Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Der Kanzler im Bild
NATIONALER KOHL
Die Raketen werden abgesegnet und in Stellung gebracht. Die Kür-
zungen am Sozialen gehen zügig in die nächsten Milliarden. Die
Politik ebnet der deutschen Wirtschaft den Weg zum steilen Erfolg
und profitiert mit, und die Arbeitslosenzahlen gehen entsprechend
in die Höhe. Die wehrhafte Demokratie sorgt für inneren Frieden
und macht Druck auf "die Straße". Beim Kanzler gehen die interna-
tionalen Politgrößen ein und aus und umgekehrt: Er spricht ein
gewichtiges Wort mit über die nächsten Waffendrohungen gegen
Osten, über die nächsten Hungertoten, im Streit um nationale
Wirtschaftsmacht im Bündnis. Er macht den offiziellen westlichen
Interpreten der NATO-Einigkeit gegen den Kreml und schmettert so-
wjetische Angebote entschieden ab.
Und was bewegt die deutsche Öffentlichkeit? Ob geschlossen und
entschlossen gehandelt wird; ob sie eigentlich geführt wird,
diese Großmacht. Da fährt der Steuermann laufend Zick-Zack und
scheucht höchstens die Hühner. Der Regierungskarren trudelt füh-
rerlos dahin. Statt wie sein Vorgänger mit der Lotsenmütze auf
der Kommandobrücke zu stehen, würfelt der ratlose Riese und
Strauß witzelt aufmüpfig. Ein Bild des Jammers! Und was fällt
Kritikern als Beweis ein? Die Entscheidung für die Bundespräsi-
dentenwahl hat er ewig nicht getroffen; zu wenig Kabinettssitzun-
gen abgehalten; die Reisevorhaben von Carstens und Genscher für
'84 noch nicht genehmigt; und Strauß hat immer noch Ambitionen in
Bonn. Ein einziger Ausbund an Schwäche, Untätigkeit, Unentschlos-
senheit, unser Kanzler.
Demokratische Kritiker haben also '83 ein gutes Gespür für ge-
wachsene deutsche Macht und Größe. Parteienkonkurrenz, Koaliti-
onsstreit um Einfluß und Posten, Kohls Kanzlergehabe, an all die-
sen demokratischen Freiheiten im Umgang mit der Macht, die der
nationalen Sache so voranhelfen, vermissen sie den Füh-
rungs s t i l. Welchen? Den eines Souveräns, dessen Entscheidun-
gen sich alle unterordnen. Nicht die Verherrlichung des Führers,
sondern die beständige Kritik seiner Person, gemessen am Ideal
einer richtigen Führung, das ist demokratischer Führerkult. So
äußert sich die Zufriedenheit mit der erreichten Macht der Repu-
blik. Denn solch untertänige Sorgen um das Gelingen der Herr-
schaft blühen nur auf der Gewißheit, daß an der Parteienkonkur-
renz vielleicht mal ein Regierungs c h e f scheitert, aber nie-
mals der souveräne Gang der R e g i e r u n g s geschäfte. So-
lange das Volk nicht kritisch wird, ist Kritik eine einzige Kari-
katur.
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'Wer hat behauptet, ich hätte da Steuer nicht fest in der Hand?'
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'Schau, jetzt regiert wer wieder...'
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