Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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DER DEUTSCHE WÄHLER
der westdeutsche - ist ein guter Wähler. Er war es von Anfang an.
Obwohl über die Zeit des Tausendjährigen Reiches der demokrati-
schen Gepflogenheiten entwöhnt, kannte er sich sofort aus, als
ihm die USA das demokratische Gebilde BRD vorsetzten. 1949, da er
vor allem damit beschäftigt war, seine Existenz zu sichern, als
es wenig zu beißen und viel Arbeitslose gab, wählte er schon wie-
der ganz richtig. Zwar waren es damals noch viele Parteien,
selbst Kommunisten, die er auf die Parlamentsbänke schickte, aber
eine ordentliche und starke Regierung kam auch so heraus:
Adenauer wurde Bundeskanzler. Von niemandem wurde
der frischgebackene Staatsbürger
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gefragt, ob er lieber freie Marktwirtschaft und Demokratie oder
sozialistische Planwirtschaft wolle; ob eher ein neutrales geein-
tes Deutschland als eine Republik der Westzonen. Der Eingeborene
von Trizonesien nahm es zur Kenntnis, daß unter Führung der Amis
seine Besatzungsmächte, Kapitalismus und Demokratie installier-
ten, und ging pflichtbewußt wählen. Danach wählte er lange Zeit
in seiner Mehrheit den Kanzler, den Alten, Adenauer. Daß dieser
ziemlich rigoros die Staatsgeschäfte führte und sich von Regie-
rungsbank und Parlament kaum dreinreden ließ, fand die Mehrheit
clever. Daß hinter dem Eisernen Vorhang die Hölle oder Schlim-
meres beginne, glaubte fast jeder. Die Mehrheit nahm Adenauer
auch ab, daß die Wege der SPD eindeutig nach Moskau führten.
Adenauer ließ streikende Arbeiter niederknüppeln - er wurde ge-
wählt; er setzte den NATO-Beitritt durch, die Bundeswehr - er
wurde gewählt, obwohl die Toten, Flüchtlinge, überhaupt der
letzte Krieg noch nicht ganz vergessen sein konnten. Sollten die
Deutschen geglaubt haben, daß eine Verteidigungswehrmacht für
"Nie wieder Krieg!" geradesteht? Man wird sehen. Das Verbot der
KPD erfuhr der inzwischen antikommunistisch geschulte Deutsche
aus den Zeitungen. Gebont. Der deutsche Wähler ist
ein treuer Wähler.
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Die C-Parteien hatten ihren festen Stamm. Für die Freidemokraten
fanden sich auch immer genug Leute, die meinten, Adenauer als Li-
berale unterstützen zu müssen, bis sie dann Brandt als Liberale
unterstützten. Die zu nächst ewige Opposition der Sozialdemokra-
ten bezog ihren Stamm aus der Arbeiterschaft. Der ging auch nicht
flöten, als die Sozis ihre letzten Reste scheinbar sozialisti-
schen Gedankenguts ablegten und sich in Godesberg von der bor-
nierten Bindung an die Arbeiterklasse zur Volkspartei emanzipier-
ten, um den Ruch der bloßen Arbeiterpartei loszuwerden und Vor-
aussetzungen für das Ende des chronischen Zustands Opposition zu
schaffen. Doch wurde Adenauer weiter gewählt, weil der ja schon
der demokratische Führer war. Warum anders wählen, wo doch das
Wirtschaftswunder zwar viel Arbeit, aber auch so ungewohnte
Genüsse wie einen Kühlschrank mit kalorienstarkem Schweinefleisch
und viel anderes Ungewohntes mehr mit sich brachte. Also arbei-
tete man fleißig und ging alle vier Jahre pflichtbewußt wählen.
Die Wahlbeteiligung stieg bis an die 80% und drüber. Extremisten
wurde, zunehmend eine demokratisch reife Abfuhr erteilt. Treu
blieben die deutschen Wähler ihren inzwischen nurmehr drei großen
Parteien, als die FDP, ohne sich um das Votum ihrer liberalen
Wählerschaft zu kümmern, einfach aus der Koalition mit der Union
ausstieg. Auch das Resultat, daß jetzt die vormaligen Erzfeinde
CDU/CSU und SPD ("Alle Wegen führen nach Moskau!") zusammen in
einer Großen Koalition auf der Regierungsbank saßen, verwunderte
die Wähler dieser beiden Parteien nicht. Nach dem Willy Brandt
und seine SPD die Große Koalition benutzt hatten, neben der Ver-
abschiedung der Notstandsgesetze auch den Sprung in die sozialli-
berale Koalition zu schaffen, fanden einige Wechselwähler, daß
der Friedenswilly und sein Reformprogramm erfolgsversprechender
sei als die abgehalfterte Union. Die Studentenbewegung trug das
ihre bei zum Boom demokratischer Ideale, und so war es klar, daß
eine ganze Menge Intellektuelle die SPD, die vorher die Not-
standsgesetze mitbeschlossen hatte, als das kleinere Übel oder
irgendwie günstigere Bedingung für demokratischen Fortschritt an-
sah und wählte. Der ehemals als Kommunist verschriene und inzwi-
schen zum Friedenskanzler avancierte Willy Brandt wurde gewählt.
Er wußte die unter den Parlamentsbänken verhandelten Parlamenta-
rierkäufe nämlich nicht nur zu seinen Gunsten zu entscheiden,
sondern konnte - moralisch integer, wie er ist - sogar den Ein-
druck erwecken, daß der Barzel viel mehr gekauft hatte. Der treue
deutsche Wähler ließ sich ebenso nicht durch die neue Ostpolitik
abstoßen. Er nahm es zur Kenntnis, daß jetzt mit dem Osten, der
lange Zeit einzig Material seines Antikommunismus sein durfte,
entspannt verkehrt und gehandelt wurde. Sozialliberale Koalition
war 'in'. Die Entscheidung der SPD, Willy Brandt als Kanzler ab-
zusägen, weil Friedens- und Reformillusionen ihre Wirkung getan
hatten (für gewisse ansprechbare Wählergruppen bleibt er Partei-
vorsitzender mit Sonderauftrag Entwicklungsideale gegen die
Dritte Welt für die Dritte Welt), und die schöne Freiheit eines
Kanzlers, sich im fahrenden Salonwagen unter Assistenz von Ost-
spionen vergnügen zu dürfen, zum Anlaß zu nehmen, den 'Macher' an
die Regierungsspitze zu setzen, honorierte der treue Wähler mit
der Wiederwahl der Sozialliberalen. Über eine Million Arbeits-
lose; die im Gefolge der Krise stattfindenden Rationalisierungen
in den Fabriken und ihre arbeitsintensiven Folgen; die niedrigen,
von Schmidt gelobten, Tarifabschlüsse; die fälschlich als
"Rentenbetrug" in die Geschichte eingegangene Kürzung der Renten
und andere Segnungen des Sozialstaats, von denen das Volk nichts
hat; alles dieses konnte die Mehrheit nicht davon abbringen, Hel-
mut Schmidt 1976 zu wählen. Er versprach sich einfach als der fä-
higste Krisenkanzler und hatte dies ja auch, zwar nicht durch
Leistungen für den Bürger, aber sonst unter Beweis gestellt.
Der deutsche Wähler wurde
immer besser, treuer und pflichtbewußter.
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Aufgefordert, für Europa seine Stimme abzugeben, weil - wohlweis-
lich - das deutsche (nicht das der Deutschen) wirtschaftliche und
politische Interesse in Europa am besten aufgehoben (besser:
wirksam) ist, tat er dies, zwar nicht so zahlreich aber doch im
Vergleich zu anderen Ländern ansehnlich. 1980 ist der bisherige
Idealzustand des guten demokratischen deutschen Wählers erreicht.
Sicher, er hat nie Ansprüche an die Parteien gestellt und von ih-
rer Erfüllung die Wahl abhängig gemacht - gestört hat er die Po-
litiker in ihrer Handhabung der Macht sowieso nicht. Im Gegen-
teil: Er nahm die Versprechungen der Wahlkämpfe als das, was sie
sind, als Mittel der Parteien, an die Regierungsmacht zu kommen.
Er wählte, soweit er nicht traditionell für 'C' oder 'S' stimmte,
je nachdem welche Ideologie oder Kundgabe zukünftiger Taten ihm
im Vergleich der konkurrierenden Lager am glaubwürdigsten er-
schienen, ohne an die Erfüllung irgendwelcher eigenen Wünsche zu
glauben. Vielleicht hoffte er, daß der eine Machthaber im Unter-
schied zum anderen ihm günstiger sein könnte. 1980 hat er sich
auch noch diese Scheinalternative im Irrealis abgeschminkt. Er
hat mitbekommen, daß es diesmal nicht um unterschiedliche Regie-
rungsprogramme geht; ihm ist mitgeteilt worden, daß heute Wahl-
versprechen unpopulär sind, daß seit Afhanistan eine "Weltkrise"
schwelt und deshalb das höchste Gut auf demokratischer Erden,
Frieden und Freiheit auf dem Spiel steht. Ach, so ist das jetzt,
sagt sich der deutsche Wähler, der Frieden ist bedroht und die
Politiker wollen ihn erhalten. Gut, dann wähl' ich den, von dem
ich finde, daß er das am besten garantiert. Denn Krieg, das will
ich ja nun wirklich nicht...
Denkt er und macht sich weiter keine Gedanken darüber, daß die
Härte der Parole von der Friedenssicherung darin besteht, die
Kalkulation mit dem Krieg zu verkünden. So wie's steht, wählt die
Mehrheit Helmut Schmidt, weil sie meint, daß der Frieden am be-
sten bei dem aufgehoben ist, der schon die Macht hat; zumal der
offensichtlich auch mehr Erfolg hat als Strauß, was auch zu be-
rücksichtigen ist für einen guten Wähler. Der Stamm der C-Wähler
entscheidet sich für Strauß, denn eine härtere Gangart gegen den
Osten sichert den Frieden am besten. Die paar Liberalen sind wei-
ter für Schmidt, als Liberale, versteht sich, und wegen des Frie-
dens; oder gar weil sie meinen, es müsse ein Dreiparteiensystem
geben, da sonst nurmehr ein Zweiparteiensystem existieren würde.
(Ein paar linke Intellektuelle oder unverbesserliche Idealdemo-
kraten wählen vor allem g e g e n S t r a u ß, um die Demokra-
tie vor Schaden zu bewahren. Auch das gehört zum guten demokrati-
schen Wählerspektrum.) So ist der deutsche Wähler
überzeugter Friedenswähler,
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natürlich ohne die Sicherheit, daß der Frieden bestehen bleibt.
Wäre ja noch schöner, wenn ein guter Demokrat per Wahl Unmögli-
ches von den Kandidaten verlangen würde. Daß es so friedlich
bleiben möge, wünscht er sich schon, aber ansonsten weiß er doch,
daß eine Wahl dafür da ist, daß die Politiker dann machen können,
was den nationalen Interessen genehm ist. Vor allem die Erhaltung
des Friedens können nur Politiker bewerkstelligen. Denen glaubt
er, daß nicht sie, nicht die kleine, bescheidene Großmacht BRD
Kriegsgründe schafft, sondern nur die bösen Russen. So hat er
auch Verständnis dafür, daß die eigenen Staatsmänner zwar alles
Erdenkliche für die Friedenssicherung tun (z.B. Nachrüsten und
so), aber wenn andere Länder, also der Ostblock, nicht nachgeben,
auch nicht anders können, als sich zu wehren. Daß der pflichtbe-
wußte deutsche Staatsbürger - und nicht der Politiker - dann da-
für seine Rübe hinhalten muß, überlegt er nicht besonders ernst.
Die Politiker werden's schon richten. Das werden sie - mit freier
Billigung des gesamten Volkes, souverän wie sie sind, über Krieg
und Frieden entscheiden zu können, wie der Wählerwille ihnen be-
stätigt. Diesmal ganz besonders und extra.
Völlig falsch wäre es zu meinen, der Bürger der Bundesrepublik
Deutschland sei ob seiner Staatstreue und seines staatsbürgerli-
chen Pflichtbewußtseins ein fanatischer Nationalist, oder er
würde gar seine politischen Führer - Schmidt oder Strauß - über
alles und aus ganzem Herzen lieben. Mehrheitlich geht der Bürger
seiner Arbeit nach, teilt sich's ein und mäkelt am Biertisch an
allem Möglichen rum, auch an den Politikern - alle vier Jahre
geht er wählen. Die intellektuelle Minderheit tut auch ihre
Pflicht, braucht sich's nicht so sehr einteilen, muß dafür aber
am Biertisch oder im Job selbst alles reflektierter sehen - alle
vier Jahre geht sie wählen, ungemein kritisch und distanziert.
Deshalb deutsche Wertarbeit, im Unter- wie Überbau.
Wie gut, treu und pflichtbewußt der deutsche Wähler ist, das mag
ein Vergleich 1980 mit 1949 belegen. Damals nach dem Kriege war
er sehr mit seiner E x i s t e n z beschäftigt als dann
D e m o k r a t i e verordnet wurde, wußte er sofort, wie sie
geht. Heute, nach 30jähriger Lehre im Land der Freiheit geht er
wählen, damit die Politiker die "Grundbedingung unserer Exi-
stenz", den Frieden sichern. Die Wahl als Freibrief für die Poli-
tiker, wenn der F r i e d e n nicht mehr zu halten ist, die
E x i s t e n z des deutschen Wählers zum Einsatz zu bringen.
Wie damals wird es dann auch heute keinen Aufstand geben.
Schließlich geht in einer stabilen Demokratie wie der BRD
tatsächlich und kaum überbietbar alle Gewalt vom Volke aus. Ent-
scheiden die legitimen Machthaber, daß das nationale Interesse
kriegerisch verteidigt werden müsse, darf der demokratische Deut-
sche sogar wieder seine Gewalt gebrauchen und für die Freiheit
andere totschießen und sich totschießen lassen, wie es die Poli-
tiker befehlen. Wer wie der deutsche Bürger alle Voraussetzungen
demokratischer Reife mitbringt, ist auch dafür reif. Hinterher
darf er sich dann wieder eine E x i s t e n z und eine
D e m o k r a t i e aufbauen, wenn er noch kann.
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