Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Der Nationalfeiertag steht ins Haus. Was singen wir da? Richtig:
DAS LIED DER DEUTSCHEN
Nur, können und verstehen wir es auch? Kaum anzunehmen angesichts
der leidvollen Erfahrungen, die unsere Politiker mit Jugendlichen
in und außerhalb der Fußballnationalmannschaft machen mußten. In
den modernen Zeltlagern der Völkerfreundschaft sollen laut Karl
Carstens die Pimpfe der westdeutschen Abteilung immer wieder ver-
sagt haben, wenn es geheißen hat: "Und jetzt singt jede Gruppe
ihr Vaterlandslied!" Damit deutsche Oberhäupter, die ansonsten
wirklich nichts zu verbergen haben, sich nicht immer ihrer be-
kenntnismatten Mitläuferjugend schämen müssen, sind Kultusmini-
ster und andere Aktionisten deutscher Sache schon zu einer verit-
ablen Kampagne geschritten. An den Schulen soll es gepflegt wer-
den, das deutsche Lied; eine Platte von Heino mit der Hymne drauf
ward in die Zirkulation geworfen, und findige Journalisten belä-
stigen Nationalspieler und Fans mit der peinlichen Frage: "Warum
singen die Stars der Nation unser Deutschlandlied nicht mit, wenn
sie es vor der Holzerei vorgespielt kriegen?" "Machen sie sich
denn nichts mehr aus der Ehre"?
Solche Zustände sind fürwahr unerträglich. Dem ersten Mißstand
sei auch von unserer Seite gleich abgeholfen wer das Deutschland-
lied nicht kann, soll es lernen und nicht gleich wieder (obgleich
das auf eine durchaus deutsche Grundhaltung hinweist!) fragen, ob
wir den Text, das Geld und die Druckerschwärze von wer weiß woher
beziehen. Also so lautet das Bekenntnis wörtlich:
Die Botschaft
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ist mit dem Auswendigkönnen allerdings noch nicht erfaßt. Zum
Verständnis - unserem weitergehenden Anliegen - gehört mehr; mehr
vor allem als die ewige Nörgelei an den ersten beiden Strophen,
die einerseits keiner mehr zu hören kriegt, von denen anderer-
seits aber jeder gemäß der Verfügung seiner Obrigkeit
g l a u b e n soll, sie wären unpassend. Das ist aber ganz und
gar nicht einzusehen. Unser Deutschlandlied ist ein Gedicht, ein
K u n s t w e r k, mithin ein G a n z e s. Und ausgerechnet in
diesem Fall soll die poetologische Weisheit n i c h t gelten,
daß der dritte Teil a l s T e i l das Ganze schon in sich auf-
genommen hat? Ausgerechnet bei unserer Nationalhymne soll man
sich mit dem Makel einer r e l a t i v e n S e l b-
s t ä n d i g k e i t abfinden und noch dazu glauben, das
inbrunstvoll geschmetterte Bekenntnis eines Dritteils stünde in
Widerspruch zu den ersten beiden Hälften? So daß die schiere
Ansage: "Nur die dritte Strophe!" einen Akt des V e r-
z i c h t s einleitet?
Angesichts des Gegenstandes, dem das Gedicht gewidmet ist, ge-
mahnt diese Art der Kritik an ihm an die längst vulgärwissen-
schaftlich verbürgte Unterscheidung zwischen dem Nationalen, das
anerkannt und geboten ist, und dem -i s m u s, welcher böse.
Aber ein Verdacht ist kein Beweis, und in unserem Falle ist zu
prüfen, ob die in staatsgründerischer Beflissenheit vorgenommene
Trennung der dritten Strophe vom restlichen Kunstwerk dem gemein-
ten Ganzen widerspricht oder einem Bruch gerecht wird, der dem
Gedicht innewohnt. Erst nach einer solchen Prüfung läßt sich auch
entscheiden, was zu jener einschneidenden Strophenverbrennung ge-
führt hat: der O p p o r t u n i s m u s, mit der dritten Stro-
phe das Ganze meinen zu können, ohne es allzu "offensichtlich"
sagen zu müssen; oder die Gewißheit, daß mit der dritten Strophe
ohnehin jedermann - in Anerkennung der Ganzheitlichkeit von
Kunstwerken - die erste meint.
Der Torso
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Wie wir das Gedicht heute zu singen gehalten sind, hebt es mit
polysyndetischer Wucht an: "Einigkeit u n d Recht u n d Frei-
heit" heißt es da wird nicht etwa wie in modernen Saisonversen
("Ein bißchen Frieden..." "Schenk' mir doch ein kleines bißchen
Liebe" etc.) unter Aufbietung aller Bescheidenheit herumgebettelt
und die erwünschte Sache gleich noch ganz unbestimmt in kleinen
Dosen bestellt. Das doppelte "und" tut da keineswegs nur fürs Me-
trum gute Dienste; es unterstreicht die Unverzichtbarkeit und
Gleichwertigkeit der geforderten Güter. Ja, hier wird
g e f o r d e r t. Aber wiederum nicht in jener kleinkarierten
Weise spätbürgerlichen Liedguts, wo der Bittsteller auch gleich
der Empfänger sein will: In unserem Gedicht verlangt es den Dich-
ter nach drei Grundwerten, aber er will sie nicht für sich
selbst. "Für das deutsche Vaterland!" erhebt er seine Stimme und
das macht sein Pathos glaubwürdig. Würde er so viel auf einmal
f ü r s i c h einklagen, würde die Würde alsogleich hohl. Er
müßte sich die Frage gefallen lassen, ob jemals ein Sterblicher
im Besitz jener Dreifaltigkeit die Erfüllung seiner Wünsche sehen
könnte. Indem nun aber das Subjekt, welches der Dichter für den
Erhalt der Gaben vorsieht, nicht er selbst ist, darf er auch ohne
Scham s e i n e n Altruismus a n d e r e n anempfehlen, ohne
rot zu werden.
"Danach laßt uns alle streben...", schallt sein Adhortativ ins
Land. Er kündet davon, daß sich jedermann berufen fühlen darf,
dem von der Dichterseele erspürten Leiden des Vaterlandes abzu-
helfen. D i e s e s Leiden einmal erkannt, haben freilich Hader
und Zwietracht - die Anspielung aufs Rübezahl-Lied ist unüberhör-
bar (auch für die, die gar nicht ahnen, daß -zahl zu engl. tail
gehört!) - keinen Platz mehr: "Brüderlich mit Herz und Hand!"
Wahrlich gelungen die parspro-toto-Metonymie "Herz und Hand",
welche die Beschlagnahmung des gesamten Willens für die Sanierung
des Vaterlands schonend und ermunternd zugleich dartut! Genial
auch das Bild vom Bruder, das ja den Streit nicht ausschließt,
ihn allerdings zum Wohle der Vaterlandsvolksfamilie zum Still-
stand gebracht wissen will! Allein in diesen vier Zeilen eignet
uns der Dichter ein Kleinod jener Phantasie zu, die uns das Herz
hüpfen macht!
Oder besser gesagt: machte - wäre da nicht der Wermutstropfen,
der damals wie heute in den Kelch der überschäumenden Freude
fällt, die wir doch alle beim gesungenen Lob des Vaterlandes zu
empfinden wünschen. Man bedichtet und bejubelt doch nicht ein
"noch nicht!" Seelenfreude, die sich in gereimter und vertonter
Huldigung an einen Gegenstand der Form nach äußert (vgl. Erika,
Seemann, Paris, Chicago... ), erscheint hier gebrochen, weil im
Widerspruch zum I n h a l t: Ist nicht das gefeierte Vaterland
recht u n v o l l k o m m e n, solange es ihm an "Einigkeit und
Recht und Freiheit" gebricht? Verrät nicht das "Danach laßt uns
alle streben!", daß aus Deutschland erst noch etwas Anständiges
werden muß? Diese dialektische Einheit von Feier und Trauer,
Glanz und Elend - sie wirkt beklemmend. Kaum sind wir, dem Dich-
ter folgend, angetreten, "Deutschland" zu singen und zu sagen und
zu leben, leiden wir an der T e i l u n g u n d a m
U n r e c h t u n d a n d e r O h n m a c h t, die diesem
unserem Lande angetan werden.
Mit solcher Schmach versöhnen auch nicht die folgenden Verheißun-
gen aber die Bedeutung der drei fehlenden Posten in der nationa-
len Bilanz. Gemäß seinem eigenen Kummer, den er auf Helgoland in
Verse goß, hätte der Dichter eigentlich zum Konjunktiv oder - als
Ausdruck der Sehnsucht - zum Optativ greifen müssen: "Einigkeit
und Recht und Freiheit w ä r e n / m ö c h t e n e n d l i c h
w e r d e n, des Glückes Unterpfand". Die ihm auferlegte Pflicht
scheute er jedoch aus Gründen des Inhalts und der Form, die sich
- traurig zu konstatieren für den Interpreten - gleichermaßen ei-
ner haltlosen subjektivistischen Entscheidung verdanken. Mit dem
Indikativ "sind" hat er offensichtlich seiner Verzweiflung dar-
über Einhalt geboten, daß es die Nation nach seinem Bilde gar
noch nicht gab - und sich in die Allerweltsweisheit geflüchtet,
daß es eben immer so sei. Verführen lassen hat er sich zu diesem
inhaltlichen Kompromiß wohl nicht zuletzt aus schierer
R e i m n o t. Die Silben wären nicht mehr aufgegangen - und wer
diese These mit dem zu Gebote stehenden "sei'n des Glückes Unter-
pfand" für unhaltbar erachtet, möge die übrigen faulen Kompro-
misse dieser Verszeile nicht außer acht lassen. Mit der Einfüh-
rung der Kategorie des G l ü c k s, die er selbstverständlich
dem besungenen Vaterland und nicht irgendeinem Dödel reservieren
will (dies der Witz an den letzten beiden Zeilen, abgesehen von
der Alliteration Glanz-Glück!), hat unser Hoffmann von Fallersle-
ben nämlich keine glückliche Hand gehabt. "... des Glückes
Schmied", die fällige Metapher, hätte metrisch wie reimmäßig
nicht gepaßt. "Unterschleif" wäre überhaupt kein Reim gewesen,
obwohl metrisch in Ordnung, "Untergang" nur ein Notbehelf. In
solcher Verlegenheit ist er auf die Metapher vom Pfand verfallen
und hat - eingedenk dessen, daß im Kreditwesen Pfänder auch nur
bedingt etwas garantieren - zur Verstärkung durch das "Unter"-
der verworfenen Alternativen gegriffen...
Über diese Schwächen unserer Nationalhymne dürfen wir aber ihre
Leistung nicht aus den Augen verlieren. Dieser Mann hat selbst in
Reimnot nicht vergessen, daß E i n i g k e i t (= Land und
Leute beieinander und dem Vaterland nicht durch alternative Un-
ter- und Nebenvaterländer entzogen), R e c h t (= weil die An-
erkennung anderer gesichert ist, kann man sich als Staat auch das
Seinige herausnehmen und besitzt) F r e i h e i t (= man muß
seinen souveränen Willen nicht seinesgleichen zur Disposition
stellen) A t t r i b u t e d e s S t a a t e s sind, die sein
Glück ausmachen. Und dies von Helgoland aus, mit Blick auf Sach-
sen-Coburg-Gotha und so Zeug, ohne gefragt zu werden!
Exkurs, "sozialgeschichtliche Interpretation" betreffend
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Es gibt wissenschaftlich reputierte Leute, die meinen, Gedichte
seien "Ausdruck ihrer Zeit" und aus den politischen und sozialen
Umständen ihrer Entstehung zu erklären bzw. zu verstehen. Das
können wir nicht verstehen. Wer für so banale Ergüsse wie das
Deutschlandlied die auf Verständnis zielende Erklärung parat hat,
damals wäre Deutschland (das es doch gar nicht gegeben hat!)
furchtbar zerspalten gewesen, woraus sich die Sehnsucht nach Ein-
heit für diesen oder jenen, Politiker oder Literaten, eben erge-
ben hätte, begeht nämlich einen dreifachen Mißgriff. Erstens hält
er den von jedem Staatswesen praktizierten Idealismus, es gebre-
che ihm an Mitteln der Macht, weil diese anderen zu Diensten
sind, für einen guten Grund dafür, daß Dichter und Denker alles
Ungemach, das sie rührt, auf den nicht erfüllten Anspruch ihrer
wirklichen oder vorgestellten Lieblingsstaaten zurückfahren.
Zweitens billigt er im Rückblick auf den "Zeitgeist", der sich
angeblich dem politischen Zweck der Machterweiterung von Souverä-
nen nicht entziehen konnte, der Übersetzung dieses Zwecks in "Die
Teilung muß weg!" den Status einer geschichtsträchtigen, durch
ihren Erfolg "bestätigten" Idee zu, der niemand seine Anerkennung
versagen könne. Drittens verschwendet er - wie alle Historiker
und Politiker - auch keinen Gedanken mehr darauf, wem die Ver-
wirklichung der Ideen was gebracht und gekostet hat. Kurz: Vom
Standpunkt gewordener Nationen aus wird ganz nobel übersehen, daß
die Kritik an unerträglichen "Teilungen" die Geschichte des Kolo-
nialismus und des Imperialismus mit den dazugehörigen Kriegen
ausmacht!
Die verbannten Strophen
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Wer die T e i l u n g von existenten Staaten bedichtet und nach
ihrer E i n i g k e i t seufzt, wer ihnen einen untragbaren
Mangel an F r e i h e i t attestiert und sich auch darauf einen
Reim macht, der hat sich zum Anwalt des Glücks gemacht aber eben
des Glücks seiner jeweiligen oder erträumten Obrigkeit. Der weiß
aber auch, daß nicht er selbst und seinesgleichen diesem Glück im
Wege stehen, sondern andere Staaten, die über genauso viele
dichtende und trachtende Nationalidioten gebieten. Er kommt also
auch nicht umhin, im wahrsten Sinne des Wortes i m p e r i a-
l i s t i s c h zu t r ä u m e n. Entrückt von den aktuellen
Leiden und Bedürfnissen seiner Zeitgenossen, vielleicht sogar von
seinen eigenen, minder poetischen Drangsalen, subsumiert er sich
und "uns alle" unter das Streben, die Hindernisse des Vaterlands
wegzubringen. Dergleichen findet sich in der inkriminierten
ersten, wie in der selten gesungenen zweiten Strophe, deren
dichterische Qualitäten nicht hoch genug eingestuft werden
können.
Als p o l i t i s c h e G e m ü t s m e n s c h e n - und
nichts anderes als diesen Widerspruch wollen n a t i o n a l e
D i c h t e r darstellen - sind die Schelme von der Reimfront
aber auch stets Zeugen von minder ausgeprägtem Vaterlandssinn.
Allen, die noch nicht, ihren Geist zugunsten der Instanzen EuRuF
aufgegeben haben, widmen sie ihre Verse - und erinnern sie daran,
daß sie sich mit ihrem Vaterlande nicht nur einen Auftrag, son-
dern auch ihre ganz a u s g e z e i c h n e t e E i g e n a r t
eingehandelt haben. Das Lob des Landsmannes, derer, die derselben
Obrigkeit unterstellt sind, zeiht alle, die unter derselben Fuch-
tel stehen und sich "deswegen" um ihre Nation sorgen sollen, der
vorzüglichsten Eigenschaften, die je unter der Sonne gesehen wur-
den. Diese Abteilung der poetischen Vaterlandsliebe, der metri-
sche Rassismus, findet sich in der harmlosen zweiten Strophe.
Ihre dichterischen Qualitäten waren freilich ebensowenig wie die
der ersten ausschlaggebend für jene Jury, die nicht einem gerade
besiegten, sondern einem neuen Nationalismus eine Hymne verpaßt
hat und "nur" die dritte Strophe passieren ließ. Wir wollen es
uns aber nicht so einfach machen wie die Väter des kastrierten
Deutschlandlieds, die wegen der DDR auf Einigkeit etc. machen
durften - die Teilung der W e l t geht nach US- und NATO-Ge-
sichtspunkten durch unsere Nation -, aber nicht auf "über alles".
Heute, da sich der Bündnisauftrag der Nation auf Rechte und Frei-
heiten erstreckt, vor denen mancher Neger und Russe erschreckt,
wird ja wohl der Opportunismus von damals - da geschichtlich
überholt - einer objektiven Literaturbetrachtung weichen dürfen!
Die erste Strophe
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versetzt den Leser bzw. Sänger in die Problemsituation, inmitten
einer Vielfalt von Bedürfnissen und Neigungen Präferenzen zu er-
mitteln. Genaugenommen interessiert den Dichter die Frage: Wem
billigen wir den obersten Rang in der Hierarchie unsere Anliegen
zu? Zur Bekräftigung seiner Entscheidung wiederholt er sie:
"Deutschland, Deutschland übe alles..." Allerdings gibt er, so
selbstverständlich und jeder weiteren Begründung enthoben er sei-
nen Vorschlag geltend machen will, eine c o n d i t i o s i n e
q u a n o n an, die für die Realisierung des "Programms
Deutschland" erfüllt sein muß - den s o z i a l e n F r i e-
d e n! Denn selbst eine unbefangene Auslegung des
"Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält"
im Sinne von "immer wenn", "solange wie" kann den konditionalen
Gehalt der unschuldigen Temporalkonjunktion nicht lange verber-
gen. Verbergen will der deutsche Hoffmann auch nicht den finalen
Sinn des Adverbs "brüderlich" - der Modus ist nicht zweckfrei:
"z u Schutz und Trutze" ist Zusammenhalt geboten, an
V e r t e i d i g u n g ist gemahnt, in ihrer ganzen Zwie-
schlächtigkeit. Nicht nur Schutz, auch T r u t z - lautet die
Absage an jeglichen Pazifismus. Fallersleben hat hier der
S o l i d a r i t ä t i m K a m p f e ein Denkmal gesetzt, was
den Einfluß eines Blatts verrät, das ihm von Uhland zugesandt
worden war, mit dem ersten Entwurf von "Ich hatt' einen Kamera-
den...".
Insgesamt geht es hier um nichts weniger als um die Warnung vor
I r r w e g e n d e s N a t i o n a l i s m u s: Hoffmann
zweifelt nicht am Willen zu Deutschland, verkennt aber auch nicht
die Gefahr, die in einer Einstellung liegt, welche alles zum
Null-Tarif für käuflich erachtet. Deshalb weist er auch - der
Leuchtturm von Helgoland hat bei der Schärfung seines Blicks si-
cher keine geringe Rolle gespielt - auf das umfangreiche Pensum
hin, welches solidarische Vaterlandsliebe erst noch zu bewältigen
hat, was ihm - Dichter sind auch Lehrer - hoch anzurechnen ist:
"Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt"
1841 ein bombastisches Programm, pädagogisch vollauf geeignet,
die Größe der Mission vorstellig zu machen! Und dennoch: Auch da-
mals hätte dem Dichter Deutschlands schon auffallen müssen, daß
der Belt sich wie eine Zurücknahme von "Welt" in der zweiten
Zeile ausnimmt. Heutigen Politikern im Umkreis der Vertriebenen-
verbände gleich, opfert er den B e g r i f f vom Anspruch der
Nation (den er ja kennt!) dem griffigen B i l d eines erneut
begrenzten Territoriums, ganz als würde die Lust auf den Alto
Adige den Freiheitsdurst des Vaterlands stillen! Hier scheint ihm
überhaupt die historische Situation in den Rücken gefallen zu
sein, insofern als er die (herzustellende) Größe Deutschlands mit
dessen territorialer Größe ineins setzte. Ein folgenschwerer Lap-
sus, der auch seine literarischen Folgen zeitigen mußte: die Al-
literation Maas-Memel war in seinem Nord-Süd-Dialog nicht mehr
durchzuhalten...
Die zweite Strophe
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nimmt von solchen Halbheiten gründlich Abschied. Der Dichter ent-
schlägt sich jeglicher Form pädagogischer und verkürzter Verein-
nahmung. Er weiß, daß er letzlich gar nicht gezwungen ist, über-
zeugungskräftige Ziele anzubieten. Seiner Sache sicher, koket-
tiert er mit dem Zweck und Ideal des Gedichts als anaphorisch in-
strumentalisiertern Attribut:
"Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang"
Als wollte er mit diesen schlichten neun Worten ein für alle Mal
den Chianti, der Polin Reiz, den Tequila und das Wolgalied Lügen
strafen, verzichtet er auf jeden Vergleich. "Deutsch" - das ist
für ihn ein e n t s c h i e d e n e r Vergleich! Wie schade,
daß dergleichen nur in der Kunst gelingt - wenn diese Methode po-
pulär, jedem verfügbar und begreifbar gemacht werden könnte. Als
Helmut Kohl jüngst sein Lob über die deutsche Frau zum besten
gab, erntete er durchaus Hohn und Spott. Und die "deutsche Welle"
sollen manche Chinesen noch nicht einmal vom Hörensagen kennen!
Hinzu kommt, daß Hoffmann ein feines Gespür für die Nutzlosigkeit
t h e o r e t i s c h e r Vergleiche beweist, die nur zum
Selbstgenuß aufgestellt werden. Er dringt gerade wegen seiner
Überzeugung von der Überlegenheit deutscher Ware darauf, daß i n
d e r W e l t dem Tatbestand gebührend Achtung gezollt wird.
Dort, ü b e r a l l, sollen Frauen, Treue, Wein und Sang made
in Germany ihre Wirkung tun. Wohltuend, wie sich solche Botschaft
abhebt von den albernen Losungen eines Rudi Schurike, der ohne
weitere Denomination "Frauen und Wein" gefordert hat und ab und
zu auch für "Florentinische Nächte" eingetreten ist!
Leider zeichnet sich aber auch in dieser herrlichen Strophe, die
von demselben Optimismus geprägt ist wie das Lied der Landser im
2. Krieg ("Weil du ein deutsches Mädel bist, hab' ich dich
lieb...") ein Körnchen Sorge ab. Sie faßt sich zusammen, diese
Sorge, in dem Wörtchen "sollen":
"S o l l e n in der Welt behalten..."
Es ist schon etwas Trauriges im Nationalismus, auch in der Dich-
tung. Maßlos die Ansprüche, grenzenlos bereit die Fans -
"Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang" -,
Wein, Weib, Gesäng und überhaupt alles steht in der richtigen
Uniform zur Verfügung: und dennoch bleibt d a s Glück ein Sol-
len. Das muß dann doch an der T e i l u n g liegen, der von
Deutschland, Europa und der Welt. Nationen werden immerzu samt
ihren Dichtern unglücklich, weil sie k e i n e Singles sind.
Nicht ü b e r a l l e s gehen. Tragisch, und gar nicht unge-
fährlich...
Zusammenfassung:
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Das miserable Gedicht ist für eine Nationalhymne genau das Rich-
tige, insbesondere dann, wenn man die positiven und negativen
Seiten abwägt.
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