Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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1982 - WAR DAS EIN JAHR
Alles ist eingetroffen, was das Jahr versprochen hat. Die Prophe-
ten, vom Bundeskanzler über die Pfaffen bis zum modernen Nostra-
damus, hatten es leicht, ihre Vorhersagen zu treffen. Die
Aussichten für das "Krisenjahr" 1982 standen von vornherein fest.
Weil die segensreiche freie Marktwirtschaft streng nach den
Gesetzen der Vermehrung des Eigentums läuft und die Politiker
diese gerade bei abnehmendem Wachstum und vielen Pleiten streng
absichern, wurden die Massen der Nichteigentümer immer
arbeitsloser und gehörig ärmer. Weil der deutsche Staat die
Vorwärtsverteidigung des westlichen Bündnisses bitter ernst nimmt
und sich nicht auf den von selbst überzeugenden Wert 'Freiheit'
verläßt, wurde weiter tapfer aufgerüstet und dafür das Volk noch
einmal ein Stück ärmer gemacht.
"Wir haben etwas zu verteidigen, was mehr ist als Lebensstandard
und Wohlstand, nämlich die Freiheit." (Stücklen, Januar 82)
In Krisenzeiten und Vorkriegszeit wird alles Materielle bei
denen; die es eh nur verfressen und verjubeln, für eitel Gut er-
klärt, und vor dem Eisernen Vorhang zu leben, soll der Wohlstand
überhaupt sein. Da ist eine starke politische Hand verlangt, und
dementsprechend wurden die Herrschaften in Bonn immer frecher.
Ihr Anspruchsdenken, mit der Macht frei walten und schalten zu
können und sich von keiner Volkssouveränität hineinreden zu las-
sen, nahm gehörig zu. 1982 wird gut "wenn wir unsere Kräfte zu-
sammenfassen, wenn wir keine übertriebenen Ansprüche stellen" er-
klärte der Bundeskanzler zu Beginn dieses Jahres. Genauso ist es
dann auch gekommen. Die Regierung hat die Kraft der Macht walten
lassen, die Regierten haben die verlangten Opfer gebracht, 1982
gab es keine Sensationen, dafür aber ganz viel Sanktionen.
Haushaltslöcher
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noch und nöcher wurden gestopft, Löcher im Haushalt des Staats,
versteht sich; denn während die Haushalte der Leute noch viel
knapper gehalten werden können - man denke nur an die Nachkriegs-
zeit - brauchte der Staat eine Finanzsanierung nach der anderen,
während er seine Schulden weiter aufstockte. Dem Volk wurde der
"Wille zur Vernunft" nicht scheibchen- sondern scheibenweise bei-
gebracht. Mit der "Enttabuisierung des sozialen Netzes" im Etat
'82 fing die praktische Klarstellung an, daß das soziale Netz
bisher eigentlich ein einziger Mißbrauch am Volkseigentum gewesen
sei: Kürzungen bei der Sozialhilfe, beim Arbeitslosengeld, im
Krankenhausbereich, am Kindergeld - Steuererhöhungen bei Tabak
und Branntwein; Erhöhung der Sozialabgaben. Bis zur nächsten
Sparaktion aus Bonn wurde man mit der selbstverständlich weiter-
laufenden Verteuerung von Gas, Strom, Heizöl, Benzin, Wohnen,
Straßenbahn, Kleider und Essen verwöhnt. Im Sommer dann der Nach-
schlag. In der Operation '82 wurde den Betroffenen auf allen Ebe-
nen, wo sie angeblich noch etwas entbehren können, ein Stück Le-
bensstandard weggeschnitten. Der Begriff "Leistungen des Staats",
der für sich schon eine Lüge ist, weil Renten-, Kranken- und Ar-
beitslosenversicherungen aus dem Geld der Einzahler bestehen,
wird für gefährlich erklärt. Leisten soll nicht der Staat etwas,
sondern die Leute selbst, wenn sie sich schon immer weniger lei-
sten können. Der Generalzeigefinger des Jahres für die Verpflich-
tung auf immer neue Opfer war die
Arbeitslosigkeit
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Der eigentliche Verursachen der Krise wurde dingfest gemacht:
allgemeine Volksverwöhnung.
"Gut, man lebt nicht allein für die Arbeit - aber doch von der
(tunlichst eigenen) Arbeit. In der gegenteiligen, auf Allimenta-
tion durch andere spekulierenden Haltung steckt tatsächlich der
Kern für ökonomische Krisen. Sehenden Auges stolperten wir in sie
hinein, sofern sich diese Mentalität noch ausbreitet." (Ein Wirt-
schaftsfachmann in der Süddeutschen Zeitung)
Eine passende Unverschämtheit, wo die Arbeitslosen zunahmen an
Zahl, weil Unternehmer sie entließen, die Zumutbarkeit der Arbeit
gesteigert, das Arbeitslosengeld gehörig gesenkt wurde! Arbeits-
losigkeit war das ganze Jahr über kein Anlaß, sie vermindern zu
wollen, geschweige denn, den Arbeitslosen zu helfen. Die Millio-
nen Arbeitslosen wurden dem Staat zusehends immer mehr zu teuer -
also machte er sie billiger und williger für jeden Scheiß-Job,
den es aber auch nicht mehr gab. Unter dem Titel Beschäftigungs-
programm wurden Kapitalisten und Grundbesitzer gefördert, ohne
daß man daran Zweifel aufkommen ließ, daß damit die Arbeitslosen-
zahlen weiter steigen würden. Arbeitslosigkeit wurde vielmehr zum
Propagandamittel Nr. 1 ausgebaut, neben 'Krise', was so ungefähr
dasselbe bedeuten soll - "Denk an die Arbeitslosen, bring Dein
unser aller Opfer und halt die Klappe!" Diesem Gebot der Stunde
folgend erkämpfte der DGB seinen Mitgliedern die zweite offi-
zielle Lohnsenkung, während die Unternehmer in ihren Preissteige-
rungen weiter Stabilität bewiesen. Selbstverständlich stiegen die
Arbeitslosenzahlen auch bei Lohnsenkung und Preissteigerung wei-
ter, denn mit geringeren Kosten und steigenden Erträgen läßt sich
vortrefflich sanieren und rationalisieren.
Gewerkschaftliche Erfolge
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gab es trotzdem zu vermelden: Jede Woche eine gelungene Trauer-
veranstaltung für ermordete Arbeitsplätze. Trotz Austrittswelle
immer wieder fähiger Nachwuchs für ausscheidende Gewerkschafts-
führer. Und endlich einmal eine durch und durch konstruktive Ver-
wendung der Streikgelder - für die Sanierung der Geschäfte der
Neuen Heimat.
Die Fußball-WM
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also das Feld, wo neben den entscheidenden Auseinandersetzungen
der Konkurrenz der Nationen um Macht und Einfluß in der Welt im
Sport der Wettkampf der Nationalitäten stattfindet, woran das ge-
deckelte Volk sich im Falle des Sieges so richtig frei begeistern
darf, war diesmal nur sehr zum Teil ein Genuß, wenn man schon so
blöd war, Deutschland unbedingt und möglichst auch noch glänzend
siegen sehen zu wollen. Zwar wurde die schmachvolle Niederlage
gegen ein Entwicklungsland, das Defensivbündnis mit dem neutralen
Österreich und seine Schieberei auf dem Rasen durch die erfolg-
reiche Schlacht gegen Frankreich ein wenig ausgeglichen für den,
der das wollte - aber letzlich kamen die deutschen Fans doch
nicht auf ihre Kosten. Das kommt halt davon, wenn man sonst jede
unangenehme Maßnahme seiner Herrschaft, des Arbeitgebers ein-
steckt und dann ausgerechnet mit Siegen der Nationalmannschaft
entschädigt werden will. Das geht nicht einmal in Deutschland und
ist obendrein noch reichlich trostlos.
Skandale
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fanden sonst keine statt, höchstens noch der, daß das ZDF die Un-
verschämtheit besessen hat, den "Kottan ermittelt" ins Programm
zu nehmen. Die Kenner des Zuschauerverhaltens hätten doch wissen
müssen, daß sie ihr deutsches Publikum inzwischen so verblödet
haben, daß es die harmlosen Späße des Kottan entweder nicht ka-
piert (Intellektuelle eingeschlossen) oder lieber einen anständi-
gen Kommissar - auch nicht den Schimanski - sehen will, weil das
so unterhaltend ist, wenn der Böse dann geschnappt ist. Die ande-
ren (Parteien-)Skandale sind endgültig keine mehr. Ob Partei-
enspenden oder Bestechungsgelder durch Flick - die Politiker ma-
chen der beobachtenden Welt klar, daß die eigentliche Unver-
schämtheit darin besteht, so etwas als unmoralische Machenschaft
aufzudecken. Man darf doch nicht das Recht gegen seinen Arbeitge-
ber, den Staat, wenden. Deshalb wurde überlegt, ob man nicht die
Immunität der Parteien und Abgeordneten gesetzlich gegen solche
Angriffe schützt, mit neuen Gesetzen. Leute, die die Verantwor-
tung tragen, müssen dafür doch frei über die entsprechenden fi-
nanziellen Mittel verfügen können. Sonst können sie ja Aufrüstung
und Verarmung des Volkes nicht ungehindert fortsetzen. Und d a s
wäre hierzulande als einziges wirklich ein Skandal.
Zwei Kriege
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fanden auch noch statt, neben den anderen (Iran-Irak, Angola,
Kambodscha...), die sowieso zur Zeit dazugehören. Auf und um die
Falklandinseln bewiesen die Briten mit prinzipieller Zustimmung
aller ihrer NATO-Brüder, daß auch wenn es sich nur um ein trost-
loses Eiland mit Schafen, Pinguinen und ein paar verrückten
Durchhalte-Landsleuten handelt, ein Krieg mit Toten und Milliar-
denkosten auf jeden Fall sein muß, weil die Ehre der Nation keine
Demütigung duldet, schon gar nicht von den Argentiniern. Bewiesen
wurde auch, daß konventionelle Kriege unterhalb der Atomschwelle
auch für zivilisierte Atommächte immer eine naheliegende Lösung
sind. Deshalb wurde und wird auf diesem Gebiet in der NATO noch
einiges für die Effektivierung der kämpfenden Truppe getan. Wi-
derlegt wurde schließlich auch, daß heute der Nationalismus des
Volkes weniger ausgeprägt wäre als früher mal. Argentinier und
Briten bangten bei dem menschenmordenden Treiben um nichts als
den Sieg und der deutsche Zeitungsleser durfte sich mitfreuen.
Eine feine Ansicht für den Fall, daß es in Deutschland so weit
ist.
In Palästina hatte sich erst gar kein Feind durch "Verletzung des
Völkerrechts" in Ungnade gebracht. Die Israelis hatten selbst be-
schlossen, ihre ungehinderte Gewaltausübung auszudehnen, und
überzogen deshalb den Libanon mit ihrem "Frieden für Galiläa".
Und weil bekanntlich die Deutschen, die Japaner und die Juden die
besten Soldaten sind, räumten die letzteren gründlich auf. Nach
dem Prinzip: Ein toter Palästinenser ist immer besser! produzier-
ten die Israelis so viel Leichen, daß der Rest der PLO nurmehr
durch Abhauen auskommen konnte. Jeder tödliche Fortschritt der
Israelis wurde mit Einwänden der USA begleitet - bis dann der Li-
banon fest in westlicher Hand war und nur noch ein paar Hundert
mutmaßliche Terroristen umgebracht werden mußten.
Die Wende
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der bundesdeutschen Politik wurde inszeniert unter großem Aufwand
an liberaler Ideologie. Praktisch machte dies Kohl zum Kanzler,
und gegenüber dem sorgenvollen Begutachten des Schicksals der FDP
bleibt festzuhalten, daß es für Genscher immer noch gelangt hat,
an der Macht zu verbleiben. Die Wende wurde aber auch inszeniert
unter großem Aufwand an Verratsideologien, die ebenfalls prakti-
schen Lohn erbrachten. Ausgezahlt haben sie sich zunächst in Hes-
sen: Dort ergaben sich in den Wahlen wider Erwarten und zur
Freude der SPD für Börner die sogenannten "Hamburger Verhält-
nisse". Und in Hamburg wiederum ergaben sich zur Überraschung und
Freude der SPD die Abschaffung der "Hamburger Verhältnisse". So
ergab die als Wende debattierte kontinuierliche Fortsetzung der
Politik genug Stoff für die politisierte Öffentlichkeit und genug
Futter für das Interesse des "Spiegel"-Publikums. Das eben ist
das Kriterium einer lebendigen Demokratie, wenn die harten Ent-
scheidungen und Taten der politischen Gewalt als solche der Dis-
kussion und Beurteilung entzogen werden und, wenn überhaupt, nur
noch als Anhängsel der demokratischen Methode vorkommen. So gese-
hen kann auch von 1982 als einem Jahr der Krise und der Stagna-
tion wahrlich nicht die Rede sein.
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