Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Sozialreport '85, Teil I
ARMUT IN DER BRD
"In diesem unserem Lande" gab es nie und gibt es keine Garantie
für die Masse der Landesbewohner, daß sie mit ihrem Lebensunter-
halt über die Runden kommen - geschweige denn anständig. Daß die
Leute kriegen, was sie brauchen - und d a f ü r so viel oder
besser: so wenig arbeiten, wie d a f ü r nötig ist -, das ist
kein geltender Grundsatz hierzulande. Der Lebensunterhalt ist
nicht der Zweck der Nation und ihrer Wirtschaft. Umgekehrt: Er
ist als "abhängige Variable" des Wirtschaftswachstums organi-
siert. Und das ist ihm auch anzusehen: Er wird beständig bestrit-
ten.
Das Auskommen eines durchschnittlichen Bundesdeutschen hängt ab
von Lohnzahlungen, die nach betriebswirtschaftlichen Zwecken be-
messen - und deswegen sogar häufig genug eingestellt werden.
Das Maß des Lohneinkommens...
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Bemessen wird der Lohn erstens an der Leistung; und das hat
nichts mit der dazu verkündeten Ideologie zu tun, in der
"Marktwirtschaft" machte sich jedes Mehr an Können plus Einsatz,
an Intelligenz plus Arbeitseifer bezahlt und nichts als das
machte sich bezahlt. Die physikalische Formel - Arbeit pro Zeit -
kommt der Sache schon näher. Bezahlt wird in bundesdeutschen Fa-
briken heutzutage weder die getane Arbeit - im Sinne eines wört-
lich verstandenen "Stücklohns" - noch - wie es beim "Zeitlohn"
den Anschein hat - die nach Arbeitsstunden gemessene bloße Ver-
fügbarkeit für den Betrieb. In der Regel werden Arbeitsstunden
entgolten, die von der Firma mit Arbeit "gefüllt" werden, und
zwar durch die Einrichtung des Produktionsprozesses sowie die Ab-
grenzung von "Arbeitsplätzen" zu dessen Erledigung. Für berufli-
che Kunstfertigkeit, womöglich gar als eine Bemessungsgrundlage
für den Lohn, bleibt da kein Raum. Ein Berufs-"Stand" nach dem
andern, bis "hinauf" zum Drucker oder Kaufmann, ist in den letz-
ten Jahren auf die einzige noch gefragte "Fertigkeit" reduziert
worden: sich dem vorgegebenen Gerätepark, den vorgegebenen Vor-
richtungen und dem vorgegebenen Bedienungstempo a n z u-
p a s s e n. Und das ist schon deswegen gar so leicht, weil ein
Betrieb, der mit der Zeit geht, all das beständig verändert. So
gut wie ausgeschaltet ist damit auf alle Fälle die "Chance",
durch eine höhere individuelle Arbeitsgeschwindigkeit einen
entsprechend höheren individuellen Akkordlohn herauszuholen.
Bezahlt wird eine Arbeit, die d e r B e t r i e b immer schon
längst auf die Stunde b e z o g e n, also als Normalleistung
definiert hat. Das Entgelt s o l c h e r Stunden findet ein
moderner Lohn"empfänger" auf seinem Konto oder in der Lohntüte
vor.
W i e h o c h dieses Entgelt ausfällt, das bemißt sich - zwei-
tens - an den Preisen, die ein Betrieb gegen alle seine Konkur-
renten und zu deren Schaden auf dem weltweiten Markt für bundes-
deutsche Produkte durchsetzen will, denn von da her kalkuliert er
seine Kosten. Und unter diese menschenfreundliche Kategorie der
B e t r i e b s k o s t e n fällt der Lohn, von dem ein Arbeiter
lebt, ganz genauso wie der Aufwand für alle anderen Posten, von
den Rohstoffen bis zur Bodenpacht. Oder doch nicht ganz genauso.
Bei der Beschaffung von Rohmaterial, Bauteilen, Produktionsanla-
gen usw. hat eine Firma es mit Verkäufern zu tun, die ihrerseits
geschäftstüchtig ihre Preise kalkulieren. Preise, die die Produk-
tionskosten mehr als bezahlt machen, eben den Profit mit ein-
schließen. Welche "Produktionskosten" könnte aber wohl ein Lohn-
arbeiter geltend machen für die Arbeitsstunden, in denen er die
vorgegebene Leistung vollbringt? Welchen "Profit" könnte er
"draufschlagen"? Und selbst wenn einer so kalkulieren würde,
bliebe das eine Angelegenheit seiner Phantasie. Praktisch hat er
gar keine Chance, mit seiner Leistung Wie ein kalkulierender Ge-
schäftsmann gegen seinen "Arbeitgeber" anzutreten. Dem gehört ja
alles, was die "angebotenen" Arbeitsstunden ausfüllt. Bei ihm
liegt alle Freiheit, das Lohnarbeitsverhältnis auszunutzen - oder
auch es zu lösen; für den "Arbeitnehmer" steht da sogleich sein
Lebensunterhalt auf dem Spiel und kein Geschäft. Wenn man's schon
unbedingt mit Markt und Geschäft vergleichen will, dann besitzt
ein Arbeiter beim "Verkauf" seiner Arbeitsstunden die "Freiheit"
eines absoluten Notverkaufs. Lohnarbeiter müssen schon zu außer-
ökonomischen, geschäftsschädigenden Mitteln greifen, um sich hier
zu behaupten
G e s c h ä f t s a r t i k e l ist die arbeitstäglich erbrachte
Leistung eines Lohnarbeiters also erst n a c h ihrem "Verkauf"
an den Unternehmer und nur f ü r d i e s e n. Einzig und al-
lein d e r e n G e s c h ä f t s m i t t e l sind daher auch
die Löhne.
Kosten, die sich lohnen müssen.
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Und was das betrifft: da lassen bundesdeutsche Firmen sich nicht
lumpen. Sie verstecken sich nicht vor der Konkurrenz, sondern
e r s t r e c k e n ihren Konkurrenzkampf offensiv rund um die
Welt, nötigen noch der letzten amerikanischen oder japanischen
Klitsche den Vergleich mit "deutscher Wertarbeit" auf. Deren
"Wert" liegt in dem M a ß, in dem hierzulande Lohnkosten loh-
nend gemacht worden sind: auf der einen Seite durch die
L e i s t u n g, die eine bundesdeutsche Firma mit Technik und
gründlicher Arbeitsdisziplin in jede bezahlte Stunde hineinzu-
packen versteht; auf der anderen Seite durch eine B e z a h-
l u n g, die "nicht kostentreibend" wirkt.
Für den bundesdeutschen Lohn-"Empfänger"
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schließt das einige Härten ein.
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Die Leistungs a n f o r d e r u n g e n moderner Betriebe machen
das "Privatleben" zu einem fortdauernden, mit den Lebensjahren
noch zunehmenden Erholungs- und Gesundheitsproblem. 'Wiederher-
stellung für die Arbeit' heißt das ungern eingeräumte, dafür
praktisch beherzigte Zwangsgesetz aller "Freizeit", in der das
Leben einen Arbeiter lohnen soll.
- Der "Leistungs"-Lohn, gezahlt nach betriebswirtschaftlichen Ko-
stengesichtspunkten, ist gegen die Kosten eines solchen proleta-
rischen Privatlebens gleichgültig - und nicht nur das. Der
Firmenerfolg gebietet, daß er niedrig ist - durchaus r ü c k-
s i c h t s l o s gegen den Finanzbedarf eines modernen
Haushalts. Bezahlt bekommt der Lohnarbeiter die abgeleisteten Ar-
beitsstunden; zu bezahlen hat er sein ganztägiges Leben, das sei-
ner Familie ggf. mit dazu. Der Lohn richtet sich nicht nach dem
Finanzbedarf eines anständigen Lebens; also hat umgekehrt der
Lohn-"Empfänger" seinen Lebensunterhalt nach dem Verdienten zu
richten. Als "Produktionskosten" geltend machen kann ein Normal-
mensch seine "Lebenshaltungskosten" nicht; er muß sich "nach der
Decke strecken" und schauen, daß er für den gezahlten Preis eine
"Reproduktion" seiner werten Persönlichkeit hinkriegt.
Die Hilfsmittel dieses Kunststücks sind
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die Schulden und das Sparen -
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die beiden von den Sparkassen und Kredithaien geschäftstüchtig
ausgenutzten Methoden, mit notwendigen Ausgaben fertig zu werden,
die das normale "Volumen" des Lohns überschreiten. Der größere
Teil der bundesdeutschen Lohnarbeitermannschaft handelt sich da-
mit kein dickes Sparbuch-"Polster" ein, sondern einen Haufen Ra-
tenzahlungen - schon gleich, wenn sich einer auf die Verwirkli-
chung des deutschen Proletariertraums vom eigenen Häuschen ein-
läßt: Mindestens bis zum Rentenalter arbeitet er dann hauptsäch-
lich für die Bausparkasse statt für einen Vermieter! Wenn so zum
Lohnzahlungstermin das Konto gleich schon wieder ziemlich leerge-
bucht ist, dann stellen die "verwöhnten" Volksmassen, jeder ein-
zeln, im Anschluß an ihre Arbeit vor der Aufgabe, mit Hilfe der
üppigen Warenwelt und ihrer Sonderangebote ihr ganz persönliches
Existenzminimum auszutesten.
Schwierigkeiten bereiten dabei die hohen, weiter steigenden, ir-
gendwann zu hohen P r e i s e, doch sind die Preiszettel des
Kaufmanns nicht der ökonomische G r u n d der Schwierigkeiten,
die das proletarische Privatleben prägen. Der Grund liegt in dem
Gegensatz der Zwecke, für die der Lohn gezahlt und für die er ge-
braucht wird: fürs Kapital lohnende Arbeitsstunden werden entgol-
ten, ein ganzer Lebensunterhalt will damit bestritten sein.
D a s ist A r m u t i n d e r B R D.
Die moderne Praxis der "Verelendungstheorie...
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Sie ist nicht der Pauperismus, der hierzulande allein als "Armut"
gilt: ein Geldmangel, der es unmöglich macht, sich auch nur als
eine Arbeitskraft zu erhalten, die den Leistungsansprüchen einer
modernen Fabrik gerecht werden kann. Der Grund aller
"Extremformen" des Elends ist die "normale", im Lohn-Arbeitsver-
hältnis mitgesetzte Armut aber durchaus. Der Mensch muß schließ-
lich erst einmal von einem Lohn, der für ein Leben nicht reicht,
a b h ä n g i g sein, damit eine allzu lange Arbeitsunfähigkeit
oder auch ein zu hoher Ausgabeposten, ein "unvernünftiger" Kredit
oder der "Schicksalsschlag" einer Entlassung ihn "aus der Bahn
werfen". Die Übergänge vom Normalfall des Sich-Einteilens zum
Betteln sind das Leichteste von der Welt. Ein kleiner Fortschritt
der betrieblichen Kalkulation, mit Lohnminderung oder Arbeitslo-
sigkeit als Folge, aber ebensogut eine Mieterhöhung oder der
"Glücksfall" eines dritten Kindes können den Umkipper schon be-
wirken.
...Armut - perfekt durchorganisiert
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Immerhin - auch wer sonst nichts weiß über Lohn und Lebensunter-
halt - dieses "immerhin" ist noch jedem geläufig "in diesem unse-
rem Lande" -: Es gibt doch Instanzen, die sich um den Lebensun-
terhalt von Lohnarbeitern und "Sozialfällen" kümmern. Gesetze re-
geln Arbeitstau, Arbeitswoche und Mindesturlaub; Tarifverträge
legen Löhne fest, die von den Unternehmern seit jeher als zu hoch
beklagt werden, Arbeitsämter, Krankenkassen, Rentenversicherungen
organisieren ein Einkommen, wenn Leute aus dem "Erwerbsleben"
"herausfallen"; Sozialhilfevereine betreuen, was auch da noch
"herausfällt"...
Alle diese menschenfreundlichen Eingriffe ins "Wirtschaftsleben"
der Nation beseitigen nicht die Armseligkeit und Unsicherheit ei-
ner Existenz in Abhängigkeit vom Lohn. Sie setzen das "Prinzip
Armut" nicht außer Kraft, sondern gehen ganz unbefangen davon
aus. Gewalt muß aufgeboten werden - sei es die gewerkschaftliche
Erpressung mit Streiks, sei es das staatliche Rechtswesen -, um
den Lohn überhaupt erst einigermaßen tauglich zu m a c h e n
für Gesamtlebensunterhalt der Leute, die außer ihm keine Einkom-
mensquelle haben: harter "Beweis" ist das für die notwendige Zu-
sammengehörigkeit von Lohnarbeiterschaft und Armut und Pauperis-
mus als ständiger Alternative und Perspektive einer proleta-
rischen Existenz!
Und naturgemäß ist es nicht eben so übermäßig viel, was Staatsge-
walt und Gewerkschaftsmacht an Existenzsicherung zugunsten der
Lohnarbeiterschaft erzwingen. Es wird damit kein gesellschaftlich
herrschender Zweck gesetzt, sondern den herrschenden ökonomischen
Zwecken eine höchst ungewisse und tolerante "Schranke" entgegen-
gesetzt - noch dazu auf Kosten der "Begünstigten" selber. Die Er-
gebnisse sind danach.
Der Sozialstaat bundesdeutscher Machart
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zwingt den Lohnarbeitern und ihren Anwendern eine Vorsorge für
den - so oder so sicher eintretenden - Fall völliger Einkommens-
losigkeit (bei Krankheit, Invalidität, Alter, Entlassung) auf. Er
läßt sie zahlen, verwaltet das Eingezahlte nach dem bemerkenswer-
ten Grundsatz, daß ein Mensch ohne Arbeit gleich ungefähr ein
Drittel weniger Geld zum Leben benötigt, und nennt das Ganze
"Sozialversicherung": Dieser praktizierte Zynismus ist seine
größte Sozial-"Leistung".
Das sich ansammelnde "Versicherungsvermögen" hat noch jede Bun-
desregierung als Aktivposten in ihren Staatshaushalt eingestellt;
so sind die Zwangsabgaben zur Elendsbewältigung aufgerückt zur
Ehre einer staatlichen Finanzquelle. Das zum Entgelt gegebene
Versprechen, auch eventuelle Defizite der Versicherungskassen aus
dem Staatshaushalt auszugleichen, erweist sich seit einigen Jah-
ren als "Sachzwang" zur Erhöhung der Einnahmen und Kürzung der
ausgezahlten Beträge, damit diese schöne "Garantie" nur ja nicht
wahrgemacht zu werden braucht. Dabei bewährt sich insbesondere
die politische Weitsicht, mit der die Konstrukteure des bundes-
deutschen Sozialstaats auch schon das A u s s c h e i d e n aus
dem "Netz" der "sozialen Sicherung" rechtlich vorgesehen und ge-
regelt haben: Da Arbeitslosigkeit sich nicht wie der Empfang von
Rente auf eine etwas zu hoch angesetzte durchschnittliche Lebens-
erwartung hochrechnen läßt, gilt hier ein Monatslimit für die
Überstellung an die Sozialhilfe. Die Frist hängt auch von der
Dauer der vorangegangenen ununterbrochenen Beschäftigung ab: So
wird die vom Arbeitsamt bezahlte Zeit der Arbeitslosigkeit zu ei-
nem Test auf die (Wieder)Verwendbarkeit des Entlassenen. Ähnli-
ches gilt für die Bezahlung im Krankheitsfall. Auch die "soziale
Sicherung" findet also nicht einfach nach den Lebensbedürfnissen
eines Bundesbürgers statt, sondern nach genau dem Prinzip, nach
dem die Republik ihre "Sozialfälle" s c h a f f t: dem der
Brauchbarkeit als lohnende Arbeitskraft fürs unternehmerische Ge-
schäft. Hier niedrig eingestuft zu sein, hängt noch der Witwe bis
zu ihrem unschönen Ende an: als Rente unterm Sozialhilfesatz.
Erst mit der Festlegung dieses Satzes läßt der Sozialstaat ab von
seinem Grund- und Hauptanliegen, das Volk für seine ökonomische
Verwendung am Leben und tauglich zu halten; erst hier überläßt er
dem Gesichtspunkt der Lebensnotwendigkeit das Feld - und macht
dabei deutlich, daß in unserer "Überfluß"- und "Wegwerfgesell-
schaft" bereits ein vollständiges Stück Kernseife im Monat die
Grenze zum Luxus streift. Eine letzte Klarstellung, daß für den
Sozialstaat die Bedürfnisse seiner Leute kein Leitfaden seines
Einsatzes sind, sondern eine ärgerliche U n kost.
Die bundesdeutsche Einheitsgewerkschaft
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hat sei jeher in Propaganda und Praxis den Verdacht zurückgewie-
sen, eine "Lohnmaschine" zu sein und bedenkenlos den Geldbedarf
der Arbeiter in den Vordergrund zu rücken. Stets hat sie sich als
Erfüllungsgehilfe des Sozialstaats verstanden und Lohntarife aus-
gehandelt, die den "Arbeitgebern" eine leistungsfähige Mannschaft
den "Arbeitnehmern" nicht mehr als die Chance zur Wiederherstel-
lung ihrer Leistungsfähigkeit garantieren sollen und garantieren.
Wenn die Gewerkschaften in der diesjährigen Tarifrunde "Arbeit
für alle" zur Hauptforderung machen und dafür eine Schlechter-
stellung der Beschäftigten anbieten, dann unterstreichen sie die-
sen Grundsatz: Kein Geld sollte in die Tasche von "Arbeitnehmern"
fließen, ohne daß sie sich dafür einem "Arbeitgeber" nützlich ge-
macht hätten! Einen Lebensunterhalt nach Maßgabe der geschäftli-
chen Zweckdienlichkeit der gelieferten Arbeitsleistung klagen sie
als das Recht und die Ehre eines bundesdeutschen Lohnarbeiters
ein - gerade so, als hätten sie vom Faschismus das Ideal des ärm-
lichen, aber säuberlichen, redlichen und anspruchslosen
"Arbeitsbeauftragten des deutschen Volkes" übernommen. Parteilich
sind sie nur für die Fiktion eines g e m e i n s a m e n Wohls
von Lohnzahler und Lohn-"Einpfänger"; im Kaufkraft-"Argument"
meinen sie den gemeinsamen Nenner des Interessengegensatzes ent-
deckt zu haben - und "kämpfen" nicht um mehr Lohn, sondern um we-
nigstens ideologische Anerkennung dieses Harmonie-Ideals, wenn
die Unternehmer dagegen auf ihren betriebswirtschaftlichen Kalku-
lationen bestehen.
Das folgerichtige Ergebnis ist das sinnreiche bundesdeutsche
Lohnsystem, das mit dein Anschein größter Genauigkeit und Gerech-
tigkeit Leistungsansprüche des Betriebs und Ruin der Gesundheit
säuberlich in Mark und Pfennig umgerechnet. Und zwar in so wenig,
daß der penibel "ermittelte" Lohn für keine Sonderausgabe reicht.
Statt ein höheres Lohnniveau zu erzwingen, haben die
Gewerkschaften Spezialvergütungen zu besonderen Anlässen - Weih-
nachten und Urlaub - angestrebt. So stellen sie sicher, daß ein
Lohnempfänger sich auch wirklich nicht mehr leisten kann als das
saisonmäßig Notwendige. Die Unternehmer behielten so selbst in
den goldenen Zeiten der Vollbeschäftigung die Freiheit, sich mit
ein paar billigen Zusatzzahlungen eine bis zur Entlassung be-
triebstreue Belegschaft zu erkaufen - und jetzt, in "schweren
Zeiten", manches längst unentbehrliche "Extra" zu streichen.
Nützliche Armut, zweckmäßig ausgestattet
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Sicher: die Liste der "langlebigen Verbrauchsgüter", über die ein
bundesdeutscher "Arbeitnehmerhaushalt" heutzutage im Durchschnitt
verfügt, macht mit so imposanten Posten wie Kühlschrank und Auto
Eindruck - wenn man erstens so frei ist, die Armut des diensttu-
enden Proletariats am Elend seiner ausrangierten Teile oder exo-
tischer Völkerschaften zu messen und jeden Unterschied als Wohl-
stand zu interpretieren. Und dabei muß man zweitens auch noch da-
von absehen, daß ein modernes Arbeiterleben ohne etliche zähle-
bige Hilfsmittel gar nicht mehr klappt. Einen gewissen Aufwand
erfordert in der "Leistungsgesellschaft" selbst die A r m u t,
damit sie n ü t z l i c h bleibt.
Übrigens auch einen gewissen Aufwand an Moral und Dummheit. Der
Dünkel der Nützlichkeit und die Verachtung der Nutzlosen gehört
mit zur Verelendung eines modernen Proletariats - die studieren-
den und studierten Ideologen der "Leistungsgesellschaft" liefern
die Stichworte, das gute Gewissen und die nötigen Weltbilder
dazu.
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