur Parteiräson, in deren Namen dann gar nicht genug üble Mißstände aufgedeckt und die niederen Beweggründe ihrer Urheber zur Sprache gebracht werden können - bis eine ganze Volkskammer vor Entsetzen darüber Gänsehaut kriegt, mit welcher Mafia sie bis gestern noch die Bänke geteilt haben soll. Durch solch machtvolles Moralisieren ersparen sich die Genossen die Aufdeckung von Gründen und das Eingeständnis, daß die schlechten Manieren der führenden Kader bestenfalls das Eine beweisen: Solche Männer braucht und schafft sich die Poli- tik. Denn für die gilt dasselbe wie für bürgerliche Politiker und für die Kapitalisten, denen Marx den Kapitalismus ja auch nicht persönlich übelgenommen hat: Sie sind die passenden Charaktermas- ken des gesellschaftlichen Systems, dem sie entschlossen dienen. Eine gewisse Ahnung, daß statt dieser Bloßstellung menschlich-mo- ralischer Abgründe die Ermittlung der Fehler in der gemeinsamen guten Sache der Partei anstünde, äußert sich noch im Gerede von den "Strukturen, die das möglich gemacht haben" - und geht in dieser blöden Phrase auch schon völlig unter. Die ist nämlich bloß der Auftakt dazu, dem neuen Parteimoralismus eine selbstkri- tische Wendung zu geben und sich selber als Feigling und Versager anzuklagen. Die Peinlichkeiten des öffentlichen Sich-Schämens halten die Genossen offenbar leichter aus als die Erkenntnis, daß verkehrte Politik unmöglich eine Gewissensfrage sein kann. Und so halten sie es aus einem sehr schlechten Grund: Außer den moralischen Vorzeichen haben sie an ihrer Politik überhaupt nichts umgestellt. Nach wie vor begreifen sie Politik als eine Frage der guten Absicht, dem Volk Gutes zu tun; und nach wie vor fällt ihnen außer diesem Moralismus kein Gesichtspunkt ein, unter dem sie für die Sache ihrer Partei werben könnten. Deshalb haben sie sich bis gestern jedes Mißtrauen von unten als unberechtigten Zweifel an der Güte ihres politischen Willens verbeten. Heute setzen sie sich an die Spitze aller moralischen Verdächtigungen von unten, weil sie das für die sittliche Forderung des Tages und den fälligen Qualitätsbeweis ihres politischen Ethos halten. Schon wieder führen sie einen grundfalschen Kampf: nicht um das politische Urteil der Leute, sondern darum, sich mit denen im Na- men unanfechtbarer moralischer Grundwerte ineins zu setzen. Deswegen kann es auch gar nicht ausbleiben, daß die Partei mit ihrer neuen Linie nur wieder den alten Verdacht auf sich zieht, sie meinte es nicht ernst genug; sie wäre berechnend und nicht ehrlich, wenn sie dem Mißtrauen von unten jetzt so Recht gibt. Nun ist das Berechnende an der Selbstkritik der Partei ja gar nicht zu übersehen; mit ihrer so ehrlich gemeinten Phrase, die eigene Glaubwürdigkeit müßte nun neu erkämpft werden, bekennt sie sich sogar unfreiwillig dazu. Jetzt streben die Genossen nach neuer Ehrlichkeit - und merken an jedem Genossen, der an den neuen Maßstäben wegen seiner früheren Taten scheitert, wie wider- sprüchlich der Kampf um Glaubwürdigkeit ist: Je ernster gemeint, um so härter trifft der billige Vorwurf "Wendehals". Vor lauter Geseufze nach wirklich unwiderleglicher Integrität und über den Opportunismus der - jeweils anderen - Genossen wird noch nicht einmal die demokratische Technik aufgedeckt, die die Partei - ob sie das weiß oder nicht - mit ihrer moralischen Kehrtwende zur Anwendung bringt: Sie möchte dem Mißtrauen von unten so sehr Recht geben, daß das Volk ihr mehr dieses erteilte Recht dankt als an seiner ablehnenden Haltung festhält. Das ist die simple Herrschaftstaktik, die Heuchler als Charaktermasken braucht, und zwar glaubwürdige - für andere Charaktere ist Glaubwürdigkeit ja ohnehin keine Tugend. Aber nicht einmal dieses bißchen Dialektik beherrscht die SED, geschweige denn ihr parteiverdrossenes Volk. Bei der Absage an die Untaten der bisherigen Herrschaft kommt die SED enorm zügig voran. Schon der gewöhnliche Gerechtigkeitssinn in seinen beiden Urformen von Mißgunst und Neid ist ja von Haus aus auf dem Sprung zum Zuschlagen, beläßt es aber meist bei einer bloß ideellen Frontbegradigung in Sachen Recht und Unrecht. Jetzt, wo dieser Moralismus offiziell freigesetzt ist, um als Richter für die Schaffung einer "sauberen Republik" produktiv zu werden, soll und darf er endlich seinen Maßstäben auch praktisch Genüge tun und tobt sich ganz konsequent auf dem Feld des S t r a f r e c h t s aus. Mit der kaltschnäuzigen Aussonderung einer ganzen schwarzen Schafherde aus der Partei; mit widerlichen Selbstbezichtigungen von gestandenen Greisen, die sich ohne fremde Hilfe schon nicht mehr ihre Uhr aufziehen können, aber vor versammelter Volkskammer die Tragikomödie des reuigen Unholds in- szenieren - damit kann und will ein moralischer Säuberungswahn sich nicht mehr zufriedengeben, wenn er schon den Auftrag hat, eine dem Staat zugefügte Ehrverletzung in Ordnung zu bringen: So ins höhere Recht gesetzt, will der Fanatismus der sauberen Gewalt die Untat s ü h n e n, die dem Staat dadurch angetan wurde, daß seine früheren Amtsträger die Probe auf ihre Moral nicht aushal- ten. Er macht sich auf und verfolgt mit der Gewalt des Staates die als V e r b r e c h e r, die ihr vor kurzem noch, mit Amt und Würden versehen, selbst vorstanden. Funktionären wird allein schon der Verdacht zum Verhängnis, sie hätten Macht und Einfluß auch für ihre privaten Belange nutzbar gemacht. Die fraglichen Indizien - Häuser, Autos, schnelle Frauen - sprechen für sich und ganze Bände über die dahinterstehende Bereicherungsabsicht; schon steht die Anklage, und dem Volksschädling wird der Prozeß ge- macht. Unterdessen bildet das Volk dieser Partei ganz gewaltlos Menschenketten, zündet Kerzen an und hält die Transparente hoch, auf denen die Namen der nächsten stehen, die am besten gleich aufgehängt gehören. Das Bedürfnis nach einem garantiert volksei- genen Stasi wird laut, der den Machenschaften der Führerclique nachsteigt und sie als politische Verbrecher in Bautzen ein- sperrt. Die Partei, ihre großen Ohren wie immer streng auf das Lechzen des Volkes nach Gerechtigkeit eingestellt, nimmt sich den Lynch- auftrag nicht, den Geist, dem er entspringt, aber bedingungslos zu Herzen. Und damit - und nicht, weil unter den "Schuldigen" nicht gründlich genug aufgeräumt würde - geht das alte Grundübel der SED-Herrschaft weiter: Die Partei sucht und produziert Über- einstimmung zwischen sich und dem Volk in den hehren und beque- merweise inhaltsleeren Grundfragen des moralischen Anstands, da- mit das Volk sich im Namen pünktlich erfüllter Benimmregeln der Herrschaft wieder kommandieren läßt. Wie überall im Leben, sind auch hier Moral und Berechnung, ethischer Rigorismus und Heuche- lei ein und dasselbe, nämlich die billige Methode, die Macht und das Gehorchen fortlaufend mit erlogenen guten Gründen auszustat- ten. Daß die SED wegen der Konsequenz, mit der sie dem alten Stiefel ihrer Politik treu bleibt, von dem Volkszorn, den sie anfacht, um ihn besänftigen und bedienen zu wollen, s e l b s t e r l e d i g t wird, ist kein Jammer. Wenn sie aus derselben Konsequenz heraus per Parteitagsbeschluß sich selber auflöst, ist es um sie und die in ihrem Namen beschworene "Einheit" auch nicht schade. Daß aber andere schon längst bereitstehen, die die Empörung mit sauberer Politik so bedienen, daß die sich auch er- ledigt und wieder allseits jeder jedem vertraut, die unten ihren Führern und die oben ihrem Volk, das ihnen gehorcht - das ist schon zum Kotzen. Ein kleines Folgeproblem hüben mit den Folgen --------------------------------------------- des "aufrechten Gangs" drüben ----------------------------- Das wäre vielleicht was, wenn plötzlich ostdeutsche Maßstäbe des Heuerns und Feuerns von Politikern in der demokratischen Polit- Kultur Einzug hielten! "Persönliche Bereicherung bei der Amtsfüh- rung" - da ginge ja ein Hauen und Stechen los, wenn das Westvolk sich mit diesem Vorwurf bewaffnet und den Damen/Herren der poli- tischen Elite an die Wäsche geht. "Verwendung von Volksvermögen für private Belange"? Ja, wenn das schlagartig politische Karrie- ren zersägt und Volksschädlinge in den Knast schickt: Das gäbe vielleicht eine Entlastung auf dem westdeutschen Wohnungsmarkt! Allein d a s m i ß b r a u c h t e V o l k s v e r m ö g e n schon, das die obersten Herrschergarnituren bei Festbanketten verspachteln und auf Bällen verjubeln, ist erklecklich und nährte manch' Großfamilie ein Lebtag lang redlich; also wären die schon mal gleich abserviert. Weiter mit dem Mittelbau: Der leerte sich schlagartig angesichts der V e r g e u d u n g v o n g e s e l l s c h a f t l i c h e m R e i c h t u m, der in diesen Kreisen deswegen der Regelfall ist, weil man doch die Trä- ger von soviel Verantwortung unmöglich auch noch damit belasten kann, nach Dienstschluß für die Erholungsvilla, den Drittwohnsitz oder die Klunker für Gattin und Mätresse anschaffen zu gehen; also wären die auch schnell weg vom Fenster. Und den ganzen übri- gen Rest der politischen Bande bis runter zum Stadtreferat erle- digen d i e v e r s c h l e u d e r t e n g e s e l l- s c h a f t l i c h e n W e r t e, die bei den emsig gepflegten Kontakten mit den Kumpels und Korrumpels aus der Welt von Wirtschaft und Finanzen über den Tresen wandern und das Leben von Politikern in der Demokratie so frei von sozialen Erschütterungen halten, die die restliche Menschheit stets vor Augen hat. Ein Blick aufs Girokonto der demokratischen Volksdiener, und dann auf Rechenschaft über das Guthaben gepocht: Das reichte für die Entvölkerung dieses ehrenwerten Berufsstands glatt aus! Sowas will natürlich keiner von denen, die jetzt im Westen ihre frisch aufgerissene L i e b e z u r s o z i a l i- s t i s c h e n M o r a l heraushängen lassen und die mit "Bild"-Zeitung und "Spiegel" dasselbe Volk zur Empörung über das himmelschreiende Unrecht anleiten, welches in Form einer Perlenkette an Frau Honeckers Hals hängt, das für gewöhnlich an den Fastenkuren seines Kanzlers regen Anteil nimmt und an den Fummeln sowieso, mit denen die First Lady sich aufputzt. Die wis- sen schon auch selber ganz genau, daß die Maßstäbe, die da im O s t e n der gesamten politischen Führung den Garaus machen, eben b l o ß d r ü b e n gelten und ihre Wucht b l o ß d e s h a l b entfalten, weil die moralische Deutung der Politik als "Dienst am Volk" d o r t eben etwas anderes ist als die be- gleitende Heuchelei zu einer Führung der Amtsgeschäfte, die sich einem "Druck der Straße" nie im Leben beugt. Also s o l l e n sie auch auf d o r t b e s c h r ä n k t bleiben. Aber wird's dann nicht schwierig mit der vorgesehenen Ostver- schiebung des demokratischen Kulturraums? Daß ein Volk, das sei- nen Politikern wegen deren allzu flotten Lebenswandel gleich an die Gurgel will, sich so umstandslos die Selbstherrlichkeit und Angeberei hiesiger Machthaber bieten läßt, ist darauf Verlaß? Irgendwie muß man sich fürs neue Gesamtdeutschland schon ent- scheiden: E n t w e d e r die Deutschen im Osten machen alles richtig, wenn sie den Machthabern dort die Vertrauensfrage so stellen, daß eine nachgewiesene Bereicherung die Gefolgschaft beendet; dann gehören die im Westen darauf hingewiesen, daß sich d a s für Deutschland gehört, und dann rollen demnächst hier die Köpfe. O d e r die Deutschen im Westen machen alles richtig, wenn ihnen der Glanz und die Arroganz ihrer Machthaber runtergeht wie Butter; dann aber gehören die im Osten darauf hingewiesen, daß sich ihre Empörung für Deutschland n i c h t g e h ö r t. Dann muß man ihnen schleunigst mitteilen, daß eine nicht als Quelle der Bereicherung organisierte politische Amtsausübung ein- fach ein Unding ist. Und daß ab sofort drüben alle Schiebereien, Bestechungen und der ganze restliche Betrug, über den der ost- deutsche Volkszorn sich aufregt, l e g a l i s i e r t gehören, sofern er nur die bereichert, die fürs Bereichern überhaupt die politische Verantwortung tragen. Aber das traut sich von der verlogenen Bande hier ja keiner zu sagen, daß d a s die "kleinen Schritte" sind, die nach Gesamt- deutschland führen. Herbst '89: ----------- Eine Republik starrt ungläubig auf ihre Taten von gestern --------------------------------------------------------- Wie konnte es dazu kommen? -------------------------- So fragen schon wieder mal lauter gute Deutsche, als wäre es nicht viel dringender und als täten sie nicht besser daran zu überlegen und zu planen, was s i e eigentlich aus ihrer Repu- blik machen wollen, wo deren etablierte Machtverhältnisse schon völlig aufgemischt sind, anstatt denen das Projektemachen zu überlassen, die schon wieder für die Machtübernahme bereitstehen. Noch dazu ist diese Frage - genau wie ihre auf den gewaltsam beendigten deutschen Nationalsozialismus gemünzte Vorläuferin - schon so gut wie die Garantie dafür, daß noch nicht einmal die Klarheit über das alte SED-System herauskommt, die nützlich sein könnte, um nicht alte Fehler neu aufzulegen oder statt den alten Fehlern das allenfalls Richtige am Bisherigen wegzuschmeißen. Denn diese Frage will im Grunde gar keine Antwort; sie will ein abgrundtiefes moralisches Unverständnis dafür bekunden, daß so viel - vom heutigen Standpunkt aus - furchtbar Schlechtes gestern noch ganz normal war. Dabei haben doch alle, die mit dieser Frage ein Bekenntnis zum Abscheu vor den alten Verhältnissen ablegen, doch selber bis neu- lich noch die geltenden "guten Gründe" dafür gelten lassen, viel- leicht sogar gewußt, womöglich geteilt. Und k r i t i s i e r t sind die nicht, wenn man sie jetzt v e r w i r f t. Wenn's also schon um "Vergangenheitsbewältigung" gehen soll und um "die Lehre" aus 40 Jahren SED-Herrschaft, dann aber auch rich- tig. Folgendermaßen i s t es "dazu gekommen": 1. Für ihren Staat und für ihre Politik hat die SED bislang immer zwei gute Gründe gehabt. Der erste steht gleich vorn in der DDR-Verfassung, als Grundlage für die "führende Rolle" der Partei, und heißt "Arbeiterklasse". Deren materielle Interessen, und ebenso die der Bauern und ande- ren Werktätigen, wollte die SED bedienen; und das, nicht der For- malismus einer freien Auswahl des Herrschaftspersonals durchs Pu- blikum, sollte die politische Gewalt legitimieren. Dieser edelmütige Herrschaftsgrundsatz hat zwar wenig mit Kommu- nismus zu tun. Denn Kommunisten haben es nicht mit einer allge- meinen Gewalt, die sich durch extreme Volksfreundlichkeit legiti- miert; sie wollen eine solche Arbeitsteilung und eine solche Pla- nung der gesellschaftlichen Vorhaben, daß dadurch die allgemeine Unterwerfung unter eine hoheitliche Gewalt überflüssig wird. Die Fürsorgepflicht für die Werktätigen, die die SED ihrer Staatsge- walt auferlegt, hat sehr viel mehr mit Sozialstaatsidealismus zu tun, also mit dem sehr bürgerlichen Versprechen, Nöte zu beseiti- gen, die das Lohnarbeiterdasein im Kapitalismus mit sich bringt. Das ist den Auffassungen der Partei von den proletarischen Be- dürfnissen, durch deren Befriedigung sie sich das Regieren unan- fechtbar verdienen wollte, eindeutig zu entnehmen: Das "Recht auf Arbeit" unterstellt kapitalistische Produktionsverhältnisse, näm- lich Arbeit als Dienst an und in einem fremden Interesse, wobei es für Lohnarbeiter noch nicht einmal die Sicherheit gibt, be- nutzt zu werden. "Soziale Gerechtigkeit" ist der kompensatorische Wunsch "kleiner Leute", die von einem durchaus vorhandenen und für andere Gesellschaftsmitglieder verfügbaren Reichtum ausge- schlossen sind. Usw. Trotzdem Das Programm, die Staatsgewalt ganz in den Dienst solcher Anliegen zu stellen und keine andere Legi- timation für ihren Gebrauch anzuerkennen als die Beseitigung der sozialen Notlagen, unter denen die "einfachen Leute" im Kapita- lismus leiden, ist eine grundsätzliche Alternative zur bürgerli- chen Herrschaft. Diese Alternative schließt eine Absage ein an freie Wahlen als verkehrte Methode Herrschaft und Volk in Über- einstimmung zu bringen. Statt einem solchen bloß formellen Kon- sens soll Einigkeit in der Sache herrschen. D a v o n ist bezeichnenderweise in der gesamten Debatte über die "führende Rolle der Partei" und über das "Machtmonopol" der SED, das allgemein als Grundübel der bisherigen Politik gilt, überhaupt nicht die Rede; am wenigsten von seiten der Partei selbst. Die scheint, wie alle anderen, schlicht davon auszugehen, daß das Programm einer materiell begründeten, deswegen von Ein- sicht statt von Vertrauen getragenen Einigkeit zwischen Führung und Volk schon längst in die Welt der Phrasen gehört, die kein vernünftiger Mensch mehr ernst nehmen kann. Und damit liegt sie in Bezug auf ihre eigene Politik ja auch gar nicht falsch. Die Verwirklichung solcher bloß kompensatorischer Güter wie Arbeits- platzsicherheit oder Mietsubventionen ist eben nicht mehr als ein gewisses Plus in der Bilanz sozialstaatlicher Wohltaten; und so etwas verbürgt unmöglich ein derart unerschütterlich gutes Ein- vernehmen zwischen Staatsgewalt und Untertanen, daß damit die ex- klusiv "führende Rolle der Partei" über jeden vernünftigen Zwei- fel erhaben wäre. Insofern mag es zwar ehrlich sein, diese "Rolle" zu streichen - zumindest möchte die SED das, ganz im Stil der "Vertrauenswerbung" bürgerlich-demokratischer Parteien, als Beweis für Aufrichtigkeit honoriert haben. Zugleich ist das aber auch die Streichung jeglicher Absicht, es jemals noch mit der "Umgestaltung" der Gesellschaft im materiellen Interesse der Ar- beiter zu versuchen. Der zweite gute Herrschaftsgrund der SED und Ehrenpunkt der DDR war immer ihr entschiedener Antifaschismus - dies speziell in Ab- grenzung gegen den andern deutschen Staat, der ohne jede ideolo- gische Irritation zu Hitlers untergegangenem "3. Reich" den Standpunkt der "Rechtsnachfolge" einnahm und gleich wieder neu anfangen wollte in der Konkurrenz der kapitalistischen Mächte. Nichts von all dem sollte in der neuen DDR Bestand und ein Exi- stenzrecht haben, was nach allgemeinster Auffassung von Siegern und Befreiten die Schuld an der nationalen Katastrophe trug: der Militarismus nationalistischer Berufsmilitärs und Revanchisten; deutscher Großmachts-"Wahn"; das Kriegsgewinnlertum der Konzerne und "Monopole"; die Macht des großen Geldes und die Ohnmacht der werktätigen Massen. In dieser guten Absicht wußte sich die Partei mit ihrem Volk total einig; und diese Einigkeit im guten Willen hat sie gleich als die Staatsräson ihrer neuen Republik dekre- tiert. Sie selbst wollte das Produkt einer konsequent durchge- setzten Politik der linken Arbeitereinheit gegen "die rechte Ge- fahr" sein. Den matten Volkskonsens "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!", im zerstörten Deutschland wahrhaftig nicht beson- ders vielsagend, nahm sie als Ruf des Volkes nach ihrem kampfer- probten Antifaschismus und als Antrag auf gründliche Erneuerung. Alle gesellschaftlichen Bedürfnisse und Bestrebungen - bürgerli- che wie proletarische, wissenschaftliche und künstlerische, ja sogar richtig verstandene religiöse -, die unter der Nazi-Herr- schaft gelitten hatten und durch deren Katastrophe geschädigt worden waren, also so ziemlich alle, sollten im Staat der antifa- schistischen SED automatisch gut aufgehoben sein. So hat sich die SED auf dem Feld der a n t i f a s c h i- s t i s c h e n M o r a l mit ihrer gesamten Gesellschaft und die von ihr regierte Gesellschaft mit sich ineins gesetzt. Und diesen Moralismus hat sie nicht, wie die westdeutsche Konkurrenz- Republik, in den ehrenvollen Rang einer jederzeit und zu jeder Politik zitierbaren Staatsideologie erhoben und dem schöngei- stigen Überbau überlassen. Sie hat ihn allen Ernstes als Basis ihrer Politik strapaziert und für einen gesellschaftlichen Umsturz in Anspruch genommen, der nun wirklich alles andere war als der naturwüchsige Wunsch der Massen und aller Menschen guten Willens: Sie hat tatsächlich der Privatmacht des großen Kapitals und der Dienstbarkeit der Staatsgewalt für diese Macht - nach ihrer Auffassung die wahren und entscheidenden letzten Ursachen des Faschismus - ein Ende gemacht. Und d a s sollte im Grunde nichts weiter sein als das natürliche gemeinsame Interesse aller fortschrittlichen Kräfte und moralisch intakten gesellschaft- lichen Bestrebungen. Die "Nationale Front", das "unverbrüchliche Bündnis" verschiedener Interessensorganisationen und sogar poli- tischen Parteien, war das verbliebene Denkmal dieses widersprüch- lichen Projekts, den Kapitalismus zu beseitigen und dabei doch zu nichts und niemandem in einen Gegensatz zu geraten. Auch davon will jetzt niemand mehr etwas wissen, auch die SED selber nicht. Dennoch: Dieser gute Wille der Partei, mit ihrem Volk moralisch bedingungslos einig zu sein, war 40 Jahre lang ihre entscheidende Herrschaftslegitimation. Ihre Unterstellung, ihr Volk wäre im Namen derselben antifaschistischen Moral genauso bedingungslos mit ihr einig, war ihre staatlich sanktionierte Le- benslüge, mit der sie 40 Jahre lang Politik gemacht hat. 2. Mit der Abschaffung des Kapitalismus auf dem Boden der DDR hat die SED sich nicht bloß zu der enteigneten Mannschaft in Wider- spruch gesetzt, sondern auch zu nicht wenigen werktätigen Massen, die von sich aus nichts am Kapitalismus aufgekündigt hatten. Ihre neue Ökonomie eröffnete unübersehbar neue Interessenskollisionen, die alle auf i h r e "Planung und Leitung" zurückfielen. Mit ihrem kämpferischen Antifaschismus und mit ihrer Abgrenzung gegen das größere Westdeutschland begab sie sich in Widerspruch zum Na- tionalismus und vielen anderen Lebensideologien ihrer Leute. Lau- ter Konflikte, die durchgekämpft werden mußten. Das hat die Partei auch getan - und zwar auf die denkbar schlechteste Weise. Sie hat nämlich alle Gegensätze zwischen sich und dem Rest ihrer kleinen Welt grundsätzlich a b g e l e u g- n e t; sie hat sich so die fällige Austragung dieser Gegensätze e r s p a r t und verbeten. Sie hat sie einfach zugedeckt mit ihrem Moralismus, der unerbittlich die Einigkeit aller Guten postuliert. Und mit der Gewalt ihres Staates, zu dessen Staatsräson sie ihre Einheit mit dem Volk erklärt hatte, wurde diesem Standpunkt praktische Gültigkeit verschafft. Abweichler wurden ziemlich flott als faschistische Überbleibsel k r i m i- n a l i s i e r t. Die nationale Übereinstimmung wurde i n s- z e n i e r t: mit den berüchtigten Massenauf- und -vorbeimär- schen; mit republikweit aufgehängten Spruchbändern, die jedes Stück Lohnarbeit und jedes Freizeitvergnügen als sittlich wertvolle "gesellschaftliche Tätigkeit" deuteten; mit einem Presse-, Funk- und Fernsehwesen, das dieselbe Interpretation am Tagesgeschehen durchexerzierte. An der "Basis" wurden von den Parteigliederungen Selbstverpflichtungen organisiert, so als wäre die offfizielle Deutung durch das interessierte Echo von unten wahrzumachen. Den Beweis, daß sich der Einsatz des Volkes unter solcher Anlei- tung der Partei lohnt, hat die SED jahrzentelang auf eigenartige Weise geführt. Sie hat prinzipiell nur Erfolge und Fortschritte bilanziert, in allen gesellschaftlichen Bereichen sozialistisches Wachstum ermittelt und hinausposaunt. Insofern ist es heute, im Zeichen des "Dialogs", ziemlich lächerlich, den führenden Genos- sen im Apparat vorzuwerfen, sie hätten bei der einen oder anderen Ziffer die Wahrheit über schlechte wirtschaftliche Erträge ver- tuscht: Der verlogene Charakter staatlicher Erfolgsmeldungen hat sich doch nie auf die eine oder andere geschönte Zahl beschränkt; und belogen in dem Sinn, daß das Volk durch Statistiken über seine und der Partei Leistungen in die Irre geführt worden wäre, wurde auch niemand - die gegenteiligen Erfahrungen waren ja vor- handen. Selbst der Zweck der Jubelbilanzen war stets klar: Sie waren auf das allseitige und unverbrüchliche Bekenntnis zur ge- meinsamen Sache berechnet. Zu Bekenntniszwecken wurde gewählt; und dann hat der Einheitsfa- natismus der Partei noch nicht einmal ein paar Prozent Nein-Stim- men ausgehalten. Mit einer durchorganisierten allgemeinen öffent- lichen Zustimmung zu ihr ist die SED ihren Leuten auf die Nerven gefallen. Und die dialektisch geschulten Genossen haben sich noch nicht einmal an dem platten Widerspruch zwischen Form und Inhalt ihres Bekenntniswesens gestört: Wenn es die unverbrüchliche Übereinstimmung zwischen Planern und Verplanten, Führern und Ge- führten, die sie dauernd verkündeten, wirklich gegeben hätte, dann hätte niemand das Bedürfnis verspürt, sie dauernd zu verkün- den. Das ist ihnen deswegen nie aufgefallen, weil ihnen etwas an- deres selbstverständlich war, nämlich die Staatsgewalt, deren Besitz sie durch ihren unerschütterlichen Willen zur moralischen Einheit mit dem Volk legitimieren wollten. Deren Mittel wurden eingesetzt, um den Staatsmoralismus herzukriegen, der der SED viel zu wertvoll war, um ihn den Launen ihres Publikums zu über- lassen. Und es waren noch nicht einmal die schlagendsten Argu- mente der Staatsgewalt vonnöten. In der Regel reichte doch der Wink mit Prämien bzw. der drohende Ausschluß von "Vergünsti- gungen", ein bißchen Zensur und Sprachregelung, ein bißchen Bestechung und Erpressung. 3. Jahrzehntelang hat die SED den Erfolg gehabt, der einer sol- chen Politik überhaupt bloß beschieden sein kann: Sie hat ihre braven DDRler zu opportunistischen Mitläufern erzogen, die auf Abruf das vorgezeigt haben, was die Partei von ihnen wollte, näm- lich ein Bekenntnis zu ihr und die sich daneben ihre wirkliche Sicht der Dinge als Privatangelegenheit eingerichtet haben. Natürlich wußte die Partei seit jeher, daß sie sich etwas in die Tasche gelogen hat, wenn sie die pflichtschuldige Heuchelei für bare Münze nahm und den unlustigen Opportunismus für sozialisti- sche Staatsbegeisterung. Aber mit diesem Wissen ist sie herr- schaftstechnisch ganz gut klargekommen. Sie hat auf der einen Seite ihren Bürgern die Trennung zwischen einer offfiziell verlangten Staatsmeinung und dem privaten Leben und Denken zugestanden. Sie hat sich auch nicht mehr dem Drang widersetzt, an der bundesdeutschen Fernseh-Öffentlichkeit teilzu- nehmen, was ja immerhin die Gewöhnung an die im feindlichen Staat übliche Definition und Behandlungsart politischer "Probleme" ein- schließt. So hat sich die Bevölkerung der DDR den Blick auf die große weite Welt und ihre politischen Händel gleich aus der Per- spektive der BRD zugelegt. Und Einwände gegen den eigenen Staat hat sie weniger ihren eigenen Interessen entnommen als den men- schen-rechtlich garnierten Hetzen westdeutscher Journalisten. De- ren Tour, je nach politischer Richtung mehr revanchistisch oder eher fürsorglich die Zuständigkeit der BRD für die DDR darzule- gen, hat nur Eduard Schnitzler mit seinem "Schwarzen Kanal" be- kämpft. Und weil er bei seiner Zurückweisung dieser "Einmischung" das untaugliche Verfahren des Systemvergleichs wählte, weil er die BRD dauernd an ihrer eigenen Propaganda blamieren wollte und dabei allemal zu einem Lob der DDR gelangte hat ihn die Rache des Volkes ereilt: Ihm wurde grundsätzlich nichts geglaubt. Er war verhaßt, weil er das probierte, was die SED längst aufgegeben hatte: ihre Leute ü b e r z e u g e n zu wollen. Um so mehr hat die Partei darauf gedrungen, daß das Volk unabhän- gig von seinen privaten Überzeugungen den Respekt vor der Staats- gewalt als solcher wahrte. Deswegen ist der Staatssicherheits- dienst geblieben, auch als es längst endgültig keine "faschistischen Umtriebe" mehr zu verfolgen gab. Stattdessen gab es ja, und zwar zu Recht, den Verdacht der Partei gegen jeden ih- rer braven Bürger, er wäre, gemessen an dem anspruchsvollen Ideal der vollen moralischen Übereinstimmung mit der Parteilinie, ein potentieller Verräter an der "gemeinsamen Sache". Nur ist ein Stasi auch wieder kein Argument und genaugenommen auch keine Überzeugungskontrolle, sondern ein Zwangsinstrument für Loyalität gerade jenseits aller Fragen der wirklichen politischen Gesin- nung. Insofern paßt er zu der "Großzügigkeit", mit der die SED ihre Bürger aus der offiziellen Heuchelei auch immer wieder in ihr Privatleben entlassen hat. Die offizielle Gleichgültigkeit gegen die wirklichen, aber eben bloß privaten Auffassungen der Leute und die Überwachung ihres staatsbürgerlichen Sich-Fügens gehören logisch zusammen - bürgerliche Demokratien halten d a s schon immer so. Von ihrem Sozialismus, d.h. von dem politischen Ethos der Partei, den Interessen aller fortschrittlichen Strömungen und guten Men- schen vollkommen zu entsprechen, ist a u f d i e s e W e i s e nicht mehr übriggeblieben als eine weltanschauliche Theorie. Als staatsbürgerlicher Lehrsatz hat die "unverbrüchliche Einheit von Volk und Staat der DDR" usw. ein ideologisches Eigenleben neben der politischen Realität geführt. "Die Realität" figurierte dabei selbst als ideologisches Versatzstück, nämlich als gern zitierter Auftraggeber für alles, was die Partei will und tut - als sehr ideeller eben, als Berufungstitel innerhalb einer Geschichtsphi- losophie, mit der die Parteien des realen Sozialismus seit jeher ihre historische Unausweichlichkeit beweisen wollten, so als wäre ausgerechnet das das beste Argument, um bei ihnen mitzumachen Dieser weltanschauliche Fimmel hatte seine adäquate praktische Seite: Mit Härte bestand die SED auf einem sauberen ideologischen Überbau, in dem keine Zweifel an ihrer Weltdeutung vorkamen. Mit Dichtern und Liedermachern hat sie sich angelegt, die gar nicht mal die offizielle Sicht der Dinge bestritten, geschweige denn widerlegt, sondern nur ganz persönlich unter der administrativen Festlegung auf heuchlerische Bekenntnisse gelitten haben. S o hat die Partei mit Macht alles dafür getan, daß ihr Volk von ihrem "realen Sozialismus" am Ende nur noch das Eine behalten hat: Er war die staatlich verordnete Unehrlichkeit. 4. Deswegen ist der ganze volksdemokratische Schwindel jetzt auch im Handumdrehen weg; und keiner möchte ihn rückblickend noch ver- stehen können, seit die Partei ihre "Wende" zur "neuen Ehrlich- keit" hingelegt hat und das "Aufdecken" und "Entlarven" kein Ende mehr findet. Dabei ist es gar nicht einmal so, daß dieser ganze Zirkus sich nicht mehr hätte halten können. Daß sich ausgerechnet der Sommer 1989 als sein Verfallsdatum herausgestellt hat, lag an der Schwächung der SED-Macht v o n a u ß e n h e r. Darüber hat die Partei sich zu dem Eingeständnis durchgerungen, daß die Bereitschaft ihrer Massen, sich zu ihr zu bekennen, schwer gelit- ten hat unter ihren alten Methoden, diese Bereitschaft zu erzeu- gen. Ihre Sehnsucht nach einer neuen, besseren Methode politi- scher Volksbetörung haben die führenden Genossen "Dialog" get- auft. Den verstehen sie schon wieder als "die Realität", der sie sich schleunigst anpassen müßten", als An- und Auftrag des Vol- kes, dem sie sofort nachzukommen hätten; oder auch als "das Le- ben", das, wie Lehrmeister Gorbatschow verkündet hat, "die Zu- spätkommenden bestraft". Diese ideologische Manier, ihre Herr- schaft und deren Techniken zu einem unausweichlichen Werk der Ge- schichte zu beschönigen, haben sie eben noch nicht so schnell ab- gelegt wie ihre beiden guten Gründe für eine führende Rolle in Staat und Gesellschaft". Ihrer antifaschistischen und arbeiterfreundlichen Herrschaftsle- gitimation dagegen hat die SED sich entledigt wie einer bloßen überlebten Phrase, von der schlagartig niemand mehr etwas gewußt haben will. Mehr kann sie dann ja wohl auch nicht gewesen sein. Was war eigentlich so unerträglich am Machtmonopol der SED? Die Macht? Das Monopol? Oder die SED? Der Weisheit letzter Schluß: ---------------------------- Ausgerechnet "freie Wahlen"! ---------------------------- Ohne freie Wahlen jedenfalls soll sie auf gar keinen Fall gehen können, die "Erneuerung" der DDR. Das stand nun einerseits schon immer fest - für die in der BRD beheimateten Spezialisten für "Umkehr", "Wende" und Gesamtreno- vierung der DDR. Die haben damit auf ihre Tour zu verstehen gege- ben, daß sie aus rein menschlichen Gründen den zweiten Staat auf deutschem Boden für ein in jeder Hinsicht unannehmbares Gebilde halten. Das hieß "Völkergefängnis", "Unrechtsstaat", "Totalita- rismus". Andererseits steht mittlerweise auch für fast jeden in der DDR selbst fest, daß es dort ganz dringend freie Wahlen bräuchte. Das hört man von der Partei, die bislang über ihre "Führungsrolle" nichts kommen ließ und mit ihrem "Machtmonopol" bestimmte, was im Staate DDR gelten soll. D a s s e l b e hört man aber auch von der Opposition, die sich g e g e n diese Partei organisiert hat; und h a a r g e n a u d a s s e l b e halten auch alle Bürger, die sich aus i h r e n Gründen gegen ihre SED-Staats- führung aufbauen, für eine unabdingbare Voraussetzung einer ge- lungenen Wende ihres Staates, wenn nicht sogar für die Wende selbst. Das ist die erste Merkwürdigkeit an diesen "freien Wahlen": Ganz unterschiedliche und offenbar ja auch ziemlich gegensätzliche In- teressen haben zu einem einheitlichen politischen Konsens zusam- mengefunden, in dem nun wirklich nichts mehr von den kollidieren- den Interessen zu vermerken ist. Schon vor ihrem Stattfinden ha- ben offenbar die freien Wahlen das erste dialektische Wunder der Aufhebung aller Gegensätze zustandegebracht, nämlich insofern, als sich schon gar keiner mehr fragt, w i e freie Wahlen ei- gentlich eine Vermittlung aller gesellschaftlichen und politi- schen Widersprüche bewerkstelligen. Damit einher geht die zweite Merkwürdigkeit: Es mag ja schon sein, daß die vorgestellte "Erneuerung" des DDR-Staates m i t freien Wahlen auf den Weg gebracht wird. Komisch ist nur, daß gar keiner so recht weiß und sagen kann, w e l c h e r p o l i t i s c h e I n h a l t den sachlichen Stoff dieser "Erneuerung" ausmacht, die alle für so furchtbar dringlich halten. Was also sind sie wirklich - die freien Wahlen in der DDR? 1. Zuallererst kann einem an der bisherigen Organisation des po- litischen Lebens in der DDR auffallen, daß sich ein nie in Frage gestellter politischer "Führungsanspruch" der SED durchaus gut mit W a h l e n vertragen hat. Daß die "unfrei" waren, hat je- der gemerkt. Aber wozu gab es sie dann überhaupt? Einfach b l o ß dekretieren, was in Ökonomie und Politik zu gelten hat, und hinterher mit der Staatsmacht, die sie leitet, bloß die Einhaltung ihrer einsamen Beschlüsse kontrollieren -: Das wollte die SED nie. Ihr lag sehr daran, daß alle Maßnahmen, die sie aus ihrer Zuständigkeit für die Gestaltung des gesamten "gesellschaftlichen Lebens" ableitete, von den Bürgern, zu deren Nutzen sie ja vornehmlich tätig werden wollte, auch als d a s begriffen und gewürdigt wurden, was sie ihrer Zweckbestimmung nach immer sein sollten. D a f ü r hat die SED die Weltsicht ihrer Bürger mobilisiert und darauf gedrungen, daß sie bei der Wahrnehmung ihrer Interessen - von Freizeit und Privatleben über die Arbeit im Betrieb bis zur Abwicklung aller sozialen Belange vom Krankheitsfall bis zum Kindergarten - die Bedingungen, unter die die SED sie gestellt hat, als die i h r e n, weil eigens f ü r ihre Interessen eingerichteten, wohlgefällig zur Kenntnis nahmen. Dafür hat die SED ein Beschwerdewesen eingerichtet und in Gang gehalten, in dem unzufriedene Bürger immer jede Menge Gehör - wenn auch meist sonst nichts - fanden, und d a f ü r hat sie Sorge getragen, daß die Beschwerdeführer sich ans Ersinnen kon- struktiver Vorschläge der Verbesserung machen. Insofern lag der SED sehr viel an einer Politisierung ihrer Bürger, die das Spie- gelbild des Auftrags sein sollte, den die Partei sich selbst er- teilt hatte. Wo sie sich mit ihrer Politik an die "Verwirklichung der Einheit von Volk und Staat" machte sollte das Volk ihre Taten als genau diese verwirklichte Einheit nehmen und bestätigen. Und falls eine Prüfung im Einzelfall eine Abweichung vom Ideal ergab, sollten sich die Massen für die immer vollständigere Verwirkli- chung des Ideals engagieren, theoretisch sowieso, praktisch aber erst recht. Das mag man für einen ganz großen Schwindel halten sollte aber dabei schon wissen, worin er besteht. Und da kann einem auffal- len, daß die SED bei ihrer Einrichtung und Leitung des "gesellschaftlichen Lebens" von ihrem "Machtmonopol" zuallerst Gebrauch gemacht und Lebensbedingungen gesetzt hat. Die ihren Ta- ten zugrundeliegende Absicht, stets im Namen und Auftrag ihres Volkes zu handeln, hat daneben ein recht ideelles Eigenleben ge- führt und gewissermaßen die Interpretationslinie dargestellt, a l s was man die gesetzten Fakten zu nehmen hätte. Wie und wo- durch der Nutzen fürs Volk zu mehren sei, hat die SED für sich und mit sich ausgemacht und in die Tat umgesetzt, und damit stand im Prinzip schon fest, d a ß all ihre Machenschaften auch ein Segen für ihre Gesellschaft sind. So hat sie an dem Gegensatz, in dem sie als oberste Befehlsgewalt ihrer Gesellschaft gegenüber- stand, mit dem besten aller möglichen Gewissen festgehalten - und genau darin an sich selbst das Gegenteil ihrer Lebenslüge doku- mentiert, derzufolge ihr gesamtes politisches Wirken in einer grundsätzlichen Einheit mit den Interessen ihres Volkes stünde. Wäre daran auch nur ein bißchen wahr, dann wären ihre Bürger nie mit einer weiteren Errungenschaft des "realen Sozialismus" be- glückt worden - und hätten glatt n i e z u w ä h l e n b r a u c h e n. Denn wenn man sich einig ist, braucht es weder Macht noch Ermächtigung noch Vertrauen in die Mächtigen noch ein Bekenntnis dazu. Daß die Leute überhaupt zur W a h l bestellt wurden von den politischen Leitern des Sozialismus, dokumentiert bloß, daß die sich den Sozialismus nie anders haben vorstellen mögen denn als ein politisches Über- und Unterordnungsverhältnis. Das allerdings sollte sich wegen der gemeinsam betriebenen guten Absichten immer in pures Wohlgefallen auflösen, und diese Fiktion einer politischen Herrschaftsausübung nach dem idyllischen Bild einer in Auftrag gegebenen Dienstleistung wurde viel lieber ge- pflegt, als ein einziges Mal dafür gesorgt, daß ihre Politik auf Grundlage einer wirklichen Interessensidentität zwischen ihr und ihrem Volk stattfand. Den S c h e i n, es wäre so, hat die Par- tei zu einer eigenen Veranstaltung institutionalisiert, deren Leitidee "wählen heißt sich bekennen" lautete und die den Zweck verfolgte, sich das Selbstbewußtsein der eigenen guten Absicht beim Regieren - man ist ja immer und ausschließlich im Volksauf- trag unterwegs - vom Volk in Form eines freien Bekenntnisses zu ihr eigens nochmal bestätigen zu lassen. Allerdings: Sowenig die SED darauf verzichten mochte, die Aus- übung ihrer politischen Macht unter Berufung auf einen Volkswil- len zu vollziehen, der sich per Wahl frei zu ihr bekannt hat, so- wenig hat sie auf der anderen Seite das, worum es ihr politisch ging, ganz dem Zufall überantwortet, ob sich denn das liebe Volk wie gewünscht zur ihr bekennt. So wichtig war der SED i h r po- litischer Zweck schon, daß sie ernstzunehmende Alternativen zu ihm nie zugelassen und nie riskiert hat, an den Wechselfällen der politischen Volkslaune mit der Verfolgung ihrer politischen Vor- haben zu scheitern. So gab es ein Parlament, Parteienspektrum in- klusive, in dem - hinsichtlich seiner Beschickung, wie auch die Leitlinie seiner Beschlußfassungen betreffend - Überraschungen regelmäßig ausblieben, weil die SED über ihren "Führungsanspruch" halt einfach nichts kommen ließ. Insofern der bloß dafür gesorgt hat, daß auf Basis eines per Wahl bestätigten Volkswillens die Politik auch gemacht wurde, die gemacht werden sollte, hing, was die Inhalte dieser Politik selbst betrifft, von ihm also herzlich wenig ab. 2. Das, so sieht es inzwischen die SED, soll nun alles verkehrt gewesen sein. Den "Führungsanspruch, den sie sich bisher lässig genehmigt hat und nie in Frage stellen ließ, weil es ihr um ihre politische Sache ging, will sie nicht mehr erheben. Sie selbst hat davon Abstand genommen, unter Berufung auf das Volksinteresse die Politik, die sie bis gestern noch für richtig hielt, einfach weiter zu machen, geschweige denn zu begründen. Sie will sich den Auftrag fürs Regieren erst noch richtig verdienen: Angesichts des vom Volk ihr entgegengebrachten "Mißtrauens" müsse, so meint sie allen Ernstes, ein a n d e r e s V e r f a h r e n z u r B e s t ü c k u n g d e r S t a a t s o r g a n e her, und dann wäre wieder so ziemlich alles in Ordnung und bereit für die politische Weiterarbeit an der "Einheit von Volk und Staat". Und dieses Verfahren heißt ganz schlicht "freie Wahlen". Die stellt sich die SED als eine ziemlich einfache, beinahe bloß technische Regelung vor. Und da ist einerseits was dran. Das Streichen der "Führungsrolle" aus dem ersten Verfassungsparagra- phen hat ein Volkskammerbeschluß ja schon in drei Minuten erle- digt, Wahlurnen hat man, Papier für die Stimmzettel auch; dann wird abgestimmt, herauskommt ein neu besetztes Parlament und eine neu bemannte Regierung, und weiter geht's mit der Ausübung von deren Geschäften. Bloß: Das allein soll's dann gewesen sein? Ein neuer Verteilungsmodus für die Besetzungsliste des obersten poli- tischen Organs soll ein kompletter Ausweg aus der "Krise" sein, in die sich die SED - so sagt sie - mit ihrem Staat manövriert hat? Da lachen ja die Hühner! - aber eben bloß einerseits. Denn sowenig zu bestreiten ist, d a ß es ein ziemlich nebensächli- cher Formunterschied ist, ob nun 99,7% der DDR-Bürger die Platz- besitzer einer Einheitsliste an die Regierungsgewalt wählen, oder ob knappe 47% schon ausreichend sind, damit eine von mehreren Parteien an die Schalthebel der Macht gelangt: Ein b l o ß e r Formwechsel i s t e s andererseits ü b e r h a u p t n i c h t, wenn eine SED eine Mehrheit bei "freien Wahlen" er- spechtet, um sich durch die zum Regieren überhaupt erst ermächti- gen zu lassen. Und das weiß sie auch durchaus selbst genau. Sie v e r a b s c h i e d e t da nämlich praktisch und auf Dauer ih- ren Standpunkt, sie würde nichts als die Interessen ihrer Bürger organisieren und wäre deshalb zur Herrschaft legitimiert. Sie gibt nicht bloß ihre bisherige, bis zur Peinlichkeit verlogene Tour auf, ein dauernd begründetes Einvernehmen zwischen sich und ihren Bürgern vorzuspiegeln - sondern sie trennt sich gleich von dem Maßstab, vor dem sie sich bisher dauernd blamiert hat. Sie v e r z i c h t e t darauf, in so etwas wie einer sachlichen Übereinkunft zwischen sich und dem Rest der Gesellschaft die ein- zige Legitimation für die Ausübung der Amtsgeschäfte zu sehen - und stuft sich zu einer Partei herunter, die als eine unter meh- reren bloß noch dasselbe will wie alle anderen: Regieren! Dazu will sie als SED nämlich nach wie vor "vom Volk beauftragt" werden - und mit dem Willen hält eine Verlogenheit ganz anderen Kalibers Einzug als die bisher in Gebrauch befindliche Inszenie- rung einer tiefen Verankerung der SED im Volkswillen. Die wollte ja immerhin ehrlich in der Einigkeit bei der politischen Sache begründet sein, um die es ging und für die regiert wurde, und war es immer nicht. Wenn jetzt aber regieren soll, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt hat, dann liegt die Einigkeit eben ganz in der Mehrheit der Stimmen und sonst nichts begründet. Dann legitimiert sich die Partei für die Ausübung der Staatsgeschäfte nicht damit, daß und worin sie dem Volk nützt, sondern darüber, daß sie d i e K o n k u r r e n z u m W ä h l e r- s t i m m e n erfolgreich bestritten hat und von einer Mehrheit anonymer Wahlkreuze relativ oder absolut zum Regieren ermächtigt wurde. Darüber wird dann jeder im Volk gleich und gleichermaßen wichtig - bloß w i e. Als Eigentümer eines Stimmzettels ist er und wird er in regelmäßigen Abständen gefragt; und weil die SED, wenn die Wahlen dann endlich frei sind, auch nicht m e h r von ihm will als die anderen Wahlvereine auch - seine Stimme und ein Kreuz -, darf er sich um die Sorgen und Nöte, die ihn angehen, ganz al- leine kümmern. Denn bei dieser Wahlkorrespondenz wird der "Dialog" zwischen dem Volk und denen, die es regieren wollen, arg einsilbig und trennt so ziemlich alles von sich ab, was die all- täglichen Interessen und Sorgen der Leute betrifft. D e m ent- spricht dann auch das Angebot, aus dem alle frei wählen dürfen: Wo es bloß noch darum geht, eine M e h r h e i t zu bestimmen, damit die dann "das Regieren" übernimmt, steht der Inhalt dieses Geschäfts unverrückbar fest und sehr grundsätzlich außer jeder Diskussion - d e n f e s t z u l e g e n, gehört ja mit zum Mandat, zur Ermächtigung per Wahl. Die "Angebote", die in Form alternativer Parteien, welche sich an die Macht wählen lassen wollen, den Genossen Wähler erreichen, hat der sich nicht nur gar nicht bestellt; die gehen ihn auch weder vorher noch hinterher irgend etwas an. Sein "Einbringen" in die hohen Staatsgeschäfte faßt sich restlos darin zusammen, einem Wahlverein, der sich zur unterscheidbaren Alternative ihrer Ausübung aufbaut, und der sich ein eigenes Programm zulegt, damit er von anderen Parteien über- haupt unterschieden und gewählt werden kann, dorthin zu verhel- fen, wo der hinwill - an die Macht. Dann hat der Bürger seinen Dienst getan und wird seinerseits bedient: mit allem, was die Ma- cher des Staats für notwendig halten und durchsetzen können, weil sie als Macher gewählt wurden. Insofern ist, wenn die SED sich nun über den Umweg einer Mehr- heitsbeschaffung von Stimmen in echten freien Wahlen die Berufung auf einen abstrakten Volksauftrag mit dem Inhalt: "I h r sollt regieren!" ergattern will, nicht bloß sie selbst als die führende "gestalterische Kraft" der DDR aus dem Verkehr gezogen. Mit den 15%, bis 25% der Stimmen, die sie freigewählt auf sich vereinigen wird, hat sich zusammen mit der "P a r t e i der Arbeiter- klasse" auch überhaupt der Standpunkt verabschiedet, daß Politik am Dienst für diese Klasse und am Nutzen für sie ihren guten Grund hätte. 3. Daran werden die Bürger der DDR, die mit der Parole: "Freie Wahlen!" die politische Macht der SED brechen und "neue Leute für das Land" erstreiten wollen, sich noch gewöhnen müssen bzw. ge- wöhnt werden. Einstweilen denken sie bloß daran, daß sie die All- gegenwart der SED l o s w e r d e n. Daß schon längst fest- steht, was sie statt dessen k r i e g e n, wissen die einen vielleicht wirklich nicht, und alle wollen es nicht wissen. Mag sein, daß nicht wenige von ihnen die Sache mit den freien Wahlen sich so denken wie eine um etliches vergrößerte Ausgabe des Rah- menprogramms, das zu allen bisherigen Wahlprozeduren gehört hat. Mag sein, daß sie sich da Diskussionskampagnen vorstellen, in denen dann nicht mehr nur die SED, sondern auch eine liberale, eine nationale, eine sozialdemokratische und ... und ... Partei Vorschläge zur Debatte stellen; die hätten die Bürger dann mit den Interessen und Sorgen zu vergleichen, die sie so haben, damit dann anschließend ein munteres Debattieren darüber ausbricht, was denn das Gescheiteste wäre - und hinterher wird abgestimmt und ungefähr so auch schon gemacht werden, wie man's mehrheitlich für gescheit befunden hat. Mag sein, daß diese Wunschvorstellung lebendig ist. Die Wahrheit ist es todsicher nicht. Denn wo der Freie Wähler Mehrheiten zusammenhäufeln soll, damit die regieren, hat er ja gar keine andere Funktion als die, sich mit einer Stimme zu Wort zu melden, die arithmetisch zählt und sich zu Prozenten addiert; was ihn sonst noch ausmacht, ist seine Privatsache und gehört in eine ganz andere Welt. Die ist zwar al- les andere als "privat" und unbedeutend, denn immerhin fällt in d i e ja alles, womit ein Bürger auch der DDR sich bei der Ver- folgung seiner Interessen in Betrieb und Schule genauso wie beim ganzen Rest seiner Lebensgestaltung vom Einkaufen bis zum Famili- enleben herumzuschlagen hat. Aber genau das alles kürzt sich im Formalismus des Wählens heraus, und in genau dieser Abstraktions- kunst werden die sich üben müssen, die bislang von ihren politi- schen Bevormundern zum konstruktiven "Einbringen" ihrer Anliegen und zum kritischen Verbessern angehalten wurden! Wo das Volk als freie Wahlgemeinschaft komplett und ganz grund- sätzlich von der Last der Regelung aller - es selbst ja nach wie vor praktisch betreffenden - politischen Belange befreit ist und bloß noch Alleinzuständige für die Erledigung der anstehenden Staatsaufgaben erwählt, wird es mit denen und der Welt der Poli- tik schon auch noch ein wenig anders vertraut gemacht werden, als es dies noch von einer SED so gewohnt war: Es lernt die Staats- macht ausschließlich in der abstrakten, gleichermaßen allgemein- wie unverbindlichen Form von nationalen Sorgen und Problemen ken- nen, die "d i e Politik" zu lösen beauftragt ist. Diese S o r g e n d e r M a c h t haben mit den Problemen, die jeder hat, nichts zu tun - außer in dem Sinn, daß sie ihm das Leben schwer machen. Sie sollen aber doch jedermann ganz anders betref- fen, nämlich so, daß er an ihnen Anteilnahme zeigen soll. Die wiederum besteht keineswegs darin, sich ein begründetes Urteil über Inhalt und Zweck der Staatsaufgaben zu machen, mit deren vorgeblicher Problematik er sich beschäftigen soll. Vielmehr sol- len sich die Bürger in die Positur eines i d e e l l e n M i t v e r a n t w o r t l i c h e n für jedes offiziell ausge- gebene Stichwort werfen - und sich bei "Umweltproblemen", "Wirtschaftskrise", "Währungsfrage" ... nie auch nur einen Be- griff über eines dieser "Probleme" machen. Den soll der Mensch als W ä h l e r statt dessen als Hebel für einen trostlosen Vergleich in Anschlag bringen: Es gilt abzuwägen, welche der an die Schalthebeln der Macht wollenden Parteien sich am besten für die Bewältigung dieser Aufgaben präsentieren. Und dafür, daß man einer - oder mehreren im Verbund - mehrheitlich dieses "Vertrauen" schenkt und die "Glaubwürdigkeit" honoriert, die sie in den Taktiken des Stimmenfangs eimerweise verströmen, gibt bzw. geben die sich dann alle erdenkliche Mühe: Sie dekretieren per Gesetz, was in Ökonomie und Politik zu gelten hat, und kontrol- lieren mit der Staatsmacht, die sie leiten, daß ihre einsamen Be- schlüsse eingehalten werden. Mit dem Wissen, daß es bei freien Wahlen um das und nichts an- deres geht, macht natürlich keiner von der gewährten Erlaubnis Gebrauch, die Spitze seiner Herrschaft selbst wählen zu dürfen. Die verbreitete Begeisterung darüber verrät vielmehr umgekehrt, daß der so groß angemeldete Freiheitsdurst die enorm anspruchs- lose Befriedigung anpeilt, a n d e r s r e g i e r t zu wer- den. Der große Befreiungsakt des Abwählens einer SED, der man so überdrüssig geworden ist, will ja gar nicht darauf hinaus, dann, wenn man sie los hat, sich Leute hinzustellen, die die eigenen Anliegen erledigen sollen - zu gescheiten Funktionären hätte man ja glatt auch die Flaschen dieser Partei kommandieren können. Bislang jedenfalls hat noch keine Abteilung des DDR-Volkes, noch nicht einmal der eine oder andere DDR-Bürger, die Initiative der- gestalt ergriffen, daß V o r s c h r i f t e n für künftige Amtsträger formuliert worden wären. Wie die Arbeit in den Betrie- ben, wie die Produkte zwischen den Kombinaten verteilt werden soll, steht nicht zur Diskussion. Wie der Wohnungsbau, die Aus- stattung der Kaufhallen, die Bereinigung der "Drecklöcher" etc. vonstatten gehen soll - das ist nicht der Stoff, der die Diskus- sionen um neue politische Wege bestimmt. Offenbar ist das be- freite Volk der SED fest entschlossen, diese Fragen zwar nicht mehr der SED, aber weiterhin der jeweils regierenden Partei zu überlassen. Außer dem Bedürfnis, politische Techniken der Macht- verteilung interessant zu finden, die der SED zum Nachteil gerei- chen, ist nicht viel von Selbstbestimmung zu spüren. Man will eben die einen a b wählen, um an deren Stelle a n d e r e hinzuwählen, damit die dann schon wieder von der Macht im Staat so Gebrauch machen, wie s i e es für nötig hal- ten. Und das macht die Beteiligung an einer freien Wahl zu einer einzigen blinden Loyalitätserklärung gegenüber dem Wahlergebnis. 4. So kommt es, daß nicht nur alle schon jetzt vorhandenen Wahl- vereine in der DDR, sondern auch alle anderen organisierten Wort- meldungen, die sich erst zu solchen aufbauen wollen, neben ihrer unumstößlichen Sicherheit, derzufolge es für die DDR ganz drin- gend freie Wahlen bräuchte, auch noch eine zweite, mindestens ge- nauso sichere Unumstößlichkeit im Kopf haben: Von wegen frei = einfach und locker draufloswählen! Freie Wahlen brauchen, damit sie gehen, ganz viel "s o r g f ä l t i g e P l a n u n g u n d V o r b e r e i t u n g" - heißt es unisonso von allen, die bei ihnen antreten wollen. Und das läßt tief in die Berech- nung blicken, die da zugange ist, besieht man sich bloß einmal, wer sich da wie vorbereitet: - Für die, die mit ihrer "Führungsrolle" auch das Staatsprogramm Sozialismus verabschiedet haben, müssen erstmal die Voraussetzun- gen geschaffen werden, die ein erfolgversprechender Einstieg in den Kampf um (Wähler-)Vertrauen & Glaubwürdigkeit braucht. Also plant die S E D ganz sorgfältig den Einsatz von Methoden und Techniken, mit denen man sich möglichst nachhaltig vom alten Kurs absetzt - der ist ja ein Malus, wenn man selber glaubwürdig einen neuen ansteuern will. Dafür ist vornehmlich die Kunst der Distan- zierung von all dem gefragt, mit dem man sich "Mißtrauen" einge- fangen hat, und die wirft um so mehr an Glaubwürdigkeit ab, je dicker der Schlußstrich ausfällt, den man unter seine Taten zieht. Da die sich - rückblickend und die Vertrauensfrage im Ge- nick - als ziemliche Untaten herausstellen, reichen noch so be- troffen hergeleierte Bekenntnisse zu vergangenen "Versäumnissen" längst nicht mehr aus. S c h u l d i g e müssen her und ihrer gerechten Bestrafung zugeführt werden, und je höher die Köpfe mal waren, desto lauter kracht's aufs Vertrauenskonto, wenn sie jetzt rollen - und wenn er das Pech hat, daß ihm seine Anklageschrift noch vor dem Herzschlag ereilt, darf auch Honecker seine SED mit einem Einzug in Bautzen vertrauenswürdig machen. Ob "Trennungsschritte" auch dieser härteren Sorte der SED reichen, ist allerdings fraglich; denn immerhin offenbart sich die Partei damit ja irgendwie auch als eine Art Verbrecherverein. Offenbar setzt sie mal wieder auf eine Volksweisheit: Die Zeit heilt Wun- den, und vielleicht macht sie sogar der Sozialismus wieder "sauber". - Die sorgfältige Planung der alten "Blockparteien" geht einfa- cher, da sie zwar am falschen Kurs mit dabei waren. aber eben bloß dabei, und insofern ziemlich saubere Hände vorzeigen können. Das bißchen Dreck, das noch an ihnen klebt, spült öffentliches Beichten von Feigheit und Duckmäusertum weg, so daß die Hauptauf- gabe darin bestehen wird, den Schatten des Block hinter sich zu lassen und sich - jede für sich und alle wechselseitig gegenein- ander - als voneinander unterscheidbare politische Kräfte ins Licht der Wähleraufmerksamkeit zu setzen. Auch das dauert seine Zeit ... - Wie man so eine politische Kraft wird, läßt sich an der sorg- fältigen Planung der S o z i a l d e m o k r a t e n studieren, die ja gewissermaßen in der DDR bei Null anfangen dürfen. Ihre erste Technik, mit der sie zukünftig Stimmen erhebeln wollen, ist die Suche nach einem P r o g r a m m, das sie unverwechselbar von einer SED unterscheidet, die sich mit ihrer sozialen Demokra- tie ja auch nicht mit den demokratischen Sozialen verwechseln la- sen will. Also sind griffige Titel gefragt, die e r s t e n s die beabsichtigte Täuschung der Wähler plausibel machen, sie wür- den wesentlich anderes besagen als die der Konkurrenzpartei(en); die z w e i t e n s ganz viel Blaues vom Himmel herunterlügen, von dem jetzt schon feststeht, daß es - falls man an die Regie- rung kommt - an allen möglichen Hindernissen und "Sachzwängen" scheitern, aber unverdrossen im Auge behalten und weiterverfolgt werden wird; die d r i t t e n s sowieso ausdrücken, daß alles Regieren ausschließlich zum Wohle aller stattfindet und insofern Staat und Volk eine einzige große Gemeinschaft sind. Zu den Pro- grammen braucht es dann noch erfolgversprechende P e r s o n e n, die mit ihnen den Parteizweck - "an die Macht"! - glaubwürdig vertreten und auch beim Volk ankommen. Letzteres mit dem "Profil" - so heißt das dann - der Partei und den Visagen ihrer Vorsteher vertraut zu machen, kostet schließlich - sonst nichts, das aber schon - Z e i t ... - Diese Zeit haben die organisierten Vorkämpfer der Protestbewe- gung - "Neues Forum", "Demokratischer Aufbruch" usw. - bislang noch nicht dazu genutzt, sich in diesen Techniken des demokrati- schen Volksbetrugs und Wählereinseifens fit zu machen. Noch ver- wechseln sie mehrheitlich das von ihnen angezettelte Demonstrie- ren, Protestieren, Anklagen und öffentliche Fordern mit dem, was bei der Vorbereitung freier und richtig schön demokratischer Wah- len Sache ist. Doch einige haben's schon auch begriffen und mel- den als neuen Zweck ihres Vereins dessen "Politikfähigkeit" an. Das ist nämlich das Holz, aus dem demokratische Herrschernaturen schon geschnitzt sein müssen, bevor sie sich ans wirkliche Regie- ren machen dürfen. - Die B R D schließlich, für die ja von Anfang an feststand, daß die DDR freie Wahlen braucht, hat an den politischen Kräften, die sich in der DDR auf sie vorbereiten, einen untrüglichen Be- weis, daß die von ihr mitbestimmte "Wende" auch tatsächlich wie beabsichtigt ganz in ihrem Sinne abläuft. Gegenüber der frisch gekürten Konkurrenz um die Ausübung des Machtmonopols im DDR-Staat gibt sie deren Endziel an, das in ganz zurückhaltender Schlichtheit "Stabilität" heißt. Gemeint sind damit politische Verhältnisse, in denen das Regieren sich als Dienst an unverrück- baren Sachzwängen versteht. Die sind so unumstößlich, weil in ih- nen der Erfolgsweg beschlossen ist, auf den eine Nation sich festgelegt hat, und treten deswegen allen, die der Nation mit Po- litik dienen wollen, als der gebieterische Zwang gegenüber, i h n e n zu gehorchen. Darüber wird es sehr gleichgültig, w e r, w e l c h e r politische Verein nun im Endeffekt tut, was das Nationalinteresse verlangt - und genau das wissen die bundesdeutschen Auskenner in Fragen der Demokratie ganz genau: I h r e "sorgfältige Planung und Vorbereitung" der freien Wahlen in der DDR erstreckt sich auf das E i n r i c h t e n genau dieser Sachzwänge, denen dann der erste freie Wahlsieger auf so- zialistischem Boden gehorchen darf. Deswegen wird über Steuerge- setze, Investitionsschutz, Währungsfragen usw. usw. j e t z t verhandelt, damit die freien Wahlen demnächst garantiert nichts mehr falsch machen können. Die "friedliche Revolution": ---------------------------- Mit aufrechtem Gang in Richtung Großdeutschland ----------------------------------------------- Das konnte ja nicht gutgehen. Wenn ein Aufruhr damit anfängt, daß ein paar Volksgenossen in die Freiheit ausreisen dürfen, die mei- sten aber nicht; wenn dann die Staatspartei zurückweicht und dem abgrundtiefen Mißtrauen ihres Volkes Zug um Zug recht gibt, wenn schließlich das Volk auf seinem Mißtrauen besteht und der Regie- rung auch noch das Recht zum souveränen Nachgeben bestreitet; und wenn das alles ohne organisierte Kritik an dem alten Laden ge- schieht, nur zuerst angeleitet und dann begleitet von wohlmeinen- den Beschwerden über das unheilbar gestörte Einvernehmen zwischen Staat und Volk - dann handelt es sich nicht um eine Revolution. Dann machen sich die protestierenden Massen für einen Führungs- wechsel stark, der so radikal und konterrevolutionär ausfallen soll, daß das Ergebnis feststeht, noch ehe es die Veranstalter selber gemerkt haben: Die eine Staatsmacht wird zugrunde gerich- tet, aber nur, damit eine stärkere an ihre Stelle tritt. 1. Eine "friedliche deutsche Revolution" hat in der DDR stattge- funden, heißt es hüben wie drüben. Ein Volk von Demonstranten, Kirchgängern, Oppositionellen soll nach 40 Jahren endlich aufge- standen sein und die Macht der SED gebrochen haben. Daran ist aber auch alles falsch. Es mag ja sein, daß sich die SED von Bittgottesdiensten, Massen- kundgebungen und kritischen Bewegungen hat beeindrucken lassen. Ihre Macht hat sie nicht deswegen verloren. Von Streiks, die der Staatsgewalt ihre Mittel entzogen und sie zum Aufgeben gezwungen hätten, war keine Rede; auch nicht von einer einigen, organisier- ten Bewegung; und schon gar nicht von gewaltsamen Auseinanderset- zungen, die die Staatsmacht g e b r o c h e n hätten. Die hat anfangs befürchtete Gewaltaktionen gegen unbewaffnete Demonstran- ten u n t e r l a s s e n und keine "Pekinger Verhältnisse" hergestellt. Die oppositionellen Zirkel, die sich unter dem Schutz der Kirche geregt haben, können nicht einmal guten Gewis- sens behaupten, s i e hätten das Volk massenhaft zum offenen oder heimlichen Ungehorsam agitiert und mobilisiert. Die schlagartige Beseitigung einer - wie es allenthalben heißt - stalinistischen Diktatur mit ihren Betonköpfen, ihrem Spitzelwe- sen, ihrer Volkspolizei und ihren Betriebskampfgruppen kann ja auch wohl kaum das Werk von Leuten sein, die sich, seit sie öf- fentlich kritisieren dürfen, erst einmal ausgiebig darüber bekla- gen und selber anklagen, 40 Jahre völlig sprachlos und duckmäuse- risch mitgemacht zu haben und sonst nichts. Leute, die, als sie ihre Vorstellungen nach 40 Jahren endlich ungestraft anmelden konnten, als erstes mit dem Bekenntnis rausgerückt sind, bei all ihren Angriffen gegen die Staatspartei eigentlich noch gar nicht genau zu wissen, was sie denn eigentlich wie besser und anders machen sollten als die SED. Leute, die, als sie endlich frei re- den durften, nichts Eiligeres zu tun hatten, als sich öffentlich zu entschuldigen, sie müßten erst einmal wieder das eigenständige Denken lernen; die gleichzeitig darüber klagten, daß ihnen die Experten und Kompetenzen fehlen, um zu sagen, wo es langgehen soll. Leute, die darüber lamentieren, wie schwierig die Regelung der politischen Geschäfte doch ist; die also der Herrschaft, mit der sie sich überworfen haben, gleichzeitig mit soviel Verbesse- rungswillen, Respekt und falscher Bescheidenheit entgegentreten - das sind sicher nicht die richtigen, die Herrschaft u m z u s t ü r z e n. Von den Massen, die massenhaft in den We- sten reisen, um seinen Reichtum in den Auslagen und anderswo zu bewundern, ganz abgesehen. Der radikale Umsturz soll ja auch gar nicht in einer grundlegen- den Korrektur der Macht- und Produktionsverhältnisse, sondern im "aufrechten Gang" liegen, den man nach 40 Jahren "Duckmäusertum" nun endlich gelernt haben will, weil das öffentliche Demonstrie- ren und Diskutieren jetzt zu einer lieben Gewohnheit geworden ist. Die Revolution soll hauptsächlich in den K ö p f e n der Bürger stattgefunden haben. Die lassen sich nun nichts mehr vor- schreiben, seit die SED beschlossen hat, ihre öffentlichen Be- schwerden zuzulassen und sie sich sogar zu Herzen zu nehmen. W a s sich eigentlich DDRler 40 Jahre haben vorschreiben lassen und w a s daran auszusetzen war, das gilt als ziemlich neben- sächliche Frage bei der verbreiteten Anklage, die Machthaber in Pankow hätten das Volk 40 Jahre in Unmündigkeit gehalten, hätten ihm eine Schere im Kopf verpaßt und hätten es dazu gezwungen, im- merzu gegen seine eigenen Überzeugungen zu denken und eine ihm völlig widersprechende offizielle Meinung bedingungslos zu tei- len. Kritisiert wird nur d a ß die SED mit ihren sozialisti- schen Einheitsphrasen die Volksgenossen zum Opportunismus erzogen hat; und kritisiert wird das grundverkehrt. Ein Staatswesen besteht aus ein bißchen mehr als dem mehr oder weniger freien oder gehorsamen Denken und Reden seiner Mitglie- der. Der verlangte Gehorsam hat auch noch einen handfesten In- halt. Da werden manche produktive und andere Dienste zum Wohle des Ganzen organisiert und verlangt. Das alles fällt glatt unter den Tisch, wenn den Funktionären das alleinige Interesse und Hauptverbrechen angedichtet wird, jedwede abweichende Meinung un- terdrücken zu wollen. Dabei hat die Staatspartei ein bißchen mehr als puren blinden Gehorsam und sonst nichts schaffen wollen, wenn sie das ganze öffentliche Leben als ein einziges verpflichtendes Bekenntnis dazu organisiert hat, daß die Führung Zustimmung ver- dient und sich Einsatz lohnt. Und das Volk hat auch noch ein biß- chen mehr gemacht, als immer nur gezwungenermaßen gejubelt und ansonsten den Mund gehalten, obwohl es das Verlogene der öffent- lichen Propaganda durchschaut haben will. Dienste hat es ja auch noch ein paar erledigt, und zwar mit der Berechnung, es damit zu was zu bringen. Kritisiert und geschimpft worden ist auch nicht wenig, damit manches anders wird und weil es nicht anders wurde. Und Kritik war oben sogar erwünscht, wenn sie sich dem Verbessern verschrieben hat und als wohlmeinender Auftrag an die zuständige Partei dahergekommen ist. Von wegen, in der DDR sei ein einziger vierzig Jahre dauernder zähneknirschender Stummfilm abgelaufen und sonst nichts! Aber w a s an sozialistischem Schaffen und Mitmachen von oben organisiert und von unten erledigt worden ist, w a r u m die versprochene Einigkeit von materiellen Diensten zum Wohle der sozialistischen Gemeinschaft und materiellen Vor- teilen, die jeder einzelne daraus ziehen soll, immer nicht zu- standegekommen ist, interessiert offenbar wenig. Viel beliebter ist die Anklage, in der DDR habe Unterdrückung geherrscht, und die Selbstbezichtigung, man habe sich unterdrücken lassen: beim Denken. Kritik war nicht e r l a u b t, und deswegen hat sich keiner g e t r a u t, lautet die rückblickende Analyse. Man braucht gar nicht mehr darüber zu reden, was man eigentlich an- deres zu sagen gehabt hätte und was an den verlogenen Partei- parolen denn eigentlich falsch gewesen ist. Wer so Denken und Meinen mit ihrer staatlichen Erlaubnis in eins setzt, der denkt dann auch, wenn er offiziell die Erlaubnis zum abweichenden Denken erhält, e r hätte die Machthaber zur Abkehr gezwungen, weil er endlich den Mut bewiesen hat, sich öffentlich zu Wort zu melden. Der verwechselt nämlich W i d e r s t a n d mit öffentlicher W i d e r r e d e und O p p o s i t i o n mit Bekennertum. Die Euphorie, mit der Leipzig zur "Heldenstadt" ernannt, und die kindische Häme, mit der auf den Demos gesungen wurde: "Montag sind wir wieder da", speisen sich also aus dem Glauben, es sei dem massenhaften und bekennermutigen Auftreten geschuldet, daß die SED nachgegeben hat und seitdem freier demon- strieren läßt, als der sogenannte freie Teil Deutschlands das seinen Kritikern erlaubt. Dem Drängen eines selbstbewußt gewordenen Volkes habe sich die Greisenpartei nicht mehr widersetzen können. Diese Auffassung kündet nicht von Einsicht, sondern von einer Illusion, die die Opposition aus dem Katechismus der sozialistischen Volksdemokra- tie entnommen hat: Daß eine Regierung ihrem Volk seinen Willen nicht vorenthalten kann, wenn es sich nur entschieden genug mel- det. Mit diesem Bewußtsein sind die Demonstranten in Leipzig und anderswo angetreten, mit der Berufung auf diesen Grundsatz hat die SED ihnen recht gegeben. Dennoch, die DDR-Bürger sind im Sep- tember nicht selbstbewußt geworden, sondern haben sich von den ganz woanders her begründeten Selbstzweifeln der SED anstacheln lassen. Die SED hat sich nicht der Macht des V o l k s w i l- l e n s gebeugt, sondern wegen ihrer S t a a t s n ö t e beschlossen, den Volksbeschwerden recht zu geben. 2. Angetreten sind die demonstrierenden Massen mit den Parolen "Wir sind das Volk!" und "Wir bleiben hier!". Das ist alles an- dere als die Ankündigung, sich künftig nichts mehr sagen zu las- sen, die eigenen Belange selbst in die Hand zu nehmen und sie so zu organisieren, wie es einem vernünftig, d.h. bekömmlich dünkt. Da wird Berücksichtigung von oben vermißt und eingeklagt. Die er- ste Parole nimmt ja nur den offiziellen Ehrentitel auf den die Regierung ihren Massen verliehen und mit dem sie ihr Recht zum Regieren vorstellig gemacht hat, und bestreitet ihn der S E D. Da berufen sich also Bürger auf ihren Charakter als U n t e r t a n e n und machen sich stark für ihr Recht auf eine gute Obrigkeit, das ihnen ihrer Meinung nach bisher versagt geblieben ist. Sie d r o h e n der Regierung, die sie nicht mehr ertragen wollen, ausgerechnet mit ihrem Willen, dem Staat die T r e u e zu halten. Sie treten fordernd mit dem aller- grundsätzlichsten p a t r i o t i s c h e n L o y a l i- t ä t s b e k e n n t n i s an. Als ob es das oberste Interesse der SED gewesen wäre, ihr unzufriedenes Volk loszuwerden, und nicht, es für sich einzunehmen. Dabei hat man den Stalinisten doch ansonsten immerzu vorgeworfen, ihr Volk hinter Mauern einzusperren. Mit dem trotzigen "Wir hauen nicht ab!" geben sie verständnisvoll dem untertänigen Systemvergleich der Flüchtlinge recht, teilen die Enttäuschungen der Übersiedler, wie wenig gut sie mit der DDR bedient waren, und setzen dem ein selbstbewußtes patriotisches "Trotzdem" entgegen. Sie bestätigen, daß die Mehrheit des Volkes k e i n e Perspektive in diesem Staat sieht - und leiten daraus das gute R e c h t ab, in ihrem Land als gute Bürger endlich eine geboten zu kriegen. Die Sprachrohre der Demonstranten haben diese Anklage noch ein bißchen anders vorgetragen: Diese Regierung hat kein Recht zu re- gieren, weil sie ihr Volk nicht für sich einzunehmen versteht und weil sie das nicht einmal mehr richtig versucht, sondern es zie- hen läßt - so lautete die Diagnose. Das "Neue Forum" hat daraus stellvertretend für alle auf eine S t a a t s k r i s e beson- derer Natur geschlossen, die zu Besorgnis Anlaß gibt: "In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft of- fensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Ver- drossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung. Fluchtbewegungen diesen Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein." (Aufbruch 89 - Neues Forum) S t a a t s v e r d r o s s e n h e i t und m a n g e l n d e s E n g a g e m e n t für diese Republik, die ganz auf das Konto der Regierung gehen: So lautete die mündige Fassung aller mögli- cher Beschwerden im Volk, die nach besserer Politik verlangen. Bei dieser Diagnose kürzen sich allerdings die Belange der Bür- ger, die da von oben mit Füßen getreten wurden, ziemlich heraus. Materieller Natur sollen sie ja sowieso nicht gewesen sein. Of- fenbar geht es um eine Betroffenheit etwas anderer Natur. Geschä- digt ist mit der Unzufriedenheit des Volkes erstens der S t a a t s e l b e r, weil ihm die Loyalität versagt bleibt, und zweitens der Bürger vor allem als einer, der unverdrossen staatsbegeistert sein will. Zahlreich, bekennerisch mutig und radikal ehrlich geworden sind die kritischen Stimmen auch gar nicht, weil sie ihre eigene, 40 Jahre währende Sprachlosigkeit einfach nicht mehr ausgehalten und sich deswegen ein Herz genommen haben. Angetreten sind sie, nach- dem die DDR die Botschaftsbesetzer freigegeben und auf ihre Ho- heit über sie verzichtet hat. Den Antrieb und Mut dazu haben sie nicht ohne moralisch eingefärbte Berechnung auf eine Schwäche der Partei gefaßt, die sie der Flüchtlingswelle und dem Umgang mit den Übersiedlungswilligen entnommen haben. Dabei haben sie aller- dings das wirkliche Verhältnis zwischen der konstatierten S t a a t s v e r d r o s s e n h e i t und der S c h w ä c h u n g der SED-Herrschaft auf den Kopf gestellt. Weil der DDR die hoheitliche K o n t r o l l e über ihr Volk v o n a u ß e n zunehmend bestritten worden ist, hat die SED aus der Not eine Tugend gemacht, sich zum K a m p f u m d i e Z u s t i m m u n g ihres Volkes entschlossen und sich von unten lauter Absagen eingehandelt. Die Kritiker haben sich das umge- kehrt so zurechtgelegt, daß die SED die K o n t r o l l e über ihr Volk endgültig verloren hat, weil sie sein V e r t r a u e n nicht besitzt und gewinnen kann. Alles, was daran w e l t p o l i t i s c h e Sache ist, kommt in dieser Lagebe- stimmung nicht vor. Statt dessen nur das rührende Bild von einer Regierung, die so endgültig darin versagt hat, ihren Bürgern En- gagement lohnend erscheinen zu lassen, daß die ihr jetzt in Scha- ren davonlaufen. Erstens haben sich mit dieser Diagnose die B ü r g e r- r e c h t s - K r i t i k e r dazu herausgefordert gesehen, nicht mehr bloß unter dem halbwegs schützenden Dach der Kirche das Bedürfnis nach besserer Politik zu diskutieren und um Zulassung nachzusuchen, sondern an die Öffentlichkeit und vor al- lem in die Politik zu gehen. Mitbekommen haben sie nämlich schon, daß ihr Staat in einer N o t l a g e steckt, bloß definieren sie diese Notlage als eine DDR-interne V e r t r a u e n s- k r i s e. Es ist zwar ziemlich albern, sich die Normalität von Staatswesen so vorzustellen, daß es dabei um eine gelungene Werbeveranstaltung von oben nach unten zu gehen hätte. Aber so gesehen beweisen die Rübermacher, daß die Opposition schon immer recht hatte mit ihren Klagen über ein gestörtes Vertrauensverhältnis - und daß sie jetzt ganz anders gefragt ist als früher, nämlich als R e t t e r d e r N a t i o n. Als glaubwürdigere Vertreter einer bewohnbaren DDR, als die einzigen tauglichen neuen V e r t r a u e n s s t i f t e r, ermächtigt zu alternativer Politik. Auf der anderen Seite fand sich für dieses Bedürfnis angesichts der Flüchtlingswelle auch der m a s s e n h a f t e Anhang. Leute, die mit einem lautstarken Bekenntnis zu ihrem Staat ihren Unmut über seinen Zustand vortrugen bislang stets brav gewesene Untertanen, die ihr U n t e r t a n e n - B l e i b e n - W o l l e n jetzt als Recht auf politische E i n m i- s c h u n g begriffen haben. Ebenfalls ein Produkt der aktuellen Lage. Wo sonst pochen normale Bürger auf ihren Patriotismus als eine Leistung, für die sie staatliche Gegenleistungen einfordern. Die Massen in Leipzig und anderswo machten nämlich die seltsame Entdeckung, daß ihr Staat auf einmal ihre f r e i w i l l i g e L o y a l i t ä t braucht - eine Sachlage, die sonst überhaupt nur in Sonntagsreden zur Volksgemeinschaft und zum Staatsbedürfnis nach "mündigen Bürgern" herbeigelogen wird -, und sie riefen ihre bedingte Bereitschaft dazu aus, ohne allerdings eine einzige Bedingung zu stellen. Nur der Wunsch nach einer neuen politischen Perspektive wurde laut: nach einer neuen Führung, die nicht SED heißt. Das ist also die traurige Wahrheit der Debatten und Demonstratio- nen, mit denen sich die Bürger endlich vom Objekt zum Subjekt aufgestiegen wähnen, so daß sie ganz stolz auf sich und ihr Land sind: N a t i o n a l i s t e n stellen nicht die M a c h t-, sondern radikal die V e r t r a u e n s f r a g e an die Regie- rung und beantworten sie abschlägig. Damit geben sie das passende Material ab für alternative Volksbetreuer, die den matten Antrag auf eine glaubwürdige Politik heraushören und bedienen wollen. 3. Seitdem die SED den kritischen Stimmen im Lande entgegengekom- men ist, ihre Äußerung erlaubt und ihnen mit ihrer Diagnose einer von der SED verschuldeten Vertrauenskrise auch noch recht gegeben hat, ist unter Führung der oppositionellen Zirkel und Figuren das in Gang gekommen, was alle "Dialog" nennen. Die alternativen Staatsprojektemacher, die bisher immerzu um ihre Zulassung als verantwortliche Opposition nachgesucht hatten - und das bei einer Partei, der sie jede Verantwortung abgestritten haben - und die sich nun zu halb- bis offiziellen Gesprächspartnern erhoben sa- hen, haben die Gelegenheit ergriffen. Nicht, um die Politik mit Unterstützung von unten nun wirklich einmal f e s t z u l e- g e n, sondern zuallererst einmal, um die beschriebene V e r- g a n g e n h e i t s b e w ä l t i g u n g in die Wege zu leiten; und dann, um über die M o d a l i t ä t e n d e s "D i a l o g s" zu rechten, ob er auch ehrlich geführt werde, mehr mit oder ohne SED-Beteiligung vonstatten zu gehen habe, etc. Kaum wurde offiziell der Illusion recht gegeben, die DDR-Politik sei ab jetzt Gegenstand und Ergebnis allgemeiner und freier Erörterung, haben sie die Debatte zunächst einmal mit Aus- einandersetzungen über ihre richtige Form, über das zugelassene Personal. über Aus- und Eingrenzung, über Glaubwürdigkeit ge- führt. Das Schlagwort von der "Ehrlichkeit" machte die Runde, weil in der Auseinandersetzung mit der SED schon wieder nicht zählte, w a s einer eigentlich an politischem Programm zu bie- ten hat, sondern ob er es denn auch e r n s t meint. So betä- tigte sich der Irrglaube, daß die erwarteten guten Werke der Po- litik ganz am guten C h a r a k t e r derjenigen hängen, die mit ihrem Versprechen regieren. Als sei ihr Ausbleiben gar nicht in den S t a a t s v e r h ä l t n i s s e n, sondern in der unverantwortlichen E i n s t e l l u n g ihrer Charaktermasken beschlossen. Seitdem beweist die Opposition, von den Massen unterstützt, daß Ein- und Zugeständnisse nie und nimmer für die SED, sondern gegen sie sprechen. Eine leichte und logische Übung, wenn man sich erst einmal die Prüfung erspart, worauf eigentlich die eigene Unzu- friedenheit zuruckzuführen ist. Wenn man statt dessen immer nur die offiziell ausgegebenen politischen Ideale mit dem vergleicht, was politische Realität ist, und sich darüber beklagt, daß man sich ihre Verwirklichung ganz anders vorgestellt hätte. Die Kri- tiker haben massenhaft die Partei, die sich gerühmt hat, das Volk in seinem Interesse zu führen, mit Demonstrationen enttäuschten Vertrauens bedacht, ohne überhaupt noch darüber rechten zu müs- sen, warum sie keins und ob verantwortliche Politiker überhaupt V e r t r a u e n verdienen. Ein sozialistischer Wettbewerb kam in Gang, bei dem die SED auf den Prüfstand ihrer Versprechungen und der Volkserwartungen gestellt wurde - und siehe da, sie fiel durch, weil alles unterschiedslos zum Beleg für das vorher fest- stehende Urteil diente: Diese Partei hat abgewirtschaftet, was ihre Glaubwürdigkeit angeht. Man wollte sie ihr eben nicht mehr zugestehen, das allein sprach für sich. Deshalb hat Jeder die Tour der Partei, mit dem Eingeständnis für neues Vertrauen zu werben, man habe bisher jedes verspielt, sofort als bloßen Trick durchschaut, mit dem er neuerlich eingeseift und mundtot gemacht werden sollte. Wenn dagegen die neuen Hoffnungsträger öffentlich damit angeben, daß sie unbegrenzten Vertrauensvorschuß besitzen und deswegen bei der künftigen Krisenbewältigung mit ihren Härten für das Volk als politische Kraft nicht übergangen werden können, dann gilt das als Beweis, daß man ihnen unbedingt trauen kann. So sind die Sorgen, die sich auch ein einfacher DDR-Bürger so ma- chen mag über sein A u s k o m m e n, über fehlende Güter und schlechte Lebensumstände, von vornherein auf der Strecke geblie- ben. Bedient wurde ein ganz anderes Bedürfnis, das aber ausgie- bigst: Das Bedürfnis, das Regieren mit den m o r a l i s c h e n T i t e l n zu verwechseln, mit denen es den Regierten als volksdienliches Unterfangen in ihrem Interesse schmackhaft ge- macht wird; das Bedürfnis also, die Regierenden an den s c h ö n e n V o r s t e l l u n g e n zu messen, die man sich von Charakter und Wirkungen dieses Geschäfts macht. Die Ankläger und Richter im Namen eines e n t t ä u s c h t e n und umso l e b e n s t ü c h t i g e r e n Idealismus der Einigkeit von Staat und Volksbasis haben sich um die materiellen Affären und Interessengegensätze wenig gekümmert, sondern sind in ganz andere Richtung radikal geworden. E r s t e n s haben sie statt G r ü n d e n die S c h u l- d i g e n und ihre Verstöße gegen die eingebildeten Pflichten einer vertrauenswürdigen Staatsleitung dingfest gemacht. Alle beklagten Sorgen und Mängel dienten als Bilder für den einen, zur offiziellen Einigkeitspropaganda spiegelbildlichen Gedanken: Hier haben Politiker das Volk um seine guten R e c h t e b e t r o- g e n und bloß um ihrer selbst willen regiert. Inkompetenz, Versagen, Unehrlichkeit, private Bereicherung, Korruption, Bürokratisierung, vergreiste Betonköpfe - kurz all die negativen Abziehbilder respektgebietender sauberer Führerschaft im Dienste von Volk und Staat entdeckte man auf Anhieb und überschüttete die SED demonstrativ mit Respektlosigkeit. Als sich die SED genau diesem Standpunkt anbequemte und bei ihrer Werbung für neues Vertrauen die Mannschaft auswechselte, da wußte man auch schon wieder daß bloß und noch viel zu wenig Köpfe gerollt sind, daß die Neuen mehrheitlich Wendehälse sind, die wegen fehlender Gradlinigkeit Mißtrauen verdienen. Dagegen wollten die aufgebrachten Bürger gar nichts Genaues darüber wissen, warum sie trotz aller materieller Versprechen in diesem Staat nicht auf ihre Kosten gekommen sind. Erst recht wollten sie nicht be- ratschlagen, was ansteht, damit die Leute besser durchs Leben kommen und ihre ökonomischen Interessen zur Geltung bringen und planen. Aber daß Honecker und Co. mit ihren an bundesrepublikani- schen Politikermaßstäben lächerlichen Privilegien das Volk betro- gen und sich unrechtmäßig bereichert haben, das war unbezweifel- bar. Und daß das gute Volk ein Recht darauf hat, die ungeliebten Politiker mit dem Haß von Saubermännern zu bedenken, denen eine ordentliche Führung über alles geht, und Rechenschaft bis Rache fordern darf, das stand fest und wurde mit den lächerlichsten und wüstesten Geschichten über die Exzesse der Bonzen eingeklagt. Als ob das die Regale füllt, wenn man endlich einmal die vermeintlich Richtigen der Verantwortungslosigkeit und Volksschädlichkeit überführt; wenn man i h r e n Privatverhältnissen statt den Le- bensverhältnissen derer, die sie regieren, seine Aufmerksamkeit widmet; wenn man, mit dem Staatswohl statt dem eigenen im Sinn, Absetzung und öffentliche Schauprozesse fordert. Was gerade noch als Stalinismus einer Einparteienherrschaft galt, den man aus der Welt schaffen wollte, das geht jetzt als freie Betätigung des ehrlichen Volkswillens ganz in Ordnung. Es trifft ja die Richti- gen - und die SED gibt dem auch noch recht. Z w e i t e n s haben sich die mündigen Bürger und kritischen Dialogpartner mit dieser Übung nicht zufriedengegeben. Ganz ohne sich über die Ursachen der konstatierten Staatsmisere und ihre Beseitigung verständigen und einigen zu müssen - da will keiner keinen bevormunden und sich bevormunden lassen, ob er sich eine künftige DDR mehr ökologisch, mehr marktwirtschaftlich-sozial, mehr sozialistisch-marktmäßig oder überhaupt noch nicht vorstel- len kann -, über eines waren sich alle gewiß: Die Politik muß dauerhaft auf den Volkswillen verpflichtet werden. Und das ist keine Frage des H e r r s c h a f t s z i e l s - da darf mun- ter problematisiert und gestritten und Ratlosigkeit zu Protokoll gegeben werden -, sondern der p o l i t i s c h e n V e r k e h r s f o r m e n zwischen oben und unten. Andere M e t h o d e n der Herrschaftsausübung - Pluralismus, Wahlen, freie Presse - sollen die G e g e n s ä t z e zwischen Gesell- schaft und Staat beseitigen, als wären die eben nichts als eine Methodenfrage. Die Opposition hat damit erst einmal all die schö- nen Projekte, die sie einer guten Republik als ihren eigentlichen Auftrag andichten und - diskutieren will, zur Nebensache erklärt. Die Hauptsache, die künftig Übereinstimmung garantieren soll, ist eine andere: Das Machtmonopol der SED muß weg, und politische K o n k u r r e n z der Meinungen über die Macht und um die Macht muß her. Ein klägliches Programm. Statt auch nur einmal ein Argument aus dem "Neuen Deutschland" seiner Verlogenheit zu überführen und zu sagen, warum die SED solche Lügen nötig hat, beklagen die ver- schiedenen Vereine, gerade zugelassen, erst einmal immer wieder nur das unwürdige Los der DDR-Staatsbürger, keine Öffentlichkeit für ihre wirklichen Interessen zu haben. Statt die SEO auf ihre proklamierte Lebenslüge eines Volksbeglückungsstaats festzulegen, mit oder ohne Marx den Fehler dieses Programms aufzudecken, die "Arbeiterpartei" daran unmöglich zu machen und in dieser Hinsicht auf Änderung zu dringen, hat die Opposition das Menschenrecht auf echte Wahlen und Diskussionserlaubnis als das Interesse ihrer Mitbürger entdeckt, das alles zum Guten wenden und Vertrauen ga- rantieren soll. Die Fanatiker einer echten Einheit zwischen Staatsgewalt und Staatsbürgersinn stehen auf d e m o k r a- t i s c h e h r l i c h e n V o l k s b e t r u g: Keine e r z w u n g e n e n B e k e n n t n i s s e zur SED mehr, die diese durch erlogene Wohltaten erkauft, sondern f r e i e M e i n u n g s v i e l f a l t, die dem Bürger erlaubt, sich seine - allerdings unmaßgebliche eigene Auffassung über "die da oben" zurechtzulegen; und das politische Recht, mit seiner Wahl- stimme ganz nach Lust und Wertgeschmack zwischen alternativem Herrschaftspersonal a u s z u w ä h l e n, ohne daß er dann ge- zwungen wird, alles, was über ihn beschlossen wird, öffentlich gut zu finden. Die Methode, das Verhältnis zwischen Regierung und Regierten mit dem b l o ß e n W a h l a k t unwiderruflich in Ordnung zu bringen - so daß jedes oppositionelle Interesse sich am Hinweis "Wir sind gewählt!" blamiert -, verbürgt ihnen gerade als pure Herrschaftsmethode das z w a n g l o s e "Einverneh- men" zwischen "oben" und "unten", das sie am Verfahren der SED, Öffentlichkeit und Wahlzirkus als Ausdruck einer angeblich sachlich begründeten Einigkeit, einer wirklichen Dienstbarkeit der Führung fürs Volk zu inszenieren, schmerzlich vermissen. Es mag ja sein, daß mancher der aufgeregten Debattierer, die jetzt meinen, man könne aus den Ruinen der Einparteienherrschaft gemeinsam die Herrschaft in der DDR neu, bunt und gemütlicher aufbauen, sich unter freiem Meinungsaustausch so etwas wie die Einigung auf bessere Weisen des Regierens und unter freien Wahlen irgendeine Sorte Festlegung der Regierenden auf ein solches, mehrheitlich erwünschtes Konzept vorstellten. Dafür s i n d es jedenfalls die ganz und gar untauglichen Methoden. Die Fans einer besseren Staatsplanung haben bei ihren Debatten, w a s denn dann eigentlich zur Wahl stehen sollte, ja auch erst einmal nur mit den Achseln gezuckt und darauf verwiesen, das werde sich schon finden, wenn nur erst einmal frei gemeint und gewählt wer- den dürfe. Die Perspektive, die sie dem Bedürfnis nach besserem Regieren gegeben haben, war dabei weniger vorwärts- als rück- wärtsgewandt: Absage an die bisherige Form des Regierens, also Abdankung der SED. Auf der einen Seite gibt es nichts H a r m l o s e r e s, als seine Herrschaft um die Erlaubnis zum freien Meinen und Diskutieren und um freie Auswahlmöglichkeiten zwischen alternativen Politikerfiguren anzugehen. Auf der anderen Seite aber ist es die härteste, von der SED durch nichts zu be- friedigende S y s t e m k r i t i k. Denn sie bestreitet der Einheitspartei deren gesamte H e r r s c h a f t s m e- t h o d i k - und darin ihren S t a a t s z w e c k, den die Partei um so mehr geglaubt sehen will, je weniger sie ihn einlöst. Es ging um die Befriedigung des Bedürfnisses, die SED ein für al- lemal der Konkurrenz um die Macht anheimzustellen und sie an lau- ter SED-kritischen und deswegen erst einmal unbesehen für ver- trauenswürdig geltenden Wahlalternativen zu blamieren. Aus dieser Berechnung ist auch gar kein Hehl gemacht worden. Der Ruf nach "Reform", der auf Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen ertönte, mündete nämlich immer umstandslos in das Verlangen nach A b t r i t t der bisher regierenden Partei - mehr wurde erst einmal nicht verlangt. Das aber ununterbrochen und mit wachsender Gehässigkeit. Dabei kam man mit den zwei Argumenten "abgewirtschaftet" und "Verbrecher" aus. Daran wurde jeder Ver- such der SED, ihre Parteiherrschaft durch Zugeständnisse auf eine neue Grundlage zu stellen, die sie in Wirklichkeit infrage stel- len, blamiert. Immer neue Beweise ihrer Reformwilligkeit wurden von der SED verlangt, während man öffentlich tausendmal versi- chert, daß man ihr "echte" Reformen gar nicht zutraut. Öffentlich geduldet, verlangte die Opposition nach Zulassung zum Staatsfern- sehen; dort mit Sendezeit bedacht, wollte sie als offizieller Ge- sprächspartner der Regierung zugelassen sein - inzwischen strei- tet sie über Parteienfinanzierungs- und andere volksbeglückende Interessen von Machtanwärtern, die mit dem puren Fingerzeig auf die alten Machthaber für ihre Vertrauenswürdigkeit werben und der SED das Regieren ein für allemal abnehmen wollen. Die SED hat den Anträgen nämlich ein ums andere Mal recht gegeben - so daß DDRler jetzt schon die pluralistische Staatsöffentlichkeit und die Kon- kurrenz politischer Kräfte genießen, nach der sie sich so gesehnt haben, und in der Abrechnung mit der SED Gerechtigkeitsgefühl und Selbstbewußtsein mündiger Untertanen gebührend zum Zuge kommen. Sonst aber wirklich nicht. 4. Daß aus der V e r t r a u e n s f r a g e dann doch immerzu eine M a c h t f r a g e auf Kosten der SED geworden ist, das hat die Opposition nicht ihren eigenen Anträgen und Anstrengungen zu verdanken, sondern der Tatsache, daß es die Herrschaftsalter- native, deren schönen Schein sie zum Argument gegen die SED ge- macht haben, längst auf deutschem Boden gibt. Eine Alternative, die an einer Vertrauenskrise in der DDR das allerhöchste staatli- che Interesse hat und mit einer ganz anderen Wucht, als es den DDR-Liebhabern demokratischer Ideale je möglich wäre, die Zerset- zung und Auflösung der DDR betreibt. D i e B u n d e s- r e p u b l i k hat die über die Füchtlingswelle zur Volksbewegung angewachsene Opposition mit allen ihr zu Gebote stehenden propagandistischen und diplomatischen Mitteln geför- dert. Der oppositionelle Idealismus, es ginge - vor und jenseits aller deutsch-deutschen Händel - erst einmal nur darum, das ge- störte Vertrauensverhältnis von DDR-Volk und Führung und damit den ganzen Staat in Ordnung zu bringen, sollte wirklich jedermann in der DDR zu Ohren kommen und zu Herzen gehen. Dies Anliegen sprach nämlich nach bundesrepublikanischer Lesart eigentlich schon ganz für sich, das heißt für die Freiheit, wie sie hüben existiert. Mit ihrer Täuschung, die weltpolitische Affäre sei nichts als eine von der SED verschuldete Vertrauenskrise, und den demokratieheischenden Folgerungen, die sie daraus gezogen hat, liegt die Opposition drüben ja wirklich ganz auf der Linie einer bundesrepublikanischen Politik, die schon immer ihren Herr- schaftsanspruch in der Form geltend gemacht hat, daß sie auf das unterdrückte, unfreie Volk verwiesen hat. Umgekehrt hatte die Opposition auch gar n i c h t s d a g e g e n. Einwände gegen das Herrschaftssystem der westli- chen Demokratien sind ihr ja keine geläufig, jedenfalls keine prinzipiellen. Egal, woher die Sprecher der Opposition den Glau- ben haben, daß ein Staat nur dann in Ordnung geht, wenn er seinen Bürgern das Recht auf freie Wahlzustimmung erlaubt - aus einem Sozialkundelehrbuch, aus dem DDR-eigenen Mehrparteiensystem und Akklamationszirkus, aus der Liebe zur europäischen Kultur, aus frommer Denkungsart mündiger Bürger -, sie sind mit diesem Ver- langen Vertreter einer alternativen Herrschaftstechnik, die den k a p i t a l i s t i s c h e n Verhältnissen ihre stabilen n a t i o n a l s t a a t l i c h e n Gewaltverhältnisse si- chert. Der schöne Schein bürgerlicher Freiheiten, den die demo- kratischen Vordenker drüben so bedenkenlos zu ihrer Sache erklärt haben, hat seine Unschuld schließlich längst verloren; seine bit- tere Realität ist, wenn schon nicht mit Marx zu erklären, an der BRD und anderswo im Westen unschwer zu studieren. Die politisierenden Pastoren, protestierenden Künstler und alter- nativen Parteigründer samt ihrem Anhang haben sich aber von den Informationen nicht beirren lassen, die sie dem Westfernsehen reichlich entnehmen könnten und aus denen hervorgeht, daß Partei- enkonkurrenz und Meinungsvielfalt, Gewaltenteilung und Verwal- tungsgerichtsbarkeit keine Institutionen zur besseren E r f ü l- l u n g von Bürgerwünschen, sondern zum unanfechtbaren N i e- d e r b ü g e l n von nicht staatsgemäßen Interessen und zur Herstellung s e l b s t b e w u ß t e n S i c h - F ü g e n s sind. Auffallen wollte ihnen schon gar nicht, wie selbst verständlich und freiwillig die pluralistische Presse in den grundlegenden nationalen Belangen der BRD sich gleichschaltet, so daß von "Spiegel" bis "Bild" die Wiedervereinigung der Demokratisierung auf dem Fuße folgt. Kein Erschrecken darüber, wie "Bild" - für hierzulande Anwalt entschiedener Führung gegen jeden Druck von der Straße, vor Kasernen und auf Atombauplätzen und respektvoller Bewältiger jedes Parteispenden- und Bestechungsskandals - gehässig über die Ostpolitiker mit ihren unrechtmäßigen Privilegien herzieht und ihr Herz für staatsge- fährdende Massendemonstrationen von Montag bis Samstag entdeckt. Wie alles im Herrschaftsapparat der Bundesrepublik haben die Ba- sisdemokraten drüben auch die Öffentlichkeit ungerührt als ein Vorbild politischer Willensbildung und Einheitsstiftung von Volk und Staat betrachtet. In diesem Fall nicht bloß dem Prinzip nach und im Idealfall, son- dern mit einer handfesten Berechnung Den bundesrepublikanischen Medien wollten die kritischen Menschen schon deswegen nichts nachsagen, weil sie sie als ihr ureigenstes M i t t e l be- trachtet haben, sich bei ihren Landsleuten zu Gehör zu bringen. Daß sie als M a t e r i a l der Hetze gegen die DDR sehr ge- fragt waren, ist ihnen weder peinlich noch Anlaß gewesen, sich von den Absichten derer, die ihnen die Mikrophone hinhielten und auf den Demonstrationen allgegenwärtig waren, überhaupt ein Bild zu machen. Wahrscheinlich haben sie sich die gesteigerte Aufmerk- samkeit und das überdeutliche Interesse den im Fernsehen längst westlich vereinigten gesamtdeutschen Bürgern aber auch ja das aufgebrachte Volk und seine alternativen Sprecher drüben ins Be- wußtsein zu rufen, bloß wieder so erklären können, daß eine freie Presse an so machtvollen Bewegungen einfach nicht vorbei könnte. So haben sie mit ihrem DDR-Verbesserungsanliegen auf die wirkli- chen Verursacher der Notlage gesetzt, die BRD, die aus der nur zur Hälfte hausgemachten Staatsverdrossenheit der DDR-Bürger ein Existenzproblem des Staatswesens gemacht und die SED zu einem ruinösen Rettungsprogramm veranlaßt hat. Dabei konnten die aufrechten DDR-Protestler gar nicht übersehen, mit wem sie da paktieren, wenn ARD und ZDF ihnen - im Unterschied zu den BRD-"Dissidenten" - jede Menge Sendezeit für die Verbrei- tung ihrer Propaganda nach drüben zur Verfügung gestellt haben und wenn ihnen Vertreter sämtlicher BRD-Parteien Schutz und Be- treuung zugesagt und bei den Machthabern der DDR Gespräche mit der Opposition angemahnt haben. Sie haben es auch gar nicht über- sehen, sondern gerade auf das Gewicht des Einflusses g e s e t z t, den sie der BRD gegenüber der DDR zuschreiben. Das zählt nicht als Gängelung und Bevormundung. Als wäre die BRD so etwas wie eine uneigennützige Schutzmacht für ihr DDR-Erneue- rungsprogramm oder als könnten und würden sie sich der bundes- deutschen Öffentlichkeit als Hebel bedienen, um Einfluß auf die SED-Politik zu nehmen, und nicht umgekehrt. Dabei ist den SED-Oppositionellen das r e v a n c h i- s t i s c h e Interesse der westdeutschen Politiker und Journalisten nicht verborgen geblieben; dafür haben die das viel zu laut und ununterbrochen ausposaunt. Sie haben es einfach für g l e i c h g ü l t i g erklärt und haben sich selbstbewußt auf den Standpunkt gestellt, daß sie, genauso wie bei ihren schönen Modellen einer neuen, garantiert effektiven und gerechten sozial- ökologischen Marktwirtschaftselementegesellschaft, zwischen dem, was sie an der BRD für vorbildlich halten, und dem, was sie gar nicht mögen, ohne weiteres trennen könnten. Einerseits haben sie den propagandistischen und diplomatischen Einfluß der BRD auf die DDRler und ihre Staatsführung als ihr Mittel gerne in Anspruch genommen. Den gegen die Existenz der DDR als staatlicher Alternative gerichteten Zweck, dem sich der westdeutsche Einsatz für die Belange der DDR-Opposition einzig verdankt, haben sie andererseits für ein bloßes störendes B e i w e r k gehalten und sich blauäugig die lästigen Wiedervereinigungsparolen als wenig hilfreich für ihr Wirken verbeten. Damit, so haben sie gemeint, hätten sie die auch schon entkräftet und in die Schranken gewiesen. Daß sie dabei von der BRD benutzt werden und daß das Endziel wohl kaum ein Zwitter der wertemäßigen Vorzüge von Ost und West, sondern bloß der imperialistische Machtgewinn eines ordinären Kapitalismus namens BRD ist, ist zwar auch für sie kaum zu übersehen; das erledigen sie aber mit der trockenen V e r s i c h e r u n g und dauernden Bekräftigung, daß es ihnen um eine eigene, eigenständige Entwicklung einer besseren DDR geht. So ist der "S o z i a l i s m u s", den alle durch die SED so grundsätzlich diskreditiert und in seiner Glaubwürdigkeit als Volksbeglückungsprogramm angekratzt sehen, daß manche ihn gar nicht mehr in ihr Programm schreiben wollen, doch noch als Beru- fungstitel für das neue Staatsideal "E i g e n s t ä n- d i g k e i t" zu ganz neuen Ehren gekommen - natürlich nur der mit dem menschlichen Antlitz. Den, so beteuern alle, wollen sie auch weiterhin irgendwie. Das fällt erstens gar nicht schwer, weil sie sich unisono für unfähig erklären, sagen zu können, was ihnen zu Sozialismus einfällt - außer daß er in der DDR dirigistisch deformiert war. Zweitens macht das nichts aus, weil Sozialismus eben nur als guter Titel dafür steht, daß der Reformwille auch weiterhin auf die Existenz eines Staatsgebildes DDR gerichtet ist. Diese ihre Heimat wollen sie nicht zu einem Bundesland der BRD erniedrigt sehen. Die guten Gründe finden sich beim alternativen Systemvergleich: Am eigenen Staat entdeckt man auf einmal viel Gerechtigkeit und soziale Wärme, während die kalte Ellenbogen-Gesellschaft den unschlagbaren Vorzug gewisser Einrichtungen in Sachen politischer Bürgerbetreuung für sich hat. Seitdem hat das öffentliche B a s t e l n v o n S t a a t s- p r o g r a m m e n Konjunktur - ungefähr so, als wäre der Systemgegensatz ein großer Baukasten, aus dem man sich beliebig die vermeintlich schönsten Steinchen heraussuchen und zu einem das eigene Bürgergemüt zufriedenstellenden Herrschaftshaus zusammensetzen kann: "Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Erweiterung des Warenangebotes und bessere Versorgung, anderer- seits sehen wir deren soziale und ökologische Kosten und plädie- ren für die Abkehr von ungehemmtem Wachstum. Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in einer El- lenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerungen schaffen, um sparsamer und weniger natur- feindlich zu leben .. Faulpelze und Maulhelden sollen aus den Druckposten vertrieben werden, aber wir wollen dabei keine Nach- teile für sozial Schwache und Wehrlose. Wir wollen ein wirksames Gesundheitswesen für jeden: aber niemand soll auf Kosten anderer krank feiern. Wir wollen an Export und Welthandel teilhaben, aber weder zum Schuldner und Diener der führenden Industriestaaten noch zum Ausbeuter und Gläubiger der wirtschaftlich schwachen werden." (Aufbruch 89 - Neues Forum) Mit einem schlichten "aber" kann man sich für alles stark machen, was einem am Kapitalismus so einleuchtet, und zugleich die n o t w e n d i g e n W i r k u n g e n zu einer bloßen nach Möglichkeit z u v e r m e i d e n d e n G e f a h r erklären, der man nach Kräften aus dem Wege gehen will. Auf diese Weise planen die Auf- brecher verantwortungsvoll ihre ideale DDR, als wären nicht längst die entscheidenden Weichen gestellt. Man muß sich eben nicht mit Kohl gemein machen; Bewunderung für die Politikfähig- keit der Grünen tut es auch. In diesem Sinne rechten die alternativen DDR-Entwickler um eine Hilfe von Seiten der Bundesrepublik, die all das vermeidet, was sie zu "kapitalistischen Entartungen" erklären, auch wenn die "Hilfe" nur in DM-Krediten, Kapitalunternehmungen, kapitalisti- scher Technologie und kapitalistischen Wirtschaftsmethoden be- steht. Seitdem grassiert aber auch neben dem Vorwurf an die SED, sie hätte das Volk geknechtet, ein zweiter: Sie würde das Land mitsamt seinem Volk ausverkaufen. Das hat der Opposition zwar in Bonn keinen Kredit eingebracht, weil von da mehr Aufbruchstimmung in Richtung bundesrepublikanischer und marktwirtschaftlicher Re- alismus erwartet wird, aber ihre Glaubwürdigkeit im eigenen Land bei allen bestärkt, die zwar nie und nimmermehr ein alternatives, aber ein ebenbürtiges Ost-Deutschland wollen. 5. Mit diesem festen nationalen Selbstbewußtsein ausgestattet, haben sich die oppositionellen Gruppen in ihrer Mehrheit frühzei- tig als lernfähige politische Kräfte erwiesen und vorgeführt, daß sie den Unterschied zwischen Staatsinteressen und den Sorgen des vielbeschworenen V o l k e s durchaus kennen und beherzigen wollen. Den Leitfaden bildete der einleuchtende Gesichtspunkt, daß, wer für einen besseren Staat plädiert, auch bereit sein muß, sich der Verantwortung zu stellen und den Vertrauensvorschuß, den er zweifellos genießt, für eine neue Führung fruchtbar zu machen, nach der das Volk verlangt. Dabei sind ihnen allerdings einige Klarstellungen gelungen, daß der Idealismus v o l k s d i e n l i c h e r Politik auch seine andere Seite hat - den A n s p r u c h a n s V o l k, sich entsprechend s t a a t s d i e n l i c h aufzuführen. Einige der unerfüllten Volkswünsche, vor kurzem noch politische Beweistitel für die untragbare Regierung der SED, haben, kaum hat die SED ihnen nach- gegeben, zu einer Kritik an den Massen und an der Massenfreund- lichkeit der SED geführt. Als die SED die Grenzen zur BRD öffnete, fiel Bärbel Bohley - und nicht nur ihr - schlagartig ein, daß es so mit der Reisefreiheit auch wieder nicht gemeint war und der unfähige Krenz vor einem besoffenen Volk kapituliert hätte. B e r u f u n g auf die Be- dürfnisse des Volkes gegen das SED-Monopol können also die neuen Volksbeglücker durchaus von der B e d i e n u n g des Volks- wunschs nach gewissen Freiheiten unterscheiden. Sie teilen die Auffassung, die Devisen fürs Reisen seien dafür eigentlich zu schade. Offensichtlich gilt es auch ihnen als selbstverständlich, daß es um die Produktion von Staatsreichtum geht, der dann aber auch dem Land und nicht den Launen der Bevölkerung und auswärti- gen Geschäftemachern zugutekommen müßte; daß Land und Leute also eine nationale Ressource sind, mit der man sorgfältig haushalten muß. Auch die Übersiedler, denen man, als es um die Kritik der SED ging, berechtigte Staatsverdrossenheit bescheinigt hat, müs- sen sich sagen lassen, daß sie jetzt, wo die Opposition bessere Perspektiven für sich in der DDR sieht, auch eine neue Perspek- tive haben und dableiben sollen, um beim Aufbau einer besseren DDR zur Verfügung zu stehen. Daß der nicht leicht wird, sondern manche Opfer verlangt, wissen sie auch schon und werben mit neuer Ehrlichkeit: "Mißtraut den Demagogen, die Euch Versprechungen ma- chen. Sie wollen nur Eure Stimme. Wir gehen harten Zeiten entge- gen". Natürlich solchen, die sich lohnen, weil man jetzt ganz frei wird und alle angekündigten Härten ganz auf die vormalige Mißwirtschaft der SED zurückzuführen sind. Schließlich wollen auch die alternativen Zukunftsplaner keinesfalls dem Weltmarkt, dem ausverkaufsträchtigen internationalen Geschäftswesen und dem einnehmenden Politikerwesen der Bundesrepublik den Rücken kehren, sondern den eigenen Staat instandsetzen, sich darin von gleich zu gleich zu bewähren. Die armseligen u n t e r t a n e n- m ä ß i g e n Reisefreiheiten und Verdienstrechnungen des einfachen Bürgers, der ein bißchen auf die neuen deutsch- deutschen Beziehungen mit ihren ungleichen Geld- und Wa- renverhältnissen spekuliert und meint, mit etwas Geschick am Ge- nuß der kapitalistischen Welt teilnehmen zu können, statt die Härten einer Entwicklung zur Weltmarktfähigkeit nationalstolz in Kauf zu nehmen, gelten da glatt als egoistischer M a t e- r i a l i s m u s und ein bißchen wie V a t e r l a n d s- v e r r a t. Die führenden Köpfe der verschiedenen Vereine haben auch schnell gelernt, während sie auf den Demonstrationen die Verbrechen der SED anprangern, mit den gewandelten Machtverhältnissen zu rechnen und den eigentlichen Dialog etwas von der Straße weg zu verlegen dorthin, wo der Massenprotest als D r u c k m i t t e l und Be- rufungstitel, aber nicht als V e r p f l i c h t u n g zählt. Leute wie Eppelmann z.B. geben die interessante Überlegung zum Besten, daß die S E D den Apparat, die Erfahrung, aber Null Glaubwürdigkeit, s i e dagegen von letzterer mehr als genug, von ersterem aber viel zu wenig haben. Sie beherrschen also auch schon die erzdemokratische Kunst, mit den K o n k u r r e n z- b e r e c h n u n g e n einer Partei zu w e r b e n, indem man sie dem Volk, um dessen Stimme es geht, als staatsdienliche Selbstverständlichkeit und gutes Recht vorträgt. Offenbar ehrt es auch drüben die Beschwerdeführer, wenn sie sich öffentlich Sorgen um die Verfassung des Staates und damit ihre tragende Rolle in ihm machen; und wenn sie die Sorgen der Bevölkerung nur noch als politisierte zur Kenntnis nehmen und zum Berufungstitel für ihre höheren erniedrigen. Solchen zur politischen Vertretung geborenen Geistern ist dann auch glatt schon das Problem aufgestoßen, wie sie sich eigentlich von der SED noch als Opposition unterscheiden sollen, wenn die all ihren Anti-SED-Parolen recht gibt und dem Volk all die Frei- heiten gewährt, mit deren Verweigerung sie ihre Glaubwürdigkeit bekommen haben. Die Bewältigung dieses Problems bereitet aller- dings wenig Mühe. Die unernsten Planspielchen einer besseren, an- heimelnderen, menschlicheren Republik nehmen mehr und mehr den Charakter von Parteiprogrammen an, die nicht erfunden werden, um sie w a h r, sondern um sich für mündige Bürger u n t e r- s c h e i d b a r und damit w ä h l b a r zu machen. Unüber- sehbar geht das Projektemachen, Diskutieren und idealistische Basteln am Modell einer DDR, wie man sie sich wünscht, in die Erfindung von ansehnlichen Grünen- und anderen Parteiphrasen über. Kaum zwei Monate nach ihrer Zulassung als unzufriedene Bür- gerstimme treten manche schon mit so griffigen Formeln zum Grün- dungsparteitag an wie: "Sozial und ökologisch. Wir sind die erste Kraft." Besser hätte die SED die Verbreitung von Parteiaufbruchs- stimmung auch nicht hingekriegt! 6. Ein schiedlich-friedlicher Übergang aus der Bürgerbewegung in die geordneten Bahnen eines Parteienpluralismus ist allerdings nicht abzusehen. Natürlich gibt es einerseits das Bedürfnis nach neuer Normalität. Man hat ja auch noch andere Sorgen; und sich nichts vorschreiben lassen, das sollte ja nicht bedeuten, daß man aus seiner freien Meinung ein staatsbürgerliches Dauerengagement machen will, sondern daß man die "Verantwortung" an die dafür Zu- ständigen abtritt und sich dann in den gegebenen Zuständen ein- richtet. Halt so ungefähr wie früher auch - bloß eben unter den neuen. In die Frage, wer denn nun die neuen Machthaber sein sollen, ha- ben sich allerdings ein paar neue Stimmen eingeschaltet. Ihr Ruf heißt "Deutschland!"; mit dem schönen Ethos "Keine Gewalt!" haben sie nichts am Hut; und beides konnte nicht ausbleiben. Hatte zu- erst auswärts und dann daheim die Öffnung der Grenzen die Bürger in der DDR ermutigt, auf die Straße zu gehen und ihre Enttäu- schung über den SED-Staat sowie die Forderung nach Erneuerung kundzutun, so leistet die wochenlange Demonstrationspraxis etwas ganz anderes. Die dauerhafte Erfahrung mit der Ohnmacht der alten Staatsgewalt verleibt der Phrase von der Erneuerung den zeitge mäßen Inhalt. Auf der einen Seite radikalisiert sich die Volksbe- wegung in ihrem Angriff auf die Reste der SED; sie eignet sich Qualitäten einer Strafverfolgungsbehörde an, deren Anträgen prompt nachgegeben wird; Leute die sich noch sehr zurückgehalten haben, als die gewaltlose Linie und der Rückzug der SED in die Ohnmacht noch nicht so unwiderruflich und unumkehrbar feststan- den, trauen sich jetzt das Randalieren in öffentlichen Gebäuden und proben den Übergang zur Lynchjustiz - als wollten sie dem Ge- schehen wenigstens im 3. Akt noch den Charakter eines Volksauf- standes verleihen Auch ganz offiziell ist das "Nieder mit der SED!" zur innenpolitischen Leitlinie des einstigen Arbeiter- und Bauernstaates geworden, und die Teilnehmer des "Runden Tisches" die alten und neuen politischen Vereine, übertreiben nicht, wenn sie sich als eine Art Notstandsregierung der DDR verstehen. Daß der Staat in Not ist, weil die ihn tragende Partei sich aus- geschaltet hat, nimmt eine Abteilung DDR-Bürger als Fanal. Sie werden immer mehr, und ihr Anliegen vollzieht eine energische Korrektur an den Absichten der Bewegung m ihren ersten Tagen. Nicht die R e t t u n g der DDR durch ebenso kritische wie treue Bürger halten sie für angebracht - sie nehmen die Entmach- tung der SED als Staatspartei als Gelegenheit für die Vollstrec- kung des v e r n i c h t e n d e n Urteils, das sie über den Ulbricht- und Honecker-Staat schon immer im Kopf hatten. Die ra- dikalen Schwarz-rot-goldenen finden mit ihrer Linie Anklang, auch in den Reihen von Demonstranten, die zunächst nur ihren Unmut g e g e n die alte Staatsmacht vorgebracht haben und die A l t e r n a t i v e zu ihr noch zu einer Frage der Suche er- klärt haben. Das DDR-Volk ist massenhaft fündig geworden in sei- ner Sehnsucht nach einer ordentlichen Nation mit einer ordentli- chen Führung, der man Respekt erweisen kann. Es g i b t sie schon und sie residiert dort, wohin sich eine ansehnliche Zahl DDR-Bürger ganz ohne widerständlerische Gebärde hinbegeben hat. Diese Führung erübrigt aufgrund der Erfolge, die sie vorweisen kann - und das ist nun einmal d e r Unterschied zur SED -, alle Fragen nach der Moralität ihres Personals. Die M o r a l i s t e n einer guten und neuen DDR sehen sich kon- frontiert mit einer Verstärkung ihrer Bewegung, die mit der Parole "Wiedervereinigung" und bundesdeutschen Fahnen die Rich- tung neu bestimmt. Die munter gewordenen Fanatiker der deutschen Einheit vertreten vom Boden der DDR aus das Programm, das sie jahrzehntelang nur als Anspruch der auswärtigen Macht aus allen Kanälen der westdeutschen Propagandamaschinerie vernehmen durf- ten. Sie ernten von Mal zu Mal mehr Verständnis, wovon schon die matten Defensiven und Vermittlungsversuche der Leute zeugen, die ursprünglich gemeint hatten, so hätten sie es nicht gemeint. Damit hat der wirkliche Grund und Ausgangspunkt dieser "friedlichen Revolution auf deutschem Boden" das Selbstbewußtsein und die Programmatik ihrer Statisten eingeholt. Daß die neue Per- spektive über die deutsch-deutschen Grenzfragen hinausreicht, brauchen die immer realistischer werdenden Nationalisten drüben dabei gar nicht zu wissen. Die schwarz-rot-goldene Aufregung und Aufbruchstimmung führt von ganz alleine dazu, daß ihnen auch die weltpolitische Konstellation, deren selbstbewußte Manövriermasse sie spielen, nicht verborgen bleiben kann. Mit ihren Forderungen stiften sie produktive Unruhe in der Deutschlandfrage, rühren also von unten an die Grundfrage einer "Neuordnung Europas". Die- jenigen, die jetzt nach "Wiedervereinigung" dürsten und an der vordersten Front im Ostblock danach massenhaft rufen, brauchen nicht mehr auf d a s Hindernis gestoßen zu werden, das dem ent- gegensteht: die Sowjetunion. Sie haben es längst schon immer ge- dacht, daß ihre falsche Herrschaft ihren letzten Grund in Fremd- herrschaft hat, und das bloß nicht laut gesagt. "Russen raus!" das liegt in der Logik einer "Revolution", die von Anfang an die andere Art, in die gesamtdeutsche BRD überzulaufen, und sonst gar nichts war. Das Volk - eine furchtbare Abstraktion -------------------------------------- 1. Mit der Parole "Wir sind das Volk!" ist in der DDR demon- striert worden. Was war da gemeint? Offensichtlich handelte es sich um den Ver- such, die Herrschaften des Staatsapparates daran zu erinnern, daß sie so gut wie alles i m N a m e n d e s V o l k e s abwic- keln. Und mit dieser Erinnerung wollte die B e r u f u n g s- i n s t a n z klarstellen, daß sie nicht mehr übergangen werden kann. Das sieht sehr machtvoll aus, ist es aber nicht. Machtvoll ist dieser Protest nur darin, daß er die Zustimmung und den Gehorsam gegenüber der SED aufkündigt. Man gesteht der alten Staatspartei nicht mehr die Befähigung und das Recht zu, dem Volke vorzustehen und es zu regieren. Bescheiden ist dieser Protest aber auch. Mit der Absage an die SED verbindet er das Versprechen, "das Volk" sein und bleiben zu wollen - unter der Bedingung, daß eine künftige Führung ihre Sa- che so gut macht, daß man ihr trauen kann. 2. Eine Liste von Forderungen, ohne deren Erfüllung nichts mehr läuft, ist das nicht. Und es ist auch nicht verwunderlich, daß d a s V o l k sie immer nicht nachreicht. Denn dazu hätten die Demonstranten sich auf die I n t e r e s s e n besinnen müssen, die sie haben und die durch die Taten ihrer alten Regierung v e r l e t z t worden sind. Und wer sich darüber Rechenschaft ablegt, argumentiert als Arbeiter, Lehrer, Wissenschaftler, als Konsument im HO-Laden oder sonstwas - aber nicht in der Rolle des Volkes. "Volk" ist man nämlich auch in der DDR nur u n t e r A b s e h u n g von allen gesellschaftlichen Betätigungen, in denen sich entscheidet, was man vom Leben hat und welche Interes- sen und Bedürfnisse zu kurz kommen. Der einzige Gehalt, der dem Ehrentitel "Volk" eigen ist, besteht im V e r h ä l t n i s, das man z u m S t a a t eingeht. Als U n t e r t a n einer p o l i t i s c h e n G e w a l t spricht der, dem einfällt, sich a l s Volk zu Wort zu melden. Und was er in dieser Eigen- schaft zu besprechen hat, steht auch fest, auch wenn er sich noch so kritisch vorkommt. Seine in der Form wilde Meinungsäußerung beschränkt sich ihrem Inhalt nach auf einen Beitrag zur Frage: "Wie gehört gescheit Staat gemacht?" Offensiver Untertanengeist befaßt sich da mit seinen Vorlieben, die Ausgestaltung der Herr- schaft betreffend. 3. Daß sich die demonstrierte Sorge um korrekte Handhabung der Staatsmacht auch "aufrechter Gang" nennt, ist ein Witz. Ausge- rechnet das Einnehmen einer Haltung, die jedes eigene Interesse auf die Seite räumt zugunsten des e i n e n Anliegens, die I n t a k t h e i t d e s S t a a t e s zu begutachten, ver- stehen diese Bürger als ihre charakterliche Genesung. Die Obrig- keit n i c h t daran zu messen, ob und wie sie einem zusetzt, welche Beschränkungen und Leistungen sie wem aufherrscht - diese Entscheidung wird zum Inbegriff der M ü n d i g k e i t. Die besteht also darin, daß man die Führung daran mißt, ob sie sich a l s F ü h r u n g bewährt. Insofern vertritt der "aufrechte Gang" freilich schon ein Inter- esse, mit dem er sich ans Prüfen macht. Der E r f o l g d e r N a t i o n wird zum Maßstab der Kritik, und genügen muß diesem Maßstab das P e r s o n a l d e r M a c h t. Jeder Gedanke daran, daß der Erfolg der Nation gar nicht das Gelingen der eige- nen Sache sein kann - wozu wäre dann wohl Herrschaft nötig? -, ist getilgt. Übrig bleibt der Wille zur Suche nach einer Regie- rung, die es v e r d i e n t, daß man ihr dient. Und das ist das Gegenteil von der gar nicht schwer zu beantwortenden Frage, ob sich Unterwerfung l o h n t. 4. Mit diesem Verfahren sind aufrechte Teile des Volkes schon recht weit gekommen. Sie haben erkannt, daß ihre alte Regierung nichts, aber auch gar nichts taugt. Ihren Staat vor diesen Sub- jekten im Namen des Volkes zu retten, ist ihnen einige Anstren- gungen wert. Sie überantworten seit neuestem die Volksschädlinge im Staatsdienst der Volkspolizei - einer Instanz, die bis vor kurzem noch als Unterdrückungsmaschinerie des Volkes galt. So än- dern sich die Zeiten. Ein Volk, das sich i d e n t i s c h wähnt mit seinem Staat, gewinnt Geschmack an der Ausübung von Macht und berauscht sich daran, verfolgen und bestrafen zu dür- fen. Es vergißt endgültig auf sich selbst und alles, wozu es in seinem kurzen Leben noch kommen kann. Das ist die erste Bedeutung der furchtbaren Abstraktion "V o l k": Sich wie der Staat auf- führen zu dürfen, unter dessen Macht man schweigend so unsäglich gelitten haben will, wird zum Inhalt eines neuen Engagements. "Wir sind das Volk!" rufen die neuen Basis-Stalinisten. Man mag sie gar nicht danach fragen, was sie und ihre Kinder und sonstwer davon haben. 5. "Der aufrechte Gang" kennt auch noch andere Wege. Er weiß sich frei, und als Volk wähnt er sich berechtigt, sich seinen Partner Staat ganz unabhängig zu wählen. Die Rede ist nicht von freien Wahlen, sondern von einer Entscheidung, die ein größeres Maß an Freiheit offenbart. Die Wahl, um die es geht, hat nichts mehr mit der kleinlichen Berechnung zu tun, ein "kleineres Übel" zur Herr- schaft über sich als Volk zu bestellen. Ein a n d e r e r Staat erhält den Zuschlag des gnädigen Volkes. Ihm weiß es sich verbun- den. Und die Ohnmacht seiner alten Herren angesichts dieser Ent- scheidung beweist nur des Volkes Freiheit. Es schwenkt die Fahne der neuen Herren in der Gewißheit, daß die - Ehre hin, Korruption her - eines auf alle Fälle bewiesen haben: Aufs Staat-Machen ver- stehen sie sich. Die zweite Bedeutung der furchtbaren Abstraktion "V o l k" ist praktisch geworden: Vertrauen ist eine Sache der Willkür; und wenn ein Nationalist will, dann läßt er auf seinen Staat nichts kommen. Er hält zu ihm; wenn es sein muß, noch bevor er zu ihm gehört. 6. Solchem Volk ist der Dank gewiß. Des Vaterlandes, das ab so- fort in ihm seine unwidersprechliche Berufungsinstanz entdeckt. In seinem Namen vollziehen sich nun alle Taten der frei gekürten Obrigkeit. Das geht in Ordnung, weil die Berufungsinstanz "Volk" höchstselbst die Erlaubnis dazu erteilt hat. Diese Lizenz hat es in sich. Der DDR hat man sie versagt, um sie den anderen auszu- stellen. Die verdienen sie, und für das Volk ist die Frage nach den Kosten, weil nie angestanden, auch unter keinen Umständen fällig. Die dritte Bedeutung der furchtbaren Abstraktion "Volk" bricht sich Bahn. Völker sind nicht berechnend, sondern treu. Sie stellen keine Bedingungen. Sie wechseln höchstens unter Ausnahme- bedingungen das Lager und suchen nach neuen Gelegenheiten zur Treue. 7. Dennoch ist den Bürgern der DDR nicht jegliche Einsicht abzu- sprechen. Sie sind ausgiebig als Arbeiter und Bauern zitiert wor- den. Und sie haben gemerkt, daß sie nur als Volk gemeint waren. Schade ist nur, daß sie sich deswegen gleich auf den Beruf " V o l k" verlegt haben. Alle rufen nach "ökonomischen Reformen". Aber: ----------------------------------------------- Was soll in der Wirtschaft der DDR eigentlich anders werden? ------------------------------------------------------------ Die Entdeckung einer grundsätzlichen Reformbedürftigkeit auch der Wirtschaft hatte wahrhaftig keinen ökonomischen Ausgangspunkt. Der war vielmehr die außen und staatspolitische Niederlage der DDR, der unbremsbare Flüchtlingsstrom. Erst die Lüge der SED von den "hausgemachten Gründen der Abwanderung" war es, welche die Wirtschaft ins Visier kritischer Verurteilung rückte. Die Selbst- bezichtigung der SED war zwar unwahr, aber d e m V o l k e z u g e w a n d t; schließlich konnte sie nicht gut mit der Wahrheit herausrücken, wenn sie um die Erneuerung des Vertrauens werben wollte: etwa damit, daß die Staatskrise einzig auf das Versagen der Grenzanlagen beim Zusammenhalten des Staatsvolks, also auf den diesbezüglichen Verrat der Bündnispartner zurück- geht. Die falsche Selbstbezichtigung sollte Basis neuer Versöh- nung und Grundlage neuer Zuversicht sein: Eine hausgemachte Mi- sere müßte sich auch daheim und aus eigener nationaler Kraft be- reinigen lassen. Also waren Günter Mittags Wirtschaftserfolge reif. Er selbst mußte "wegen Unfähigkeit" gehen, von oben wurde die Krise ausge- rufen. Ebenso grundsätzlich wie bis dahin Schönfärberei betrieben und ein Durchbruch nach dem anderen gefeiert wurde, beherrschte man nun die moralische Übertreibung in die andere Richtung: Alles eine einzige Mißwirtschaft, nichts klappt, alle Erfolge sind Bi- lanzschwindel. Die ganze Nation war endgültig vom Ruin überzeugt, sobald sie vom Finanzminister die lächerliche Summe von - sowieso nur herbeigerechneten - 130 Mrd. Mark Staatsschulden verkündet bekam. Die "realsozialistische" Mangelwirtschaft produziert der- weil so gut und so schlecht vor sich hin wie die ganzen Jahre. An der ganzen Krisendiagnose ist nichts dran, außer der einen Entdeckung: Um sich in der neuen weltpolitischen Konstellation selbständig halten zu können bräuchte die DDR sehr viel mehr öko- nomische Potenz. Die von oben und unten geteilte Krisendiagnose meint ganz klar nur eines: Es wird in der Wirtschaft zu wenig verdient; die Gewinne, die Investitionskraft, die Devisenerlöse, alles müßte größer ausfallen. Die Nation hat über ihre Verhält- nisse gelebt, zuviel konsumiert, zuwenig akkumuliert, kurz: zu wenig geleistet. Eine ganze Nation, die Reformer der SED, die Betriebsleiter, der FDGB und die demonstrierenden Massen beklagen sich darüber, daß die alte Führung die Menschen nicht genug zur Leistung gebracht hat. Zuwenig Strafen für Schlamperei, zuwenig Chancen, sich durch besondere Verantwortungsbereitschaft vom Lebensniveau des Normal- verdieners abzuheben, zuwenig Verantwortung nach unten, deshalb lauter Verantwortungslosigkeit überall - das sind die Anklagen, die alle, wie geplant, über kurz oder lang bei e i n e m Stand- punkt landen: zuwenig Zwang zur Arbeit. Speziell am Thema Devi- senknappheit und der auswärtigen Unbrauchbarkeit der DDR-Mark macht sich die oft schon zynische Selbstbetrachtung als Schlam- perhaufen fest - nicht zufällig an dem Indikator d e s n a t i o n a l e n E r t r a g s der Arbeit, auf dessen "Objektivität" jeder Kenner der Materie, also jeder, der schon einmal im Intershop war, also jeder, große Stücke hält. Dieser Ertrag ist zu gering ausgefallen, der individuelle Arbeitslohn daran gemessen zu hoch, die Leistung zu niedrig. Alle wollen sie jetzt auf die eine oder andere Weise Kapital ins Land holen, weil es sich besser als sozialistische Experimentatoren auf d i e "Effektivität" versteht, Menschen unwidersprechlich zum Arbeiten zu bringen, das sich dann auch i n t e r n a t i o n a l, für die DDR - N a t i o n, lohnt. Kein Wunder, daß alle, die sich über die mangelnde Leistungsfähigkeit der sozialistischen Mißwirtschaft beklagen und den Fortschritt der Leistungen und Erträge fordern, zugleich davon reden, man müsse dafür oder deswegen den Gürtel enger schnallen. Auch so eine Kritik kann - paradox genug - v o n u n t e n kommen. Von Kommunisten kommt sie nicht, und wenn sie von "links" kommt, dann ist das fatal. Daß ihre Arbeit Glanz und Schlagkraft der Nation nicht mehrt, könnte die Werktätigen zufrieden stimmen, wenn nur für sie die Rechnung aufginge. Wenn die Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung aber auch für die Arbeitenden so ent- täuschende Resultate zeitigt wie in der DDR, dann sollte Kritik schon gleich nicht d i e N a t i o n u n d i h r e n R e i c h t u m zum Opfer werktätiger Faulheit erklären. Viel- leicht ist der Sozialismus im Osten so wenig attraktiv, weil er sich s o w e n i g von den Rechnungsarten des Kapitalismus entfernt hat, und nicht, weil er sich davon überhaupt entfernt hat. Eine Kritik ist fällig, die nicht auf größerer E f f e k t i v i t ä t besteht, ohne klarzumachen, uns "effektiver" werden soll und vor allem für wen. Die will dann al- lerdings mehr als "Reformen" und etwas ganz anderes als - ausge- rechnet - "Kapitalhilfe". Kommando durchs Geld und Manipulationsideale statt -------------------------------------------------- planmäßiger Arbeitsteilung: --------------------------- Der "leistungsgerechte" und "leistungsstimulierende" Lohn --------------------------------------------------------- Karl Marx hat seinen Genossen noch eingeschärft, daß die Parole "Ein gerechter Lohn für ein gerechtes Tagewerk" nichts taugt, daß es vielmehr heißen müsse: "Nieder mit dem Lohnsystem!" Es hat nichts genützt. Auch im realen Sozialismus, dessen Veranstalter sich gerne auf Karl Marx berufen haben, ist der Lohn die ärgerli- che Geldsumme, von der der normale Mensch leben muß. Ärgerlich ist sie allerdings - das unterscheidet sie auf den er- sten Blick vom Lohn im unverfälschten Kapitalismus - nicht in er- ster Linie wegen ihrer arg begrenzten Höhe. Den privaten Zugriff auf den gesellschaftlich hergestellten Reichtum, den das ver- diente Geld verspricht gestattet das Warenangebot nicht so recht. Noch bevor der Lebensstandard am verfügbaren Geld seine Schranke findet, begrenzen ihn die berühmten "leeren Regale", die Liefer- fristen für ersehnte Güter, Warenmangel und Warenmängel. Dieser notorische Mangel steht in einem nicht zu übersehenden Wi- derspruch zu den Überschüssen, die die volkseigenen Betriebe Jahr für Jahr bilanzieren. Die sollen die Versorgungslage letztlich doch verbessern, tun es aber immerzu nicht. Zur Erklärung dieses unbefriedigenden Produktionsergebnisses bietet die parteieigene Wissenschaft von der "Planung und Leitung" der volkseigenen Öko- nomie das "Gesetz" vom Gegensatz zwischen Akkumulation und Kon- sumtion an. Dem gewöhnlichen Volk wird es mit der Binsenweisheit erläutert, daß man nicht mehr verzehren kann, als produziert wor- den ist - was ja auch niemand verlangt hat. Als guter Grund da- für, warum der versprochene stürmische Fortschritt immerzu auf sich warten läßt, taugt besagtes "Gesetz" allerdings gar nichts. Wieso sollte denn die Mehrung und Verbesserung der Produkti- ons m i t t e l - und das ist mit Akkumulation doch irgendwie gemeint - der P r o d u k t i o n nützlicher Sachen für den ge- sellschaftlichen Bedarf immerzu im Wege stehen? Die absurde Be- hauptung, das läge an einem ehernen ökonomischen G e s e t z, verrät bloß, wie weit sich die ökonomische Theorie des "realen Sozialismus" von jedem normalen Arbeitsteilungsgedanken entfernt hat und wie fremd ihr der Standpunkt ist, daß die Herstellung von Arbeitsgeräten selbstverständlich dazu da ist, die Arbeit leich- ter und ertragreicher zu machen. Insofern "erklärt" diese Behaup- tung allerdings einiges an der Praxis dieses Wirtschaftssystems, die sich ja nach ihren Theoretikern richtet und offenkundig an- dere Zwecke verfolgt als die immer bessere Ausstattung ihrer Ge- sellschaft mit genießbarem Reichtum und deswegen auch - und nicht im Gegensatz dazu - mit Mitteln, ihn locker herzustellen. Offen- bar geht es in dieser Produktionsweise tatsächlich um die Füllung von "Akkumulationsfonds" im Gegensatz zur Befriedigung und Weckung von materiellen Bedürfnissen. Deren Zweckbestimmung scheint demnach in ihrer fortwährenden Vergrößerung zu liegen - beinahe so wie im real existierenden Kapitalismus, wo eine ganze gesellschaftliche Klasse dafür einsteht, daß die Vergrößerung ihres Reichtums der Vergrößerung ihres Reichtums und sonst niemandem dient. Als Verweis auf seltsame Zwecke der sozialistischen Volkswirt- schaft begreift allerdings leider niemand den immer wieder erneu- erten Gegensatz zwischen der Bedienung der Akkumulationsfonds und dem Lohn. Statt dessen begeben sich Partei - in Zukunft also wohl ein halbes Dutzend Parteien -, Öffentlichkeit und Arbeiterklasse lieber gemeinsam auf die Suche nach den S c h u l d i g e n, denen man Warenmangel und schlechte Versorgungslage zum Vorwurf machen kann. Und sie werden schnell fündig. So viel weiß man näm- lich in der DDR allemal über den Mangel, daß bei seiner Vertei- lung gewisse Kreise gar nicht zu kurz kommen. Bonzen und Privile- gierte konnten sich schließlich immer etwas mehr leisten, Beste- chung und Schieberei sicherten den Zugang zu Reichtümern, der den meisten versperrt war. Freilich macht der Befund, welcher offen- sichtliche Ungerechtigkeiten in der Verteilung dafür verantwort- lich macht, daß die meisten immer auf alles warten müssen, nicht Halt bei dem Vorwurf, da hätten sich welche genommen, was ihnen nicht zusteht. Die Beschuldigten sind ja dieselben die ganz oben und an der Spitze von Städten und Betrieben für das System der Planung und Leitung verantwortlich sind. Statt dieser Verantwor- tung entsprochen zu haben - lautet die Anklage -, haben sie ihr eigenes Wohl bedient und ihre Pflicht vernachlässigt. Und der Amtsmißbrauch hätte die verheerenden Konsequenzen in der Organi- sation der gesellschaftlichen Arbeit nach sich gezogen. Kein Wun- der, daß unter dem Regime solcher Mißwirtschaft der Einsatz aller gelitten hat. Er hätte sich gar nicht gelohnt, so daß bei Kollek- tiven und Individuen eine verständliche Trägheit und das Bewußt- sein der Ohnmacht um sich gegriffen hätten. Einerseits verständ- lich, andererseits aber auch schlimm: Die sozialistischen Tu- genden des Kritisierens und Verbesserns des Neuerns und des Auf- brechens, kurz: der L e i s t u n g, die als Beitrag zur ge- meinsamen Sache unabdingbar ist, wären auf der Strecke geblieben. Insofern erstreckt sich die Beantwortung der Schuldfrage keines- wegs allein auf die wenigen, die sich Vorteile erschlichen haben. "Wir alle" haben durch "unsere" Bequemlichkeit zur schlechten Versorgungslage der Betriebe wie der HO-Läden beigetragen. Die Lohnarbeiter der verschiedenen Rangstufen selbst stehen in be- gründetem Verdacht, säumig gewesen zu sein. Das große "Nichts klappt!" betrifft sämtliche L e u t e, die fürs Klappen doch eigentlich zuständig gewesen wären. Und wenn die entsprechenden Anschuldigungen nach Art des Schwarzer-Peter-Spiels ein paarmal weitergewandert sind, was auch allemal leicht zu haben ist, dann ist die allgemeine "Erklärung" auch schon fertig: "die Schlampe- rei" ist schuld; insgesamt würde Verantwortungslosigkeit zu wenig unterbunden, Leistungsbereitschaft zu wenig stimuliert, der Fau- lenzerei Vorschub geleistet usw. Diese Diagnose ist falsch, und das weiß im Grunde auch jeder. Denn jeder kennt ja selber ungefähr die Kennziffern, die der Be- trieb erfüllen muß, und genau genug die Lohnbestandteile, Prämien und sonstigen Stimuli, an denen sich sein eigener Leistungswille orientiert. Und denen ist etwas ganz Anderes zu entnehmen als al- lerlei Besinnliches über die menschliche Bequemlichkeit. Die Imperative von oben, nach denen die volkseigenen Betriebe sich zu richten haben, w i d e r s p r e c h e n einander alle- samt: Gute Ware und hohe Überschüsse, Sparsamkeit und Effektivi- tät ... nicht einmal Rentabilität und technische Erneuerung pas- sen zusammen. Jeder kennt das - aus seinem Bereich -; und nicht einmal der allgemeine Grund dafür ist geheim oder besonders rät- selhaft: Alle Widersprüche lassen sich zurückführen auf den zwi- schen den Imperativen der "wirtschaftlichen Rechnungsführung", also des gewinnorientierten Herumwirtschaftens mit den staatlich vorgegebenen Warenpreisen, und den Gesichtspunkten einer vernünf- tigen Versorgung, die sich immerzu als notwendiges Abfallprodukt aus dem Geldrechenwesen ergeben soll und tatsächlich immer mehr zum unverwirklichten Ideal wird. Diese Widersprüche zwischen Tauschwert und Gebrauchswerten sind selbstverständlich allemal das Ergebnis von entsprechenden Ent- scheidungen, die auf den verschiedensten Ebenen der betrieblichen Lohnarbeiterhierarchie getroffen werden; und insofern ist die Be- schuldigung von unverantwortlichen Verantwortlichen allemal leicht zu haben. Auch das trifft die Sache aber nicht, wie gleichfalls jeder weiß. Sämtliche Prinzipien der Entlohnung näm- lich legen die arbeitenden Lohnempfänger darauf fest, um ihres eigenen Auskommens willen nicht irgendeiner besseren Erkenntnis über das Hand-in-Hand-Arbeiten von Abteilungen und Betrieben zu folgen, sondern ihren privaten Kalkulationen mit den Lohnbestand- teilen, die sie stimulieren sollen. So zeigt sich auch hier kein allgemein-menschlicher Mangel an Moral, sondern der Systemfehler, der mit dem Lohn im "realen Sozialismus" in die Welt gesetzt ist: Der Lohn, der Arbeit k a u f t, s c h e i d e t den Nutzen, den sich der lohnzahlende Arbeitgeber von der Arbeit holt, von dem Nutzen den sich der diensttuende Lohnempfänger davon ver- spricht und der ihm eben als Geldsumme zugemessen wird. Der Lohn macht das schlichte sachliche Verhältnis einer planmäßigen Ar- beitsteilung - jeder trägt zum gesellschaftlichen Reichtum bei, der für alle da ist - von vornherein zunichte und knüpft statt dessen zwei grundsätzlich entgegengesetzte Interessen aneinander: das Interesse des Lohnarbeiters an einer möglichst leicht ver- dienten möglichst großen Geldsumme - das freilich mangels eigener Mittel wenig Chancen hat - und das Interesse der lohnzahlenden Instanz an größtmöglicher Arbeitsleistung fürs geringstmögliche Entgelt. Noch das Mindeste, was aus diesem Interessengegensatz folgt, ist die prinzipielle Scheidung zwischen dem Zweck, den der Lohnarbeiter mit seiner Lohnarbeit verfolgt, und dem gesell- schaftlichen Nutzeffekt, den seine Arbeit, ihrem sachlichen Inhalt nach, haben soll. Deswegen ist es doppelt verkehrt, den entlohnten Arbeitskräften der Republik die Verantwortung dafür zuzuschreiben, daß in der Produktion immerzu so vieles nicht zueinander paßt und die Ver- sorgung so kläglich ausfällt. Es ist sachlich falsch, weil die Unterwerfung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung unter die staatlich verhängten Prinzipien des lohnenden Tausches das be- klagte Durcheinander stiftet. Und es ist falsch, weil die Lohnar- beiter von Berufs wegen auf die verdiente Geldsumme als den Nut- zen festgelegt sind, um den sie sich kümmern sollen, und damit ferngehalten von jeder Kontrolle über die gesellschaftlich nütz- liche Verwendung der materiellen Ergebnisse ihrer Arbeit. Vollends widersprüchlich ist daher der Versuch, durch sinnreiche Modifikationen des Lohns, durch Ab- und Zuschläge, Prämien usw. doch wieder eine Verantwortung der sozialistischen Lohnempfänger- Persönlichkeit für das gesellschaftliche Interesse an seiner Ar- beit und für ein gesellschaftlich nützliches Gesamtbetriebsergeb- nis stiften zu wollen. Denn erstens ist selbst der sozialistische Betriebsleiter eben mit den mannigfaltigen Widersprüchen zwischen Preis und Nutzen, Rentabilität und Arbeitsteilung konfrontiert, die er gar nicht aufheben kann, schon gar nicht durch mehr Enga- gement im Sinne aller verbindlichen Kennziffern. Und zweitens wollen die einschlägigen Stimuli die verlangte Verantwortlichkeit ja auch gar nicht dadurch begründen, daß der zweckmäßige gesell- schaftliche Arbeitseinsatz den Nutzen aller mehrt und jeder das sieht; sie wollen Idealismus herbeimanipulieren, indem sie der privaten Vorteilsrechnung einen Anreiz bieten. Und natürlich las- sen brave Lohnarbeiter sich auch mit Geld und guten Worten zu ei- nigen Extra-Anstrengungen ermuntern, mit denen die schlimmsten Mängel und Disproportionen ausgeglichen werden sollten. Nur ist eine durch Appelle und Prämien ausgelöste Planabererfüllung auch wieder alles andere als eine Methode, die E r f ü l l u n g des Plans und die Wiederherstellung entgleister volkswirtschaftlicher Proportionen herbeizuführen; eher schon ist sie ein Grund mehr dafür, daß wieder mal und erst recht "nichts klappt". Das kümmert allerdings alle die Experten nicht, die schon immer und jetzt ganz neu motiviert durch "die Wende" nach gerechten Leistungslöhnen rufen, um die DDR zu einer weltrekordverdächtigen "sozialistischen Leistungsgesellschaft" zu machen - und zu diesen Experten gehören leider nicht bloß die für solchen Quark bezahl- ten Planer und Leiter, sondern auch alle Werktätigen, die sich seit jeher keinen kritischen, sondern immer denselben moralischen Reim auf die ständigen Versorgungsmängel - im Betrieb wie beim privaten Konsum - gemacht haben. Die vermißte und ersehnte Effek- tivität des ganzen Ladens soll darüber zustandekommen, daß die Leute sich mehr reinhängen - ein schlechter Witz angesichts der doch auch allgemein bekannten Tatsache daß die Produktivität der Arbeit auch im realen Sozialismus schon längst hauptsächlich eine Sache der Produktionsmittel ist und daß deren technologische For- tentwicklung das Produktionsergebnis von der subjektiven Lei- stungsbereitschaft der Arbeiter immer weiter unabhängig macht, auch wenn die Phrasen von der angeblich immer stärker geforderten Schöpferkraft der Massen das Gegenteil verkünden. Die DDR-Industrie stellt doch selber Maschinen her - auch wenn deren Einsatz in der eigenen Volkswirtschaft dann oft genug wieder an den Rentabilitätsrechnungen investierender Betriebe scheitert -, von denen eine jede die beste Arbeitsmoral ganzer Arbeitskollek- tive glatt ersetzt. Genauso verkehrt und genauso aufschlußreich ist die andere Täu- schung, der produktivitätssteigernde Wille, sich reinzuhängen, wäre durch nichts so sicher und bequem herzukriegen wie durch eine stärkere Lohn d i f f e r e n z i e r u n g. Mit dem hoch- moralischen Grundsatz, gute Arbeit gehörte gut und schlechte Ar- beit schlecht bezahlt lassen sich vielleicht Bedürfnisse wie Neid und Mißgunst bedienen oder zumindest anstacheln: eine Volkswirt- schaft, die über das Stadium des Kunsthandwerks hinaus ist, ist dadurch nicht zu verbessern. Und welchen Effekt soll es haben, die Hierarchie der beruflichen Tätigkeiten und Löhne, die es schon gibt, weiter auseinanderzuziehen? Die schlecht und in Zu- kunft also noch schlechter bezahlten Arbeiten sind für die Pro- duktion doch nicht entbehrlicher als die gut dotierten Jobs - oder sollen sich alle Werktätigen in der Leitung drängeln? -; und daß ein Mensch sich darin weniger verausgabt, Muskeln und Nerven eher schont und sein Hirn beweglicher hält als in den Tätigkei- ten, die besser bezahlt werden und noch besser bezahlt werden sollen, das wird ja wohl niemand im Ernst vertreten wollen - auch bei völlig "gleichmacherischen" Löhnen würden ja wohl kaum die Medizinstudenten in die Müllabfuhr drängen. Ein wahrhaftiges, richtiges Entsprechungsverhältnis zwischen einer bestimmten, von anderen sachlich verschiedenen Arbeitstätigkeit und einer be- stimmten, von anderen Löhnen quantitativ unterschiedenen Geld- summe ist, wissenschaftlich und sozialistisch gesehen, ein Un- ding. Die unterschiedlichen Zuordnungen von Arbeiten und Ver- diensten beruhen im Sozialismus überhaupt nur auf schlechten ge- sellschaftlichen Gewohnheiten in der Frage, was "man" wem zumutet und wer sich was zumuten läßt an relativer Schlechterstellung; und da gilt noch allemal das mit der Tradition des Lohnsystems offenbar unlösbar verbundene Prinzip, daß Arbeiter um so weniger kriegen, je einseitiger ihre Arbeit im puren Verschleiß ihrer Ar- beitskraft besteht. Dieses Prinzip entstammt dem Kapitalismus, gehört zu ihm und hat da auch seine schlechte sachliche Richtigkeit. Denn da sind die gezahlten Löhne das Ergebnis eines fortdauernden Streits um den Preis der Arbeit; und für das Interesse des Kapitals, diesen Preis zu senken, sind Lohndifferenzen allemal griffige Handhaben. Da legen dicke Rahmentarifverträge fest, inwiefern die verschie- denen bezahlten Tätigkeiten die menschliche Arbeitsfähigkeit nur leicht und nur teilweise in Anspruch nähmen - so als hätte ein Lohnarbeiter beispielsweise noch Kraft und Verstand übrig, wenn ihm "bloß" geringer Muskelaufwand, der freilich dem Arbeitsplatz entsprechend ununterbrochen, und "bloßer" Stumpfsinn ebenfalls arbeitsplatzgemäß, abgefordert wird; und jeder festgelegte Ge- sichtspunkt "begründet" eine Beschränkung des Lohns. Die andere Frage, welchen Nutzen das Kapital aus seinen verschiedenen Lohn- arbeitern zieht, beantwortet sich das kapitalistische Unternehmen sowieso selber, nämlich durch die Herstellung von Hochleistungs- arbeitsplätzen, die jeden "Rückschluß" vom Produktionsergebnis auf den Beitrag des individuellen Arbeiters dazu zum Witz machen. Kapitalisten kaufen sich die Bedienungsmannschaften, die ihre Produktionsmaschinerie als menschliches Anhängsel braucht; die vielfältigen Lohngruppen sind Mittel der Lohneinsparung und haben nicht das geringste mit dem von vornherein aberwitzigen, deswegen auch nur in der moralischen Phantasie der Betroffenen und mancher Betrachter angestellten Versuch zu tun, einem jeden seinen höchstpersönlichen besonderen Beitrag zum Betriebsergebnis zu vergüten. Daneben gibt es, noch, Lohndifferenzierungen anderer Art, nämlich beim Akkord, der das Über- oder Unterbieten eines vorgegebenen Normalergebnisses lohnwirksam macht. Das ist dann tatsächlich ein Moment von "Leistungslohn" in dem banalen Sinn, daß nicht bloß Arbeit, sondern gleich Arbeit pro Zeit, Leistung eben, ihren Preis zugemessen bekommt. Auch da ist der Nutzeffekt der Arbeit ebenso wie der Verschleiß der Arbeitskraft durch die Arbeit Sache des Unternehmens und mit der Ausstattung des Ar- beitsplatzes vorgegeben; der Freiheit und Moral des Hochlei- stungsarbeiters bleibt allenfalls - und auch das mit jedem tech- nischen Fortschritt immer weniger - überlassen, wieviel von die- ser Arbeit er in seine vorgegebene Arbeitszeit hineinpackt. Der "Leistungslohn" im Sinne des Glaubens, jedem stünde an Lohn genau die Summe zu, auf die er sich durch seine Leistung ein Recht erworben hat, ist im Kapitalismus also einerseits in dem banalen Sinn wahrgemacht, daß auf Basis des freien kapitalisti- schen Kommandos über die Arbeit jede entlohnte Tätigkeit genaue- stens bewertet ist, so daß die geleisteten Arbeitsstunden tatsächlich ein tarifvertragliches Recht auf eine ganz bestimmte Lohnsumme geben; und in jedem anderen Sinn ist er pure Ideologie. Daß jeder verdient - finanziell -, was er verdient - moralisch -, ist die schönfärberische Lüge zu den Abstufungen, über die sich die Kapitalistenverbände mit den Gewerkschaften einig geworden sind; die ersteren auf Grundlage ihres materiellen Interesses an der Verbilligung der Arbeit, die letzteren im Namen der tiefen Einsicht, daß Gleichheit der Löhne unmöglich gerecht sein könne. Ob einer dieser Leistungslohn-Ideologie folgt oder nicht, macht praktisch überhaupt nichts weiter aus; sie dient ja gar nicht zur Herstellung einer Berufs- und Lohnhierarchie, sondern zur morali- schen Rechtfertigung und Schönfärbung der längst hergestellten Entlohnungsverhältnisse. Deswegen, als ansonsten folgenloser mo- ralischer Kommentar zur Welt, ist sie im Kapitalismus auch so po- pulär; am beliebtesten unter Lohnarbeitern, denen ihr Geld nicht langt, als hochanständiges Beschwerdeargument, auf das außer dem jeweiligen Beschwerdeführer niemand etwas gibt. Wenn nun in der DDR alle Welt in den Ruf nach gerechten Lei- stungslöhnen einstimmt, dann nimmt sich das schon ein bißchen an- ders aus. Es wird damit jedenfalls nicht die Klage unzufriedener Arbeiter aufgenommen, sie würden zu schlecht im Vergleich zu an- deren, also ungerecht bezahlt. Der Ruf ist vom Standpunkt des un- zufriedenen Lohn z a h l e r s und Nutznießers der Arbeit aus angestimmt worden. Sein Grund und Inhalt ist der Wunsch des uni- versellen Arbeitgebers, des Staates, sein Kommando über die Ar- beit durch größere Lohndifferenzen effektiver zu machen. Auf ihr systemeigenes Lohnsystem läßt die Staatsgewalt des "realen Sozialismus" also nichts kommen. Sie geht mehr denn je davon aus, daß eine "planmäßiges gesellschaftliche Arbeitsteilung nur herzukriegen ist durch die Macht des Geldes, mit der die Ka- pitalisten für ihren Konkurrenzkampf so gut fahren, und daß Ar- beiter nur dadurch an die von oben verlangte Arbeit zu bringen sind, daß man ihnen den Materialismus des zu verdienenden Lohns beibringt, und nie im Leben durch eine materialistische Organisa- tion der gesellschaftlichen Arbeit, die ein klares, direktes Ver- hältnis zwischen Aufwand und Nutzen der Werktätigen stiftet. An- gesichts der für alle unbefriedigenden Ergebnisse ziehen die Pla- ner und Leiter der DDR-Ökonomie daher auch nur die eine Konse- quenz, die Kommandogewalt des Geldes, über das sie verfügen, zu verfeinern, damit es sich besser vermehrt. Als Moralisten des ge- sellschaftlichen Arbeitseinsatzes suchen sie die Verbesserung ihres Leitungsinstruments Lohn in der ihnen vertrauten Richtung, nämlich im Ausbau der Lohnhierarchie zu einem immer umfangreiche- ren und schlagkräftigeren System der Belohnung und Bestrafung. So würden sie es natürlich nie direkt nennen. Denn sie verfolgen da- mit ja nicht bloß den absurden Plan einer disziplinarrechtlichen Sanierung ihrer Ökonomie, sondern das noch viel absurdere Ideal eines Entlohnungssystems, das mit seinen hochdifferenzierten An- reizen wie von selbst die Produktionsergebnisse herbeimanipu- liert, die sie vermissen. Dieses Projekt kann nie aufgehen, weil noch so hochmotivierte Ar- beiter die Produktivkraft einer modernen Maschinerie nicht erset- zen k ö n n e n und weil die "Motivation" durch Lohn alle mög- lichen Berechnungen hervorruft, aber ganz gewiß nicht den ver- rückten Ehrgeiz, fehlende Technologie oder andere Arbeitsmittel durch erhöhtes Engagement ersetzen zu w o l l e n. Damit steht aber auch schon fest, daß unter dem Stichwort "Leistungslohn" die Stimmen lauter werden, die dafür plädieren, von der W e r b u n g mit den Anreizen abzugehen und mehr von der D r o h u n g Gebrauch zu machen, einschließlich der allmählich überfälligen Drohung mit dem Verlust des Arbeitsplatzes. Es wird ja auch wirklich allmählich Zeit, daß sich das System der "S t i m u l i e r u n g" durch Lohn offen zu seinen e r p r e s s e r i s c h e n Qualitäten bekennt. Einstweilen liegt der größte "Anreiz" des Leistungslohns, den die DDR-Ökonomen ihrer Arbeiterklasse versprechen, in der Ideologie, die das staatliche Ideal der Leistungsstimulierung in das morali- sche Ideal der Leistungsgerechtigkeit und wieder zurück über- setzt. Die Arbeiter sollen die Handhaben des Staates gegen sie als ihr Recht begreifen. Das stimuliert zumindest den proletari- schen Rechtsstandpunkt, die Staatsgewalt sollte ihre Handhaben auch wirksam zur Anwendung bringen - gegen "die anderen". Und das verbessert die Versorgung der Bevölkerung mit moralischen Kompen- sationen. Das Fazit: Auch im "realen Sozialismus" bleibt es bei den Einwän- den von Karl Marx gegen das Lohnsystem. Der Lohn ist das ökonomi- sche Mittel dessen, der ihn zahlt. Daß das im sozialistischen Osten eine arbeiterfreundliche Staatsgewalt ist, die auf die ka- pitalistische Härte der Erpressung mit Arbeitslosigkeit und Ver- elendung verzichtet, hat bloß zur Folge, daß der Einsatz dieses ökonomischen Machtmittels sich für den gesamtgesellschaftlichen Arbeitgeber nur begrenzt lohnt. Für die Seite, die den Lohn braucht, ist das zugemessene Verhältnis zwischen Arbeitsleistung und Geldsumme kein Mittel, das der Mensch für sich einsetzen könnte. Seine Freiheit, sich mit dem verdienten Geld aus dem ge- sellschaftlichen Produkt zu bedienen, ist und bleibt eine abhän- gige Größe, nämlich abhängig gemacht vom Wachstumserfolg der Fi- nanzmacht des Gesamteigentümers Staat. Und gleichgültig, ob es mit diesem Erfolg flott vorangeht oder immerzu hapert, der in Ab- hängigkeit davon gestiftete private Nutzen bleibt immer eine müh- selige Sache. Daß die staatlichen Lenker der Ökonomie aus Unzufriedenheit mit ihren Erfolgen zu Bewunderern der kapitalistischen Ausbeutung werden, ist aus ihrem Arbeitgeberstandpunkt leicht zu verstehen. Wenn die werktätigen Massen sich diesem Standpunkt anschließen, liegen sie schief. Denn was sie bewundern, ist die Leistungskraft des Lohns als Kampfmittel konkurrierender Kapitalisten. Die dazu- gehörigen Lohnarbeiter haben für ihren Nutzen überhaupt nichts in der Hand als ihre totale Verfügbarkeit für diesen Konkurrenz- kampf. Der Dienst, der dafür fällig wird - wenn er überhaupt fäl- lig wird -, ist auch dann kein gutes Lebensmittel, wenn der Lohn in Deutschmark ausgezahlt wird, auf deren Kaufkraft die stolzen Lohnempfänger schon wieder gar keinen Einfluß haben. "Gerechte und soziale Preise" und die ------------------------------------- "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik": --------------------------------------------- Was sind diese "Errungenschaften" des "realen Sozialismus" wert? ---------------------------------------------------------------- Sie war immer der ganze Stolz der "realen Sozialisten", der Inbe- griff ihrer Volksfreundlichkeit; eine Zeitlang wurde sie noch als unveräußerliches Erbstück der alten DDR hochgehalten; aber das war schon der Auftakt dazu, sie preiszugeben: die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik", realisiert in einem System der zugleich g e r e c h t e n u n d s o z i a l e n P r e i s e. Schade ist es darum nicht; denn der Kunstgriff, "Wirtschaft" und "Soziales" erst zu trennen und in Gegensatz zueinander zu brin- gen, um dann ihre unauflösliche Verbindung als Glanztat im Kampf ums Arbeiterwohl zu feiern, war schon immer verkehrt, schädlich und ganz nebenbei total antikommunistisch. Und er wird auch nicht dadurch besser, daß der Standpunkt, von dem aus diese ganze Kon- struktion jetzt verworfen wird, noch viel schlechter ist - zumal es sich bei den neuesten "Erkenntnissen" um eine ziemlich schlüs- sige Konsequenz aus dem alten Unsinn handelt. 1. Auch im "realen Sozialismus" hat jedes Ding seinen Preis. Auch dort kommen also nützliche Güter nicht wegen ihrem materiellen Gebrauchswert in die Welt. Der ist vielmehr bloß die Vorausset- zung für den wahren und eigentlichen, maßgeblichen Zweck der Pro- dukte, den ihr Preis angibt: Sie stehen für G e l d, und darauf kommt es an. Güter werden hergestellt, um sich im Verkauf, sei es über den staatlichen Großhandel oder die HO, sei es per Verrech- nung in und zwischen VEBs und Ministerien, in den ganz abstrakten und dafür genau nachzählbaren Reichtum, in Geldfonds zu verwan- deln. Mit denen wird das Nötige wieder gekauft, damit die Produk- tion immer von neuem losgehen kann. Alles läuft über die Geldgrö- ßen, die sich bei der Warenzirkulation - und die bedeutet eben auch im "realen Sozialismus" nicht Transport, sondern Versilbe- rung - in den Bilanzen der Betriebe ergeben. Und diese bilanzier- ten Zirkulationsergebnisse sind alles andere als ein belangloses Zwischenstadium. Sie sollen R e i c h t u m ausweisen, Über- schüsse in Geldform, G e w i n n. Das ist der Z w e c k der Sache, und seine Erfüllung soll auch wieder die B e d i n- g u n g dafür sein, daß das Produzieren überhaupt seinen Fortgang nimmt. Die Betriebsbilanzen sollen nicht bloß Zahlen aufschreiben, sondern die Gewinnerwirtschaftung zum Sachzwang des gesamten volkseigenen Wirtschaftsprozesses machen. Dieser Sachzwang, daß sich alles ums Gewinnemachen dreht, scheint den "realen Sozialisten" also sehr gut gefallen zu haben am Kapi- talismus, den sie überwinden wollten. D a ist nämlich der Tausch von Ware gegen Geld, das Verkaufen und Kaufen überhaupt das naturwüchsige Verhältnis zwischen den Produzenten und Zweck ihrer Produktion. Sie hängen voneinander ab und kalkulieren mit ihrer Abhängigkeit voneinander und begegnen sich im Tausch alle- samt mit demselben feindlichen Interesse, billig einzukaufen und teuer zu verkaufen, damit ihre jeweilige Bilanz stimmt. Denn de- ren Erfolg i s t die selbstverständliche Voraussetzung, aber auch schon Grund genug dafür, daß die Produktion immer weiter- läuft. Es sind ja lauter private Geldvermögen am Werk; wenn die, allein oder kombiniert mit anderen, groß genug sind, eine loh- nende Produktion aufzuziehen, dann findet die statt; und dabei geht es so sehr ums Lohnen, daß die Produktion platzt, wenn die Zirkulationsergebnisse nicht mehr stimmen. Dabei tritt jede indi- viduelle Geldsumme als selbstständiger Selbstzweck an, betreibt i h r e Vergrößerung in Konkurrenz zu allen anderen. Was im End- effekt wie eine "gesellschaftliche Arbeitsteilung" aussieht, ist die triviale Wirkung von Kaufs- und Verkaufserfolgen und -mißerfolgen; ebenso die "Versorgung der Bevölkerung" mit nützli- chen Gütern: Alles ein Nebeneffekt des allseitigen Bemühens aller Geldbesitzer, gute Vergrößerungsbilanzen für ihr Vermögen zu er- zielen, und zwar in Konkurrenz zueinander. Beim Konkurrieren ist der Verkaufspreis, mit dem eine Firma gegen die anderen antritt, die entscheidende Waffe. Tauglich ist sie freilich nur, wenn von der Kostenseite her die Freiheit zum Preiskampf gegeben ist. Da- bei ist die in der Produktion eingesetzte Arbeit der interessan- teste Posten in der Kalkulation; denn sie ist als Kostenfaktor doppelt flexibel: im Preis, der für Arbeitskräfte zu zahlen ist, sowie im Nutzeffekt, der sich durch die Einrichtung entsprechen- der Arbeitsplätze aus der bezahlten Arbeit herausholen läßt. So wird aus dem Interesse jeder kapitalistischen Firma, im Konkur- renzkampf einen Bilanzerfolg an den anderen zu reihen, ein all- seitiger Sachzwang, das Verhältnis von Aufwand und Ertrag vor al- lem an der entlohnten Arbeitsleistung zu verbessern - d a s nennen Marxisten "Ausbeutung". Die "realen Sozialisten" nennen das Ergebnis eher "wirtschaft- liche Effektivität" oder auch, mit Bezug auf die Qualität der eingesetzten Arbeitsmittel, "wissenschaftlich-technische Revolu- tion". Ihre Kritik am Kapitalismus und ihr Bestreben, ihn zu überwinden, war eben von Anfang an im Grunde nur gegen die starke Stellung der Kapitalisten gerichtet, die sie himmelschreiend un- gerecht fanden: Diesen Privatleuten gönnen sie die Gewinne nicht, um die sich alles dreht; sie wollen sie für den Staat haben, da- mit der dann gute Werke damit tut. In diesem Sinne haben sie den Kapitalisten ihre individuell akkumulierenden Geldvermögen wegge- nommen und das allgemeine Kaufen und Verkaufen, das Preise-Fest- setzen und Gewinne-Einstreichen verstaatlicht. Und an die Stelle der Konkurrenz haben sie - einen gigantischen Widerspruch ge- setzt. Jetzt soll es nämlich beim Kaufen und Verkaufen bleiben, also bei dem Verhältnis der Abhängigkeit entgegengesetzter Geldvermeh- rungsinteressen voneinander, ohne daß noch selbständige, private ökonomische Subjekte so in Beziehung zueinander treten. Es soll jedem VEB um seine besondere Gewinnbilanz gehen, ohne daß noch ein selbständiges Interesse an Gewinn als Zweck und Überlebensbe- dingung einer geschäftlich angelegten besonderen Geldsumme vor- handen ist. Gesellschaftliche Arbeitsteilung und die Versorgung der Leute sollen sich in Abhängigkeit von Erfolgen in der Zirku- lationssphäre ergeben, ohne daß konkurrierende Kapitalisten mit der Macht ihres Geldes die Bedürfnisse zum Mittel ihrer Gelder- löse und die Arbeit zur Waffe im Preiskampf herabsetzen. Auf den Tauschwert soll alles ankommen, obwohl es gar nicht mehr darauf ankommt, daß Kapitalbesitzer mit ihrem Geld über die private Macht verfügen sollen, die Arbeit als Dienst an ihren Konkurrenz- interessen zu organisieren. Und überhaupt soll der Gewinn wie eine sachliche Funktionsbedingung die gesellschaftliche Produk- tion beherrschen, wo es doch das Machtmonopol einer sozialisti- schen Partei gibt, die bedingungslose Herrschaft des Geldes, der privaten Vermögen und ihrer Akkumulation, also außer Kraft ge- setzt ist. Das alles g e h t natürlich, welcher Unsinn ginge denn nicht auf dieser Welt. Es geht freilich nur so, daß der Staat diese sämtlichen Verhältnisse, die es als "naturwüchsige" Betätigungen des staatlich behüteten Privateigentums nicht mehr gibt, haarklein v o r s c h r e i b t. Mit einem allgemeinen netten Befehl des Inhalts "Bereichert euch!" ist es da nicht mehr getan; denn für solche Parolen gibt es keine Adressaten mehr. Der Staat muß die Produktionsbetriebe, die ihm gehören, schon zu solchen Adressaten herrichten und darauf festlegen, sich in seinen Diensten wie individuelle Kaufleute mit eigenem Kapital aufzufüh- ren. Er muß ein "Eigeninteresse" an Gewinnerwirtschaftung "stimulieren". Und weil "anarchische" Konkurrenz ja auch wieder nicht sein soll, muß er auch festlegen, was im Kapitalismus das "naturwüchsige" Produkt der Konkurrenz ist, nämlich sämtliche Preise, auf Grund derer seine Betriebe ihre Gewinnbilanzen produ- zieren sollen. Damit übernimmt die Preisplanungsbehörde natürlich auch die eigentliche Verantwortung für die Zirkulationsergeb- nisse, die Gewinne und Verluste ihrer sämtlichen Betriebe. Denn die haben sich ja an die vorgegebenen Preise zu halten und können ihrem Auftraggeber nach Belieben vorrechnen, daß letztlich er selbst sich seine Gewinne aus der Zirkulation beschafft oder auch durch "verkehrte" Preisfestsetzung schmälert. Zwischen den Be- trieben sowie im Verhältnis der Unternehmen zu den Arbeitern wie zu den Endverbrauchern herrschen keine aus der Konkurrenz erwach- senden Interessensgegensätze mehr, dafür aber genausoviele vom Staat aufgeherrschte Interessenskollisionen; und zwar solche, die den vom Staat gewünschten Gewinnbilanzen nicht nützen, sondern schaden. Sogar die immer effektivere Ausnutzung der entlohnten Arbeit bleibt da ewig ein staatliches Projekt, an dem ein Be- triebsinteresse immer erst geweckt werden muß; und das bleibt al- lemal eine sehr bedingte Sache. Die Verrücktheit dieses gesamten Unternehmens fällt seinen Veran- staltern in Form von "Planungsfehlern" und "Mißständen" auf; und dementsprechend sieht in Theorie und Praxis ihre "wissenschaftliche" Antwort aus - neben der moralischen, alle greifbaren "Verantwortlichen" zur Rechenschaft zu ziehen, not- falls sogar gerichtlich wegen Versündigung am "sozialistischen Eigentum" -: Sie sind seit jeher auf der Suche nach den p a s s e n d e n Preisvorschriften, die alle Bilanzen zu wunschgemäßem Funktionieren bringen; nach einem System ökonomisch "wahrhaftiger" Preise. Die sollen hoch genug sein, daß sie den Produzenten der so bewerteten Waren Gewinne sichern, und zugleich niedrig genug, daß sie den auf diese Waren angewiesenen Betrieben die Gewinnrechnung nicht durch zu hohe Kosten ruinieren. Sie sol- len den Stand der Produktivität der Arbeit in einem Gewerbe wi- derspiegeln und gleichzeitig ein Interesse an fortwährender Erhö- hung der Arbeitsproduktivität hervorrufen, also dem Betrieb Ko- stensenkungen aufzwingen, gleichzeitig aber die nötigen Einnahme- überschüsse für produktivitätssteigernde Investitionen herbei- schaffen. Kurzum: sie sollen all die Tauschrelationen als Vorgabe für ein harmonisches Miteinander der zu autonomer Gewinnerwirt- schaftung verdonnerten volkseigenen Betriebe fixieren, die sich im Kapitalismus dauernd nur als Ergebnis des über die Preise ge- führten Konkurrenzkampfes individueller Kapitale bilden. Dieses hoffnungslose Dauerunternehmen ist - oder besser: das war das Herzstück der W i r t s c h a f t s p o l i t i k des "realen Sozialismus". 2. Wenn jedes Ding seinen Preis hat, dann natürlich auch die Ar- beit, die als Produktionsmittel gekauft, also als Kostenfaktor verbucht wird. Damit steht auch schon das prinzipielle Interesse fest, die Arbeit zu verbilligen, also die Lohnsumme zu beschrän- ken und mit ihr durch technisch bewerkstelligte Leistungssteige- rung immer mehr und effektivere Arbeit flüssig zu machen. Im Kapitalismus ist dieses Interesse das herrschende und zwar so, daß es gleich als objektives Erfordernis der ökonomischen Sach- lage daherkommt. Das hat für die Lohnempfänger zwei Konsequenzen. Nicht nur ihr Arbeits-, auch ihr Privatleben ist durch die Not- wendigkeiten ihres Dienstes bestimmt; ihre wirklichen Lebensbe- dürfnisse ergeben sich aus ihrem notgedrungenen Interesse, für ihre Arbeit da und fit zu sein. Und bei der Beschaffung des dafür Nötigen stoßen sie mit ihrem verdienten Geld auf die Preise aller nützlichen Dinge als entscheidende Schranke. Auch notwendige Be- dürfnisse scheitern; nicht an einem objektiven Mangel, sondern am Markt mit seinen Geldforderungen. Jeder kennt die Warenpreise als ökonomisches "Verteilungsmittel" in dem zynischen Sinn, daß die Beschaffung von Gütern und Lebensmitteln eben konsequent und to- tal zu einer Frage der individuellen Zahlungsfähigkeit gemacht ist. Zum Lebensstandard kapitalistischer Lohnarbeiter gehört da- her ein beträchtlicher Aufwand eigens dafür, das eigene Leben zu verbilligen und für unbezahlbare Notwendigkeiten vorzusorgen. In diesem Bemühen finden sie Unterstützung beim Staat; vor allem in der Form, daß der mit seiner Sozialgesetzgebung eine kollektive Zwangsvorsorge für das Überleben im Falle von Krankheit, Arbeits- losigkeit und im Alter organisiert. So wird Armut zur festen ge- sellschaftlichen Einrichtung gemacht, die ihre eigene Ordnung hat - das ist die kommunistische Kritik an den "Errungenschaften" des modernen Sozialstaats. Die "realen Sozialisten" haben hier einen im Prinzip menschlichen Zug der Staatsgewalt im Kapitalismus ausgemacht; ihnen ist der bürgerliche Sozialstaat nur noch längst nicht radikal und konse- quent genug. Zwar soll es auch unter ihrer Regie dabei bleiben, daß die Arbeiter und überhaupt alle Werktätigen vom Lohn abhän- gen, den sie verdienen. Das soll sie aber nie mehr in Existenznot bringen können: Der Staat nützt seine Stellung als universeller Arbeitgeber, um ein Recht auf Arbeit und Lohn zu gewähren; und er nützt sein Monopol auf die herausgewirtschafteten Betriebsgewinne auch dazu, die Kranken und Alten von Staats wegen zu versorgen. Daß alle Dinge ihren Preis haben und die Arbeit als betrieblicher Kostenfaktor einen möglichst billigen, dabei soll es zwar gleich- falls bleiben. Die Werktätigen sollen mit ihren Lebensbedürfnis- sen aber nie wieder am Markt scheitern. Der "realsozialistische" Staat nützt seine Freiheit zur Preisfestsetzung dahingehend, daß er alles Lebensnotwendige, Grundnahrungsmittel und Mieten vor al- lem, spottbillig macht - daneben auch den Zugang zu manchem Un- terhaltungs- und Kunsterlebnis, das im Kapitalismus gar nicht erst in den Umkreis proletarischer Genüsse gerät; volkserziehe- risch will er nebenher also auch noch wirken. Und das alles mit Preispolitik, also in der Absicht, im System der Sachzwänge, nach dem er seine Wirtschaft organisieren will, auch einen Sachzwang zum Sozialen, zur gerechten Verteilung des Reichtums auch an die "unterprivilegierten" Klassen, fest zu verankern: Die Preise sol- len sich als Instrumente sozialer Versorgung bewähren. Ein wenig widersprüchlich ist dieses edelmütige Unterfangen frei- lich schon: Die Staatsgewalt im "realen Sozialismus" gewährt Hil- fen, durchaus umfassende und für jeden Sozialstaat vorbildliche, in Bezug auf eine Klassenlage von Lohnarbeitern, die nur im Kapi- talismus die Qualität einer festen, scheinbar gar nicht gesell- schaftlich produzierten, sondern quasi sachlichen Existenzbedin- gung, eines "Schicksals" hat, weil da die Staatsgewalt ihre erste und oberste Sozialpflicht in der Sicherung des Eigentums und sei- ner ökonomischen Funktionstüchtigkeit hat. Mit der Abschaffung der Privatmacht des Geldes ist diese Klassenlage im "realen So- zialismus" aufgehoben - aber eben bloß "eigentlich". Tatsächlich läßt nun der Staat sie a n a l o g zu den kapitalistischen Ver- hältnissen dadurch fortexistieren, daß er an der Preisform des gesellschaftlichen Daseins festhält; die will er bloß menschen- freundlich korrigiert haben. Dieses seltsame Wohlfahrtsunternehmen ist - oder wieder genauer: war die S o z i a l p o l i t i k des "realen Sozialismus". 3. Auf die E i n h e i t ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik haben sich die Parteien des "realen Sozialismus" immer enorm viel zugute gehalten. Das ist zuallererst einmal das ganz undialekti- sche Eingeständnis, daß sie da vor allem anderen zwei Dinge gründlich g e t r e n n t haben. Nämlich eine ganze Wirtschaft von dem banalen Zweck, gesellschaftlichen Reichtum für materielle Bedürfnisse aller Art zu schaffen, also Armut im Sinne von Güter- mangel so effektiv wie möglich zu beseitigen und Armut im moder- nen, kapitalistischen Sinne eines klassenspezifischen Ausschlus- ses der Individuen von durchaus vorhandenem Überfluß gar nicht erst aufkommen zu lassen. Mit der größten Selbstverständlichkeit wird eben "die Wirtschaft" als eine eigene Welt mit einer gar nicht sozialen Zweckbestimmung und Eigengesetzlichkeit deklariert - in gewisser Weise zu Recht; denn beim Produzieren und Zirkulie- ren der Güter soll es ja um Gelderlöse und die Erwirtschaftung von hohen Reingewinnen gehen, und das ist zwar alles andere als eine ewige ökonomische E i g e n g e s e t z l i c h k e i t, aber G e s e t z ist es schon, von den "Realsozialisten" selber gemacht und ihrem volkseigenen Laden auferlegt. Damit wird Sozialpolitik überhaupt erst n ö t i g: "das So- ziale" als das weite Feld staatlicher Aufwendungen und Vorkehrun- gen für die Befriedigung von Bedürfnissen, die bei der Produktion für staatliches Geldabschöpfen zu kurz kommen oder als kompensa- torische Notwendigkeit überhaupt erst entstehen. Vom Standpunkt einer nur halbwegs vernünftigen gesellschaftlichen Arbeitsteilung aus wäre gar nicht einzusehen, warum und inwiefern Notwendigkei- ten wie die Krankenversorgung oder das Kinderhüten oder die Al- tenpflege grundsätzlich anders organisiert und zugeordnet werden müßten als das Zusammennähen von Hemden und Mänteln oder das Wal- zen von Stahl usw. Die Unterscheidung ist aber sofort da, wenn sich grundsätzlich alles ums gewinnbringende Kaufen und Verkaufen dreht und sich auf Grund des arg begrenzten Preises für Arbeit alle möglichen menschlichen Bedürfnisse als unbezahlbar für den einzelnen herausstellen: Dann und nur dann bekommt jeder Aufwand, um das dafür Nötige t r o t z d e m bereitzustellen, den Cha- rakter einer K o r r e k t u r an den Konsequenzen, die sich aus der Unterwerfung der gesellschaftlichen Arbeit unter das Dik- tat schöner Bilanzen wie von selbst ergeben. Ohne diese gründliche Scheidung zwischen "Wirtschaft" und "Sozialem" widerrufen zu wollen, bemühen sich die "realen Sozia- listen" also um die Einheit beider Dinge. Und diese Aufgabe haben sie immer ernstgenommen, also nicht in der kapitalistischen Weise bewältigt, den Lohnarbeitern ein Zwangssparen zu verordnen. Sie haben ihre sozialen Gesichtspunkte und Forderungen in das von ih- nen selbst geschaffene System der gewinnträchtigen Preise hinein- getragen und darin durch Preisvorschriften, aber auch durch die Verpflichtung, proportional zum Bilanzerfolg soziale Fonds zu bilden oder Mittel abzugeben, verankert. Die Bedienung der sozia- len Interessen ist so zu einer Bedingung für den Fortgang des ge- winnorientierten Wirtschaftens gemacht worden - damit freilich auch zu einem Hemmnis für dessen gleichzeitig gewünschten Erfolg. Der "soziale Sachzwang" niedriger Preise macht in den "betroffenen" Branchen die "wirtschaftliche Rechnungsführung" ka- putt; die Bildung von Sozialfonds behindert die Vergrößerung an- derer Überschoßposten, für Investitionen zum Beispiel. Das haben die regierenden Sozialisten sich auch wieder als Problem zu Her- zen genommen und gelernt, die "richtigen" Preise und Bilanzen von den "sozialen" zu unterscheiden. Die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" hat konsequenterweise zu einer Art doppelter gesellschaftlicher Buchführung geführt, die die Differenz zwi- schen beiden Gesichtspunkten in Geldsummen ausdrückt und als Staatszuschuß verbucht. Diese Geldsummen heißen seit neuestem S u b v e n t i o n e n; und mit dieser Benennung ist schon eine Kritik an dem bisherigen Verfahren ausgedrückt, Wirtschaft und Soziales voneinander abhän- gig zu machen. Das Bekenntnis dazu, s o z i a l e D i e n s t e des Staates als Abzug vom "eigentlich" verfügbaren Geld zu be- trachten, ist zum mindesten eine Absage an die bisherige soziali- stische Freiheit des Staates, die Produkte seiner Betriebe zu be- werten und bei der Preisfestsetzung soziale Gesichtspunkte zum Zuge kommen zu lassen. Der Urheber aller ökonomischen "Sach- zwänge", die im "realen Sozialismus" gelten, nimmt für sich selber die "Zwangslage" eines beschränkten Haushalts-"Topfes" in Anspruch, aus dem die Differenz der tatsächlichen Preise zu den "eigentlichen" wirklich beglichen werden müßte. Und diese Sicht- weise ist allemal der Auftakt dazu, den errechneten Aufwand für derartige Preiskorrekturen ganz real zusammenzustreichen - also das Notwendige teurer zu machen. Der logisch nächste Schritt ist die Interpretation jeder sozialen Rücksicht bei der Preisfestlegung als V e r f ä l s c h u n g der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die Ideologen der Marktwirt- schaft sagen den "realen Sozialisten" diesen Vers längst vor: Ef- fizienz und soziale Wohltaten gehen einfach nicht zusammen. Die Gesetze "der Wirtschaft" lassen sich nicht hintergehen - und ih- ren "Sachzwängen" hat auch eine Regierung der DDR zu g e h o r c h e n, insbesondere dann, wenn sie auf dem Weltmarkt erfolgreich sein will. Das Echo aus den Führungsetagen der DDR wie aus den Reihen der demonstrierenden Massen läßt sich auch schon vernehmen: Nicht auf den einen oder anderen "-ismus" kommt es an, sondern auf gute = ertragreiche Arbeit! So nehmen "reale Sozialisten" ganz realistisch Abschied von ihrer - ebenso bescheidenen wie verkehrten - Manier, auf Unterschieden im Produktionsverhältnis zu bestehen. Die Erfolge, die der Kapi- talismus beim Wirtschaften vorlegt, sind einfach überzeugend. Zumal sie eindeutig solche der N a t i o n sind, von der schließlich auch Arbeiter und Bauern leben. Es umgekehrt zu se- hen, ist einfach überholt. Mehr Markt - weniger Plan ------------------------- Wieso jetzt auf einmal ---------------------- gegen Bürokratie und Zentralismus"? ----------------------------------- Jahrzehntelang waren sie stolz auf ihr "System der Planung und Leitung". Sie wollten die Anarchie des kapitalistischen Marktes überwunden haben; das bewußte Herbeiführen hochwertiger gesell- schaftlicher Ergebnisse sollte den Vorzug ihres Wirtschaftens ausmachen. Und jetzt? Ein Abgrund von Selbstkritik. Die Planer und Leiter von gestern bezichtigen sich der Bürokratie und des Zentralismus, mit dem sie ein erfolgreiches Wirtschaften verhin- dert hätten. Echte Eigeninitiative ist erwünscht, Vorschriften von seiten des Staates gelten als Bremse - der Versuch zu l e n k e n hat sich gründlich blamiert, weil gelenkte Betriebe nicht in der Lage sind, ihr Bestes zu geben. In den Ohren westlicher Gemüter klingt diese Selbstkritik wie ein Bekenntnis, daß der Kapitalismus das Wahre ist, die einzig effi- ziente Produktionsweise, die jetzt eingeführt gehört. Und die westliche Propaganda schlachtet die östliche Selbstkritik auch genauso aus. Bloß - der Unterschied zwischen Kapitalismus und re- alem Sozialismus besteht gar nicht in einem Gegensatz von Büro- kratie zu freier Initiative, von Zentralismus zu einem Wirtschaf- ten auf eigene Rechnung. Die Selbstkritik von heute - alles auf- zuzählen, was man sich an ökonomischen Erfolgen gewünscht haben möchte, um die alte Planungsweise ebenso pauschal wie inhaltsleer als Diktat zu denunzieren, das Leistung unterbindet - ist recht billig. Auf den ökonomischen Gehalt der Diktate wird es schon noch ein bißchen ankommen. Umgekehrt heißt das neue Rezept auch nicht einfach "Lassen". Was ansteht, sind Korrekturen an einem System, in dem auf der Grund- lage von staatlichen Bedingungen eine "eigene", "selbständige" betriebliche Rechnung stattfindet. Und die Ergebnisse der be- trieblichen Bemühungen sind nach ihrer materiellen Seite der Reichtum, der zur Befriedigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse (Produktion, Konsumtion) dient. Nach ihrer finanziellen Seite sind es Bilanzen, an denen sich der Staat seinen Anteil sichert - u n d an denen sich die künftige Kalkulation der Betriebe be- mißt. Die Mittel zum Weiterwirtschaften, die ihnen zustehen, er- mittelt der Staat aus einer Bewertung der Bilanzen seiner Unter- nehmen. Dieses Verfahren ist also die Grundlage für das Verständnis der großspurig angekündigten Neuerungen sowie von deren Wirkungen. Mit einem simplen 'Weg vom Kommandieren!' jedenfalls hat das Ganze schon deshalb nichts zu tun, weil schon das bisherige Rech- nungswesen mit "Kommandieren" ziemlich falsch, nämlich gar nicht begriffen wird. Ganz gleich, ob man Planung nun als wünschenswert oder als völlig abwegige Art, "Wirtschaft" zu treiben, betrachtet - die Planer und Leiter des realen Sozialismus verdienen weder das Kompliment noch den Vorwurf, geplant zu haben. Sicher, ihr Verständnis der Marx'schen Kapitalismuskritik bestand stets in einer Absage an die "Anarchie des Marktes"; ebenso zählt die Mißbilligung der Herrschaft des Geldes und des Profits zu den Standardübungen öst- licher Wirtschaftstheorie. So weit aber ist die Ablehnung von Geld und Gewinn nicht gegangen, daß man diese Inbegriffe kapita- listischen Reichtums einfach abgeschafft hätte. Marx wurde konse- quent gegen den Strich gelesen, also keineswegs als eine begrün- dete Kritik am Kapitalismus, aus der nur eines folgt, die Gesetze von Waren-, Geld- und Gewinnproduktion abzuschaffen. Vielmehr wie eine Anleitung dazu, die Gesetze des Kapitalismus zu "beherrschen" und seine wirtschaftlichen Hauptgrößen nützlich "anzuwenden". Auch im Sozialismus sollen die Betriebe G e w i n n produzie- ren, wenn sie sich ans Produzieren machen. Die materiellen Be- dürfnisse gelangen auch da an die Gegenstände ihrer Befriedigung nur über den Umweg einer in Geld erstellten Bilanz; die Betriebe haben sich um die Vermehrung ihrer Geldeinkünfte als quasi-priva- ten Zweck zu kümmern, wobei ihre Überschüsse freilich nicht ihr E i g e n t u m bleiben und vergrößern, sondern vom Staat ver- teilt werden. Einesteils in die Staatskasse, andernteils werden sie zum Zwecke des Weiterwirtschaftens der Verfügung der volksei- genen Unternehmen überlassen. Auf diese Weise bestreitet der Staat schön gesellschaftlich alle wünschenswerten Aufgaben. Die- ses Verfahren hat jeden gesellschaftlichen Fortschritt, von Kin- derkrippen bis zu Forschungsaufwendungen, vom Bauwesen bis zur medizinischen Versorgung sehr effektiv a b h ä n g i g g e m a c h t von der G e l d summe, die in der Staatskasse zu- sammenkommt. Der Wille zur staatlichen Regelung der Produktion und Verteilung von s a c h l i c h e m Reichtum relativiert sich an den offfiziell gebotenen Geldvermehrungskünsten, deren Gelingen sich trennt von der Orientierung am gesellschaftlichen Bedarf. Die Redeweise von den "sozialistischen Errungenschaften" ist für dieses System ganz passend: So ernst, wie dieser Staat sein Wohlfahrtsprogramm genommen hat, so sehr hat er sich auch als dessen Fessel bewährt, so daß das Wohnen, die Gesundheit und das bißchen wachsende Konsumtion gar nicht zu sozialistischen Selbstverständlichkeiten geraten sind. Der Grundfehler dieser Technik besteht darin, im Interesse an der M e t h o d e einer gesamtgesellschaftlichen Versorgung per Ge- winnumverteilung die betriebliche Produktion auf den Z w e c k Gewinn festzulegen, so als ließen sich nie und nimmer brauchbare Schuhe, Maschinen oder Lebensmittel produzieren, wenn dabei nicht in Geldgrößen gerechnet und auf Überschüsse in Geld geschielt würde. Daß größtmögliche Geldzuflüsse an den Staatshaushalt das- selbe wären wie eine automatische Garantie dafür, daß ebenso reichliche Ströme von Gütern an genau der Stelle ankommen, wo sie benötigt werden, stimmt genausowenig. Warum sollten sie auch? Die Redeweise vom Gewinn als "ökonomischem Hebel" enthält die ganze Lüge dieses Systems, nach der die staatliche Vorschrift zur Ge- winnproduktion so etwas wie einen Mechanismus auslösen soll, durch den die Betriebe wie von selbst zu nützlicher Produktion und allseitiger Versorgung angehalten werden. Daß es sich dabei um eine Lüge handelt, macht sich spätestens an dem ganzen umfäng- lichen Auflagenwesen bemerkbar, das dieser Auftrag nach sich zieht. Alles, was der Hebel "bewirken" soll, muß vom Staat immer extra befohlen und stimuliert werden. Denn die Verpflichtung auf Gewinn paart sich nicht mit der Freiheit der Kalkulation. Dieser Staat sieht nämlich in den Preisen, mit denen jeder Betrieb beim Ein- und Verkaufen zu tun bekommt, ebenfalls ein Instrument, die Verteilung nach seinen mehr oder minder sozialen Maßstäben zu re- geln. Und diese Maßstäbe decken sich keineswegs mit dem anderer- seits befürworteten, ja zur Auflage gemachten Interesse an Ge- winn. Kein Wunder, daß die wirtschaftlichen Plankommissionen viel zu tun haben; sie sind zwar nicht mit Planung beschäftigt, aber mit der Erfindung immer neuer und zusätzlicher Kennziffern, deren Befolgung die von Staats wegen getrennten und einander ausschlie- ßenden Zielsetzungen in Einklang bringen sollen: Reichliche Ge- winnabführung an den Staat, erschwingliche Preise, prima Be- triebsbilanzen und allseitig funktionierende Versorgung kommen sich notwendig in die Quere. Die einschlägigen Wirkungen kennt und über die schimpft dann hinterher jeder - aber den Grund will offensichtlich niemand zur Kenntnis nehmen. Auch die Macher des sozialistischen Staats zweifeln deswegen nicht an ihrem Beschluß, dem Geld die Rolle beizulegen, die es sonst nur in volkswirtschaftlichen Ideologien des Westens hat: die eines idealen Mittels der "Steuerung des Marktes". Sie gehen nicht davon ab, daß seine wundersame Eignung zur Festsetzung von Preisen soziale Taten gestattet. Sie bestehen darauf, daß seine Vermehrung, den Betrieben zur Auflage gemacht, deren Beitrag zum gesellschaftlichen Fortschritt stimuliert. Die Betriebe ihrer- seits halten sich daran und suchen durch die Masse ihrer Produk- tion den Gewinn zu vermehren; ein gar nicht erstaunliches Resul- tat sind dann erfolgreiche Bilanzen bei einer nicht ganz so glän- zenden Produktion - was dann hämisch und falsch dazu als "Tonnen i d e o l o g i e" angeprangert wird. Es ist nämlich keine "Ideologie", die da zu Ehren kommt, noch nicht einmal eine falsche "Einstellung" zu den Erfordernissen des Sozialismus, son- dern schlicht die Befolgung der staatlichen Vorschrift. Es han- delt sich einfach um die Technik, dem Befehl zur Gewinnerzeugung nachzukommen. Daß gerade d e s w e g e n gar nicht auf den je- weiligen quantitativen Bedarf oder die Qualität des Produkts ge- achtet wird, ist die Leistung des "Hebels" Gewinn. In diesem System ist es sehr folgerichtig, daß es ein komplemen- täres Rezept gibt, das empfiehlt, den Gewinn zu steigern per "Sparsamkeit": "Aus jedem Gramm Material, jeder Stunde, jeder Mark mehr machen...!" So macht sich das Mißtrauen des staatlichen Gesamteigentümers geltend, daß seine Betriebe seine Fonds ver- schleudern, anstatt mit ihrer "Eigenleistung" Gewinne zu erwirt- schaften. Auch das geht, allerdings auf Kosten der Tauglichkeit der Produkte, der Gesundheit und der Lebenszeit der verehrten Werktätigen. Sparen an den Grundfonds, Produzieren mit veralteter Maschinerie verlangt einen verschwenderischen Einsatz von leben- diger Arbeit, so daß die Belegschaften mit dem Wechsel von Still- standszeiten und Sonderschichten eingedeckt werden. Kostbare neue Maschinerie gebietet sowieso eine "Auslastung" rund um die Uhr. Materialsparen als Auftrag für die individuelle Anstrengung der Betriebe, als ob das nicht allemal eine Frage des Produktionsver- fahrens, der Technologie wäre, sorgt für unsinnige Zusatzbela- stungen und die Produktion von Schund. Alternativen dazu gibt es natürlich auch. Genauso normal, weil der Grundrechnungsart des realen Sozialismus entsprechend, ist die Entscheidung, den Gewinn mit Hilfe von "preisintensiven" Pro- dukten zu steigern. Dann fehlt es auf einmal rätselhafterweise an den "1000 kleinen Dingen", die zwar genausogut gebraucht werden wie alle anderen, die sich aber nicht lohnen für Betriebe, die auf ihre Gewinnbilanz zu achten haben. Die realsozialistischen Planer und Leiter verlieren den Glauben an ihre "Hebel" und deren Wunderwirkung auch angesichts der nur allzu bekannten dadurch gestifteten Unsitten nicht. Viel lieber moralisieren sie herum, wie sich das passende Betriebsinteresse herbeistimulieren läßt. Das kapitalistische Privatinteresse am Gewinn haben sie ja bei ihren VEBs gar nicht vorliegen; der Ein- satz für die Geldvermehrung muß immer erst g e s t i f t e t, die staatlich vorgeschriebene Rechnung zur betrieblichen Berech- nung gemacht werden. Die Technik der "Anreize", die immerselbe Mischung von Drohung und Belohnung, operiert mit der Überlassung von Teilen des Gewinns im Verhältnis zur "Selbsterwirtschaftung der Mittel": "Erfolgreiche" Betriebe dürfen mehr behalten, dürfen erweitern und investieren, "schlechte" nicht, so daß sie zur Strafe schlecht bleiben. Die Benachteiligung dieser Betriebe in bezug auf ihre Möglichkeiten der Gewinnerwirtschaftung ist zwar gerecht nach den Maßstäben der Planung und Leitung, ihren Ziel- setzungen freilich dient sie nicht. Da stellen sich Versorgungs- mängel ein, die "Proportionen", die der arbeitsteilige Produkti- onszusammenhang verlangt, werden dauernd verletzt, was schon wie- der zur Suche nach Methoden der Herbeistimulierung erwünschter Leistungen führt - und zuguterletzt und immerzu werden "Schuldige" dingfest gemacht, die sich an den guten Absichten der staatlichen Lenkungskunst vergangen haben. Diese Absichten verlangen prompt noch manche zusätzlichen Anreize und Prämien, wobei ausgemacht ist, daß sich die Aufträge gründ- lich ausschließen. Zu sparen und den wissenschaftlich-techni- schen Fortschritt zu beschleunigen, Arbeitskräfte für neue Pro- duktion freizusetzen u n d gleichzeitig die vorhandenen Grund- fonds bis an deren Lebensende auszunutzen, neu und qualitätsvoll zu produzieren, o h n e mehr an Fonds oder Material zu verbrau- chen ... - zu solchen Leistungen hält der Staat seine Produzenten an. Die Auflagen verpflichten die Betriebe darauf, sich die Mit- tel zu ihrer Erfüllung zu beschaffen, und enthalten sie ihnen gleichzeitig vor. Der ganze Katalog erwünschter Wirkungen wird den Betrieben vorgeschrieben und mit Prämien versehen: D i e Kalkulation, was sich davon erfüllen läßt und was nicht, welche Erfüllung und Übererfüllung sich f ü r d e n B e t r i e b lohnt, macht dann die ganze Kunst eines sozialistischen Betriebs- direktors aus. Der g e w o l l t e und b e f o h l e n e Be- triebsegoismus r e c h n e t und m u ß rechnen, wie er mit den staatlichen Kennziffern am günstigsten verfährt. Und entfernt sich gründlich von der Erzielung des Effekts, auf den der Staat scharf ist. Als Ergänzung zur Rechnung mit Nettogewinn, Preisen, Kostensen- kung etc. lassen sich die Kommissionen, schon zur Sicherung unab- dingbarer Versorgungsleistungen, auch noch Vorschriften bezüglich Menge, Sortiment und Qualität der Produkte einfallen. Daß dadurch schon wieder einiges durcheinanderkommt, weil solche Vorschriften die anderen Rechnungen stören, hat findige Betrachter der östli- chen Wirtschaftsweise davon überzeugt, daß eine am Gebrauchswert orientierte Planung im Grunde gar nicht geht. Solche Zweifel sind gänzlich unangebracht, weil sie einer Veranstaltung gelten, die gar nicht stattfindet. Von wegen "zu viel Kommando" - ------------------------------ Täuschung und Realität der neuesten Linie ----------------------------------------- Genauso unsachlich fällt auch die Selbstkritik aus, die ausge- rechnet mit dem Ideal der "eigenverantwortlichen Gewinnerwirt- schaftung" endlich einmal radikal ernst machen will. Einerseits verfährt die Klage über die Sünden der "Kommandowirtschaft" sehr ignorant gegenüber den "Gesetzen", die der realsozialistische Staat seiner Ökonomie aufgeherrscht hat. Andererseits hält der neueste Korrekturwahn durchaus an dem Glauben fest, im Geld und Gewinn über ein vorzügliches Steuerungsmittel der Wirtschaft zu verfügen. Die Polemik gegen das "Kommandieren", die derzeit in Mode ist, behauptet nichts Geringeres, als daß der Staat diesen s e i n e n Mitteln ihre Brauchbarkeit geraubt hätte. Und zwar dadurch, daß e r sie eingesetzt hat, statt sie wirken zu las- sen. Sein Kommando über und seine Einmischung in die Geldgesetze soll alles verdorben haben. Als müßte die Erwirtschaftung von Ge- winn nur von staatlichen Fesseln und Auflagen befreit werden, verkünden die reformwütigen Sozialisten, daß staatliches Raushal- ten und freies betriebliches Wirken das einzig taugliche Erfolgs- rezept wäre. Diejenigen, die aus dem Gewinn eine Pflicht gemacht haben, rufen nun: "Markt s t a t t Plan"; und mit diesem neuen Credo behaupten sie, daß die Pflicht zur Gewinnerwirtschaftung nur dann erfüllt wird, wenn sie sich auf einen wirklich unbehin- derten Mechanismus stützt und verlassen kann. Sicher, das I d e a l kapitalistischer Effizienz steht bei die- ser Überlegung Pate. Die R e a l i t ä t des kapitalistischen Produktionsverhältnisses - das Privateigentum, welches den Markt als das ihm gemäße Geschäftsmittel verwenden kann - fehlt aller- dings. Und es ist bei allem Lob des Marktes drüben nicht vorgese- hen, diese Voraussetzung des Marktes einzuführen. Oder doch? Zunächst heißt die Parole jedenfalls: Mehr Markt im realen Sozia- lismus und für ihn. Und das ist ein verheerender Entschluß. Denn damit wird endgültig die F r e i h e i t zu Kalkulationen er- öffnet, die mit den Zielsetzungen des Staates grundsätzlich nicht vereinbar sind. Deswegen reißen ganz andere Verhältnisse ein. Zum Beispiel p o l n i s c h e, wenn auf die staatliche Preis- festsetzung verzichtet wird und die Betriebe "freie Preise" an- setzen dürfen. Dann ergreift jeder, der einen Preis verlangen kann, die Gelegenheit, sich das Geld zu verschaffen, und zwar möglichst viel davon, das ja nach staatlichem Beschluß über die "Verteilung" entscheidet. Dann greift folgerichtig eben die Sorte Wucher um sich, bei der sich alle in ihrer Funktion als Verkäufer in ihrer Rolle als Käufer gründlich schädigen, so daß das Geld überhaupt gar nichts mehr koordiniert. "Inflation", nämlich all- seitige Preistreiberei herrscht, sorgt für eine radikale Verar- mung der Konsumenten und stellt jedes geregelte Produzieren in Frage. Oder es ergeben sich s o w j e t i s c h e Verhältnisse, wo ei- nerseits auch ein paar Preisfreiheiten erlaubt worden sind. Ande- rerseits sind etliche Auflagen weggefallen und den Betrieben ist mehr Kalkulationsfreiheit eingeräumt worden: Wenn im Namen des betrieblichen Interesses übers Sortiment entschieden werden darf, verschwinden plötzlich ganze Warengruppen vom Markt, eben weil sie billig, d.h. für den Betrieb nicht lohnend sind. Und die Be- völkerung wird mit "Defiziten" konfrontiert, die an die schlimm- sten Kriegsperioden erinnern. Wenn die staatliche Planung "direkte Käufer- und Verkäufer-, echte Marktbeziehungen" stiften will und auf die verpflichtende Belieferung mit Maschinen und Rohstoffen verzichtet, stellt sich eine Konkurrenz um Zulieferun- gen ein, die mit Beziehungsklüngel und Bestechung operiert. Dann wird der Betrieb beliefert, der seinerseits mit Defizitware "bezahlen" kann, andere nicht, und es wird die gesellschaftliche Arbeitsteilung ruiniert, die das alte "Kommandosystem" immerhin auch recht und schlecht erzwungen hatte. Auch s o läßt sich der Beweis führen, daß der Unterschied von Kapitalismus und Sozialis- mus nichts mit der Alternative Freiheit versus Bürokratie zu tun hat. Der Verzicht auf die frühere Handhabung von Preisen als staatlich kontrollierte Größen führt durchaus zu neuen Initiativen - aber zu solchen, die zu den Absichten der nationalen Wirtschaftsfüh- rung in einem ganz anderen Gegensatz stehen als die bislang recht und schlecht herbeistimulierten. Seitdem die Zeitungen in Ost und West vom Chaos, von der sinkenden Produktion und von Versorgungs- schwierigkeiten in der Größenordnung eines nationalen Notstands künden, sind die Neuerer in den realsozialistischen Ländern schon wieder einen radikalen Schritt weitergegangen. Denn sie haben auch dafür wieder eine Deutung parat: Sie hätten noch viel zu w e n i g an Markt eingeführt, ihre Reformen wären immer noch unzulänglich. Sie bezichtigen ihr System überhaupt und grundsätz- lich, daß ihm das know-how einer Marktwirtschaft fehlt, und er- bitten H i l f e - von denen, die mit ihrem know-how den kapi- talistischen Weltmarkt so ansehnlich bereichern. Mit ihrer Bettelei um eine Art Entwicklungshilfe in der Erlernung kapitalistischer Künste finden sie Gehör. Allerdings müssen sie sich als erstes sagen lassen, daß sie über die entscheidende Vor- aussetzung, damit die Hilfe anschlagen kann, gar nicht verfügen; ihr nationales Geld, die Funktion des staatlichen Bewertungswil- lens, macht sie untauglich für den Einsatz kapitalistischer Hilfe. Das real existierende Kapitalinteresse, das neuerdings im ganzen Ostblock angestaunt wird, weil es tatsächlich einen Markt etabliert, ihn zu benützen und gewinnbringend zu produzieren ver- steht, besteht schon auf einer grundlegenden Revolutionierung der lernwilligen Sozialismen. Der Einsatz wirklichen Kapitals, echten Geldes - von dem es außerhalb ihres Hoheitsbereiches genug gibt - ließe sich auch bei ihnen bewerkstelligen, allerdings nur dann, wenn sie bereit sind, auch noch die letzten Reste ihrer "verkehrten Wirtschaftsweise" abzuschaffen. Die Unterwerfung ih- rer Ökonomie unter die Maßstäbe kapitalistischer Benützung, der Abzug von Produktivkräften zur Bedienung des Weltmarkts, die Aus- richtung der politischen Macht an den Rechts- und Sicherheitsbe- dürfnissen des Kapitals ist verlangt. Warum soll die DDR-Mark konvertibel werden? ------------------------------------------- Und wozu braucht der "Reale Sozialismus" ausgerechnet ----------------------------------------------------- "Kapitalhilfe"? --------------- K a p i t a l i s t e n hören es gern, wenn man ihre Geschäfte- macherei in fremder Herren Länder "Hilfe" nennt. Das ist ver- ständlich. Denn sie wissen es besser; durch das freundliche Eti- kett lassen sie sich bei nichts stören; schon gar nicht in ihrer strikten Forderung nach garantiertem Profit als unerläßlicher Voraussetzung ihrer Hilfsbereitschaft. Am Ende sammeln sie mit dem Reichtum auch noch die Komplimente ein. D e m o k r a t i s c h e S t a a t s m ä n n e r nennen es mit großem Nachdruck "Hilfe", wenn sie ihren Kapitalisten bei Aus- landsunternehmen mit Rechtsbeistand und Kreditgarantien zu Diensten sind. Denn damit stellen sie klar, daß - in der geordne- ten Welt von heute - Staaten und Völker es mit jedem erwünschten Entgegenkommen zu d a n k e n haben, wenn sie zum Betätigungs- feld bzw. zur Manövriermasse auswärtiger Geschäftsinteressen und Geschäftstätigkeit werden. Wer sich an einem anderen Land kapita- listisch bedient, der "hilft", und wer so hilft hat nicht bloß den Nutzen und die Macht, sondern auch einwandfreie Rechte: So ist es imperialistische Sitte. Jetzt denken also auch die Vertreter des "Realen Sozialismus" nichts als "Hilfe!", seit sie ein kapitalistisches Geschäftsleben in ihre "Planwirtschaft" einführen wollen und um die Absicherung dieses "Fortschritts" durch finanzkräftige kapitalistische Staa- ten ersuchen. Das W o r t "Hilfe" hören sie in dem Zusammenhang nicht so gern, weil ihnen das gegen die "realsozialistische" Ehre geht. Aber sonst sind sie zu allem bereit. 1. Seit jeher tun die regierenden Sozialisten in ihrer volkseige- nen Wirtschaft alles für gute Bilanzen und ehrliche Gewinne. Auch unter ihrer Herrschaft wird keiner satt, ohne daß vorher die "wirtschaftliche Rechnungsführung" zugeschlagen hat und hinterher ein Geldfonds größer geworden ist. Alles kreist ums Geld und seine Vermehrung. Und dann verbuchen sie, auch das schon längst, am Ende aller ihrer Gewinnbilanzen einen entscheidenden Mangel: Sie brauchen Devisen. Sie haben Geld in der Hand, aber kein rechtes. Denn das, was sie da akkumulieren, ist noch lange nicht das, was sie gerne hätten und benötigen, nämlich W e l t g e l d. Die Meister der Planung und Leitung in der DDR machen ihrem Volk diesen Mangel ganz locker am West-Tourismus begreiflich. Harte Devisen müssen her, d a m i t das Volk im goldenen Westen Ur- laub machen kann - so ein Gebot wäre in jedem anderen Land der Welt eine freche Lüge. Denn überall sonst blüht ein Auslandstou- rismus überhaupt nur in dem Maße, wie die Außenwirtschaft der Na- tion nebenher auch noch die Devisenbedürfnisse der reiselustigen Bevölkerung zum Geschäftszweig gedeihen läßt; und für die sachge- rechte Bremsung des Bedarfs sorgen die beschränkte Reisekasse und der Preis fürs fremde Geld, der Umtauschkurs. Nur in der DDR ist das anders, weil ausschließlich da der Besuch der BRD, und zwar mit Westgeld in der Tasche - DDR-Mark in privater Hand wären da -, zu den "Menschenrechten" gehört, auf deren Mißachtung jeder Bürger mit der Ausreise ins Mutterland der zweitwichtigsten Welt- währung antworten kann. Insofern gibt es für die DDR-Führung, die ihr Volk behalten will und deswegen bei Laune halten muß, tatsächlich einen unabweisbaren politischen Sachzwang, die allge- meine Westreiselust mit Devisen zu bedienen. Daß da der Bedarf der "realsozialistischen" Ökonomie an Weltgeld h e r k ä m e, ist dennoch nicht die Wahrheit. Den sozialistischen Kaufleuten der DDR hat ihr östliches Wirt- schaftsbündnis von vornherein nicht gereicht. Dabei wäre in dem Verbund wirklich alles da gewesen, um eine arbeitsteilige Produk- tion aufzuziehen, die der werktätigen Menschheit ein gutes Leben gesichert hätte. Die "gegenseitige Wirtschaftshilfe" ist aller- dings ein wenig anders organisiert: als Rivalität von National- staaten, die mit ihren jeweiligen nationalen Bewertungs- und Preissystemen aufwarten, natürlich immer billig einkaufen und teuer verkaufen wollen und sich durch jedes Ergebnis schlecht be- dient sehen. Was sie einander zahlen müssen, verbuchen sie als Abzug vom erwirtschafteten Reichtum; was sie dafür kriegen, ist oft genug noch nicht einmal das, was sie wirklich brauchen. Und daß das alles als internationalistische Pflicht organisiert ist, läßt den Außenhändlern die Abhängigkeiten des kapitalistischen Marktes wie das Reich der Einkaufsfreiheit erscheinen. So wollten sie sich auch des Weltmarkts bedienen: als Käufer vor allem von Produktionsmitteln, deren Effektivität sie bewunderten und deren Technologie sie nicht besaßen. Deswegen sind sie aller- dings auch nie mit der wirklichen Freiheit des Geschäftsmanns an- getreten, dem nichts zu teuer ist, wenn es sich in seinem Ge- schäft auszahlt, und für den die Devisenbeschaffung nicht mehr als eine Preisfrage ist, die in seine Kalkulation mit eingeht. Die Händler aus dem sozialistisch gewordenen Teil Deutschlands hatten erst einmal weder Geld noch Kredit, mit dem sie im Westen hätten einkaufen gehen können - mit dem Geld, das sie geschaffen hatten, konnten sie im Westen nichts einkaufen, weil es keinem Kapitalisten als Geschäftsmittel taugt, und das sollte es ja auch gar nicht. Das Kaufmittel für den Weltmarkt mußte also verdient werden. Ne- ben ihrem zunehmend erfolgreichen Handel mit den RGW-Staaten - auch zu dessen Lasten - hat die DDR den Westexport betrieben, um an Devisen heranzukommen. Auch da sind die sozialistischen Han- delsreisenden also nicht mit der Freiheit des Geschäftsmanns an- getreten, der jeden Export mitnimmt, der sich für sein Geschäft lohnt, und dem jedes Geld recht ist, wenn sich mit seiner Weiter- verwendung, womöglich schon durch seinen bloßen Umtausch, gleich wieder ein Geschäft machen läßt. Es m u ß t e n Marktpositionen im Westen erobert werden. Das geht freilich nur durch Angebote an die kapitalistische Geschäftswelt, die f ü r d i e s e noch lohnender sind als die konkurrierenden Angebote aller Billiglohn- länder der Welt. So blieb es immer Sache der Macher des Welt- markts zu entscheiden, zu welchen Bedingungen ein Geschäft mit DDR-Ware sich lohnt und w i e v i e l D-Mark oder andere Devi- sen sie ihnen wert ist. Sache der sozialistischen Außenhändler blieb die Entscheidung, d a ß ihnen dieser Devisenerlös das wert ist, was er an Aufwand, in eigener Währung beziffert und den Exportbetrieben vergütet, nun einmal verschlingt. Das ist, wenn schon "wirtschaftliche Rechnungsführung" sein soll, eine sehr klägliche Art von "Rentabilität": Da besteht die "Planung und Leitung" ja gar nicht auf einem für lohnend erachteten Austausch- verhältnis zwischen den Warenwerten, die die Exportbetriebe in DDR-Mark bilanzieren, und den Devisensummen, die sie dafür an Land ziehen; umgekehrt stellt sich ein De-facto-Verhältnis zwi- schen der staatseigenen Bewertung, also auch deren Wertmaßstab DDR-Mark, und der verdienten Auslandswährung über die nachträgli- che Bilanzierung der gelaufenen Exporte her; und das gilt dann wohl oder übel a l s lohnende Austauschrelation. Dieses Verhältnis war für die DDR nie günstig. Das war im Grunde schon mit dem Bedürfnis entschieden, mit dem sie überhaupt in ih- ren Westhandel eingestiegen ist. Das war ja immer in erster Linie ein Importbedarf; und zwar, sobald er überhaupt über das Herbei- schaffen von Unentbehrlichem hinausging, ein Bedarf an Produkti- onsmitteln, die die Fähigkeit zu einer Arbeitsproduktivität "auf Weltniveau" erst schaffen sollten. Mit ihren Exportangeboten konnte die DDR die Weltmarktkonkurrenz folglich nur bestehen, in- dem sie sich entschlossen auf den Standpunkt gestellt hat, daß ihr zur Devisenbeschaffung eben im Prinzip j e d e r Aufwand recht ist. Dessen relative Unproduktivität hat nicht den Westex- port zum Erliegen gebracht, sondern den Aufwand, den Abfluß von Arbeitsleistungen und vorhandenen Reichtümern, gesteigert. Insofern macht die "realsozialistische" Staatsführung der DDR schon seit jeher, was sie ihren Bürgern jetzt vorwirft und ver- bietet: Sie schafft ohne Rücksicht auf den heimischen Produkti- onsaufwand und auf die dadurch geschaffenen Versorgungsmängel Ware ins Ausland, vor allem in die BRD, um echtes, weltmarkttaug- liches Geld zu kriegen; und zwar genau so viel, wie kapitalisti- sche Händler dafür hinzublättern bereit sind. Ein paar ausgespro- chen schlechte Sitten haben sich an dieses Devisenbeschaffungs- programm logisch angeschlossen; so vor allem die Einrichtung von Devisenläden im eigenen Land, um die Valuta von Reisenden und Be- suchern sowie innerdeutsch verschenkte Westmark in die Kassen des Staates zu lenken. An denen können DDR-Bürger seit jeher auch ohne Westreise bewundern, was es für richtiges Geld alles zu kau- fen gibt, wie schlecht sie also, vergleichsweise, mit ihrer DDR-Mark bedient sind. Und wo sich schon die Planer und Leiter des Westexports die Freiheit genommen haben, ein sehr schlechtes Durchschnittsverhältnis zwischen heimischen Kosten und Devisener- lösen herzustellen, ohne es offen aus- und vorzurechnen, da haben sich eben auch genügend Privatleute das Recht genommen und per Schwarzhandel einen Umtauschkurs für den privaten Devisenhunger hergestellt. Der hohe Aufwand den die Westexporte verschlingen, hat auf der einen Seite die Deviseneinnahmen der DDR schwer in Grenzen gehal- ten. Auf der anderen Seite hat er das Bedürfnis der Ökonomen nach produktivitätssteigernder Technik und Maschinerie enorm vergrö- ßert, die es ja immer schon gibt, nämlich da, wo die Steigerung der Arbeitsproduktivität das wichtigste Konkurrenzmittel ge- schäftstüchtiger Unternehmer ist, auf dem kapitalistischen Welt- markt. So ist der Devisenbedarf im Zuge des Exportprogramms, das ihn decken soll, immer nur gewachsen - dies der erste schlechte Zirkel im "realsozialistischen" Westhandel. Im Kapitalismus gibt es für diese Bedarfslage das passende Ange- bot, und das haben die Kaufleute der DDR nicht ausgeschlagen: Sie haben die Kredite genommen, die sie gekriegt haben, seit sie im- merhin recht präsent sind auf dem Weltmarkt. Da sind sie aller- dings schon wieder nicht mit der Freiheit des Geschäftsmanns an- getreten, dem jede Schulden"last" recht ist, solange sie nur sei- nem Geschäftserfolg mehr nutzt als an Zinsen kostet. Die Frei- heit, nicht aus Not, sondern aus geschäftstüchtiger Berechnung Kredit zu nehmen, wollten sie sich durch ihre Kreditaufnahme erst verschaffen. Dem steht freilich die Kehrseite des Kredits, dessen häßliche Wahrheit für alle, die auf ihn angewiesen sind: der Schuldendienst, einigermaßen im Wege. Durch ihn wird zum Z w a n g, was zunächst nur die Konsequenz aus genehmigten Ein- kaufswünschen war, nämlich das Exportieren zwecks Devisenbeschaf- fung. Ist dieser Zwang erst einmal gegeben, dann verbietet es sich end- gültig, den Aufwand, der nötig ist, um mit Weltmarkttauglichem im Devisengeschäft zu bleiben, noch gegen den Nutzen der Devisenein- nahmen aufzurechnen: Die müssen ja gerade deswegen sein, und zwar ganz unabweisbar, weil sie gar keinen neuen Nutzen stiften, son- dern längst bloß noch den einstigen Kreditgebern ihre Bilanzen vergolden. Aus dem schlechten Zirkel, Devisen für die Devisenbe- schaffung an Land ziehen zu müssen. wird so eine ökonomische F a l l e. 2. Spätestens diese Stufe der Einschaltung in den Weltmarkt straft alle Phrasen von "internationaler Arbeitsteilung" und "wechselseitigem Vorteil" Lügen. Wenn Handel sein muß, um Devi- senschulden bedienen zu können, und produziert werden muß ohne Rücksicht auf Verluste, um dem Handel auswärts verkäufliche Ware an die Hand zu geben, dann haben wahrhaftig nicht korrupte Funk- tionäre eine an sich gute Sache vergeigt. Dann hat vielmehr die kapitalistische Wahrheit des Weltmarkts mit allen frommen Wün- schen aufgeräumt und mit jeder praktizierten Hoffnung, Außenhan- del ließe sich ohne weiteres mit dem edlen Ziel einer leichteren und besseren Güterversorgung von Betrieben und Bevölkerung be- treiben. Weil schlechte Erfahrungen es aber noch nie geschafft haben, hoffnungsfreudige Ideologien über Handel und Wandel zu entkräften, hier ein paar apodiktische marxistische Klarstellun- gen zum Weltmarkt. Auf dem geht es ums Geld, um dessen Vermehrung. Und weil es zwi- schen Staaten mit ihrer jeweiligen Geldhoheit ums Geld geht, ist für die, die es verdienen und mehren wollen, Geld nicht gleich Geld. Die eine Währung ist "weich" oder überhaupt nichts wert; andere sind wenigstens einigermaßen "stabil", ganz wenige "hart"; und nur D-Mark und Yen teilen sich mit dem US-Dollar die Ehre, "Weltwährung" zu sein. Diese Unterschiede haben nichts mit statistischen Ermittlungen über die jeweilige einheimische Kaufkraft einer Währung, womög- lich derjenigen für einen ortsüblichen "Durchschnittshaushalt", zu tun. Sie e n t s t a m m e n der Masse erfolgreicher Geschäfte, die in der jeweiligen Währung abgewickelt werden - in ihrem Heimat- land wie auch anderswo, wo immer Kapitalisten mit ihre Überschüs- sen hingehen und Kapital wirken lassen -, der R a t e ihres Wachstums, der Wucht des K o n k u r r e n z e r f o l g s de- rer, die die betreffende Valuta als ihr Geschäftsmittel benutzen. Aber auch da wird nichts ermittelt, schon gar nicht gerecht. Die Unterschiede der Währungen kommen zustande als "Produkt" eines weltumspannenden Geschäftszweigs eigener Art: Der freie Geldhan- del v e r m i t t e l t erstens Angebot und Nachfrage nach Wäh- rungen, die aus Exporterfolgen und Importbedürfnissen, aber ebenso aus Geschäftsinteressen der höheren Art, etwa an Kapital- anlage oder Abzug von Kapital über Staatsgrenzen hinweg, hervor- gehen, und stellt damit Wechselkurse her. Auf Basis der geschaf- fenen Wechselkurse verallgemeinert der internationale Geldhandel den Vergleich der Geldanlagemöglichkeiten, die die verschiedenen Währungen bieten, etwa mit den in einer Nation geltenden Zinssät- zen, und e r z e u g t so zweitens Angebot an und Nachfrage von Währungen. Er macht also drittens jedes Geld im Verhältnis zu den anderen Geldern zum Spekulationsobjekt. Das ist der reale ökono- mische Inhalt von Konvertibilität: "Umtauschbarkeit" ist keine Tugend, sondern bedeutet praktisch, daß eine Währung durch den weltumspannenden Devisenhandel fortwährend begutachtet, vergli- chen und im Verhältnis zu den anderen gewichtet wird - es sei denn, ein Staat entzieht sein Geld diesem Gebrauch, so wie bis- lang die sozialistischen. Wenn übrigens, wie bei fast allen Wäh- rungen außer den weltweit bekannten und beliebten, diese Begut- achtung und Gewichtung so vernichtend ausfällt, daß sie gar nicht erst gehandelt werden, dann ist die Konvertibilität dieses Geldes eben dies, daß es jeder loswerden und keiner haben will. Der Geldhandel - und keine Behörde - setzt auf diese Weise e i n e n M a ß s t a b für den Weltmarkt durch, den kein Be- teiligter zu kennen braucht, weil er fürs Spekulieren gar nichts hergibt, der aber selber gar nicht spekulativ ist. Der Maßstab, der dem Messen aller Gelder aneinander zugrundeliegt, ohne daß ihn einer anlegt, ist der des e c h t e n G e l d e s: die wirklich allgemeingültige Daseinsweise des Tauschwerts, der in allen Waren steckt und im Verkauf "realisiert" sein will; die verbindliche, jeden Kapitalisten beruhigende Darstellungsform des abstrakten Reichtums, um dessen Mehrung die gesamte Geschäftswelt so erbittert bemüht ist. Es geht ganz praktisch um d e n W e r t, als welcher jede Währung für ihre kapitalistischen Be- nutzer gelten will, als welcher sie aber erst einmal nur inner- halb der Zuständigkeitsgrenzen ihrer Macher und Hüter verbindlich gelten kann. D e r Wert f ü r sich, getrennt von der Be- grenztheit und Zufälligkeit der nationalen Wertmaße, ist schwer- lich zu haben - außer im nach wie vor genau deswegen so beliebten ordinären Gold; aber was ist dessen Menge schon im Vergleich zum kapitalistischen Reichtum, und Zinsen trägt es auch nicht. Der Wert, um den alles geht, existiert nun einmal in Form von Zet- teln, auf denen Nationalbanken ein Zah- lungs v e r s p r e c h e n abgeben, also mit aller staatlichen Gewalt die Gültigkeit ihrer Zettel als wirklicher Wert beschwö- ren. Was dieses Versprechen, kosmopolitisch betrachtet, wert ist, das ergibt sich daraus, daß die Geldbesitzer dieser Welt, alle- samt professionelle Kosmopoliten, sich in den Anlagesphären her- umtreiben, die die verschiedenen Währungen ihnen zugänglich ma- chen. Deren Rechnerei ist der fortwährende, ununterbrochene un- nachsichtige Test auf die Haltbarkeit nationalbankamtlicher Zah- lungsversprechen und damit auf die Güte einer Währung. In diesem Vergleich haben sich, logischerweise, die Währung des großen Ka- pitalexportlandes USA sowie die Devisen der beiden kapitalisti- schen Exportnationen der Nachkriegszeit, BRD und Japan, so ein- deutig gegen alle anderen durchgesetzt, daß sie mittlerweile d i e Weltwährungen s i n d. Und das bleiben sie auch, solange die Staaten, die sie geschaffen haben, ihre Konkurrenz nicht so weit treiben, daß s i e sich diese Funktion streitig machen; andere Nationen können das sowieso schon lange nicht mehr. So g i l t weltweit tatsächlich das Wertgesetz, von dem die Theoretiker des "realen Sozialismus" in trauriger Mißdeutung von Marx einmal angenommen haben, ausgerechnet sie müßten es mit ih- rer Planungshoheit erst so richtig gültig machen. Was immer die Geschäftswelt einer Nation an Wertprodukt zustandebringt das wird in einer Weltwährung, d e m I n b e g r i f f des kapitalisti- schen Warenwerts, gewichtet. Und zwar nicht nur ideell, in den Statistiken der Weltbank. Es ist buchstäblich nur so viel W e r t, wie die aus der nationalen und internationalen Zirkula- tion herausgewirtschafteten und bilanzierten Summen i n W e l t w ä h r u n g zählen. Denn nur die ist wirkliches Zu- griffsmittel auf Waren und Arbeitskräfte, Natur'schätze' und Pro- duktionseinrichtungen überall; nur in ihr existiert der Reichtum als schlagkräftige private Macht über alles Käufliche, also über alles; nur in ihr hat der Geschäftserfolg jedes Kapitalisten auf der Welt seine Sicherheit, auch wirklich und unbestritten einer zu sein. Umgekehrt sorgt dieses Verhältnis dafür, daß d i e staatlichen Geldzettel, in denen die Kapitalisten ihren Reichtum sicher wissen, Weltgeld sind und bleiben. Für die Staaten, die am Weltmarkt teilhaben wollen, also inzwi- schen für alle, ist damit i h r ökonomisches Erfolgskriterium vorgegeben. Sie sind mit ihrer nationalen Währung entweder der Schauplatz eines immerhin so erfolgreichen Kapitalwachstums, daß sie einen besseren Platz in der Hierarchie der stabilen bis wei- chen Währungen erobern, also mit ihrer Geldhoheit über einen wirklichen weltmarkttauglichen Reichtum verfügen. Oder die natio- nale Währung zieht kein hinreichendes Interesse der internationa- len Geschäftswelt auf sich, "verfällt" also, verleitet deswegen auch die einheimischen Kapitalisten zur "Kapitalflucht" und "verfällt" deswegen erst recht, und als Reichtum zählt, was durch Exporterlöse und Kredite ins Land kommt. Für Kapitalisten ist auch das eine Geschäftsbedingung, mit der sich produktiv umgehen läßt. Für die Staaten mit ihrer untauglichen Geldhoheit bedeutet es das Dauerprogramm, Land und Leute für jedes mit richtigem Geld daherkommende Geschäftsinteresse gnadenlos aufzubereiten, was längst auch ein ehrenwertes Nationalinteresse ist. Für die ortsansässigen Massen ist damit schon allein deswegen eine Elendsperspektive vorgegeben, weil sie auf das Geld angewiesen bleiben, für das nicht einmal ihnen ein Geschäftsmann noch etwas verkaufen mag - "Hyperinflation" heißt das dann. 3. Aus diesem Vergleich der Nationen haben sich die Staaten des "Realen Sozialismus" einmal ausgeschaltet, als er noch längst nicht so fertig war mit seiner Verteilung von Erfolg und Unter- ordnung, Reichtum und Hungerzonen wie heute. Sie hatten nicht einmal die richtigen Begründungen, als sie sich der unter Führung der USA eröffneten kapitalistischen Konkurrenz entzogen; aber der Grund für eine solche Absage ist nicht der schlechteste. Schließ- lich gibt es nicht nur - für alle, die doch lieber "aus Erfahrung lernen" wollen - genügend Beispiele für den Zusammenhang von Welthandel und Massenelend zu besichtigen; es gibt für diesen Zu- sammenhang auch eine Notwendigkeit, nämlich kapitalistische Sach- gesetze. Die Geschäftsbedingungen des Welthandels sind ein für allemal keine Spielregeln für Weltverbesserer, sondern Konkur- renzmittel für Kapitalisten, lauter Sachzwänge für die Herrschaft des Werts über jede ökonomische Regung, also für die Unterwerfung jeder Lebensregung und des Überlebens unter das Diktat der Zah- lungsfähigkeit. Sie sind die Konkurrenzbedingungen für Staaten, denen es um einen kapitalistischen Nationalreichtum, also darum geht, die Herrschaft des Werts in nationaler Regie lohnend zu ge- stalten - lohnend für die nationalen Regisseure und für die Durchschlagskraft des Reichtums und der Macht, über die sie ge- bieten. Was man so nett "Weltmarkt" nennt, als wäre es ein großes Kaufhaus der Nationen, ist dieser doppelte Konkurrenzkampf, zwi- schen Kaufleuten und zwischen Nationalstaaten. Für die Staaten ist es, ob ihre Macher das wissen und wollen oder nicht, ein Kampf ums Verhältnis zwischen ihrem Geld, in dem sie frei und souverän über den nationalen Reichtum Buch führen und verfügen, und dem im Weltgeld verwirklichten Maßstab ihres Reichtums, einem Maßstab, den jeder, der in den Weltmarkt einsteigt, eben damit als das Maß aller Dinge a k z e p t i e r t h a t. Dieser Kampf ist ein für allemal, egal über welche Höhen und Tie- fen er verläuft - ausgekämpft ist er ja nie! -, das absolute und definitive Gegenteil jeglichen Bemühens darum, daß sich ein Volk, eine Gesellschaft, eine Arbeiterklasse, also irgendein organi- sierter Haufen ein bequemes Auskommen verschafft. Das gilt für die lohnarbeitenden Mannschaften der Spitzenreiter dieser Konkur- renz. Denn gerade deren führende Stellung verlangt gebieterisch eine Kapitalakkumulation auf allen Gebieten, die der Konkurrenz in aller Welt die Maßstäbe vorgibt. Billige, leistungsstarke Lohnarbeit, aus der sich unschlagbar niedrige Lohnstückkosten - d e r Fetisch der kapitalistischen Industrie - herausholen las- sen, versteht sich da von selbst. Andere Staaten haben darum zu kämpfen, daß der produktive Einsatz der nationalen Arbeit sich dafür lohnt, daß ihre Souveränität einen ökonomischen Inhalt und Mittel erhält, nämlich ein international schlagkräftiges Geld. Dafür brauchen sie Kapital von auswärts; und was s i e dafür allemal leisten können, ist der Einsatz ihrer Gewalt für die Ver- billigung der Arbeit. Diese zu benutzen, bleibt dann immer noch die freie Entscheidung der Geschäftswelt. Aber auch damit haben moderne Souveräne längst ihren Frieden gemacht. Von dem alten Idealismus, sie müßten sich zu gleichgewichtigen Konkurrenten der "Hartwährungsländer" "entwickeln", sind sie herunter. Ihr natio- nales Interesse heißt: ein bißchen Kreditwürdigkeit. All diesen Schönheiten haben die sozialistischen Staaten sich und ihre Völker entzogen - und gleich mit einer noch ganz andersgear- teten, elementaren und grundsätzlichen Geschäftsbedingung des Welthandels Bekanntschaft geschlossen. Diese Konkurrenz braucht nämlich unbedingt internationale S i c h e r h e i t; und die bietet in dem nötigen Maß nur eine Gewalt, die allen souveränen Staaten auf dem Globus die Unterwerfung unter die Belange des Geldverdienens als unausweichliche Existenzbedingung vorbuchsta- biert. Es braucht e n t s c h i e d e n e G e w a l t v e r- h ä l t n i s s e auf der ganzen Welt; für die Sicherheit, daß die Konkurrenz der Nationen durch dick und dünn friedlich bleibt, braucht es sogar ein weltweites Gewalt m o n o p o l, selbstverständlich einschließlich einer ganz anderen Weltpolizei als der matten Blauhelmtruppe von der UNO. Hier hat die kombinierte Macht der kapitalistischen Nationen un- ter amerikanischer Führung schon Entscheidendes ausgerichtet - geeint freilich nur gegen das "sozialistische Lager", das sich dem edlen Ziel, die Herrschaft des Geldes überall durchzusetzen, nicht angeschlossen und den Sicherheitsbedürfnissen eines fried- lichen Weltmarkts widersetzt hat. Dieses "Lager" war vier Jahr- zehnte lang als Störenfried und untragbares Sicherheitsrisiko eingestuft und mußte mit einer NATO, einer strategischen Atomwaf- fenmacht und einer "Abschreckungspolitik" "im Zaum gehalten" wer- den. Und dieser Einblick in die gewaltsamen Grundlagen einer "marktwirtschaftlichen" Weltordnungspolitik wäre ja auch wieder nicht der schlechteste Grund für regierende Sozialisten, sich der Vereinnahmung und Unterwerfung unter die Belange dieses Systems zu widersetzen. Genau das: ihren Entzug aus dem kapitalistischen Weltmarkt und die Konfrontation mit der imperialistischen Gewalt, die ihn si- chert, bekennen die "realen Sozialisten" heute als ihre beiden großen Sünden. Sie bereuen die "Kriegsgefahr", an der sie ja tatsächlich dadurch mitgewirkt haben, daß sie sich dem militanten selbst zum Weltkrieg mit Atomwaffen entschlossenen Herrschafts- willen des Westens mit eigenen Atomwaffen entgegengesetzt und nicht vorsorglich kapituliert haben. Ja sie gefallen sich sogar in der Täuschung, die Drohung mit dem Weltkrieg, die zwischen der Sowjetunion und den USA hin und her gegangen ist, wäre überhaupt d i e "Kriegsgefahr", die einzige, die den Globus bei Gelegen- heit auseinandersprengen könnte; so als bräche der ewige Friede an, wenn sie sich bloß nicht mehr als Feind zur Verfügung stellen würden. In diesem Programm macht es sie nicht einmal irre, daß sie die NATO damit von gar nichts abbringen, höchstens von man- chen alten Ausmalungen des Feindbilds vom häßlichen Russen. Und was den Weltmarkt betrifft: In den wollen sie bloß noch hin- ein. So blindwütig, daß ausgerechnet die Kalkulationen der zum Einmarsch eingeladenen Geschäftswelt und die diplomatische Um- sicht der politischen Aufpasser aus dem Westen die Sache noch ab- bremsen und sonst nichts mehr. 4. Auch in der DDR ist die Führungsmannschaft jetzt so weit. Jahrzehntelang hat man sich in Ostberlin darum bemüht, durch die Außenhandelstechnik der "Kompensationsgeschäfte" und durch "Vorsicht" bei der Kreditaufnahme und -verwendung eine einigerma- ßen autonome Benutzung des Weltmarkts hinzukriegen. Damit ist es jetzt vorbei. Die DDR braucht nicht mehr bloß bessere Westge- schäfte und leichtere Kreditkonditionen. Sie will K a p i t a l, und zwar nicht mehr im Sinne des frommen Wunsches nach Produkti- onsmitteln, die im Jargon westlicher Ökonomen "Kapitalgüter" hei- ßen, sondern durchaus im Ernst: Sie will das Beste von dem P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s abhaben, das nach dem großen Eigentum seinen Namen hat. Ihr Hauptstichwort dafür heißt "Konvertibilität", ihrer DDR-Mark nämlich. Dieses neue nationale Projekt wird dem Publikum gern mit folgender Kindervorstellung erläutert: Durch eine große Exportof- fensive verdient die Nation sich - mit westdeutscher Unterstüt- zung - einen schönen Devisenschatz; der erlaubt dann die Befrie- digung der Reiselust und überhaupt jeglichen Appetits auf Westli- ches. Ob die oberste Republikleitung naiv genug ist, an eine sol- che Reihenfolge der Dinge zu glauben - sie müßte sich eigentlich schon an der "Erfahrung" blamieren, daß dieses wahrhaftig nicht neue Programm ja immer schon stockt, noch bevor es losgeht, näm- lich bei den nicht vorhandenen Mitteln für eine Exportoffensive -, sei dahingestellt. Was sie anstrebt, ist jedenfalls etwas an- deres: Die Planer und Leiter der "realsozialistischen" Ökonomie wollen m i t i h r e m G e l d erfolgreich teilnehmen am in- ternationalen Geschäftsleben; d a f ü r setzen sie auf die BRD und die D-Mark. Das ist nun allerdings ein unmögliches Projekt. In der rauhen Wirklichkeit des kapitalistischen Weltmarkts besteht Währungskon- vertibilität nämlich darin, daß ein Geld Geschäftsobjekt ist; und das ist genau und nur dann der Fall, wenn es als Geschäftsmittel interessant ist, weil sich mit seinem Gebrauch schöne Gewinnmög- lichkeiten eröffnen. Wenn eine Währung kein für die weltweit ver- gleichenden Kapitalisten attraktives Bereicherungsmittel ist, dann taugt sie auch nicht, um als Handelsobjekt im weltumspannen- den Geldtauschwesen zu zirkulieren. Ein solches Geschäftsmittel kann ein nationales Geld d a n n n i c h t sein, wenn es daneben noch etwas ganz anderes leisten soll, nämlich einem "realsozialistischen" Staat erstens als Maß- stab einer - als System von "ökonomischen Hebeln" ausgetüftelten - B e w e r t u n g dienen und zweitens als K o m m a n d o- i n s t r u m e n t zur indirekten Herstellung volkswirt- schaftlicher Proportionen. Eine s o l c h e Geldhoheit des Staates, die nicht dem kapitalistischen Konkurrenz- und Kre- ditwesen d i e n t, sondern die eine nach ziemlich unkapitali- stischen Gesichtspunkten zweckmäßige und ertragreiche Ware-Geld- Zirkulation stiften und lenken will, verträgt sich nicht mit dem freien kapitalistischen Kommando über alles Käufliche, das Ge- schäftsleute von einer Währung verlangen. Die Freiheit der Staatsgewalt, mit ihrem Geld die Reichtümer ihrer Nation zu b e w e r t e n, schließt die Freiheit des Kapitalisten, sein Eigentum zu v e r w e r t e n, aus. Sie ist nämlich für jeden freien Unternehmer der Beweis, daß er mit diesem Geld alles, nur keinen W e r t in der Hand hat, mit dem er alles machen kann. Konvertibilität ist also keine Eigenschaft, die ein noch irgend- wie "realsozialistisches" Geld sich erwerben könnte. Immerhin, die neuen Häuptlinge im "sozialistischen Lager" geben sich redlich Mühe, den Weg von der sozialistischen Geldhoheit zum Dienst an der Konvertibilität ihrer Währung zu finden. Sie wollen mit aller Macht weg von dem "eisernen Vorhang" zwischen ihrer Binnenwährung, die ihr Steuerungshebel ist, und dem wirklichen Geld, das sie durch Export und Verschuldung ins Land holen. So wollen sie gar nicht mehr die Herren über die Devisenverwendung sein, sondern bereiten eine Rechtslage vor, in der eigene Be- triebe wie auch "joint ventures" oder gleich direkte Niederlas- sungen westlicher Firmen auf eigene Rechnung Devisen verdienen und verwenden dürfen. Offenbar setzen sie darauf, daß so, allmäh- lich und ganz von selbst, die "realsozialistische" "wirtschaft- liche Rechnungsführung" von der Erwirtschaftung wirklichen, weltmarkttauglichen Geldes durchdrungen wird. Aber wie dem auch sei, sicher ist auf alle Fälle der genau entgegengesetzte Effekt. Statt der "realsozialistischen" Ökonomie in Richtung Weltmarkt und der DDR-Mark in Richtung Konvertibilität voranzuhelfen, entfalten die im Land verdienten und frei verfügbaren Devisen notwendigerweise ein Eigenleben als zweite, bessere, harte Währung neben der hausgemachten, die in diesem Vergleich sogar noch die Kaufkraft einbüßt, die die staatliche Administration ihr beilegt und aufrechterhalten will. Die fortgeschritteneren Stadien eines solchen Doppelwährungswe- sens sind in Ungarn und Polen zu besichtigen. Dort wird, als die neuartige Erscheinung einer "sozialistischen Inflation", der Ef- fekt verbucht, daß das Eindringen kapitalistischer Valuta in die einheimische Zirkulation das einheimische Geld mitsamt seinen Funktionen für den immer noch irgendwie "planenden" Staat, also auch einschließlich seiner Versorgungsfunktion fürs breite Publi- kum, r u i n i e r t. Am auffälligsten wird diese Wirkung alle- mal in der "kleinen Zirkulation", bei den Leuten, die für die allzu knappen Devisen alles kriegen - dafür auch alles hergeben -, daneben aber, was ihr redlich verdientes nationales Geld an- geht, mit einem selten brutalen Wucher zu tun kriegen. So etwas ist aber nur ein Endpunkt in der Außerkraftsetzung des soziali- stischen Geldes überhaupt als verbindlicher Bewertungsmaßstab der nationalen Güterwelt. Die wird geleistet durch die Devisen, die ja gerade mit der Perspektive ins Land geholt worden sind, um dem nationalen Wertprodukt einen weltweit gern beachteten, gültigen Wertausdruck zu verschaffen. An irgendeiner artspezifischen öko- nomischen Untüchtigkeit der Polen und Ungarn liegt da überhaupt nichts - auch wenn sich die guten Deutschen im sozialistischen Musterländle DDR immer noch einiges darauf einbilden, mit der Ruinierung ihrer Ökonomie noch lange nicht so weit vorangekommen zu sein. Auch die DDR setzt ihre Mark mit jeder D-Mark-Investi- tion, die sie hereinholt und frei umherzirkulieren läßt, einer Konkurrenz aus, die ihr selbstgedrucktes Geld kaputtmacht; schon allein deswegen, weil das bislang bloß als klammheimliche und be- klommene nachträgliche Rechnung ermittelte Verhältnis zwischen DDR- und D-Mark darüber zur wirklichen Tauschrelation wird, und zwar zuallererst bei und zwischen den in beiden Währungen bilan- zierenden Unternehmen. Dieser Effekt ist ja sogar von oben ge- wollt; nur mit der Illusion verknüpft, ausgerechnet so wäre das hauseigene, selbstregierte Abrechnungs-, also Gewinnerwirtschaf- tungswesen grundsätzlich zu s a n i e r e n. Dabei ist schon vom Ausgangspunkt her klar, daß die Sanierung der DDR-Ökonomie durch das Kapital gar nicht losgeht ohne schrittweise Beseitigung einer "realsozialistischen" Währung mitsamt allen darin festge- legten Preisrelationen, Kennziffern, Lohnfonds, Gewinnverwen- dungsvorschriften usw. Zum totalen Ruin des einheimischen Geldes, der "normalen" Ver- laufsform des Sieges der ins Land gezerrten kapitalistischen Geldanlagen über die alte Staatswirtschaft, gäbe es überhaupt nur eine Alternative, und das wäre der A u f k a u f ihres gesamten Geldwesens durch die D-Mark, die E r s e t z u n g der DDR-Währung samt staatlicher Währungshoheit durch das Weltgeld aus Frankfurt am Main. Dort ist auch ziemlich schnell das Projekt entworfen worden, die DM zum offiziellen Zahlungsmittel der DDR zu machen. Die schöne Begründung lautete, daß auf diesem Wege die DDR an Kapital käme - und die Bundesrepublik in den Genuß einer außerordentlichen Konjunktur. Und es scheint so, als ob die SED auf so etwas setzt; die projektierten gemeinsamen Währungsfonds von BRD und DDR für bestimmte, begrenzte Zwecke sind bereits Schritte in dieser Richtung. Denn damit macht die DDR ihre Außen- wirtschaft zunehmend von stabilisierenden Eingriffen und Zuschüs- sen der BRD abhängig, von denen völlig klar und jedem bekannt ist, daß sie, wenn sie denn gewährt werden, Mittel zur ökonomi- schen "Wiedervereinigung", und das heißt: zur Liquidierung der DDR als eigenständiges Subjekt im Welthandel, sind. 5. So kommt am Ende, ausgerechnet am Wunsch der DDR-Führung nach einer konvertiblen DDR-Mark, recht klar heraus, wes Geistes Kind diese "realen Sozialisten" sind. Sie betreiben wirklich ohne Vor- behalte, ebenso radikal wie ihre osteuropäischen Kollegen, plan- mäßig die Umorientierung ihrer heimischen Ökonomie. Sie geben ihr endgültig andere Zwecke vor als die eines selbstinszenierten, volksfreundlich modifizierten "Wertgesetzes". Damit tun sie nichts Geringeres, als den E r f o l g i h r e r N a t i o n neu zu definieren. Sie suchen i h n in Zukunft dort, wo auch alle andern modernen Staaten ihn - je nach dem - finden. Nämlich im wahren abstrakten Reichtum, der im echten Weltgeld liegt, und in d e r Sorte Gewalt, die ihre Souveränität darauf begründet und dafür einsetzt, Land und Leute dem Kapital als Ge- schäftschance anzubieten. Der Radikalität und Entschlossenheit d i e s e s Ü b e r- g a n g s ist zu entnehmen, daß den "realsozialistischen" Parteien die neuen Kriterien ihrer Politik im Prinzip nicht neu sind, zumindest nicht so neu, daß sie sich nicht leicht als gute Anwälte dieses neuen Politprogramms hinstellen könnten. Die Kontinuität liegt in dem, was Politikern eben allemal als das Allerwichtigste am Herzen liegt, so daß sogar der kleine Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalhilfe nicht mehr ist als ein Unterschied im Weg zum gleichen Ziel: Dem n a t i o n a l e n Erfolg - in all seiner Abstraktheit: dem ge- lungenen Gebrauch von Volk und Landschaft für Reichtum in natio- naler Wertuniform und für staatliche Macht - galt und gilt ihr Einsatz. Was sie "realen Sozialismus" genannt haben, kann nie mehr gewesen sein als e i n e Methode d a f ü r sonst könn- ten sie sich unmöglich so eilig und locker davon trennen, ihr Volk zu neuer Bewährung aufrufen und selber noch die Sachwalter des neuen nationalen Erfolgswegs bleiben wollen. Für die SED und ihre Erben gilt dieser Standpunkt so sehr, daß sie sogar zu dem Paradox bereit sind, für die Sache des n a t i o n a l e n E r f o l g s die "Revanchisten" als die passenden Partner einzuladen. Diese lassen in den fälligen Ver- handlungen keine Gelegenheit aus, politische Bedingungen für ihre "Hilfe" zu stellen. Diese erstrecken sich auf Modus und Linie im Gebrauch der politischen Macht - und sind seit dem "Konföderationsprogramm" von Kohl offen darauf berechnet, mit je- dem "gemeinsamen" ökonomischen Projekt der Endlösung näher zu kommen. Dem Bedarf der DDR, sich aus ihrer Staatskrise ausgerech- net durch den Einstieg westdeutschen Kapitals zu retten, ent- spricht man in den berüchtigten "Kreisen" Bonns und der Banken- welt gerne. Und zwar mit einer kompletten Strategie, in der sich ökonomische und politische Einmischung ergänzen, bis ihre Wirkun- gen die Reste von DDR-Souveränität als das einzige Hindernis für gedeihliches "Wirtschaften" auf dem Territorium der DDR erschei- nen lassen. Insofern sind die DDR-Politiker seit Ende 1989 damit beschäftigt, die Eigenständigkeit ihrer DDR-N a t i o n wegzugeben. Das sieht aus wie ein radikaler Widerspruch zu ihrer bisherigen Politik der strikten Abgrenzung gegen die BRD im Namen der Unvereinbarkeit der gesellschaftlichen Systeme - vgl. Honeckers "wie-Feuer-und- Wasser"-Sprüche und die matten Versuche von Resten der SED, bei allem Willen zur "Zusammenarbeit" eine Wiedervereinigung auf De- monstrationen abzulehnen. Aber sogar da zeigt sich die Kontinui- tät in der Hauptsache, nämlich im n a t i o n a l e n Stand- punkt: Für die alte SED war der "Reale Sozialismus" eben als n a t i o n a l e s Unterscheidungsmerkmal der DDR gegenüber der BRD, als Inbegriff und Garantie n a t i o n a l e r Eigenstän- digkeit unverzichtbar. Insofern ist es gar nicht inkonsequent, daß die Anführer der "Wende" auch vor der westdeutschen Wieder- vereinigungsperspektive und der Preisgabe ihrer ganzen ehemaligen Staatspartei nicht mehr zurückscheuen, nachdem sie einmal den "Realen Sozialismus" als nationalen Erfolgsweg ihres Gemeinwesens verworfen haben. Gegen den deutschen Wahn (1) Die Mauer ist weg - wer hat was davon? -------------------------------------- Jetzt machen sie auch noch das Brandenburger Tor auf. Tusch! Alle sind sich einig: Das deutsche Volk (Ost) hat einen grandiosen Sieg errungen, es hat "Geschichte gemacht", die "deutsche Teilung überwunden" und überhaupt allerhand bewegt. Was Völker so alles bewegen - man glaubt es kaum, am allerwenig- sten wahrscheinlich die Volksgenossen selbst. Man liest es weiter hinten in den Zeitungen, in den Wirtschaftsteilen. Die ersten Besucher aus der DDR standen noch Schlange für ihre 100 DM Begrüßungsgeld, da waren Leute, die sich in Sachen West- Mark auskennen, schon um etliche Millionen reicher geworden: "Börse wittert DDR-Wirtschaftswunder... Hoffnungen auf gute Ge- schäfte im Zusammenhang mit den notwendigen tiefgreifenden Refor- men in der DDR-Wirtschaft... Renner des Tages waren die IG-Far- ben-Liquidationsscheine mit 10 Prozent Gewinn... die wesentlichen Vermögensreste der ehemaligen IG-Farben (in Liquidation) liegen im DDR-Bereich." (Süddeutsche Zeitung, 11.11.) Westdeutsche Kapitalisten reden nicht von Wiedervereinigung, sie sortieren ihre Geschäftschancen. Dabei gehen sie ganz nüchtern und sachlich davon aus, daß die Übernahme der DDR-Ökonomie durch bundesdeutsches Kapital längst überfällig ist. Das Ganze heißt "Hilfe für die DDR", und die sind "wir uns" bekanntlich schuldig, schon wegen der "selbstbewußten DDR-Bürger", die in den letzten Wochen so viel geleistet haben. Die Leute, die bei uns die Wirt- schaft heißen, sind bereit, die DDR über ihre bisherigen florie- renden Ost-Handelsgeschäfte hinaus zu ihrer Geschäftssphäre zu machen. Dabei lassen sie sich keine Bedingungen stellen - schon gar nicht von der DDR. Sie stellen selber welche (und haben dazu ein gutes Recht, schließlich haben sie ihren Zugriff "Hilfe" get- auft). Außerdem wissen sie am allerbesten Was die DDR braucht ------------------- 1. Ein Gewinntransfer-Abkommen ------------------------------ Denn Reisefreiheit für Bürger ist langweilig; Bewegungsfreiheit für Profite ist der Witz. Da ist die SED gefordert, als Garant der marktwirtschaftlichen Entwicklung in der DDR. Dafür wiederum hat die Bundesregierung zu sorgen. Die Entwicklungshelfer brau- chen ein "deutsch-deutsches Investitionsschutzabkommen mit Siche- rung des Gewinntransfers". "Investitionen und Gewinne dürfen nicht in der sozialistischen Mißwirtschaft versacken." (Waigel) Sie müssen in der freien Verfügung derer bleiben, denen sie gehö- ren. Bleibt noch das Problem: Was sollen die westlichen Kapitali- sten mit sozialistischem Geld anfangen? Ab sofort wird auch in der DDR mit echtem Geld gewirtschaftet. Und das haben wir. 2. Devisen, Devisen, Devisen ---------------------------- Die Kronzeugen für dieses Bedürfnis der bundesdeutschen Wirt- schaft sind die DDR-Bürger mit ihren teuren Westreisen. Für die müssen sie Devisen erwirtschaften - und die Devisen für die Devi- senerwirtschaftung stellt die kapitalistische Geschäftswelt. Weil die genau rechnet, kommen die Kronzeugen in den Genuß eines wun- derbaren Sachzwangs. Sie arbeiten demnächst für die Lösung des Devisenproblems der DDR, was gar nicht so einfach ist. Vor der Reisekasse stehen dann Gewinntransfer und Zinsen, die ja nicht zu umgehen sind. Insofern braucht die DDR 3. Eine knackige Rationalisierungswelle --------------------------------------- Sonst kriegen die drüben nämlich nie eine "gesunde, leistungs- starke Wirtschaft mit Weltmarktniveau", sagen die, die mit ihrer Konkurrenz das Weltmarktniveau bestimmen. Lauter "hoffnungslos unrentable Produktionsanlagen" haben westdeutsche Experten in DDR-Betrieben entdeckt: "Im Maschinenbau wird nur ein Sechstel der westdeutschen Wertschöpfung erzielt." Damit ist zwar nichts darüber gesagt, wieviele brauchbare Maschinen in der DDR produ- ziert werden. Aber marktwirtschaftlich gesehen ist das ja auch scheißegal. In einer richtig freien Marktwirtschaft werden Ma- schinen - genau so wie alles andere - überhaupt nur produziert, wenn Unternehmer damit eine weltniveaumäßige Gewinnspanne erzie- len, und nicht, damit die Bevölkerung mit nützlichen Gerätschaf- ten versorgt wird. Gemessen an diesem Maßstab sieht die DDR mit ihrem merkwürdigen Sozialismus alt aus. Eine Runderneuerung der "veralteten Produktionsanlagen" unter Regie westlicher Experten steht an. Dann kriegen endlich auch DDR-Arbeiter 4. Moderne Hochleistungsarbeitsplätze ------------------------------------- wie ihre westdeutschen Kollegen. Arbeitsplätze, die mit ihren Fließbandgeschwindigkeiten und Vorgabezeiten ganz von selbst zu Leistung "motivieren", und mit denen dafür gesorgt wird, daß we- niger Arbeiter mehr gewinnträchtige Produkte herstellen. Das spart Lohnkosten und sorgt für Konkurrenzfähigkeit. Dafür und für sonst nichts hat der Einsatz von moderner Technologie in der Pro- duktion zu sorgen. So geht 5. Marktwirtschaftliche Vernunft -------------------------------- Und an der hapert es in DDR-Planungsbehörden bislang noch ziem- lich. Deswegen brauchen sie nichts so sehr wie schwäbische Mana- ger-Schulungen, auf denen sie lernen, wie man Kunden und Mitar- beitern höflich aber bestimmt das Fell über die Ohren zieht. 6. Eine Leistungsgesellschaft ----------------------------- wollen die drüben sein - und haben noch nicht mal die kleinste Arbeitslosenrate zustandegekriegt. Aber da werden wir ihnen schon helfen mit unseren hervorragenden Marktkräften: "Ein DDR-Arbeitskräftepotential, das dann frei wird, wenn Markt- kräfte eine Rationalisierung der vergammelten Staatswirtschaft erzwingen ..., ist für den Kapitalismus (West) eher eine lohnende Herausforderung denn eine Last." (Spiegel) Da haben die kritischen Köpfe vom "Spiegel" mal wieder recht. Im real existierenden westdeutschen Kapitalismus sind die 2 Millio- nen Arbeitslosen, die in der offiziellen Statistik noch erfaßt werden, und der große Rest, der auf Sozialhilfe gesetzt wurde, ja auch keine Last. Ihre Entlassung verdanken sie lauter lohnenden Geschäftskalkulationen, ihre Verwaltung ist billig zu haben. Und derzeit erklären wahrscheinlich etliche von ihnen DDR-Besuchern in westdeutschen Fußgängerzonen die Vorzüge einer wirklich freien Gesellschaft. 7. Die Streichung von "unwirtschaftlichen Subventionen" ------------------------------------------------------- ist natürlich überfällig. Das kann ja nicht so weitergehen mit diesen "seit Jahren staatlich fixierten Preisen für Grundnah- rungsmittel und Mieten". Entweder man zieht eine soziale Markt- wirtschaft durch oder man garantiert soziale Sicherheiten fürs Volk. Hierzulande läuft der Laden doch prächtig mit Mietwucher und steigenden Lebensmittelpreisen. Daran werden sich doch wohl auch die Sozialstaat-verwöhnten DDR-Bürger gewöhnen können. Die Ost-Mark kauft weniger, aber dafür wird garantiert mehr geleistet werden müssen - das sind 8. Die "heilsamen Kräfte des Wettbewerbs", ------------------------------------------ die die bundesdeutsche Geschäftswelt zur "Sanierung der DDR" an- bietet. Die SED-Führung ist auf dieses Angebot schon lange scharf. Sie verspricht sich davon eine runderneuerte DDR. Sie be- ruft sich dabei genauso wie die maßgeblichen Marktwirtschaftler der BRD auf das "mutige Volk der DDR". Das soll sich mit seinem "aufrechten Gang" die Unterordnung unter den Weltmarkt redlich verdient haben. Der SED allerdings lassen mißtrauische DDRler und besserwisserische Westler diese verlogene Tour nicht durchgehen. Unvergleichlich glaubwürdiger sind dagegen 9. Bundesdeutsche Politiker --------------------------- Sie knüpfen begeistert an alle Ansprüche ihrer Kapitalisten an die DDR an und ergänzen sie um ihre großdeutschen Forderungen. Das darf selbstverständlich keinesfalls als Bevormundung der DDR- Bürger verstanden werden - Gott bewahre! Bonn dringt bloß auf freie Wahlen mit ganz neuen demokratischen Kräften, am besten lauter kleinen Ablegern der bewährten bundesdeutschen Parteien. Daneben diskutiert die Bundesregierung ein bißchen über die Wie- dervereinigung - nicht mit dem Volk, aber dafür um so heftiger mit ihren westlichen Verbündeten. *** Wir wollen ja nicht beim Feiern stören. Und gegen DDR-Bürger, die bundesdeutsche Staatskassen so oft wie möglich um 100 West-Mark erleichtern, haben wir schon gleich nichts. Wir haben bloß eine kleine Frage an das "tapfere deutsche Volk" Ost und West: Kommt Ihr Euch nicht ein bißchen verarscht vor, wenn alle maßgeblichen Instanzen der bundesdeutschen Wirtschaftsgroßmacht immer dreister zu Protokoll geben, wie sie mit Euch als Manövriermasse für ihre Interessen kalkulieren und dabei so tun, als wären sie nur in Eu- rem Auftrag unterwegs? Oder sollte das wirklich wahr sein, daß Ihr Euch die Dresdner Bank nach Dresden bestellt habt, den Bun- deskanzler an die Berliner Mauer, eine "Bild"-Zeitung mit schwarz-rot-goldenem Rand und die Schuldenprofis vom IWF ins volkseigene Finanzministerium? Flugblatt der Marxistischen Gruppe (MG) Ein Leserbrief aus Halle ------------------------ Ich habe am Sonntag in Berlin-West Euer Flugblatt gegen den Deut- schen Wahn (1) in die Hand bekommen. Ebenso wie Ihr bin ich be- troffen und enttäuscht von dem, was zur Zeit hier in der DDR läuft. Und ich muß sagen, Ihr habt mich auch bei keiner Feier ge- stört, es sei denn bei einer Totenfeier. Ich gehe auch mit Euch konform, wenn Ihr sagt, daß die DDR vorm Ausverkauf steht. Und es verbittert, nichts mehr dagegen tun zu können. Aber bei all dem, was jetzt wirtschaftlich ins Rollen und für uns hier ins Rutschen kommt - und das für uns ungeheure Probleme bringen wird - möchte ich, daß niemand auf irgendeine Art und Weise über die - ja - Volksbewegung hier lästert oder sie klein zu machen versucht. Wir hier mußten unter den gegebenen stalinistischen Spielregeln ar- beiten und leben. Und in der SED (und ich bin Mitglied) war es frustrierend, sich diesem Machtgefüge ausgesetzt zu sehen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie es ist, in jeder Seminargruppe einen Stasi-"Menschen" zu wissen, zwei Meinungen zu haben, dieses Land hier, das ich liebe, weil es meine Heimat ist, verfallen zu sehen. Ihr könnt nicht nachempfinden, was es für eine Leistung war, am 9. Oktober auf die Straße zu gehen. Ich war nicht dabei, weil ich Angst hatte. Und Ihr könnt es wirklich glauben, die Leute hier haben den aufrechten Gang gelernt. Das hatte nichts mit Reisefreiheit zu tun, noch nicht. Die paßte selbst einer Frau Bohley vom Neuen Forum nicht ins Konzept. Sie hätte sie lieber selbst gewährt. Das Chaos z.Zt. ist schlimm, und ich schäme mich für viele DDR-Bürger, die an Suppenküchen anstehen, riesige Dreckberge hinterlassen etc., aber all das ist doch nur Ausdruck des Dampfdrucks im Kessel, der nun entweicht. In meiner Partei, also der SED, gibt es noch viel aufrechte alte und junge Genossen. Und ich hoffe, daß sie die z.Zt. herrschende Anarchie schnell überwinden. Es ist meine letzte Hoffnung. Nur sie werden es schaffen, nicht "Garant der marktwirtschaftlichen Entwicklung" der DDR zu werden. Die SED ist nicht die SPD. Es gibt da mehr als ein paar feine Unterschiede. Aber sie hat es, gefesselt in stalinistische Zwänge nicht vermocht, das Modell So- zialismus durchzusetzen. Was sie geschafft hat, war eine landes- weite Frustration, Arbeitsunwilligkeit, Verfall ideeller Werte, Verfall der Städte und Dörfer, Niedergang der Wirtschaft, ja, die Wirtschaft in den Kollaps zu führen. Die durchaus vorhandenen Werte, allen voran die soziale Sicherheit, die durchaus gegeben war, haben nicht genug Überzeugungskraft besessen, wurden von an- deren Mißlichkeiten überdeckt, ja haben sogar die produktiven Kräfte des Volkes gelähmt, so daß wir es heute mit einer Volks- wirtschaftskrise gigantischen Ausmaßes zu tun haben. Sie hat nichts mit zyklischen Überproduktionskrisen zu tun, an ihrem Ende steht die Implosion der gesamten Gesellschaft unseres Landes. Ein Dozent bei uns hat es einmal so charakterisiert: Wenn ein kapita- listischer Unternehmer Unsinn macht, geht er gottlob schnell pleite; bei uns kann die Dummheit fröhliche Urständ' feiern, ohne daß den Verantwortlichen an den Kragen gegangen wird. Der Schaden ist dadurch um Dimensionen größer. Diesen Schaden müssen wir nun beheben. Am Versagen der SED kochen nun andere ihr Süppchen, kei- ner weiß, was von Parteien wie CDU, LDPD, NDPD, DBD bei uns zu erwarten ist ... Warum schreibe ich Euch das alles? Weil ich möchte daß deutlich wird, daß unsere Probleme hausgemacht sind. Und vielleicht haben wir geschicktere Männer als die Ungarn, und sicher ist unsere Po- sition um vieles, vieles besser als in Polen, um mit dem Teufel einen Pakt einzugehen und seiner Großmutter drei goldene Haare auszureißen. Ja, wir brauchen die Dresdner Bank, den Kanzler. Wir holen sie nicht her, um ihre Profite zu steigern (auch wenn sie das tun werden), sondern weil wir auf ihr Geld einfach angewiesen sind ... Antwort ------- 1. Zur ersten Hälfte Deines Briefs: Du trauerst um die DDR und läßt an ihr kein gutes Haar. Du schimpfst über die SED als "Unterdrückungsapparat" und bist sel- ber Mitglied. Du feierst eine Volksbewegung und bist traurig über einen nicht aufzuhaltenden "Ausverkauf". Du schämst Dich für Deine Mitbürger und wirbst zugleich um Verständnis für sie. Wie paßt das alles zusammen und was willst Du damit eigentlich sagen? Wir sehen das so: Wenn tatsächlich das Volk in der DDR "aufrechten Ganges" die Macht ergriffen hätte, dann könnte auch nichts unwiderruflich "ins Rutschen" kommen. Dann hätte ja das Volk den Laden in der Hand und würde selber bestimmen, wo es lang geht. Wer sollte es daran noch hindern? Wenn aber, wie Du selbst sagst, die DDR zum "Ausverkauf" steht zum Schaden der Leute mit ihrem "aufrechten Gang", dann bestimmen ganz andere Leute und In- stanzen über den Staat. Nämlich erstens immer noch die, die ihn "ausverkaufen", und zweitens vor allem die, die ihn "aufkaufen". Zweitens. Was die Gesinnungskontrolle durch die SED betrifft, da müssen wir Dir schon ganz ohne menschliches Verständnis sagen, daß zur Unterdrückung immer zwei gehören. Die eine Seite ist die Staatsgewalt, die ihre Bürger kontrolliert und selber festlegt, wie weit sie dabei geht. Da können wir uns eines übrigens sehr gut vorstellen: Ein Staat, der nicht bloß als Aufsichtsorgan gel- ten will, das darauf aufpaßt, daß seine Bürger in Anstand arm bleiben, sondern Wert darauf legt, die Erfüllung aller Lebensbe- dürfnisse seiner Bürger zu sein, d e r d a s a b e r g a r n i c h t i s t; ein solcher Staat drangsaliert seine Unterta- nen ziemlich penetrant mit Gesinnungsschnüffelei. Wir legen al- lerdings Wert darauf, d i e s e n G r u n d für die umfassen- den Stasi-Aktivitäten festzuhalten, denn sonst taugt der ganze Ärger über "40 Jahre stalinistisches Machtgefüge" überhaupt nichts. Der Ruf "Stalin", mit dem Du übrigens Zustimmung bei je- dem reaktionären Hetzer der Bild-Zeitung erntest, ist nämlich al- les andere als ein Urteil über den p o l i t i s c h e n Z w e c k eines Staates. Du glaubst ja wohl auch selber nicht im Ernst, daß man mit so eindeutig zwecklosen - dafür aber moralisch hochgradig verwerflichen - Absichten wie "Unterdrückung" und "Bespitzelung" ein ganzes realsozialistisches Planwesen auf die Beine kriegt? Kein Staat der Welt unterdrückt Leute aus sinn- und zweckloser Lust am Unterdrücken, sondern jeder Staat kontrolliert und verfolgt Umtriebe, die er gemessen an seinem politischen Pro- gramm für bedenklich bis staatsfeindlich hält. So hat euer Stasi in der Vergangenheit funktioniert. So funktionieren der bundes- deutsche Verfassungsschutz und die restlichen 11 westdeutschen Geheimdienste. Und so funktioniert schon wieder die jetzige Säu- berungswelle innerhalb der SED und gegen sie. Die einzige "Auseinandersetzung" mit dem alten SED-Programm, die den hof- fungsvollen "aufrechten alten und jungen Genossen" - vom restli- chen Volk ganz zu schweigen - einfällt, besteht im Verfolgen, Verhaften und Verurteilen von R e p r ä s e n t a n t e n der alten Linie. Diese ekelhafte Tour zu kritisieren, das wäre mal "Anti-Stalinismus"! Die andere Seite sind die Bürger, die sich unterdrücken lassen. Du selbst gibst die Technik an, wie das geht: sich unterdrücken lassen. Nämlich so, daß man sich selber einteilt in einen Men- schen mit "zwei Meinungen": in eine Privatperson, die schaut, daß sie durchs Leben kommt und sonst eigentlich gar keine Meinung hat, und in einen klugen Kopf, der zu allen offiziellen Anlässen die offizielle Meinung weiß. So wahrt der Mensch sein Selbstbe- wußtsein und macht gleichzeitig alles mit. Diese Technik, das können wir Dir eidesstattlich versichern, ist wirklich nicht auf den früheren Alltag der DDR-Bürger begrenzt. Die ist überhaupt das Urprinzip des demokratischen Bürgersinns. Wir jedenfalls ken- nen im freien Westen nur solche Leute, die sich auf diese Weise selbst aufteilen. Und das schaffen sie sogar ganz ohne Stasi- Mann. In den freiheitlichen Seminaren einer demokratischen Uni- versität z.B. hat man lauter Nachbarn, die sogar dort, im Reich der Wissenschaft, genauestens unterscheiden können zwischen der Meinung, die der Dozent hören will, vor allem bei der Prüfung, und der Tatsache daß man selber gar nichts davon hält. Und die sind alle sehr hellhörig und werden rasch ziemlich verfolgungs- süchtig, wenn einer mal diese Untertanenhaltung nicht mitmacht und bloß darauf besteht, daß eine Theorie entweder wahr oder falsch ist, und das "privat" u n d öffentlich. Und die Frei- heit? Die besteht in gar nichts anderem, als daß man sich in seine "zweite private Meinung" nicht hereinreden läßt; daß man in dem, was man wirklich denkt, in Ruhe gelassen werden will. Und das so sehr, daß mancher sogar auf der Freiheit einer privaten Meinung besteht, die er gar nicht hat. Überprüfe doch mal, ob Du selber überhaupt mitteilenswerte Urteile über die Politik der DDR auf Lager gehabt hast, an deren Verbreitung der Stasi Dich gehin- dert hätte; oder ob es nicht nur der Wunsch nach privater Unge- störtheit war. Drittens. Was Dein Verhältnis zu Deinen Mitbürgern betrifft, bist Du ein ziemlicher Moralist. Das Volk, gegen dessen "aufrechten Gang" Du kein kritisches Wort hören willst, mißfällt Dir, wenn Du es im Fernsehen als Westbesucher vorgeführt kriegst. Einerseits würdest Du Dich am liebsten als Volkserzieher in Sachen "würdevolles Benehmen" betätigen und bringst es fertig, Dich für wildfremde Menschen zu schämen. (Vor wem eigentlich? Vor Westber- liner Wiedervereinigungsfans? Vor dem Bundeskanzler, der bei sei- nem Mauerauftritt eventuell durch "Dreckberge" gestört wurde?) Andererseits bittest Du um Verständnis für das Betragen Deiner Landsleute, führst Dich also schon wieder wie eine Gouvernante auf, die trotz aller Ungezogenheit die guten Absichten ihrer Zög- linge in Schutz nimmt. Nochmal: Vor wem willst Du die DDR-Bürger eigentlich verteidigen? Du bist weder ihr Anwalt noch sind sie in Deinem Auftrag nach Westdeutschland gefahren. Also hör auch ge- fälligst auf, Dich für sie zu schämen, und entschuldige nicht al- les, was zu Deinen Vorstellungen vom "aufrechten Gang" nicht so recht paßt, mit dem Dampfkessel "Stalin". Du kannst ja vom "Ausdruck" auch mal den Rückschluß auf die Qualität des "Dampfdrucks im Kessel" wagen, der da entweicht. Dasselbe Verhältnis wie zu Deinen Mitbürgern hast Du offenbar zum gesamten DDR-Staat. Seinen Abgang betrauerst Du wie einen lieben Verwandten. Und einen Grund, warum es um dieses Staatswesen schade sein soll, kannst Du gar nicht angeben. Mit der "realen Existenz" der DDR konntest Du Dich doch gar nicht identifizieren. Du drückst nichts anderes aus, als die Sehnsucht nach einer wirk- lichen Identifikation mit Deinem Heimat-Staat. Und das ist leider das Gegenteil von einem klaren Bewußtsein davon, was in diesem Staat los ist. Du sagst selbst, Du "liebst dieses Land, weil es Deine Heimat ist" - vielleicht ist das ja Dein Fehler. 2. Zur zweiten Hälfte Deines Briefs: Du meinst also, die Dresdner Bank und die ganze restliche west- deutsche Kapitalistenmafia mit dem Bundeskanzler samt seinem Wie- dervereinigungsplan an der Spitze ließe sich vom "mutigen DDR- Volk" austricksen? So nach dem Motto: Wir wissen zwar, daß diese Geier uns eigentlich einsacken wollen, aber wenn "wir" (Wen meinst Du damit überhaupt?) alle gemeinsam aufpassen wie die Teu- fel, dann kann man "mit dem Teufel einen Pakt eingehen" und sich aus dessen "Angeboten" die nützlichen Sachen aussuchen und den Rest dankend ablehnen? Da täuschst Du Dich aber gewaltig. Die ka- pitalistische Übernahme der DDR und der damit verbundene Anschluß an die BRD läuft. Da ist nichts offen - auch wenn Du und sonst wer in der DDR sich ganz fest wünschen, daß man den Kapitalismus auch mal als eine Art Selbstbedienungsladen zur "Entwicklung ei- nes effektiven menschlichen Sozialismus" mißbrauchen könnte. Wenn ein Land als Geschäftssphäre fürs Kapital hergerichtet wird, dann zählen die Berechnungweisen des kapitalistischen Geschäfts und sonst nichts. Das könnte Dir übrigens an Deinem eigenen Polen und Ungarn-Ver- gleich auffallen. Aber Du pflegst ja lieber die Illusion, daß "Ihr" (wer?) eine "bessere Position" (wem gegenüber?) habt. Und was ist, wenn das bloß die Dimensionen vergrößert, in denen die westlichen Geschäftemacher mit der DDR kalkulieren? Es nützt auch gar nichts zu beteuern, alle Probleme wären "hausgemacht". Auch da ist wieder nur der Wunsch Vater des Gedankens, man könnte in eigener Regie die Sache in den Griff kriegen, gerade wo sie schon längst anders läuft. Es ist auch keine Frage des "Geschicks" be- sonders gewitzter SED-Männer, ob die die Gesetze des kapitalisti- schen Weltmarkts und die Absichten des Bundeskanzlers in ihrem Sinne steuern und für die "Entfaltung der DDR" ausnützen können. Wer sich auf den Imperialismus und seine Einrichtungen einläßt, der ordnet sich auch den Kräfteverhältnissen unter, die da herr- schen. Und w e r seine Interessen in dem von Dir ausgemalten Interessensgegensatz durchsetzt, das ist ein für allemal keine Frage des geschickten Managements, sondern der auf dem Weltmarkt längst durchgesetzten materiellen Abhängigkeits- und Benutzungs- verhältnisse. Es ist außerdem vorn und hinten gar nichts davon zu sehen, daß die SED und ihre Erben überhaupt noch etwas anderes w o l l e n als die Übernahme der DDR durch westliches Kapital. Das können wir Dir an Deinem real-sozialistischen Dozenten beweisen: Was denkt sich der Mann denn eigentlich, wenn er seinen Studenten seinen originellen Kapitalismus-Sozialismus-Vergleich erzählt? (Mit dem gleichen Kalauer bestreiten bürgerliche Ökonomen an westdeutschen Universitäten übrigens schon seit Jahren ihre Vor- lesungen.) Einen Unterschied zwischen dem Profit, um den es in westlichen Unternehmen geht, und einer volkseigenen volksnützli- chen Zwecksetzung in sozialistischen Betrieben kennt er offen- sichtlich überhaupt nicht mehr. Schließlich erklärt er eure merk- würdige Planwirtschaft und den kapitalistischen Markt für bloß zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel und sagt noch gleich dazu, daß er den kapitalistischen Weg für unschlagbar hält. Da kann man dann hinterher noch zehnmal sagen: "Aber wir haben die besseren Sozialleistungen." Der ganze Witz ist schon längst ge- laufen: Für Deinen Dozenten ist der reale Sozialismus in ökonomi- scher Hinsicht gar nichts anderes als schlechterer Kapitalismus. Was soll dann eigentlich noch dagegen sprechen, den richtigen einzuführen?! 3. Nur nebenbei: Was Deine Vorliebe für "ideelle Werte" betrifft und Deine Trauer über deren angeblichen Verfall, da bekennst Du Dich zur guten alten SED-Parteilinie. Die Partei hat schon immer viel von ideellen Werten gehalten, gerade weil sie mit ihrem Staatsprogramm dafür gesorgt hat, daß die materiellen Bedürfnisse der Leute immer zu kurz kamen. Deshalb hat sie doch das Volk im- merzu im Namen sämtlicher sozialistischen Ideale zum Ruhme des Arbeiter- und Bauernstaates antreten lassen. Die trostlosen Fah- nen- und Parolenumzüge kennst Du selber ja sicher zur Genüge. Von sozialistischen oder sonstigen allgemein menschlichen hohen Wer- ten haben wir noch nie etwas gehalten. Dafür sind wir einfach viel zu sture Materialisten. Aber darüber müssen wir mit Dir ja jetzt nicht mehr streiten - der sozialistische Wertehimmel ist in der DDR sowieso in Auflö- sung begriffen. Dafür wird mit einer echten "marktwirtschaftlichen Leistungsgesellschaft" auch der ganze d a z u passende ideologische Unsinn geliefert - angefangen von sämtlichen religiösen Spinnereien, die ja schon längst kein maß- geblicher real existierender Sozialist als "Opium fürs Volk" ver- unglimpfen möchte, bis zu den Lebensweisheiten des kleinen Man- nes, die die Bild-Zeitung täglich unters Volk bringt. Glaubst Du jetzt immer noch, daß das Volk der DDR ausgerechnet die Dresdner Bank, den Bundeskanzler und ihren ganzen Anhang braucht und benützen kann? Was tun? -------- Ein Wort an die linke Opposition in der DDR ------------------------------------------- 1. Die radikale Opposition hat die "Wende" nicht aus eigener Kraft herbeigeführt. Sie hat ihre Gelegenheit - eine praktisch führungslose Nation - durch die außenpolitische Schwächung der SED-Macht geboten bekommen. Das kann kein Vorwurf sein. Wohl aber dies, daß sie sich über die Herkunft dieser politischen Chance keine Rechenschaft ablegt, sondern sehr selbstzufrieden wird im Stolz auf ihre "friedliche Revolution". Andernfalls nämlich wüßte sie, wieviel diese Chance überhaupt nur wert ist, beziehungsweise wozu die vom Sozialismus enttäuschten DDR-Bürger erst noch gewon- nen werden müssen. Jedenfalls kontrastiert die Hochstimmung über die einmalige historische Chance, den Weg der Nation neu und mit- zu bestimmen, auffällig mit der Diagnose, bei den Massen sei der Sozialismus, womöglich irreparabel, diskreditiert. Die Linken innerhalb und außerhalb der alten SED aber sind erst einmal so zufrieden mit dem "bewegten Volk", daß sie es gar nicht mehr so wichtig finden, w a s denn die Bürger mit ihrem Miß- trauen und ihrem Ruf nach Bestrafung der alten Verantwortlichen eigentlich bewegt. Mit Ideen über Basisdemokratie und Selbstver- waltung stimmen sie lieber ein in den vielstimmigen Chor einer Bewegung, die mit dem Ruf: "Wir sind das Volk!" eine Erneuerung der DDR fordert - und dabei noch nicht einmal ansatzweise weiß, w a s sie gerne w i e neu gemacht sehen möchte. Daß nichts als ein ganz grundsätzliches und nie mehr befriedigbares Miß- trauen in die alte Führung vorliegt, und daß das nichts anderes ist als der Ruf nach neuer vertrauenswürdiger Führung, der man wieder getrost gehorchen kann, ohne Angst, mit seinem Gehorsam betrogen zu werden, das ist den linken Kritikern der SED wahr- scheinlich so geistesverwandt, daß sie gar nichts dabei finden. Wenn dann die Stimmung von Lynchjustiz aufkommt und der gut sta- linistische Ruf danach laut wird, Vertreter einer national er- folglosen Politik als Volksschädlinge moralisch und persönlich haftbar zu machen, wenn sich die treuen Gefolgsleute innerhalb und außerhalb der SED an den Objekten ihrer gestrigen Verehrung für den Mißbrauch ihres Vertrauens schadlos halten wollen - dann rufen vereinzelt Oppositionsgruppen zur Mäßigung auf, bilden Men- schenketten um Stasi-Gebäude, um das Schlimmste zu verhindern, und merken gar nicht mehr, daß das gute Volk nur zur Vollstrec- kung des einzigen Gedankens drängt, der die Bewegung inklusive ihrer "bewußten Teile" eint. Versuche der Korrektur und Kritik dieses Gerechtigkeitswahns vermeintlich mißbrauchter Gefolgschaft sind nicht bekannt geworden. Statt dessen ein Wettbewerb der Op- positionsgruppen um neue und immer phantastischere Enthüllungen. Marxisten in der DDR hätten Besseres zu tun. Sie wissen nämlich, daß die Sehnsucht nach Saubermännern und Asketen an der Staats- spitze so ziemlich das Gegenteil des Entschlusses ist, von nun an die eigenen Angelegenheiten selber zu regeln. Marxisten haben deswegen darauf hinzuweisen, daß Versorgungsmängel und schlechte Wohnungen unmöglich den Villen in Wandlitz und anderen Jagdrevie- ren geschuldet sein können, sondern nur einer verkehrten politi- schen Ökonomie. Wen es aber glücklich macht, daß es anderen we- nigstens auch nicht besser geht, der will sich in seiner Be- schränktheit einrichten, sofern er sich dabei nur nicht als Opfer eines Betruges betrachten muß. Marxisten halten dem guten Volk auch nicht zugute, daß es sich jetzt auf einmal über "Ungeheuerlichkeiten" empört, die - wie im Grunde jeder weiß - zur N o r m a l i t ä t staatlicher Gewalt dazugehören; sondern sie dringen darauf, daß es sich seine ganz normale Scheiße einmal erklärt; daß es sich nicht um Unsinn wie gerechte oder ungerechte Privilegien kümmert, sondern sich nach den Gründen für so normale Sachen wie die Lohndifferenzierung er- kundigt. Marxisten halten die Suche nach Gerechtigkeitsprinzipien für fatal und merken, daß Leute, die sich daran begeistern, so- wieso ganz seltsame Maßstäbe anlegen: Das DDR-Volk fand doch nichts kritikabel an dem zwar gar nicht kommunistischen, aber um so staatsbürgerlicheren Gerechtigkeitsprinzip, nach dem mehr ver- dient hat, wer mehr Verantwortung trägt; und wer am meisten trägt, hat auch am meisten Recht auf gewisse vorzugsweise Bequem- lichkeiten. Solange die DDR auf ihrem Erfolgskurs segelte, ging das mitsamt dem neidischen Gemecker über "die da oben" stets in Ordnung. Erst seitdem sich die DDR als gescheiterte, gefährdete und daher arme Nation präsentiert, wird das Villenviertel von Honeckers Politbüro zum Verbrechen an der Armut - nicht der Leute, da hat sich ja nichts geändert, sondern - des Staatswe- sens. Marxisten kritisieren in Ost und West den arbeiterfeindlichen Zweck des nationalen Erfolgskriteriums; sie machen nicht der Füh- rung den mangelhaften Nationalerfolg zum Vorwurf. Letzteres ist nationalistisch und höchst unmaterialistisch. 2. Die Opposition in der DDR pflegt eine ganz verkehrte K r i t i k d e r Ö k o n o m i e und übersieht dabei, worum es in ihrem "realen Sozialismus" wirklich geht. Das fängt schon damit an, daß die oppositionell gesinnten Men- schen in der DDR vollauf damit zufrieden sind, das Verwerfliche der "abgewirtschafteten" SED-Produktions- und Herrschaftsweise als "Bürokratenherrschaft" dingfest zu machen; und dieses Bild paßt ja auch gut zur moralisch-empörten Saubermannstour der jetzt so populär gewordenen öffentlichen Verurteilung fieser Charak- tere, die sich aus niederen Beweggründen ein ganzes Staatswesen unter den Nagel gerissen haben sollen. Die alte Regierung der DDR eine einzige kriminelle Vereinigung - diese Vorstellung drückt dasselbe als eine Charakterfrage aus, was die Idee von der Herr- schaft eines "Apparats", einer "Nomenklatura", gleich als eine Systemfrage behauptet: "Funktionäre" knechten ein Volk, um ihre "Privilegien" zu genießen. An dieser Auffassung ist alles dane- ben: - Keine Herrschaft der Welt will ihre Untertanen einfach u n t e r d r ü c k e n - worin sollte da eigentlich der Reiz bestehen, und warum sollten umgekehrt die Unterdrückten sich so etwas 40 oder 70 Jahre lang gefallen lassen? Jede Herrschaft der Welt will vielmehr ihre Untertanen b e n u t z e n und kennt dafür eine nationale Mission, die den Massen notgedrungen ein- leuchtet: Für einen gediegenen N a t i o n a l r e i c h t u m, mit dem sich in der Staatenwelt etwas ausrichten läßt, organi- siert sie daheim die passenden "Sachzwänge", sprich: die Lebens- bedingungen, an denen ihre Untertanen sich abarbeiten müssen und damit genug zu tun haben. Von einer solchen Zweckbestimmung der politischen Herrschaft will die Vorstellung von einer auf Herr- schen pur erpichten "Bürokratenkaste" nichts wissen. - Und wenn, dann völlig falsch: daß "Apparatschiks" ein ganzes Volk ans Arbeiten bringen, um dann die Früchte dieser Arbeit zu verprassen, ist eine selten alberne Vorstellung angesichts der M a s s e v o n R e i c h t u m, die auch realsozialistisch organisierte Staatswesen lässig zuwegebringen. Die Frage, was sie damit anfangen, ist für völlig uninteressant erklärt, wenn das moralische Gemüt des Untertanen, der es mit seiner notgedrungenen Dienstbarkeit zu nichts bringt, sich an den Datschas und Volvos stört, die seine Obrigkeit sich genehmigt. - Was die "Privilegien" der "Bonzen" betrifft: Auch in der DDR gab es nicht einen ganzen umfänglichen Staatsapparat, d a m i t sich ein paar Figuren Vorrechte herausnehmen konnten. Umgekehrt: Man wurde erst dann mit ein paar Vergünstigungen bedacht, wenn man sich als S t a a t s d i e n e r bewährt, sich also für die Prinzipien des sozialistischen Leitungs- und Rechnungswesens nützlich gemacht hat. Wer dazu immer nur vorwurfsvoll "Bürokratie" sagen will, der verpaßt zielsicher, um welches Funk- tionsprinzip des Arbeiter- und Bauernstaats es sich hier dreht und warum dies dem damit beglückten Volk nicht guttut: Im Arbei- terstaat wird gar nicht produziert, damit die Produzenten ein gutes Leben haben, sondern dort ist zuerst einmal der selbstlose Einsatz fürs Vaterland der Werktätigen verlangt, damit man dann vielleicht ein Stück weit für seinen Einsatz belohnt wird. Ausgerechnet zur Ökonomie des "Realsozialismus" fällt den linken Kritikern in der DDR nur ein - und zwar sehr abstrakter - Einwand ein: daß dort alles per K o m m a n d o erfolgt wäre statt s e l b s t t ä t i g. Dieser Einwand greift ein Ideal des "Realen Sozialismus" selber auf, nämlich die Vorstellung, die Ökonomie wäre durch staatlich zum Einsatz gebrachte Hebel so ein- zurichten, daß sie ohne weitere Eingriffe selbsttätig funktio- niert. Am Leitfaden dieses Ideals üben die realsozialistischen Ökonomen schon selber seit jeher Selbstkritik. Schließlich bringt die "Wirtschaftsplanung" per "wirtschaftlicher Rechnungsführung" mit ihren widersprüchlichen "Normativen" - mal wird das "Sparsamkeitsprinzip" belohnt, mal das "Neuererprinzip" usw. - lauter Hebel zur Korrektur von Wirkungen der vorherigen Hebel und dann wieder Hebel zur Korrektur der Korrekturhebel hervor. Mit wachsendem "administrativem" Durcheinander blüht so unausweich- lich das Ideal vom automatisch-selbsttätigen Aufgehen des "Wirtschaftsprozesses", das durch die ewigen "Anreize" und "Stimuli" sich immerzu nicht einstellen will. Mehr als das haben die linken Kritiker offenbar auch nicht im Kopf. Diese Auffassung einer vermeintlichen Planwirtschaft als "Kommandowirtschaft" verlegt das Kritikable ganz auf die Ebene der p o l i t i s c h e n V e r f a h r e n s w e i s e - An- ordnungen von oben nach unten statt eigenverantwortlich - und greift damit entscheidend zu kurz: Der I n h a l t der Komman- dos interessiert ja gar nicht, und die Wirtschaft selber wird als ein v o r g e g e b e n e r Sachverhalt unterstellt und akzep- tiert, wenn einzig der Umstand, daß sie "administriert" wurde, auf Ablehnung stößt. Das ist ein Irrtum mit Folgen. Beim Vorlie- gen eines "Kommandos" kommt es schließlich noch sehr darauf an, was damit bezweckt wird: Die Einsätze, die ein Dirigent seinem Orchester gibt, oder die planvolle Zuweisung von Funktionen bei einer zweckmäßigen Teilung der Arbeit werden sich doch wohl noch unterscheiden lassen von der auf Gewalt beruhenden Beschränkung und Benutzung von Interessen, dem Charakteristikum von Herr- schaft. Mit der inhaltslosen Unterscheidung von "fremdbestimmt" oder "selbstbestimmt" wird hingegen alles Schlechte am Wirt- schaftssystem des "realen Sozialismus" darauf heruntergebracht, d a ß dort angeordnet wurde, und eine von Weisungsbefugnissen freigesetzte Wirtschaft wird als ganz unschuldige und in ihren "Eigengesetzlichkeiten" unbestreitbare Angelegenheit genommen. Als wären Preise ohne staatliche Festlegung und Gewinne ohne Ab- gabepflicht an den Staat die menschenfreundlichsten Dinge! Auf diese Weise kann man sich vom Standpunkt der "Selbstbestimmung" sogar mit "freien Preisen" oder mit "leistungsorientierten Löh- nen" anfreunden und sich über die damit angezeigten Interessens- gegensätze locker hinwegsetzen. Zumindest aber versöhnt sich die "basisdemokratische" Position ohne weiteres damit, daß auch ein "selbst"- oder "mitverwalteter" Betrieb aufs Gewinnemachen, aufs Anlegen von Akkumulationsfonds, aufs Konkurrieren auf dem einzu- führenden "sozialistischen Markt" usw. wie auf einen alternativ- losen wirtschaftlichen "Sachzwang" festgelegt ist. Und daß die selbstbewußt gewordenen Wirtschaftsbürger - womöglich als "Betriebsrat" organisiert, der den Betriebsleiter "kontrolliert" - ihre neue Freiheit höchst verantwortungsvoll am Betriebswohl ausrichten und freiwillig zurückstecken. Schöne Selbstbestimmung, die so bald dabei landet, sich von der kommunalen Ebene über den Betrieb bis zum staatlichen Machtzentrum alles Entscheidende v o r g e b e n zu lassen und sich an den damit gesetzten prak- tischen Maßstäben abzuarbeiten! Marxisten lassen die "realsozialistische" Herrschaftsweise nicht so billig davonkommen. Sie halten nichts von einer mit Geld- etc.- Hebeln "geplanten" Ökonomie. Sie halten es für eine schäd- liche Dummheit, wenn "Realsozialisten" das "Wertgesetz anwenden wollen", als hätte Marx im "Kapital" nicht eine Kritik des Kapi- talismus, sondern ein Rezeptbuch für Sozialismus abgeliefert. Sie halten es für Unsinn, wenn die "realsozialistische" Selbstkritik sich gegen "Kommandieren" und für mehr "Selbsttätigkeit" samt "Marktelementen" ausspricht, als wäre ausgerechnet das Bekenntnis zum N i c h t-Wissen, wo in einer Wirtschaft was gebraucht wird, der Königsweg fürs F u n k t i o n i e r e n der Wirtschaft. Marxisten wissen auch die Alternative zur Ökonomie des Hebelwe- sens. Sie wollen statt des Kommandos, das G e l d r e c h- n u n g e n über die Lebensbedingungen der Leute ausüben, eine zweckmäßige Planung der G e b r a u c h s wertproduktion, mit der die Arbeiter sich das Leben leichter machen. 3. Die Opposition in der DDR pflegt einen falschen Stolz auf die neuerrichtete p o l i t i s c h e Kultur nach der "Wende" und begeistert sich ganz zu Unrecht an den Leistungen der politischen Öffentlichkeit, die jetzt dort Einzug gehalten hat. Jedermann darf jetzt frei seine Meinung äußern, auf die Obrigkeit schimp- fen, demonstrieren und kommt damit sogar ins Fernsehen. Es sind aber zwei ganz verschiedene Dinge, ob man über diese neue "Streitkultur" ganz euphorisch wird und sich von nun an die ganze DDR am liebsten als eine ewig demonstrierende Menschenkette wünscht, oder ob man die Erlaubnis, Kritik an den gesellschaftli- chen Verhältnissen öffentlich vorzubringen, auch tatsächlich für die Erarbeitung und die Ausbreitung von Kritik nutzt und auf die praktischen Konsequenzen daraus dringt. Es ist ein gewaltiger Un- terschied, ob man die neue Bedingung erlaubten Streitens als I n s t r u m e n t einsetzt, um Fehler abzustellen und das po- litisch Richtige zu verankern, oder ob man die Redefreiheit und ihre Institutionalisierung zum ganzen I n h a l t u n d T h e m a der öffentlichen Debatte machen will. Schließlich ist vom Standpunkt der sachlichen Klärung politischer Streitfragen aus die rechtlich geschützte freie Meinung zugleich auch eine sehr schlechte Bedingung: Das Recht eines jeden auf seine h ö c h s t p e r s ö n l i c h e und damit u n m a ß- g e b l i c h e Meinung schließt den auf Klärung zielenden Streit der Auffassungen über ihre Gründe aus. Darin ist die liberale "politische Kultur" nicht weniger totalitär als der frühere "realsozialistische" Dogmatismus mit seinem Einfordern von Bekenntnissen: der Preis des D ü r f e n s ist die prakti- sche B e l a n g l o s i g k e i t. Der politisierenden Linken in der DDR scheint das nichts weiter auszumachen. Im Gegenteil: Sie freundet sich bei ihren Debatten und Parteigründungen sehr schnell an mit der Unsitte der demokra- tischen T e c h n i k e n, wo die Klärung strittiger Fragen durch Abstimmung gesucht wird, wo die Meister der Geschäftsord- nung mit ihren Schlichen für günstige Mehrheitsverhältnisse sor- gen sollen, wo das Ideal der - im Zweifelsfall herbeigetricksten - Einheit die politischen Differenzen zudeckt usw. Wer hört bei diesem Zirkus dann überhaupt noch auf A r g u m e n t e, die richtig und falsch ermitteln und demgemäß die Parteien und Par- teigänger s o r t i e r e n! Die DDR-Opposition vermittelt überhaupt den Eindruck, daß ihr dieses endlich erreichte Dürfen, das Reden-Dürfen, das Demon- strieren-Dürfen, ganz entschieden zu Kopfe gestiegen ist. Sie tut so, als ob sich z.B. daran, daß Biermann in der DDR singen darf, das Schicksal der DDR entscheiden würde. Und ihre Anhänger sind total z u f r i e d e n, wenn der Poet dann endlich darf. Wäh- rend ihr Vorbild Ernst Bloch noch der Meinung war, daß man sich aufs Wünschen verstehen muß, sind die aufgewachten DDR-Bürger mit ihren Demos offenbar wunschlos glücklich. In einer Hinsicht aber doch nicht ganz. Daß sie bei ihren Demos von Anfang an die mahnende Parole "keine Gewalt!" ausgegeben ha- ben, verrät ja noch eine Ahnung darüber, daß der vielbeschworene "Dialog", der Inbegriff der neuen Freiheit und ihrer Prozeduren, den Kampf der I n t e r e s s e n und die dabei ausschlagge- bende Gewalt gar nicht e r s e t z e n kann. Einerseits möchte man dem "gewaltfreien Dialog" diese Leistung schon gerne zu- trauen: wenn jedermann sich mit seinen Interessen hat "einbringen" dürfen und dann damit durchgefallen ist, dann soll er doch bitteschön seine Abfuhr wegen ihres demokratisch geregel- ten Z u s t a n d e k o m m e n s wegstecken. Andererseits zeugt die ewige Beschwörung der Gewaltfreiheit von dem Bewußt- sein, daß das verfahrensmäßig geregelte Gelabere natürlich nicht die Macht hat, gegenüber einer organisierten Gewalt zu bestehen. Ein Blick in den freien Westen könnte auch basisdemokratisch be- wegte DDRler leicht darüber belehren, wie das demokratisch kor- rekte Verhältnis von Staatsgewalt und "Dialog" beschaffen ist: Wenn das unbestrittene staatliche Gewaltmonopol allen Interessen ihren Platz zugewiesen, ihnen das Recht und die Schranken ihrer Betätigung diktiert h a t, wenn also alle praktisch ausschlag- gebenden Angelegenheiten zur Zufriedenheit der Obrigkeit a b g e h a k t sind - dann können die demokratischen Machthaber natürlich leicht zum öffentlichen "Dialog" antreten und dort ihre "Meinung äußern". Von ihrer Überzeugungskraft hängt ja nichts ab; und daß sie in der demokratischen Öffentlichkeit auch noch die totale Meinungsführerschaft genießen, liegt daran, daß sie d i e Herrschenden sind. Die haben noch ganz andere Mittel als den "Dialog", und deshalb erklären sie ihn so gerne zum Selbstzweck! Obwohl die Aktivisten der Basisdemokratie in der DDR die Gewalt von oben fürchten, obwohl sie auch bisweilen erschrecken vor dem Auftreten von Wiedervereinigungsfanatikern, lassen sie sich i h r e n Fanatismus der neuen Freiheit nicht vermiesen. Die Dauerdemonstranten der DDR suchen gar nicht danach, was denn nun- mehr zu b e s t i m m e n geht, sondern sind vom blanken Um- stand ihrer frisch erworbenen "politischen Kultur" restlos begei- stert. Und in ihrer ewigen "ganz konkreten" Geschäftigkeit, im Vorbereiten der nächsten Demo, im Entlarven des nächsten SEDlers, der seinen Posten noch nicht geräumt hat, im Aufstellen des näch- sten "konkreten Problemkatalogs" findet ein Interesse an der Stiftung politischer S i c h e r h e i t über die eigenen Vor- haben wie über deren Gegner einfach keinen Raum. Statt dessen blühen die schönsten Phantasien über die Leistungs- kraft der soeben entdeckten "politischen Kultur" Marke DDR. Die soll nichts Geringeres zuwegebringen als sozusagen die Neugrün- dung dieses Staatswesens auf dem höchsten Niveau menschenrechtli- cher, zivilisierter politischer Anstandsformen. Da soll z.B. eine "Verfassungsdiskussion" die "Legitimität" schaffen, die eine ganze Produktions- und Herrschaftsweise früher verbürgte und jetzt vergeigt hat. Die künftige Einheit von Volk und Staat soll - nein, nicht aus einer Einigkeit der I n t e r e s s e n, son- dern - aus dem "Dialog" als solchem hervorgehen; das politische V e r f a h r e n, das Debattiert-haben-Dürfen soll das Dazuste- hen zur erneuerten DDR begründen. Das ist einerseits sehr h e r r s c h a f t l i c h gedacht, schließlich sollen zu kurz gekommene I n t e r e s s e n sich damit trösten, daß sie ja immerhin a l s M e i n u n g e n rechtlich geschütztes Gehör gefunden haben. Andererseits sind diese Vorstellungen über die Wirksamkeit von Herrschaftstechniken aber auch vollkommen fiktiv: sie tun gerade so, also würden die guten Menschen der DDR soeben das alte Märchen von der Staats- gründung per Gesellschaftsvertrag wahrmachen. Und das ist die si- cherste Methode, um vollständig zu verpassen, daß die politischen M a c h e r, die der neuen Regierung in Berlin und die der alten Regierung in Bonn, längst die polit-ökonomischen Sachzwänge ein- fädeln, die den gar nicht mehr o f f e n e n "Weg der DDR in die Zukunft" praktisch definieren sollen. So daß die intellektu- ellen Vordenker, noch während sie im Entwerfen der allerschönsten "vertrauensbildenden" Touren der Menschenführung begriffen sind, kaum damit nachkommen, die neuesten Ankündigungen und Maßnahmen in Sachen Wirtschaftsreform, Devisenbeschaffung und Spekulations- bekämpfung mitzukriegen. Marxisten halten nichts von "Umwälzungen", die sich in den ober- sten Etagen des politischen Überbaus und an heißen Fragen des Dürfens und Verbietens abspielen. Sie nützen die F r e i h e i t der Kritik zum K r i t i s i e r e n statt die Modalitäten der Erlaubnis zu begutachten, für ihr Gewähren lauter Komplimente auszustellen und sich mit dem Recht aufs freie Meinen zu be- langlosen Meckerern herabstufen zu lassen. Sie halten nichts vom Selbstgenuß einer wunderbaren "Bewegung". Sie sind für das Streiten um A u f f a s s u n g e n, und zwar um damit richtig und falsch, Freund und Feind zu scheiden. Und sie kennen die Notwendigkeit, den Widerstreit von I n t e r e s s e n als Machtkampf auszutragen. Sie wissen näm- lich, daß eine "demokratische Streitkultur" und der darin ge- führte "Dialog" weder die gültigen Ideologien noch die herrschen- den Interessen in der Gesellschaft b e g r ü n d e n, sondern umgekehrt das M i t t e l der herrschenden Standpunkte sind, die ihre Geltung auf Gewalt gründen. Marxisten sind keine Liebha- ber der berühmten "Freiheit der Andersdenkenden" - sie wollen lieber wissen, was der andere denkt, und denken dann entweder dasselbe oder argumentieren dagegen. Und sie befürworten nicht eine Toleranz, die es verbietet, Interessengegensätze auszutra- gen, und die damit nur denen zugute kommt, die sowieso die Macht haben. Sie wollen die Durchsetzung der geschädigten Interessen der Lohnarbeiter gegen ihre Schädiger. Sie wollen also Leute, die für die herrschenden Interessen immerzu geradezustehen haben, "darauf hinorientieren", daß sie sich ihre Rolle als Manövrier- masse nicht länger gefallen lassen. 4. Nun nehmen die aufmüpfigen DDR-Oppositionellen neben ihrer selbstzufriedenen Begeisterung über den 'Augenblick der Freiheit' freilich noch eine zweite Stellung ein: die Besorgnis, wie "es" denn weitergehen soll, wenn schon besagter schöner Augenblick nicht ewig währen kann. Und da werden dieselben Idealisten, die an Modellen basteln, um dem herzergreifenden "Aufbruch" Dauerhaf- tigkeit zu verschaffen, auf einmal s a u r e a l i s t i s c h und nehmen zur Kenntnis, daß von ihrer Bewegtheit gar nichts ab- hängt: Die zuständigen Instanzen haben den Fahrplan ihres Ladens hin zur Herrschaftsform einer parlamentarischen Demokratie inzwi- schen festgelegt und als "vertrauensbildende" Vorstufe einen "runden Tisch" in Aussicht gestellt, an dem die "relevanten ge- sellschaftlichen Kräfte" zur Stellungnahme über die zweckmäßig- sten Herrschaftstechniken geladen werden. Und da steht für die in "Selbstbestimmung" und "Basisdemokratie" schwelgenden Oppositi- onsmenschen sofort fest: nichts wie hin! Weil sonst wäre man ja nicht dabei, also keine "gesellschaftlich relevante Kraft" mit dem behördlichen Gütesiegel der "Politikfähigkeit", sondern bloß eine Mannschaft von "Sektierern". Der Gedanke, daß man als Oppo- sitioneller dort vielleicht gar nichts verloren hat, weil man ein G e g n e r der dort zu vereinbarenden Richtlinien für die zu- künftige Herrschaftsmethode ist, ist bei den stolzen "Revolutionären" der DDR äußerst unbeliebt. Soviel haben die Leute, die soeben "Geschichte machen", an Verständnis von politi- scher Methodenlehre aus ihrer vorherigen "realsozialistischen" Bildung durchaus übrigbehalten, daß ihnen eines sonnenklar ist: an "nun einmal" eingetretene "Kräfteverhältnisse" muß man sich unbedingt a n p a s s e n, gerade wenn man dagegen ist. Sonst hätte man ja den Zug der Zeit verpaßt und wäre b l o ß noch "dagegen". Da ist man dann doch lieber ein Stück weit f ü r eine neue Herrschaftsordnung und formiert sich schleunigst zur parlamentarischen Partei oder mindestens zur Vorstufe davon, sonst hätte man ja gar keinen Fuß drin bei den Instanzen, die demnächst die M a c h t innehaben. Und auf d e m Betätigungsfeld hat man ab sofort alle Hände voll zu tun! Weil die Politkonkurrenten in spe alle das G l e i c h e wollen - eben wählbar sein und an der Macht beteiligt -, haben sie das Problem, sich voneinander zu u n t e r s c h e i d e n. Was gar nicht so einfach ist, weil die Programmpunkte "demokratisch, sozial, gewaltfrei, ökologisch" in der gewendeten DDR und ihrer neuen "politischen Kultur" sowieso von Haus aus da- zugehören. Also hebt die Suche nach dem unverwechselbaren P a r t e i e m b l e m an, mit dem man Wähler einnehmen kann. Da gründet sich dann die grüne Partei und unterstreicht "ökologisch" doppelt statt einfach; und eine "Initiative Verei- nigte Linke" probiert es mit einem "rätedemokratischen Modell", mit dem sich auf bevorstehende Massenaustritte aus der SED speku- lieren läßt, und fügt gleich hinzu, um niemanden durch unzeitge- mäße Radikalität abzuschrecken, daß dies als parteieigene "Utopie" und "politisches Fernziel" zu verstehen sei (das Nahziel ist der "runde Tisch"). Recht günstig ist es auch, um den Vor- sprung der gewendeten Blockparteien auf diesem Sektor wettzuma- chen, sich schleunigst einen politischen Paten in der BRD zu su- chen, so daß die SDPler und Eppelmänner jetzt reihenweise in Bonn antanzen. Und Leute, die den im Volk rapide populärer werdenden Wiedervereinigungsgedanken parlamentarisch repräsentieren wollen, finden sich in diesem DDR-eigenen politischen Gründungsfieber ga- rantiert auch. So mündet jene total "selbstbestimmte" Bewegung aus den Tagen des DDR-"Aufbruchs" sehr konsequent darin, daß sich die künftigen Po- lit-Profis einer parlamentarisch gewendeten DDR in die Startlö- cher begeben. Denn worin könnte das "Selbstbestimmungsrecht des Volkes" einen schöneren Lohn finden als in Machthabern, die per Wahl komplett glaubwürdig ermächtigt werden? Marxisten kritisieren den Opportunismus, jede eingetretene "Lage" als eine B e d i n g u n g für Opposition zu nehmen, die Oppo- sitionelle zum Arrangement mit "der Realität", also zum Abrücken von ihrer Gegnerschaft nötigen soll - noch bevor sie die Gegner- schaft überhaupt ausgetragen haben. Marxisten wollen sich nicht auf die Seite des E r f o l g s schlagen, wenn sie ihn gar nicht haben, und keine V e r a n t w o r t u n g übernehmen für Verhältnisse, die ihnen nicht gefallen. Sie wollen nicht noch einmal den Parlamentarismus erfinden bzw. zum 1001. Mal "den par- lamentarischen Weg" gehen, um linke Politik zu fordern, weil sie wissen, daß diese Form bürgerlicher Herrschaft bloß den Nationa- listen von oben dient, und zwar unter Zuhilfenahme der Nationali- sten von unten. Marxisten für ihren Teil streben keine Ermächti- gung durch Wähler an, weil sie mit Zuständen, in denen es um Füh- rerschaft und Gefolgschaft geht, sowieso Schluß machen wollen. 5. Wenn die linke Opposition dann endlich inhaltlich wird und zu sagen versucht, was sie außer Politmethodik und Selbstverwal- tungsstrukturen bzw. damit eigentlich erreichen will, dann be- weist sie erst einmal, wie sehr sie ein enttäuschtes Produkt der SED-Bildung ist, aus der sie hervorging: Sie will die E r r u n g e n s c h a f t e n d e s S o z i a l i s m u s bewahren und unterscheidet sich programmatisch damit überhaupt nicht von der alten und neuen Partei die sie reformieren oder be- kämpfen will. Arbeitsplatzgarantie, kostenlose Bildung und medi- zinische Versorgung, billige Mieten und Lebensmittel - anderes als die höchst bescheidenen Maßnahmen sozialstaatlicher Fürsorge für ansonsten arme Arbeiter fällt ihnen auch nicht ein. Aber das ist nur der Auftakt. Die Bewahrung der sozialen Errun- genschaften, d.h. des status quo, als große Aufgabe der opposi- tionellen Fortschrittskräfte kündet von den Schwierigkeiten, die man hier sieht: Die längst ins Auge gefaßten Mittel des volks- wirtschaftlichen Fortschritts gefährden den sozialen Besitzstand. Wie alle anderen tun auch die Linken so, als sei es ausgemachte Sache, daß sich die DDR für ihre Zukunft vermehrt dem BRD-, Euro- und Weltmarkt stellen m u ß. Ihre Überlegungen gehen nun dahin, wie und wieviel joint ventures und Kredite ins Land geholt werden könnten, ohne daß die sozialstaatlichen Leistungen grundsätzlich in Frage gestellt sind. Sie wissen um den Gegensatz und suchen den Kompromiß, den sie dann als "Sozialismus der 90er Jahre" ver- treten möchten. Ihr Hin und Her zwischen dem Idealismus sozial- staatlicher Ziele und dem schlechten Realismus der weltmarktgemä- ßen Mittel dafür will überhaupt nichts mehr bestimmen, sondern ist bemüht um geistige Anpassung an "die Realitäten" und um eine Deutung derselben als "Chance" für die Erneuerung des Sozialis- mus. So leisten sie nur eines: sie bleiben auf jeden Fall Sozia- listen - was das jeweils heißt, entscheiden die Zeitläufte. Marxisten haben erstens ordentlich zu unterscheiden zwischen N i e d e r l a g e n, die verhindern, daß sie durchführen kön- nen, was wünschenswert und nützlich erscheint, und C h a n c e n, die sich dem eigenen Programm bieten. Sie wissen dann auch, was sie zu bekämpfen haben, soweit es geht, und was sie nutzen können. Die Mischform der "Realitäten, an denen sich der Sozialismus bewähren muß" macht beides ununterscheidbar; Nie- derlagen werden nicht mehr ehrlich bilanziert, und der Opportu- nismus gegenüber dem internationalen, weltwirtschaftlichen Kräf- teverhältnis wird zum einzigen Imperativ sozialistischer Politik. Marxisten halten es zweitens für absurd, erst die Kapitalisten abzuschaffen, um ihnen dann auf dem von ihnen und ihrer Konkur- renz bestimmten Weltmarkt gewachsen sein zu wollen. Sie können keinen Sachzwang zur Beteiligung am kapitalistischen Weltmarkt entdecken schon gleich nicht für den bis vorgestern existierenden Staatenblock der sozialistischen Länder mit der riesigen So- wjetunion mitten drin, in der alle Bodenschätze und fast alle Klimate der Erde zu haben sind. Warum sollten diese Nationen denn nicht die Kapitalisten ihre Konkurrenzkämpfe ausfechten lassen und es sich hinter dem "eisernen Vorhang" gemütlich machen?! Ja wenn man das gar nicht will, wenn die Bewährung am "Weltniveau" schon so etwas ist wie die Staatsraison des Sozialismus, wenn man den Kapitalismus an der Preisfront schlagen will, dann soll man halt auch nicht über "Ausverkauf" jammern. Vor allem aber soll man nicht "Realitäten" sagen, wenn man P r e i s e u n d W a f f e n meint. Marxisten jedenfalls be- kämpfen auch die B e s c h ö n i g u n g, weil sie die beschö- nigten Z w ä n g e bekämpfen. 6. Die linke Opposition in der DDR bekennt sich vorbehaltlos zu Erhalt und Rettung des Sozialismus und sucht hinterher in einer breiten Debatte über sogenannte "Sozialismuskonzeptionen", was damit gemeint sein könnte. Das Bekenntnis zum Sozialismus ist fest, der Inhalt der guten Sache variabel - eigentümlich, daß man sich da im Bekenntnis zu ihr so sicher ist. Das Verfahren kenn- zeichnet den gemeinten Sozialismus nicht mehr als eine bestimmte Art, die Volkswirtschaft zu organisieren, sondern als eine ab- strakte W e r t h a l t u n g, der man unter den verschieden- sten ökonomischen Bedingungen die Treue halten kann. Man kennt das von den westlichen Sozialdemokraten, die sich seit bald einem Jahrhundert immer wieder erfolgreich um die Verwaltung des ganz normalen Kapitalismus bewerben und dabei stets die Perspektive des demokratischen Sozialismus und seiner Werte "im Auge behal- ten". Als Wert und Haltung ist Sozialismus das Gegenteil der "kapitalistischen Haltung", der Herzlosigkeit: Solidarität gegen Ellenbogengesellschaft, Zusammenhalten, Teilen, Verantwortung für den anderen tragen: die Tugenden armer Leute halt, deren Mittel- losigkeit sie auf gegenseitige Hilfe angewiesen macht. Die Heimat DDR ist - auch unter Honecker - immer sehr stolz auf diese "menschliche Nähe" gewesen. Sosehr hiermit im Geiste des alten Antifaschisten und neuen Ver- brechers gedacht wird, auch auf diesem Feld machen die Linken der Partei harte Vorwürfe: Sie habe das Wohlverhalten der entmündig- ten Massen durch Konsumgeschenke erkauft, sie gewissermaßen mit Bedürfnisbefriedigung bestochen und ganz falsch auf ein "unsoziales und ökologiefeindliches Wohlstandsdenken orientiert". Was wäre auszusetzen, wenn durch wachsenden Konsum und ein Ende des Mangels auch jeder Bedarf nach den Tugenden der Not, nach dem Zusammenstehen, -halten und -rücken entfiele? Nur echte Fanatiker der Verantwortungsmoral können über ihr, angeblich durch Überfluß auch noch gut begründetes, Wegfallen klagen und den Verantwor- tungshänger im sozialistischen Staatsbürger gegen den Materialis- mus des Proleten mobilisieren wollen. Marxisten können auch und gerade in der DDR von einer Überversor- gung der Werktätigen und von "unnötigem" Luxus nichts entdecken. Auch im "realen Sozialismus" nimmt die Arbeit für einen sehr be- scheidenen Lebensunterhalt den größten Teil der Lebenszeit ein. Die ökologischen Schweinereien, die Gesundheitsschädlichkeit des Lebensraums kennen Marxisten übrigens als eine Form der Armut der arbeitenden Bevölkerung und nicht als Resultat ihres Reichtums. Sie beklagen keine Verbrechen gegen die Natur, sondern bemerken, daß stets, wenn davon die Rede ist, ein Ausschluß der Massen von ihrer Benutzung vorliegt, weil sie für die Belange "der Wirt- schaft" ausgenützt und ruiniert wird. Das Erfolgskriterium der Volkswirtschaft gebietet nämlich, die Gesundheit der Produzenten und Anwohner als unliebsame, daher niedrig zu haltende Kostenbe- lastung zu betrachten. So w e n i g produzieren die sozialisti- schen Lohnarbeiter für ihren Konsum. Marxisten wollen das abstel- len, sie rufen nicht zu verstärktem Konsumverzicht auf. 7. Das Bekenntnis zum Sozialismus und die gleichzeitige Bereit- schaft zur ganz offenen Diskussion darüber, was der Inhalt dieses Bekenntnisses sein könnte, verrät eines. Sozialismus hat bei den Linken der DDR keinen bestimmten und positiven Gehalt mehr, son- dern nur mehr einen negativen: Doch nicht gleich so wie in der kapitalistischen BRD soll es werden. Vom I m p e r i a l i s- m u s dieser Nation wollen sie nicht mehr mitgekriegt haben als eine gewisse Gefühlskälte. Eine - irgendeine - Alternative zur Ellenbogengesellschaft des westlichen Deutschland sollte die DDR schon noch sein, wenn es auch noch gar nicht sicher ist, w a s f ü r e i n e Alternative und wie weit oder eng der Unterschied ausfallen muß. So wird der Sozialismus immer mehr jedes denkbaren Inhalts beraubt und immer mehr ein Wort für die Eigenständigkeit des Staates DDR. Marxisten haben d a f ü r dann aber auch kein Verständnis mehr: Wenn es nichts Bestimmtes am Sozialismus festzuhalten gibt, dann sehen sie nicht ein, warum sie Nationalisten werden sollten für halt noch einen weiteren Staat auf der Erde. Wenn die Linken der DDR keinen Sozialismus mehr einrichten wollen, oder schon längst nicht mehr wissen, was das ist, dann können sie auf einen beson- deren Staat DDR auch pfeifen. Der kann ja nicht einmal mehr im mattesten Sinn eine Beschränkung des globalen imperialistischen Zugriffs des Westens sein, wenn alle seine Anhänger überhaupt nichts Antiimperialistisches mit ihm anstellen wollen. Wie wenig dieser Patriotismus taugt, der sich "Sozialismus" schimpft, zeigte sich bereits wenige Wochen nach dem Aufblühen der "Basisbewegung" in Leipzig. Seit dort die Deutschnationalen das Demonstrationsklima bestimmen, bemüht sich das Neue Forum, das von sich aus der Meinung gewesen wäre, "die deutsche Frage stehe noch lange nicht auf der Tagesordnung", auch in dieser Frage um e i n e k o n s t r u k t i v e H a l t u n g. Die Linken wissen halt nichts Besseres als ihre tiefe Verbeugung vor der Selbstbestimmung der Basis, und bekanntlich dürfen sie sich um keinen Preis sektiererisch von den Massen entfernen. Was soll- ten solche Leute anderes tun, als sich an die nunmehr eben eher großdeutsche Basisstimmung anzuhängen, um ihr vorzustehen? Und was machen diese guten Menschen eigentlich, wenn die "bürger- kriegsähnlichen Zustände" dann da sind? Marxisten wissen, was s i e wollen. Deswegen wissen sie auch, wann sie schlicht und kompromißlos Nein sagen und dagegenhalten müssen. Eine Nation wird hilfsbereit ---------------------------- Die "erste friedliche und demokratische Revolution auf deutschem Boden" hat von Anfang an die allerherzlichste Anteilnahme der Be- völkerung der Bundesrepublik erfahren. Das ist einerseits sehr erstaunlich, denn die Bürger der BRD sind gewöhnlich nicht gerade umstürzlerisch ambitioniert. Ihr "revolutionäres Bewußtsein" hält sich eher bedeckt. Andererseits ist das gar nicht erstaunlich, wenn man registriert, w o f ü r und in welcher Weise treue Bür- ger westdeutscher Herkunft ihre Sympathie entdecken. Eine n a t i o n a l e A u f b r u c h s s t i m m u n g hat die Herzen erobert und den Verstand vernebelt; bisweilen so weit, daß "Gänsehaut" die Gefühlslage bestimmt. Und in dieser bewegten Ge- fühlslage durfte man glatt vergessen, daß die ganze Anteilnahme Bürgern eines immerhin noch vorhandenen anderen Staates galt. 1. Wem gilt die "Hilfe"? ------------------------ Bei der Rührung über das "Schicksal" der Botschafts-Flüchtlinge und das "unfaßbare Glück" der Kudamm-Besucher hatten die Bürger der BRD, angetreten im Namen der "Humanität", die erste Lektion schon beim Einstieg in den Zirkus hinter sich: Hilfe für wen und warum, das war keine Frage. Das wußten alle und gerade solche Leute, deren Sache es sonst nicht ist, Asylanten und andere Grenzgänger mit einem freundlichen "Hallo" zu empfangen. Hier aber ist alles anders. Radiostationen geben die Flüchtlingszahlen durch wie die täglichen Wasserstandsmeldungen. Und die westdeut- schen Bürger entdecken ihr neuestes Hobby: Zonis-Begrüßen. Nie- mand hat sie abkommandiert. Sie kommen freiwillig, mit Kind und Kegel, von Mannheim nach Berlin; sie bilden Begrüßungskommandos gleich zu Tausenden und bevolkern die Bahnhöfe der Republik. Und wieso? Es sind eben die g u t e n D e u t s c h e n, die sich Deutschlands als ihrer p r i v a t e n Sache annehmen und sich an der erfreuen. - Was ist das eigentlich für ein Vergnügen? Gefeiert wird da eine ebenso abstrakte wie ungemütliche Sache: Die Unterwerfung aller Lebensinteressen unter das Kommando und die Interessen e i n e r p o l i t i s c h e n G e w a l t. So werden aus Leuten, die arbeiten, einkaufen oder in Urlaub fah- ren, die teure Mieten zahlen und sich das knappe Geld einteilen, aber auch aus denen, die Geld und Arbeit kommandieren, die Miet- preise bestimmen, das Einkaufen zum Rechenkunststück machen und die Reiselust auf das proletarisch sinnvolle Maß begrenzen, D e u t s c h e. Das eint nicht nur Machthaber, kapitalistische Eigentümer und das arbeitende Fußvolk diesseits der Mauer, son- dern das soll auch für das gesamte Volk jenseits der Mauer gel- ten. Denn die Bewohner der DDR zählen nicht deshalb zu "unseren Brüdern und Schwestern" weil sie sächsisch sprechen und ein paar von ihnen Verwandte im Westen haben, sondern weil sie als Unter- tanen einer Staatsgewalt unterworfen sind, deren Existenzrecht seit 40 Jahren von jeder westdeutschen Regierung und Opposition bestritten wird. Auf Basis d i e s e s Herrschaftsanspruchs auf ein komplettes zweites Staatsvolk werden Verbrüderungsszenen zwi- schen wildfremden Menschen vom Kudamm bis nach Hof inszeniert. Deswegen sind die "menschlichen Begegnungen", die "bewegenden Bilder" von der neuen Freiheit und der "überwältigenden Begeiste- rung und Hilfsbereitsschaft" auch etwas ganz anderes, als sich die beteiligten "Menschen" womöglich einbilden. Da wird überhaupt nichts "verbrüdert", wenn sich Fremde tiefgerührt in die Arme fallen. Von wegen "privat" und "Menschen"! Da steht jedes Bier, das spendiert wird, und jeder Sektkorken, der knallt, allen Ern- stes als Symbol für den W i e d e r v e r e i n i g u n g s- a n s p r u c h d e r B u n d e s r e p u b l i k. Da haben "Wiedersehensfreuden" und "spontane Freundschaften" tatsächlich keine andere Bedeutung als die: daß hier der staatliche Annexionsanspruch der BRD quasi privat vorweggenommen und nacherlebt wird. Deswegen ist andererseits auch jede Bedenklichkeit fehl am Platz. DDR-Bürger, die noch etwas anderes sein wollen als Staffage und Berufungsinstanz für bundesdeutsche Rechtsansprüche; die tatsächlich bloß zum Gucken und Einkaufen rüberkommen und von "Wiedervereinigung" vielleicht gar nichts hören wollen, haben da nichts zu suchen. Sie passen nicht in die Szenerie, die westdeut- sche Journalisten Tag und Nacht aufbauen. Wenn die ihre Mikro- phone und Kameras einschalten dann erwarten sie Tränen für Deutschland und haben ein Recht auf eindeutige Bekenntnisse, na- türlich Marke West. Geradezu "beschämend" finden sie es, wenn ein paar tausend Leute vor dem Schöneberger Rathaus unsere demokrati- schen Politiker beim Absingen der Nationalhymne auspfeifen; wes- halb dieses seltene Vergnügen im Deutschen Fernsehen auch nur der Tatsache einer Live-Übertragung zu verdanken war. Gleichschaltung ist für unsere freie öffentliche Meinung nämlich kein Fremdwort. Wenn es um Deutschland geht, verstehen unsere Meinungsprofis kei- nen Spaß, hauen das ganze Fernsehprogramm über den Haufen und ar- beiten fanatisch an der verantwortungsvollen Aufgabe, daß die na- tionale Aufbruchstimmung d a s Vergnügen der Stunde bleibt, we- nigstens für die 90er Jahre... 2. Wer "hilft" da wem? ---------------------- Diese penetrante Dauerberieselung mit dem nationalen Großereignis fand kein guter Demokrat anstößig Demokratische Bürger sind näm- lich daran gewöhnt, sich die Belange der Politik zum persönlichen Anliegen zu machen. Das ist das Gegenteil davon, die Maßstäbe und Berechnungen, die Interessen und Mittel ihrer Machthaber nach de- ren Gründen zu beurteilen und sich Klarheit darüber zu verschaf- fen, welche Rolle s i e selbst dabei spielen. Das wäre für die DDR-Bürger gar nicht vereinbar mit einer Begeisterung über neue Freiheiten und der Forderung nach echtem Geld für Westreisen. Das wäre auch nicht vereinbar mit der Sehnsucht nach stalinistisch- kompromißloser Bestrafung der "alten Stalinisten" oder dem Wunsch nach garantiert "freien Wahlen". Und für westdeutsche Bürger käme bei einer vernünftigen Beurteilung der Politik wohl kaum die Kon- sequenz heraus, höchstpersönlich mit Hammer und Meißel der Mauer zu Leibe zu rücken, Zeltlager für Flüchtlinge zu besichtigen und überhaupt schwer zufrieden zu sein mit dem neu geschaffenen Ver- hältnis zwischen BRD und DDR. Leider ist von einer solchen Befas- sung mit den Taten der Regierungen hüben und drüben nichts zu se- hen. Die seltsame, aber sehr beliebte Verwechslung von Politik und privaten Anliegen zeichnet sich gerade durch die I g n o r a n z gegenüber den Kalkulationen aus, die in Bonn und Ostberlin im Kabinett und in ZK-Gremien zu Entscheidungen über Grenzfragen oder Wirtschaftsabkommen führen. Deutsche Bürger ken- nen die Gründe nicht, die S t a a t s m ä n n e r haben, wenn sie "Vertragsgemeinschaften" und "10-Stufen-Pläne" aushecken. Sie wollen sie ja noch nicht einmal von den eigenen, ganz persönli- chen Erwartungen und Glücksvorstellungen unterscheiden; sie knüp- fen vielmehr umgekehrt genau daran ihre Hoffnungen. Das ist nicht nur sehr untertänig. Die ökonomischen und politi- schen Fakten, die die nationalen Machthaber schaffen, sowie die Ansprüche, die sie daraus ableiten, als Gelegenheiten für s i c h mißzuverstehen, ist außerdem sehr fatal. Und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Erstens erledigt sich damit jedes Inter- esse, sich einzumischen und die Berechnungen seiner Obrigkeit zu durchkreuzen, indem man deren I n t e r e s s e n b e- s t r e i t e t. Statt dessen gewinnt man nur eine Menge falscher Freunde, die einem bescheinigen, man habe sehr viel be- wegt - während die Regierenden unbewegt die Fakten schaffen. Zweitens ist mit der Unart, nationale Angelegenheiten aus der Perspektive der privaten Hoffnung oder Betroffenheit zu beurtei- len und sich in die derzeitige, vornehmlich westliche, Euphorie- welle einspannen zu lassen, auch das noch mit Notwendigkeit fest- geschrieben: Was auch immer DDR-Bürger an Erwartungen und Inter- essen bewegt, es wird gnadenlos v e r e i n n a h m t für die hiesige Aufbruchs-Hysterie. Sie s i n d die willkommene Staf- fage für den westdeutschen Revanchismus, ob sie das wollen oder nicht. Und sie sind Berufungsinstanz nicht allein für die Bundes- regierung, sondern für die Regierenden der DDR dazu. Die beziehen sich bei i h r e m nationalen Umbau und reformerischen Vorwärts genauso umverblümt auf die Bedürfnisse der Massen, kündigen im Namen von Reisefreiheit und Devisen das Ende des "Schlendrians" an. Die hiesigen Volksgenossen dürfen sich die Kosten der Frei- heit schon mal neu definieren lassen: Arbeits- und Lohnfragen, staatlicher Finanzbedarf, der Zugriff aufs Geld, das geschieht nun alles auch im Namen der "Brüder und Schwestern". 3. Die "Helfer": Vorauseilendes Echo auf den Anspruch ----------------------------------------------------- der BRD auf Europa ------------------ Allen Lügen zum Trotz war stets offenkundig, daß die Solidarität der bundesdeutschen Bevölkerung mit der "Bewegung" in der DDR sehr e c h o m ä ß i g auf die öffentlich breitgetretene Inter- essenslage der Nation reagiert hat Die Geschichte der "Befreiung" ist ein einziges Zeugnis dafür. Die Aufkündigung der Blockver- pflichtungen durch Ungarn, Polen und die CSSR wurde, verlogen wie immer, in einen Akt der "Humanität" verfaselt, und mit jedem die- ser außenpolitischen Erfolge der BRD wurde klarer. daß wir alle" gefragt waren. Die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung war einfach "faszinierend" und steigerte sich von Tag zu Tag. Bei der allgemeinen Siegesstimmung darüber, daß der verhaßte kommuni- stische Staat endlich weichgekocht war, ließen sich sogar manche der guten Deutschen an ihre vermeintlich letzte Niederlage und die gemütliche "Wiederaufbau"-Zeit erinnern. Da wußte noch jeder, notgedrungen, was nationale Solidarität ist. Dieser interessante historische Rückblick wurde von demokratischen Politikern und Meinungsmachern lanciert. Anderseits: Das öffentliche Getue kennt seine eigenen "Gesetze" und eilt dem politischen Kalkül der Regierenden immer auch vor- aus. Die haben im Volk seit 40 Jahren den Standpunkt des Rechts auf die Übernahme der DDR, des Rechts auf Einmischung und Aufmi- schung, fest verankert. Den wachzurufen, fällt jetzt nicht schwer. Man braucht ja nur abzurufen, was mit dem Antikommunismus als Staatsdoktrin der BRD die Köpfe der Deutschen beherrscht und als moralisches Recht im wohlverstandenen nationalistischen Sinne gedeutet wird. Mit der Mobilisierung der nationalen Gesinnung, die ihren Verblödungsgrad nicht immer verheimlichen kann, bricht zugleich deren absurde und doch gar nicht verwunderliche "Eigengesetzlichkeit" wie eine Lawine los. Presse und Fernsehen wissen wie immer Bescheid sagen dem Volk, welche "Probleme" auf Lösung warten, und beschweren sich über das unverständliche "Zögern" und die "Konzeptlosigkeit" ihrer Politiker. Letztere lassen das nicht auf sich sitzen und demonstrieren öffentlich, wie sehr sie sich der Probleme annehmen. Das Publikum ist klug und merkt sich die Probleme. Es hat zwar keine Interessen, die eine Einmischung in den DDR-Staat begründen und somit "gebieten", weder will es da investieren noch regieren. Aber sein ganz priva- tes, nationalistisch gesinntes und m o r a l i s c h m i ß v e r s t a n d e n e s Einmischungsrecht berechtigt es zur Unzufriedenheit mit j e d e m "Schritt in die richtige Richtung, den die SED vollzieht - und den man "gestern noch" für ganz und gar "undenkbar" gehalten hat. Allerdings hat diese Anspruchshaltung des Volks ihre Tücken. Denn selbst dort, wo sich ein nationalistisches Volksbegehren zu Wort meldet und lauthals nach stärkerer politischer und ökonomischer Einflußnahme verlangt, sind es ja gar nicht s e i n e Berech- nungen, die da zum Zuge kommen. "Freie Wahlen" zu fordern und "Weg mit der SED!", das kann man bei Genscher, Kohl und Konsorten verstehen. D i e werden ja auch gewählt und ermächtigt, im Un- terschied zu den Wählern, in deren Namen machtvoll regiert wird. S i e regieren schließlich in die DDR hinein - aber doch nicht die Kreuzchenmacher! "Grundlegende Wirtschaftsreformen" zu for- dern und "Weg mit der Planwirtschaft!", das macht Sinn bei Ban- kern und Kapitalisten. Die wollen den Laden drüben schließlich übernehmen und sondieren deshalb die Bedingungen. Macht das ein Bürger?! Der ist und bleibt solchen Kalkulationen stets u n t e r w o r f e n, also die traurige Figur, die als Arbei- ter, Wähler und Steuerzahler nichts als D i e n s t e verrich- tet. Was DDR-Bürger sich bei alledem denken oder erhoffen, spielt gleichermaßen nicht die mindeste Rolle. Sie machen sogar noch eine Erfahrung besonderer Art. Die einmalige Gelegenheit, zwi- schen zwei Nationen auswählen zu können, hat so ihre Haken und Ösen. Denn ihre Sehnsucht nach gutem Geld und Gerechtigkeit, nach Köpfe-Rollen und Reisefreiheit, wird gleich doppelt bedient, wenngleich ein wenig anders als vorgesehen. Ihr kompromißloses Nein zu allen Rettungsmanövern der SED verschafft ihnen das zwei- felhafte Glück, von den Machern b e i d e r Staaten für d e r e n Interessen eingespannt zu werden. Parteien droben, alte und neue, rechnen sich ihre Chancen im derzeitigen Macht- kampf aus; und an allen hängen schon, brüderlich umschlungen, de- ren westdeutsche Betreuer. Das hat so manche Enttäuschung zur Folge. Politiker - hiesige zumal - und andere wichtige Figuren sind nicht gerade kompromiß- lerische Kantonisten. Gerade sie schrauben die Bedingungen für die Regierenden der DDR täglich höher. Aber sie wiegeln auch ei- niges ab. Sie wissen nämlich zu unterscheiden zwischen der öf- fentlichen Empörung über das "Ausmaß der Korruption" und einem soliden Devisengeschäft, das zu machen ist. Da staunt das Publi- kum und wundert sich: Während Schalck-Golodkowski auf der Fahn- dungsliste der SED erscheint und prompt von der Bonner Gästeliste gestrichen wird, war er einen Tag zuvor in seiner Eigenschaft als oberster Waffen- und Devisenhändler der DDR noch "ein gern gese- hener Gast in Bonn" bei seinen Kollegen - die Jahre vorher so- wieso. Das gibt gutgläubigen Untertanen zu denken. Die kriegen die Iden- tität zwischen ihrem privaten Nationalismus und den materiellen Interessen ihrer Nation nämlich nur über die m o r a l i s c h e Ü b e r t r e i b u n g der nationalen Rechtsposition zustande. Insoweit sind sie sehr undiplomatisch und kompromißloser als ihre Obrigkeit. Deren berechnende Gesichtspunkte erscheinen ihnen wie ein Verrat an der "gerechten Sache", ganz einfach deshalb, weil s i e nichts zu berechnen h a b e n. So erscheint der "10- Stufen-Plan" Kohls zur Annexion der DDR im Vergleich zu den öf- fentlichen Aufregungen wie eine einzige diplomatisch zurückhal- tende Besonnenheit. Und diese nationale Hochstimmung hat ihre Kehrseite. Bürger, die jederzeit bereit wären, die Mauer zu stürmen, melden an, daß sie sich vernachlässigt fühlen von ihrer N a t i o n, und nehmen das R e c h t in die eigenen Hände. Ihr Rechtsempfinden fühlt sich übervorteilt durch 100,- DM Begrüßungsgeld, das "denen" doch gar nicht "zusteht"; es fühlt sich verletzt durch die maßlos hy- sterische Anerkennung, die "die" doch gar nicht "verdient" haben. Deswegen werden sie in ihrem beleidigten Nationalismus rabiat, und die guten Deutschen entdecken neben "Zonis-Winken" ihr zwei- tes Hobby: T r a b i s - A n z ü n d e n! 4. Truppenbetreuung für die Statisten: -------------------------------------- Demokratische öffentliche Gleichschaltung ----------------------------------------- Leser der DDR-Presse machen sich womöglich keine Vorstellung vom Grad des humanistischen Niveaus der demokratischen Öffentlich- keit. Westfernseh-Gucker haben vielleicht wenigstens eine An- schauung davon. Ja, es ist wahr: Eine ganze Nation wurde hilfsbe- reit. Die "Bild"-Zeitung frohlockt und erscheint nach Öffnung der Mauer erst mal tagelang in schwarz-rot-goldenem Farbdruck, zeigt Honecker in Sträflingsmontur und veröffentlicht Namens- und Ver- brechenslisten, frisch angeliefert vom westdeutschen Stasi, an denen die drüben sich dann abarbeiten müssen. Als Fürsprecherin sozialistischer Kunst druckt sie ein Lied Wolf Biermanns ab, in dem dieser sein humanistisches Weltbild zu einer Pogrom-Ballade gegen Honecker & Genossen reimt. Vor dem Brandenburger Tor schla- gen Journalisten ihr Nachtlager auf weil sie ihr eigenes Gerücht von deren Öffnung abfilmen wollen. Bundesbürger, blöd wie sie sind, nehmen Urlaub. um bei der Öffnung dabei zu sein. Daneben und dazwischen Stimmen der "Besonnenheit": Keine Panik, keine Es- kalation! Das gilt den Leuten, die die ö f f e n t l i c h e H e t z e zu einem privaten Abenteurerstandpunkt ausarbeiten und ihren persönlichen Preßlufthammer mitbringen. - Primitiv und un- verantwortlich? Vorsicht! Das ist die Agitationsmethode der demokratischen Öf- fentlichkeit. So funktioniert der Nationalismus hier. Bei d e m sollte man besser nicht nach "rationellen und moderaten Tönen" suchen. Dann landet man nämlich beim "Spiegel", dem kritischen Blatt für die geistige Elite. Dessen Herausgeber Augstein dreht angesichts "der Ereignisse" endgültig durch, bekennt sich dazu, ein "Nationalist" zu sein, und träumt seit Wochen nur noch von Großdeutschland. S o geht sie, die Gleichschaltung der freien öffentlichen Meinung - dieses hohen Guts, das der DDR angeblich so furchtbar abgegangen ist. Sobald einer sich zur Sache, der Aufmischung der DDR, meldet und sich als Privater äußert, hat er zu der "Sache" keine andere Meinung als Ein- und Aufmischung. Eine eigene "Volksverhetzung" braucht's da nicht mehr. Sie gehört zum täglichen Geschäft. P.S. Kaum übergesiedelt oder auf Besuch herübergekommen wurden DDR- Bürger vor westdeutsche Kameras gezerrt und auf ihre Gefühlslage hin befragt. Die gaben sie bereitwillig zu Protokoll, und das war ein Fehler. Schämen sollten sich DDR-Bürger nicht, wenn sie sich von Besitzern von echtem Geld einladen lassen, weil sie keine Va- luta haben. Einen Anlaß zur D a n k b a r k e i t haben sie schon gleich gar nicht. S t o l z sollten sie aber auch nicht sein und darauf pochen, daß ihre Regierung Devisen herausrückt, damit man die Zeche selber bezahlen kann. Und b e g e i s t e r t über die öffentliche Anteilnahme an ihnen schon gar nicht. Die Rechnung, die ihnen aufgemacht wird, ist ja eine ganz andere. 227 Ob mit oder ohne "10-Stufen-Plan", das Programm der BRD ist klar: "Investitionen für Deutschland" ------------------------------- (Bundeskanzler Kohl) DDR-Bürger - und zwar solche, die dafür sind, wie die anderen, die dagegen sind - können es sich immer nicht so recht vorstellen oder wollen es jedenfalls lieber nicht; umgekehrt gehen BRD-Bewohner so fest davon aus, daß sie sich allenfalls über die mangelnde Sichtbarkeit der entsprechenden Fortschritte wundern: Die stückweise Aneignung des ehemaligen SED-Staats durch die west-deutsche D-Mark-Demokratie läuft. Sie läuft nicht per Ausverkauf von Meißener Porzellan und ost- deutschen Fußballspielern, sondern über Maßnahmen, die "Kapitalhilfe" heißen, "Hilfe" ganz groß geschrieben. Sie läuft auch nicht über wohlmeinende Ratschläge an die DDR-Bürger, wie sie ihren Staat "reformieren" sollten, geschweige denn über eine Beratschlagung mit ihnen - das wäre ja Bevormundung, die keiner will, und außerdem läßt es eine zielstrebige demokratische Poli- tik auf so unsichere Sachen wie "Dialog" und dergleichen nie an- kommen. Es werden F a k t e n geschaffen, die jeder einkalku- lieren, nach denen sich also jeder richten m u ß, der mit der DDR in Zukunft noch Staat machen will; Fakten also, die N o t w e n d i g k e i t e n stiften. Das Ziel dabei ist sehr klar; und daß es paradox ist, sieht die westdeutsche Bundesregie- rung als politische Herausforderung: Die bundesdeutsche Staatsrä- son, die auf Abschaffung der Eigenstaatlichkeit der DDR zielt, soll zur faktischen Geschäftsgrundlage der DDR-Staatsgewalt wer- den; und zwar so sehr, daß d e r ihre eigene Fortexistenz zum Hindernis für ihr Weitermachen wird. Einen Sachzwang für die vollständige Resignation einer souveränen Staatsgewalt herstellen: Wie geht sowas? 1. Das entscheidende p o l i t i s c h e Faktum ist mit der einzigartig offenen Grenze gesetzt - offen in dem Sinn, daß DDR-Bürger im westlichen Nachbarstaat umstandslos als Deutsche schlechthin und damit als Inländer gelten; und inzwischen hilft ja kein östlicher Nachbar mehr der DDR dabei, durch entsprechende Grenzkontrollen die Hoheit dieses Staates über seine "Angehörigen" zu wahren. Darüber hat die DDR-Führung die Kon- trolle über ihr Volk verloren; und mit der Öffnung ihrer Grenzen hat sie das auch als den unwiderruflichen Stand der Dinge einge- standen. In ihrem Bemühen, die unhaltbare Lage wieder haltbar zu machen, hat die SED sich auf dieselben antikommunistischen "Reformen" ge- worfen, mit denen die "Bruderparteien" im "sozialistischen Lager" ihre nationale Staatsmacht durchgreifend stabilisieren und schlagkräftiger machen wollen. Sie hat ihre verlogene Parteiräson von wegen "führende Kraft der Arbeiterbewegung" preisgegeben, ohne auch nur das leiseste Zögern auf die Alternative zu ver- schwenden, dieses Programm ließe sich womöglich noch irgendwie w a h r machen. Sie hat ihre sämtlichen Herrschaftstechniken storniert und von ihrem alten sozialistischen Führungsethos nur noch die Illusion bewahrt, sie müßte und könnte eine anerkannte Regierungsgewalt auf eine neu zu schaffende, rundherum unerzwun- gene Loyalität ihres Volkes gründen, wie sie nun wirklich keine Staatsgewalt der ganzen Welt genießt Als Mittel, um eine solche Loyalität zu werben, weiß die Partei nichts als die entschlossene Kriminalisierung ihrer Taten und Täter von gestern, so als könnte sie den Bürgern ihr Mißtrauen dadurch abkaufen, daß sie ihm vor- auseilend Recht gibt. Und weil das nicht bloß absurd ist, sondern auch noch nicht einmal klappen kann - es gibt ja sonst viele Ab- surditäten, die prima funktionieren -, reicht eine Führungsmann- schaft ihre Nicht-Kontrolle über das Volk an die nächste weiter, von der sie selber dann verurteilt wird, bis keine mehr will oder da ist. Wie auch immer dieser Überlebenskampf weitergeht: Die nationale Lösung, die bei den andern ehemals "real sozialistisch" regierten Staaten irgendwie allemal am Ende steht, die Durchsetzung einer neuen nationalen Herrschaft, gibt es für die DDR nicht. Denn es bleibt ja dabei, daß mit der offenen Grenze nicht nur die Macht der sozialistischen S t a a t s p a r t e i durch die BRD ge- brochen ist, sondern die Souveränität des "zweiten deutschen Staates" selbst. Und keine DDR-Regierung hat es im Griff wie sehr ihre prinzipielle Machtlosigkeit ihren potentiell ausreisewilli- gen Bürgern gegenüber sich auswirkt. Die Wirkungen kontrollieren kann allein die bundesdeutsche Seite, indem s i e den freien Zuzug bremst. Und da gibt es durchaus ein Stabilisierungsinteresse das sich in der Phrase äußert, man wolle "keine Wiedervereinigung i n der BRD". Der Wille, sich der DDR zu bemächtigen, zielt zwar auf die Entmachtung und letztlich die Abschaffung der dortigen Staats g e w a l t, aber nicht auf die totale Zerrüttung des Staats w e s e n s, was freilich schwer zu trennen ist. Die Bun- desrepublik hat aus dieser Schwierigkeit allerdings schon wieder ein Vorwärts-Programm gemacht. Das steht unter dem Motto, es müß- ten in der DDR "Bedingungen geschaffen werden, die es den Bürgern ermöglichen, gerne dort zu bleiben". Damit wird das Recht ange- meldet, die Lebensbedingungen im ehemaligen SED-Land umfassend zu gestalten - eben weil sich nur so die Sache mit der offenen Grenze und der existenzgefährdende Druck des massenhaften Ausrei- sewillens unter Kontrolle bringen ließen. Von der politischen Erpressung mit einer völligen Ruinierung der DDR, bewerkstelligt durch deren Bewohner. denen sich die BRD als Schutzmacht anbietet, wird also nichts relativiert oder zurückge- nommen. Rücksichtsvollerweise wird aber im Programm einer wirt- schaftlichen Angliederung, die "die Lebensverhältnisse der DDR- Bürger" in der von Bonn gewünschten Weise umgestaltet, auch für die Regierung der DDR eine Rolle vorgesehen. Die ist im Konföde- rationsplan der Bundesregierung deutlich genug angesprochen, näm- lich in der Forderung nach gemeinsamen Regierungskommissionen. Die haben ja wirklich nicht die Aufgabe, irgend etwas an der Bun- desrepublik zu verändern, sondern Zug um Zug die DDR herzurich- ten, also festzulegen, was die Staatsmacht in Ostberlin überhaupt noch kann, darf und zu erledigen hat. Zum erstenmal in ihrer 40jährigen Geschichte wird die DDR wirklich zum S a t e l- l i t e n einer Großmacht gemacht; und die zuständige Regierung hat das als ihre Existenzgrundlage zu akzeptieren, einfach weil sie in entscheidenden Souveränitätsfragen keine andere hat. Der deutschlandpolitische "Rahmen" für die wirtschaftliche An- gliederung der DDR steht damit. Aber damit geht es ja erst los. 2. In der produktiven Aneignung des Reichtums anderer Länder - ihrer Naturschätze, ihrer Arbeitskräfte, ihrer Arbeitsergebnisse - verfügen westdeutsche Weltpolitiker über reiche Erfahrungen, weil ihre kapitalkräftigen Unternehmer schon lange und erfolg- reich ihre Mittel und Methoden dafür einsetzen. Kapitalisten be- dienen das Interesse an Waren und an international verwendbarem Geld, an der Entfaltung bzw. dem Aufbau von Produktionsstätten in einem Land, an Krediten und überhaupt an einer Teilnahme am Welt- markt, indem sie es für die Vergrößerung ihres Reichtums ausnüt- zen Für diesen lohnenden "Dienst" bestehen sie allerdings auf der Freiheit ihres Vermögens, vor allem auf Schutz ihrer Investitio- nen vor jedem politischen Zugriff sowie auf der Garantie, den an- gelegten wie jeden verdienten Reichtum in Form von universell verwendbarem Geld wieder abzuziehen, wenn sie es wollen; sonst gehen sie gar nicht erst hin. Für die Herstellung dieser Ge- schäftsbedingungen sorgt die Diplomatie ihrer Heimatländer; Au- ßenpolitiker machen ihren Kollegen anderswo klar, daß zu den un- erläßlichen "sachlichen" Voraussetzungen jeglichen Geschäftsver- kehrs die Bereitschaft gehört, dem Partner umfassende Rechtsposi- tionen im eigenen Land zu verschaffen. Auf diese Rechte müssen die Machthaber aus den kapitalistischen Ländern überall achten, damit die Lebens- und Überlebensbedürfnisse fremder Staaten auch immer hübsch in Einklang bleiben mit den Geschäftsinteressen, die sie diplomatisch betreuen. Damit leisten sie dem anderen Staat nach eigener, maßgeblicher Auffassung schon wieder einen Dienst, der sie zu Forderungen an den Machtgebrauch ihrer Kollegen über- haupt berechtigt; mangelndes Entgegenkommen von deren Seite scha- det schon wieder dem Geschäft und damit deren eigenem Interesse. "Abhängigkeit" darf man das nicht nennen - nur so herum, daß Staaten mit weltweit ausgreifender Wirtschaftstätigkeit wie die BRD von zahlreichen anderen Staaten "abhängig" sind und deswegen nicht bloß das Recht, sondern die nationale Pflicht haben, Garan- tien für die bedingungslose politische Zuverlässigkeit dieser fremden Mächte zu schaffen. So sorgt am Ende der dezente und manchmal gar nicht dezente Hinweis auf die militärischen Kräfte- verhältnisse in der ordentlichen Welt von heute dafür, daß alle ihre souveränen Mitglieder ihre nationale Interessenslage richtig einzuschätzen wissen und handhaben. So geht moderner Imperialismus; und so hat er sich auch sehr gut gegen den Zusammenhalt des ehemaligen "Ostblocks" und den abwei- chenden Gebrauch staatlicher Macht durch die "realsozialisti- schen" Staaten bewährt, obwohl die letzte Sicherheit im Umgang mit ihnen nicht vom weltpolizeilichen Standpunkt aus gewähr- leistet werden konnte, sondern auf dem einigermaßen unhandlichen und prekären Instrument der "nuklearen Abschreckung" beruhte. Dank östlichem Entgegenkommen hat das dafür gereicht, daß vor allem die BRD sich mit ihrer Ostpolitik diese Staaten als ökonomische und politische Einflußsphäre auftun konnte. Das Be- dürfnis nach Geld, Kredit und politischem Entgegenkommen aus Westdeutschland ist schon längst zum festen Bestandteil der Staatsräson der "Ostblock"-Länder geworden und hat sich zuerst in Ungarn und Polen als sehr viel gewichtiger erwiesen als die "Interessen der Arbeiterklasse", denen die an die Macht gelangten Sozialisten ihre Staatsgewalt feierlich gewidmet hatten. Inzwi- schen ist diese Widmung allenthalben gestrichen worden, und die BRD betreut die ehemaligen "Volksdemokratien" auf ihrem noch nie begangenen Weg vom "realen Sozialismus" ohne produktives Privat- eigentum und dazugehörige Klasse hin zu einer richtigen Klassen- gesellschaft unter dem ökonomischen Machtmonopol des Kapitals und dem politischen Gewaltmonopol eines Staates, der national und weltoffen und sonst gar nichts ist. Diese Betreuung ist auch sehr nötig. Denn seit kein politischer Eigensinn auf östlicher Seite mehr ein Hindernis bietet, hat sich erst richtig das Problem herausgestellt, daß ein sozialistischer "Markt" schon allein wegen dem geschäftsuntauglichen Geld, das es da bloß zu verdienen gibt, kein geeignetes Feld für Kapitalisten ist; die H e r s t e l l u n g eines richtigen kapitalistischen Marktes ist aber auch nicht Sache derer, die m i t ihm Geld verdienen wollen und sonst nichts. So etwas ähnliches wie die Ko- lonisierung Osteuropas müßte her; doch muß dafür der "sozialistische Markt" eigentlich erst völlig verschwinden, weil er den Neuaufbau eines nationalen Arbeiterbenutzungssystems unter dem Kommando der kapitalistischen Konkurrenz sonst stören würde. Es ist eben schwieriger, nicht bloß Kapital, sondern den Kapita- lismus zu exportieren; und wenn dieser Export sich gleich von Be- ginn an für die Geschäftswelt l o h n e n soll, wird die Her- ausforderung für die kapitalistische Zentrale Europas noch viel interessanter. Denn auf der anderen Seite steht ja, bei allen Schwierigkeiten, unwiderruflich fest, d a ß die Sache durchgezogen wird. Die ehemaligen Mitgliedsländer und Staatsparteien des "sozialisti- schen Lagers" haben ihren Nationen kompromißlos den Anschluß an den westlichen Weltmarkt als Erfolgsweg verordnet und im Vorgriff darauf ihren bisherigen volkswirtschaftlichen Laden dermaßen in Frage gestellt oder sogar schon zugrundegerichtet, daß der Westen an der Zuverlässigkeit seiner östlichen Partner nicht mehr zu zweifeln braucht. S e i n Interesse an geschäftstüchtiger Einmischung und an der Herstellung ökonomischer Satelliten kommt ihm als Antrag auf Hilfe von drüben entgegen. 3. Das ist in der DDR nach der "Wende" im Prinzip nicht anders; und genau da liegt für die BRD das spezielle Problem. Denn was in den anderen Fällen den festen und zuverlässigen Anknüpfungspunkt für kapitalistisches Herumfuhrwerken bietet: das neu definierte nationale Selbsterhaltungsinteresse dieser Staaten, das jede "real-sozialistische" Rücksichtnahme auf die Selbsterhaltungsin- teressen der werktätigen Mannschaft abschafft - genau das hat einen Haken für die Politik der Vergrößerung der BRD. Schließlich soll die DDR nicht als kapitalistischer Zweitstaat neugebaut, sondern unter die richtige deutschnationale Hoheit geholt, als eigener souveräner Quasi-Nationalstaat liquidiert werden. Eine erstklassige Gelegenheit für den bundesdeutschen Imperialis- mus ist also da - zumal mit der Devisenfrage, die durch die Flüchtlingswelle und ihre "Bewältigung" zur wichtigsten Aufgabe der Wirtschaftspolitik geworden ist. Die DDR will sehr entschie- den durch Einsatz bundesdeutschen Kapitals in ihrer Gesellschaft weltmarkttaugliche Zahlungsfähigkeit erlangen. Für die Bundesre- publik jedoch ist diese weitere Gelegenheit zum Kapitalexport in diesem Falle nicht das Wahre. Das DDR-Ersuchen um weitgehende K o o p e r a t i o n ist eben nicht der reguläre Anschluß des anderen deutschen Staates. Dazu muß die "gutnachbarschaftliche Zusammenarbeit" erst gemacht werden. So werden erstens, wie für alle ehemaligen "Ostblock"-Staaten, "politische und ökonomische Reformen" gefordert, ganz sachlich und unpolemisch als Bedingung dafür, daß "die Hilfe greifen kann". Selbst wenn die Forderung auf "freie Wahlen", "Pluralismus" und sonstiges Menschenrechtliche lautet, ist der sachliche Zusammenhang klar: Es geht um einen nach Form und In- halt n e u e n A u f t r a g f ü r d i e S t a a t s- g e w a l t. Die soll sich nicht mehr planend um die ökonomische Lage ihrer Gesellschaft kümmern und allen Reichtum an sich ziehen und dessen Verteilung wie Anwendung nach überholten, weil gescheiterten Gesichtspunkten regeln wollen - dies der frühere Auftrag, den die Parteien des "realen Sozialismus" sich im Namen der Arbeiterklasse erteilt und mit dem sie ihr Machtmonopol begründet haben. Die Regierung drüben soll vielmehr die nötigen Gesetze und Einrichtungen dafür schaffen, daß das kapitalistische Eigentum sich nach seinen Erfolgskriterien ökonomisch betätigen kann und sonst nichts und niemand. Trennung ist verlangt zwischen der Gewalt, die das Eigentum als grundlegendes gesellschaftliches Zwangs- und Rechtsverhältnis schafft und garantiert, und dem öko- nomischen Gebrauch des Eigentums als Kommando über Arbeit und Reichtum. Ein "Sich-Heraushalten" der Staatsgewalt, wie die bür- gerliche Staatsideologie es hinstellt, ist die Einrichtung dieser neuen ökonomischen Zwangsverhältnisse nicht, auch wenn die Regie- rung damit ihre Zuständigkeiten einschränkt; und eine Entmachtung des nationalen Souveräns ist es erst recht nicht. Genau das soll aber im Fall der DDR herauskommen Der BRD jeden- falls geht es genau darum, der DDR-Regierung ihre Hoheit über das wirtschaftliche Geschehen in ihrem Land zu e n t z i e h e n. Nicht nur eine im kapitalistischen Interesse n ü t z l i c h e Staatsgewalt ist verlangt, sondern eine m a t e r i e l l e n t m a c h t e t e. Deswegen besteht die bundesdeutsche Seite zweitens darauf, daß die Kriterien für "zeitgemäßes" kapitalisti- sches Wirtschaften drüben - die Neuerungen in der Eigentumsfrage, im Steuerwesen, in der Gewinnverwendung, im Kreditgeschäft usw. - mit i h r ausgehandelt werden und daß sie als Garant der rich- tigen politökonomischen Verhältnisse im Spiel bleibt. Entschei- dend ist freilich weniger die Übernahme bundesdeutschen Rechts als die Regelung des Devisenbedarfs, den die DDR-Seite anmeldet. Kredite zu freier Verfügung für "realsozialistische" Ökonomen kommen für die BRD von vornherein nicht mehr in Frage; die DDR- Regierung ihrerseits will auch mehr und besseres als einfach neue Schulden. Beide Seiten denken - allerdings mit ziemlich entgegen- gesetzter Perspektive! - an eine "Stützung" der DDR-Mark durch die D-Mark: an einen festen, für die DDR-Wirtschaft nicht allzu katastrophalen Wechselkurs zwischen beiden Währungen, den nicht die DDR zu verteidigen braucht, was sie sowieso nicht könnte, sondern den die Frankfurter Bundesbank bzw. die Bonner Regierung gewährt und festhält. Für die Gründung und Bestückung eines ge- meinsamen deutsch-deutschen D-Mark-Fonds, der Touristen aus der DDR ihr Geld in einem annehmbaren Verhältnis wechselt, wird eine solche Stützung bereits im Advent '89 beschlossen. Eine generelle, quasi geschenkte Anbindung der DDRMark an das westdeutsche Weltgeld gehört allerdings ins Reich der letzten "realsozialistischen" Wunschträume. Die bundesdeutsche Seite je- denfalls hat überhaupt keinen Grund, für irgendwelche Wechsel- kurse zu sorgen und dabei der DDR die freie Verfügung über ihr so in seinem Wert garantiertes Geld zu lassen. Wenn auch nur die kleinste Stützungsaktion zur Herstellung eines irgendwie respekt- ablen Außenwerts der DDR-Währung zustande kommt, dann ist sie identisch mit der Übernahme von Verfügungsrechten darüber, was überhaupt mit der DDR-Mark in der DDR und anderswo passiert. Das ist eine unverrückbare B e d i n g u n g für jede Art Garantie; das ist umgekehrt ein Weg, um der DDR-Regierung, solange es die noch gibt, die Hoheit über ihr eigenes Geld, seine Ausgabe und seine Verwendung von Staats wegen, zu e n t z i e h e n: ein "Austausch" von Währungshilfe gegen Verfügung über ökonomische Verhältnisse wie über ihre Erträge. Damit dieses "Geschäft" in Fluß kommt, hat die bundesdeutsche Seite drittens noch einiges zu tun, um die Bedarfslage auf der anderen Seite zu verschärfen. Es wird allerdings auch kein Pro- blem sein, den Devisenmangel immer fühlbarer zu machen. Schon die offene Grenze tut da ihre Dienste. Jedes Stück "Hilfe" für die Produktion in der DDR schafft neue Geldbedürfnisse Und immer mehr hängt die Regelung des Bedarfs von der BRD ab; von den Fonds, in die s i e D-Mark einzahlt, von den Investitionen, die sie ver- mittelt; von den Garantien, die s i e dafür ihren unterneh- mungslustigen Kapitalisten gibt. Damit gerät die Geldhoheit der DDR-Regierung wie von selbst in die Rolle eines H i n d e r n i s s e s für den allseits erwünschten Fortschritt der DDR-Wirtschaft und für ihren Weltmarkterfolg; ihre Selbstän- digkeit macht sie unnütz, geradezu zur Störung für das, worum es ihr selber geht. Denn schließlich ist die selbstlose Finanzierung eines souveränen Bankrotteurs wirklich nicht zu erhoffen; umge- kehrt fließen die Investitions-Milliarden in dem Maße, wie die Ostberliner Regierung ihre letzten geldpolitischen "Kommando- höhen" räumt. So wird der ganze "realsozialistische" Laden reif gemacht für die Übernahme durch die D-Mark-Ökonomie: nicht durch das, was viele DDR-Bürger sich als "Ausverkauf" vorstellen, durchs Verschleudern eigener Reichtümer, sondern indem die staatliche Hoheit, die im nationalen Geld nun einmal drinsteckt, über das Devisenproblem selber und sogar f ü r s i c h s e l b e r zum Problem ge- macht wird. Und das Volk, das den Unterschied zwischen richtigern und DDR- Geld schon begriffen hat, als noch die alte, "realsozialistisch" sattelfeste Obrigkeit ihre Intershops betrieb, wird auf die Tour endgültig reif gemacht fürs Überlaufen - sofern es das nicht längst ist und allenfalls noch nicht weiß, daß seine herkömmli- chen Ressentiments gegen die reichen D-Mark-Vettern schon das- selbe sind wie der dringliche Wunsch, auch so jemand zu werden. Am Ende muß es in seinem "Heim-ins-Reich"-Fanatismus womöglich sogar durch die BRD-Regierung noch g e b r e m s t werden, da- mit die Annexion der DDR sich geregelt, ohne unnötige Unkosten und ökonomische Verluste und unter Wahrung der unerläßlichen au- ßenpolitischen Rücksichten durchziehen läßt. Das Ideale wäre freilich, mit einem Schlag die Hoheit der Bundes- regierung über die DDR zu regeln. Das B e d ü r f n i s nach einem solchen "Grundlagenvertrag" ist jedenfalls schon vorhanden. Die Idee vom "europäischen Haus" und ihre ----------------------------------------- imperialistische Wirklichkeit ----------------------------- Vor ein paar Jahren hat der damals noch neue Kreml-Chef Gor- batschow die Welt mit seinem "neuen Denken" überraschen wollen. Er hat zum Ausdruck gebracht, was ihm am internationalen Leben alles mißfällt. Aber auch Visionen darüber, wie schön alles sein könnte. Für den Teil der Landkarte, in dem seit Herbst 1989 eine Automarke namens "Trabant" den grenzüberschreitenden Verkehr do- miniert, ist ihm die Idee gekommen, ein "europäisches Haus" ein- zurichten. Das Bild steht für ganz viel G e m e i n- s a m k e i t, für ein organisiertes Miteinander der in Europa seßhaften Völker und der Staaten, denen sie unterstehen. Und selten hat ein sprachliches Kunstwerk so viel Anklang gefunden wie diese Schöpfung eines kommunistischen Generalsekretärs. Seitdem tragen Politiker aller Länder ihre Einwände gegen fremde Nationen durchgängig mit dem Hinweis vor, daß das, was die ande- ren machen, doch wohl kein Beitrag zum Bau des "gemeinsamen euro- päischen Hauses" sei. Selbst dem Urheber wurde sein Einfall dau- ernd um die Ohren gehauen; in fast allen diplomatischen Begegnun- gen wurde er daran erinnert, daß gerade e r, der Visionär eines Europa ohne Gegensätze, sich und die Politik seiner Nation noch ganz schön umstellen müsse, um Gemeinsamkeit herzustellen. Zwi- schen den Nationen knistert es wie eh und je, aber die A u s t r a g u n g i h r e r G e g e n s ä t z e vollziehen sie unter Berufung auf das Ideal eines gemeinsamen Werkes, dem Gorbatschow einen so schönen Namen gegeben hat. Solange die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze noch eine Forde- rung war, kam sie unter Zuhilfenahme des Bildes vom Haus so da- her, daß "offene Türen" verlangt wurden. Seit mit der Öffnung der Grenze wohngemeinschaftsähnliche Zustände eingeführt sind, werten zwar Kommentatoren mit einem Hang zum Schöngeistigen in der Poli- tik die "menschlichen Begegnungen" als einen Fortschritt - im Bau des Hauses. Und auch manche Politiker gefallen sich darin, diese literarische Deutung der Angelegenheit zum besten zu geben. Auf diese Weise fordern sie das in den Medien gepflegte und so wun- derbar volkstümliche Verständnis des Geschehens: Die massenhaften Einkaufsbummel und Besuche, das Reisen und die mehr oder minder ausgeprägten Gefühle von Freiheit und Kennenlernen - d a s sei die eigentliche Sache und ihre berauschende Großartigkeit dazu. Und die Politik rangiert dabei als das Kunsthandwerk, welches dem Volk hier wie dort die Möglichkeit verschafft, ganz menschlich im europäischen Haus zu lustwandeln. Unübersehbar jedoch ist die Geschäftigkeit, die mit dem ach so m e n s c h l i c h e n V e r k e h r in deutschen Landen Ein- zug in die große Politik gehalten hat. Die zahlreichen Begegnun- gen, die da den V e r k e h r z w i s c h e n S t a a t e n so enorm beleben, lassen keinen Zweifel daran, daß das anhei- melnde Verbrüderungswesen in germanischen Fußgängerzonen sehr we- nig davon verrät, w o r u m e s g e h t. 1. Deutsabland-West trifft Deutschland-Ost ------------------------------------------ Die deutschen M e n s c h e n sind zwar nicht zugegen, stehen aber wenigstens insofern ein wenig im Mittelpunkt, als es um das G e l d geht, das sie künftig bei ihrer Reiselust zur Verfügung haben. Der dabei anfallende Bedarf ist allerdings in dem Sinn nicht das Thema, weil die Vertreter der beiden deutschen Nationen andere Rechnungen aufmachen. Ob und wieviel Reisegeld künftig den DDR-Bürgern zur Verfügung steht, kommt zwar darüber auch heraus; aber eben als Abfallprodukt von Verhandlungen. in denen die DDR- Seite ihre Devisen nachzählt und feststellt, daß sie knapp sind - während die Abgesandten der BRD trotz Überfluß an gutem Geld nichts zu verschenken haben. Sie drängen die DDR zu einem "substanziellen Beitrag" für die Bestückung des Devisenfonds für die "Reisetätigkeit" - und wirken überzeugend. Vor allem mit An- geboten, in denen sie der DDR Gelegenheiten verschaffen, sich De- visen zu erwirtschaften. Damit ist das eher nebensächliche Pro- blem der Bemessung des Konsums ersetzt; und zwar durch den Scha- cher über G e s c h ä f t e, deren Gelingen noch allemal si- chergestellt sein muß, soll etwas in die Reisekasse kommen. Darüber herrscht E i n i g k e i t, nicht so über die Ge- schäfts b e d i n g u n g e n. Gestritten wird über Koope- rations- und Investitionsabkommen, über Fragen der Besteuerung und des Gewinntransfers - und das sind alles Fragen, wie sehr sich die gemeinsamen Unternehmungen für welche Seite lohnen. Die G e g e n s ä t z e bestimmen die Tagesordnung, und sie verschwinden auch nicht mit der Unterschrift unter die Verträge. Daß die Vorteile der einen Seite die Nachteile der anderen sind, wissen die Beteiligten. Deutschland-West weiß dem ökonomischen Schacher noch manchen politischen Preis hinzuzufügen in der Ge- wißheit, daß der Bedarf der DDR-Seite nach ökonomischer "Zusammenarbeit" ziemlich akut ausfällt, setzen die Repräsentan- ten der BRD Bedingungen, die sich auf die innenpolitischen Macht- verhältnisse im anderen Staat erstrecken. Deutschland-West mischt sich also handfest ein, weil es über Mittel dazu verfügt. Nicht nur über Geld, auch über eine politische Waffe. Der Volkszorn, Marke DDR, ist ein Bestandteil der politischen Kultur West- deutschlands, und vor ihm ist auf absehbare Zeit keine DDR-Regie- rung sicher. So sieht es im deutschen Stockwerk des "europäischen Hauses" aus, obwohl auf dieser Etage noch alles unter dem Motto "Vertragsgemeinschaft" läuft. "Noch" deswegen, weil die eine Mie- terpartei eigentlich vorhat, der anderen das Recht, eine eigene Partei zu sein, zu nehmen. Während der eine Staat in den Beziehungen zum anderen seine Exi- stenzbedingungen zu bewahren und wieder herzustellen versucht, strengt der andere die Untergrabung eben dieser Existenzbedingun- gen an. Die für den Abschluß von Verträgen notwendige Anerkennung vollzieht er erklärtermaßen nur aus der N o t einer L a g e, die ihm sein Recht nicht zu vollziehen gestattet. So verfolgt er sein Ziel über den Umweg einer vorläufigen und ständig dementier- ten Anerkennung des "Partners" DDR, weil er sich so zum Nutznie- ßer wie zur Kontrollinstanz der wirtschaftlichen Mittel hinarbei- tet, die der anderen Nation zu Gebote stehen. Fazit: In gewissen Abteilungen des "gemeinsamen europäischen Hauses" besteht man darauf, daß nicht allen das gleiche Recht zu- steht. Man bekennt sich dazu, daß sich Rechte von den Machtmit- teln ableiten und Erpressung der Hausordnung nicht widerspricht. 2. Deutschland-West trifft Europa --------------------------------- Bürger der DDR sind weder anwesend noch von Belang. Auf der Ta- gesordnung ist nämlich die "Deutsche Frage", natürlich im "europäischen Rahmen". Dieser Rahmen umfaßt eigenartigerweise nur die eine Hälfte Europas, die sich schon lange vor Gorbatschows Idee vom Haus den Titel "Europäische G e m e i n s c h a f t" zuerkannt hat. Mitglieder dieser Gemeinschaft, aber nicht alle, werden von Deutschland-West daraufhin befragt, ob ihnen eine Wie- dervereinigung Deutschlands genehm sei. Dieselben deutschen Poli- tiker, die ihre Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Staat um dessen Zukunft so führen, daß sie sich mit ihm zusammensetzen, konsultieren ihre Partner recht seltsam. Sie präsentieren ihnen nicht den Stand und die Schwierigkeiten ihrer Händel mit der DDR, sondern nehmen das Ziel ihrer Wünsche vorweg. um es absegnen zu lassen. Oder auch nicht, so daß die BRD-Führung weiß, ob sie von den Mitbewohnern des bereits fertigen Hauses Europa-West Schwie- rigkeiten zu gewärtigen hat. Das ist interessant. Die Trabis stehen im Stau, denken sich nicht viel dabei - und in London und Paris kämpfen Bonner Politiker um die Lösung der deutschen Frage. Die Begründung dafür ist ebenso fadenscheinig wie durchsichtig. "Nur in europäischem Rahmen mög- lich" vermeldet Genscher, "kein Alleingang" befindet Kohl, so daß jedermann merkt, daß auch in der westeuropäischen Hütte nicht al- les eitel Harmonie ist. Die von Bonn angestrebte Verfügungsgewalt über 108173 km² und 17 Millionen Geschwister gefällt den Partnern gar nicht so ohne weiteres. Sie sind nämlich auch K o n k u r r e n t e n, die sich mit der BRD über Import und Export, zunehmend vor allem über "Standortfragen" streiten. Sie wissen, daß sie schon jetzt im Kampf um Anteile ihrer Nation am internationalen Geschäftsleben der BRD nicht recht gewachsen sind. Und sie befürchten, daß die Verwandlung von Teilen der sich auflösenden Baracke Europa-Ost in ein Betätigungsfeld des Kapi- tals ganz dem westdeutschen Staat und seiner DM zugutekommt. Des- halb ist jeder Partner für sich geteilter Meinung. Die guten Eu- ropäer sind als Mitglieder des Bündnisses, das ihren Geschäften Sicherheit verleiht, für jede Zersetzung des Ostblocks zu haben. Politisch und militärisch eint sie der Wunsch nach durchlässigen Grenzen und freiem Markt überall - unter dem Schutz ihrer NATO wollen sie auswärts ihre Geschäftsmittel erweitern. Als ebenso guten Nationalisten paßt es ihnen allerdings nicht, wenn der Zu- wachs an gewinnbringendem Volk und Material vornehmlich, wenn nicht ausschließlich, im Bonner Bruttosozialprodukt landet. So haben Bonner Politiker wegen der "Deutschen Frage" ganz andere Probleme zu bewältigen. Sie müssen darauf achten, daß der europä- ische Geist-West der deutschen Sache zustimmt, daß der nationale Egoismus seinen Einspruch zurücknimmt und einsieht, daß er den Partner BRD und seine DM nötig hat. Fazit: Im gesamteuropäischen Haus, das es nicht gibt, ist die eine Hälfte schon fertig. In ihr wird konkurriert, die dabei er- zielten nationalen Erfolge schlagen sich in Macht nieder, die sich nicht bremsen läßt. Sie tritt als unveräußerliches Recht auf, auch und gerade dann, wenn es um östliche Anbauten geht. Die Unterordnung unter dieses Recht, und nur sie, erzeugt jene eigen- tümliche Harmonie, zu der Nationen fähig sind. Um diese Harmonie, die auf einer entschiedenen Hierarchie beruht, ist es bundesdeut- schen Politikern zu tun, wenn sie mit Gorbatschow über das ge- samteuropäische Haus Konversation treiben. Der merkt das nicht, hält ganz viel von Zusammenarbeit, ermuntert seine aus der Breschnew-Doktrin entlassenen Satelliten zur Öffnung - und wun- dert sich, daß aus seiner Idee bei allem Anklang nichts Rechtes wird. 3. Deutschland-West trifft USA ------------------------------ Rostock und Leipzig sind nicht anwesend, da die "Deutsche Frage" zur Debatte steht. Die Mächtigen der Weltmacht USA sehen, was die Konkurrenz auf dem Felde der Anlagesphären angeht, nichts Neues. Das kommt nicht daher, daß ein erweitertes Deutschland-West keine zusätzliche Unordnung in die amerikanischen Bilanzen bringen könnte. Die Weltmacht Nr. 1 betrachtet den Vorstoß der BRD als nützlichen Beitrag zur Erweiterung der Weltordnung. Insofern be- glückwünscht sie Kanzler und Genscher erst einmal grundsätzlich zur Renovierung von Checkpoint Charlie. Auch ein herzliches 'Weiter so!' haben sie für ihren Frontstaat übrig. Nur ein Vorbe- halt belebt die Gespräche. Er betrifft die L a g e, die da ver- ändert wird, wenn - entgegen geläufigen Szenarios - nicht die Russen kommen, sondern die Westdeutschen hingehen. Im Grunde weiß nämlich sogar ein Ami, dem es beschieden ist, seine Nation zu führen, daß die G e f a h r, die in der Veränderung liegt und der er sich mit seiner Nation zu stellen hat, dieselbe ist wie die, für die er die NATO geschaffen hat. Deshalb will man im Wei- ßen Haus und im Pentagon den Überblick behalten, also von den Westdeutschen gründlich und regelmäßig konsultiert werden. Schließlich hängt die Fortsetzung der durchaus begrüßenswerten Zersetzung des Ostblocks - in den anderen Filialen ist ja auch noch was los - von der russischen Duldung ab. Deswegen will man in Washington erstens, daß die Kapitalisierung Osteuropas ihren Fortgang nimmt, weil dann der Russe keine Bündnispartner mehr hat. Zweitens soll das Ausmaß wie das Tempo der Einmischung durch den B ü n d n i s p a r t n e r nicht so provokativ ausfallen, daß die Berechenbarkeit und Kontrolle der Verhältnisse für die A u f s i c h t s m a c h t entfällt. Fazit: Die "Deutsche Frage", die sich für manche Menschen zwi- schen Plauen und Hof abspielt, für andere am "Runden Tisch" mit frisch aus der Taufe gehobenen Parteien in Berlin-Ost, ist - wun- dersamerweise - ein Kalkül der deutsch-amerikanischen Sicher- heitspartnerschaft. Daran hat Gorbatschow auch nicht gedacht, daß sein g e m e i n s a m e s Haus auf einem Terrain stehen soll, auf dem andere globale Eigentums- und Zuständigkeitsfragen ent- scheiden wollen. 4. Deutschland-Ost trifft Sowjetunion ------------------------------------- Diese Begegnungen gehörten Ende des Jahres 1989 zum Schlech- testen, was sich in der Geschichte der Diplomatie je ereignet hat. Der Grund ist einfach: Die DDR-Bürger waren zwar nicht zugegen, aber insofern präsent, als sie daheim dafür sorgten, daß der Vertreter des DDR-Staats diesen, d.h. seine Sache, nie so richtig vertreten konnte. Insofern ging es zwar um die "Deutsche Frage", aber mehr im Sinn der Klärung einer Verlegenheit: Wer kann inskünftig die DDR stabil regieren und vertreten? Geklärt werden muß aber auf jeden Fall, ob die Sowjetunion ihren Frontstaat als solchen behalten und halten will. Ob sie den Ver- such dieses Staates, sich ausgerechnet beim gegenüberliegenden Frontstaat die Mittel seiner Reform zu beschaffen, billigt. Ob sie mit Gorbatschow (hält der eigentlich noch lange?) darauf be- steht, daß "jedem Staat und jedem Volk die Entscheidungsfreiheit über den Weg seiner sozialen und politischen Entwicklung zuer- kannt wird". Was von den überkommenen umfangreichen wirtschaftlichen Beziehun- gen aufrechterhalten wird, mit welchen Lieferungen zu welchen Weltmarkts- bzw. RGW-Preisen geliefert wird, ist ebenfalls ent- scheidend. Darf die DDR im Zuge ihrer Perestrojka alles - oder nur alles außer den Warschauer Pakt verlassen? Wie gesagt, diplo- matische Veranstaltungen, die von einer drückenden Ungewißheit belastet sind. Fazit: Soweit es beim Bau des gemeinsamen europäischen Hauses auf seinen Erfinder ankommt, ist gründliches Chaos angesagt. 5. Deutschland-West trifft Sowjetunion -------------------------------------- Dresden und Gera glänzen durch Abwesenheit. Genscher trägt die "Deutsche Frage" vor. Er versichert, daß die Kolonisierung der DDR sich gegen nichts und niemanden richtet, im übrigen auf den alleinstehenden, aber respektablen Wunsch aller zwei deutschen Völker zurückgeht. Alle Ähnlichkeiten mit anderen Geschichten, bei denen die Interessen Dritter oder der Sowjetunion verletzt wurden, sind rein zufällig. Der Russe begrüßt entschieden die Fortschritte einer "Politik der Annäherung", weil sie von der Einsicht in die Notwendigkeit eines gemeinsamen europäischen Hauses künden. Unangenehm wäre ihm nur, wenn deutsche Sonderschichten beim Bau eine "Destabilisierung Eu- ropas" hervorrufen würden. Fazit: Im Namen des europäischen Hauses hat die Sowjetunion ihre Reizbarkeit zwar nicht verloren, aber ihre Toleranz ist gewach- sen. So beschließt Genscher, Fakten zu schaffen. Die "Deutsche Frage" nimmt ihren Lauf, VW, Deutsche Bank, Lufthansa und viele süße kleine mittelständische Unternehmen langen zu, so daß auch der neue Denker oder sein Nachfolger seinen Respekt nicht verwei- gern kann. Es sei denn, ihm fällt plötzlich doch auf, daß das reale europäische Haus nur auf Kosten der Sowjetunion immer grö- ßer wird. 6. USA treffen Sowjetunion -------------------------- Kein Deutscher weit und breit, nicht einmal ein Politiker. Letz- tere haben ihre Lügen und Anträge abgegeben. Die beiden Welt- mächte verständigen sich schlecht und recht darüber, wo das hin- führen soll, mit dieser "Deutschen Frage". Das heißt, die Ameri- kaner testen - wie sie es von der Rüstungsdiplomatie her gewohnt sind - den Grad der russischen Nachgiebigkeit. Sie versichern den Sowjets, daß sie es bedauern würden, wenn es im laufenden Prozeß der Erneuerung im Ostblock zu Rückfällen kommen würde. Das wäre, so die Russen, auch ihnen nicht recht. Ihnen käme deswegen auch ein bißchen echte Abrüstung in Wien, Genf und anderswo durchaus zupaß. Worauf die Amis vermerken, daß eben besagter Rückfall aus- geschlossen sein müßte. Die Russen, nicht faul, zitieren ihre Worte und Taten, die beweisen, wie ernst sie es mit Zusammenar- beit und Frieden meinen. Destabilisierung allerdings würden sie nicht zulassen. Der Präsident verlangt noch ein bißchen mehr Zu- rückhaltung der Russen in anderen Weltgegenden, weiß zwar, daß sich die Sowjetunion viel mehr gefallen läßt als früher, weiß aber nicht genau, wo die Schmerzgrenze beim europäischen Haus und bei der "Deutschen Frage" liegt. Die Initiative der BRD wird schon zeigen, wann es kritisch wird. Deswegen bleibt in der NATO alles beim alten, man muß ja, heute mehr denn je, auf alles ge- faßt sein... Fazit: Währenddessen stauen sich Tausende von Trabis an der offe- nen deutschen Grenze. Ohne die geringste Ahnung davon, welche Be- deutung sie haben. Friedliche Eroberung? --------------------- 1. Völker, die G r e n z e n n i e d e r r e i ß e n wollen, sind k r i e g s b e r e i t. Gewöhnlich folgen sie ihrem Staat, dessen Interesse sich mit der Macht eines anderen Staates nicht verträgt. Dieses Interesse nehmen sie als Recht; für es zu kämpfen ist ihre Pflicht. Im Fall der DDR liegen die Dinge etwas anders. Das Volk der DDR will - zu einem erheblichen Teil - die Grenzen d e s e i g e n e n S t a a t e s niederreißen. Sie galten ihm als d i e Schranke, die sich mit seinem Interesse nicht ver- trägt. Gegen den erklärten Willen ihrer Obrigkeit ist es vielen DDR-Bürgern gelungen, zu fliehen und sich einem anderen Staat zu unterstellen. Dieser Staat, die Bundesrepublik, hat mit ihrer Einbürgerung sein Recht darauf bekräftigt, die Grenzen der DDR zu beseitigen. Jetzt ist sie weg, die Grenze zur DDR - deren Macht, sie zu si- chern, gebrochen. Das Ganze hat den Namen "friedliche Revolution" bekommen - zu Unrecht. 2. Wegen des E r g e b n i s s e s seiner Taten - die Macht des SED-Staates ist tatsächlich gebrochen - hat sich das Volk der DDR das Kompliment eingehandelt, eine "Revolution" vollzogen zu ha- ben. Die Wahrheit ist das nicht - der massenhafte Wille, s i c h dieser Macht zu e n t z i e h e n, bringt diese Wirkung nicht hervor. An der anderen Seite des Ergebnisses wird schlagend deutlich, wie wenig "revolutionär" die ganze Angelegenheit ist. Die Entschei- dung, was a n d i e S t e l l e d e r a l t e n M a c h t tritt, ist in den Händen des Staates, der seinerseits mit den Grenzen der DDR seinen Frieden nicht machen will. Daheimgeblie- bene DDR-Bürger sind nämlich damit befaßt, die S o u v e r ä- n i t ä t ihres Staates zu r e t t e n bzw. wiederherzustellen - und bemerken, daß sie die BRD dazu brauchen. Gestritten wird um G r a d e d e r U n t e r o r d n u n g: "Zusammenarbeit", "Hilfe" und "Wiedervereinigung" lauten die Titel. Insofern liegt schon eher der Fall einer "friedlichen Eroberung" vor. 3. Ein Staat, der die Grenzen eines anderen beseitigen will, ver- folgt ein K r i e g s programm. Wenn die Grenzen ohne gewalt- same Auseinandersetzung aufgehoben werden - wie im Ausnahmefall DDR -, so ist die Sache nicht erledigt. Der Auftrag, den sich die BRD erteilt hat, ist nämlich nicht erfüllt, wenn Bürger der DDR einerseits reisen, andererseits ihrem Gemeinwesen eine neue Iden- tität verschaffen. Die Öffnung von Grenzen ist kein Z w e c k, sondern das M i t t e l für die Erweiterung der eigenen Hoheit. Es geht darum, das fremde Territorium und das auf ihm lebende Volk d e r Benutzung zu unterwerfen, die der Staatsräson der BRD einbeschrieben ist. Die vorläufige Entscheidung, diese Benutzung - ihr Name ist "Kapital-Hilfe" - anzugehen, ohne die Hoheit einer DDR-Nation zu tilgen, ist ein Kompromiß. Er zielt darauf, den staatlichen A n s c h l u ß u n a u s w e i c h l i c h zu machen - wobei die Politiker der BRD, wie bei der "Öffnung", auf die Schützen- hilfe des - noch - anderen Volkes rechnen. Ob sie diesen V o r b e h a l t bei ihrem Einstieg öffentlich gleich bekennen oder nicht, ist eine Frage der Selbstdarstellungskünste, durch die sich Parteien unterscheiden wollen. 4. In ihrer weltweiten D i p l o m a t i e zur "deutschen Frage" räumt die Bundesrepublik jeden Zweifel darüber aus, wohin ihre Reise geht. Wenn sie bei ihren ökonomischen Konkurrenten und militärischen Bündnispartnern die "Wiedervereinigung" anmeldet; wenn sie bei der feindlichen Weltmacht quasi um Toleranz gegen- über ihrem Einstieg ersucht - dann klärt sie den absehbaren Ver- lauf von G e g e n s ä t z e n ab, zu deren Aufmachen sie ent- schlossen ist. Aus dem I n t e r e s s e der Bundesrepublik, das jahrzehnte- lang nur "Anspruch" war, ist 1989 ihr R e c h t geworden. Und mit der Wahrnehmung dieses Rechts macht dieser Staat jetzt ernst - durchaus im Bewußtsein, daß er mit seiner n a t i o n a l e n Sache ans i n t e r n a t i o n a l e "Kräfteverhältnis" rührt. Im Klartext: daß er mit seinen Aktionen einen handfesten Angriff auf die Machtmittel des Ostens startet. Diese unterwirft er sei- ner Verwendung, prüft "von deutschem Boden aus" die Nachgiebig- keit der Sowjetunion - u n d setzt Fakten, auf welche die eige- nen Bündnispartner einzugehen haben. Das ist das Geheimnis von der Rede über die Gefahr einer "Destabilisierung Europas". 5. Friedlich ist die ganze Angelegenheit nur so weit, wie die N a c h g i e b i g k e i t der Sowjetunion währt. Den Einstieg in die DDR, ihre Verwandlung in eine Anlagesphäre westdeutschen Geldes hat sie gebilligt - mit dem Vorbehalt, ein Übergang zur NATO komme aber nicht in Frage. Daß ein solcher Übergang zum "natürlichen Interesse" einer Nation wird - und die DDR ist mit ihrer "Reformbereitschaft" ja nicht allein im östlichen Lager-, deren sonstige Interessen samt und sonders an Deutschland-West hängen, ist abzusehen. Welchen Nutzen hat ein Verbleiben im War- schauer Pakt, wenn die Mittel der Souveränität aus den Beziehun- gen zum freien Westen stammen? Insofern spricht die Sowjetunion mit ihrer Warnung nur aus, was sie befürchtet - die Entstehung eines Nationalismus, der sich mit ihrem Bündnis nicht verträgt. Umgekehrt stellt die Bundesrepublik genau darauf ab, daß sie Ab- hängigkeiten einrichtet, durch die das n a t i o n a l e I n t e r e s s e - der Regierungen wie der Völker - a n t i s o w j e t i s c h und dem freien Westen zugewandt ge- rät. Die Emanzipation des sogenannten DDR-Volkes von der Rolle einer bundesrepublikanischen B e r u f u n g s i n s t a n z z u r K r a f t ist schließlich schon jetzt in voller Blüte. 6. Ein klarer Fall von E m a n z i p a t i o n liegt auch im Verhältnis d e r B R D zu ihren Verbündeten vor. Die NATO ist nicht für die Wiedervereinigung gegründet worden und auch nicht so konstruiert. Umgekehrt ist die militärische Macht der Bundes- republik so ausgelegt, daß sie für Teilaufgaben im großen Szena- rio gegen das "Reich des Bösen" bzw. gegen den "toten Kommunis- mus" taugen sollte - nicht aber für deutsche Sonderinteressen oder "Alleingänge". Dennoch haben die Politiker der BRD d e n Weg gefunden, die NATO zu einem Instrument ihrer nationalen Sache zu machen. Mit ihrem friedlichen Einmarsch in den Ostblock fordern sie den gan- zen großen Apparat der "Abschreckung" an und heraus. Sie haben es so weit gebracht, daß die Kriegsmaschinerie des versammelten freien Westens das Risiko ihrer friedlichen Eroberung abdeckt. "Von deutschem Boden aus" vollzieht sich die Zersetzung des So- zialismus; jene Bewegung, die den Grenzen in Europa so radikal "das Trennende nimmt", i s t die Herausforderung der Weltmacht Sowjetunion - der die andere Weltmacht mit ihrem Kriegsbündnis nur durch die Wahrnehmung ihrer Verantwortung begegnen kann. Anhang 1 Die "realsozialistische" Weltmacht und ihre Führer -------------------------------------------------- Über Stalin weiß jeder anständige Zeitgenosse, inzwischen auch "drüben", daß man ihn verachten muß und sein Name für etwa die Hälfte aller Scheußlichkeiten der Weltgeschichte steht. Aber hat irgendwer außer Abscheu vielleicht noch eine K r i t i k an dem Mann und seinem Lebenswerk? Von Gorbatschow haben alle guten Menschen einen guten Eindruck; zumindest alle, die die Folgen seiner Wirtschafts- und Nationali- tätenpolitik nicht auszubaden haben. Sein Name steht für die Be- glückung des ehemaligen Stalinschen "Völkergefängnisses" mit all den Freiheiten, deren Export eigentlich das Ideal der NATO ist. Aber hat jemand außer Bewunderung vielleicht auch ein A r g u m e n t dafür auf Lager, daß der Mann und seine Politik in Ordnung gehen? Die Abrechnung mit dem "realen Sozialismus" der DDR schließt je- denfalls den Gründer und den Totengräber dieses Staates mit ein. Stalin - wer war das? --------------------- Er hat für einen "stürmischen industriellen Fortschritt" im revo- lutionären Sowjetrußland gesorgt und dessen Landwirtschaft total umgekrempelt. Er hat die Rote Armee zum Sieg über den deutschen Imperialismus kommandiert und den sog. "Ostblock" geschmiedet. Dabei hat er die Bauern schlecht behandelt, die Intelligenzler drangsaliert und mörderisch unter den Kadern seiner Partei gewü- tet, unter Mißachtung aller Grundsätze der "sozialistischen Ge- setzlichkeit" und der "kollektiven Führung". Das steht fest; da gibt es nichts zu bezweifeln und nichts mehr zu "entlarven". Richtige Urteile über den Mann und seine Leistung sind diese Feststellungen trotzdem nicht. "Industrialisierung" ist ebensowe- nig der Begriff des Stalinschen Aufbauwerks in Rußland wie "Wirtschaftswunder" die korrekte Kennzeichnung der Erhardschen Wirtschaftspolitik in der BRD. Daß Stalins Truppen Berlin erobert haben, sagt noch gar nichts darüber, welche Sache da gesiegt hat - und ob überhaupt. Und der Vorwurf des Verbrechens an Stalins Regierungsstil erklärt diesen genausowenig wie eine Kriegserklä- rung den Krieg, ganz gleich, ob dieser Vorwurf als Auftakt zu ge- schichtsphilosophischen oder rassistischen Erwägungen demokrati- scher Köpfe über die tiefere Notwendigkeit jener "Untaten" ge- meint ist, oder ob Stalins Nachfolger damit die "Vergangenheit bewältigen", als hätten sie's bei Kohl gelernt. Stalin, der Vater des sowjetischen Wirtschaftswunders - oder: ------------------------------------------------------------- Von der antikapitalistischen Revolution zur ------------------------------------------- "sozialistischen Ökonomik" -------------------------- Den Entschluß, die "Privatproduktion" auf dem Lande zu bekämpfen und in kürzester Zeit den Aufbau einer umfangreichen Schwer- und Maschinenbauindustrie durchzuziehen, hat Stalin gegenüber seiner Partei und vor dem Volk mit der "Theorie" verfochten, es gelte, den "Sozialismus in e i n e m Lande" - eben im revolutionären Sowjetland - aufzubauen. Wo auch sonst - nachdem kommunistische Umsturzversuche in Ungarn, Deutschland und anderen Staaten ge- scheitert waren. Warum auch nicht - wo doch die bolschewistische Partei nach Revolution und siegreich beendeten Bürger- und Inter- ventionskriegen Land und Leute des früheren Zarenreiches unter Kontrolle hatte. Dort sozialistische Verhältnisse zu schaffen, war ja wohl der Zweck der revolutionären Kraftanstrengung! Genau das war aber offenbar gar nicht so eindeutig. Daß Stalin dieses Programm grundsätzlich zu begründen für nötig fand und in seiner Partei gegen Widerstände von allen Seiten durchsetzen mußte, spiegelt einen seltsamen Widerspruch im Selbstverständnis und in der Politik dieses siegreichen revolutionären Vereins wi- der Die Bolschewiki hatten wahrhaftig nicht bloß "die Macht er- griffen", sondern eine ganz neue Gewalt - die der von ihnen be- herrschten Räte (= "Sowjets") - an Stelle der alten Staatsmacht und der von dieser in Kraft gesetzen Macht des Eigentums errich- tet; sie hatten die in Kapital und Grundbesitz realisierte Pri- vatgewalt über die gesellschaftliche Arbeit gebrochen und die Freiheit geschaffen, die Produktion vernünftig zu planen. Diese Freiheit hatten sie sich auch weder durch Mitläufer und Gegner abkaufen lassen, die bloß im Rahmen bürgerlicher Verhältnisse ein bißchen Fortschritt herbeireformieren wollten, noch durch das Un- verständnis der zahlenstärksten produktiven Klasse, der von ihnen erst zu selbständigen Privatbauern gemachten Landbevölkerung, ge- genüber sozialistischen "Experimenten". Ihren Willen zu einer Re- volution ohne Kompromisse hatten sie jedoch nicht zuletzt aus der Vorstellung eines letztlich ohnehin nicht aufzuhaltenden Ge- schichtslaufs geschöpft, der jede Gesellschaft aus einem "Entwicklungsstadium" ins nächstfolgende hinüberstieße. Und im Rahmen dieser Geschichtsteleologie war für Rußland der Sozialis- mus noch gar nicht an der Reihe, weil der Kapitalismus, die Her- richtung von Land und Leuten zu Werkzeugen des Geschäfts, dort erst am Anfang stand. Allen Ernstes arbeiteten sie sich an der Frage ab, w a s f ü r e i n e Revolution bei ihnen überhaupt "auf der Tagesordnung" stände; und sie kamen zu dem Schluß, zu sehr viel mehr als einer "bürgerlichen" wie 1789 in Frankreich reichte es nicht bzw. nur unter der Bedingung, daß die richtige proletarische Revolution in den Ländern, wo s i e "fällig" wäre, bald stattfände und das rückständige Rußland gleich mit in den Sozialismus hinüberziehen würde. Dieser grundsätzliche Vorbe- halt dem eigenen Vorhaben gegenüber wurde den Bolschewiki dann zwar doch nicht zum Problem, als sie sich entschieden hatten, die Revolution zu m a c h e n. Und als Geburtshelfer der bürgerli- chen Freiheiten des großen Geldes wollten sie sich nie betätigen. Zum umstandslosen Aufbau sozialistischer Produktionsverhältnisse - "in einem Land" - fühlten sie sich allerdings auch nicht so recht berufen. Die erste Verlaufsform dieses Widerspruchs war die 1920 einge- führte "Neue Ökonomische Politik", die die Lebensmittelversorgung der Städte ebenso wie die Deckung des Bedarfs an industriellen Konsumgütern sowie der Landwirtschaft an Produktionsmitteln weit- gehend privater Geschäftstätigkeit überantwortete. Diese Politik war einerseits aus der Not geboren, die Ernährung der Leute zu sichern; und soweit das die Alternative ist, rechtfertigt die Rettung der Leute natürlich jede Vertagung politischer Programm- punkte. Freilich war die Not nicht einfach da, sondern durch die Weigerung der recht selbständigen Bauern geschaffen, ihr Getreide wie in Kriegszeiten abzuliefern - die Bolschewiki konnten das als Quittung für die gar nicht sozialistische "Bauernbefreiung" ver- buchen, die die Revolution dem Land gebracht hatte. Mangel herrschte auch auf Seiten der proletarischen Staatsgewalt, die den Bauern keine materiellen Angebote machen konnte, die den pu- ren Ablieferungszwang hätten ablösen können; allerdings war auch das keine naturwüchsige Not: Immerhin stand eine ganze Klasse von gut ausgestatteten Nothelfern bereit, um sich am staatlich frei- gegebenen kapitalistischen Handel und Wandel zu bereichern. Daß sie dieser Mannschaft ebenso wie einer geschäftstüchtigen Minderheit unter den Bauern Freiheiten gewähren mußten, bedauer- ten die Bolschewiki als Rückschritt und gegen das eigentliche Programm eingegangenen Kompromiß. Unter den höheren Gesichtspunk- ten des Geschichtsverlaufs fanden sie dieses Zurückweichen ande- rerseits aber ganz in Ordnung. Sie interpretierten es als Ein- sicht in die Notwendigkeit, erst einmal mit kapitalistischen Mit- teln die Nation "voranzubringen". Durch diesen "Staatskapitalis- mus" sollten die Kommunisten lernen, wie man Handel treibt, kaufmännisch rechnet, rentabel produziert, kurzum: "Wirtschaft macht" - um d a r i n die zu neuem Leben erweckten Geschäfte- macher eines Tages ü b e r f l u s s i g zu machen und zu "be- erben"; d a s wäre dann des Sozialismus nächste "Entwicklungs- stufe". Insofern war die "Neue Ökonomische Politik" einerseits durchaus schon ein Programm für den Aufbau des "Sozialismus in e i n e m Lande". Und jenseits ihres Charakters bzw. ihrer Selbstdarstel- lung als Kompromiß- und Notprogramm gibt sie durchaus an, w a s die bolschewistische Partei unter dem "Sozialismus" verstand, der den Übergang zu den idealeren Formen des Kommunismus ermöglichen sollte: einen Kapitalismus, in dem Staatsbetriebe den privaten Geschäftemacher in seiner Versorgungsfunktion ersetzen sollten und die Preise staatlich so festgelegt wären, daß sie die Versor- gung der Massen nicht gefährdeten. Sehr wenig "antagonistischer" Gegensatz gegen die kapitalistische Produktionsweise steckte in diesem Projekt; statt dessen viel Hochachtung vor den Versor- gungsleistungen, die unter dem Regime der Profitsucht zustandekä- men, wenn man diese bloß richtig kontrollierte, sowie eine selt- same Sicherheit, daß der Profit sich durch solche Kontrolle pro- letarisch nützlich machen ließe - seltsam, weil diese Sicherheit der Einsicht in die Notwendigkeit einer revolutionären Abschaf- fung des kapitalistischen Eigentums und seiner ökonomischen "Sachzwänge" schon ein wenig widersprach. Damit entsprach dieses Bild von "Sozialismus" andererseits genau dem Selbstbewußtsein der Bolschewiki, eine noch gar nicht recht proletarische Revolu- tion vollbracht zu haben, die nur als Auftakt zur Weltrevolution Bestand haben und ein unwiderruflicher Schritt in Richtung Kommu- nismus sein könne. Einen "Rückfall" in die womöglich nicht mehr zu beschränkende Herrschaft des kapitalistischen Eigentums hiel- ten sie nie für ausgeschlossen; um so weniger, je kräftiger sich auf dem Boden der "Neuen Ökonomischen Politik" (NÖP) die lizen- sierte Geschäftswelt tummelte. Stalins Entscheidung, den "Sozialismus in e i n e m Land" zum politischen Vorhaben zu erklären, verstand sich insoweit tatsäch- lich nicht von selbst. Immerhin verwarf er damit die geschicht- steleologische Parteidoktrin, derzufolge man bestenfalls einen geregelten Staatskapitalismus auf die "Tagesordnung" setzen k o n n t e. Die inhaltliche Bestimmung dieses "Übergangs" ver- warf er allerdings überhaupt nicht - was wiederum schlecht zur Freiheit seines Aufbaubeschlusses paßt: Wenn schon "Blut, Schweiß und Tränen" anstanden, wären sie auch gleich anders besser ange- wandt gewesen. So erklärte Stalin das, was Lenin seinen kommuni- stischen Haudegen als "Lehrzeit" in Sachen "Ökonomik" ans Herz gelegt hatte, nach acht Jahren für beendet; und zwar nicht deswe- gen, weil die sozialistischen Betriebe und der sozialistische Handel die kapitalistische Konkurrenz verdrängt hätten, sondern aus dem entgegengesetzten Grund. Die wachsende Abhängigkeit der elementaren Versorgung des Proletariats von Geschäftemachern und privatem Bauerntum wurde zur Gefahr für die städtischen Massen und für ihren Staat; die ebenfalls wachsende Abhängigkeit der dem Staat verfügbaren Finanzen vom Geschäftserfolg der "NÖP-Leute" und den Überschüssen der Privatbauern hemmte den Fortschritt des Staatssektors im Wirtschaftsleben. Also begeisterte Stalin seine immerhin ja noch herrschende Partei dafür, sich auf ihre Gewalt über die Ökonomie zu besinnen und, ohne die allmählichen Konkur- renzerfolge der Staatswirtschaft abzuwarten, die Privatmacht des Geldes a u f z u h e b e n, das kapitalistische Geschäftsleben durch ein kommunistisches Kaufmannswesen zu e r s e t z e n und den Aufbau der Staatsindustrie von den Schranken der staatlichen Steuereinnahmen zu b e f r e i e n. Insofern machte er ernst mit der Befreiung der Gesellschaft von den ökonomischen Sachzwän- gen des Kapitals, welche die Oktoberrevolution eigentlich er- kämpft hatte. Um so auffälliger ist, daß diese Freiheit andererseits überhaupt nicht der Standpunkt war, von dem aus Stalin an seinen "Sozialismus in einem Land" heranging. Als treuer Schüler der in der "Neuen Ökonomischen Politik" enthaltenen sozialistischen Pro- grammatik hielt er es für ausgemacht, daß "Sozialismus" für die revolutionäre Sowjetmacht nichts anderes bedeuten könne als die Aufgabe, von Staats wegen alle L e i s t u n g e n des Kapitals in Sachen Versorgung und Entwicklung herzustellen o h n e B e h i n d e r u n g des Fortschritts durchs private Eigentum! Er definierte sein Vorhaben als Realisierung der historischen Aufgabe, nicht mehr und nicht weniger als die Akkumulation von Reichtum und Produktivkräften nach dem Beispiel der Kapitalisten, aber ohne diese Figuren zustandezubringen. So nutzte Stalin die Freiheit der revolutionären Gewalt, die sich alle gesellschaftlichen Verhältnisse verfügbar gemacht hatte, zur Enteignung der Geschäftemacher und der Bauern und zum Kommando über die Arbeiter, die unter den Bedingungen der "Neuen Ökonomi- schen Politik" zum großen Teil gar keine Arbeit gefunden hatten. Der Aufbauplan jedoch, den das Kommando der Partei ins Werk setzte, beruhte nur ganz im allgemeinen auf der Vorstellung, daß große landwirtschaftliche Güter produktiver sein müßten als viele kleine Höfe und daß ein fortschrittliches Land als erstes eine Industrie zur Produktion von Industrieeinrichtungen brauche. Dar- aus einen schlüssigen Bedarfsplan zu entwickeln, die optimale Teilung und Verteilung der notwendigen Arbeit zu errechnen und darüber eine gesamtgesellschaftliche Kooperation aufzuziehen: Das war n i c h t die Aufgabe, die Stalin seiner obersten Planungs- behörde stellte. Gosplan hatte mit verfügbaren Finanzmitteln zu rechnen, versuchte sich in einer "Globalsteuerung" per Anweisung von Finanzmitteln an die Betriebe und per Preisgestaltung und lud damit den einzelnen (Groß-)Betrieben die Aufgabe auf, mit den verfügbar gemachten Geldern ein Gewerbe aufzuziehen, in dem dann Technik und Bedienungsmannschaften, Rohstoffnachschub und Be- triebsmittel sachlich zusammenstimmen mußten. Daß die Betriebe einander zuarbeiten sollten und für den Unterhalt der Arbeiter auch das Nötige bereitstand, war zwar im Prinzip auch vorge- schrieben und geplant, in der tatsächlichen Durchführung aber Sa- che der betrieblichen "Eigeninitiative" und der Einteilung und Verwendung ihrer zugewiesenen bzw. aus dem Güterverkauf zu erlö- senden Gelder. Dabei stand die Geldverwendung jedoch vor allem unter dem Diktat einer "wirtschaftlichen Rechnungsführung", also der Vorschrift, aus der Produktion und dem Verkauf zu den staat- lich administrierten Preisen einen laufenden Überschuß an abzu- liefernden Finanzmitteln herauszuwirtschaften. Es wurde, erstmals im großen Stil, der Widerspruch wahrgemacht, m i t G e l d z u p l a n e n; gerade so, als wäre ein zugewiesener Fonds an schö- nen neuen "roten" Rubeln schon dasselbe wie die Produktionsmit- tel, die ein Betrieb sich damit beschaffen sollte; als wären Pro- duktionsmittel und Arbeitskräfte schon dasselbe wie Verkaufser- löse, aus denen sich betriebliche wie staatliche Fonds wie von selbst erneuern und ausweiten müßten; und als müßte sich der von Gosplan projektierte und staatlich befohlene arbeitsteilige Ge- samtzusammenhang der gesellschaftlichen Produktion über Geldgrö- ßen und den Zwang zur Gewinnerwirtschaftung ganz automatisch her- stellen. Das tatsächliche Ergebnis war eine gigantische Aufbauleistung, die durch die "Planung" mit Finanzmassen statt mit den richtigen Gebrauchswerten an sämtlichen Nahtstellen zwischen Betrieben und Branchen durch Mangel behindert wurde und nur deswegen zustande- kam, weil es e i n e n kostenmäßig höchst flexiblen Produkti- onsfaktor gab, über den die vorgeschriebene "Rechnungsführung" trotz allem immer wieder dazu gebracht werden konnte aufzugehen: die Arbeitskraft und ihre Entlohnung. Die dereinstigen Nutznießer des Aufbauwerks wurden zuerst einmal zu dessen Lückenbüßern und das keineswegs auf freiwilliger Basis. Ein System von Prämien und Strafen - bis hin zu unbezahlter Zwangsarbeit - machte den sozia- listischen Betrieben Arbeit in der Form verfügbar, wie sie das zur Erfüllung der vorgegebenen Finanz- und Produktionspläne brauchten: als Kompensationsmittel für fehlende Produktionsmittel einerseits, als flexible Restgröße in der "ökonomischen" Kalkula- tion andererseits. Es gehört zum eisernen Vorrat an antikommunistischen Beweisfüh- rungen, die Härten des von Stalin herbeikommandierten Wirt- schaftsaufhaus als notwendige Folgen eines typisch planwirt- schaftlichen "Voluntarismus" zu geißeln; wohlwollender volkswirt- schaftlicher Sachverstand pflegt anschließend das Kompliment nachzureichen, immerhin hätte Rußland so dann doch die "ursprüngliche Akkumulation" mit ihren unumgänglichen Entbehrun- gen nachgeholt. Beides ist ein Hohn. Die Brutalitäten der Stalinschen Kommandowirtschaft gehen restlos darauf zurück, daß die "Sprache" des Kommandos d a s G e l d w a r. D a m i t wurde an sämtlichen materiellen und technischen Erfordernissen einer schlüssigen Arbeitsteilung entschlossen und unverrückbar v o r b e i "geplant"; damit war die Arbeitskraft von vornherein als diejenige Größe festgelegt, auf deren Kosten diese "Planung" dann doch irgendwie im Sinne der Gewinnvorschriften aufging; damit wurde konsequenterweise das Maß an Terrorisierung der Arbeitskräfte nötig, das die heuchlerischen Freunde einer kapitalistischen Ausbeutung Stalin so freudig erregt vorwerfen. Der Musterfall antikommunistischer Hetze wg. Stalin, die Kollektivierung der Landwirtschaft unter dem Druck der Sowjetmacht, offenbart genau diesen "marktwirtschaftlichen" Geburtsfehler des "Sozialismus in einem Lande" sehr deutlich: Es wurde gerade keine Integration der Bauern in eine technisch und güterwirtschaftlich durchgeplante neue Arbeitsteilung - im Ganzen wie "vor Ort" - organisiert; s t a t t d e s s e n herrschte das "Vertrauen", die Konzentration der paar für die Landwirt- schaft flüssig gemachten Finanzmittel auf die sozialistischen Großgüter würde dort schon ihr Werk tun. Natürlich geschah das nicht; ein extremeres Gegenteil zu einem technisch zweckmäßigen Aufbau agrarischer Großproduktion war kaum herzukriegen, da halfen auch die staatlichen Traktorstationen nur bedingt weiter. So blieb die rein negative Seite des sozialistischen Aufbaus, die Enteignung, als einziger "Hebel" übrig - und unwirksam, weil Erpressung mit Not eine denkbar schlechte Produktivkraft ist und bei den hartgesottenen russischen Muschiks schon gleich nicht verfing. Wenn also etwas an dem von Stalin befohlenen sozialistischen Auf- bau den Vorwurf des "Voluntarismus" verdient, dann ganz sicher nicht der Entschluß als solcher, eine Industrie und eine quasi- industrielle Landwirtschaft "aus dem Boden zu stampfen"; erst recht nicht die darin eingeschlossene Entscheidung, dafür nicht auf ausländische Kredit-"Hilfe" zu warten; und auch nicht der Standpunkt "Kommunisten ist a l l e s möglich!", mit dem damals ganze Mannschaften von agitierten Arbeitern begeistert in die "Aufbauschlacht" gezogen sind - das war allemal noch ein Echo des revolutionären Sieges über die "Sachzwänge", denen Geld und Ge- schäft die produktive Arbeit unterwerfen. "Voluntaristisch" im schlechtesten Sinn war Stalins stillschweigende Voraussetzung - an der seine Partei nie gezweifelt hat! -, das obrigkeitliche Herumwirtschaften mit Finanzmassen nach Kenngrößen der volkswirt- schaftlichen Gesamtrechnung - die, Ehre, wem Ehre gebührt, die Fachleute von Gosplan schon vor und detaillierter als Keynes zu- sammenkonstruiert hatten! - wäre d e r angemessene Weg, einen in sich zusammenhängenden Aufbau der Produktion herbeizuzaubern. "Voluntaristisch" und kein bißchen marxistisch war das Setzen ausgerechnet auf den T a u s c h w e r t und seine "Gesetze" als unfehlbare Wegbereiter einer Gebrauchswertproduktion und -versorgung, die keine Wünsche offenließe. Die Ironie des fachkundigen bürgerlichen Vorwurfs liegt im übri- gen darin, daß kein anderer als Stalin selbst den Vorwurf des "Voluntarismus" aufgebracht und sein Projekt dagegen als ein Vor- haben gerechtfertigt hat, das nach sämtlichen Regeln der ökonomi- schen Kunst in Ordnung ginge; und zwar ausgerechnet wegen des darin gewahrten Respekts vor den vom Kapitalismus gelernten Kri- terien der Rentabilität. Den Standpunkt der revolutionären Frei- heit bei der Schaffung von Produktionsverhältnissen hat dieser seltsame Kommunist nach Kräften d e m e n t i e r t; und zwar so, wie er es gelernt hatte: in Form allgemeiner philosophischer Abwägungen zu dem Problem, ob sozialistisches Wirtschaften über- haupt und grundsätzlich als Vollzug vorgegebener objektiver Ge- setzmäßigkeiten aufzufassen sei. Stalins Antwort ist ein uferlo- ses Ja, und seine Begründungen sind danach. "Die Gesetze der politischen Ökonomie im Sozialismus sind somit objektive Gesetze, die die Gesetzmäßigkeit der sich unabhängig von unserem Willen vollziehenden Prozesse des ökonomischen Lebens widerspiegeln. Wer diesen Leitsatz verneint, verneint im Grunde genommen die Wissenschaft, wer aber die Wissenschaft verneint, verneint damit auch die Möglichkeit jeglicher Voraussicht - verneint folglich die Möglichkeit, das wirtschaftliche Leben zu leiten." (aus: Bemerkungen zu ökonomischen Fragen, die mit der November- diskussion 1951 zusammenhängen). Was Marx und Engels am Kapitalismus kritisiert haben: die schein- bare Dinglichkeit der in der Produktion eingegangenen gesell- schaftlichen Verhältnisse, die der Ausbeutung den Charakter eines sachlichen Erfordernisses verleiht - genau das erhebt Stalin zur letzten Wahrheit auch über die Produktionsweise, die er selbst mit seinem machtvollen Kommando über Arbeiter, Bauern und Eigen- tum ins Werk gesetzt hat. W e l c h e Gesetze da "hinter dem Rücken" sogar der revolutionären Partei walten sollen und ihrer "wissenschaftlichen" Entschlüsselung harren, ist neben diesem "Leitsatz" eher gleichgültig. Ein Hauptgesetz soll jedenfalls "die unbedingte Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit dem Charakter der Produktivkräfte" zum Inhalt haben - was nun überhaupt keinen ökonomischen Inhalt hat, sondern in einer scho- lastischen Formel das Prinzip des bolschewistischen Glaubens zu- sammenfaßt, mit dem eigenen umstürzlerischen Programm nur einen geschichtlichen Sachzwang zu exekutieren. Geradezu methodisch wird mit der Formulierung dieses Pseudogesetzes der W i l l e verlautbart, die eigene Kommandotätigkeit als Quasi-Naturnotwen- digkeit auszugeben, und zwar gerade in all den Hinsichten, wo sie jedes Bemühen um eine zweckmäßige Systematik des Produzierens vermissen läßt. Unterhalb diese "Grundgesetzes" feiert dann ins- besondere "das Wertgesetz" des Kapitalismus samt einer Theorie, die den Wert der Ware Arbeitskraft in den Rang eines energetisch definierten Existenzminimums zurückstuft, seine Wiederauferste- hung - fast so, als hätte da der Sachverstand bürgerlicher Volks- wirte seine elementaren Dogmen über korrektes Wirtschaften zu Protokoll gegeben: "Es ist so, daß die Konsumgüter, die für die Deckung des Aufwands an Arbeitskraft (steht so da!) im Produktionsprozeß notwendig sind, bei uns als Waren erzeugt und realisiert werden, die der Wirkung des Wertgesetzes unterliegen. Hier gerade zeigt sich die Einwirkung des Wertgesetzes auf die Produktion. Im Zusammenhang damit haben in unseren Betrieben solche Fragen wie die wirt- schaftliche Rechnungsführung und die Rentabilität, die Selbstko- sten, die Preise und dergleichen aktuelle Bedeutung. Darum können und dürfen unsere Betriebe das Wertgesetz nicht außer acht las- sen. Ist das gut? Es ist nicht schlecht. Bei unseren gegenwärtigen Verhältnissen ist es tatsächlich nicht schlecht, da dieser Um- stand unsere Wirtschaftler im Geiste der rationellen Betriebsfüh- rung erzieht und sie zur Disziplin anhält. (...) Schlimm ist nicht, daß das Wertgesetz bei uns auf die Produktion einwirkt. Schlimm ist, daß unsere Wirtschaftler und Planer, mit wenigen Ausnahmen, die Wirkungen des Wertgesetzes schlecht kennen, sie nicht studieren, und es nicht verstehen, sie in ihren Berechnun- gen zu berücksichtigen. Daraus erklärt sich dann auch das Durch- einander, das bei uns immer noch in der Frage der Preispolitik herrscht." (a.a.O.) Lenin wollte seine Kader noch bei wirklichen Kapitalisten in die Lehre schicken. Stalin hatte die Kapitalisten abgeschafft - und wollte seine Planer gleich "das Wertgesetz" höchstpersönlich stu- dieren lassen; gerade so, als hätte dieser Zwangszusammenhang des Austauschs der Ergebnisse kapitalistischer Privatproduktion, In- begriff gesellschaftlicher Arbeitsteilung o h n e P l a n, seine Gültigkeit nicht bloß behalten, sondern erst durch die Ab- schaffung der Konkurrenz die Chance zu voller Entfaltung erhal- ten. Der kleine Widerspruch zwischen "wirken" und "berücksichtigen" erweist "das Wertgesetz" als einen programma- tisch selbstgeschaffenen Fetisch der "sozialistischen Ökonomik" - und gerade so wollte Stalin es haben. So "hinter dem Rücken" wollte er die Rentabilität - und das bei staatlich festgelegten Preisen, die natürlich immer ein gewaltiges "Durcheinander" im betrieblichen wie gesamtgesellschaftlichen Produktionswesen her- vorrufen müssen! - zum obersten Imperativ einer "rationellen Be- triebsführung" m a c h e n. Im Geiste dieser "Rationalität" po- lemisierte er Zeit seines Lebens gegen die letzten in dieser Frage noch bei Trost gebliebenen Genossen: "Er (Genosse Jaroschenko) erklärt glattweg, daß in seiner politi- schen Ökonomie des Sozialismus, die Streitereien über die Rolle dieser oder jener Kategorie der politischen Ökonomie des Sozia- lismus, wie Wert, Ware, Geld, Kredit usw., die bei uns häufig scholastischen Charakter annehmen, durch vernünftige Überlegungen über eine rationelle Organisation der Produktivkräfte in der ge- sellschaftlichen Produktion, durch die wissenschaftliche Begrün- dung einer solchen Organisation ersetzt w e r d e n'." Gegen solche erfrischenden Vorschläge, den Tauschwert als Pseudo- Planungsprinzip zum Teufel zu hauen, pflegte Stalin aus Marx und Engels den tiefsinnigen "Beweis" zu führen, daß Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse zwei verschiedene Sachen sind, letz- teren eine nicht aufhebbare Eigengesetzlichkeit zu unterstellen und mit Unsinn des folgenden Kalibers zu triumphieren: "...Genosse Jaroschenko (hat) die Produktionsverhältnisse im So- zialismus als mehr oder weniger selbständiges Gebiet bereits li- quidiert, indem er das wenige, was von ihnen übrig geblieben ist, als Bestandteil in die Organisation der Produktivkräfte einbezog. Es fragt sich: Besitzt die sozialistische Ordnung eine eigene ökonomische Basis? Offenbar hat die sozialistische Ordnung, da die Produktionsverhältnisse im Sozialismus als mehr oder weniger selbständige Kraft verschwunden sind, keine eigene ökonomische Basis ... Eine heitere Geschichte... ... (so) kommt beim Genossen Jaroschenko statt einer marxisti- schen politischen Ökonomie so etwas wie die Bogdanowsche 'Allgemeine Organisationswissenschaft' heraus." (aus: Über die Fehler des Genossen L. D. Jaroschenko, Mai 1952) Und das ist schlimm, weil Stalin eben einen Sozialismus vertrat, in dem die Produzenten ihre gesellschaftlichen Beziehungen nicht selber einrichten, sondern wie im Kapitalismus als "selbständige Kraft" wirken lassen sollten - eine eher konterrevolutionäre Ge- schichte. Inzwischen gibt es ganze Bibliotheken über die "Rolle" jeder ein- zelnen "Kategorie der politischen Ökonomie des Sozialismus", die die Fruchtbarkeit des Stalin'schen Dogmas von der volkswirt- schaftlichen Eigengesetzlichkeit des sozialistischen Planungsge- schäfts bezeugen. Diesem Überbau entspricht eine wirtschaftspoli- tische Basis im entstalinisierten Sowjetland, die Stalins Effin- dung, die Steuerung einer Wirtschaft ohne Privateigentum durch Geld und Gewinn von Staats wegen, aus den rohen Anfangsformen - als die Leiter unrentabler Betriebe noch erschossen wurden und die "Lohndifferenzierung" vom Arbeitslager bis zu Stachanow-Prä- mien reichte - zu einem wahrhaft "komplexen" System der "Planung und Leitung" fortentwickelt hat. Die sowjetische Industrie haben staatlich gelenkte Arbeiter und Ingenieure geschaffen; die selt- same Produktionsweise, die sie gelenkt und ihnen das Leben schwergemacht hat, ist Stalins Werk. Er hat mit aller Gewalt aus der bolschewistischen Kapitalismuskritik, die so wenig Absage an die kapitalistische Produktionsweise enthielt und ihr trotzdem die Basis entzog, einen "Sozialismus in e i n e m Lande" g e m a c h t. Wie diese Umsetzung einer falschen Kritik in ein reales Wirtschaftssystem klappt, ärgert Kommunisten. D a ß es klappt, ärgert die bürgerlichen Gegner. Daß die Sache n i c h t b e s s e r klappt, ärgert Stalins Nachfolger. Das sind die zwei Unterschiede. Stalin, der Erfinder des Personenkults - oder: ---------------------------------------------- Vom Linienstreit zur blutigen Parteisäuberung --------------------------------------------- Stalin hat Lenin schon bald nach dessen Tod ein Mausoleum bauen lassen. Das sollten Demokraten besser nicht kritisieren, die Pla- kate mit kolorierten Visagen als Wahlargumente kennen und zu wür- digen wissen. Seltsam ist das allerdings für eine Partei, die zu- sammen mit der Zarenherrschaft ja den ganzen religiös-moralischen Plunder abgeräumt hatte. Dabei ist gar nichts daran auszusetzen, daß Stalin - wie die ganze bolschewistische Partei - Lenin als Autorität in politi- schen Fragen geschätzt hat. Es ist allerdings ein Unterschied, ob ein Verein von Revolutionären mit dem sicheren Urteilsvermögen eines Mitglieds genügend gute Erfahrungen gemacht hat, um ihm auch dort zu trauen, wo kein unwiderlegliches Argument die Sache entscheidet - oder ob ein balsamierter Leichnam in feierlicher Umgebung zur Schau gestellt wird. Letzteres kommt aus der Ab- sicht, ein Verhältnis der T r e u e herzustellen, das den Standpunkt des gemeinsamen Beratschlagens - immerhin der Wortsinn von "Sowjet" - von vornherein durch Unterwerfung ersetzt. Dabei kann es gar nicht der Tote sein, dem diese Treue gilt; denn der ist ja tot. Es geht um die Sache, für die der aufbewahrte Leich- nam sich zu Lebzeiten eingesetzt hatte. Zu der paßt ein Autori- tätsverhältnis- bzw. Unterwerfungsverhältnis aber schon gleich nicht: Schließlich handelt es sich da um den gemeinsamen revolu- tionären Z w e c k, den die Parteimitglieder allemal s i c h s e t z e n müssen. Und dieser Zweck ist nun einmal so beschaf- fen, daß er nichts gewinnen kann durch die Erinnerung an Leute, die ihn auch schon geteilt haben: Die Kritik des Kapitalismus und die Methoden seiner Abschaffung begreift man dadurch kein bißchen besser. Stalin hat sicher selbst nicht gemeint, mit einem Mausoleum und Lenin-Denkmälern wäre irgendwer für den Kommunismus zu agitieren. Umgekehrt zeigt die Abzweigung von knappem Baumaterial für solche Standbilder, was für eine Sorte E i n d r u c k der Generalse- kretär dieser KP den Leuten im allgemeinen und seinen Genossen im besonderen machen wollte. Vom Volk verlangte Stalin auf diesem Wege R e s p e k t, und zwar für die herrschende Macht, die mit dermaßen luxuriösen Bau- ten i h r e n Gründer, also in dessen Feier sich selber ehrt. Zwar ist solcher Respekt allemal nur so wirksam wie die Macht, der der beeindruckte Untertan ohnehin gehorchen muß. Im Respekt vor der gestorbenen Größe wird der Gehorsam aber mit dem Trost versehen, nicht einfach der Macht, sondern den Idealen und der liebenswürdigen Persönlichkeit ihres Begründers zu gelten. Inso- weit war Stalins Initiative für eine nationale Lenin-Verehrung eine nach Form und Inhalt antirevolutionäre Spekulation auf die Tradition einer antirevolutionären Untertanengesinnung. Für die Partei bedeutete die Einführung eines ideologischen Treueverhältnisses zum Häuptling der Revolution ein Disziplinie- rungsmittel, wobei die Denkmäler eine weit weniger wichtige Rolle spielten als die Technik - die nicht bloß Stalin beherrschte -, die Berufung auf Lenin wie ein Argument zu handhaben. Dabei ging es nicht um Disziplin im Sinne der unerläßlichen funktionalen Tu- gend des - revolutionären - Kampfes, die auf dem Standpunkt der engagierten Mannschaft selbst beruht, daß sie ihren Erfolg nicht von den Launen ihrer Mitglieder abhängig machen darf. Auch dieser Standpunkt gewinnt nichts durch lebende oder tote Vorbilder; wo Vorbilder etwas bewirken (sollen), da geht es um etwas anderes. Nämlich um eine I d e n t i f i z i e r u n g mit der durchs Vorbild verkörperten Sache, die sich von deren Billigung aus Wis- sen und Willen gerade unabhängig macht. Daß Stalin auf diese Weise unter den Bolschewiki U n t e r w ü r f i g k e i t a l s P a r t e i t u g e n d institutionalisiert hat, wird ihm rückblickend gern als Machen- schaft eines berechnenden Machtstrebens angekreidet. Dieser hoch- anständige Vorwurf läßt bezeichnenderweise den Umstand außer acht, daß dazu immer auch eine Partei gehört, der eine solche Haltung als Tugend einleuchtet - womit übrigens die Stoßrichtung dieses Vorwurfs kenntlich wird: Im Grunde soll immer nur gesagt sein, daß der F a l s c h e die Partei unter seine Kontrolle gebracht hätte. Dabei war es im Falle der bolschewistischen Par- tei immerhin ein Widerspruch - ganz anders als bei demokratischen Wahlvereinen oder bei einer faschistischen Bewegung, die je auf ihre Weise nichts als erfolgreiche F ü h r u n g fordern -, wenn da blinde Gefolgschaft verlangt wird, um die aus Opportunis- mus und Moral ertragene Gewalt der Klassengesellschaft durch et- was Gescheites zu ersetzen. Diesen Widerspruch hätte Stalin nie schaffen können, wenn er nicht sowieso das Selbstbewußtsein der Partei - und auch das seine! - geprägt hätte. Tatsächlich war im revolutionären Standpunkt der Bolschewiki eine Kündigung des bürgerlichen Moralismus, der die Hingebung an gar nicht selbst gesetzte, sondern "höhere" Zwecke, an verpflichtende Werte idealisiert, n i c h t enthalten. Dem Inhalt nach nicht: So klar diese Partei die Verlogenheit der bürgerlichen Gleich- heits-, Freiheits- und Brüderlichkeitsphrasen durchschaut hatte, so kompromißlos bekannte sie sich andererseits zu eben diesen Idealen und verstand ihren Umsturz als das Unternehmen, d i e s e wirklich und wahrhaftig zu verwirklichen. Und der Form nach schon gleich nicht: Die Vorstellung, einen historisch "fälligen" Menschheitsfortschritt zu vollstrecken - dies der "materialistische" Unterbau zu dem idealistischen Weltverbesse- rungsanliegen -, ist per se moralischer Natur, weil sie die Ab- schaffung kapitalistischer Verhältnisse vom Z w e c k, den die Partei sich s e t z t und verwirklicht, so gut es geht, zu ei- ner Art A u f t r a g verklärt, dem diese Partei dient. Infol- gedessen gingen dann auch die Diskussionen die die Bolschewiki um politische und taktische Entscheidungen führten, nie darin auf, Hindernisse und Feinde zu identifizieren und die besten Methoden der Durchsetzung zu entwickeln. Sie waren auch dabei beseelt von dem Bewußtsein, einen g e r e c h t e n Streit gegen Kräfte zu führen, die ebenso b ö s e wie z u m U n t e r g a n g v e r u r t e i l t wären. Ihren revolutionären Kampf führten sie, paradox genug, nach Maßgabe der Vorstellung, daß ihr Vorha- ben unendlich gut, dabei aber in seiner praktischen Gültigkeit durch die geschichtliche Situation diktiert und gerechtfertigt, also auch von seinen Erfolgsbedingungen a b h ä n g i g sei. In dieser moralisch-geschichtsteleologischen Beleuchtung waren Siege und Niederlagen der Partei nie bloß Siege und Niederlagen - aus denen die Bolschewiki übrigens durchaus einiges für ihre Tak- tik gelernt haben -, sondern immer gleich Anlaß zu ideologischen Fragen. Erfolge "bewiesen" allen Ernstes die historische Gerech- tigkeit der eigenen Sache und stellten den prognostischen Fähig- keiten der Partei und ihrer Leitung ein gutes Zeugnis aus. Mißer- folge warfen Zweifel auf, ob die Verantwortlichen sich nicht in der geschichtlichen "Tagesordnung" vergriffen hätten; das war entweder durch eine Revision der parteiamtlichen "Einschätzung" der historischen Situation zu bereinigen - oder man mußte fol- gern, daß da gegen die durchaus korrekte Parteilinie gesündigt worden war. Nun hatte Lenin gewiß n i c h t deswegen Erfolg gehabt, weil er sich von der Einsicht in objektive Gesetze des Geschichtsverlaufs abhängig gemacht hätte - eher schon deswegen, weil solche Theo- rien ihm im entscheidenden Moment egal waren. Für die Partei machte die siegreiche Revolution deren Anführer aber zum Inbe- griff der revolutionären Geschichtswissenschaft und der einzig korrekten Parteilinie; genau das hat Stalin sich gemerkt. Umge- kehrt ging beim Aufbau der Parteiherrschaft über Rußland vieles schief, aber ganz sicher nie deswegen, weil die Deduktionen der Partei über das historisch Gebotene mißachtet worden wären - eher schon aus Respekt vor solchen imaginären Gesetzen. Für die Partei stellten sich Fehler oder Mißerfolge jedoch allemal als Abwei- chungen vom objektiv vorgezeichneten Erfolgsweg dar; Abweichun- gen, denen man durchaus keine Gutwilligkeit zugute halten durfte, weil das Parteiwissen ums Unausweichliche ja vorhanden war. Das hat Stalin erst recht eingeleuchtet. Aus diesem guten bolschewi- stischen Geist heraus wollte er Lenins Partei weiterführen. So hat Stalin sich zum einen alle Mühe gegeben, in die Rolle Len- ins hineinzuwachsen. Er hat sich, obwohl alles andere als ein heller Kopf, redlich angestrengt, alles, was er für politisch notwendig hielt zur Rettung und Sicherung der Sowjetmacht, auch noch als geschichtlich geboten nachzuweisen. Statt einfach dafür zu werben, die Partei solle sich lieber heute als morgen zum so- zialistischen Aufbau im eigenen Land e n t s c h l i e ß e n, hat er unter lauter Leuten, denen das Eindruck gemacht hat, mit Lenin-Zitaten die Überzeugung durchsetzen wollen, "Sozialismus in e i n e m Lande" sei in Anbetracht aller ehernen Gesetze der Ge- schichte und ihres Stundenplans sogar 1926 in Rußland m ö g l i c h. Den Kulaken, also den "reichen Bauern", ist er ab 1927 an den Kragen gegangen, weil er der Gefahr einer wiederer- starkenden Privatmacht des Grundeigentums und Lebensmittelhan- delskapitals entgegenwirken wollte; aber er hat seine Partei nicht einfach für dieses Ziel mobilisiert, sondern für die "Theorie" gewinnen wollen, eine "Verschärfung des Klassenkampfes" gerade bei zunehmenden Erfolgen des sozialistischen Wirt- schaftsaufbaus sei geschichtsgesetzlich n o t w e n d i g, und dieser "einfachen und offenkundigen Wahrheit" müßte die Partei sich stellen. Und so weiter. Daß diesen "theoretischen Fortentwicklungen des Leninismus" ihr Charakter als ad hoc konstruierte Ideologien zum politischen Be- schluß deutlich anzumerken ist, stellt Stalins politischem Ur- teilsvermögen ein gutes Zeugnis aus: So wenig wie Lenin beim Ma- chen der Revolution hat er sich in seinem Aufbauprogramm vom Fe- tischismus einer geschichtlichen "Tagesordnung" a b h ä n g i g gemacht. Das ist aber nur die eine Seite. Stalin hat zugleich diese Manier des Wahrheitsbeweises für seine Politik, hauptsäch- lich aus den entsprechend vergoldeten Worten des toten Lenin, sehr ernst genommen und sich d a r i n mit seiner Partei ganz einig gewußt. Deswegen und nicht aus zynischer Berechnung hat er sie dermaßen perfektioniert, daß er die ZK- und Parteitagsdebat- ten über die wichtigsten Entscheidungen mehr noch als mit politi- schen Lagebestimmungen mit Hilfe atemberaubender Wortklaubereien und rechthhaberischer Interpretationskunststücke bestritten hat. Wiederum lag es wohl kaum an der Überzeugungskraft seiner mühse- ligen Ableitungen, daß die Partei ihm in den wichtigsten Ent- scheidungen gefolgt ist; und erst recht nicht, daß sie sich in der eigenen Gesellschaft und gegen die angegriffenen "Klassen" durchgesetzt hat. Im Lichte des Geschichtsbildes seiner Partei gerieten solche Erfolge Stalins aber automatisch zu dem Beweis, daß seine Ideologien ihn als intimen Kenner des von "der Wirk- lichkeit" Gebotenen und Fälligen auswiesen, daß er die Überein- stimmung der Parteilinie mit ihren Erfolgsbedingungen und -garantien buchstäblich verkörperte, daß also die Partei in ihm ihren neuen Lenin - den "Lenin unserer Tage" gefunden hatte. Im gleichen Geist führte Stalin zum andern den Streit mit Vertre- tern einer abweichenden Parteilinie. Die Alternativen klarstel- len; falschen Radikalismus und Kompromißlertum kritisieren; die zu überwindenden Hindernisse auf den Begriff bringen; gemeinsame Einsichten und Konsens über eine gewählte Vorgehensweise herstel- len: Das war - oder besser: das wäre dem Generalsekretär ent- schieden zu wenig gewesen. Den Kampf um eine Mehrheit für seine Linie hat Stalin immer mit den Waffen des Geschichtsmoralismus bestritten, der in seiner Partei als "Marxismus-Leninismus" galt: Gegner wurden als Abweichler vom Revolutionsauftrag der Weltge- schichte in ihrem momentanen Stadium hingestellt - der Nachweis dafür wurde zunächst mit Vorliebe anhand wirklicher oder angebli- cher Unstimmigkeiten zwischen ihren Auffassungen und Lenin-Zita- ten geführt - und unter den Verdacht gestellt, den guten Zweck der Partei in Wahrheit gar nicht zu teilen. Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel: Gegen den Zweifel Sino- wjews, ob die Parole vom Aufbau des Sozialismus bloß in Rußland "eine leninistische Fragestellung" sei und "nicht nach nationaler Beschränktheit" rieche, was nun sicher auch kein brillanter Dis- kussionsbeitrag war, polemisierte Stalin in der Schrift "Zu den Fragen des Leninismus" von 1926 mit folgender Deduktion: "Somit heißt es nach Sinowjew, auf dem Standpunkte der nationalen Beschränktheit stehen, wenn man die Möglichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Lande anerkennt und auf dem Standpunkte des Internationalismus stehen wenn man diese Möglichkeit verneint. Wenn das aber stimmt, lohnt es sich dann überhaupt, den Kampf für den Sieg über die kapitalistischen Elemente unserer Wirtschaft zu führen? Folgt nicht daraus, daß ein solcher Sieg unmöglich ist? Kapitulation vor den kapitalistischen Elementen unserer Wirt- schaft - dahin führt die innere Logik der Argumentation Sino- wjews. Und diese Ungereimtheit, die mit dem Leninismus nichts gemein hat, wird uns von Sinowjew als 'Internationalismus' als 'hundertprozentiger Leninismus' aufgetischt! Ich behaupte, daß Sinowjew in der so wichtigen Frage des Aufbaus des Sozialismus sich vom Leninismus abkehrt und zum Standpunkte des Menschewiks Suchanow hinabsinkt." Mit der Entscheidung der Partei war ein solcher Streit nicht etwa beendet, sondern der unterlegene Gegner historisch ins Unrecht gesetzt und eines der Parteilinie widersprechenden, also parteischädlichen Standpunkts überführt. Das Vernichtende an die- sem Verdikt lag darin, daß es in den allermeisten Fällen gar kei- nen wirklichen "bösen" Willen zur Sabotage am sozialistischen Aufbau traf, sondern lauter gute Leninisten, die genauso wie Sta- lin nach der einzig korrekten Antwort auf die historische Auf- tragslage suchten - und sich durch Stalins Erfolg t a t s ä c h l i c h ins Unrecht gesetzt sahen. Dabei waren sie selbst, wiederum genau wie ihr Generalsekretär, nicht in der Lage, zwischen Irrtum - wenn es denn schon letztlich um eine falsche Geschichtsauffassung gehen sollte - und Verstoß - nämlich gegen die richtige Auffassung der Partei - zu unterscheiden. Daß sie sich unter Selbstbezichtigungen von ihrem parteiwidrigen Standpunkt lossagen mußten oder der Ächtung als Parteifeinde ver- fielen und ausgeschlossen wurden, gehörte somit zur moralischen Kultur des Bolschewismus, die kein Stalin-Kontrahent je kriti- siert hat. Stalins ganz eigene Leistung war es, die Dialektik des morali- schen Verdachts bis zum Ende durchzuexerzieren. Denn darauf mußte er als konsequenter Hüter der Parteilinie ja früher oder später verfallen, daß die innerparteilichen Streitigkeiten mit Unterwer- fungserklärungen der Unterlegenen noch immer keinen befriedigen- den Abschluß gefunden hatten. Wo einmal der Verdacht aufgekommen war, ein Genosse würde den Zweck der Partei gar nicht wirklich und ehrlich teilen, da mußte seine nachträgliche Zustimmung zur durchgesetzten Politik auch den Zweifel auf sich ziehen, ob sie denn nun ehrlich war oder nur aus Opportunismus abgegeben, so daß die nächste Abweichung schon vorprogrammiert war, oder sogar in der Berechnung, der Partei weiterhin von innen her schaden zu können. Überall witterte der Chef Verrat. Nachdem einmal der Vor- wurf "Doppelzüngler" ins Parteileben eingeführt war, ließ sich überhaupt kein Unterwerfungsakt mehr moralisch halten: Je gründ- licher er ausfiel, um so gewisser war der Heucheleiverdacht. Die Überprüfung der Zuverlässigkeit der Parteimitglieder trennte sich auf diese Weise völlig ab vom Streit um Alternativen des soziali- stischen Aufbaus; Stalin als dem Inbegriff der korrekten Linie fiel die unangenehme Aufgabe zu, letztlich nach der Stellung der Genossen z u i h m darüber zu entscheiden, wo ein Verdacht auf Unzuverlässigkeit am Platz war. Der antirevolutionäre Drang, das Treiben der Partei an vorgestellten objektiven Gesetzmäßigkeiten der Geschichte zu messen, schlug so am Ende konsequenterweise um in die persönliche Willkür dessen, den die Folgsamkeit und die Erfolge seiner Partei als den "genialen" Kenner besagter Gesetz- mäßigkeit auswiesen. Sein moralisches Urteil wurde dann liebevoll zu ganzen Verschwörungstheorien ausgewalzt, in denen das imperia- listische Ausland regelmäßig als Auftraggeber auftauchte. Mancher Angeklagte glaubte am Ende zum Teil selber daran. Bisweilen be- kannten sie sich auch ohne Überzeugung öffentlich zu ihnen, um ihrer Partei einen (letzten) Dienst zu erweisen. Dieser Fortschritt vom moralisch geführten Linienstreit zur immer haltloseren Parteisäuberung wurde dadurch entschieden gefördert, daß die praktischen Probleme des stürmischen sozialistischen Auf- baus "in einem Lande" auch dann keineswegs aufhörten, sondern erst richtig schmerzlich wurden, als die Partei sich ansonsten vollständig und mit stehenden Ovationen um ihren Generalsekretär geschart hatte. Zweifel an der Absurdität, die sozialistische Planung unter das Diktat der Finanzen und ihrer Mehrung zu stel- len, wurden nicht mehr laut; um so klarer schien der "Schluß" auf Sabotage, wenn es mit dem Hand-in-Hand-Arbeiten der Betriebe und Branchen vorn und hinten nicht klappte. Als Häupter der auf- baufeindlichen Verschwörung standen je schon die Genossen fest, die irgendwann einmal am "Sozialismus in einem Lande", der "notwendigen Verschärfung der Klassenkämpfe" oder sonst einer Doktrin gezweifelt hatten und davon - "offenbar!" - nie losgekom- men waren. Da Unterwerfung kein Vertrauen mehr schaffen konnte, blieb, auch das moralisch konsequent gedacht, nur noch die Liqui- dierung der treulosen Genossen übrig - auch das wieder eine "historisch notwendige" Fortentwicklung der Parteilinie, an der sich fortan die verlangte Parteitreue beweisen mußte ... Logi- scherweise blieben auch die Genossen nicht verschont, die über- haupt nie eine inhaltliche Abweichung hatten erkennen lassen: Von den 1966 Delegierten des XVII. Parteitags, die 1934 dem totalen Sieg der Linie Stalins einmütig zugejubelt hatten - "Mußte man auf dem XV. Parteitag noch die Richtigkeit der Linie der Partei beweisen und einen Kampf gegen bestimmte antilenini- stische Gruppierungen führen, auf dem XVI. Parteitag aber mit den letzten Anhängern dieser Gruppierungen aufräumen, so braucht man auf diesem Parteitag nichts zu beweisen, und es gibt wohl auch niemanden, d er geschlagen werden müßte. Alle sehen, daß die Par- teilinie gesiegt hat. (Donnernder Beifall.)" (aus: Rechenschafts- bericht an den XVII. Parteitag) -, wurden nach Angaben Chruschtschows bis zum XVIII. Parteitag 1938 immerhin 1106 verhaftet, von den dort gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees 98 liquidiert. Die Kultur des Verdachts machte vor den parteilosen Massen nicht halt. Stalin leistete sich den Widerspruch, auch von Leuten, die seine Partei gar nicht für den Kommunismus gewonnen hatte, die bedingungslose Anerkennung der Partei und ihres Chefs als Garan- ten für ein sicheres Fortschreiten zum Kommunismus zu verlangen. Er folgte damit dem hochmoralischen, aber leider völlig antiagi- tatorischen Selbstbewußtsein seiner Partei, die ihre Sache für die objektiv höchste Pflicht aller anständigen Zeitgenossen hielt, auch ohne daß die Güter, erst etwas davon begreifen muß- ten, einfach auf Grund der durch "die Geschichte" verbürgten Fäl- ligkeit des Übergangs zum Sozialismus. Jedermann wurde am Maßstab rückhaltloser Treue zur Partei Lenins und zum "Lenin unserer Tage" gemessen, auch wenn er sich nie überlegt hatte, ob ihm de- ren Zweck überhaupt recht war; gerechterweise fiel die Messung immerhin weniger streng aus als bei Parteikadern, stets in Ent- sprechung zur persönlichen Verantwortung für den gesellschaftli- chen Fortschritt. Die Chance, das Verhältnis zwischen Partei und Massen jemals in der Identität des von der Gesellschaft bewußt verfolgten Zwecks aufzulösen, wurde als in moralischer Hinsicht je schon gegebene Sachlage hingestellt - und damit gründlich be- graben. So verhalf Stalin dem bolschewistischen Revolutionsmora- lismus zu seiner Karriere als Ideologie einer Staatsgewalt, der dieser Kommunist am Ende gar kein "allmähliches Absterben" mehr prophezeien mochte. Statt dessen ging der Generalsekretär dazu über, die einzig kor- rekte Parteilinie auch noch in solchen vom sozialistischen Aufbau ein wenig abgelegenen Fragen wie der Vererbungslehre und einer dialektisch-materialistischen Sprachwissenschaft zu verkörpern. Auch nach dieser mehr lächerlichen Seite hin hat der Mann nur konsequent zu Ende geführt, was im Begriff des V o r b i l d s steckt: das erzbürgerliche Ideal einer durch den Verstand ohnehin nie zu rechtfertigenden "persönlichen Autorität". Die Entdeckung seiner Nachfolger, daß Stalins Beispiel doch nicht gut genug wäre, um seine Leiche neben der Lenins in jenem Mauso- leum auszustellen, hat von diesem Fehler nur die Radikalität zu- rückgenommen, die zur mittlerweile einigermaßen aufgebauten so- zialistischen Weltmacht nicht mehr paßte. Dank Stalins Erfolgen kommt sein Wirtschaftswunder heute ohne Zwangsarbeit aus und sein Geschichtsmoralismus ohne Schauprozesse- und das immerhin weit besser als die bürgerliche Hetze ohne stalinistisches Feindbild. Stalin, der Großvater des Eurokommunismus - oder: ------------------------------------------------- Von der Kündigung des Nationalismus zur Politik der --------------------------------------------------- "Nationalen Front"-Bildung -------------------------- Stalin hat 1943 die III. Kommunistische Internationale, die "Komintern", das von Lenin geschaffene Bündnis revolutionärer Parteien, aufgelöst. Damit hat er wenigstens einen der politi- schen Widersprüche gelöst, die er von dem ersten Parteichef geerbt und mit Konsequenz befolgt hat. Auch das in antikommuni- stischem Sinn - was ihm kein bürgerlicher Demokrat je geglaubt, geschweige denn gedankt hat. Daß seine ausdrückliche Absage an das Projekt einer Weltrevolution immer als taktische Finte galt - der unwirksamste Trick der Weltgeschichte, wenn es einer gewesen wäre! -; daß ausgerechnet die Gründung eines "Ostblocks" aus Län- dern, die die siegreiche Rote Armee besetzt hatte, bis heute als schlagender Beweis für einen "weltrevolutionären Expansionsdrang" des russischen Kommunismus angesehen wird: Das ist, was Stalin betrifft, ein grandioses Mißverständnis. Was dessen Urheber be- trifft, ist es Ausdruck des ungebrochenen imperialistischen Wil- lens, die Sowjetmacht trotz allem als Störung jeder "normalen" Weltpolitik zu behandeln. Daß der Nationalstaat, ob bürgerlich oder von den Parteien der II. Sozialistischen Internationale (mit-)regiert der geborene Feind des Kommunismus ist, war der Gründungsgedanke der Komin- tern. Die Einsicht, daß der Imperialismus solcher Staaten nur von innen her, durch den Aufstand eines revolutionären Proletariats, das die außenpolitischen Interessen seiner Herrschaft als seinen Schaden begreift, zu brechen ist - während kriegerische Niederla- gen diese Interessen nur radikaler machen -, das war für die im eigenen Land siegreiche bolschewistische Partei ein Grund mehr, das Bündnis revolutionärer Parteien zu fördern; denn sie mußte um den Bestand der Sowjetmacht fürchten, solange die wichtigsten im- perialistischen Staaten intakt waren - das hatten die mit ihrer Unterstützung für die "weißgardistisches Konterrevolution gerade erst nachdrücklich bewiesen. Die mit den Bolschewiki verbündeten Parteien ihrerseits erkannten an, daß es ihre eigene Sache war, die in der Oktoberrevolution einen ersten großen Sieg errungen hatte, und kümmerten sich dementsprechend mit um die Festigung dieses Erfolgs. Ihr gemeinsames Anliegen war die Weltrevolution, nicht mehr und nicht weniger. Für diesen Zweck hätte es nichts weiter bedeuten müssen, daß es den Kommunisten zunächst einmal nicht gelang, ihren russischen Erfolg in anderen Ländern fortzusetzen. Scheitern ist für sich genommen kein Argument; und wenn das Scheitern notwendig war, weil Fehler gemacht wurden, dann beseitigt man diese und versucht es wieder - solange man am vorgenommenen Zweck festhält. Doch so "einfach" sahen die Bolschewiki und ihr Generalsekretär die Sache nicht. Sie hielten ihren Erfolg für v o r b i l d l i c h, und zwar keineswegs bloß im Hinblick auf praktische Fragen der Art, wie man am besten verelendete, kriegsmüde Kleinbauern agitiert oder einen Zar schlechtmacht, sondern in einem prinzipielleren Sinn. Ihrem Lenin rechneten sie es als "Genialität" an, daß er haargenau den richtigen Zeitpunkt fürs Umstürzen getroffen, näm- lich die einzigartige K o n s t e l l a t i o n v o n B e d i n g u n g e n erwischt hätte, die eine erfolgreiche Re- volution m ö g l i c h machte. Und genau das sollten die aus- ländischen Genossen aus den russischen Revolutionserfahrungen lernen; denn wie ihr Mißerfolg "bewies", fehlte es ihnen "offenbar" an eben diesem "Gespür fürs Machbare". In dieser Art, Erfolg und Mißerfolg zu "erklären", steckt ein seltsames Spiel mit der logischen Kategorie der Möglichkeit. Nur zum Schein oder nebenher geht es darum, eine vorgefundene politi- sche Lage zu analysieren und die Ansatzpunkte für wirksames Ein- greifen zu finden. Die Reflexion aufs "Mögliche" und "Machbare" besteht in einem ganz leeren A b h ä n g i g k e i t s gedanken: Genau die Lage, die eine revolutionäre Partei umstürzen will, wird zur Bedingung ernannt, von der die M ö g l i c h k e i t eines Erfolgs abhängen soll. Am Ende erscheint "die Situation", i n d e r die Revolution gelingt, als U r s a c h e dafür, daß sie gelingt. Dieser Denkfehler kann harmlos sein, wenn Kommu- nisten im Verlauf ihres Kampfes "die Situation" für eine "revolutionäre" halten und dann - so wie Lenin - das für den Durchbruch Nötige m a c h e n. Da kürzt sich nämlich die Vor- stellung, in Abhängigkeit von vorgegebenen Erfolgsbedingungen zu handeln, praktisch 'raus. Als "Erklärung" für einen Mißerfolg ist dieser Gedanke aber allemal fatal; denn dann bleibt als letzte Weisheit die Auskunft übrig: E s g i n g j a a u c h n i c h t. Diese Botschaft ist mit beliebigen "Belegen" zu fül- len; denn sie legt ja j e d e r namhaft zu machenden Schwierig- keit den kleinen Bedeutungswandel zur U n m ö g l i c h k e i t bei. Das mag Trost stiften - was schon blöd genug ist für ge- scheiterte Kommunisten. Vor allem aber steckt in einer solchen "Lehre der Geschichte" allemal der dezente Hinweis, daß man sich überhaupt d a s F a l s c h e v o r g e n o m m e n hätte. Am Ende kommt nichts als eine K r i t i k d e r A b s i c h t heraus, und zwar eine der pur o p p o r t u n i s t i s c h e n Art: Wenn ein Umsturz scheitert, dann liegt das, so betrachtet, nicht an dieser und jener eigenen Schwäche und feindlichen Stärke, sondern daran, daß das ganze Unterfangen für "die Situa- tion" überhaupt und insgesamt zu u m s t ü r z l e r i s c h war. Die Bolschewiki waren Meister dieses Unterordnungs- und Anpas- sungsgedankens - auch wenn sie sich selbst gar nicht den Bedin- gungen untergeordnet hatten; aber bei ihnen war die Rechnung ja gut aufgegangen, und so konnte ihre Theorie von der genial erfaß- ten "revolutionären Situation" ihrem Erfolg nur das stolze Be- wußtsein hinzufügen, im Sinne aller angeblichen Marx- und En- gels'schen "Prognosen" eine "geschichtliche Mission" vollbracht zu haben. Daß solcher "Empirismus" andersherum auf nichts als eine gigantische Rechtfertigung des p o l i t i s c h e n O p- p o r t u n i s m u s, d e s antirevolutionären Standpunkts schlechthin, hinausläuft, das kam in ihrer Komintern-Politik je länger, je mehr zum Tragen - auch wenn Lenin noch im Namen dieser Geisteshaltung einiges Richtige vertreten, z.B., die leicht spleenigen Revolutionshoffnungen einiger westeuropäischer Links- radikaler mit richtigen Hinweisen auf die Notwendigkeit kriti- siert hatte, den Kampf, den man gewinnen will erst einmal ge- scheit zu führen und nicht bloß voller Begeisterung für im Prin- zip schon gewonnen zu erklären ... Stalin jedenfalls hat seinen ausländischen Genossen nur und nachdrücklich die "Lehre aus der Geschichte" nahegelegt, die in dieser Denkungsart per se enthal- ten ist: Ihr Mißerfolg beim Umstürzen wäre der Beweis, daß sie ihre Politik nicht aufs Mögliche gerichtet und ihre Aufgaben nicht richtig erkannt hätten; für sie stände eben d i e R e v o l u t i o n n i c h t auf der "Tagesordnung". Was statt dessen? Die Frage war nicht schwer zu beantworten; um die Antwort war es Stalin ja überhaupt zu tun. In Rußland war sie losgegangen, die Revolution, die alle Kommunisten wünschen. Also lag da auch ihre Aufgabe, und zwar eine, die bislang erfolglose kommunistische Parteien nicht überfordern mußte. Gefordert war a n t i i m p e r i a l i s t i s c h e r K a m p f, und zwar unter einer bescheideneren Zielsetzung als der einer Weltrevolu- tion, die mit den Klassenstaaten auch deren imperialistische In- teressen zerschlagen würde: "Kampf" gegen den A n t i- s o w j e t i s m u s der bürgerlichen Staatenwelt. Der G r u n d, aus dem den siegreichen Bolschewiki ganz speziell an kommunistischen Erfolgen in anderen Staaten gelegen war: ihr In- teresse an mehr Sicherheit für ihr Werk wurde so zum Z w e c k, den die auswärtigen Revolutionäre sich vornehmen sollten. Um sich dieser Aufgabe anzunehmen, war in der Tat keine "revolutionäre Situation" vonnöten. Denn das Revolution-Machen kürzte sich damit aus dem kommunistischen Aufgabenkatalog heraus: Um eine imperia- listische Regierung von antisowjetischen Abenteuern abzuhalten, wäre ein Umsturz wirklich nicht das Mittel der Wahl. Das wurde als erstes den Parteien beigebracht, die sich in ihren Ländern durchaus noch Chancen für eine Revolution ausrechneten. Die Pläne der deutschen Kommunisten wurden auf Komintern-Ebene so kräftig problematisiert und verwirrt, daß 1923 überhaupt nichts Gescheites zustandekam. Den chinesischen Kommunisten wurde die Unterordnung unter Tschiang-Kai-Tschek befohlen, bis dieser gegen sie in die Offensive gehen konnte; die Aufstände, die auf Stalins Rat d a n n angezettelt wurden, hatten tatsächlich keine Chance mehr. Erklärte Feinde hätten kaum wirksamer vorgehen können. Für Stalin und seine Partei bestätigte sich so die "Einschätzung", die sie von den Erfolgsaussichten des Sozialismus außerhalb ihres eigenen Landes hatten. Die von Stalin diktierte "bescheidenere" antiimperialistische Zielsetzung, für gute Beziehungen zur Sowjetunion zu werben, wurde von den Komintern-Parteien allerdings auch nicht viel er- folgreicher erledigt; und das lag nun überhaupt nicht an den Um- ständen, mit und unter denen sie zu kämpfen hatten, sondern an der Widersprüchlichkeit dieser Aufgabe selbst. Diese Parteien hatten sich von der II. Internationale getrennt und gegen die So- zialdemokratie gestellt, weil sie den Standpunkt des "proletarischen Internationalismus" gegen den einer nationalen Außenpolitik verfochten, weil sie das Mitmachen unter dem "Dach" des Nationalstaats ablehnten, weil sie den demokratischen Refor- mismus bekämpften usw. Nun sollten sie für friedliche Beziehungen ihrer Regierung zur Sowjetunion eintreten und sich in diesem Sinne und überhaupt ohne revolutionäre Ambitionen ins nationale Politikgewerbe einmischen, auch mit der Sozialdemokratie Bünd- nisse schließen und dergleichen mehr. Das wunderte die Basis und machte den bürgerlichen und sozialdemokratischen Gegnern noch lange keinen Eindruck; ihre Maskierung machte sie noch nicht zu Partnern. Dabei maskierten diese moskautreuen Seelen sich gar nicht bloß, sondern sie erbrachten Spitzenleistungen an Selbst- verleugnung. Mit ihren Einmischungsund Bündnisangeboten stellten sie ja ganz ausdrücklich die Parteigegensätze, die es i n n e r h a l b des antikommunistischen Lagers gab, ü b e r den Gegensatz, den s i e zu den anderen Parteien überhaupt noch eröffnen wollten - und überließen es denen, ihrerseits ihren An- tikommunismus zu betonen. Sie wollten Opportunisten sein und weckten damit doch immer wieder bloß Argwohn gegen die Echtheit ihres Opportunismus. Das um so mehr, weil sie nicht einmal e i n e Linie der Anpassung durchhalten konnten, sondern zwi- schendurch auch wieder dazu angehalten wurden, die Sozialdemokra- tie als Hauptfeind anzugreifen, so als hätten sie mitten im Kapi- talismus kein größeres Problem, als so ähnlich wie Stalin in Ruß- land mit falschen Freunden und "Verrätern" abzurechnen. Anschlie- ßend war dann wieder der gemeinsame Gegensatz der Demokraten ge- gen die Faschisten der höchste Wert der Komintern; und pflicht- schuldigst retteten kommunistische Volksfrontminister die bürger- lichen Verhältnisse z.B. in Frankreich vor streikenden Arbeitern, die die kommunistische Regierungsbeteiligung als Anfang vom Ende des Klassenstaats mißverstanden hatten. Für die Revolution sollte "die Zeit" nicht "reif" sein; aber um in Spanien für den Unter- schied zwischen dem Faschismus und einer linksliberalen Republik zu bluten, für die auch noch nicht einmal ein kommunistischer Übergang erlaubt war, dafür waren Stalin die kommunistischen Kämpfer gut genug - und die sich nicht zu schade ... Derweil erledigte Stalin die Aufgabe, die er für die verbündeten kommunistischen Parteien vorgesehen hatte, auf ganz anderer Ebene selber: Er trieb A u ß e n p o l i t i k. Von Regierung zu Re- gierung warb er um Anerkennung - die 1924 von wichtigen Staaten ausgesprochen wurde -, um Handelsbeziehungen, um Nicht-Angriffs- Pakte und überhaupt um Frieden. Den Chefs imperialistischer Na- tionen suchte er klarzumachen, daß mit dem revolutionären Rußland bestens auszukommen wäre. Daß dieses Mitmischen im diplomatischen Konkurrenzkampf der Existenz einer von Moskau gelenkten Komintern widersprach, die immer noch als Agentur der Subversion galt und eine internationale Solidarität der Staatsfeinde im Programm ste- hen hatte, wurde Stalin von seinen regierenden Gesprächspartnern klargemacht: Die ließen schon mal eine offizielle sowjetische Vertretung wegen ungehöriger Umtriebe abräumen. Für eine kleine Weile sorgte der 2. Weltkrieg für klare Verhält- nisse. Daß sein Staat zum Hauptopfer des unbefriedigten deutschen Imperialismus wurde, registrierte der Generalsekretär nicht als glanzvolles Scheitern seiner allseitigen außenpolitischen Anbie- derei - zuletzt bekanntlich noch bei den Nazis -, geschweige denn als Quittung für gewisse "Versäumnisse" bei der Beförderung der Weltrevolution, die den Gründern der III. Internationale noch als einzige wirkliche Überlebensversicherung für den "Sozialismus in einem Lande" eingeleuchtet hatte. Stalin nutzte das antifaschi- stische Kriegsbündnis zum Einstand als voll eingemeindetes Mit- glied der Staatenwelt des demokratischen Imperialismus. An die verbündeten Parteien erging der Auftrag, sich ebenso in jede be- liebige antifaschistische Einheit einzufügen und keine andere Rolle mehr spielen zu wollen als die des besten Demokraten. Die Komintern wurde darüber gleich in doppelter Weise zum Anachronis- mus: Als Internationale von Oppositionsparteien störte sie die Demokratien, zu denen Stalin keinen politischen Gegensatz mehr pflegen wollte. Und andersherum: Als voll integrierte - oder je- denfalls bedingungslos integrationswillige - Stützen nationaler Einheitsfronten wurde den auswärtigen Kommunisten selbst der Rest von Internationalismus und die Pflicht zur Sowjettreue, die ihr Verein noch symbolisierte, zur Last. Die Auflösung der Komintern war nur konsequent - und der Sieg des bürgerlichen Patriotismus in den übriggebliebenen Hammer- und Sichel-Parteien auch. D e r konnte nur noch radikaler werden. als die bürgerlichen Partner sich die Freiheit nahmen, den Kommunisten die nationale Einheit wieder zu kündigen. Diese Kündigung war nämlich fällig, als die durch den Weltkrieg erzwungene Einigkeit zwischen der Sowjetunion und den imperiali- stischen Demokratien ihr Ende nahm. Die Initiative dazu war ein- mal mehr bei den Gegnern des Kommunismus geblieben. Was Stalin blieb, war die Defensive, und zwar die einer Militär-Großmacht: O s t b l o c k s t a t t W e l t r e v o l u t i o n. Das war Stalins letztes Wort in dieser Angelegenheit. Selbstverständlich nehmen die freiheitlichen Weltmächte ihm das noch heute genauso übel, wie sie den weltweit organisierten Kom- munisten eine Weltrevolution übelgenommen hätten. Der Unterschied ist nur: Dann gäbe es sie nicht mehr. Aus MSZ - Marxistische Zeitschrift Gegen die Kosten der Freiheit Nr. 12/87 Michail Gorbatschow: Warum dieser Mann keinen Respekt verdient -------------------------------------------------------------- Er hat ja erst neulich, zum 40. Geburtstag des Staatswesens, in der DDR vorbeigeschaut. Da sollte er mit dem Staatsratsvorsitzen- den Honecker festlich auf die unverbrüchliche Freundschaft mit der Schutzmacht aller Sozialisten anstoßen. Das tat er, nahm mit dem Mauerbauer die Festparade ab - und dem selbst wohl einiges an Sorgen, der DDR-Sozialismus fände mit der Fluchtwelle demnächst ein jähes Ende. Kurz darauf hat er auf dieselbe Freundschaft mit der DDR gleich nochmal angestoßen, in Moskau und mit dem neuen SED-Chef diesmal. Und dem hat er bei der Gelegenheit schon wieder viel Glück und Erfolg für die DDR gewünscht, beim Weitermachen auf dem Weg, der mit dem gründlichen Absägen der alten Staatsführung seinen Anfang nahm und in der Grenzöffnung zur revanchistischen BRD gleich sei- nen nächsten Höhepunkt fand. Man sieht, daß Michail Gorbatschow Prinzipien hat. Es sind genau dieselben, derentwegen ihm alle im Westen Glück und gutes Gelin- gen bei seinen Werken wünschen. Die politischen Führer der NATO entbieten ihm ein scharfes "Weiter so!" zum Gruß. Das deutsche Volk, meinungsumfragt, hat seinetwegen weniger Angst vor einem Krieg. Es kann sich mehrheit- lich sogar vorstellen, daß er Kohls Sache besser macht als die- ser. Bankiers und Konzernchefs sichten voller Anerkennung die Chancen, die er ihnen eröffnet. Italienische Fußballvereine und kanadische Eishockeyclubs danken ihm die Bereicherung des Ange- bots auf dem Spielermarkt. Die Kirchen zollen ihm Respekt, weil er sich mit dem organisierten Glauben arrangiert. Unter seiner Führung organisierte Wahlen bringen Fernsehmoderatoren ins Schwärmen. Durch seine Aussiedlerpolitik kommt die Verwaltung des Lagers Friedland ins Schwitzen. Sein Buch stürmt die Bestseller- listen und zwei russische Wörter geraten in den Duden. Linke im Westen verbuchen erstmals den Kreml als gute Bedingung. Und al- len, die sich zur Erneuerung im Osten in diesem selbst aufmachen, ist er ja sowieso rundum ein Vorbild. Das alles soll dem Vorstand einer kommunistischen Partei zur Ehre gereichen. Mit diesen Früchten seines neuen Denkens soll sich die Welt, im Osten und insgesamt, zum Besseren wenden. Fürwahr, eine seltsame Leistungsbilanz. Sie beweist eindeutig, mit welch abge- schmackten Einfällen und widerwärtigen Initiativen man sich bei der "Menschheit" des späten 20. Jahrhunderts beliebt machen kann. Deren Optik, die so scharfe Einstellungen wie die des Wählers, des Berufssoldaten, des Politikers, des Geldanlegers, des Mana- gers und des Pfaffen vereint, verstellt allerdings gänzlich den Blick auf die tatsächlichen Leistungen des Michail Gorbatschow. 1. Relativ neues ökonomisches Denken ------------------------------------ In seiner Eigenschaft als oberster Begutachter der Sowjetwirt- schaft ist ihm neulich schlagartig klargeworden, daß deren Er- träge einfach nicht reichen. Weder für die Kassen, die der Staat verwaltet, noch für die Betriebe, kassenmäßig und in Bezug auf den Nachschub an Produktionsmitteln - und schon gleich gar nicht für den Sowjetmenschen in seiner Eigenschaft als Konsument. Seit- dem ruft er Land und Leute zur E f f i z i e n z auf, klagt über S t a g n a t i o n und sagt seinem im Grunde guten Volk einen ausgeprägten M a n g e l a n V e r a n t w o r t u n g nach. Einen alten Brauch knickt der neue Denker also erst einmal nicht. Die Ökonomie ist für ihn wie für seine Vorgänger eine moralische Anstalt, an deren Ergebnissen man sieht, ob sie funktioniert oder nicht. Wenn Gorbatschow bei seiner Mannschaft ein "schwaches In- teresse an den Endergebnissen" feststellt, so ist ihm zu beschei- nigen, daß s e i n Interesse am Grund dafür noch viel schwächer ausfällt. Seine zutiefst pauschale üble Nachrede, die Kader wie Massen der G l e i c h g ü l t i g k e i t zeiht, hat mit der Kritik von Fehlern noch nicht einmal Ähnlichkeit. Noch weniger handelt es sich um Selbstkritik, wenn er sich und andere vorge- setzte Genossen mit dem Vorwurf bedenkt, sie hätten durch ihre Vorschriften und Leitungsgewohnheiten die Lust an der Verantwor- tung erstickt. Die der Ökonomie gewidmeten Thesen von Gorbatschow ernstgenommen, ist das Produzieren, Verteilen und Konsumieren in der Sowjetunion ein einziges riesiges M o t i v a t i o n s- p r o b l e m. Die sinnige Kombination seiner Diagnose "je Kommando, desto verantwortungslos" verlängert er in keiner denkbaren Weise konsequent. Und auch seine Russen, geschweige denn die anderen Vielvölker, stellen ihm nie die entsprechenden Fragen: Waren es falsche Kommandos? Haben die Befehlsempfänger sie befolgt oder übergangen? Gehen die Sowjetmenschen täglich und an Samstagen nun in die Fabrik; und aufs Feld oder halten sie sich nur beim Schlangestehen an die Plankennziffern? Für welche Ergebnisse sollten sie sich sonst interessieren außer für die, die das sozialistische Rechnungswesen heiligt und zur Grundlage für die Abrechnung macht? Von welchen Anreizen sollten sie sich stimulieren lassen außer von denen, die es gibt? Kurz, die Sowjetmenschen sind von ihrem neuen Agitator begeistert und verpassen darüber, wie er selbst. wieder einmal das Wichtig- ste. Vor lauter Verantwortung unterlassen sie die Kritik der po- litischen Ökonomie und pflichten Michail bei, wenn er sagt, daß Besserung not tut. Damit demnächst verantwortungsvoll produziert wird, geht es zunächst unter Anleitung der Partei um Die Schaffung von Verantwortung ------------------------------- Dieses Programm kümmert sich erklärtermaßen nichts um Produkti- onsverhältnisse und die ihnen entsprechende Organisierung der Produktivkräfte. Vielmehr um die als entscheidend angesehene Pro- duktivkraft "I n t e r e s s i e r t h e i t". Um sie nach gut psychologischer Manier anzureizen, braucht es - einen Anreiz. Das neue Denken, erpicht auf "eine Revidierung der E i n s t e l- l u n g zum sozialistischen Eigentum", sieht seit neuestem im E i g e n t u m selbst einen brauchbaren Anreiz. Auf der Suche nach dem Sinn für Interesse revidiert man in der Sowjetunion durchaus etwas an den Produktionsverhältnissen, wie gesagt, wegen der "Einschaltung des persönlichen Interesses", nur so zur "Erneuerung des Hausherrengefühls". Diese Neuerung hat dem Neuerer im Westen, wo nach einer alten Legende Eigentum, Initia- tive und Verantwortung dasselbe sind und mit Kapital nichts zu tun haben, manch gutes Wort eingebracht. Nach dem Motto: "Wer sagt es denn schon seit '33 und endlich sieht's der Iwan auch ein". Im Osten hat die Idee zwar nicht die volkseigenen Betriebe in die Hände von tüchtigen Millionären gelegt, immerhin aber der Landwirtschaft ein Pachtsystem beschert, in dessen Rahmen auf ei- genem Boden, auf eigene Rechnung und in eigener Verantwortung ge- arbeitet wird. Offenbar angeregt durch die katastrophale Lebens- mittelversorgung ist dem Wendepolitiker vor allem die fehlende Interessiertheit des Bauernstandes zu Herzen gegangen. So sehr, daß er auf den Sow- und Kolchosen des Landes "Entfremdung" aus- macht, aus der die Ineffizienz rührt: "Der Sinn der wirtschaftlichen Umgestaltungen auf dem Land muß darin bestehen, den Bauern umfassende Möglichkeiten zu bieten, Selbständigkeit, Unternehmungsgeist und Initiative zu zeigen. Wir müssen die Entfremdung der Werktätigen des Dorfes (wie übrigens auch aller Werktätigen) vom Eigentum entschieden überwinden, das ihnen einstweilen nur formell gehört." Daß sich Entfremdung, die Trennung vom Eigentum anderer und der dazugehörige Zwang zur Arbeit ganz gut mit Effizienz vertragen, weiß dieser Bewunderer westlicher Produktivität auch nicht so recht. Umso besser kennt er sich in der Seele des Bauern aus, die aufgrund der Kombination von eigenem Boden und eigener Arbeit ganz vortrefflich gerät: "... der Arbeiter war aber nicht so eingestellt, wie es ein echter Bauer auf dem Land sein müßte. Das ist doch eine lebende Welt - Erde, Natur, in denen ständig etwas vor sich geht. Man muß wissen, wie die Natur lebt, wie sie atmet, man muß sie erfahren. Wenn man auf einer Farm arbeitet, so muß man die lebendigen Orga- nismen genau kennen." Lohn, Preis, Profit als Verantwortungsstifter --------------------------------------------- Wozu das Eigentum gut ist, das bringen ökonomische Größen schon lange. Nämlich seit der systematischen Einführung der Hebelökono- mie. Getreu der Devise: "Auf administrative Methoden kann man nur verzichten, wenn man über ökonomische Hebel verfügt.", läßt sich die Administration des sowjetischen Vaterlandes schon immer gern zu Vorschriften über neue ökonomische Hebel herbei. Die Neuerung Gorbatschows auf diesem Felde besteht darin, daß er das Kommandieren, die Vorschriften von ihrem Inhalt trennt, den Hebeln nämlich - und letzteren andichtet, sie würden ihr Werk von selbst tun. Im Zuge dieses genialen Gedankens ist er aber auch auf die Idee verfallen, per Dekret den Betrieben hie und da die Preisfestsetzung selbst zu überlassen. Seitdem wundern sich man- che Russen, wie teuer Kartoffeln werden können; andere darüber, daß sie fehlen. Mehr Verantwortung tragen manche Betriebe jetzt auch bei der Er- wirtschaftung und Verbuchung ihrer Gewinne. Sie sind nicht länger das kalkulatorische Resultat von staatlich festgesetzten Preis- summen, und der Umgang mit ihnen soll - gemäß der Trennungslogik von Kommando und Verantwortung - ein ziemlich eigener sein. Zwar garantieren die Bedingungen der ökonomischen Umwelt, daß aus der Selbsterwirtschaftung von Betriebsmitteln, aus der Effizienz durch kalkulatorische Freiheit wenig wird. Immerhin aber kommt bei Gorbatschow und den Seinen Genugtuung darüber auf, daß ohne die früher übliche Zuteilung von Mitteln durch den Staat mancher erneuerte Betrieb den Staatshaushalt schont. Die Erlaubnis von Konkurrenzpraktiken inmitten der überkommenen Hebelwirtschaft zeugt von der Ignoranz des neuen Denkers. Ausge- hend vom Bedürfnis nach Effizienz will er - darin ganz hebelwirt- schaftlich wie eh und je - Betriebe und Volk zum lohnenden (das ist das Kriterium des staatlichen Rechnungswesens) und versor- gungstauglichen Produzieren anhalten. Die dazu erforderliche V e r a n t w o r t u n g will er durch neue Zwänge zum Eintei- len herbeiführen, in der festen Überzeugung, daß die allemal auf mehr Leistung hinauslaufen. Daß er dabei dem Kapitalismus ein Ideal abgelauscht hat, spricht er bei jeder unpassenden Gelegen- heit aus. Mit der Realität hat dieses Ideal ebensowenig zu tun, wie seine Anwendung im hebelökonomischen Laden zu Effizienz führt: "Es liegt auf der Hand, daß Kolchose, Sowchose und Pachtkollek- tive, wenn sie von den erarbeiteten Mitteln leben, gezwungen sein werden, Produkte in größeren Mengen, besserer Qualität und mit geringeren Ausgaben zu erzeugen." Diese auch auf Industriebetriebe angewandte Technik, die sich "volle wirtschaftliche Rechnungsführung" schimpft, hat bislang den alten Mängeln nur neue Störungen hinzugefügt. Einerseits trennt sich wie eh und je der finanzielle Erfolg von Staat und Betrieben vom materiellen Produktionsergebnis. Deshalb berichtet die Prawda über ein wunderbares Jahr der Perestroika: "Den Plan vom vergangenen Jahr für die Produktion hat unser Ge- biet erfüllt und sogar übererfüllt. Gewinnmäßig freilich ist der Plan nicht erfüllt worden." Und Gorbatschow, offenbar über einen statistisch verbürgten Auf- schwung in der Produktion unterrichtet, vermeldet: "Folglich haben wir jetzt von allem mehr als früher." - um dann empört und verwundert, ziemlich rhetorisch zu fragen: "Aber wo bleibt das alles? Warum gibt es in den Geschäften nach wie vor Schlangen, und die Knappheit an vielen unentbehrlichen Dingen verringert sich nicht?" Da es ihm keiner sagt, gibt er die Antwort selbst. Als gelehriger Schüler westlicher politischer Sitten holt er zu einem Doppel- schlag aus. Einerseits renommiert er mit einem uralten Sockenaus- zieher aus der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre: mit dem Bild vom Waren- und Geldberg, die ins Ungleichgewicht geraten sind und noch dazu den Staatshaushalt belasten. Andererseits bedient er sich nach drei Jahren heftigster Perestroika der Legende von der Erblast, wie sie einem radikalen Sozialsparpolitiker des kapita- listischen Lagers nicht besser gelingen könnte: "Ebenda, Genossen, kommen wir zu der Kernfrage der gegenwärtigen Lage in der Wirtschaft: zum Zustand der Finanzen, zum Geldumlauf, zum bilanzierten Verhältnis zwischen Waren und Geldmitteln. Diese Situation ist nicht von ungefähr entstanden. Das schwerste Erbe, das wir von der Vergangenheit übernommen haben, ist wohl das Haushaltsdefizit... Natürlich übt das Defizit auf die ganze Volkswirtschaft einen verderblichen Einfluß aus. Auf den Geldum- lauf im Lande wirkte sich die untaugliche Praxis schädlich aus, bei der in vielen Volkswirtschaftszweigen unverdientes Geld aus- gegeben wurde. Dadurch wurde aber auf dem Verbrauchermarkt unge- heure Spannung erzeugt." Wenn der Mann schon einmal in die ökonomische Ursachenforschung einsteigt, kommt garantiert eine bürgerliche Ideologie heraus. Und nicht einmal bloß eine von der Sorte, die man getrost unter der Abteilung Dummheit abbuchen kann. Die Entdeckung des Miß- stands Inflation führt ihn schnurstracks zu der Frage nach der Herkunft des zuvielen Geldes und zu der Antwort, die den Verant- wortungshebel Lohn einer eindeutigen Verwendung zuführt. Da "bringen es viele fertig, Kanäle für die Erzielung von Einnahmen unabhängig von den realen Ergebnissen der Produktion der Waren hoher Qualität und der Dienstleistungen zu erhalten. Auch im vo- rigen Jahr wuchs die Entlohnung schneller als die Arbeitsproduk- tivität. Folglich zahlen wir weiter in vielen Fällen nichterar- beitete Gelder aus." Leider fragt ihn auch in diesem Zusammenhang kein Russe, ob die Läden dann nicht vielleicht bloß deswegen so leer sind, weil sie die Russen leergekauft, das Zeug in sozialistischem Überschwang konsumiert haben - und im übrigen mit dem übrigen Geld zuver- sichtlich auf neue Produkte warten. Jedenfalls offenbart das neue Denken so langsam auch seinen reaktionären Charakter. Die Arbei- ter haben die Einkommensquelle der Verantwortungslosigkeit scham- los ausgenützt. Heiliger Stimulus! II. Absolut verkehrte Politik ----------------------------- Der Überlegung, daß die Verantwortung landauf landab zu wenig a n g e s t a c h e l t worden sei, stellt Gorbatschow eine zweite zur Seite: Sie ist auch ein bißchen v e r h i n d e r t worden, und zwar durch Staat, Partei, Bürokratie. "Wir werden die dringlichen ökonomischen Probleme nicht lösen, wenn bei uns der Überbau nicht funktioniert, wenn wir das büro- kratische Weisungssystem nicht zerstören. " Dieses eher selbstkritische Rezept ist freilich nicht besser als die Fortsetzung des Hebelwesens zur Steigerung der Initiative. Wäre es den Sowjetmenschen statt um das Zurechtkommen i m über- kommenen System um ein Ding namens Verantwortung gegangen, das sie für wichtiger und richtiger als die geltenden Regeln gehalten hätten, so hätte das "bürokratische Weisungssystem" längst seinen Abschied einreichen können. Daß man sich gegen Weisungssysteme kritisch wenden und durchsetzen kann, vermag sich auch Gor- batschow nicht vorzustellen. Die moralische Kategorie der Verant- wortung denkt er auch wenn sie oder ihr Fehlen für nichts den Grund abgeben - ausnahmsweise sehr konsequent. Es geht ihm schlicht um die V e r p f l i c h t u n g der Sowjetbürger, ihre B e r e i t s c h a f t, die Beiträge zum Funktionieren der Sowjetökonomie zu leisten, die Michail vermißt. In der Gewiß- heit, daß letztendlich in der Hauptsache tüchtige Leute, dem Auf- schwung des sozialistischen Vaterlandes gewogene Bürger sein Land bevölkern, sind ihm die Techniken des staatlichen Umgangs mit den Genossen verdächtig geworden. Sind sie nicht bei jedem Versuch, Mängel zu beheben, abweichende Meinungen vorzubringen, Verbesse- rungsvorschläge einzureichen, säumige Kollegen und Vorgesetzte zur Rechenschaft zu ziehen ... - aufgelaufen? Haben sie nicht im- mer gegen den "Apparat", gegen Polizei und Justiz den kürzeren gezogen? "Wir müssen Mechanismen schaffen, die sich selbst regeln würden, und zwar durch die Einbeziehung der handelnden Hauptperson - des Volkes - in all diese Prozesse." Michail Gorbatschow findet mit seiner "zweiten Revolution", die von oben kommt, den goldenen Mittelweg. Weder will er mit seiner Geschichte von den eingeschüchterten, drangsalierten und an ihrer Initiative gehinderten Massen diesen eine schlechte Betragensnote ausstellen. Denn ein bißchen Opportunismus muß ja im Spiel gewe- sen sein, wenn sie bislang aufgrund fehlender Erlaubnis die Kne- belung durch die Bürokratie hingenommen haben. Wenn sie, auf ihre eigenen und des sozialistischen Fortschritts Kosten, den passiven Schlendrian dem aktiven Widerstand vorgezogen haben. Noch will er jetzt, den Massen zuliebe, den Apparat zum Teufel jagen und das Volk einfach schalten und walten lassen. Mit dem Stichwort "Demokratisierung" hat er s e i n politisches Ideal aufgemacht. Es umschreibt einen Tausch: Die Sowjetbürger erfreuen sich dank Perestroika und Glasnost ab sofort politischer Freiheiten; Kon- trolle und Unterdrückung entfallen weitgehend; "Aktivität" ist genehmigt und gefragt dazu. Dafür liefern sie jede Menge Verant- wortung ab, deren Inhalt sich Gorbatschow allemal als Beitrag zur Effizienz vorstellt. Genauso wie er an das abstrakte Ideal er- folgreicher Ökonomie glaubt, vertraut er auf die produktivkraft- hördernde Wirkung gewährter Rechte - aufs Meinen, Kritisieren, Verbesserungsvorschlagen. Verändert hat sich dadurch manches. Die "Hauptperson" Volk i s t "einbezogen" (mit Verlaub: ein bißchen war sie das schon immer, einerseits beim Arbeiten, Kaufen, Sparen, andererseits im regen Parteileben), d a r f also zusätzlich zu jeder Tages- und Nachtzeit politisieren. Und die neuen Rechte w e r d e n wahr- genommen, was die Vermehrung der ohnehin schon zahlreichen Komi- tees, Vereine, Organisationen im Namen des Volkes nach sich zieht. Kompetenzen und Gewaltbefugnisse gehen von alten auf neue Instanzen über, und letztere tragen den Stempel "Volk, echt". Mehr Rechte für alle -------------------- Für die Betriebe, die ab sofort ja "selbst" wirtschaften sollen; für die Sowjets, weil "echte Organe der Volksmacht"; für die Re- publiken, weil irgendwie dasselbe; für die Nationalitäten, weil "jede Nation, die ihre eigene Intelligenz hat, ihre eigene Kultur entwickelt und ihre Leistungen gedanklich verarbeitet, sich den Wurzeln ihres Volkes zuwendet." Wenn die nun alle ihre Rechte haben, hat sich zwar an der Z i e l s e t z u n g der Politik im Lande noch gar nichts geän- dert. Weder Gorbatschow noch eine dieser Instanzen, weder seine Mitstreiter noch die Bremser der Perestroika haben je - und die Sache währt schon ein paar Jährchen - vorgeschlagen, zu planen statt zu stimulieren. Jedoch ist mit der Delegierung von Rechten auch in die Sowjetgesellschaft ein gründlich abgetrennter Bereich eingezogen. Jetzt widersprechen sich nicht hie und da die Inter- essen von Betrieb, Sowjet, Republik und Bürger. Jetzt sind sie alle befugt, diese Interessen auf Kosten der anderen geltend zu machen. Wovon sie früher b e t r o f f e n waren, worüber sie bei der Partei oder in Moskau, im Parlament, Klage führten - all das ist jetzt offizielles Kampfprogramm, verfügt über seine Amts- wege und Verfahren. Und das belebt die russische Szene so unge- mein, ohne je Gorbatschow seinem Ideal der Effizienz näherzubrin- gen. Im Gegenteil. Jetzt pocht jeder auf den Nutzen einer Effizi- enz, die es nicht gibt - f ü r s i c h. Ein Betrieb nützt sein Recht zur Sortimentsfestlegung, das Mini- sterium darf nicht mehr "bevormunden" schreibt statt dessen Bitt- briefe. "Die Leitung des Ministeriums für medizinischen Gerätebau wendet sich noch einmal an die gesamte Belegschaft des Werks mit der Bitte, die Elimination verschiedener Instrumentengattungen aus dem Produktionsplan noch einmal zu überdenken. Der geringfügige augenblickliche Gewinn Eures Unternehmens, der sich aus der Eli- mination dieser Gerät, aus dem Produktionsplan ergibt, wird durch das Leid der Menschen dieses Landes bezahlt. Wir rufen Euch zur Barmherzigkeit auf. Gezeichnet: Stellvertretender Minister für Gerätebau." Die Öffentlichkeit darf über Hartherzigkeiten räsonnieren ... "Aus verschiedenen Orten erhalten wir Informationen nach denen auf Selbstfinanzierung umgestellte Unternehmen drastisch ihre Pa- tenschaftshilfe für Schulen reduzierten und sich weigern, ihren Anteil an städtischen Kindergärten zu errichten. Häuserbau ver- ringert ... mit der Begründung, daß der Betrieb nun seine Mittel selbst erwirtschafte und es mit der früheren Methode des 'Durchfütterns' heute vorbei sei..." Und Gorbatschow fällt auch an solchen Erfolgen seiner Demokrati- sierung nichts auf, genausowenig wie bei den Leserbriefen an die Zeitungen. In denen steht das einfältige Echo seines Programms der politisch-moralischen Ertüchtigung, manche Klage über Mit- menschen, die Verantwortung vermissen lassen, u n d der Zusatz, wie sehr die Schreiber a l s Angehörige eines Betriebs, einer Region, einer Republik, eines Kollektivs, einer Schule... vom Ausbleiben der Perestroika ("bei uns noch nicht angekommen") be- troffen sind. Der Generalsekretär betätigt sich wie ein ideeller Gesamtschiedsrichter und wie eine politische Gouvernante dazu. "Es gibt Fragen, die Diskussionen auslösen: Sie betreffen die Wechselbeziehungen zwischen der Union und den Republiken, zwi- schen den Republiken und den Gebieten, die Frage, wie sich der Staatsauftrag und die Selbständigkeit der Kolchose, Sowchose und Betrieb zueinander verhalten." Natürlich will er es weiterhin jedem recht machen und leiert an- gesichts der Kompetenzstreitigkeiten und Konkurrenz, die er in sein System eingeführt hat, immer nur seinen Katalog herunter: Einerseits "Selbständigkeit der Betriebe", andererseits "volle Machtfülle der Sowjets" die sollen sich nicht in die "Rechte der Betriebe" einmischen", dafür aber "die volle Verantwortung tragen für eine bessere Gewährleistung materieller und geistiger Bedürf- nisse der Bevölkerung". "Einmischen" in die betriebliche Selb- ständigkeit sollen sich auch die Republiken mit ihrer erweiterten eigenen wirtschaftlichen Rechnungsführung nicht. Wenn sie die ge- geneinander geltend machen und der Streit darüber ausbricht, wie- viel sie abführen müssen/behalten dürfen; wenn Sowjetrepubliken neuerdings Ausfuhrsperren für Defizitwaren gegeneinander verhän- gen und lauter lokale Rechnungen gegeneinander aufmachen, d a n n widmet sich Gorbatschow der Ökonomie, von der er keine Ahnung hat: "Offensichtlich darf eine solche Umgestaltung nicht zur Autarkie, zum Naturalwirtschaften führen, weil das der Gesellschaft mehr Schaden als Nutzen bringt." Im übrigen ist er mehrmals pro Woche der Ansicht, daß friedliches Miteinander doch besser ist als Streit. Insbesondere im Blick auf die Nationalitätenkonflikte ----------------------- Wenn sich die baltischen Republiken zielsicher auf die Austritts- erklärung hinarbeiten, andere Nationalitäten den Freibrief von oben als Auftakt dazu begreifen, im vollen Bewußtsein ihrer Rechte aufeinander loszugehen, dann orgelt der neue Denker die ältesten Fehler seiner Partei zur "Frage der Nation" herunter. "Es zeigt sich, daß manchmal selbst die gebildetsten Leute weder das Nationale vom Nationalistischen unterscheiden, noch die Dia- lektik des Internationalen und des Nationalen begreifen." Manchmal will dieser Mann auch partout etwas unterscheiden, was nicht zu unterscheiden geht, bzw. nur im grundverkehrten morali- schen Weltbild von der großen Völkerfamilie Sowjetunion: guten und berechtigten Nationalstolz von schlechtem Nationalismus. Jetzt beweisen ihm ganze, im Sinne des Sozialismus über Jahr- zehnte hinweg erzogene Völker und ihre Führung nur eines: daß "das Nationale" keine Eigenart, Tradition und Kultur ist, daß der Weg vom Volksliedgut zum Kampf um das nationale Wir so weit auch wieder nicht ist; da wollen regionale Staatsorgane und ihre Ge- folgschaft keine wichtigeren Fragen mehr kennen, als die Rechte und Ansprüche ihrer Nation - Gorbatschow ficht das nicht an. Sein bestes Argument vermutet er im Hinweis der Völker darauf, daß es die Union war, die ihren Nationalismus zur Blüte gebracht hat. Da sich der gründlich gehegte Nationalismus nun aber so unge- pflegt austobt, wird auch die Union ihre Wertschätzung des Natio- nalen öfters mit Gewalt gegen Nationalisten ausdrücken müssen. Vergangenheitsbewältigung auf neu-russisch ------------------------------------------ Auch Jahrzehnte vor dem Amtsantritt des Neuerers war man im Kreml auf die moralische Intaktheit und die Treue des Volkes scharf. In Gefahr schien dieser Bestandteil des sozialistischen Menschentums - eher eingebildet statt wirklich - den alten Führern durch ob- jektive Darstellung dessen, was Partei und Volk so alles getan und unterlassen haben. Sie hielten es für notwendig zur Beförde- rung des Einsatzes für den Sozialismus, das Vertrauen zur Führung zu kultivieren. Deshalb gerieten die Taten sämtlicher Führungen in der öffentlichen Darstellung und in der erzieherischen Betreu- ung stets in rosarotes Licht. "Ehrlichkeit" hat der neue Chef verlangt anstelle von Lügen, Til- gung der "weißen Flecken in der Geschichte", Kritik statt Lobhu- delei. Alle drei Aufträge gehen nur in Ordnung, wenn Wissen vor- handen ist über das, was aufgedeckt, kritisiert gehört. Das scheint in der Sowjetunion in großem Maßstab nicht vorhanden zu sein, und der Initiator dieser Selbstläuterung fühlt sich am we- nigsten dazu bemüßigt, dem Mangel abzuhelfen. Folglich hat er bloß einen Riesenzinnober in Gang gesetzt, bei dem das moralische Volksgemüt an allen Ecken und Enden entdeckt, daß sich seine Wer- tungen auch gut umwerten lassen. Wenn Stalin jahrelang der Held des großen Vaterländischen Kriegs war und der Persönlichkeitskult seine politischen Fehler nach der Methode "gute und schlechte Seiten" abgetrennt oder einfach ignoriert hat, darf jetzt der ne- gative Personenkult Orgien feiern. Das sowjetische Fernsehen war- tet unter dem Titel "Spießgesellen" mit "Enthüllungen" über den Hitler-Stalin-Pakt auf, die weder den politischen Fehler dieser Sorte Diplomatie mit dem Feind kennzeichnen, noch ihr überhaupt den Rang einer politischen Kalkulation zuerkennen wollen. Wie im Lehrbuch des Antikommunisten wird die Gemeinsamkeit von Hitler und Stalin als die zweier abgrundtief schlechter Charaktere breitgewalzt. Jetzt wird schlechtgemacht statt lobgehudelt, mit Argumenten, die aus westdeutschen Boulevardblättern stammen könn- ten, zum Komplizen der Faschisten gestempelt - und ein neuer Volkssport ist in Mode. Im Sinne dieses Fortschritts haben die Russen an ihrer Vergangen- heit noch einiges "aufzuarbeiten". Unter dem saublöden Gesichts- punkt von wegen Kommandowirtschaft lassen sich locker sämtliche bisherigen "Errungenschaftena der O k t o b e r r e v o l u- t i o n in Frage stellen. Ab wann ist die "bürokratische Entartung" losgegangen, ist nicht überhaupt die Kollektivierung auf dem Land schon ein Fehler der Kommandowirtschaft gewesen, hätte Lenin die Revolution nicht besser gelassen und sich in friedlicher Konkurrenz mit den bourgeoisen und anderen gegnerischen Parteien auf die Herbeiführung des Sozialismus geeinigt? Klarheit über Fehler wird dadurch garantiert nicht gestiftet, wohl aber etliches an Opposition im Namen der neuen Ideale. Opposition heute in der Sowjetunion heißt 1. keine aus dem Westen kommende Ideologie mehr kritisieren, auch nicht mehr mit falschen Argumenten; 2. zweifeln daran, ob es die Anleierer der Perestroika ehrlich meinen und auch weit genug gehen: 3. fra- gen, ob die Perestroika nicht unsinnigerweise die Errungenschaf- ten und bewährten Regeln des Sozialismus vor Gorbatschow kaputt- macht. Die letzte Abteilung Opposition kann sich kaum behaupten. Aber nicht, weil sie im Unrecht wäre, weil sie für die Verteidi- gung all dessen, worin sich Bürger und Funktionäre, Völker und Kommissionen eingehaust haben, nichts Gescheites vorzubringen weiß. Vielmehr deswegen, weil sich auch und gerade mit den hin- zugewonnenen Techniken des Umbaus die alten Methoden des Absä- gens, Denunzierens Ausbootens prächtig bewähren. Überhaupt - die Öffentlichkeit mit Glasnost ------------------------------------------- "Pluralismus", lehrt der Genosse Generalsekretär wie im Grundkurs Wissenschaftstheorie, "schafft die besten Voraussetzungen für die Suche nach der Wahrheit. Denn nur in der Konfrontation der Mei- nungen, in der Gegenüberstellung der Ansichten, läßt sich die Wahrheit finden." Es mag ja stimmen, daß die U n t e r d r ü c k u n g von freier Meinungsäußerung verrät, daß eine Staatsmacht nichts auf Kritik gibt und auch an keiner Wahrheit interessiert ist. Die Umkehrung, daß die G e w ä h r u n g öffentlicher Auseinandersetzung den passenden Weg zur Wahrheitsfindung darstellt, gar deswegen er- folgt, stimmt garantiert nicht. Im Westen, wo man sich so viel auf die pluralistische Öffentlichkeit zugute hält, gilt das Dogma, daß viele Meinungen unterschiedliche Interessen zum Aus- druck bringen, die sich alle letztlich zu relativieren haben, weil k e i n e die "W a h r h e i t" für sich in Anspruch nehmen kann. Und zwar theoretisch wie praktisch, so daß sich sin- nigerweise die "mächtigste" Meinung, die sich an die Staatsnot- wendigkeiten hält, durchsetzt. Daß das Hin und Her von Wahlkampf- parolen ein Ringen um Wahrheit darstellt, ist eine von jedermann durchschaute lächerliche Lüge. Und dasselbe gilt für den Wahl- kampf zwischen den Wahlen, wo Minister und Opposition ihre Vari- anten der "Sachzwänge" austauschen. Wenn gar der Regierungsspre- cher höchst offiziell eine "Sprachregelung" zum besten gibt und die Regierungspolitik "verkauft", weiß jedes kleine Kind, worauf die "Konfrontation von Meinungen" berechnet ist. Aber auch unabhängig vom praktischen Umgang mit Meinungen, wie er in der Demokratie üblich ist, liegt Gorbatschow mit der Deutung, die er seiner Erlaubnis zur "Freiheit der Kritik" gibt, reichlich schief. Damit ein bißchen Wahrheit herauskommt aus der Gegenüber- stellung von Ansichten, muß es den Beteiligten schon auch darum gehen! Und so anständig und staatsmännisch er sich auch vorkommen mag, weil er im Unterschied zu seinen Vorgängern die Sowjetbürger jetzt die Überlegungen, die sie immer schon hatten, s a g e n l ä ß t und erklärtermaßen respektieren will, ist eines nicht zu übersehen: Auch diese Neuerung ist nach dem Prinzip des Hebels konstruiert. Denn das Dürfen, mit dem er seine Landsleute be- glückt, soll schließlich dazu taugen, dem Sozialismus zum fälli- gen Aufschwung zu verhelfen. Und d a s vermag die herrliche M e t h o d e des Umgangs zwischen Staat und Bürgern nur dann, wenn die einlaufenden Meinungen ihrem I n h a l t nach etwas taugen. In dieser Hinsicht ist Michail Gorbatschow erst einmal mit schlechtem Beispiel vorangegangen. Zu mehr als dem Befund, unter seiner Anleitung hätte die Produktivkraft-Moral einen endlich zu- friedenstellenden Aufschwung zu nehmen, hat er es nämlich gar nicht gebracht. Und dergleichen dient in keiner noch so lebhaften Diskussion der Wahrheitsfindung. Umgekehrt hat er mit der Respek- tierung von veröffentlichten Meinungen entschieden zu viel im Sinn. Sein Versprechen, das er offenbar hält, erstreckt sich ein- deutig nicht nur auf die Praxis, aufmüpfige Sowjetbürger wegen abweichender Wortmeldungen nicht mehr zu drangsalieren und einzu- sperren. Der Neuerer verzichtet gleich auch noch darauf, die ihm und seinen Parteiorganen zu Gehör gebrachten Anschauungen zu prü- fen und im Ernstfall zurückzuweisen. Verstehen, aber nicht billigen, kann man den Meister der inhalts- losen Selbstkritik in den Fällen, wo ihm A k k l a m a t i o n zuteil wird. Diese Nutzung der frisch eroberten Freiheit der Mei- nung ist recht verbreitet. Man fordert die konsequente Fortset- zung der Perestroika, den Aufbruch zu vielen neuen Ufern und be- gründet selbiges mit der längst feststehenden Diagnose. Stagna- tion muß weg Moral und in ihrem Gefolge "Effizienz" sollen wieder Einzug halten. Genau so prinzipienlos verfährt Gorbatschow mit den Stimmen, die sich an fremden Herren orientieren - und das nicht einmal kaschieren. Zu einer begründeten Zurückweisung verkehrter Welt- anschauungen will sich seine Partei einfach nicht herbeilassen. Die perverse Lektion, die im Kreml gelernt worden ist, lautet: Weil die Monopolisierung der Weltanschauung der Partei zu Stagna- tion geführt hat, gilt jetzt jeder Mist gleich viel. Und darin unterscheidet sich Gorbatschow sowohl von Wahrheitsssuchern als auch von demokratischen Öffentlichkeitsgestaltern. Letztere pfle- gen ja nicht nur jede Meinung als höchst relative, also unmaßgeb- liche stehen zu lassen; sie haben es auch dahin gebracht, daß die Meinungen gleich nur in Anlehnung an gültige Interessen Maßstäbe & Werte formuliert werden. Und zwar mit dem opportunistischen Drang, Gehör zu finden und die Erfolgsaussichten zu erhöhen - wo- durch gleich nur noch staatstreue Alternativen zur Debatte ste- hen, bei denen jedes Interesse baden geht. Die Ansprüche von re- gierenden D e m o k r a t e n an das veröffentlichte politische Gedankengut scheiden allemal das Polizeiwidrige und dem Gemeinwe- sen nicht Zuträgliche von den Einfällen, die sich als konstruk- tive Beiträge zur Bewältigung der nationalen kapitalistischen Ta- gesordnung präsentieren. Und Demokraten verstehen sich von der Denunziation des naivsten Grünen als "fünfte Kolonne" bis zur Organisation des Zutritts zu den Medien enorm gut aufs Ausgrenzen und Handverlesen. Daß Gorbatschow diese Praktiken n i c h t imitiert, in dieser Hinsicht mit alten Bräuchen seiner Partei bricht mag ihm mancher als E h r e anrechnen. Zur Schande gereicht ihm aber, daß er ausdrückliche Gegner nicht widerlegt, daß er die dümmsten Meinun- gen unkritisiert durchgehen läßt - als wollte er beweisen, daß sich sein Sozialismus mit allem verträgt, was das internationale Geistes- und Gesellschaftsleben so hervorbringt. Er läßt die kri- tik- und kriterienlose Aneignung und praktische Pflege des letz- ten Mists durchgehen, als wäre das alles nicht nur "interessant", sondern auch noch ein Beitrag zur neuen Blüte des Sozialismus. Von Mißwahlen über 'heavy metal' zu religiösen Riten, alles ist "interessant". Am Glauben hat er die Verwandtschaft mit dem men- schelnden Moralismus des verantwortungsvollen guten Willens ent- deckt, mit dem er Staat machen will. Und gutgeheißen. Alles, was im Westen an Verwaltungs- und Regierungseinrichtungen üblich ist - Wahlverfahren und Sozialversicherungen -, was in Wirtschafts- teilen als die höhere Kunst des erfolgreichen Geschäfts angeprie- sen wird - "marketing", "leasing", Währungsmanipulationen, von denen nicht einmal ein westlicher Banker sagen kann, wozu sie gut sind -, muß besichtigt werden, ob sich davon nicht nützliche Praktiken abschauen lassen. Insofern aber auch der alte Wertekanon lange genug eingeübt wor- den ist, um genügend irritierte Anhänger auf seiner Seite zu ha- ben, führt die Veranstaltung zu einer Sorte "Gegenüberstellung von Ansichten", aus der weniger die Wahrheit als lauter Gehässig- keiten folgen. Daran will dem Initiator dieses Unfugs allerdings immer nur das Ausbleiben der erwünschten konstruktiven Wirkung auffallen. Die Gegensätze, die er nicht austragen will, entdeckt er in den Konfrontationen zwischen alter Moral und neuem Mut zum Blödsinn, der sich Freiheit nennt. Und wie reagiert er darauf? Er mahnt zur Einheit, vermutet so etwas wie Unreife im Gebrauch der neuen Befugnisse, eben wieder einmal ein Defizit an Moral - und bleibt deren Apostel. Demokratischer Dilettantismus ----------------------------- Nichts Schlechteres, aber auch nichts Besseres ist dem politi- schen Genie im Kreml zu bescheinigen. Die wirkliche Demokratie versieht Interessen mit Rechten, mit staatlicher Gewalt, wenn und insoweit sie der Nation nützen. Dieser Volksdemokrat geht vom g u t e n G l a u b e n an die Nützlichkeit so gut wie jeden Interesses in seiner Gesellschaft aus, wenn er Befugnisse ver- teilt. Wenn die ermächtigten Interessen dann aufeinander losge- hen, will er weder von den Gründen in der politischen Ökonomie seines Ladens etwas wissen, noch ist er dazu imstande, die natio- nalistischen, religiösen und sonstigen Unsitten im politischen Überbau seiner Nation anders zu kritisieren, als daß sie doch bitte der Nation dienlich sein s o l l t e n. Auch eine Weise, von Planwirtschaft endgültig nichts mehr wissen zu wollen. Von der Gelegenheit, das ihm zustehende Gehör dafür zu nutzen, per "Wahrheit" gesellschaftliche Interessen gültig zu machen, die lohnend bedient werden, hält er offenbar nicht viel. So dürften seine ganzen reformerischen Leistungen in der Politik in die praktische Frage münden, wieviel von dem unbestrittenen Zeug, das jetzt seinen Aufschwung nimmt, eigentlich verboten gehört. Ob diese puren M a c h t f r a g e n von Gorbatschow selber oder anderen gestellt werden, ist dabei gleichgültig. III. Total verrückte Außenpolitik --------------------------------- Schluß mit der Imperialismuskritik ---------------------------------- Der moderne Führer der kommunistischen Welt hat Marx entschieden verbessert. Der hat von einem Subjekt namens "Menschheit" wenig gehalten, die Berufung darauf als eine Technik der Heuchelei kri- tisiert, die nur denen etwas nützt, deren Interessen qua Gewalt als die allgemeinen, gültigen gesichert sind. Diesen Standpunkt hat Gorbatschow von den Füßen auf den Kopf gestellt und der "Menschheit" Werte abgelauscht, die "über den Klasseninteressen" stehen sollen, hauptsächlich den "Wert", daß die Menschheit "überleben" will. Wenn der Chef einer der beiden Supermächte, die dazu in der Lage sind, diese Überlebensfrage aufzumachen, so plötzlich sein Herz für die Menschheit entdeckt, stiftet er ein gewisses Durcheinan- der hinsichtlich von Subjekt und Objekt dieser Gefahr. Es war ja nicht eigentlich "die Menschheit", die bislang in den Zielplanun- gen von NATO und Warschauer Pakt vorkam, sondern jeweils der an- dere Block. Mit seinem gefühlvollen Durcheinander möchte der Kremlchef aber auch bloß, per Appell an ein fiktives allgemeines Interesse, gesagt haben, daß ihm der Bestand s e i n e r Nation so lieb und teuer ist, daß er sie nicht länger durch die Gegner- schaft gefährdet sehen möchte, und daß e r deshalb ganz gut vom Gegensatz beider Systeme a b s e h e n könnte. Damit hat er sich bei Friedensfreunden aller Couleur seinen guten Ruf erwor- ben; daß damit auch schon "die Kriegsgefahr" ein Stück weit ge- bändigt worden sein soll, wie er etwas überschwenglich mit den Erfolgen seiner Politik angibt, ist nicht ganz zutreffend. Immer- hin ist ja die Gegnerschaft beider Systeme, für die Waffen aufge- stellt und die "Politik der Stärke" betrieben worden ist, nicht ausschließlich und schon gar nicht ursprünglich das Werk der So- wjetunion. Weder hat das Bekenntnis der Sowjetunion, jetzt im Sinne der friedlichen Koexistenz s e l b s t k r i t i s c h werden zu wollen, die Gründe auf seiten der NATO beseitigt, warum diese ge- rade eine Koexistenz mit dem anderen System für unerträglich hält. Noch hat der Imperialismus allein deshalb aufgehört, einer zu sein, weil die Sowjetunion aus nationalem Interesse Klassenin- teressen für reichlich überlebt erklärt und das andere System als besserungsfähig betrachten will. Aber zu einem Kurswechsel der sowjetischen Außenpolitik hat der Gorbatschow'sche Fehlschluß durchaus getaugt. Der Fanatiker des Dialogs mit dem Feind --------------------------------------- macht sich zum Anwalt der dümmsten Ideologien über den Segen der Diplomatie. Er entfaltet eine Reisetätigkeit ungefähr so lebhaft wie der Papst, wirbt überall für mehr Kennenlernen und Beziehun- gen. Als ob im Verkehr zwischen Staaten nicht Interessen von Na- tionen, von unterschiedlichen Systemen aufeinanderstoßen, also pure Gewaltfragen verhandelt würden, macht er Propaganda für "Verständigung". Als wäre es ziemlich gleichgültig, woher denn eigentlich die vielen "Konflikte" in die Welt gekommen sind, agi- tiert er für ein Zusammenspiel der Supermächte als Verein zur allseitigen Konfliktlösung, zum Ausräumen von Gegensätzen durch beiderseitigen guten Willen, zur Herstellung von gutem Willen durch Verständigung, zum Aufbau von Vertrauen durch Abbau von Mißtrauen etc. etc. Und zur Unterstreichung, wie "real" die "Möglichkeiten" sind, die die Sowjetunion da wahrhaben möchte, betreibt er seine Politik der einseitigen Vorleistungen, was die Waffen betrifft, und Regionalkonflikte will er schlichten. Darun- ter versteht er die gleichberechtigte Betreuung der Krisenherde, welche die andere Weltmacht als i h r e Einflußsphäre bean- sprucht und ausdrücklich g e g e n die Sowjetunion zu solchen gemacht hat. Der neue Denker scheint sich nur noch dafür zu interessieren, w i e s e h r die Sowjetunion an all solchen "Lösungen" betei- ligt ist; er versteht sich darauf, davon abzusehen, w o r a n sie da beteiligt ist. Davon, daß den Imperialismus genau dies stört - die Notwendigkeit, immer noch auf die Russen Rücksicht nehmen zu müssen -, wird er auf Dauer nicht absehen können. Denn bei der Konsequenz, mit der er alles "Sozialistische" in der rus- sischen Politik endgültig verabschiedet, dürfte ihm eine Preis- gabe des Vaterlandes und seiner Macht nicht ebenso egal sein. Um die muß er sich auch kümmern, um so mehr, als seine Außenpoli- tik noch mehr als die seiner Vorgänger vom einzigen Weg nichts mehr wissen will, der einen kapitalistischen Feind "zur Vernunft bringt". Eher glaubt er an den "Zwang zur Vernunft", der von sei- nen Atomwaffen ausgeht und im Pentagon die Überzeugung von der Notwendigkeit des Friedens ausbrechen läßt. Wie die Dinge stehen, hätte es wenig Sinn, mit Michail Gor- batschow über theoretische und praktizierte Kritik am Kapitalis- mus zu reden. Er hat schließlich den G e g e n s a t z, auf dem seine Feinde in der Staatenwelt bestehen, in einen U n t e r s c h i e d der "Gesellschaftsordnungen" übersetzt; sein Kampf gilt nur noch der Bestätigung dieser Übersetzung beim Chefdolmetscher der Weltordnung. So führt er laufend den Beweis, daß es wirklich bloß U n t e r s c h i e d e sind, die nieman- den ernstlich zu beunruhigen brauchen. E i n e n Beweis hält er für extrem glaubwürdig: den Willen und die Fähigkeit seines Sy- stems, außer in Gewaltdingen auch auf dem Feld des Schachers mit dem Westen kompatibel zu sein. Der Ideologe des Westhandels - oder: ------------------------------------ Was kümmert mich mein skeptisches Geschwätz von gestern ------------------------------------------------------- Der Chef der KPdSU hat schon einmal gewußt, daß der Handel mit dem Westen Abhängigkeiten schafft, daß er zu politischen Erpres- sungen eingesetzt wird. Er hat die "Importgeißel" kritisiert, das Vertrauen auf Technologieimporte anstelle eigener Anstrengungen. Das sieht er jetzt im Lichte seiner Politik der Verständigung auch anders. Keine internationale Agentur des Imperialismus, in die die Sowjetunion nicht hinein will. IWF, GATT, das ist alles ungefähr dasselbe wie eine "internationale Arbeitsteilung", an der sich jede Nation, die vorwärtskommen und sich anderweitig be- liebt machen will, beteiligen muß. Gorbatschow sagt nicht einmal, wahrscheinlich weiß er es auch gar nicht, worin denn der ökonomi- sche Nutzen für die Sowjetunion bestehen soll, wenn sie beim Streit um die wechselseitigen Erpressungen der Weltmarktskonkur- renten, um deren Währungsmanöver und Kreditmachenschaften dabei- sitzt. Dabeisein ist alles. Schließlich stiften gerade diese "Beziehungen", in denen schließlich kein Krieg, sondern nur Kon- kurrenz stattfindet, Frieden. Die Not der Selbstbehauptung, der einzige Grund für die sowjetischen Waffen, hat in diesem Hirn dazu geführt, daß Imperialismuskritik nicht mehr notwendig ist. Bedenken gegen Importe und Verschuldung sind offensichtlich total passe, wenn die Emissäre der SU jede Kreditaufnahme mit dem Be- kenntnis feiern, wie "normal" ihre Nation sich in den internatio- nalen Schacher integrieren will und wie schädlich "Autarkiedenken" wäre. Es soll angeblich auch enorm viel vom We- sten zu "lernen" geben, was "erfolgreiches Wirtschaften" angeht, das im Lichte des neuen Denkens eine ziemlich systemneutrale An- gelegenheit zu sein scheint. Daß das ganze Geheimnis der bewun- derten kapitalistischen "Effizienz" in der effizientesten Ausbeu- tung besteht und in der effizientesten Gewalt dazu, ist diesem modernisierten Kommunisten ziemlich unbekannt. Inzwischen begei- stert er sich auch noch als "Demokratisierer" für die effiziente Staatsräson und ihre Techniken, d.h. wofür er sie hält. Zweifel kommen den Regisseuren der zweiten Revolution auch nicht daran, was die Herren Kapitalisten, wenn sie sie in ihr Land bitten, um zu dessen Produktivkräften beizutragen, alles auszusetzen haben und sich ausbedingen. Im Zuge der Perestroika kauft die erneuerte Sowjetunion quer durch die Welt zusammen, was sie zur Behebung der sogenannten "Engpässe auf dem Verbrauchermarkt" für tauglich hält. Als hätte es keine Krise in Polen gegeben, als wären die Erfolge des Han- dels mit dem Westen, wie sie die RGW-Partner aufzuweisen haben, ein einziger Grund zur Begeisterung über die Brauchbarkeit real- sozialistischer Nationen für die Belange westlichen Außenhandels. Die Gorbatschow-Doktrin vom Fortschritt durch Aufweichung - ----------------------------------------------------------- im Ostblock ----------- Mit der Breschnew-Doktrin ist vorläufig Schluß im Kreml. Gor- batschow wüßte auch gar keinen Grund mehr dafür, Nationen des Warschauer Pakts zur Loyalität zu zwingen. Leonid, obwohl der So- zialisten größter nicht, hat da noch anders gedacht und gehan- delt. Ihm war die Überlegung geläufig, daß ein verbündeter Staat, der sein wirtschaftliches Potential und dementsprechend seine po- litischen Zielsetzungen auf Beziehungen zum Westen orientiert, nicht mehr der eigenen, sondern "der anderen" Sache nützt. Von der war ihm klar, daß sie eine feindliche ist. Ganz anders in diesem Punkte Gorbatschow. Die unter seinen Augen stattfindende Auflösung des überkommenen realsozialistischen Wirtschaftens in den Bruderländern hält er schon deswegen für weiter nicht schlimm, weil er in seinen wirtschaftlichen Studien zu gewissen Überzeugungen gelangt ist. Sozialismus ist für ihn so etwas wie ein intakter Staatshaushalt, der neben der Herstellung des all- seitig entwickelten sozialistischen Menschen die Verpflegung und Unterhaltung der Bürger abzuwickeln gestattet. Wenn die Aufbesse- rung dieses Haushalts über Geschäfte mit dem Westen versucht wird, so ist das normal und friedensfordernd dazu. Wenn es schief geht und der Haushalt leidet, sind mehr und bessere Reformen nö- tig; wenn sich die Zuständigen darum kümmern und die Reformen un- ter dem Gesichtspunkt abwickeln, daß die Pflichten gegenüber dem Ausland erfüllt und künftige Chancen eröffnet werden, so ist das logisch und nicht tragisch. Die Beiträge der sozialistischen Bru- derländer zum Bündnis - in Gestalt des RGW oder des Pakts - erge- ben sich daraus, was ihr nationales Wirtschaften hergibt, was sie ihren eigenen Interessen entsprechend wollen. Der nationale Fort- schritt ist, solange der Staat nicht aus dem Bündnis ausgetreten ist schließlich allemal dasselbe wie ein erhöhter Nutzen der so- zialistischen Staatengemeinschaft - und wenn die Führungsmacht gelegentlich vorbeikommt, werden die interessanten Experimente bestaunt. Der moralische Ertrag dieser Lesart der Gleichung Na- tionalismus = Sozialismus, nicht zu vergessen, ist ein ungeheu- rer. In Sachen Liberalismus können sich die westlichen Aufseher von Hinterhöfen, von quasi-natürlichen Hemi- und Interessensphä- ren noch allemal eine Scheibe abschneiden. Der Fortschritt ist unaufhaltsam -------------------------------- Die polnische Partei sucht das nationale Heil neuerdings darin, ein Bündnis von Pfaffen und Antikommunisten an der Regierung zu beteiligen; die polnische und die ungarische Partei entschuldigen sich coram publico für ihre sozialistische Vergangenheit, lauter stalinistische Fehler; sie stellen ihr Bündnis zunehmend in Frage, greifen das östliche Handelssystem als Belastung ihrer na- tionalen Rechnungen an und schließen jedes Geschäft in der ande- ren Himmelsrichtung ab, das nur irgend geht; politisch geben sie lauter Antisowjetismen Raum, den Warschauer Pakt erklären sie für ziemlich belastend und fast auch überflüssig; in der ungarischen Politik wird laufend die Frage der Neutralität aufgeworfen und mit lauter Anschlußprojekten kokettiert, an Österreich, an die Efta, am liebsten gleich an die EG. Kaum abzusehen, wie ein sol- ches "vielfältiges Vorankommen zum grundsätzlich gemeinsamen Ziel ein Quell der Lebensfähigkeit und Kraft des Sozialismus" sein oder "das Vorankommen des Weltsozialismus und des gesamten Fort- schritts der Menschheit" bedeuten soll. Daß ein Einmarsch die passende Korrektur einer Linie wäre, in der "Sozialismus" zum Stichwort für den Wert herabgesunken ist, der die Sache der Nation ziert, läßt sich nicht behaupten. Wer würde denn da mit welchem Ziel einmarschieren? Ein Glückwunsch ist aber auch nicht angebracht, wenn die östliche Führungsmacht ihren Block durch den W e s t e n auflösen läßt und das auch noch mit aufmunternden Komplimenten von ihrer Seite aus begleitet. "Eigene Wege" - je mehr davon, desto besser. Der leitende Genosse in Mos- kau kennt noch nicht einmal die Zwischenstufe; er warnt nicht einmal vor gewissen Experimenten, die ziemlich eindeutig und bru- tal die paar sozialen Errungenschaften in Frage stellen, die die Arbeiterklasse im Ostblock wirklich genießt; er weiß ja endgültig keinen Grund mehr für eine Bündnistreue, die sich aus gewußten und gewollten Systemunterschieden, d.h. gegensätzlichen Zielset- zungen, ergibt. Für den Führer einer W e l t m a c h t ist sein vom Westen so wohlwollend beobachteter "Liberalismus" eine zwei- schneidige Sache. Der in dieser Frage fällige Rettungsdienst steht nämlich noch bereit - wenn er auch offiziell inzwischen bloß noch das sowjetische 'Njet' zur gesamtdeutschen Wiederverei- nigung betrifft. Ob die Aktion noch als Bewahrung des S o z i a l i s m u s ausgegeben wird oder nicht, ist dann auch schon wurscht. IV. Methodenkult, den (Miß-)Erfolg der Perestroika betreffend ------------------------------------------------------------- Von wegen Effizienz! -------------------- Ideologien bewähren sich selten als Produktivkräfte; auch wenn sich sowjetische Führung und Volk ziemlich einig sind, daß "der Mensch im Mittelpunkt" steht und ökonomischer Erfolg und Mißer- folg mit d e s s e n Einsatzfreude stehen und fallen, entschei- den auch in der Sowjetunion immer noch die Produktionsverhält- nisse und Produktivkräfte darüber, was an Reichtum zustandekommt und was sich damit (nicht) anstellen läßt. Deshalb kommt der Er- finder und Anleiter der Perestroika auch nicht darum herum, sich mit dem Erfolg der Perestroika zu beschäftigen, der sich nicht einstellt. Das tut er zunehmend bei jedem öffentlichen Auftritt und beweist nur einmal mehr, wie es um seine Geistesgaben be- stellt ist. Der Kampf um die Tauglichkeit der Perestroika: ---------------------------------------------- Gequatsche über Tempolimits, ---------------------------- Bremsen und Sand im Getriebe ---------------------------- Außer der Idee, daß die Perestroika an der Erblast der vergange- nen Haushaltsdefizite noch viel mehr leidet, als er sich das zu Beginn gedacht hätte, hat er nicht viel mitzuteilen, was die Gründe ihres schlechten "Vorankommens" betrifft. Er sieht seine Aufgabe aber auch woanders, nämlich darin, seine Massen bei der Stange zu halten, ihren Glauben an die Perestroika zu stärken und ihnen Mut zuzusprechen. Wie ein christlicher Wanderprediger be- treut er das Seelenleben seiner Nation, z.B. mit erbaulichen Be- trachtungen über die Zeit. Die Perestroika braucht nun einmal ihre Zeit; deren Anhänger können da zwei Fehler machen, die sie besser lassen sollten: Sie können zu schnell vorgehen wollen, das ist nicht gut. Aber sich zuviel Zeit lassen, ist auch nicht gut. Damit weiß das Volk immerhin schon einmal, daß es sich sowohl vor "Hitzköpfen" wie vor "Bremsern" hüten muß, und hat ein paar An- haltspunkte zur Bearbeitung der Schuldfrage. Was es selbst angeht, erhält es vor allem immer wieder den Auf- trag, "Initiative zu zeigen", "konkret zu handeln". Abstraktes Handeln dürfte zwar auch ein Sowjetmensch nicht hinbekommen, aber der Generalsekretär und sein Volk verstehen sich da schon. "In Donezk, bei einem Treffen mit Bergarbeitern, sagte einer von ihnen: 'Jetzt haben wir schon genug geredet, es ist an der Zeit zu handeln.' Das ist unumwunden und klar gesagt. Und ich reagiere so: Mehr konkrete Taten - das ist die Losung des Tages." Seinerseits geht er mit konkreten Taten voran. Mit ellenlangen Reden, die die konkreten Eigenschaften der Perestroika, ihre Ge- schwindigkeit, ihre Schwierigkeit, aber auch ihre Erfolgsaussich- ten, ihre Tiefe, Reichweite und Dimensionen, ihre Neuartigkeit und Verbundenheit mit den sozialistischen Idealen, ihre Lebhaf- tigkeit und Verankerung im lebendigen Gefühl der Massen in jeder Hinsicht ausleuchten, daß kein Auge trocken bleibt. V. Statt eines Epilogs: ----------------------- Die Verfügung über Macht ändert nichts an der --------------------------------------------- Unbrauchbarkeit tauber Nüsse für den Kommunismus. Dies ist der -------------------------------------------------------------- Unterschied zum Kapitalismus. ----------------------------- Aus MSZ - Marxistische Zeitschrift Gegen die Kosten der Freiheit Nr. 3/89 Anhang 2 Kommunismus tot? ---------------- Die gute Nachricht ------------------ Die Erleichterung ist groß. Verspürt wird sie fast überall auf der Welt und von den unterschiedlichsten Charakteren. Das Ge- spenst, von dem im Manifest des Jahres 1848 die Rede ist, hat seinen Geist aufgegeben. Als A r b e i t e r b e w e g u n g in den Gesellschaften kapitalistischer Produktionsweise ist es schon lange nicht mehr in Erscheinung getreten, obwohl dies seine ur- sprüngliche Art war sich unangenehm bemerkbar zu machen. Zu tun hatten alle Menschen guten Willens - von den Humanisten im Penta- gon bis zu den Realos in grünen Parlamentsfraktionen - mit dem Kommunismus ausschließlich in Gestalt einer Abart; und die konn- ten sie gar nicht leiden. Ausgerechnet als g u t g e r ü s t e t e r S t a a t mit ein paar "Satelliten" kam der Kommunismus daher, und sein Innenleben bestand in einem "System". Dem war schon von weitem anzusehen, wie u n m e n s c h l i c h es zugeht, wenn man aus den an sich schönen Ideen eine Staatsrai- son macht und sie in die Praxis umsetzt. Damit nicht genug - im Unterschied zu allen anderen Systemen auf der Welt, die eine Struktur haben und deswegen funktionieren, litt der Kommunismus ewig daran, daß er n i c h t f u n k t i o n i e r t. Jetzt, gerade rechtzeitig zum 2000. Geburtstag von Jesus - einem Polit- ökonomen, der als Kind nur knapp einer Volkszählung entging - geht er kaputt. Seine Bau- und Hausmeister geben es zu und ihr System auf, ihre Kritik am Kommunismus holen sie bei der Kapital & Demokratie GmbH ab. So ist die Welt wieder in Ordnung, der Ka- pitalismus hat den Beweis in der Tasche, daß es zu ihm keine Al- ternative gibt und er über jede Kritik erhaben ist - und die paar gewaltigen Veränderungen, die noch erledigt werden müssen, damit es im Osten keinen Rückfall gibt, bringen die Zuständigen schon hin. Der Lauf der Geschichte schreibt die Entwicklung vor: Die Aufforstung der zeitweilig vom Kommunismus verschandelten Land- schaft mit gutem Geld und unter Aufsicht freiheitlicher Gewalt steht an. Die schlechte Nachricht ----------------------- Die Erleichterung ist unbegründet. Denn die Meldung feiert einen Erfolg, bei dem für viele Millionen Leute kein Vorteil auszuma- chen ist. Sie erwartet überhaupt kein besseres Leben, wenn sich der prächtig funktionierende Kapitalismus als die überlegene "Wirtschaftsweise" erweist - weil sie in der erfolgreichen Staatsraison des 20. Jhdts. ohnehin nur die Rolle einer Manö- vriermasse spielen und als Opfer vorgesehen sind bei den wirt- schaftlichen, politischen und militärischen Siegeszügen. Der Nut- zen des sozialen Friedens, der "herrscht", wenn es keinen Klas- senkampf gibt, fällt ja auch recht eigenartig aus. Die Unterneh- men suchen sich ihre Standorte aus, rationalisieren und entlas- sen, veranstalten die Tarifrunden mit den Gewerkschaften und Wirtschaftsministern als riesiges Medienspektakel; Politiker mah- nen zum Verzicht, erinnern an die ausländische Konkurrenz, mit der dann die einheimischen Geschäftsleute fusionieren, und lassen für die Sozialkassen mehr bezahlen, um hinterher weniger heraus- zurücken; dazu lesen sie ihren Bürgern den Bundeshaushalt, die Arbeitslosen- und Umweltstatistiken vor, vermelden Preissteige- rungsraten und Waffenkäufe - kurz: Die Handlungsfreiheit der einen Seite, auf der Geld und Macht versammelt sind, steigert sich mit jedem Tag. Die andere Seite, auf der der Kommunismus durch Abwesenheit glänzt, kann mit Spannung an seinem Geldbeutel wie an seiner Gesundheit beobachten, wie "sich" das Lohn-Lei- stungsverhältnis verändert. Und die Beliebtheit des Vergleiches mit auswärtigen Hungerleidern zeigt, wie nötig er ist. Wo die Ar- mut nicht nützlich ist, fällt sie doch tatsächlich noch wuchtiger aus, was man an den Arbeitslosen ebenfalls sieht! Was den Machtverfall der kommunistischen Parteien im Osten an- geht, so gilt erst einmal dasselbe. Wenn die drohen ihren bishe- rigen Laden für gescheitert ansehen und reformieren, daß es kracht, so möchte man dem Triumphgeschrei doch wenigstens einen Hinweis darauf entnehmen, was daran so schön ist. Von der Wirkung der Perestrojka auf die Lebenslage des sowjetischen Normalbürgers ist nichts Gutes in Erfahrung zu bringen. Die berüchtigten Re- gale, in denen nichts ist, wg. System, weisen jetzt noch mehr freien Platz auf. Die Freiheit, die ebenfalls schrittweise Einzug hält, wird von Nationalisten aller Sorten so genossen, daß sie sich gegenseitig die Köpfe einhauen. In Polen ist dieselbe Frei- heit unter der ersten nicht-kommunistischen Regierung so ausge- fallen, daß sich kaum jemand mehr was kaufen kann - und ziemlich viele Polen im Ausland herumgurken, in der BRD schwarz arbeiten, um von den Niedriglöhnen aus den Übergang zum internationalen Kleinstschwarzhändler zu schaffen. Die Ungarn, denen die frei- heitlich orientierte Regierung die Last des roten Sterns an Ge- bäuden und Polizeimützen genommen hat, stellen sich auch ein biß- chen schlechter - obwohl es jetzt eine Börse gibt. W a s kann w e m an alledem gefallen? Hat wenigstens der Bürger im Westen was davon? - Für i h n wird ja die gute Nachricht, die inzwischen auch die DDR und die Tschechoslowakei betrifft, täglich sechshundertmal verbreitet! Haben i h n die alten, noch nicht reformwilligen Kommunisten womöglich schikaniert? Ihm die Freude am Leben im besseren System versaut? Das ganz bestimmt nicht. Aber nach der Lesart seiner de- mokratischen Regierungen, über deren außenpolitisches Wirken al- lein auch ein Bauhilfsarbeiter oder Kleinbauer mit denen im Kreml zu tun bekommt, war da schon was. Immerhin ging ja jahrzehntelang jeder militärische Konflikt, ja sogar die Gefahr des ganz großen Krieges auf das Konto der auswärtigen Kommunisten. Deshalb mußte jedes NATO-Parlament immerzu die Anschaffung von Panzern, Flie- gern und Raketen beschließen - und davon sind schließlich die Steuerzahler b e t r o f f e n. Wer sich diese Deutung zueigen gemacht hat und von den russischen Abrüstungsbemühungen hört, von der Selbstkritik des neuen Denkers, demzufolge die Sowjetunion tatsächlich zu viel gerüstet und mit dem Militär versucht haben soll, kann sich schon wieder nichts ausrechnen. Denn die Erfolgs- meldung über das auch auf diesem Feld geständige System gilt hier erst recht dem eigenen Tun. So richtig die Einsicht des Ostens ist, der s e i n e Anstrengungen in Sachen militärisches Kräf- temessen für verfehlt hält, so korrekt erweist sich die Unerbitt- lichkeit des W e s t e n s. Daß er auf überlegener Rüstung be- steht, ist jetzt erst recht nötig. Denn nur weil er immerzu dar- auf bestanden hat, sind die Russen ins Zweifeln gekommen. Be- währte Rezepte geben "wir" nicht auf, zumal ein "Rückfall" der anderen Seite nicht ausgeschlossen ist. Für den Fall wird eben jetzt weitergerüstet, damit die Sicherheitsinteressen ein für al- lemal gewahrt werden können. Das Material für diese Folgerung kann der geneigte Bürger der Tagespresse entnehmen, in der die Anschaffungen der NATO, Streitkräfte Woche für Woche erwähnt wer- den. Die Wahrheit ------------ Auf ein Prüfungsverfahren, das ein mit der guten Nachricht be- glückter Zeitgenosse durchführen könnte, ist diese offensichtlich gar nicht berechnet. Weder befaßt sie sich mit dem Kommunismus und seinen Fehlern, noch geht sie auf die Leistungen des Kapita- lismus ein. Insofern stellt sie - in ihren tausendfachen Wieder- holungen in Fernsehtalkshows, in Feuilleton-Artikeln und Politi- ker-Reden - nur die konjunkturgemäße Aufbereitung einer Unsitte dar, die Tradition hat. Sie nennt sich S y s t e m- v e r g l e i c h und entscheidet ideell die Frage, welche der beiden Gesellschaftsordnungen die bessere sei. Ohne sich groß um die Eigentümlichkeiten der beiden Produktionsweisen und der jeweiligen Staatsräson zu kümmern, legen Systemvergleicher die Komplimente, die sie dem westlichen System zueignen wollen, als Maßstab an den Osten an - und gelangen zum Befund der Minderwertigkeit des realen Sozialismus. Damit ist über Jahr- zehnte von politischen Wissenschaftlern und Moderatoren die gar nicht gemäßigte Politik des Westens gegenüber dem eigentlich nicht "lebensfähigen", schon gleich gar nicht existenzberechtig- ten Osten "begründet" worden. Die ganze Veranstaltung diente dem Schein, als wäre die dem realen Sozialismus angetragene F e i n d s c h a f t die Folge eines gewissenhaften Warentests, der nach der besten aller möglichen Ordnungen fahndet. Die gute neue Mär vom erledigten Kommunismus erweitert diese Zur- schaustellung einer weltpolitischen Parteilichkeit um den Rück- griff auf eine Berufungsinstanz, die es in sich hat. Die Anklage- bank selbst wendet die Vorwürfe der Richter in Sachen "Effizienz & Menschenrechte" gegen sich. An die Stelle der durch manches Ge- schäft und manchen Krieg untermauerten F o r d e r u n g, sich endlich geschlagen zu geben, tritt der schlichte F i n g e r z e i g auf die Bankrotterklärung der anderen Seite. Leute, die Kommunisten jedes Verbrechen zutrauen und ihnen anson- sten kein Wort glauben, zitieren sie plötzlich, wenn diese neuen Denker westliche Doktrinen übernehmen. Dabei könnten sie der be- flissenen Nachahmung des Systemvergleichs, mit der Politiker aus dem Osten ausgerechnet die P r o d u k t i v k r ä f t e des Westens loben, die sie zuvor - "Fäulnis" war das Stichwort - g e l e u g n e t hatten, etwas gar nicht Unbedeutendes entneh- men: U m K o m m u n i s t e n k a n n e s s i c h b e i d e n e n n i e u n d n i m m e r h a n d e l n! Aber wo es sich nur um die billige Genugtuung darüber dreht, daß die Verwalter des feindlichen Systems die eigenen Maßstäbe des erfolgreichen Produzierens und Regierens k o p i e r e n möch- ten und d a b e i nach eigenem Bekunden v e r s a g e n, ist das auch schon egal. Man weiß sich endgültig ins Recht gesetzt und verspricht, ganz genau darauf aufzupassen, daß die Reformen sich möglichst schnell als Kapitulation in "unserem" Sinne erwei- sen. Insofern löst sich das ganze Gerede vom sterbenden bzw. gestorbe- nen Kommunismus in die schamlose Behauptung auf, daß auch und schon gleich d e m K a p i t a l i s m u s d e r E r f o l g r e c h t g i b t. Alles, was unter dem Schutz westlicher Waf- fen und unter Einsatz westlichen Geldes in der Welt angerichtet wurde und noch wird, geht in Ordnung - denn etwas Gleichrangiges, "Vergleichbares" schafft sonst keiner. Umgekehrt gilt: Wer sich am freien Westen, seinen Techniken von Geschäft und Gewalt mißt und scheitert, belegt nur die Sinnlosigkeit und Unmöglichkeit je- der Alternative. So wie die Beendigung der Arbeiterbewegung "beweist", daß die Arbeiter Kapital und sonst nichts brauchen, zeigen das Zurückstecken der Russen und das Überlaufen ihrer "Satelliten"-Nationen, daß die Leistungen des Kapitalismus un- übertrefflich sind. Alle, die das Reich der Freiheit auf die Ko- sten hin befragen, die es seinen Statisten bereitet, haben ihr R e c h t a u f K r i t i k v e r w i r k t. Die Widerlegung des Kommunismus ist das nicht, wohl aber ein Beleg für einen Zeitgeist, dessen ganze Mühe darin besteht, der überlegenen und durchschlagskräftigen Staatsräson "der Zeit" auch jede Menge Ver- nunft und Moral dazu zu attestieren. Ein kommunistisches Dogma und seine aktuelle Gültigkeit ------------------------------------------------------- Der billige Triumph von Leuten, die auf den geschädigten Ostblock deuten und dessen Selbstkritik genießen, ist eine Sache. Eine ganz andere ist es. wenn ihnen niemand widerspricht. Nochmals zu denen, die an ihrer Diagnose des toten Kommunismus ihren Narren gefressen haben. Sie finden Gefallen an der "Entwicklung", die sie als ihrer "Erkenntnis" voll entsprechende Konsequenz ausgeben Von der politischen Ökonomie des realen So- zialismus, die ihnen als Mittel der Selbstbehauptung des anderen Lagers lange Zeit viel zu gut funktionierte, wissen sie jetzt endgültig, daß es sich um ein marodes Wirtschaften handelt. Wenn Gorbatschow "Markt", "Investition" und "Demokratie" sagt, bemer- ken sie, daß sich da einer all der Titel bedient, die längst jede westliche Praxis in den Rang eines Sachzwangs erheben und jede Schweinerei zur Ehrensache. Sie kommen sich vor wie Wahrsager, die der Geschichte Notwendigkeiten erfaßt haben. Sie, das sind dieselben Ideologen, die die Reform u n f ä h i g k e i t für ausgemacht hielten; die Volksaufstände, an deren Wirkung sie jetzt schmarotzen, im Osten für unmöglich - weil Unterdrückung und keine Demokratie - erklärten. Also Dichter und Denker, die aus dem westlichen System umstandslos ein V o r b i l d machen, dem sich niemand ungestraft entziehen kann. Was den Maßstäben des guten Geldes nicht gewachsen ist - so ihre großartige Einsicht -, ist wert, daß es zugrunde geht. In Bezug auf das nach "unseren" Maßstäben gescheiterte System ist bei solcher Zielstrebigkeit strengstens Nichtbefassung angesagt. Das Bild von der "unbeweglichen Planwirtschaft" könnte ja nur ge- trübt werden, wenn man sich die sozialistische Kombination von "Plan und Markt" aus der Nähe betrachtet und feststellen müßte, daß die östliche Art, einen Nationalreichtum in s o z i a l e r Absicht herbeiproduzieren zu lassen, wenig Kommunismus verrät. Da könnte ja am Schluß noch herauskommen, daß die Alternative zum Kapitalismus darin besteht, ihn zu v e r b e s s e r n. Das Verfahren, denen drüben vorzurechnen, daß sie es n i c h t s o w i e "w i r" treiben und deswegen auch nicht zu einem geschei- ten Bruttosozialprodukt kommen, ist da viel tauglicher. So kann man den Nationen, die über den Osthandel schon von unserer "Hilfe" abhängig geworden sind und nach tatkräftiger Einmischung verlangen - also gleich gar nichts vom Kommunismus wissen wollen -, wenigstens interessante Vorschläge unterbreiten. Das Lob kapi- talistischer Effizienz, auf die man in Moskau und Warschau, Buda- pest und Ost-Berlin so scharf ist, trägt sich da sehr eindeutig vor. Wer zu höheren Lebensmittelpreisen und einem Arbeitslosen- sockel rät, u m einer Volkswirtschaft auf die Sprünge zu hel- fen, versteht zwar auch nichts vom Kapitalismus. Mit seinem Re- zept will er aber immerhin darauf hinweisen, daß die Leistungsfä- higkeit des Kapitalismus nicht mit sozialen Rücksichten vereinbar ist. Daß solche Blüten der freiheitlichen Diskussion über die Notwendigkeit der Rückkehr zum Kapitalismus nicht als peinliche Parteinahme für die Opfer, die er schafft, genommen wird, hat seinen Grund. Die systemvergleichs-theoretischen Konstruktionen von der Überlegenheit westlichen Regierens und Wirtschaftens sind gar k e i n e U r t e i l e über Kapitalismus und realen So- zialismus, sondern idelle B e k r ä f t i g u n g e n d e s p r a k t i s c h e n Z u g r i f f s, der befürwortet wird. Sie dringen auf die Zurichtung der östlichen Wirtschaft und Poli- tik für Bedürfnisse, die schon in den ökonomischen und politi- schen Erpressungen - höflich: Konditionen - des Osthandels zum Zuge kamen. Darauf eingegangen sind nicht K o m m u n i s t e n, sondern N a t i o n a l i s t e n neuen Typs. Und die gehen zur Zeit betteln, nicht "der Kommunismus"! Die Rede ist von der i m p e r i a l i s t i s c h e n Qualität der Kampagne "Kommunismus tot!". Die alberne Bescheidwisserei, die immer nur den Bedarf von Land und Leuten drüben in "Marktwirtschaft & Demokratie fällig" übersetzte, verbirgt diese Qualität auch gar nicht. Von der eintönig dummen Litanei, vom "Wir w i s s e n, was die brauchen", zum Befund, daß die Macher des erfolgreichen Systems z u s t ä n d i g sind und i h n e n p r a k t i s c h v e r p a s s e n, was fehlt, ist der Über- gang auch ganz leicht. Die Erben der realsozialistischen "Mißwirtschaft" haben die Verkehrsformen in ihren Landen so zu verändern, daß das überlegene System einzuführen geht. "Wir" for- dern und befürworten R e f o r m e n, halten sie - ohne zu sa- gen, welche und wofür - für "dringend erforderlich", (miß-)billigen sie nach den strengen Maßstäben "unseres" Interes- ses. Das alles taufen wir, damit es einen Namen hat, "Bereitschaft zur Hilfe", und die Bedingungen für diese guten Ta- ten legen wir auf den Tisch. Wer sich nicht gleich darauf ein- läßt, wer Vorbehalte gegen diese institutionalisierte Einmischung hat und den Verlust an politischer Souveränität fürchtet, der da droht, ist ein "Betonkopf", der das Versagen des Kommunismus nicht wahrhaben will. Wie gesagt - im deutschen Europa des Jahres 1989 machen die scharfsinnigen Analytiker des überfälligen Kommu- nismus nicht viel Aufhebens um diesen Übergang. S i e haben die D i a g n o s e gestellt, und die m a ß g e b l i c h e n H e r r e n aus Politik und Wirtschaft sind aufgerufen, zu h a n d e l n. Kein Problem beim Bekenntnis, daß sie nur die "I d e e n d e r H e r r s c h e n d e n" zum Besten geben und auspinseln, haben die personifizierten Sprachrohre der neuesten Geschichte! Ihnen gilt es nachgerade als Vorzug ihrer einfältigen Entdeckung, daß sie einem politischen Willen das Wort reden, der die Mittel zu seiner Durchsetzung längst einsetzt, sie kalkuliert und im Vormarsch begriffen ist. Damit aus den "Ideen der Herrschenden" auch die "h e r r- s c h e n d e n I d e e n" werden, braucht es nicht viel. Gefragt ist lediglich eine breite Zustimmung zum Prinzip, daß in der Welt nun einmal der Erfolg dem recht gibt, der ihn hat. Seine Vorhaben und Programme sind dann nämlich die "Realität", an die man sich zu halten hat. Oder einfacher gesagt: Man und frau dazu müssen einsehen, daß g ü l t i g e I n t e r e s s e n den Willen zur Mitwirkung und zum Mitdenken verdienen. Auch und gerade Kritik gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sie sich "realistisch" an den Maßstäben orientiert, nach denen der Lauf der Dinge diktiert wird. Nur so eröffnen sich "Gestaltungsmöglichkeiten". Das Erlernen dieser einfachen Regeln, die sich zugegebenermaßen etwas abstrakt ausnehmen, war für die Mehrheit der sich über den Wahlsonntag hinaus äußernden Bundesbürger nie ein Problem. Nur eine Minderheit, die sich "Linke" nennt, mußte sich etwas an- strengen. Sie hat diese Aufgabe blendend gemeistert und ihren Beitrag zum Tod des Kommunismus geleistet. Und zwar in der Abtei- lung "Inneres", wo sie zu Hause ist und inzwischen der Nation al- ternative Wege ans Herz legt, sich imperialistisch bemerkbar zu machen. Für "R e f o r m e n" i m O s t e n ist sie sowieso, weil sie - ganz wie die Bundesregierung - darin eine C h a n c e sieht. Das Thema gebietet daher einen Exkurs, der die N o t w e n d i g k e i t d e s K o m m u n i s m u s erkennen läßt: Der Bedingungssozialismus ------------------------- Wegen der russischen Perestroika, wegen der nationalen Wende in Ungarn und Polen, schließlich wegen der DDR zelebrieren Linke hierzulande einen ideologischen Kassensturz. Die "Reaktion" hat mit dem Begreifen des realsozialistischen Wandels und mit seinen Wirkungen auf die famosen Kräfteverhältnisse in der Welt nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um eine ziemlich verlogene Ver- anstaltung von Leuten, die so tun, als hätten die "Ereignisse" im Ostblock sie belehrt. Aus der Kapitulation einiger Honeckers ver- fertigen sie den B e w e i s , mit dem sie sich umstandslos in den regierungsamtlichen Antikommunismus einreihen. Die Nöte, das Scheitern und die Reformen der Realsozialisten sind der unumstöß- liche Beleg für eine e i n z u s e h e n d e N o t w e n d i g- k e i t, quasi für eine t h e o r e t i s c h e Auskunft: Der Kommunismus ist tot. Die Umkehrung des Reims vertreten diese Brüder und Schwestern sehr heftig und innig: Der Kapitalismus lebt! Fast möchte man sie fragen, diese Linken, ob sie eigentlich für den realen Sozialismus genausoviel übrig hätten, wenn er ebenso erfolgreich wie "freedom & democracy" wäre. Die Frage ist aber überflüssig, weil der Opportunismus nicht auf Urteil und Schluß beruht, sondern eine M e t h o d e ist. Und mit der haben Leute, die vor 20 Jahren die Parole "Revolution" gut fanden, die in ihrer Phase des ML-Schwachsinns das Proletariat verehrten, schon immer aus Erfahrungen gelernt, daß sich die Balken bogen. Diejenigen, die die Kurve zu grün-alternativer Politik gekratzt haben, sind von ihren kommunistischen Umtrieben ja nur deshalb abgekommen, weil sie gemerkt haben, daß der Kapitalismus und seine Bewohner einfach nicht den Charakter einer E r f o l g s b e d i n g u n g haben. Weil sie genau danach suchten, sind sie auf den Krampf mit "Umwelt & Frieden" verfal- len. Denn für so etwas gibt es im Kapitalismus ein offenes Ohr, und zwar bei allen, die i m Kapitalismus ihr Auskommen regeln möchten, ja p o l i t i s c h a n i h m m i t w i r k e n wollen. Auf die schlichte Überlegung, daß der kapitalistische Um- gang mit dem Produktions- und Lebensmittel Natur, daß der demo- kratische Militarismus nur die N o t w e n d i g k e i t be- weist, daß diesem System der Garaus gemacht gehört, sind sie nicht gekommen. Weil sie ihre kommunistischen Ambitionen noch nie mit N o t w e n d i g k e i t e n begründet hatten, vielmehr mit dem Zuspruch von einigen Tausend Moralisten, die damals lin- kes Zeug zur erfolgversprechenden Mode geraten ließen. Diejenigen, die die Kurve in die alternative Wissenschaft und Pu- blizistik gekratzt haben, sind in sehr offener Weise der Methode treu geblieben, mit der sie sich einmal für die linke Bewegung engagiert hatten. Sie sind zu D i a g n o s t i k e r n dessen geworden, wofür sie den bürgerlichen Laden schon immer hielten - eben der B e d i n g u n g e n. Anfangs noch für die Bedingung seiner Abschaffung und Abdankung, so daß ziemlich viel Unsinn "in praktischer Absicht" über Arbeiterbewußtsein, Krise der Währungen und des Sozialstaats in die Regale kam. Später prüften sie den Kapitalismus auf sein Haltbarkeitsdatum durch, weil für sie die Frage seines F u n k t i o n i e r e n s die Antwort gestalten sollte auf das Rätsel, ob man eventuell der Phase beiwohnt, in der er seine "Probleme" nicht mehr lösen kann. Die Probleme, die er der Arbeiterklasse und den umweltgeschädigten Keuchhustern be- reitet, waren da schon nicht mehr so wichtig. Schulden und Frie- den, die Wälder und das Ausbildungswesen, die "Beschäftigung" und die Energie etc. ließen sich zu gelehrten Warnungen vor K a t a s t r o p h e n modellieren. Und die S o r g e u m d i e E r h a l t u n g bestimmte die Tagesordnung der intel- lektuellen Elite, die ihren methodisch kontrollierten Schmarrn für die zeitgemäße Kritik am Kapitalismus hielt. Die verdienten Früchte ihrer Fortentwicklung des Bedingungssozia- lismus aber können die Liebhaber von wirklichen wie erfundenen T e n d e n z e n, mit denen sie sich - ausgerechnet als linke und kritische Menschen - i m E i n k l a n g befinden wollen, erst heute einfahren. Wenn wg. Gorbatschow und Honecker der T o d d e s K o m m u n i s m u s bewiesen ist, wenn die mit dem Osthandel und mit leeren Regalen eröffnete Frage nach der Konvertibilität unechten Geldes zeigt, wie u n m ö g l i c h P l a n w i r t s c h a f t sein soll, dann ist der Opportunis- mus keine Haltung mehr. Er besitzt den Status einer "empirisch" bestätigten Theorie. Wenn Denker, die auf ihre alternativen Qua- litäten erpicht sind, auf die Urformel des Bedingungssozialismus zurückkommen und selbige als Quintessenz des Marxismus ausgeben; wenn sie sich in die Pose des kluggewordenen gläubigen Marxisten von gestern werfen, um die T h e s e v o m U n t e r g a n g d e s K a p i t a l i s m u s (von Marx wg. Fall der Pro- fitrate, Fäulnis der Produktivkräfte prophezeit!) f ü r w i d e r l e g t z u e r k l ä r e n, dann ist die Laube fer- tig. Dann bekommt man schon fast wieder Lust auf ein kaltes Bier in Gesellschaft von Leonid oder Erich. Was da "linke" Kronzeugen für den toten Kommunismus von sich ge- ben, kommt garantiert nicht aus einem Mißverständnis der Marx'schen Erklärung des "tendenziellen Falls der Profitrate". Noch nicht einmal dann, wenn das einschlägige Zeug in "Kapital III" verkehrt wäre, ginge aus einem G e s e t z d e r kapita- listischen Produktionsweise ein G e s e t z i h r e s U n t e r g a n g s hervor! Vielmehr melden sich da Leute zu Wort, die ihr brutales Verständnis einer eventuellen Berechtigung des Kommunismus darlegen: Wenn der Kapitalismus sein Haltbar- keitsdatum überschreiten würde, wenn in ihm ein Mechanismus ein- gebaut wäre, der ihn zum Aufhören verurteilt, wenn eine ge- schichtliche, verläßliche Notwendigkeit existierte, die ihn zum Kommunismus werden läßt - ja dann könnte man sich dem nur an- schließen und zusehen, wie er seinem Leiden erliegt! Nach dieser Weltanschauung, die durchaus - wie jeder Unsinn - über reichlich Tradition verfügt, sind Kommunisten nicht Leute, die klassenkämp- fen gegen das Kapital und die es garantierende Gewalt. Vielmehr Geschichtskenner, die, statt "gegen den Strom" zu schwimmen, Par- tei ergreifen für einen ohnehin unausweichlichen Lauf der Dinge. Sind sie aber nicht. Sie halten die Verwendung solchen Mists für die staatsideologische Kiste in den Ostblockstaaten - "Wir sind nur die Vollstrecker des fälligen Gangs der Geschichte; nach dem Kapitalismus, der 'vergeht', 'kommt' der Sozialismus." - für kon- terrevolutionären Krampf. Sie bemerken also auch an der Kampagne "Kommunismus tot!" die Qualität einer gigantischen Retourkutsche gegen eine nicht minder gigantische Dummheit. Eine Dummheit, die den Kommunismus nur gutheißt, wenn er sich unabhängig von eigenem Zutun ergibt - eine aufgeblasene Doktrin des Opportunismus also. Leider ist die Kampagne nicht nur das. Denn die Widerlegung des einen Opportunismus, die da stattfindet, ist schließlich das Be- kenntnis und die Aufforderung zum anderen, "realistischen"! Im Gegensatz zum Kommunismus scheitert der Kapitalismus nämlich nicht - er blüht und gedeiht, daß die Schwarte kracht. Saustabil ist er, bewährt sich Tag für Tag; ja er zieht sogar die Bewunde- rung seiner ehemaligen Feinde auf sich. E r g e h t! - Und dies s e i n F u n k t i o n i e r e n ist - nachdem dies ein- mal das Kriterium aller anständigen Menschen ist, vom Soziologen über den Kanzler, den ZK-Sekretär der KPdSU bis zum vagabundie- renden Zoni - die gültige Widerlegung jedes Zweifels an ihm und seiner einsamen Klasse. Weil er geht, braucht es auch seine Be- seitigung nicht - an ihn hat man sich zu halten. Die Notwendigkeit des Kommunismus --------------------------------- ergibt sich nicht daraus, daß der Kapitalismus schlecht oder gar nicht funktioniert. Eher schon daraus, was los ist, weil und so- lange er funktioniert. Es sind die Notwendigkeiten dieses Sy- stems, die Kommunisten abschaffen wollen, nicht seine "Schattenseiten" oder "Versäumnisse". Auf die beliebte Frage, wie sie dann die allseits bekannten "Probleme" lösen wollen, welche Regierende wie Regierte immer so merkwürdig gleichartig heimsu- chen, antworten sie: "Gar nicht. Es geht darum, diese 'Probleme' erst gar nicht zu schaffen; dann braucht auch niemand betrübt daran zu verzweifeln, daß ihre 'Bewältigung' so schwer, wenn nicht unmöglich ist." Insofern lehnen Kommunisten auch die süße Rechtfertigung ihrer historischen Mission ab, die so geht: Im Kapitalismus kommen so viele schöne Sachen auf, die aber in ihm nicht so recht hinhauen - beliebte Posten sind da Freiheit & Gleichheit, Humanismus, wahre freie Liebe, Emanzipation der Arbeiter, Frauen, Gleichge- schlechtlichen usw. - und "erst im Sozialismus" gehen. Sie halten solche geschichtsphilosophischen Einfälle nur für eine ideali- stisch-dumme Fassung der auf Entwaffnung berechneten Frage: "Und wie wollt ihr das Problem der Sozialkassen, des Scheidungsrechts, der Umwelt, der Sollstärke der Bundeswehr und des wirtschaftli- chen Wachstums lösen?" Das fehlte noch, daß der Kommunismus die Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln zu sein hätte, um sich dann mangels solcher Mittel an der Erblast des Kapitalis- mus zu blamieren! Vor denen, die als Politiker, Philosophen, Pfaffen und Banker ein S o r g e r e c h t anmelden und die "Menschen" darauf v e r p f l i c h t e n, sich im Sinne des "Machbaren" zur Verfügung zu halten... Die Notwendigkeit des Kommunismus kommt ein bißchen anders zu- stande. Sie entspringt einerseits der Besichtigung derselben Miß- stände, die im gewöhnlichen bürgerlichen Leben einen umfassenden Katalog von Klagen hervorbringen, der täglich größer wird. Ande- rerseits weigern sich Kommunisten aber, jeden Fall eines verletz- ten Interesses - sei es an Geld, Gesundheit oder Frieden - zum "Problem" zu erklären, für dessen dann meist unmögliche Bewälti- gung genau diejenigen zuständig sein sollen, deren Interessen die gesellschaftlich gültigen sind. Gedacht ist an jene lieben Mit- menschen, die über Geld und politische Gewalt verfügen. Wenn die zahlreichen Ärgernisse, Unarten und Opfer des bürgerlichen Lebens eine Notwendigkeit des "Systems" sind, dann ist dessen Beseiti- gung angesagt - in diesem Schluß liegt die ganze Notwendigkeit des Kommunismus. 1. Die Kampagne "Kommunismus tot!", welche die gesamte Öffent- lichkeit in beiden deutschen Staaten beherrscht, ist zwar "nur" eine Angelegenheit des nationalen Bewußtseins. Wenn sich aber eine ganze Nation, die auswärts prinzipiell das "System" für al- les verantwortlich macht und seine Beseitigung fordert, daheim auf den Beschluß einigt, daß der Kapitalismus in Ordnung geht, w e i l er funktioniert, hört sich der Spaß auf. Wenn d i e s e Eigenart des Kapitalismus seinen Vorzug ausmachen soll, dann ist die Prüfung, w i e er funktioniert und was er leistet, worin sein Erfolg besteht, weder erwünscht noch zulässig. Das primitive Selbstlob, das sich maßgebliche wie unmaßgebliche Figuren unseres Systems genehmigen, ist der Musterfall einer t o t a l i- t ä r en I d e o l o g i e. Denn es wird ja nicht mit wahren oder falschen Urteilen über den Kapitalismus, seinen Nutzen und Nachteil, über bediente und zu kurz gekommene Interessen gerechtet. Der Befund, daß "unser" Laden in Ordnung geht, will ja ausdrücklich o h n e die Frage nach seiner T a u g l i c h- k e i t für irgendwen feststehen. Weil die Tauglichkeit mit seinem B e s t a n d zusammenfällt, ist K r i t i k - Plura- lismus hin, freie Meinung her - endgültig ein unzeitgemäßes Unrecht. Sie wird nicht zurückgewiesen, sondern mit "Erfolg" für systemfremd erklärt. 2. Von e i n e m Erfolg des Systems darf man dieser Tage den- noch reden. Vom R e i c h t u m, der in ihm v o r h a n d e n ist und in manchen Gemütern mit der Vorstellung einer Banane zu- sammenfällt. Warum das Vorhandensein von Reichtum, vor allem seine Größe ein Verdienst des Systems sein soll, ist indes nicht einzusehen. Was sich da in Betriebsbilanzen, Banken, Staatshaus- halten ansammelt, ist schließlich nicht Gegenstand des B e d ü r f n i s s e s, sondern Anspruch auf D i e n s t - auf denselben Dienst, aus dem er herstammt, der Mammon. Wenn er auf n ü t z l i c h e r A r m u t beruht, der kapitalistische Reichtum, dann gehört er nicht gelobt, sondern bekämpft. 3. Die n ü t z l i c h e A r m u t kommt als L o h n a r- b e i t daher. Sie ist in sämtlichen Belangen dem Bedarf und den Konjunkturen des Geschäfts untergeordnet. Wann, wieviel und ob überhaupt gearbeitet wird, ist eine Frage der Kalkulation - womit nicht die des Arbeiters gemeint ist. Wieviel und ob überhaupt was verdient wird, ebenfalls. Die Freiheit, sich Lohn, Freizeit und Gesundheit einzuteilen, fällt entsprechend großartig aus. Trost spenden der Reichtum, der sich anderswo anhäuft, die Gewißheit, daß es anderen noch schlechter geht - und die Worte maßgeblicher Herren, die meinen, die Bedienung ihrer Interessen wäre nun mal ein "Sachzwang". 4. In der Einrichtung der Abteilung "S o z i a l e s" wird im Kapitalismus höchstoffiziell die nützliche und unnütze Armut ver- waltet, mit der als Dauerangelegenheit gerechnet wird. Das nötige Geld stammt aus vielen Lohnanteilen, eingetrieben wird es zwangs- weise und ausgegeben sparsam. Der reichlich vorhandene Reichtum ist für etwas anderes vorgesehen, nämlich für seine Vermehrung. 5. Die systemgemäße Unterordnung unter das Geld, das Arbeit kauft, bringt zwar nicht den Genuß des produzierten Reichtums mit sich; der Anteil an diesem beschränkt sich auf den Erhalt der Tauglichkeit für die Dienste, die gefragt sind. Dafür sind andere Genüsse fällig. Der Erfolg, auf den es im einzig wahren System ankommt, bedarf der staatlichen Aufsicht. Mit dem Gewaltmonopol des Staates wird das Funktionieren des Systems streng rechtlich geregelt, so daß jeder in seinem Stand das tut, was ihm erlaubt ist, aber auch das läßt, was verboten wird. W e r von welcher politischen Partei die "Sachzwänge" des Wachstums und des Sozia- len, des Geldes und der Armut in zeitgemäße Gesetze gießt, darf der S t a a t s b ü r g e r in Wahlen ankreuzen. Der Nutzen ist unermeßlich: Die Staatsmaßnahmen sind unanfechtbar, weil auf de- mokratischem Wege zustandegekommen. Die korrekte Ermächtigung rechtfertigt jede Menge "unpopulärer" Entscheidungen. Über die darf diskutiert werden. 6. Der Staat hängt mit seinen Finanzen und seiner Macht vom Er- folg des Kapitals ab. Die arbeitende Menschheit auch. Der Erfolg des Kapitals hängt davon ab, wieviel es beim Kaufen und Verkaufen sowie beim Investieren außerhalb der eigenen Nation erreicht. Deswegen ist jeder Lohnabhängige auch darauf angewiesen, daß seine Nation auch internationales Gewicht gewinnt. So steht er finanziell wie wehrdienstmäßig auch gerade dafür, daß die Währung und die Truppe der Nation schlagkräftig werden und bleiben. Die Konkurrenz der Nationen und ihre Konjunkturen sind also auch noch seine Sache. 7. Insbesondere im Fall Ostblock. Dort haben sich ein paar Wahn- sinnige den Versuch erlaubt, eine Verbesserung des kapitalisti- schen Systems vorzunehmen und anders, viel sozialer, staatseige- nes Geld produzieren zu lassen. Das stört die eigene Nation wie das Kapital bei seinem auswärtigen Engagement. Damit der erfolgs- gewohnte Kapitalismus nicht ewig darunter leidet, ist der Bürger an der Aufweichung des Ostens auch noch beteiligt und hält sich für die lebensgefährliche Phase des endgültigen Begräbnisses des toten Kommunismus bereit. Über die Bereitstellung der nötigen Waffen und Kosten informiert ihn seine Regierung. 8. Nicht nur erlaubt, sondern geboten ist die Bildung einer Mei- nung über all diese Notwendigkeiten. Wissenschaft und Religion werden gepflegt und gerecht zur Bildung der Elite wie der Massen dosiert unter die Leute gebracht. Für die unangenehmen Seiten des funktionierenden Systems gilt die Meinung sehr viel, daß da jede Menge "Probleme" vorliegen, die aber in besten Händen sind. Die angenehmen Seiten liegen darin, daß alles notwendig ist und sei- nen Sinn hat. Der Bedarf des Kapitals nach Wachstum, der der Na- tion an Macht kann sich zu Herzen genommen werden, Feindbild Iwan eingeschlossen. Man weiß ja schließlich, auf wessen Erfolg man angewiesen ist. Und die Kinder sollen es ja einmal besser haben. 9. Auch wenn gerade die Jugend derzeit am "Umweltproblem" ver- zweifelt und sich da ein "Umweltbewußtsein" zulegt. Die von den Notwendigkeiten des Geschäfts verzehrte Natur büßt ihre Qualitä- ten als Lebensmittel zusehends ein, so daß man, statt die gelten- den Grundrechnungsarten des funktionierenden Systems zu begrei- fen, ein Herz für Baum und seltene Tierarten kriegt. Soweit das Herz nicht für die eindeutig positiven Seiten der Nation drauf- geht. Unser Boris. 10. Das ist es, das lebendige System, das den toten Kommunismus aussticht. Die Gnade, an ihm mitwirken zu dürfen, ist ein Wert an sich. Er heißt F r e i h e i t, duldet keinen Widerspruch und fordert ganz viel Engagement. Daß es sich bei alledem um lauter Notwendigkeiten handelt, s a g e n die Macher und Befürworter des Systems selbst. Daß es "nur" die Notwendigkeiten des Kapitals und seiner Staatsgewalt sind, w i s s e n die Kommunisten. Und wenn die arbeitende Menschheit mit ihren Diensten dem ganzen La- den seine Grundlage entzieht, ist Schluß damit. Dann wird nämlich geplant und keinen "Sachzwängen" mehr gehorcht, die andere ein- richten. Aus MSZ - Marxistische Zeitung Gegen die Kosten der Freiheit Nr. 5/89 und 6/89 zurück