Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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ZEUGNISSE IMPERIALISTISCHER SELBSTGERECHTIGKEIT
1. Warum fängt eigentlich jede Nachrichtensendung mit einem
Kanzlerzitat an, warum fährt sie mit der Begutachtung der Lage
durch das auswärtige Amt fort und landet schließlich bei der
gleichlautenden oder unterschiedlichen Einschätzung durch die Op-
position? Welchen Vorzug besitzt eine demokratische Abwicklung
der öffentlichen Meinungsbildung, wenn die ganze objektive Be-
richterstattung in Selbstdarstellungen derer aufgeht, die die Po-
litik machen? Warum haben sich gebildete und weniger gebildete
Bürger daran gewöhnt, daß diejenigen, die Entscheidungen über an-
dere fällen, weil sie regieren, gleich auch noch ihre
A n s i c h t von ihrem Treiben als entscheidenden Tatbestand
unter die Leute bringen?
2. Einerseits sind Informationen des Typus "Bonn sieht sich be-
stätigt...", "Helmut Kohl bekennt sich zur Bundeswehr", "der We-
sten begrüßt die Initiative Reagans - Ablehnung im Osten" albern,
weil sie nur einen I n h a l t haben: sie teilen mit, daß die
Subjekte der Politik mit ihren eigenen Taten einverstanden sind
und mit denen ihrer Widersacher nicht.
Andererseits kann man solchen Auskünften ihre O b j e k t i-
v i t ä t kaum bestreiten: von der positiven Qualität ihrer
Werke werden sie schon überzeugt sein, die Politiker, sonst
hätten sie sicherlich etwas anderes unternommen.
Allerdings ist bei den Berichten und Interviews, die sich zu
Selbstportraits derer auswachsen nie aufgrund ihrer Macht Fakten
schaffen, noch lange nicht ausgemacht, daß die Gepflogenheiten
einer durch und durch freien Medienlandschaft auch nur eine rich-
tige Beurteilung dieser Fakten zustandebringen.
3. Vielmehr scheint es darum zu gehen, daß die p r a k t i s c h
g ü l t i g e n, weil in staatliche Beschlüsse umgesetzten Ur-
teile der maßgeblichen Instanzen so unter die Leute gebracht wer-
den, als seien sie wohlbegründet und von der Notwendigkeit allge-
meiner Vernunft diktiert. Also, als wären sie von den Betreffen-
den nicht nur im Namen der Betroffenen inszeniert, sondern auch
in seiner Befolgung von deren aus reiflicher Überlegung geborenen
Wünschen.
4. In Sachen Weltpolitik argumentieren die Gestalter der öffent-
lichen Meinung als berufene A n w ä l t e d e r N a t i o n -
ihrer wirtschaftlichen, politischen und strategischen Interessen.
Und spätestens in diesem Bereich kann einem deutlich werden, daß
vom R e c h t d e r N a t i o n für die Mehrzahl der über
dieses Recht in Kenntnis gesetzten Bürger auffallend viele
Pflichten ausehen. "Unsere Interessen", so wie sie in Bonn und
von Bonn im Einklang mit Washington definiert werden,
g e b i e t e n eine Sorte von Bereitschaft, die gewisse Zweifel
daran läßt, ob "wir" unserer Freiheit uns glücklich schätzen kön-
nen, im freien Teil Deutschlands daheim zu ein.
5. Für Politiker und die, d e r e n Sicht der Dinge umstandslos
als die j e d e s Deutschen - die drüberen womöglich miteinge-
schlossen - feiern, mag es nämlich eine hohe und vergnügliche Sa-
che sein, selbstgerecht lächelnd in Interviews die neuesten An-
sprüche des Westens, Europas und Deutschlands, auszuplaudern und
stolz darauf zu sein. Für die Untertanen aber könnte sich die
ziemlich gegenteilige Meinung als die richtige und nützliche er-
weisen: nämlich, daß es ein Pech ist, einer Nation anzugehören,
die "politisches Gewicht" besitzt und in strategischen Dingen
forsch auftritt. Vielleicht könnte sich sogar die richtige Folge-
rung aus der zynischen Selbstbeweihräucherung des politischen Ge-
schicks und der Standhaftigkeit einer Regierung, die so gern mit
ihrer Ohnmacht im mächtigen Bündnis kokettiert ("nur Dolmet-
scher"), einstellen: daß mit den Diensten der Bürger auch die
Grundlage für die Selbstgerechtigkeit entfällt, mit der ein Kanz-
ler samt Hofstaat und Raketendrohung anderen Nationen sagt, was
"wir" ihnen erlauben.
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