Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


       zurück

       Bremer Hochschulzeitung Nr. 71, 12.04.1983
       
       Bericht aus Bonn
       

DIE MACHT AM RHEIN

1 Die "kürzesten Koalitionsverhandlungen seit 1949", prunkte hin- terher der CDU-General Heiner Geißler, nachdem bereits vor Ab- schluß des neuen Macht-und-Posten-Aufteilungsvertrags zwischen CDU, CSU und FDP das öffentliche Interesse durch den Verzicht von Strauß auf einen Posten unter Kohl und Genscher merklich nachge- lassen hatte. Diese persönliche Entscheidung des CSU-Vorsitzenden war nämlich die einzige von der Presse für "spannend" befundene Frage des neuen Bonner Regierungsdeals: Wird für die kommenden vier Jahre das Programm der Aufrüstung bei der Wehrmacht und der Abrüstung am Geldbeutel des Volkes mit oder ohne den Strauß aus Bayern durchgezogen? 2 In der S a c h e waren sich die Koalitionäre so sehr einig, daß sie auf Regelungen im Detail verzichteten, um einen "zügigen Ab- schluß" zu erreichen. Helmut Kohl verkündete voller Stolz den Fernsehkameras, daß sich deutsche Politiker 1983, noch ehe sie überhaupt miteinander reden müssen, schon darüber einig sind, wo fehlendes Geld für ihre Politik zu holen ist: von Rentnern, Ar- beitslosen, Behinderten, deren Lebensunterhalt als untaugliche Mitglieder ihm schon längst eine ärgerliche Last ist - und von den noch Tauglichen sowieso: Unter der Hand werden die Lohnsteu- ern erhöht und die Mehrwertsteuer ganz öffentlich! Über die Höhe des Betrags der Einsparungen - 7 Milliarden DM wurde man sich nach 2 Tagen handelseinig; und jetzt hat Arbeitsminister Blüm den Auftrag gekriegt, ein Konzept zur "Rentensanierung" vorzulegen. Titel seiner Hausaufgabe: Wie kann der Staat f r e i verfügen über die Beiträge seiner Arbeiter und Angestellten zur Altersver- sicherung? 3 Als Beitrag zur "geistigen Führung" wird das D e m o n s t r a- t i o n s r e c h t verschärft, wobei sich die FDP zugutehält, ein "Vermummungsverbot" verhindert zu haben. Dies hat der Zimmermann hingenommen, weil so künftig der Polizei die Arbeit erleichtert wird, wenn sie sich bei Demonstrationen, die sie für "gewalttätig" erklärt, die zu Verhaftenden an äußerlichen Merkmalen aussuchen kann. Bei der Ehescheidung ist das "Zerrüttungsprinzip" der Sozialliberalen wieder durch das christ- liche Gebot von Schuld und Sühne ersetzt worden. Wen der S t a a t aneinander bindet, der soll nicht ungestraft aus sei- ner Pflicht entlassen werden, nur weil die Liebe nachgelassen hat. Schließlich noch der "Kompromiß" in der Ausländerfrage: Vor- erst wird ohne Gesetz abgeschoben; wenn es das nicht bringt, folgt der Zuzugsstop für Türkenkinder. Die Christenpolitiker sind wirklich überzeugt von ihrer Wertschätzung der Familie: Mit dem neuen Scheidungsrecht wird sie per Strafandrohung zusammengehal- ten, wenn deutsch; mit dem Ausländerrecht benutzt man die Famili- enbande als E r p r e s s u n g s m i t t e l fürs Loswerden unnützgewordener artfremder Elemente. 4 Bei der I n v e s t i t i o n s a b g a b e haben sich die Uni- onsparteien die Nicht-Rückzahlung hocherfreut abhandeln lassen. Dieses seltsame Wahlkampfgeschenk, mit dem die arbeitenden Men- schen, die Arbeitslosen und die Rentner damit geködert werden sollten, daß auch a n d e r e n in die Tasche gelangt wird (Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid!), ist mit Hilfe des Wahl- ergebnisses korrigiert worden; hier "mußte"/konnte der FDP ein Zugeständnis gemacht werden. 5 In der Außen- und Deutschlandpolitik ändert sich natürlich rein gar nichts. Die Forderungen der CSU nach härterem Umgang mit dem Osten und besseren Beziehungen zu den faschistischen Partnern der BRD von Südafrika über Israel bis nach Chile mußten nicht ins Ko- alitionspapier aufgenommen werden, weil die "Kontinuität deut- scher Politik" bereits in den letzten Jahren der SPD-Kanzler- schaft in diese Richtung marschiert ist und die Nachfolger hier an bereits Erreichtes anknüpfen bzw. den USA "im Bündnis" folgen können. 6 Daß Koalitionsverhandlungen 1983 in Bonn lediglich die Macht ver- teilen und sie selbst mittels Verteilung auf mehrere Schultern stärken, zeigt der Auftritt des Finanzministers Stoltenberg auf der EG-Wirtschaftskonferenz in Brüssel: Als Vertreter einer bloß "geschäftsführenden" Regierung diskutierte er über die Resultate deutscher Wirtschaftspolitik, ruinierte Währungen bei der Konkur- renz und diktierte die Bedingungen, unter denen die BRD bereit ist, weiterhin Francs und Lire in Zahlung zu nehmen. Im Rücken eine Nation, die durch den Wahlsieg der Union laut "BILD"-Zeitung von Sonntag auf Montag "um 44 Milliarden DM reicher" geworden ist. Diesen Betrag errechnete "BILD" aus den Kursanstiegen deut- scher Wertpapiere, vergaß allerdings, die Leser darüber zu infor- mieren, wo sie sich die Dividenden abholen können. Stattdessen darf sich der deutsche Arbeiter darüber freuen, daß seine DM um 5,5% aufgewertet worden ist. Leider kann er nicht sofort abdamp- fen an die Riviera, um die Wechselkursgewinne mitzunehmen. Er wird h i e r noch gebraucht. Nach dem Stand der Hochrechnungen auf den Tarifabschluß bei Metall mit einem zu erwarteten Kursver- lust seines Lohns von ca. 5% gegenüber der Kaufkraft. 7 In Bonn ist also wieder einmal eine Regierungsbildung sehr er- folgreich abgeschlossen worden. Das Volk hat eine starke Regie- rung, die sich über die Rechnung völlig einig ist, die sie in den nächsten vier Jahren beim Bürger eintreibt. Sollten Teile des Volkes dabei in Zahlungsverzug geraten, dürfen sie sich nicht be- schweren: Ihre obersten Gerichtsvollzieher haben sie schließlich frei, gleich und geheim selbst gewählt. Alle M a c h t geht vom Volke aus, heißt es im Grundgesetz - und da geht sie auch hin bei ihrer Ausübung. zurück