Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 59, 12.10.1982
       
       Die Staatsmacht wechselt ihr Personal
       

DER NEUE VORKRIEGSKANZLER KOHL - EINE GESCHMACKSFRAGE?

Bis vor dem Sommerurlaub hieß "unser Bundeskanzler" Helmut Schmidt, jetzt heißt er Helmut Kohl. Weil die großen Volkspar- teien ihre Rollen getauscht haben. Die Politchristen dürfen end- lich regieren, die Sozialdemokraten müssen vorerst opponieren. Das alles, weil die Mehrzahl der Freidemokraten auf die Stimme ihres Gewissens ("Bitte wenden!") gehört hat, wie es das Grundge- setz befiehlt. Wird deswegen jetzt alles ganz anders? -------------------------------------- Gibt es jetzt einen "Neuanfang" nicht nur für die CDU, einen "Wechsel" nicht nur für die FDP, sondern auch "in der Sache" - wie das Herrschaftsprogramm so vornehm genannt wird? Glaubt man den kritischen Beobachtern des Zeitgeschehens, so sind am 1. Ok- tober "in der Tat die Konturen von zwei unterschiedlichen Repu- bliken aufgetaucht: ein konservativ-statisches Unions-Deutschland (...) und eine dynamische Republik der 'täglichen Veränderung'" (Spiegel). In der Tat eine umwerfende Alternative, wenn man die Kleinigkeit zu ignorieren beliebt, was da angeblich jetzt sta- tisch zurück-, statt dynamisch vorwärtsverändert wird. Dabei ent- larven sich derartige (lupenrein soziologisch konstruierte) Mo- dellalternativen selbst noch als Lüge: unterstellen sie doch, daß e i n u n d d i e s e l b e P o l i t i k gemacht wird, wenn sie deren unterschiedliche Entwicklungsdynamik zu dem Kennzeichen ihrer Unterscheidung erklären. Was sollte denn auch ganz anders werden mit den neuen Machthabern in Bonn? Als Student soll und darf man sich weiterhin von densel- ben Professoren idealistische Modelle über den e i g e n t l i c h e n Sinn und Zweck von Erziehung, Wirtschaft und Staat beibringen lassen, die zwar über keinen einzigen der wirklich herrschenden Zwecke Auskunft geben, dafür aber um so mehr sinnstiftende Gesichtspunkte anbieten, mittels derer man sich mit der von Geschäft und Gewalt regierten Welt versöhnen kann. Es gibt weiterhin Prüfungen, in denen man Versatzstücke dieser oder jener professoralen Weltanschauung nach Kräften wie- derkäuen darf. Und nach wie vor darf man sich für einen der übli- chen Jobs zu treuen Staatsdiensten (ob mit oder ohne Beamteneid) bewerben, den man dann ebenfalls wie bisher - entweder bekommt oder - von wegen "Akademikerschwemme" - nicht bekommt. Was soll denn eigentlich wechseln, seit sich die machtgeilen Politchristen mit den notorischen Mitregierern von den garantiert Liberalen handelseinig geworden sind? Wird jetzt vielleicht nicht mehr zielstrebig aufgerüstet? nicht mehr das arbeitende Volk für die- sen edlen Zweck geschröpft - mit dem heiligen Argument der Ge- rechtigkeit, daß "Opfer am erträglichsten sind, wenn alle zu Op- fern bereit sind" (Blüm)? Wird nicht mehr mit wachsenden Staats- schulden die Inflation und damit Verarmung der "kleinen Leute" vorangetrieben? Oder umgekehrt: Fängt das denn alles erst jetzt an, wie es die SPD hinstellen will? Die "soziale Atempause" - wie der neue Ar- beitsminister in seiner Blümchenmanier die Verelendung der aus- rangierten Lohnarbeiter tituliert; die Produktion von Arbeitslo- sen - damit Deutschlands Wirtschaft sich die ganze Welt erobert; eine Ostpolitik, die den Russen mit ganz viel "Nachrüstung" den westlichen Friedenswillen klarmacht: hat die SPD/FDP das alles nicht sehr erfolgreich vorangetrieben? Freilich: Daß das Personal der Machtausübung gewechselt hat, der Name des Helmut, der für alle diese Errungenschaften verantwort- lich zeichnet - das soll man als davon Betroffener für wichtig befinden. Da sind sich die Macher und die sich in ihnen spie- gelnde Öffentlichkeit völlig einig. Mehr noch: die K o n k u r r e n z d e r P a r t e i e n soll man allen Ern- stes für das Allerwichtigste, für d e n I n h a l t der Poli- tik halten so daß man zuguterletzt noch die öffentlich vergossene Träne eines Mischnik oder einer Hamm-Brücher als zentrales Ereig- nis bundesdeutscher Politik goutieren kann! Neue Freiheit für die Fortschritte der alten Politik ---------------------------------------------------- Wer sich derart auf das genüßliche Anpinkeln jener Attitüden und Charaktereigenschaften konzentriert, mit denen die Politiker ih- ren Erfolg in der Konkurrenz um die Macht betreiben, dem entgeht zwangsläufig jeder wirkliche Fortschritt in der Politik. Der hält den von Kohl für sein Amt reklamierten "Begriff der Führer- schaft", seine Appelle an das "deutsche Volk", durch Opferbereit- schaft "wie in der Nachkriegszeit" "patriotische Leistungen" für "unser gemeinsames deutsches Vaterland" zu erbringen, sowie die Ankündigung der Schaffung eines neuen "geistig-moralischen Kli- mas" durch eine entsprechende "geistige Führung" für "antiquierte Floskeln" und Indizien einer "altväterlichen Einstellung", die man einem Mann großzügig nachsehen kann, "der die Nazizeit nicht im Mannesalter erlebte" (Spiegel). Als ob es sich bei den von Kohls Mannschaft regierungsamtlich ausgegebenen Sprachregelungen und Parolen nicht um die offiziell gültige Interpretation der Po- litik handelt, welche unübersehbar kundtut, daß die Ansprüche des Staates bei der bisher - unter sozialdemokratischem Kommando - erreichten Inpflichtnahme der Bürger für den ökonomischen und mi- litärischen Fortschritt der sich kriegsbereit machenden Nation nicht haltmachen wollen. Mit dieser politischen Selbstdarstel- lung, die offensiv und mit bestem Gewissen die Mobilmachung der nationalistischen Tugenden selbstloser Dienstbereitschaft ver- spricht, hat die neue Regierung nämlich genau die Maßstäbe in die Welt gesetzt, an denen sie ihre Taten in Zukunft einzig messen lassen will. Und Politiker pflegen ihre diesbezüglichen Verspre- chungen durchaus zu halten, Versprechungen, die nichts Gutes, aber umsomehr Gelegenheit zur Bewährung im Opfer verheißen. Der Unterschied zur SPD-Regierung? Während die ihre Zumutungen an die vom Eigentum freien und deshalb zur Lohnarbeit verdammten Bürger immer mit einem "leider" serviert hat, passiert dasselbe jetzt ohne "leider", stattdessen mit einem optimistischen "Auf geht's für die Ehre und das Wohl des Vaterlandes!" als A n g e b o t an den M e n s c h e n. Das geht so: Zuerst beschließt das Christenkabinett die Kürzung der Renten. Dann läßt es den Oberheuchler und Ex-Kollegen Blüm die (staatlich erzwungene) "Verzichtsbereitschaft" "der Rentner, die mit nur 800 Mark auskommen müssen", als leuchtendes Beispiel hinstellen, das sich selbstverständlich auch "die Arbeitnehmer" zu Herzen nehmen müssen und werden. Für welchen Solidaritätsbeweis man ihnen dan- kenswerterweise gleich die Steuern erhöht und die "Leistungen" gekürzt hat und als Anregung zu einer weiteren freiwilligen Soli- daritätsaktion eine Lohnpause empfiehlt. Der neue Kriegsminister Wörner verspricht den zwangsrekrutierten Soldaten, daß "der Mensch, der Soldat" unter seinem Kommando so richtig "im Mittel- punkt" der Armee stehen dürfe. Welch ein Angebot zur menschlichen Selbstverwirklichung - nicht nur im zivilen Dienst per Solidari- tätsopfer, sondern darüber hinaus auch als selbstvergessenes Räd- chen in der staatlichen Tötungsmaschinerie! Und Familienheini Geißler gibt den Kriegsdienstverweigerern endlich die von diesen so lang ersehnte "Gelegenheit", "unter Beweis zu stellen, daß sie es tatsächlich ernst meinen mit der Berufung auf ihr Gewissen" - durch einen verlängerten Zivil-Dienst am gesellschaftlich produ- zierten Elend. Und so weiter. Kein Mitleid mit der SPD! ------------------------- Die jetzt unter Anleitung der Politichristen vollzogenen Fort- schritte der Aufrüstungs- und Verarmungspolitik kann man - als ehemals kritischer, jetzt vielleicht eher grüner Anhänger sozial- demokratischer Ideale - natürlich zum Anlaß nehmen, seine Sympa- thie mit dieser sozialdemokratischen Partei wiederzuentdecken. Mit einer Partei, die allzugerne das Werk der Christdemokraten selbst weitergeführt hätte, wenn sie nur dürfte. Mit Politikern, die ihren Verratsvorwurf an die FDP mit dem Argument untermauern, das CDU/FDP-Kitionspapier hätten Genscher/Lambsdorff auch mit ih- nen haben können. Mitleid mit dem "gestürzten" Nachrüstungskanz- ler Schmidt ist wieder möglich - erst recht das Vorzeigen alter Liebe zum Ex-Friedenskanzler Willy Brandt. Günter Grass hat ja gleich ein Zeichen gesetzt, und Tausende sind ihm in die SPD ge- folgt. Das alles geht allerdings nur, wenn man den Machtverlust der SPD, den schieren Umstand also, daß sie jetzt auf den Stühlen der Opposition sitzt, in ein Argument für ihre U n s c h u l d, zumindest ihre potentielle..., verdreht. Wenn man unverdrossen an eine sogenannte "Erneuerungsfähigkeit" glauben will und die Wer- bekampagnen für "eine Mehrheit links von der CDU" (Brandt) par- tout als etwas anderes nehmen will, als sie sind: die zielstrebi- gen Versuche einer oppositionellen SPD, die von der regierenden SPD enttäuschten Anhänger und Wähler wieder zu nützlichen Idioten zu machen - für die schnellstmögliche Wiedererringung der Macht durch die SPD. Vielleicht sogar noch so rechtzeitig, um die ord- nungsgemäße Aufstellung der Pershings selber kontrollieren zu können! Wer sich dafür allerdings zu schade ist, sollte vielleicht doch einmal das alte Dogma widerlegen, daß man aus Erfahrung nicht klug wird! Die dümmste Frage: bringt es Kohl? ---------------------------------- Ganz in diesem Sinne kann man sich dann als bundesdeutscher Un- tertan, speziell als gebildeter, den machthabenden Personen zu- wenden und sich fragen, ob ein pfälzischer Kohl wohl die Fähig- keit zu einem guten Bundeskanzler mitbringe, oder ob mit ihm nicht vielmehr die ganze Regierung von vornherein zum Scheitern verurteilt sei. Nun mag der Akademiker Doktor Kohl ja ein Dummkopf sein, der - ginge es wirklich nach seinem Slogan "Leistung muß wieder belohnt werden!" - sicherlich so schnell keine müde Mark zu Gesicht be- käme. Aber ist es etwa ein Zeichen von Intelligenz, einen Reprä- sentanten der Staatsgewalt, dem alle Mittel zur Durchsetzung sei- ner Ziele zu Gebote stehen, ausgerechnet am Kriterium der Intel- ligenz zu messen und zu blamieren? Als ob ausgerechnet das Amt eines Politikers tiefgreifende Einsichten erforderte, Dummheit und Einfalt also ein Hindernis für diesen Beruf wären. Welch "höhere" Fähigkeiten soll dieser Beruf denn verlangen als den entschiedenen Willen zur Macht, also die Bereitschaft zu rück- sichtsloser Durchsetzung, zu skrupelloser Heuchelei und nicht zu- letzt - Erfolg bei alledem? Es mag ja sein, daß Herr Kohl "seine Figur gereckt zur Schau stellt" und als Argument für seine "Größe auch übertragen ver- standen wissen will" (Spiegel). Aber ist demgegenüber eine psy- chologische Argumentation etwa ein Indiz für Geistesgröße, die daraus ernsthaft "schlußfolgert", daß "das satte Ego dieses Man- nes vor allem Kraft schöpft - aus seiner ausladenden Statur"? Als ob der Mann Kohl seine Selbstgerechtigkeit aus etwas anderem als aus der politischen Macht seiner Ämter beziehen würde! Mag sein, daß Kohl an einen überdimensionierten Konfirmanden er- innert. Aber gibt es einen abgeschmackteren Beweis für die angeb- liche p o l i t i s c h e "Unfähigkeit" Kohls als das Karikie- ren seines Körperbaus und seiner Gangart als Exempel einer men- schlichen Mißgeburt ("nahezu tote Masse seiner Statur... einer Riesenschildkröte gleich regt er ruckhaft Kopf und Extremitäten" (Spiegel))? Klar, man kann die tatsächlichen und folgenschweren Entscheidun- gen dieses Mannes vornehm ignorieren und ihn als "Lachnummer", "tönendes Nichts", "Zwei-Zentner-Null" etc. lächerlich machen und sich auf solche Verharmlosungen auch noch wunder und was einbil- den. Man kann sich aber auch mal fragen, ob der dergestalt "Kritisierte" nicht ausnahmsweise recht hat, wenn er zufrieden feststellt, "er könne sich 'schieflachen' über seine Kritiker, die ihn für einen 'Dorfdeppen' halten" (Spiegel). Es gibt nämlich keine größere Albernheit, als eine Figur, die den drittmächtig- sten Staat der Welt befehligt, ausgerechnet an ästhetischen G e s c h m a c k s u r t e i l e n zu blamieren. Um dann noch - wie die, Tageszeitung (TAZ) - das eigene Geschmacksurteil ("ungeliebter Kanzler") als das des Volkes auszugeben. Da drängt sich doch folgende Frage auf: Was für ein Herrschertyp soll's denn bitteschön sein, auf daß auch ein kritischer Staatsbürger an ihm Gefallen (!) finde? Es ist schon bezeichnend, daß die Kriterien der ganzen despektierli- chen Beurteilung des neuen Kanzlers allesamt dem Ideal einer e c h t e n F ü h r e r n a t u r entnommen sind. Ein solcher Führer (kein Trottel, sondern ein eiskalter Durchsetzer; nicht plump, sondern gerissen; nicht dick, sondern kantig; nicht pro- vinziell, sondern von imperialistischer Weltoffenheit; keine blasse Rhetorik, sondern raffinierte Demagogie... vielleicht eine Art Helmut Schmidt?) würde wohl den bedingungslosen Respekt und die treue Liebe eines jeden Untertanen so richtig verdienen, oder wie? Im übrigen mögen sich Augstein, Nannen und Co. beruhigen: Mit seinem Regierungsamt wird Herr Kohl auch an "Format" gewin- nen. zurück