Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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       Nach der Wahl
       

DIE WENDE MACHT MOBIL

Die Ermächtigung ist am 6. März zufriedenstellend verlaufen für diejenigen, die sie sich beim Volk holten. Strahlend, auf den Schultern seiner Freunde, erklärte Kohl, weshalb er gewonnen hat: Er habe "Hoffnung verkörpert" - Hoffnung für Deutschland - und "bittere Wahrheiten vertreten" - gegenüber dem lieben Stimmvieh, auch die Souveränität des Volkes genannt. Reagan und die USA freuten sich, daß "die Deutschen nun an der Urne für die Stationierung der neuen Mittelstreckenraketen ent- schieden" hätten, England meldete "Sieg in Bonn für Kohl und NATO". Ihnen war und ist eine deutsche Regierung lieber, die ohne ideologische Umwege auf NATO und "Politik aus einer Position der Stärke heraus" setzt. Die Regierung der "Wende" war zur Rettung der Nation an den Wähler herangetreten, damit er Ja! dazu sage. "Wir sind in Sorge um unser Vaterland. Wir werden mit Vernunft und Ehrlichkeit Deutschland wieder in Ordnung bringen." (CSU) Zwar hätten Vogel und seine Sozis die Nation auch nicht wegen kleinlicher Bürgerinteressen oder um des Lebens der Untertanen willen absaufen lassen - "13 rote Jahre" und die noch in dieser Ära vollzogene Wende in die Vorkriegszeit sind dafür Beleg genug -, aber den Machthabern um Kohl und Strauß und Genscher, der "im Zweifel für die Freiheit" ist, erscheint die sozialistische Re- gierungsperiode dennoch als zu matt: Die Souveränität der Regie- rung gegenüber dem Volk sei zu gering gewesen; auf das Wohl der Nation hätte man - in Gedanken an die Bürger - zu wenig achtgege- ben; das deutsche Interesse habe sich schlapp gezeigt gegenüber dem Hauptfeind im Osten und widerspenstig gegenüber dem besten Freund im Westen, dem Unterpfand des deutschen Interesses über- haupt. Wenn die C-Parteien das Land "wieder" in Ordnung bringen wollen, wo doch von Schwäche auf dem internationalen Parkett, von Unordnung oder gar Aufruhr im Innern nichts zu merken ist, dann ist das keine Kraftmeierei, gar der Wahl wegen. Die Herrschaft kritisiert sich selbst in ihrem Vorgänger. Am maßlosen Anspruch der Stärke der Nation im Innern und nach Außen befindet das ge- lungene Staatswesen in Gestalt ihrer Wendemanager die Politik der Sozialdemokraten vorher als überflüssige Rücksichtnahme auf Hin- dernisse, die man doch im Interesse der Nation gar nicht als sol- che zu sehen hätte. Und hat sich für diese Politik "D e u t s c h l a n d den Aufschwung!" das Votum der Wähler eingeholt. Herren und Grüne ---------------- Nach der Wahl, in der ja 'nur' versprochen wurde, für Deutschland wieder mehr auf Zucht oder Werte, Ordnung oder Opfer, deutsches Interesse oder Stärke zu achten, waren die "schwierigen Koaliti- onsverhandlungen" (wie noch rückständige Zeitungen vermeldeten) sehr einfach. Nicht um den Inhalt der zukünftigen Staatsmaßnahmen im Grundsatz ging es. Die Einzelheiten kann man ja auch - wie ge- schehen - offenlassen, ohne daß offenbleibt, wie der Hase läuft. Hauptthema war erstens nach der Wahl, ob Strauß nach Bonn geht. Die Knechtsgesinnung der Untertanen wurde, von der nicht weniger ehrfürchtigen Öffentlichkeit dafür interessiert, welchen Herren, Kohl oder eigentlich Strauß, man zukünftig haben werde. Zeugnis einer gelungenen Herrschaft, wenn die Volkssouveränität nach Ab- gabe ihrer Stimme nicht mit so nebensächlichen Problemen wie dem Fortschritt der Aufrüstung und der Abrüstung der Geldmittel der Bürger behelligt wird, sondern sich um die guten Führer zu küm- mern hat und auch kümmert. Nach der Entscheidung des Bayern, von München aus weiter mitzumischen, hörte man sogar von dem "Ende der Ära Strauß", wobei man nicht weiß, ob das zufrieden oder un- zufrieden stimmen soll. Daß die bestallten Beobachter der Politik aber auch in der Demokratie nicht mehr als Ehrfurcht vor den Füh- rern und ihrem Erfolg im Kopf haben, sieht man daran aber schon. Und es paßt heute besser denn je. Wenn es ohne Umschweife und ideologische oder gar menschenfreundliche Schnörkel nurmehr um die Stärke der Nation und deren straffe Ordnung geht, dann ist Strauß nicht mehr als polternder und scharfer Rechtsaußen, son- dern darin interessant, ob und wie er die Zügel der Macht in die Hand nimmt. Ein zweites Thema soll ungemein spannend gewesen sein: Bauer wird Lord, pardon, die Grünen sind im Parlament. Nur stimmt an dem Vergleich nur die Hälfte. Die Grünen sind schon begeistert, ins Hohe Haus einziehen zu können und Staatsakten lauschen zu dürfen, aber die wirklichen Herren des Parlaments halten die Abgeordneten mit dem Prädikat 'grün' gar nicht für richtige Parlamentarier, verdächtigen sie sogar, keine anständigen Bauern oder Bürger zu sein, weshalb die ärgerlich oder belustigt als Kuriositäten ge- handelt werden. Die wirklichen Herren des Hohen Hauses befürchten Geheimnisverrat (ausgerechnet aus dem Parlament heraus), gewis- senlosen Abgeordnetentausch und unanständige Kleiderordnung. Ein Hausdiener befindet, daß 'die' sich bisher ganz anständig benom- men hätten. Harter Streit um die Sitzordnung bewegte zwei Tage die Gemüter - erste Erfolge des parlamentarischen Kampfs der Grü- nen zur Unterstützung des außerparlamentarischen. Die großen Par- teien betonen, daß die Grünen zu Recht, weil gewählt, im Parla- ment sitzen. Also gehören sie eigentlich nicht hinein. Wie Kin- der, die man herablassend; aber auf die Würde des Hauses der Macht achtend, betrachtet, werden sie behandelt. Und sie selbst, die Grünen, benehmen sich wie solche; nicht wie freche, die sich um die Umgebung nichts scheren, sondern wie wohlerzogene, die wissen, wo man sie hingestellt hat, aber auf dem Pullover und dem Pflänzchen unbedingt bestehen - auf die Idee, dem Kanzler seinen vergasten deutschen Wald aufs Haupt zu streuen, sind sie nicht gekommen. Und wo die Großen mit ihnen umgehen, als gehörten sie nicht unter ihresgleichen, wird - welch ein Witz - den grünen Ab- geordneten von der Basis die Kritik serviert, daß sie schon zu sehr Abgeordnete und zu wenig im außerparlamentarischen Kampf verankert seien. Warum hat man sie denn dann ins Parlament ge- schickt? Auf jeden Fall konnten Deutschlands Fernsehzuschauer sich ausgiebig die Grünen im Bundestag anschauen, weil das so in- teressant sein soll. Da muß doch Deutschland im Aufschwung sein! Arbeit und Brot, ---------------- um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, wie es der hoheitliche Eid besagt, ist nicht der Inhalt der Richtlinien der Koalitions- vereinbarungen. Durch die Wahl hat man doch in Bonn bestätigt be- kommen, indem man es beschloß, wie opferfreudig die Menschen im Grunde sind. Die Opposition hat das Koalitionspapier mit dem schweren Vorwurf "Orgie von Unverbindlichkeiten" bedacht und noch das sozialdemokratische Reizwort "ungerecht" hinzugefügt. Beides zusammen kann als guter Beleg für die Rolle der Opposition im Staate Deutschland gelten. Wenn - um nur ein paar Auszüge aus den Koalitionsvereinbarungen zu zitieren die Ungerechtigkeit in fol- gendem besteht: "Einsparungen werden insbesondere vorgenommen in den Bereichen: Bundesanstalt für Arbeit, Personalausgaben im öffentlichen Dienst, im Behindertenrecht Konzentration der Förderung auf die wirklich Schwerbehinderten. Die Kriegsopfer werden von den Spar- maßnahmen ausgenommen. ... Es besteht Einigkeit, daß eine strukturelle Reform der Rentenver- sicherung notwendig ist... (was das wohl heißt?) Ziel ist ein Bettenabbau... Die Förderung der häuslichen Pflege ist auszuweiten und zu unter- stützen... Die Zusammenlegung mehrerer Generationen in familiengerechten Wohnungen ist zu fördern..." -, dann hätte man doch gern von der Opposition gewußt, ob ihre ge- rechte Alternative auch die Leichtbehinderten mit höherem Einkom- men belangen will; ob sie auch die Kriegsopfer im öffentlichen Dienst mit der strukturellen Reform der Rentenversicherung beden- ken will; oder ob sie nur für die häusliche Pflege in familienge- rechten Wohnungen mehr "Solidarität" fordert. Wie behinderte Rentner im engen Generationennest unverbindliche Orgien feiern können, ohne solidarisch zu werden, ist sowieso nicht einzusehen, vor allem, wenn dann noch Ausländer dazukommen, die die SPD vor der integrierten Abschiebung bewahrt hätte... Es sind - einige werden es noch wissen - Vor- bzw. Nachkriegsge- wohnheiten, die in Bonn nach der Wahl den Leuten aufgenötigt wer- den. Die Nation verlangt von ihren Mitgliedern ganz einfach Ent- behrungen für die Nation. Das Ideal des Existenzminimums hat Hochkonjunktur - da heißt es, sich zusammenreißen... und die Rolle der Grünen im Parlament betrachten. Oder sind etwa die Kriegsopfer zu einer Demonstration für die nicht Kriegsverletzten aber trotzdem arbeitsuntauglichen Behinderten auf die Straße ge- gangen? Sie haben doch wohl dafür plädiert, daß es um der Ehre der Nation willen nicht angeht, Kämpfer fürs Vaterland gleich zu behandeln wie ganz normale Krüppel der kapitalistischen Produk- tion. Genauso wie das auch die Koalition sieht! Es ist eigenartig, daß die Regierung ihr Programm "Den Aufschwung verstärken!" zugleich als Kampf gegen Arbeitslosigkeit ausgeben kann, wo doch alle, Arbeitslose, Arbeiter, Rentner und Kranke zu weiteren Einschränkungen gezwungen werden und es ein offenes Ge- heimnis ist, daß nur noch das Wetter den Arbeitslosenzahlen zu sommerlicher Senkung ihrer Steigerung verhilft. Das Gebot der Stunde und seine geistige Führung verlangen Opfer ohne eine an- dere Begründung als die, daß sie für die Nation sein müssen. Ein unanständiger Deutscher, wer da nach Erfolgen in Sachen Arbeit und Brot fragt. Wenn die geistige Führung der Macht entsprechende Untertanengesinnung als gelebte Haltung praktisch einfordert, gilt es nicht einmal als Frechheit, daß ein Volksvertreter des Bundestags seine Diätenerhöhung fordert, weil "Abgeordnete beson- deren Belastungen ausgesetzt" seien, "mehr als der normal Arbei- tende". Generalmobilmachung ------------------- Vor der Wahl hatte Strauß mit der schönen Ehrlichkeit für sich geworben, man müsse doch dem Volk klipp und klar sagen, daß der NATO-Doppelbeschluß zwar diesen doppelten Namen hat, eigentlich einfach eine notwendige Aufrüstung gegen den Hauptfeind dar- stellt. Nach der Wahl stellt die vorher noch zum Teil "Übergangsregierung" genannte "Rechtskoalition" klar, was mit ih- rem Motto "Frieden schaffen mit immer weniger Waffen" gemeint ist. Niemand faßt es mehr als Widerspruch auf, daß fast jeder westdeutsche Politiker erklärt, er glaube nicht an einen Angriff der Russen, aber schon die M ö g l i c h k e i t der politi- schen Erpreßbarkeit für eine Ungeheuerlichkeit hält. Die Wacht am Rhein entkleidet die Friedenspolitik aller verharmlosenden Zu- sätze: "Realistische Entspannungspolitik des Westens darf nicht auf dem Prinzip der Hoffnung, sie muß auf der Grundlage der Wachsamkeit aufgebaut sein. Die sogenannte Entspannungspolitik der SPD/FDP- Regierungen seit 1969 war zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht zur Kenntnis nehmen wollte, daß die Politik der Koexistenz und der Entspannung für die Sowjetunion die Fortführung des Klas- senkampfs mit anderen Mitteln ist." (Internes Papier der CDU/CSU) Das so geschaffene neue politische Klima erklärt die sowjetische Koexistenz zu dem weltpolitischen Ärgernis. Man hält es nicht mehr für nötig, Gründe für die westliche Offensive anzuführen. Das System drüben ist Grund genug: "Wirkliche Ursache der gegen- wärtigen Spannungen ist allein der sowjetische Imperialismus mit seiner weltrevolutionären Zielsetzung." (ebd.) Den Beweis, wo denn die Russen ihr Weltmachtstreben praktisch werden lassen, bleibt die Union nicht schuldig, sie erklärt ihn für überflüssig. Der Kampf gegen den Bolschewismus braucht keine Gründe. Die Macher der Wende kritisieren die bisherige deutsche Außenpolitik, daß sie defensiv gewesen wäre, sie erblicken in der NATO-Offensive mit den USA an der Spitze die deutsche Chance, den nie aufgegebenen Anspruch auf Restdeutschland in die Tat umzuset- zen. Die Wahrheit der angeblich angestrebten "menschlichen Er- leichterungen" für die Brüder und Schwestern drüben sprechen sie selbst aus: "Das heißt für uns, die deutsche Frage nicht nur theoretisch of- fen zu halten, sondern für das deutsche Recht auf Einheit in Freiheit aktiv einzutreten. Alle Verfassungsorgane müssen beharr- lich auf die Wiedervereinigung Deutschlands hinwirken. ...Das Deutsche Reich besteht in den Grenzen von 1937 fort." (ebd.) Die Politik selbst bestätigt alle bisherigen Gewaltverzichtser- klärungen als Ideologie des deutschen Rechts auf die ganze Na- tion. Das Volk, das für seine Nation einstehen darf, wird nach der Wahl zügig weiter im Kapitel Vorkriegszeit ausgebildet. Nicht nur durch die praktische Bildung in Sachen Opfer. Die Union erklärt: "Wesentlicher Faktor der Verteidigungsfähigkeit ist die Motiva- tion unserer Soldaten" (ebd.); Sie will "prüfen, ob Frauen ohne Kombattantenstatus in der Bun- deswehr dienen können. Ein niedersächsischer Sozialminister for- dert die allgemeinere "Erfassung der Ärzte, auch für den Fall des Krieges". Wörner versieht seinen obersten General mit mehr Kompe- tenz und beschwert sich beim Volk über eine gewisse "Verabsolutierung des Überlebens" - sie sei "unchristlich". Von wegen, heute sei alles ganz anders als vor dem 1. und 2. Weltkrieg. Wenn man mit einem Waffengang rechnet, wird die Zeit davor für diesen genutzt. Nach der Wahl sind auch weitere Erfolge an der moralischen Aufrü- stungsfront zu vermelden. Die Verantwortlichen in Bonn können ei- gentlich mit ihrem Volk zufrieden sein, wenn der 'Kampf' gegen den vergläserten Menschen heute Opposition ist. Das neue geistige Klima ist angekommen. Der deutsche Vorschlag für die Schlagereu- ropameisterschaft heißt diesmal nicht "Ein bißchen Frieden", son- dern "Rücksicht, Nachsicht, Vorsicht...", was genau paßt. Im Fernsehen ist eine Serie angelaufen, die die Geschichte des Va- terlandes als spannende und ureigene Angelegenheit jedes Deut- schen vorstellig machen will: "Abenteuer Bundesrepublik", jeden Montag! Wenn vor einem ein Einschnitt liegt, wenn die Nation et- was Besonderes vorhat, blickt man gern zurück. Oder anders ge- sagt: "Die Bevölkerung ist psychologisch darauf vorzubereiten, daß bei einem Mißerfolg der Verhandlungen Ende 1983 mit der Nachrüstung begonnen werden muß." (ebd.) Welch ein Abenteuer! zurück