Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 41, 20.10.1981
       

POLITISCHE BILANZ DES "SOMMERLOCHS"

Friedenssicherung im Sommer '81 weltpolitisch ------------- Aufrüstung und Friedensdiplomatie --------------------------------- Die Neutronenbombe - ein Verhandlungsangebot auf amerikanisch ------------------------------------------------------------- Am Jahrestag des ersten. Einsatzes einer Atombombe in Hiroshima verkündeten, die USA ihren Entschluß, die Neutronenbombe zu pro- duzieren. Wenige Tage später erließ Reagan ein Verhandlungs- und Friedensangebot an den Adressaten der neuen wie sämtlicher alter Bomben. Außenminister Haig erläuterte den Sinn dieser inzwischen gang und gäben Kombination: "Wir schaffen die Bedingungen, die Zurückhaltung und gegenseitige Beziehungen zur realistischsten sowjetischen Option zu machen." Die "Bedingung" Neutronenbombe besteht darin, daß die NATO sich auf einem wichtigen strategi- schen Gebiet - dem der Panzerwaffe gefechtsklar macht, also auch auf dieser Ebene der Kriegsführung ihren W i l l e n und ihre Fähigkeit zum Sieg unter Beweis stellt. Das Verhandlungsangebot ist eindeutig: die NATO entscheidet durch Aufrüstung über das Kräfteverhältnis (das "Gleichgewicht" ist umso ausgewogener, je weniger die russische Rüstung wiegt), weshalb die Beendigung des Wettrüstens allein in die Verantwortung der SU fällt. Entweder übt die SU "Zurückhaltung", gibt die Versuche auf, ihre Rüstung der westlichen entgegenzusetzen, läßt die Aufweichung des Ost- blocks in Polen durchgehen und die Finger von allen Ländern au- ßerhalb ihres Blocks, in denen sie sie wirklich oder angeblich drin hat; das würde friedliche "gegenseitige Beziehungen" erlau- ben. Oder... . Rüstungsverhandlungen: Bedingungen stellt nur einer --------------------------------------------------- Haig und Gromyko trafen sich in New York und vereinbarten Ort und Zeit für die Durchführung des NATO-Doppelbeschlusses Teil 2. Am Tag zuvor hielt Gromyko zur Eröffnung der UNO-Vollversammlung eine scharfe Rede, in der er die westliche Kriegsdiplomatie à la Doppelbeschluß geißelte, weil ihr erstes und einziges Mittel die Drohung mit der Waffe sei. Zugleich wiederholte er den östlichen Vorschlag eines Moratoriums: der Westen unterläßt und die SU beendet die Aufstellung neuer eurostrategischer Waffen; die vor- handenen SS20 werden von der SU als Verhandlungsmasse betrachtet, d.h. für ihren Abbau will der Osten etwas haben. Die NATO be- trachtet diesen Vorschlag bekanntlich als perfiden Anschlag auf die Einheit des westlichen Bündnisses, mithin geradezu als Kriegsgrund, und setzt ihm außer einem harten Njet u.a. die Neu- tronenbombe, MX-Raketen mit neuen Sprengköpfen, neue Atombomber sowie den Doppelbeschluß entgegen. Mit den soeben eingeleiteten Rüstungsverhandlungen startet der Westen den Test, ob die SU freiwillig von dem Standpunkt abgeht, daß ihre Rüstung und deren diplomatischer Einsatz ein Mittel ihrer politischen Behauptung ist. Was gleichbedeutend ist mit der Aufgabe ihrer Souveränität. Daß die SU sich nunmehr auf solche Verhandlungen eingelassen hat, zeigt, daß die westliche Drohung, den Osten buchstäblich totzurü- sten, wirkt. Die Hoffnung der Sowjets, durch Verhandlungen das Totrüsten abzuwenden, beruht allerdings auf einem fatalen Fehler. Denn erstens passiert das Totrüsten schon und dient derzeit als Mittel der westlichen V e r h a n d l u n g s führung. Und zwei- tens hat die SU der NATO mit dem Einstieg in die Verhandlungen ein diplomatisches Erpressungsmittel an die Hand gegeben: geht sie nicht auf die westliche Bedingung ein, keine Bedingungen zu stellen, dann läßt sie die Verhandlungen "scheitern" und sie sel- ber hat dem Rest der Staatenwelt den Beweis geliefert, daß man ihr anders kommen muß als mit Kriegs d i p l o m a t i e. Die Erfolge von Schmidt und Genscher ------------------------------------ In den USA wird sehr offen und unbekümmert ausgesprochen, daß der Westen die Einwilligung des Ostens in seine politische Kapitula- tion zum Kriterium der östlichen Verhandlungsbereitschaft erhoben hat. Die bundesdeutsche Politik hat für den nämlichen Sachverhalt eine eigene Sprachregelung erfunden: Die "Null-Lösung" wäre der "Idealfall" (Genscher) westlicher Rüstungsverhandlung - wenn der Osten sich freiwillig entwaffnet, dann brauchen "wir" keine Waf- fen. Diese Umformulierung der Wahrheit, daß die westliche Rüstung das Mittel ist, den Osten zu entwaffnen, in sozialliberales Frie- densdeutsch ist zwar billig, aber völlig ausreichend für einen Erfolg, bundesdeutscher Außen- und Innenpolitik. Mit dem Gestus, substantielle Veränderungen an der amerikanischen Verhandlungspo- sition erreichen zu wollen, liegen BRD-Politiker seit Monaten den Amerikanern in den Ohren, sie möchten doch die "Null-Option" als idealer" theoretisch aber immerhin nicht undenkbares Verhand- lungsresultat akzeptieren. Als die Amerikaner sich schließlich dazu herbeiließen, die "Null-Option" als zwar nur theoretisches, insofern aber nicht undenkbares Ergebnis der Verhandlungen zu be- zeichnen, da war das ein Erfolg deutscher weltpolitischer Beson- nenheit gegen amerikanische Cowboymethoden. Seitdem röhren sich Schmidt und Genscher auf, als hätten sie die Marschlinie der Rü- stungsverhandlungen festgelegt - wo sie doch, selbst wenn das wahr wäre, gar keine andere Marschlinie gewußt hätten. Dennoch hat das Theater praktische politische Bedeutung. Mit dem außenpo- litischen Erfolg, daß die USA bei der "Nachrüstung" den Westdeut- schen eine nationale Sprachregelung zugestehen, hat die bundes- deutsche Nation einen eigenen Grund, für die "Nachrüstung" und ihren diplomatischen Einsatz gegen den Osten zu sein. Und dieser Grund wird im Inneren auch geltend gemacht. Wer jetzt noch ein Wort gegen die "Nachrüstung" sagt, der gefährdet den westdeut- schen "Einfluß" auf die Verhandlungen, ist - was dasselbe bedeu- tet - ein Feind des Friedens, ein schlechter Deutscher und somit ein Helfershelfer des Hauptfeindes. So leicht geht die moralische Aufrüstung im Frontstaat. innenpolitisch -------------- Die Regierung spart - an ihren Untertanen ----------------------------------------- Die innenpolitische Auffüllung des "Sommerlochs" ließ heuer nichts zu wünschen übrig: der S t a a t s h a u s h a l t und seine angeblichen Löcher lieferten genug Stoff für eine öffentli- che Debatte, die es in sich hatte. Diese Debatte lief unter dem Stichwort "Sparprogramm"; dabei unterlag keiner von denen, die sich zu Wort meldeten, dem Mißverständnis, daß mit dem Ausdruck "Sparhaushalt" etwa gemeint sei, der Staat werde ab jetzt weniger für seine Vorhaben ausgeben. Umgekehrt wartete noch der letzte Hinterbänkler der Parteien mit einem Einfall dazu auf, an welcher Ecke der proletarischen Lebenshaltung für die Staatskasse etwas abzuzweigen wäre, so daß nie ein Zweifel darüber aufkam, worum es heutzutage geht: Der Staat beansprucht die Verfügung über mehr Reichtum und erzeugt dafür mehr Armut beim größten Teil seiner Bevölkerung. Die "schwierigen 80er" ---------------------- Die Haupt- und Generalbegründung für die Notwendigkeit dieser Sorte von Sparmaßnahmen, die sich alle verantwortlichen Meinungs- bildner der Republik prompt und einhellig zugelegt haben, heißt einfach "die schwierigen 80er Jahre". Mit dieser Ideologie er- klärt sich die bundesdeutsche Obrigkeit in einem Atemzug für gänzlich schuldlos am Zustandekommen der heutigen "Weltlage" und zugleich für befugt, zu deren Bewältigung im Sinne der N a t i o n ihrer Bevölkerung immer neue O p f e r aufzuerle- gen. Ein Musterbeispiel lieferte Kanzler Schmidt gleich zur Er- öffnung der "Spardiskussion": Auf dem "Weltwirtschaftsgipfel" in Ottawa ließ er sich von US-Präsident Reagan höchstpersönlich be- stätigen, daß die AufrÜstung des westlichen Bündnisses, und allen voran seiner Vormacht USA, auf absehbare Zeit keine Änderung der amerikanischen Hochzinspolitik erwarten lasse; kaum zurückge- kehrt, stellte Schmidt sich als Leidtragender amerikanischer Po- litik hin, um seinem eigenen Volk zu verkünden: "Es wird grau- sam." Nun mag es zwar sein, daß der Kanzler - obschon er am Zweck der amerikanischen Aufrüstung sicher nichts auszusetzen hat! - über ihre F o l g e n, die hohen Zinsen für Leihkapital, vom Standpunkt der bundesdeutschen Wirtschaftspolitik aus nicht glücklich ist; bemerkenswert ist nur, daß er, sobald er bei sei- nem Geschäft Schranken zu spüren bekommt, mit größter Selbstver- ständlichkeit andere Leute, nämlich sein Arbeitsvolk, dafür gera- destehen läßt! Der Sozialstaat schlägt zu -------------------------- In dieser Hinsicht hat er nicht Übertrieben: Der "Sparhaushalt" seiner Regierung stellt nichts anderes dar als ein staatlicher Programm zur Verarmung seiner eigentumslosen Bürger. Auf der einen Seite wurden die ohnehin dauernd stattfinden Preiserhöhun- gen für alles Lebensnotwendige mit der Heraufsetzung einiger Ver- brauchssteuern abgerundet; dafür schränkt der Staat auf der ande- ren Seite seine "Leistungen" ein, zu denen er sich seinen Bürgern gegenüber früher verpflichtet hat, und zwar justament dann, wenn diese dem Bedarfsfall vermehrt ausgesetzt werden. Man sieht: Da- mit man sich eine so merkwürdige Verteilung von Leistung und Ge- genleistung erlauben kann, muß man schon der Staat sein! Der ist als Sozialstaat, der von den Arbeitern Zwangsbeiträge einzieht und darüber verfügt, für die Verwaltung der Armut der Mehrzahl seiner Bevölkerung zuständig und nützt diese Befugnis jetzt aus, um diese Leute zu d e m Sparpotential der Nation zu erklären. Also hat die Regierung auf die im Juli festgesetzten 155 Posten ihres "Sparkatalogs" im September noch einige mehr draufgelegt und sich als ihre neuen Pflichten u.a. folgendes auferlegt: dem Arbeiter als Sparer die Sparzulagen zu beschneiden, dem Arbeiter als Familienvater gewisse Teile des Kindergeldes wegzunehmen, ihm die Inanspruchnahme des vielgerühmten "sozialen Netzes" erstens zu erschweren und dieselbe zweitens generell als Mißbrauch anzu- sehen, die Zumutungen für Arbeitslose erneut zu verschärfen, für Kranke den Preis für die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit heraufzusetzen. Undsoweiter. Der Klassenstaat anno 81 ------------------------ Für das Stattfinden sowohl von Arbeitslosigkeit als auch von ver- mehrtem Verschleiß von Gesundheit ist übrigens durch die Maßnah- men des Staatshaushalts 82 gleich mitgesorgt. Das zeitgerechte Unterstützungsprogramm für seine Kapitalisten - exemplarisch die neuen Abschreibungsregelungen - prämiert diejenigen, die mit den durch die anwachsende staatliche Kreditaufnahme verteuerten Kre- diten erfolgreich deutsche Geschäfte machen und sich, dafür Inve- stitionen für beschleunigte Rationalisierungen leisten und lei- sten können. Von dieser Seite sind also für laufende "Freisetzungen" von Arbeitern ebenso die Weichen gestellt wie für die zunehmend ruinösere Vernutzung der jeweiligen "Arbeitsplatz- besitzer" (selbst die bisher gewohnten staatlichen Alibiveran- staltungen in Sachen "Humanisierung" bei Rationalisierungen werden jetzt eingestellt). Die "Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft" läßt unser Staat sich eben angelegen sein gerade in Zeiten, in denen die Staatskunst immer direkter auf die nationale Wehrmacht baut. Daß deren Generale heuer auch drei kleinere Manöver gestrichen bekamen, hat denn auch niemand falsch verstanden. Die Beschaffung der neuen Tornados, Leos und Fregat- ten wurde schließlich nicht storniert, auch wenn sie den Natio- nalkredit schon etwas strapazieren... Der "Sparhaushalt" in der Öffentlichkeit ---------------------------------------- Bemerkenswert am bundesdeutschen Sparprogramm anno 82 ist ferner die Methode seiner Verankerung im öffentlichen Bewußtsein: - Schon seit Monaten wird schlechterdings j e d e r Bestandteil des Lebensstandards der Bevölkerung als mögliche Streichmasse zur Befriedigung der Ansprüche des Staats an seine Bürger ins Spiel gebracht, so daß die tatsächlich beschlossenen Verschlechterungen schon fast wieder als (vorläufige!) Zurückhaltung der Obrigkeit dastehen. - Als weitaus interessanter als die kleinlichen Sorgen des zur Kasse gebetenen Volkes erscheint das "Schicksal der Koalition", die angeblich über dem Haushalt 82 beinahe zerbrochen ist. Für diesen Fall hatte sich bereits die Opposition mit dem Standpunkt profiliert, daß sich der Staat noch nicht genug bei seinen Unter- tanen bedient habe. Segnungen der Demokratie! - Daß die Untertanen selber sich schon jahrelang Sprüche von der Sorte leisten, "uns" gehe es doch gut, wenn nicht zu gut, und da- mit immer die jeweils anderen als vermeintlichen Grund für ihre Unzufriedenheit meinen, macht ihre Regierung sich zunutze, um jetzt von jedem einzelnen praktisch noch mehr Opfer einzufordern, also bitter ernst zu machen mit dem Urteil des Kanzlers über sein Volk, es sei "verwöhnt". - Die Interessenvertretung des geschröpften Arbeitsvolkes, die Gewerkschaften, finden die Schröpfungsmaßnahmen höchstens etwas ungerecht verteilt, lamentieren über das "Fehlen von Beschäfti- gungsprogrammen", während sie tagtäglich noch jeder Entlassung, die die Kapitalisten vornehmen wollen, ihre Zustimmung erteilen, und versichern darüber hinaus der nationalen Regierung, ihre un- bedingte Gefolgschaft mittels eines gewerkschaftseigenen Frie- densaufrufs, den Kanzler Schmidt erklärtermaßen nur deshalb nicht selber unterschrieben hat, weil er sein Adressat ist. zurück