Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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"HANNOVER IM KAUFRAUSCH - EINZELHANDEL ZUFRIEDEN"
so oder so ähnlich lauten zur Zeit die Schlagzeilen der freien
Presse zum Thema "Weihnachtsgeschäft".
Eine merkwürdige Diagnose. Einerseits werden die Leute, die ihre
Weihnachtseinkäufe machen, freimütig beschimpft: wie die Lemminge
darf man sie sich vorstellen, die, von einem unerklärlichen Drang
nach Geldausgeben befallen, erstaunlicherweise genau dahin ge-
trieben werden, wo der Einzelhandel händereibend auf sie wartet.
Andererseits bekommen sie ein dickes Lob: wieder einmal die Um-
sätze einer wichtigen Branche "unserer Wirtschaft" hochgetrieben,
das Geschäft befördert, den Aufschwung vorangebracht - also sich
rundum volkswirtschaftsnützlich aufgeführt. Beides Beschimpfung
wie Lob - sind ebenso bescheuert wie gemein.
Daß der Gedanke vom "Kaufrausch" bescheuert ist, merkt man am Er-
gebnis des "Weihnachtsrummels": da laufen nämlich nicht an-
schliessend Sozialhilfeempfänger mit Pelzmänteln herum. Offenbar
sehen sich die Leute bei ihren Weihnachtseinkäufen sehr zielsi-
cher nach Gegenständen ihres Bedürfnisses um, die ihnen ihr Geld-
beutel erlaubt: vor dem Einsacken von allem, worauf man so Lust
hätte, steht nämlich besagter Einzelhandel mit seinen Preisen.
Und gemein ist der Gedanke vom "Kaufrausch", weil er suggerieren
will, das Einkaufen zu Weihnachten sei eine einzige Unvernunft.
Belegt wird diese Vorstellung mit dem Umstand, daß der normale
Mensch nach Weihnachten ebenso arm dasteht wie vorher. Bloß: wo-
gegen spricht das eigentlich? Dagegen, daß sich Leute zu Weih-
nachten mal Sachen kaufen, zu denen das Geld das Jahr über nicht
reicht? Wohl kaum. Zu d e r Unterscheidung zwingen nämlich ei-
nerseits der Geldbeutel, andererseits die Preisschilder an den
Waren. Dieser Umstand läßt eigentlich nur e i n e n Schluß zu:
offenbar sind die schönen Sachen, die hierzulande hergestellt und
feilgeboten werden, gar nicht darauf berechnet, den Leuten zu
nützen, die sie h a b e n wollen, sondern darauf, ihren Verkäu-
fern einen G e w i n n einzuspielen. So werden ihre Preise ge-
staltet, wer's nicht zahlen kann, muß sich bescheiden.
Die Löhne und Gehälter des größten Teils der Menschheit genauso:
sie werden als Kost für die gewinnbringende Produktion und Ver-
kauf der Waren berechnet und haben entsprechend niedrig zu sein.
Deswegen erlauben sie ihren Empfängern bloß den Kauf von Waren
der "unteren" - oder vielleicht mal "mittleren" Preisklasse.
Grund genug, könnte man denken, handfest Widerspruch einzulegen
gegen diese P r o d u k t i o n s w e i s e, wenn sie als
obersten Zweck die Produktion und den Verkauf von Waren zwecks
Vermehrung von Gewinn hat und deswegen für die Mehrheit der Leute
nur viel Arbeit und wenig Teilhabe am produzierten Reichtum
vorsieht.
Genau andersrum die Bezichtigung "Kaufrausch". Die beschimpft
ausgerechnet die Leute mit der Behauptung, sie würden ihr Weih-
nachtsgeld sinnlos zum Fenster rausschmeißen. I h n e n würde
doch d a u e r n d e s Sich-Bescheiden, Einteilen, Sparen, Vor-
ausschauen viel besser stehen, als mit dem Weihnachtsgeld Ansprü-
che anzumelden, die ihnen gar nicht z u s t e h e n, was man
doch daran sieht, daß es nach Weihnachten mit dem Einteilen wei-
tergeht.
Die Wahrheit ist das natürlich nie und nimmer, weil das Weih-
nachtsgeld auch nicht dadurch mehr wird, daß man es nicht aus-
gibt. Deswegen ist diese Moral auch wieder so ernst nicht ge-
meint, Schließlich - so das Lob, das auf dem Fuße folgt - haben
die Leute mit ihrem Geld ja doch getan, was sie sollen: nämlich
es dahin getragen, wo es rechtmäßig hingehört. Nämlich in die Ta-
schen derer, die die einzigen sind, denen Geld zusteht, weil sie
allein das damit machen können, was sich mit Geld gemacht gehört:
Geschäfte eben.
Bescheuert und gemein ist auch dieses Lob. Bescheuert, weil es
die Leute für etwas lobt, was sie o h n e h i n tun müssen.
Ihre paar Groschen sind ja bloß aufs Ausgeben berechnet, d.h.
darauf, daß sie bei denen wieder landen, die damit Gewinn machen,
so daß sie als arme Schlucker wieder zur Arbeit latschen müssen.
Gemein ist das Lob, weil es die Leute dafür preist, daß sie sich
genauso aufführen, daß das "Anspruchsdenken" der G e-
s c h ä f t s w e l t immer zum Zuge kommt. Jeder macht die
Arbeit, die ihm vorgesetzt wird, nimmt den Lohn hin, der ihm zu-
geteilt wird und "leistet" sich dann zu Weihnachten das Erfüllen
von Wünschen, von denn er sich selbst das Jahr über in die Tasche
lügt, daß er sie eigentlich gar nicht hätte.
Deswegen heißt die Überschrift der freien Presse eben nie
"Einzelhandel im Verkaufsrausch - Kunden zufrieden"!
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