Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 47, 14.12.1981
Vortrag und Diskussion
BRD - NOCH TRAGBAR?
Zur Einstimmung ein paar Bemerkungen über
Deutsche Lügen
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Zumindest für Politiker und schlaue Journalisten gibt es die Bun-
desrepublik Deutschland nicht als einen Staat mit Polizei, Justiz
und Militär, der per Gesetz seine Bürger dazu anhält, sich nütz-
lich zu machen; als eine Gesellschaft, in der mit großzügig ange-
wandter Rechtsgewalt darauf geachtet wird, daß der Reichtum in
privaten Händen zum Zwecke eines weiteren guten Geschäftsgangs
wächst, wofür all diejenigen zur Arbeit gehen, die sonst nicht
wüßten, wovon sie ihr Einkommen kriegen. Nein - in ihrer Eigen-
schaft als lesende Menschen werden die deutschen Bürger mit ihrer
schönen Heimat anders bekannt gemacht:
Zunächst einmal leben du und ich in einer
Leistungsgesellschaft.
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Und das soll soviel besagen wie: Was einer ist und kriegt, hängt
von seiner Leistung ab. Wer davon mehr abliefert, stellt sich
besser - so daß es nur gerecht ist, daß sich viele so viel gar
nicht leisten können, weil sie bloß jeden Tag mindestens 8 Stun-
den an einer Maschine ihre Knochen bewegen. Andere haben es da
besser, weil sie Verantwortung tragen, fremde Leute herumkomman-
dieren und sich ums große Ganze sorgen und ansonsten die
"Wirtschaft" sind. Insofern ist noch viel gerechter, daß ein
Sozialstaat
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den Opfern der "Leistungsgesellschaft" - Leuten, deren Leistung
nicht mehr gebraucht wird; aber auch solche, die wegen Krankheit,
Invalidität oder Alter wirklich nichts mehr leisten können - mit
seinen Leistungen zur Seite springt. Dafür soll man dankbar sein,
weil man auf diesem Weg ganz unverdient, ohne sich durch Leistung
nützlich zu machen nämlich, in den Genuß kommt, weiterzuleben.
Überflüssig ist dabei die Erinnerung daran, daß die Gelder vorher
vom Staat zwangsweise eingesammelt wurden und zwar aus den Lohn-
tüten; vielmehr gilt es, diese Sammeltätigkeit zu würdigen und
anzuerkennen, daß der, der einsammelt, auch die Verteilung der
sozialen Leistungen nach seinem Bedarf vornimmt oder unterläßt.
Und dieser Bedarf richtet sich sehr wohl danach, was die Bundes-
republik sonst noch ist und demgemäß zu tun hat. Als
Industrie- und Exportnation
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muß sie immerzu auf das Wachstum der Wirtschaft aufpassen, ist
vom Verkauf preiswerter Ware im Ausland abhängig - und damit auf
die Leistung ihrer arbeitenden Bürger angewiesen. Aber nicht nur
das - er braucht diese Leistung für wenig Lohn und "sein" Geld
für andere Sachen als für unnütze Arbeitslose, so daß er an den
sozialen Leistungen gewisse Einsparungen beschließt, der Sozial-
und Industriestaat. Zum Beispiel muß er
Sicherheits-, Verteidigungs- und Friedenspolitik
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treiben, damit "unsere Interessen" im Ausland auch gescheit re-
spektiert werden und nicht andere Industrienationen und Russen
"unsere" Geschäfte stören. Dafür braucht der Staat Raketen und
Panzer, und was hätten seine Bürger von ihrer Leistung, wenn sie
nicht in der NATO wären? Also ist es auch nur gerecht, wenn er
ein Sparprogramm macht und von den Zwangsversicherungsgeldern ein
wenig mehr behält und anderweitig verwendet! Auf die Versorgung
mit Moneten können die "sozial Schwachen" ebensogut verzichten
wie auf Lohnerhöhungen, denn erstens muß ihnen der Frieden das
wert sein und zweitens leben sie schon längst in einer
Konsumgesellschaft.
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Darunter dürfen sie so was ähnliches verstehen wie eine Welt, die
nicht nur fürs Konsumieren eingerichtet ist, sondern den Genuß
von Datteln, Schnitzeln und, Kniestrümpfen geradezu bis zum ver-
werflichen Exzess treibt. Unter Vernachlässigung von so unbedeu-
tenden Tätigkeiten wie Arbeiten, Kaufen und Sparen kann man näm-
lich schon meinen, unter dem Konsum zu leiden, den man sich sel-
ber einbrockt - und nicht mehr unter den Fortschritten von Ge-
schäft und Gewalt. Dann stellt sich sogar Befriedigung ein über
den
sozialen Frieden,
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der "unser Land" kennzeichnet und keineswegs darin besteht, daß
die von der
Krise,
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die es gar nicht gibt, B e t r o f f e n e n einsichtig auf
alle häßlichen Töne und schon gleich auf ein Leben in Saus und
Braus "Verzicht" üben. Verzichten kann man nur auf etwas, was ei-
nem zur Verfügung steht - und der "soziale Friede" verläuft auf-
fallenderweise als täglich erneuerter Angriff des
Wohlfahrtsstaates
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auf den Lohn seiner leistungsberechtigten Bürger. Selbstverständ-
lich nur im Namen und im Auftrag von Untertanen, die ihrer Regie-
rung bei der
Nachrüstung, die auf Frieden
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zielt, nicht in die Quere kommen wollen. Das dürfen sie schon we-
gen der
Freiheit
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nicht, die das Leben so schön macht und die Leistung so ertrag-
reich...
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