Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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ZWEI SCHLÜSSEL ZUM ATOMKRIEG
und davon einen auch für das nationale Oberkommando Deutschland-
West fordern mittlerweile nicht nur die SPD-Abrüstungs-Experten
Voigt und Bahr, sondern auch F.J. Strauß, der immerhin erster
Atomminister der BRD gewesen ist. Beide Appellanten legen Wert
auf die Versicherung, daß hinter ihrem "Vorschlag" keinesfalls
ein "Mißtrauen" gegen den Bündnispartner USA steckt, sondern der
Wunsch des B ü n d n i s p a r t n e r s Bundesrepublik, Mit-
v e r a n t w o r t u n g durch Mitentscheidung auf sich zu
nehmen. Wenn man schon, nach Stationierung der neuen Mittel-
streckenraketen, die zweitgrößte Nuklearmacht des NATO-Bündnisses
wird, dann möchte man nicht hinter Großbritannien zurückstehen,
das sich "gemeinsame Beschlußfassung" über den Einstieg in den
Atomkrieg vertraglich gesichert hat. Neben der Forderung an die
westliche Führungsmacht nach einem Stück mehr Mit-Macht für den
Juniorpartner zielt die Öffentlichkeit der Debatte natürlich auch
auf die "Sorgen der Bürger": Für diese scheint es nämlich unge-
mein beruhigend zu wirken, wenn die Hand am Drücker von Deutschen
geführt wird. Die bundesdeutschen Kriegsherren können anscheinend
machen, was sie wollen, sie werden das Odium nicht los, im Ernst-
fall skrupulöser mit i h r e m Menschenmaterial umzugehen. Die
Regierung selbst lehnt ein Vetorecht gegen den Abschuß hier sta-
tionierter Atomraketen ab. Die Einheit des Bündnisses würde da-
durch gefährdet; der Feind könnte sich fälschlicherweise die
Chance ausrechnen, einen Keil zwischen die BRD und ihre Führungs-
macht zu treiben. Gerade umgekehrt kommt es doch bei den neuen
Raketen darauf an, daß das von Bonn regierte Staatsgebiet endlich
d e n s e l b e n strategischen Rang erhält wie die Stationie-
rungsgebiete der amerikanischen I n t e r kontinentalwaffen fürs
letzte Atom-Duell. Z w e i m a l soll die Atommacht der So-
wjetunion durch westliche Raketen "aufgewogen" werden, sprich:
zerstört werden können; und diese verkleinerte Zweitausgabe der
a m e r i k a n i s c h e n Atomkriegsdrohung zu sein: d a s
ist der Ehrgeiz sämtlicher westdeutscher Regierungen seit Adenau-
ers Zeiten. So wollen sie souverän sein: als T e i l atomarer
"Supermacht" - und nicht etwa, national borniert g e g e n die
USA. Dieser bundesdeutsche und NATO-Traum wird zur Weihnacht '83
endlich wahr.
Recht überflüssig aber die Sorge eines Kommentators der Münchner
"Abendzeitung", die Zweitschlüsselforderung wäre so etwas wie
eine "Karies", von der "die Zähne der Abschreckung befallen
sind":
"Es sei schwer vorstellbar, daß sich ein mit konventionellen Waf-
fen angegriffenes Land auch noch breitschlagen lasse, sein In-
ferno durch den Einsatz von Atomwaffen zu steigern." (AZ vom 5.
Nov.)
Die zuständige Regierung hat hierzu ihre Zustimmung bereits er-
teilt; und dabei konnte von "Breitschlagen" gar nicht die Rede
sein - eher haben umgekehrt Bundesdeutschlands Regierungen sich
darum geschlagen, ihr weltpolitisches Schwergewicht gegen den
Osten durch die endgültige unverbrüchliche strategische Assozia-
tion an die USA zu s t e i g e r n. Für den Kriegsfall ist also
längst alles klar:
"Wenn es so weit kommen würde, dann würde ein Einsatz von Nukle-
arwaffen vom Territorium der Bundesrepublik aus sicher nicht ge-
gen den Rat der Bundesregierung erfolgen." (Verteidigungsminister
Wörner)
G e g e n diesen "Rat" mit Sicherheit nicht, sondern m i t
ihm! Und deshalb ist die Versicherung aus Bonn, man wolle nicht
"zur Atommacht durch die Hintertür w e r d e n", glaubwürdig:
Man ist es schon!
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