Quelle: Archiv MG - BRD AUSSENPOLITIK ALLGEMEIN - Unterwegs in Sachen Frieden
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Was nicht nur Negern gefällt:
AFRIKA MIT STIL UM DEN DEUTSCHEN FINGER GEWICKELT
"Afrika den Europäern, Europa den Deutschen und Deutschland den
Bayern!" (Walter Fitz beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg
am 10.3.)
Afrika den Deutschen! Diese F o r d e r u n g hat die ver-
sammelte bundesdeutsche Politprominenz sehr amüsiert. Darauf zu
pochen und Anspruch zu erheben, was man längst in der Tasche hat,
zeugt wahrlich von geringem politischen Fein- und Fingerspitzen-
gefühl. Keineswegs plump und überhaupt nicht dreist hingegen ist,
wenn derselbe Sachverhalt nicht als Forderung, sondern als
T a t s a c h e ausgesprochen wird: Deutschland liegt gleich ne-
ben Afrika, a l s o geht es u n s was an!
"Der Bundespräsident vertritt die Auffassung, daß der Europa be-
nachbarte Kontinent 'besonderen Anspruch auf unsere Aufmerksam-
keit' hat." (Süddeutsche Zeitung, 27./28.2.)
Über den Standpunkt, bei seinen Gastgebern für deutsche Interes-
sen werben oder sie ihnen erläutern zu müssen: Darüber war Weiz-
säcker auf seiner Afrika-Tournee längst hinaus. Lässig befindet
er unsere Interessen an dem schwarzen Kontinent für so etwas Ähn-
liches wie eine geographische Gegebenheit. I n w i e f e r n
Afrika unsere besondere Aufmerksamkeit verdient, geht Afrika näm-
lich gar nichts an: Schließlich sind wir die Aufmerker und nicht
umgekehrt. Ein ziemlich unbedingter Standpunkt also, der sich da
in dem Programm ankündigt, I n t e r e s s e n überhaupt
n i c h t mehr zur Sprache zu bringen. Daß weder deutsche An-
sprüche angemeldet noch afrikanische Pläne und Vorhaben zurückge-
wiesen wurden, bedeutet ja nicht, daß es sie nicht gibt. Die sich
gegenüberstehenden gegensätzlichen Interessen sind vielmehr so
eindeutig zu bundesdeutschem Vorteil geregelt, das Abhängigkeits-
verhältnis so perfekt eingerichtet, daß sich von Weizsäckers
Seite Streit ebenso erübrigt wie Rücksichtnahme.
Der Mann hat gut reden: Erstens kann er sich darauf verlassen,
daß die vorteilhaften wirtschaftlichen Beziehungen und die poli-
tischen Zurechtweisungen laufend erledigt werden und bei den po-
litischen Machern Kohl, Genscher und Strauß in besten Händen
sind. Zweitens stellt sich die BRD-Öffentlichkeit die Differenzen
über die angemessene Stellung zu Südafrika sowieso als Konflikt
zwischen Moral und rassistenfreundlicher bajuwarischer Dickschäd-
ligkeit vor. Da fällt dem Weizsäcker seine Lieblingsrolle als An-
walt alles Wahren, Guten, Schönen ohne große eigene Anstrengung
in den Schoß. Dabei tut ihm die CSU noch den Gefallen und würdigt
sein moralisches Geseiche wie einen politischen Eingriff, so daß
er glatt wie ein verfassungsmäßig nicht ganz befugter, aber um so
unanfechtbarerer Mitinhaber der afrikapolitischen Richtlinienkom-
petenz erscheint.
Dabei gibt es an der bundesdeutschen Z u s t ä n d i g k e i t
nichts zu deuteln und nichts zu rütteln. So kann die Nation sich
den Luxus leisten, daß ihr Weizsäcker sich ausschließlich um ihre
G l a u b w ü r d i g k e i t kümmert. Zu diesem Zweck hatte der
Meister folgenden Dreischritt im Gepäck:
1. Weil wir uns für Afrika interessieren, sind wir auch für alle
Belange seiner Weltgegend zuständig - den dortigen Potentaten hat
die Anerkennung ihrer Interessantheit Dank genug zu sein.
Jeder denkbare Einwand gegen deutsches Treiben in Afrika wird mit
dem Deuter auf die Tatsache vom Tisch gewischt, daß um die Deut-
schen und ihr segensreiches Wirken in Afrika niemand mehr herum-
kommt. So hat Weizsäcker penetrant p r i n z i p i e l l das
Interesse der BRD an Afrika betont. J e n s e i t s aller
tatsächlichen Beziehungen hat er Afrika dadurch geadelt, daß es -
für Deutschland äußerst interessant und wichtig sei. D a ß die
Bundesrepublik dem Kontinent "eine Bedeutung zumißt" - als dieses
"Signal" wollte er seine Reise verstanden wissen. Auch wenn sich
seine Gastgeber durch diese Zuständigkeitserklärung geschmeichelt
fühlten, so zeigt das nur, wohin und für wen das "wechselseitige"
Verhältnis mittlerweise gediehen ist: Die BRD ist der Interessent
- und genau deshalb soll's für die Gegenseite nichts mehr zu
feilschen geben. Sie hat sich damit zufriedenzugeben, von Inter-
esse zu sein. Aus dieser Ehrung lassen sich für sie keinerlei
Forderungen ableiten: Denn selbst, was uns jeweils interessiert,
legen w i r fest und brauchen es drum auch keinem zu verraten.
Die schon vor Reiseantritt verkündigte präsidiale Festlegung, er
gedenke n i c h t , s i c h auf irgend etwas von irgend jeman-
dem f e s t l e g e n zu lassen, - tat denn auch ihre Wirkung.
Fordernd ist ihm niemand entgegengetreten.
Daß Afrika mit bundesdeutscher Zuständigkeit gut bedient ist,
kann unser Präsident aber noch glaubhafter versichern:
2. Wir verstehen mit Negern umzugehen. Nicht von oben herab. Wir
hören zu und sind lernfähig. Also her mit dem Glauben, daß afri-
kanische Belange bei uns in den besten Händen sind!
Alle häßlichen Einzelheiten aus den Beziehungen zwischen der BRD
und afrikanischen Staaten sind bereits getilgt, wenn auf die
Feststellung Wert gelegt wird, daß es bei diesem Verhältnis ganz
darauf ankommt, wer S u b j e k t ist nach dem Motto: Die Neger
können froh sein, daß sie nicht von sich selbst abhängen! Die un-
bedingte Vertrauenswürdigkeit, auf die die bundesdeutsche Afrika-
politik ein Anrecht hat, beweist Weizsäcker aber nun durch die
H e r a b l a s s u n g, so zu tun, als wäre er der Repräsentant
- aber überhaupt nicht von einer international herumfuhrwerkenden
S t a a t s g e w a l t. Durch symbolträchtiges Neigen des
Kopfes und Schrägstellen der Ohren bemüht er sich um die Verbrei-
tung des Anscheins, daß von einem Imperialismus made in Germany
nicht die Rede sein könne! I n t e r e s s e a n e i n a n-
d e r haben, das sollte es sein, was makes the world go round.
Nicht so sehr Afrika, sondern das V e r s t ä n d n i s
füreinander ist unterentwickelt. Was den Negern fehlt, ist ein
Interesse an ihnen, das ihrer Andersartigkeit Gerechtigkeit
widerfahren läßt. Also beglückt er den Kontinent, dessen Bewohner
in der Mehrzahl der Fälle auf dem letzten Loch pfeifen, mit dem
Goethewort, daß es sich bei kultureller Begegnung zwischen
Menschen um so was Ähnliches wie Ein- und Ausatmen handle. Was da
gegeben und genommen wird: Das andere gibt immer schwer zu
denken: Es ist n i c h t eigen und trotzdem da. Das hört der
Neger, zumal in den oberen Etagen, gern:
"Der Sprecher des simbabwischen Senats empfand die Rede ergrif-
fen, fast wie eine Predigt." (Süddeutsche Zeitung, 15.3.)
Auch er ist nicht ohne, hat Geschichte und Kultur Marke Eigenbau
- selbst wenn er das ohne deutsche Nachhilfe vielleicht heute
noch nicht wüßte. Die Ruinen von Groß-Simbabwe hat nämlich ein
Schwabe für uns alle ausgebuddelt, Viktoriafälle hat Deutschland
nicht zu bieten - vom Staub in Timbuktu ganz zu schweigen. Also
darf Mugabe den Führer spielen und unseren Weizsäcker an der Hand
nehmen, damit der mal wieder die Gelegenheit erhält, eine ein-
dringliche Geste samt der ebenso aufdringlichen Interpretation zu
inszenieren: Ich, Weizsäcker, bin anders als alle Präsidenten,
die Afrika je gesehen hat. Wenn Presse dabei ist, laß ich mich
auch von Schwarzen anfassen, damit sie zu mir Vertrauen fassen.
Obwohl ich gewöhnlich gebe, nehme ich gerne, was freiwillig und
"nach Landessitte" (Süddeutsche Zeitung, 15.3.) sich mir entge-
genstreckt.
Nach eigenen Angaben hat er auf dieser Studiensafari unheimlich
viel gelernt: Wahrscheinlich, daß es in der Sahelzone tatsächlich
dürr zugeht und Afrika insgesamt voller Probleme steckt, über die
sich - v.a. dem Nicht-Afrikaner! - jedes Urteil verbietet. Trotz-
dem waren die Kosten für den Anschauungsunterricht nicht rausge-
schmissen. Vor, während und nach seiner Reise hat er betont, daß
und wie l e r n f ä h i g er ist. Also war das auch die ganze
Lehre, die aus seiner Reise gezogen werden sollte:
1. Was die Häuptlinge der Negerstaaten angeht, so sollten sie
sich abregen, wenn ihr Interesse nichts zählt. Wenn nicht in ih-
ren staatlichen Plänen und Absichten, so wird ihnen doch Anerken-
nung gezollt für ihr unverwechselbar eigenes Nationalwesen.
J e n s e i t s aller Politik gibt es etwas allen Staaten
G e m e i n s a m e s und sie Verbindendes: Jedes Völkchen hat
seine Eigenheit, auf die kein ausländischer Staat Anspruch erhe-
ben kann. Sie läßt sich auch überhaupt nicht wegnehmen, weil sie
nur im eigenen Staat zu Hause ist.
2. Mit dem Respekt vor dem anderen ist im Falle Afrikas die Welt
schon wieder heil. Ideell sind die Negerfürsten entschädigt, was
wollen sie mehr? Mit der Verwandlung der Beziehungen in eine
Stilfrage: auf die Art und Weise des Umgangs und nicht darauf,
was Staaten miteinander zu schaffen haben, soll es ankommen - ist
dem Streit jeder Grund entzogen. Probleme resultieren aus Mißver-
ständnissen, aus mangelnder Kenntnis oder Achtung des Fremdländi-
schen. Speziell die Neger sind empfindlich, wenn ihre Würde ver-
letzt wird. Das muß nun wirklich nicht sein.
3. Was unseren Präsidenten angeht, so ist er auf der Höhe der
Zeit: Nachdem seit gut einem Vierteljahrhundert der Kolonialismus
abgeschafft ist, gibt er damit an, daß er keine fremde Staaten-
seele von oben herab behandelt, daß er zuhören kann, also keine
Vorurteile hat, also weder Kolonialist noch Rassist ist. Bewunde-
rung einzuheimsen für die beachtliche Leistung, einer a u s g e-
s t o r b e n e n Spezies n i c h t anzugehören - das ist
frech.
4. Und sehr zweckmäßig. Damit poliert er am Bild einer Bundesre-
publik, die mit ihren Eingriffen auf der ganzen Welt angeblich
nichts anderes verfolgt, als das Ideal einer harmonischen Staa-
tengemeinschaft. Das ist der Rhythmus, wo der Neger mit muß...
3 Wir sind gegen die Apartheid - und somit für eine vernünftige
Politik in ganz Afrika zuständig. Der Glaube, mit einer Verurtei-
lung Südafrikas identifizierten wir uns mit den Anliegen Schwarz-
afrikas, ist jedermann unbenommen. Maßnahmen werden in Bonn bera-
ten, und die Entscheidung liegt beim Kanzler.
Mit diesem letzten Bekenntnis hat Weizsäcker endgültig einen
Stein im Brett bei all seinen Verehrern. Nicht nur kulturell
hochstehend, sondern auch moralisch einwandfreien Werten ver-
pflichtet! Selbstlos, wie hier endlich einmal einer die Anliegen
der Schwarzen unterschreibt und vorbehaltlos unterstützt!
Von wegen! Unterschrieben wird hier gar nichts. Vielmehr legt
Weizsäcker mit seiner Kritik an der Apartheid erst einmal alle
seine vorgeblichen Auftraggeber auf seine Sichtweise Afrikas
fest: A u ß e r diesem einen Punkt gibt es da überhaupt nichts
mehr zu kritisieren. Alle Mißstände haben zu verblassen und zu
verschwinden hinter dem himmelschreienden Unrecht der Apartheid.
Einen besseren Titel, um in ganz Afrika herumzufuhrwerken, gibt
es überhaupt nicht. Wenn sonst nichts kritikabel sein soll an der
imperialistischen Verwendung eines ganzen Kontinents als die ras-
sistischen Unterscheidungen an seinem Südende, dann ist damit
eben auch jede deutsche Afrikapolitik über jede Kritik erhaben.
Und was die Republik Südafrika betrifft, so hat der Präsident
auch da keine falschen Festlegungen getroffen. Denn in der Frage
nicht nur "denkbarer", sondern wirklicher Sanktionen endet ja
seine Richtlinienkompetenz. Da ergänzt er mit seinen Realismen
den Fortgang "unserer" Geschäfte.
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