Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Richard Perle, Unterstaatssekretär im US-Verteidigungsministe-
rium, im SPIEGEL:
NEUE EHRLICHKEIT BEIM ABRÜSTEN!
Der US-Aufrüstungsexperte hat sich im SPIEGEL über Gorbatschows
Abrüstungsvorschlage verbreitet. Uns zwar in einer Weise, die der
BRD aus dem Herzen spricht.
Die westdeutschen Raketenfans auf der Hardthöhe haben sich ja an-
geblich sehr schwer getan, eine passende Antwort auf Gorbaschows
Null-Angebote zu finden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der
gar nicht gewünschten Verschrottung der Mittelstreckenraketen ha-
ben sie einen neuen Aufrüstungsbedarf bei Raketen kürzerer Reich-
weite entnommen, weil für die Bonner politischen Ziele die
V e r f ü g u n g über solche Atomraketen viel wichtiger ist,
als eine Null bei dieser Waffengattung zu sein. So wird die Sache
denn doch nicht ganz ausgedrückt. Wieder einmal ist auch dieses
Aufrüstungsvorhaben mit Verweis auf die angebliche Unterlegenheit
an anderer Stelle ein wenig verbrämt worden: Konventionelle Un-
terlegenheit. Die Wahrheit ist das nicht, und Richard Perle führt
vor, daß sich der Westen solche verlogenen Umständlichkeiten beim
Rüsten auch sparen kann.
Schluß mit der Gleichgewichtsideologie!
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Das Bedürfnis nach neuen Raketen, das Perle auch in Bonn vernom-
men hat, folgt eben ganz anderen Berechnungen als der eines zah-
lenmäßigen Gleichgewichts bei den jeweiligen Waffengattungen:
"Selbst wenn der Westen in Europa konventionell überlegen wäre -
was er nicht ist und vermutlich nie sein wird -, wären wir immer
noch auf Atomwaffen angewiesen, und zwar aus folgenden Gründen:
Unsere Nuklearwaffen zwingen die Sowjets, ihre Offensivkräfte,
besonders Panzer und Artillerie, weiträumig zu verteilen, Diese
Auffächerung ist eine Voraussetzung für die westlichen Armeen
überhaupt konventionell kämpfen zu können. Wenn man den Sowjets
erlaubt, ihre Kräfte zu massieren, hätten sie die Fähigkeit, un-
sere Verteidigungslinien in Mitteleuropa zu durchbrechen."
(Spiegel, 18/87)
Ehrliche Worte. Der Grund für die atomare Aufrüstung liegt gar
nicht in der verlogenen Bedingung, die wieder einmal nachgescho-
ben wurde. Selbst bei konventioneller Ü b e r l e g e n h e i t
des Westens ist der Raketenbedarf sichere Sache. Die Klarstellung
ist deutlich: Bonn muß bei seinen Aufrüstungsvorhaben durchaus
nicht damit rechnen, daß sie womöglich durch die Verhandlungen
der Großmächte in einen "Abrüstungstrudel" gerissen werden, wie
gern befürchtet wird. Das dürfte die maßgeblichen Herren ungemein
beruhigen. Das Ziel buchstabiert sich eben ganz anders:
Wir wollen gewinnen, und nicht zu knapp!
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Was der Westen jetzt hervorkramt, um Gorbatschows Angeboten eine
Abfuhr zu erteilen, war jahrelang kein Thema in der NATO. Mit
Stolz haben alle Weißbücher verkündet, daß die zahlenmäßige Un-
terlegenheit bei Soldaten und Panzern durch die Qualität westli-
cher Kriegsgeräte lässig wettgemacht wurde - wie sonst hätte man
den "Frieden sichern" können? Auch diese Version der Gleichge-
wichtslüge darf man getrost zur Seite legen: Überlegenheit nach
Qualität und Quantität ist gefordert, jedenfalls insgesamt in dem
Maße, daß der Krieg gegen den Osten komfortabel zu gewinnen geht:
"Spiegel: Wird die numerische Überlegenheit des Warschauer Pakts
nicht mehr als ausgeglichen durch die überlegene Waffentechnolo-
gie der NATO?
Perle: Ich bezweifle das. Auch überlegene Waffentechnologie kann
zahlenmäßige Unterlegenheit nicht unbegrenzt wettmachen. Das ha-
ben wir beispielsweise im Jom-Kipur-Krieg gesehen, wo die modern-
sten Waffen zudem noch durch besser ausgebildete Soldaten bedient
wurden. Dennoch waren die Israelis dicht daran, die Golan-Höhen
und den Sinai zu verlieren, weil sie zahlenmäßig unterlegen wa-
ren.
Spiegel: Die Israelis haben dennoch gewonnen.
Perle: Aber es war ein knapper Ausgang. Es möchte doch niemand so
hart an einem negativen Ausgang vorbeischlittern, wie es in die-
sem Krieg möglich schien."
Ein positives Kriegsergebnis muß her. Die Sicherheit, mit der
hier statt von "Abschreckung" vom sicher eintretenden Kriegsfall
die Rede ist, beruht ganz sicher nicht auf einer Bedrohung durch
russische Waffen. Die könnte sich der Westen ja leicht vom Hals
schaffen. Er müßte ja nur tun, was er nicht will: Die Abrüstungs-
angebote annehmen und in entsprechendem Maß westliche Raketen
verschrotten. Warum er das nicht will, ist schon lange keine Ge-
heimnis mehr, wird aber heutzutage offen wie nie ausgesprochen.
Entspannung ist schließlich kein Ziel westlicher Politik!
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"Aber vor allem beschäftigt mich die Frage, ob Entspannung mit
der Sowjetunion überhaupt im Interesse des Westens liegt.
Spiegel: Etwa nicht?
Perle: Warten Sie ab. Und, wenn ja, wie diese Entspannung dann
beschaffen sein müßte."
Das Ziel westlicher Politik besteht eben in der B e s e i t i-
g u n g des Ostens.
Für diese brutale Ehrlichkeit kann man natürlich noch ein letztes
Mal die Ideologie von Entspannung und Abrüstung zur Anwendung
bringen. Die Entspannung, die der Westen sich vorstellt, ist vom
Osten einfach nicht zu haben, scheitert also an i h m. Sie be-
steht in nichts anderem als einer russischen Selbstentwaffnung
unter westlichem Oberkommando:
"Perle: Wir können, meine ich, nicht darauf setzen, daß die Rus-
sen ihre letzten Atomwaffen auch wirklich vernichten würden, nur
weil sie sich in einem dazu-verpflichtet haben."
Dann ist die Abrüstung eben auch nicht auf dem Verhandlungsweg,
sondern nur über einen Waffengang zu erreichen. Die Abrüstung des
Ostens, wohlgemerkt.
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