Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ANSCHLUSS - Die Eroberung der DDR
zurück
Altlastenbeseitigung im akademischen Überbau
DER EINZUG DER FREIEN WISSENSCHAFT IN OSTDEUTSCHLAND
Folgt man einer gängigen Selbsteinschätzung des freien Geistes,
müßte sich der Export der Wissenschaft ungefähr so abspielen: Im
Westen gibt es bekanntlich einen Wettstreit der vielfältigsten
Ideen, der sich Pluralismus nennt. Seine Verfechter preisen ihn
als eine Art Leipziger Messe im Reich des Geistes und rühmen die
freie Konkurrenz der "Erklärungsansätze", die sie ausrichten, um
damit all ihre schönen "Modelle" einem angemessenen Leistungstest
zu unterziehen. Jahrelang waren die im Osten von diesem Diskurs
"abgeschnitten" und mußten eine "Epoche des Niveauverlustes" er-
leiden, wie man hört. Also, denkt man, nichts wie rüber mit dem
Niveau, mit Max Weber gegen Karl Marx, mit der subjektiven Wert-
lehre gegen die Arbeitswertlehre, mit Idealismus gegen Materia-
lismus... Von wegen! So eine Leistungsshow wird nicht ausgerich-
tet - sie wird auch von keinem der ehemaligen ML-er überhaupt nur
beantragt. Die Wissenschaft Ost kriegt keine Chance, sich mit den
Spitzenprodukten West zu messen. Es steht etwas anderes an:
Die Säuberung der Wissenschaft
------------------------------
Ihr widmen sich Gelehrte aus Ost- und Westdeutschland im Gefolge
des Wissenschaftsrats, dem im "Vertrag zur deutschen Einheit" die
Aufgabe zugeteilt wurde, Forschung und Wissenschaft drüben einer
gründlichen "Begutachtung" zu unterziehen. Die Prüfung, was den
Namen Wissenschaft verdient, welche Fächer und Forschungseinrich-
tungen samt Personal staatlich gefördert und finanziert werden
sollen, übertragen die politischen Entscheidungsträger dem Ge-
lehrtenstand selber, der es ja wissen muß. Auslese und Erneuerung
der Abteilung Geist soll gemäß innerwissenschaftlichen Kriterien
stattfinden. Die "Freiheit von Forschung und Wissenschaft" ist ja
bekanntlich per Grundgesetz verbrieft, "ideologische Gängelung"
von oben unterbleibt.
Wie also säubert man eine Wissenschaft? Die einfache Antwort lau-
tet: Wissenschaft treiben! Die Elaborate auf den Tisch, die Stim-
migkeit der Urteile und Theorien prüfen, Fehler kritisieren und
die Regale von verkehrtem Zeug säubern. Dieses Verfahren ist
merkwürdigerweise von keinem der Beteiligten überhaupt nur in Er-
wägung gezogen worden. Dabei steht immerhin die Anklage
"Legitimationswissenschaft" im Raum. Ein vernichtendes Urteil
über den Geist, das einen Nachweis verlangt, sonst bleibt es ein
bloßes Vorurteil. Wenn Wissenschaft im Osten Deutschlands wirk-
lich ein ideologischer Dienst an der SED-Herrschaft war, dann hat
sich dieser Dienst in die Denkart eingebildet. Dann ist der Be-
weis fällig und nötig, wie sich in den Bestimmungen der Wissen-
schaft eine Voreingenommenheit für das Objekt der Untersuchung
geltend macht; inwiefern ihre Urteile nicht objektiv sind, son-
dern nur die Reproduktion einer interessierten Sichtweise, die
vor der Beurteilung feststand. Eine wissenschaftliche Säuberung
in dem Sinn findet nicht statt. Kundige Geistesgrößen aus dem
Land der Freiheit erklären sich unzuständig für die Widerlegung
von Gedanken. Es erscheint ihnen ganz und gar überflüssig, den
Erklärungsanspruch marxistisch-leninistischer Theorien einer
Überprüfung zu unterziehen. Die Notwendigkeit einer Säuberung der
Welt des Geistes entnehmen sie nämlich keinem theoretischen Klä-
rungsbedarf, sondern dem Niedergang der einen Hälfte des ehemals
geteilten Deutschland, also einem politischen Faktum. Daß mit dem
Verschwinden des DDR-Staatswesens dessen theoretischer Überbau
gleich mitabgerissen gehört; daß mit der SED-Macht ihr Geist zu
verschwinden hat, einfach w e i l er ihrer war, dessen sind
sich diese Denker sicher, auch wenn sie nicht angeben könnten,
i n w i e f e r n er eigentlich ihr Geist war. Umgekehrt gilt
also für die Westwissenschaft die Gleichung: Wer im Recht ist,
liegt richtig, und zwar in dieser Reihenfolge!
Der Vorwurf "Legitimationswissenschaft"
---------------------------------------
erteilt der DDR-Wissenschaft eine Absage, die sie nicht für
falsch, sondern für b e f a s s u n g s u n w ü r d i g er-
klärt. Sie spricht der östlichen Wissenschaft das R e c h t ab,
sich als auch so ein "Ansatz" im wissenschaftlichen Leben
breitzumachen, wie ihn demokratische Denker als Inbegriff einer
wissenschaftlichen Leistung kennen und schätzen. Professoren, die
sich untereinander ein X für ein U vormachen lassen, wenn nur
dazu gesagt wird, daß man nicht mehr vorhat, als eine
"interessante" "Annäherung" an die Sache, sind sich in diesem
Fall absolut sicher: Marxismus-Leninismus verdient nicht mal eine
Behandlung als Hypothese, als immerhin auch denkbare Denkmöglich-
keit.
Der G r u n d für dieses Vorurteil ist eine Sache: Der Marxis-
mus-Leninismus war die Staatswissenschaft eines falschen Staates,
den es nicht mehr gibt - schon deswegen paßt er nicht mehr in die
Landschaft. Wissenschaftler sehen diesen Zusammenhang allerdings
professionell borniert. Sie sehen den Theorien des feindlichen
Staates nicht mehr und nicht weniger an, als daß sie nicht auf
dem Boden ihrer Zunft gewachsen, nicht nach den Sitten und Ge-
bräuchen ihrer pluralistischen Theoriebildung zustande gekommen
sind. Deswegen fällt ihnen für ihr Verdikt über die ehemalige
DDR-Wissenschaft ganz von selbst eine völlig unpolitische
B e g r ü n d u n g ein:
"Mangelnde Qualifikation"
-------------------------
Es zahlt sich hier aus, daß demokratische Wissenschaftler von
Haus aus viel Erfahrung darin haben, Beiträge zu ihrer Disziplin
zu be- und verurteilen, ohne sich bei ihrer Beurteilung mit so
unwissenschaftlichen Gesichtspunkten wie richtig oder falsch auf-
zuhalten. Die Befassung mit Wissenschaftlern und ihren Werken
folgt einem allgemein anerkannten Verfahren: Man mißt sie an den
"Standards" der Disziplin. Sind die richtigen und wichtigen
"Ansätze", mit denen "man" sich "auseinanderzusetzen" hat, gebüh-
rend gewürdigt oder vergessen worden: (Es trifft sich gut, daß
sich diese fundamentale Wahrheitsfrage in der Regel schon am Li-
teraturverzeichnis und Fußnotenapparat entscheiden läßt.) Kommt
der neueste Stand der Auseinandersetzung mit den allgemein für
befassungswürdig gehaltenen "Theorieansätzen" vor? Gelingt es
glaubwürdig, den Entschluß zur Borniertheit als "thematische
Schwerpunktsetzung" und die eigene Spinnerei als Betreten von
"theoretischem Neuland" vorzuspiegeln ? (Eine wissenschaftliche
Grundfrage, die praktischerweise durch das Renommee des Doktorva-
ters und die Konkurrenz der Zunft entschieden wird.)
So geht N i v e a u im bürgerlichen Denken. Und daran gemessen
blamiert sich automatisch jeder, der in seinem Vorwort die eige-
nen Erkenntnisse in eine Tradition von Parteitagsbeschlüssen
statt von Historiker- oder Germanistentagen einordnet; der in
seinem Fußnotenapparat statt den schulbildenden Autoritäten sei-
ner Disziplin eine Autorität des "wissenschaftlichen Sozialismus"
zitiert; und erst recht, wer durchblicken läßt, daß er die Lehr-
sätze des Marxismus-Leninismus als Berufungsinstanz betrachtet
hat. So etwas ist ganz einfach n i c h t p r o f e s s i o-
n e l l.
Daß demokratische Geistesgrößen ihren ostdeutschen Kollegen in
früheren Zeiten oft genug durchaus diese sagenhafte Professiona-
lität zugestanden haben, auch wenn in der Interpretation des Ni-
belungenlieds die fortschrittlichen Produktivkräfte in Gestalt
der Bauern eine hierzulande ungewohnte Rolle gespielt haben, ir-
ritiert keinen der westdeutschen Profis, die jetzt die wissen-
schaftliche Säuberung betreiben. Damals war sogar DDR-Wissen-
schaft insofern respektabel, als es sie immerhin als fest eta-
bliertes Stück deutschen Geisteslebens gab, an dem man nicht ein-
fach vorbeigehen konnte - zumindest dann nicht, wenn man mal nach
drüben eingeladen werden wollte. Das hat nämlich schon auch fürs
eigene "Niveau" gesprochen. Diese guten Gründe, sich mit einer
schon immer befassungsunwürdigen Sache zu befassen, sind jetzt
weg; also wird jetzt die Sau rausgelassen. Und niemand hat wis-
senschaftliche Skrupel, seinen ehedem geschätzten Kollegen auch
den politischen Klartext aller wissenschaftlichen Vorbehalte mit-
zuteilen:
"Ihr habt den Falschen gedient!"
--------------------------------
Daß es die Falschen waren, steht sowieso fest. Daß die Kollegin-
nen und Kollegen von der Schreibtischfront zumindest (mit)ver-
antwortlich zu machen sind, steht für die ideologischen
Schreibtischtäter der Demokratie ebenfalls fest. Und damit wird
die wissenschaftstheoretische Absage zur moralischen Verurtei-
lung.
Dabei lassen die beamteten Denker aus dem Westen durchaus mit
sich reden. Sie erkennen großzügig an, daß es ja wohl auch schwer
bis unmöglich war, ohne Bekenntnis zum falschen System in der DDR
Karriere zu machen - welcher demokratische Karrierist hätte dafür
nicht Verständnis! Das hilft bloß andererseits nichts; denn ein
Opportunismus, der auf eine verlorene Sache gesetzt hat, ist nun
einmal blamiert. Jedem, der drüben eine Funktion im Wissen-
schaftsbetrieb bekleidet hat, wird ein verlorener innerer Zwei-
kampf zwischen aufrechtem Gang und Karrierismus nachgesagt; also
im Ausnahmefall Tragik, im Normalfall ein schlechter Charakter.
Die Auslese, die ansteht, ist also eine moralische, und zwar an-
hand eines sehr einfachen Leitfadens: Wer mitten in einer Ge-
dichtinterpretation oder einer volkswirtschaftlichen Gesamt-
rechnung Honecker zitiert, ist ein schlechter Mensch. Und wo es
an solchen Bekenntnissen fehlt, geht der Indizienbeweis noch viel
einfacher: "Professor gewesen? Drüben? Unter der SED? Der ist
nicht sauber, sonst wäre der Mann doch nichts geworden!" So
denken hiesige Beamtenwissenschaftler, und man darf sicher sein -
sie gehen auf in ihrem Dienst und sorgen dafür, daß nur
Linientreue mit Karrieren belohnt wird! Daß Anpassung ratsam ist,
wenn man eine Karriere anpeilt, ist also geläufig. Nützt denen
aber nichts.
Die Forderung, die diesem Vorwurfswesen auf dem Fuße folgt und
als Angebot daherkommt, ist eine Spitzenleistung der Heuchelei:
"Wandelt euch!"
---------------
Wer also immer noch an seinen Gedanken von gestern festhält, wo-
möglich Streit sucht und überzeugt werden will, ist sowieso aus
dem Rennen. Ein unverhohlener Aufruf zum Opportunismus wird er-
lassen, und, kaum wird er befolgt, als solcher entlarvt. Wer näm-
lich von den Denkern drüben heute eingesehen haben will, daß er
sich 40 Jahre lang getäuscht hat; wer Reue zeigt und sich auf die
neue Linie einstellen will - wobei sich übrigens keiner von die-
sen Marxisten so arg selbstverleugnen muß, weil er als histori-
scher Materialist gelernt hat, daß kommen mußte, was gekommen
ist; aber wen interessiert schon noch eine Kritik dieser Lehre -,
muß sich prompt anhören, daß er das bloß tut, weil sich die poli-
tische Richtung geändert hat. Als wäre nicht genau das gefordert
gewesen! So anspruchsvoll sind westdeutsche Opportunisten: Anpas-
sung aus Freiheit, nicht weil sie gefordert wird! Das sagen die,
die gerade Anpassung fordern und geben damit kund, daß sie keinem
Gewandelten trauen. Der Aufruf, die Gesinnung zu wechseln, ist
also unerfüllbar, und genauso ist er gemeint. So verschafft sich
nämlich der Säuberungswahn, der von westdeutschem Boden ausgeht,
den Auftrag, an dem dann kein Weg vorbeiführt: Die Wissenschaft
aus Westdeutschland muß rüber! Und sie marschiert ein - mit vor-
gehaltener Gastvorlesung, Lehrbüchern und eigenem Personal. Dann
ist sie dort.
Ob die Denker von drüben freiwillig oder berechnend ihrem System
treu gedacht haben das wird im Einzelfall abgewogen und durch-
leuchtet -, die waren eben Diener einer Macht, die "wir" nie lei-
den konnten und die endlich das Zeitliche gesegnet hat. Zwar gibt
es sie mithin nicht mehr, aber eben ihre Diener noch. Und ob die
weiter in Amt und Würden vor sich hindenken dürfen, ob sie für
den hiesigen Staatsdienst taugen und übernommen werden, entschei-
det der westdeutsche Gesinnungs-TÜV.
Hierbei ist die Lage sehr viel anders als in den guten alten Zei-
ten der Entnazifizierung. Im Unterschied zu Hitlers akademischen
Funktionären werden die Größen des realsozialistischen Bildungs-
und Forschungsbetriebs vom neuen Staat für die Einrichtung eines
passenden Überbaus im großen und ganzen nicht gebraucht. An
nord-, west- und süddeutschen Universitäten sitzen haufenweise an
Stellenplänen bisher gescheiterte Karrieristen in ihren Startlö-
chern und warten bloß darauf, von ihren Professoren und deren An-
sprechpartnern in der neu geschaffenen -ostdeutschen Kultusbüro-
kratie nach drüben betreut zu werden. Da tut man sich leicht mit
dem Säubern.
zurück