Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Bush in Krefeld:
CHRONOLOGIE EINES FRIEDLICHEN TAGES
Für einen Tag war Krefeld Frontstadt der deutsch-amerikanischen
Freundschaft. Und das gleich doppelt - zum Abgewöhnen, einmal of-
fiziell, einmal alternativ.
Nach dem Motto 'Wenn Du eine rundum gelungene Raketenstationie-
rung willst, bereite den inneren Frieden vor' erlebt Krefeld eine
riesige Invasion von aus allen Landesteilen angereisten, unifor-
mierten Friedenskadern. Kaum angekommen, bilden einige von ihnen
eine lebende Menschenkette (polizeiliche Schätzung, die es ja
wissen muß: 2000) um das Seidenweberhaus, um den Treueschwur zu
schützen, den Spitzenvertreter der "größten Friedensbewegung der
Welt", Bush, Kohl und Carstens, wenige Stunden später dort drin-
nen unter sinfonischer Aufbereitung des Deutschlandliedes ablei-
sten werden. Dieser Schutz ist deshalb nötig, weil zwar unmittel-
bar einleuchtend ist, den (ewigen) Frieden durch entschlossene
Androhung von Krieg herzustellen, aber ja immer irgendwelche no-
torischen Querköpfe anrücken, die gegen die selbstverständlich-
sten Dinge auf der Welt, wie etwa die NATO, protestieren. Für
diesen Fall hatte man nochmal die 4-fache Menge Festaktbeschützer
in den umliegenden Seitenstraßen in grünen Panzerwagen postiert
und vorsorglich der Krefelder Müllabfuhr bis Mittwoch freigege-
ben, um die Räumlichkeiten des städtischen Fuhrparks als proviso-
risches Spritzenhaus für 300 Mann Demonstrationsabfall zweckzu-
benutzen - wahrscheinlich bis der Marshall aus Karlsruhe oder
Wiesbaden angereist ist.
Man sieht es deutlich: Der Tag ist also durch und durch fried-
lich. Leider haben dann aber doch nicht alle Anwesenden das Flug-
blatt der Polizei gelesen: "Befolgen Sie die Aufforderungen der
Polizei, insbesondere wenn sie in Fällen, die uns allen nicht
wünschenswert sind, zum Eingreifen gezwungen wird" - so daß die
Polizei "gezwungenermaßen" zur Erfüllung ihrer eigenen Strategie
genötigt wurde, den "nicht wünschenswerten Fall" sofort mit
Schlagstöcken und Handschellen aus dem Verkehr zu ziehen.
Alle übrigen Ereignisse des Tages runden den friedlichen Verlauf
dieses deutsch-amerikanischen Freundschaftsfestes ab: 3 Stunden
Gladiatoren, die dann unter dem Beifall der Massen abgeführt wur-
den, und idiotische Spiele für das einfache Fußvolk. Helmut Kohl
formuliert zwischen zwei Gängen im "Krefelder Hof": "Wenn in Genf
nicht noch ein Wunder geschieht, wird im Herbst stationiert" =
Pershings sind kein Wunder, weil wir in Genf unverrückbar und re-
alistisch auf Entwaffnung der Sowjetunion beharren. Petra Kelly
sitzt beim gelben Bankett dabei und bekommt nicht einmal beinahe
einen Herzanfall. Die friedliche Friedensbewegung konkurriert auf
ihrer Abschlußkundgebung mit Bush und Kohl um die legitime Erb-
schleicherschaft an 13 Krefelder Auswandererfamilien (die laut
Gert Bastian "in der Tradition des Pazifismus standen") und um
die denunziatorischste Beschimpfung des gemeinsamen Hauptfeindes.
Robert Jungk unter dem tosenden Beifall der 20 000 auf dem Sprö-
dentalplatz: "Das sind bezahlte Provokateure, diese Leute gehören
nicht zu uns." "Diese Leute", das sind selbstverständlich
n i c h t George Bush und Helmut Kohl, denen diese Demonstration
nur scheinbar galt. "Wir beugen uns nicht dem Terror der Straße"
- jetzt wieder Bundesführer Kohl. - "Wer den Krieg nicht will,
darf auch den Bürgerkrieg nicht wollen" - diesmal wieder die
Friedensbewegten, denen Gegnerschaft gegen eine Raketenpolitik
zuwider ist, weil sie sie nicht bekämpfen, sondern deren besseres
Gewissen, ja deren "besseres Amerika" sein wollen. Die gemeinsame
Klammer liefert passend der Friedenswilly: er "entschuldigte sich
bei Bush für die gewalttätigen Demonstranten, die die BRD in Ver-
ruf gebracht haben". Und das will doch wirklich niemand: weder
die SPD, noch die Friedensbewegung, noch die CDU.
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