Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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LIEBE LEUTE,

daß wir nichts gegen einen arbeitsfreien Tag haben, können Sie sich wohl vorstellen. Unsere Störung der Feiertagsruhe richtet sich gegen das Staatsprogramm, dessen feierliche Bekräftigung den eingefleischten Gegnern von Arbeitszeitverkürzungen, den Regie- renden in Bonn, jedes Jahr einen 17. Juni wert ist. 1. Seit der Gründung der Republik gibt es ihn, den unverzichtbaren Anspruch auf Wiedervereinigung: während sich die Mehrheit der Bundesbürger in Bescheidenheit üben durfte - ihre Tugenden des opfervollen Fleißes wurden für den Wiederaufbau und ein "Wirtschaftswunder" gebraucht -, gaben sich sämtliche Regierungen gleich wieder recht unbescheiden. Sie erklärten das Kriegsergeb- nis fair eine einzige Ungerechtigkeit und meldeten den Anspruch an, es zu korrigieren. Für eine Verlierernation allerhand, die ihr von den USA eingeräumte Zuständigkeit über einen neuen Staat gleich wieder ausdehnen zu wollen! 2. Aus Anlaß des 17. Juni 1953, als in der DDR der Aufstand gegen die Zumutungen in Sachen Lohn und Leistung unternommen wurde, als die Proteste in eine politische Anklage gegen die "falsche" Sie- germacht einmündeten und mit Gewalt "beantwortet" wurden, haben die Regierenden Westdeutschlands eine Entdeckung gemacht. Sie halten sich für die Anwälte des Volkes drüben, wenn sie ihr Recht bekräftigen, auch im Osten zu bestimmen, wo's langgeht. Seitdem ist alles, was Bonner Politiker so treiben - von der "Sparpolitik", den Sprüchen über notwendige Opfer über Einkom- mensbeschränkungen für "uns alle" bis zur Aufrüstung - ein einzi- ger Dienst am Volk in der DDR. 3. Doch damit nicht genug: daß sie die "Teilung" Deutschlands für unerträglich halten, weil sie sich beim Regieren wie Wohltäter vorkommen, übersetzen sie auch noch in die Lüge, ihre politischen Ansprüche seien eine einzige Anstrengung, lauter private und ganz menschliche Wünsche zu erfüllen. Wenn sich nach dem Krieg einige "zerrissene Familien" plötzlich verschiedenen Obrigkeiten unter- stellt sahen, dann klären bundesdeutsche Politiker ganz lässig die Schuldfrage: nachdem sie ihren Staat aufgemacht haben, wird der andere zum Hindernis - und die Teilung ist ein "menschliches Problem", das in Bonn mit Osthandel, Diplomatie und Aufrüstung seiner Lösung zugeführt wird! 4. Wer schuld an der Teilung Deutschlands ist, die "wir" überwinden müssen, ist auch sonst böse. "Wir" sind sehr gut und haben eine Demokratie, die drüben haben dagegen - einen Kommunismus. Also entdecken die Anwälte der deutschen Einheit drüben all das, was es im freien Westen auch in reichlichem Maß gibt: N o t u n d G e w a l t, letztere vor allem gegen Leute, die dortzulande da- gegen sind. Wie im freien Westen mit Leuten umgesprungen wird, die sich die Freiheit zur Kritik n e h m e n, (statt immerzu dankbar dafür zu sein und brav mitzumachen!), füllt zwar die Zei- tungen jeden Tag, ist aber gerecht. Da hilft der Einwand gar nichts, daß b r a v e n Bürgern im realen Sozialismus (und da- von gibt es nicht zu wenig) das Lob ihres Staates genauso sicher ist wie allen pflichtbewußten Wählern hierzulande. 5. E i n e s darf man eben in unserer schönen Demokratie ganz be- sonders ausgiebig: seine Pflicht tun und das Recht genießen, daß man es mit seinem "System" ganz gut getroffen hat. Wer an den Maßnahmen in Betrieb und Staat herummeckert, soll doch "rübergehen". Wer dagegen meint, unsere "Ordnung" wäre eine feine Sache, erhält den D a n k des Vaterlandes. Er erfährt in Wort und Tat, daß er als Parteigänger der Freiheit auch F e i n d e hat; daß er sich zu deren Bekämpfung auch zur V e r f ü g u n g halten muß - mit seinen Opfern, seinem Fleiß und seiner Vertei- gungsbereitschaft! Die Freiheit gibt es nicht einfach - sie hat ihren Preis. Und das wird sie einem doch wert sein: ein paar Mil- lionen Arbeitslose, ein paar Mark weniger zum Leben, mehr Lei- stung und ganz viele Raketen für den Kriegsschauplatz Deutsch- land. Fürs Wählendürfen finanzieren wir doch die NATO, und einen Krieg ist uns ein freigewähltes Parlament doch wert, das uns sagt, wo die "Kriegsgefahr" herkommt! 6. So ehrlich ist unsere Politikergarde, daß sie ihre Sorge um die "Teilung" mit dem Hinweis versieht, wie g e f ä h r l i c h für gewöhnliche Leute dieses politische Programm ist. B e s c h e i- d e n betont sie, daß mit dem d e m o k r a t i s c h e n R e c h t Deutschlands nicht mehr der Sonderanspruch der eigent- lichen Nation ausgesprochen ist - eine Annexion der ehemaligen Ostgebiete ist gar nicht vorgesehen, zumal man die Wieder- vereinigung i n F r i e d e n wolle. Und soviel stimmt daran: eine Veränderung von G r e n z e n, die nach einem Weltkrieg geschaffen worden sind und die Hoheit respektabler Staaten umreißen, ist ohne neuerlichen Einsatz von militärischer Gewalt wirklich nicht zu machen. U n b e s c h e i d e n definiert die Bundesregierung die deutsche Teilung gleich als Unterproblem der T e i l u n g E u r o p a s u n d d e r W e l t, die für "die Demokratie", also für die maßgeblichen Staaten des Westens so unerträglich ist wie für einen deutschen Patrioten der "Verlust" von Ostpreußen. So wird die "deutsche Frage" heute viel r e a l i s t i s c h e r gestellt: sie geht angesichts eines ganzen Ostblocks nur im Rahmen einer weltweiten, globalen Berei- nigung der Landkarte zu "lösen". Wo d i e Demokratie sich zum Richter über den Kommunismus entschließt, geht es allemal um mehr als um die deutschen Reichsgrenzen von 1937. 7. Daß die maßgeblichen demokratischen Mächte der freien Welt mit ihrem NATO-Arsenal erstens politische Grundwerte nach Osten schaffen, zweitens dies auf Bestellung des Volkes drüben und drittens auf dringlichen Wunsch westdeutscher Arbeiter, Arbeits- loser, "sozial Schwacher" und Mütter tun, halten wir für ziemlich abwegig. Was die politischen Führer daheim wie auswärts schätzen im Umgang mit Land und Leuten, zeigen sie ja längst auf den Ge- bieten des Globus, die sie zu Recht zum freien Westen rechnen. Ihre Unzufriedenheit damit, daß Deutsche von Honecker und Russen von Andropow regiert werden, zielt auch ganz bestimmt nicht auf das Glück von Völkern, die ohne Reagan und Kohl auskommen müssen. Deswegen sollte man sich von letzteren auch nicht als Material für ihre Weltpolitik gebrauchen lassen: Außer "schweren Zeiten" und schließlich Krieg ist noch nie etwas herausgekommen, wenn geistige und andere Führer unter einer "Teilung" gelitten haben. Ihre Zuständigkeit für "Brüder und Schwestern", die gegenwärtig "noch" unter fremder Aufsicht stehen, kommt ja auch nur durch einen kleinen Umweg zustande. "Wir" dürfen ja mit Soldaten und Raketen die Landsleute erst einmal als Feinde behandeln - in al- ler Freiheit, versteht sich.... Ein schöner Feiertag, der Tag der deutschen Einheit! zurück