Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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IN DEUTSCHER MISSION
Um zu dem ebenso dürftigen wie dümmlichen Urteil zu kommen, daß
es sich bei den Russen um "Realisten" handelt, "die keinen Krieg
wollen", hätte sich Strauß die ganze Moskau-Reise sparen können.
Denn mehr als die ohnehin schon seit langem öffentlich gemachten
Absichten der Sowjetunion auf dem Gebiet der Abrüstung war auch
für ihn vor Ort nicht zu erfahren. Aber was ein richtiger
"Vollblutpolitiker" ist, der denkt da anders: Im gecharterten Dü-
senjet s e l b s t nach Moskau fliegen, die halbe deutsche
Journalistenmafia scharf auf das "Ereignis" machen, die Führung-
sclique der CSU ins Schlepptau nehmen, um dem Besuch den Eindruck
von besonderer Wichtigkeit zu verleihen; nach dem Gespräch mit
Gorbatschow angeben wie zehn nackte Neger, wie gut man sich als
gebildeter Mensch mit gebildeten Menschen unterhalten kann: das
bringt's. Denn für Typen wie Strauß gehören Selbstlob und die
ständige Zurschaustellung ihrer eigenen Wichtigkeit zum demokra-
tischen Führerhandwerk.
Insofern brachte der Strauß-Besuch in Moskau weder etwas Neues
über die Zwecke der Sowjetunion zutage noch etwas Unbekanntes
über die hierzulande oft bewunderte Eitelkeit des CSU-Vorsitzen-
den. Neu hingegen waren die "gemäßigten Töne", die Strauß gegen-
über dem Staatswesen anschlug, das er bisher schlichtweg für
untragbar erklärt hatte. Selbst das Abkommen über die Verschrot-
tung von Mittelstreckenraketen zwischen der Sowjetunion und den
USA, als dessen lautstärkster Gegner sich Strauß aufgeführt
hatte, wollte er nach seiner Reise in einem etwas anderen Licht
gesehen haben. Und am Ende hat er euphorisch von einer
"historischen Wende" gefaselt, die Europa und der Welt nunmehr
bevorstünde.
Warum das? Ganz eindeutig hat Strauß in Moskau eine Schau abgezo-
gen, eine 1-Mann-Friedensdemonstration - aber was ist die
p o l i t i s c h e B o t s c h a f t? Ein "neuerwachter Frie-
denswille" wird den alten Kalten Krieger ja wohl kaum so plötz-
lich befallen haben. Schließlich hat seine demonstrativ verkün-
dete Überzeugung, die Russen wollten den Westen doch gar nicht
überfallen, keineswegs zu einer bayrischen Intervention gegen den
Bundeswehr-Haushalt geführt. Und was die sowjetisch-amerikanische
Vereinbarung über die Abschaffung aller eurostrategischen Mittel-
strecken-Atomraketen betrifft, so hatten Strauß und seine christ-
lichen Gesinnungsgenossen doch erstklassige nationalistische
Gründe für ihren Ärger darüber. Daß es zwei Staaten auf der Welt
gibt, die u n t e r s i c h aushandeln, wieviel strategisches
Gewicht den Westeuropäern zukommen soll; daß kein bundesdeutscher
Politiker im allgemeinen und kein Franz Josef Strauß im besonde-
ren gefragt zu werden braucht, wenn die USA den Deutschen ihre
bedeutendste Waffengattung entziehen und dadurch den deutschen
Rang in der Weltkriegs- (und damit zugleich: Weltfriedens-)-Frage
mindern: Das war doch das ganze Jahr '87 über das große deutsche
Ärgernis. Und von diesem Haupt- und General-Ärgernis des CSU-
Chefs haben Weihnachtstest und Moskau-Trip nicht das Geringste
weggenommen.
Was Strauß in Moskau demonstrieren wollte mit seinem Friedens-
Persilschein für die Russen, das war denn auch nicht mehr und
nicht weniger als seine Vorstellung von einer p o l i t i-
s c h e n A n t w o r t, die die deutsche Politik auf das
Ärgernis des Abrüstungsvertrags finden sollte. Wenn schon über
die Köpfe der Europäer hinweg und auf bundesdeutsche Kosten ein
Stück rüstungsdiplomatischer Einigkeit zwischen den "Super-
mächten" ausgehandelt w o r d e n i s t - und zwar gegen
christlich-soziale deutschnationale Widerstände -, dann jammert
ein deutscher Staatsmann nicht, sondern er sucht das Beste daraus
zu machen. Und zwar nach einem schlichten Rezept. Die NATO-Füh-
rungsmacht nimmt der BRD ein Stück von dem ihr anvertrauten welt-
kriegsmäßigen und damit weltpolitischen Gewicht. Also gilt es für
den NATO-Vorposten BRD, sich zusätzliches weltpolitisches Gewicht
zu erringen. Die Chance dafür liegt - beim Feind. Das hat die
"Entspannungspolitik" der 70er Jahre, die seinerzeitige sozial-
liberale nationale Antwort auf die Rüstungsdiplomatie der
"Supermächte" vorgemacht. Der Respekt des Feindes, d e s s e n
Interesse an bundesdeutscher Verständigungsbereitschaft, also daß
d e r die BRD weltpolitisch ernst und wichtig nimmt, das ist
nicht die schlechteste Grundlage für größere weltpolitische Frei-
heiten. Auf jeden Fall ist es, auch für Strauß, die passendste
Antwort auf die Arroganz, mit der die eigene, übrigens unbestrit-
tene Führungsmacht i h r Verhältnis zum sowjetischen Feind ein-
richtet - mit Weltraumrüstung und Abrüstungsdiplomatie.
Deswegen war es auch durchaus beabsichtigt, daß Strauß geradezu
auffällig auf die Betonung der unverbrüchlichen NATO-Bindung und
Amerika-Freundschaft der BRD verzichtet hat. Schließlich soll,
nach den Vorstellungen des bayrischen NATO-Häuptlings, gerade die
Führungsmacht merken, wieviel Freiheiten eine bundesdeutsche Re-
publik sich herauszunehmen vermag, wenn das Bündnis sie ärgert.
Da wird dann sogar mit denkbaren Perspektiven einer deutsch-so-
wjetischen Zusammenarbeit in der Weltraumfahrt kokettiert und
wieder einmal die Cocom-Liste problematisiert, die viel techni-
sches Gerät vom Export in den "Ostblock" ausschließt - eine NATO-
Richtlinie, die die Deutschen schon immer bei Bedarf als amerika-
nische Knebelung des bundesdeutschen Ostgeschäfts beschimpft ha-
ben.
Für eine Belebung des Ostgeschäfts der deutschen Wirtschaft war
Strauß nämlich sowieso auch unterwegs. Das ist schließlich alle-
mal die Abteilung, die allen diplomatischen Verständigungs- und
Selbstaufwertungsmanövern der bundesdeutschen Ostpolitik ein ei-
genes materielles Gewicht gibt und als Waffe dient. Umgekehrt ist
gerade in Zeiten wackliger Dollar- und sinkender Aktienkurse das
Ostgeschäft ein schöner wirtschaftspolitischer Aktivposten - daß
man drüben keine freie Börse kennt, hat gerade für Kapitalisten
ja irgendwo auch wieder Vorteile. Und seiner Rolle als Landesva-
ter aller bayrischen Kapitalisten ist Strauß es schuldig, nicht
bloß den bundesdeutschen, sondern durchaus auch den weiß-blauen
Konkurrenzstandpunkt jedem potenten Kunden vorzutragen. Als Han-
delsvertreter für Airbusse ist der CSU-Chef sich ohnehin nicht zu
schade.
Was die ideologische Hauptkampffront der CSU betrifft, so hat
sich der bayrische Katholik im Kreml trotz allem nichts vergeben.
Solange die gesamte liberale Öffentlichkeit seine Auftritte dar-
aufhin überprüft, ob er auch oft und laut genug nach
"Afghanistan", "Menschenrechten", "Dissidenten", "Wolgadeutschen"
usw. gekräht hat, und sich darüber w u n d e r t, daß der bay-
rische Besucher seine russischen Gastgeber nicht laufend belei-
digt hat - solange braucht der bayrische Kommunistenfresser sich
um die Linientreue in seiner demokratischen Nation nicht zu sor-
gen.
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