Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
zurück
Münchner Hochschulzeitung Nr. 9, 20.05.1980
35 Jahre Kapitulation und 25 Jahre NATO-Beitritt
NATIONALE FEIERSTUNDE
Zwei wichtige Einschnitte in unserer jüngeren Vergangenheit sind
dieser Tage bedacht worden. 35 Jahre ist es her, daß es mit Hit-
ler zu Ende ging und der Krieg aus ist. Vor 25 Jahren ist die
Bundesrepublik Deutschland richtig "selbständig", das heißt Be-
standteil des Nordatlantischen Bündnisses (NATO) geworden und be-
sitzt seitdem eine demokratische Wehrmacht. Das erste Jubiläum
wird nicht bei uns, wohl aber bei den Schwestern und Brüdern drü-
ben von Staats wegen mit großem antifaschistischen Pomp begangen.
Hierzulande ist es nie üblich gewesen, den Tag der Kapitulation
der deutschen Wehrmacht als Freudentag zu begehen. Der Grund
hierfür ist recht einfach. Der offizielle demokratische Antifa-
schismus kritisiert ja keineswegs das Tausendjährige Reich, son-
dern verlangt, es als das "dunkelste Kapitel" in der Geschichte
Deutschlands zu begreifen und aufzuarbeiten. Das antifaschisti-
sche Gewissen unserer Politiker von Carstens bis Brandt gestaltet
sich daher sehr einfach, so oft sie es zum Zweck des Lobs ihrer
selbst und ihrer so untadeligen politischen Betätigung heutzutage
zur Schau stellen. Von Hitler bleibt übrig, daß er das Recht miß-
braucht und Deutschland vergeigt hat (jedenfalls fast), weil vor
allem seine Kriege ob ihrer "größenwahnsinnigen Anlage" nicht vom
Erfolg gekrönt sein konnten. So gesehen bedeutet 35 Jahre Kriegs-
ende für die BRD-Politiker schlicht die Erinnerung daran, unter
welch ungünstigen Voraussetzungen der deutsche Staat neuaufgebaut
werden mußte - nach innen einiges kaputt und Besatzungsgebiet,
nach außen um etliches dezimiert. Diese Erinnerung ist jedoch we-
nig schmerzlich. Denn wie wir heute alle wissen, stellte sieh
bald heraus, daß die Bedingungen für den demokratischen Neuaufbau
äußerst günstig gewesen sind. Das gebeutelte Volk hatte eben
nicht die Nase von der Politik voll, unterstellte sieh bereitwil-
lig den nun demokratischen Politikern, ließ auf die alten deut-
schen Tugenden Arbeit und Fleiß nichts kommen und bescherte so
der Bundesrepublik jene starke Stellung in der Welt, bei deren
Verteidigung die Politiker dem Volk die Mitteilung nicht
vorenthalten, daß der Frieden aufs äußerste gefährdet sei. Wenn
unsere demokratisch legitimierten Herrscher mit dem Slogan vom
"Frieden als dem höchsten Gut" der Politik agitieren gehen
(Schmidt: "Wir haben die Schnauze voll vom Krieg"), so sind sie
in einer Hinsicht ehrlich. Von dem, was der deutsche demokrati-
sche Staat in einer 35jährigen Friedensperiode erreicht hat,
steht tatsächlich viel auf dem Spiel: Eine wohlhabende Nation,
die aus einer florierenden Industrie und einer fleißigen wie
bescheidenen Arbeiterklasse besteht. Und zweitens haben die
Staatsmänner, die mit ihrem Wirken ständig die Kriegsgründe
produzieren, allen Grund für ihre Friedensbeteuerungen.
<?> spricht, alles zu tun, um den Krieg zu vermeiden, und die im-
mer wiederkehrende Warnung, der große Krieg werde sich nicht ver-
meiden lassen, gehören ebenso zusammen, wie die Demonstration der
Entschlossenheit, sich der militärischen Konfrontation zu stei-
len, falls man sie für nötig hält: Demokratie und Krieg gehören
also zusammen und demokratische Staatsmänner sprechen dies auch
offen aus: 25 Jahre NATO sind daher einen Feiertag wert, der mit
der Erinnerung daran begangen wird, daß die BRD seit langem schon
über alles Nötige für den Ernstfall verfügt: Gerät Soldaten und
Bündnispartner - von der entsprechenden Moral ganz zu schweigen.
Der "Preis des Friedens" garantiert einen erfolgreichen Krieg!
Das kleine Nachkriegsproblem mit den schmerzlichen Erfahrungen an
die Zeit in der "das Volk zu den Waffen gerufen" wurde, ist der
vorkriegszeitlichen Selbstverständlichkeit eines Volkes in Waffen
- demokratisch: "Staatsbürger in Uniform" - gewichen.
Beide Feiertage sind für die Politiker Gelegenheit, der Nation
die Lage, so wie sie sie sehen ungeschminkt vor Augen zu führen.
Die Zeichen der Zeit machen offensichtlich einen Fortschritt in
der demokratischen Logik der Friedenssicherung erforderlich: Hieß
es einmal zur ideologischen Begründung der Aufrüstung, die Bun-
deswehr garantiere den Frieden, so wird jetzt ganz offen verkün-
det, daß auch die Demokratie ihre Armee nicht für die Kaserne un-
terhält, sondern fürs Kriegführen: Heute brauchen wir eine immer
s t ä r k e r e Armee, um den weltpolitischen Gegner, wo immer
er als störendes Element auftritt, erfolgreich in seine Schranken
zu weisen. Dafür sind gewaltige Anstrengungen notwendig und d.h.
materielle Opfer für die Bürger. Deshalb muß die Republik sauber
bleiben von Zweifeln an der Gleichung demokratischer Politiker:
Wer den Frieden will, darf sich für den Krieg nicht zu schade
sein. Daß diese Gleichung keinem der B e t r o f f e n e n das
Leben rettet, ändert nichts an der Tatsache, daß sie für die Po-
litik gilt. Wer das nicht w i l l, ist spätestens nach Bremen
zum Feind der Demokratie und damit zum "kriminellen Verbrecher"
erklärt worden.
zurück