Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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       Marxistische Gruppe Bremen, April 1984
       
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DEUTSCHLAND IM AUFSCHWUNG

Besser kann es kaum noch kommen. Die Wahl ist genauso verlaufen, wie sich das die Regierung vorgestellt hat. Kanzler Kohl strahlt über das ganze Gesicht und freut sich ehrlich darüber, daß er jetzt vier Jahre lang unbehelligt vom Volk und seinen kleinlichen Sorgen Deutschland führen darf. Sofort nach der Wahl stiegen die Aktien. Auch die Leute, die mit Aktienpaketen nichts zu tun ha- ben, dürfen hoffen. Die Politiker sagen es ihnen ja, daß der Pes- simismus in der Wirtschaft abnehmen werde: genauso wie sie versi- chern, daß die Arbeitslosenzahlen um des Aufschwungs willen noch ein Stück steigen müssen. Das sind Sicherheiten, für die man den Verantwortlichen in Bonn nur dankbar sein kann. Hat nicht Kanzler Kohl versprochen, daß er "uns alle" tüchtig 'rannehmen will? Das muß doch jeden anständigen Deutschen freuen, daß keine Unsicher- heiten mehr bestehen über den Lauf der Dinge in der Bundesrepu- blik: Jeder - bis auf diejenigen, die so schwer darunter leiden, daß ihre Investitionen immer noch zu wenig Arbeitsplätze schaffen - weiß schon jetzt, daß er morgen und übermorgen noch weniger Geld verprassen kann. Das beruhigt. Jeder weiß schon jetzt, daß im Herbst die Raketen kommen und den Russen tüchtig eingeheizt wird. Das stärkt das Selbstbewußtsein - Billiglohnempfänger, Ar- beitslose, Rentner und Sozialhilfeempfänger, auch Kranke, die auf teure Pillen verzichten, weil das Gesetz diese zum Luxus erklärt, können Genugtuung darin finden, daß "ihre" Nation auf den Putz haut. Vorkriegszeiten haben eben auch ihr Gutes: Jedes Interesse der nicht für das Wachstum Verantwortlichen wird praktisch für eitel Gut erklärt. So werden ungute Verwöhnungen aus der Welt ge- schafft, damit die Nation und ihre geistige Führung sich frei be- dienen und frei schalten und walten kann. Die dafür noch weiter erforderlichen Schritte der Bonner Führung sind schon beschlos- sen, damit dann die nächsten folgen können. Ordnung ------- kann es gar nicht genug geben. Zu "schweren Zeiten" haben alle zusammenzuhalten, damit sie dann nichts davon haben. Im Kampf ge- gen den bösen Osten, der sicher auch deutsche Arbeitsplätze ge- fährdet, ist die Einheit der Nation gefordert. Besserwisser, Leute, die die Frechheit besitzen, auf ihrer eigenen Meinung zu bestehen, gar Kritiker und Demonstranten vergiften da nur das na- tionale Klima. Wer an der ach so menschenfreundlichen Nation Kri- tik übt, dafür aber nicht gleich sein Bild bei der Rasterfahn- dungsstelle abgibt, macht sich verdächtig. "Zu einem freien Bür- ger gehört ein offenes Gesicht", sagt der oberste Freie, Kanzler Kohl, und sein Kettenhund im öffentlichen Dienst, der Zimmermann, setzt durch, daß bei Demonstrationen auch jeder photographiert werden kann. Die eigentlich legitimierten Demonstrationen freier Meinungsäußerung sind eben nur die, wo das Volk seinem Kanzler zujubelt oder die erste Aufstellung der Mittelstreckenraketen feierlich begeht. Geschützt werden muß ja der Bürger vor unver- besserlichen Nörglern. Die höchste Freiheit ist die Gleichschal- tung aller Untertanen mit ihrer lieben Führung. Das Schöne an diesen feststehenden ordnungsstiftenden Maßnahmen ist, daß so ge- tan wird, als fände zwischen FDP und Union ein Streit um die Sa- che statt. Etwa so: Wenn die Union auf die bundesweite Anordnung der Bezahlung jeder Demonstration durch die Teilnehmer verzich- tet, verzichten die Liberalen auf ihre Bedenken gegen die Ver- schärfung des Demonstrationsrechts, während für eine verbesserte Filzung des öffentlichen Dienstes nach feigen Verfassungsfeinden noch ein Kompromiß gefunden werden muß. Sicherheit ---------- ist endgültig so ganz unteilbar gemacht worden. Wenn die Sozial- demokraten mit Aufrüstung und Entspannung erfolgreich den Osten zum Nachgeben bewegt haben, so gilt das heute als schlappe Phase deutscher Sicherheitspolitik. Kohl hat sich seine Wählerstimmen für die Aufstellung der Mittelstreckenraketen geholt, und Reagan freut sich, daß er sein Billionen-Aufrüstungsprogramm mit einem deutschen Kanzler durchsetzen kann, der ohne Zusatz schwächlicher Entspannungsphrasen eindeutig beteuert, was in der NATO nichts Neues ist: Die Russen verstehen nur eine Sprache, die der westli- chen Stärke. Also sind die Zeiten vorbei, da man so tat, als leide die BRD unter amerikanischen unberechenbaren überzogenen friedensgefährdenden Programmen. Jetzt hetzt der bedeutende Frontstaat BRD die USA dazu auf - was die nicht nötig haben, aber bemerkenswert ist - gegen die Russen in Genf einen Zahn zuzule- gen. Zu den Fortschritten im Kampf gegen das "Reich des Bösen" entdecken deutsche Politiker die nationale Chance, wieder an die deutschen Ostgebiete und echte Wiedervereinigung denken zu kön- nen, anstatt wie bisher Ostpreußen unter dem Titel friedlicher Einigung zu gedenken. Glaubt denn noch jemand, daß das ohne Ge- walt überhaupt geht? Wofür ist denn wohl die Einführung der Wehr- kunde in die schulischen Lehrpläne gut? Geistige Aufrüstung des Volks gehört auch dazu. Wachstum -------- ist aber nicht nur bei den Waffenarsenalen und bei der soldati- schen Gesinnung der Deutschen beschlossene Sache. Damit das Kriegszeug alles angeschafft werden kann, soll es auch mit der deutschen Wirtschaft wieder aufwärts gehen. Dafür, daß Deutsch- land die wegen der westlichen Aufrüstung unvermeidliche Krise besser besteht und verwaltet als andere Länder, sind die nationalen Voraussetzungen ausgezeichnet. Daß nur die Unternehmer das Wachstum befördern können, steht fest. Daß man deren Investitionen nicht mit der Schaffung von Arbeitsplätzen verwechseln darf, auch. Die Unternehmer können also so weitermachen wie bisher - sie kalkulieren, ob sich's lohnt. Den minderbemittelten Mitgliedern der Gesellschaft kommt die Pflicht zu, mit noch weniger Geld die Kunst des Einteilens zu üben. Arbeitslosen, Rentnern und Kranken wird genommen, wofür sie sich versichert haben. Eine Grenze dieser Einsparungen des Staates gibt es nicht, weil der Mensch ja nicht vom Brot allein lebt. Azubis dürfen wieder länger, nachts und für weniger Geld arbeiten, weil das Arbeitgeber reizt, so billiges Arbeitsmaterial einzustellen. Das Heer derer, die noch Arbeit haben und denen der Staat die Geldbörse von überflüssiger Fülle befreit, betreut zusätzlich der deutsche Gewerkschaftsbund, indem er verant- wortungsvoll allgemeine Lohnsenkungen erkämpft, bzw. so tut, als würde er Forderungen durchsetzen wollen. Für dieses "Gewürge", wie es Loderer nennt, dürfen Arbeiter und Angestellte in der Mittagspause warnstreiken, damit die Lohnsenkung mit Mobili- sierung der Betroffenen über die Bühne geht. "Die Deutschland aufgebaut haben", sind auch in der Vorkriegszeit variabel genug, nicht auf Opfer zu verzichten. Ob ein wirtschaftlicher Aufschwung kommt, ist ziemlich unsicher. Es reicht ja auch, wenn Kohl mit solchen Sprüchen seine Wahl ge- winnt und die Leute die allgemeine Botschaft verstanden haben. Wenn für Deutschland der Aufschwung kommen soll, dann haben die Deutschen die Schnauze zu halten, die Raketen zu begrüßen und ihr Interesse bei der Führung in Bonn abzugeben. Aufgepaßt, liebe Leute! Worauf läuft das alles wohl hinaus? Oder sollte das schon gar keine Frage mehr sein? Die Vorteile der Demokratie liegen auf der Hand. zurück