Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 7, 12.01.1983
1982 - WAR DAS EIN JAHR
Haushaltslöcher
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noch und nöcher wurden gestopft, Löcher im Haushalt des Staats,
versteht sieh; denn während die Haushalte der Leute noch viel
knapper gehalten werden können - man denke nur an die Nachkriegs-
zeit - brauchte der Staat eine Finanzsanierung nach der anderen,
während er seine Schulden weiter aufstockte. Dem Volk wurde der
"Wille zur Vernunft" nicht scheibchen - sondern scheibenweise
beigebracht. Mit der "Enttabuisierung des sozialen Netzes" im
Etat '82 fing die praktische Klarstellung an, daß das soziale
Netz bisher eigentlich ein einziger Mißbrauch am Volkseigentum
gewesen sei: - Kürzungen bei der Sozialhilfe, beim Arbeitslosen-
geld, im Krankenhausbereich, am Kindergeld - Steuererhöhungen bei
Tabak und Branntwein; Erhöhung der Sozialabgaben. Bis zur näch-
sten Sparaktion aus Bonn wurde man mit der selbstverständlich
weiterlaufenden Verteuerung von Gas, Strom, Heizöl, Benzin, Woh-
nen, Straßenbahn, Kleider und Essen verwöhnt. Im Sommer dann der
Nachschlag. In der Operation '82 wurde den Betroffenen auf allen
Ebenen, wo sie angeblich noch etwas entbehren können, ein Stück
Lebensstandard weggeschnitten. Der Begriff "Leistungen des
Staats", der für sich schon eine Lüge ist, weil Renten-, Kranken-
und Arbeitslosenversicherungen aus dem Geld der Einzahler beste-
hen, wird für gefährlich erklärt. Leisten soll nicht der Staat
etwas, sondern die Leute selbst, wenn sie sich schon immer weni-
ger leisten können.
Gewerkschaftliche Erfolge
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gab es trotzdem zu vermelden: Jede Woche eine gelungene Trauer-
veranstaltung für ermordete Arbeitsplätze. Trotz Austrittswelle
immer wieder fähiger Nachwuchs für ausscheidende Gewerkschafts-
führer. Und endlich einmal eine durch und durch konstruktive Ver-
wendung der Streikgelder - für die Sanierung der Geschäfte der
Neuen Heimat.
Die Polen
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waren, vor allem nach Einführung des Kriegsrechts dort, eine
Spitzengelegenheit, die ganze Wucht der Gewalt der westlichen
Freiheit und ihrer Propaganda in Stellung zu bringen. Dort ist
alles ganz anders als hier. Anders als hier, wo das Volk keinen
Grund haben soll, mit seinen Herrschaften nicht einig zu sein,
weil diese ihm ja so nützliche Güter wie Ordnung auf demokratisch
und materielle Opfer freimarktwirtschaftlich verschaffen. Das
Volk der Polen soll dagegen ganz zu Recht ein Volk von Freiheits-
kämpfern sein, weil es ja von Kommunisten regiert wird Auf die
Gründe für die wirtschaftliche Ruinierung Polens - durch Osthan-
del und Kredit wurde die polnische Planwirtschaft planmäßig so
benutzt und zerstört, daß für die Polen nichts mehr übrig blieb -
kam es bei dem Feldzug der Freiheit gegen die kommunistische Un-
freiheit natürlich nicht an. Alle antikommunistischen Vorurteile
- Mißwirtschaft, Volk macht nur gezwungenermaßen mit, lauter Ter-
ror - kamen frisch auf den Tisch. Von links bis rechts verlangten
so ziemlich alle eine härtere Einmischung in die polnischen Ange-
legenheiten. Ihnen waren Sanktionen gegen Polen und die Sowjet-
union gleich dazu noch nicht genug. Sie träumten schon wieder
davon, den Polen ihre Freiheit gleich mit gewaltsameren Mitteln
zu überbringen. Da aber die Herrschaften des Freien Westens nicht
zu "Überreaktionen" neigen, sondern die Daumenschrauben gegen den
Ostblock langsam aber sicher anziehen, bekamen die lieben Polen,
die vorgestern noch Polacken hießen, die Freiheit nur päckchen-
weise rübergesehickt. Daß es dabei nicht um die Versorgung der
Polen ging, zeigte schon die Überlegung, was dem System drüben
mehr schadet. Päckchen, die aber vielleicht den Niedergang der
polnischen Versorgungslage noch aufhalten, oder keine, damit die
Polen sich noch mehr gegen ihre Regierung empören müssen, oder
doch Päckchen, weil deren Inhalt doch den Wert westlicher Frei-
heit versinnbildlicht. Mit Wirtschaftssanktionen und Aufrüstungs-
anstrengungen zeigte die Freiheit dem Osten, daß der Reale Sozia-
lismus unwertes Leben ist.
NATO-Gipfel
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war in Bonn, Kriegsrat der NATO. Für die Bundesrepublik ein Höhe-
punkt ihres Glanzes als Frontstaat des freien Westens. Bis auf
einen Zwischenruf Hansens während der Rede des US-Präsidenten im
Bundestag gab es keine Mißtöne. 100 000 Friedensbewegte auf den
Rheinwiesen demonstrierten nämlich nur die Feier ihrer untertäni-
gen Friedensliebe, ihre Friedlichkeit, und n i c h t g e g e n
das, was die auf dem Gipfel wieder ausheckten. Dort wurde auf den
totalen Einsatz von Wirtschaft, Land und Leuten für die unver-
zichtbare Abwicklung der NATO-Offensive gegen den Osten wert ge-
legt. Dort wurde das Ende der Entspannung mit dem Angebot an die
Sowjetunion unterstrichen, sie solle gefälligst ihre SS20, ihre
landgestützten Raketen, also was ihr wesentliches Abwehrmittel
bedeutet, abbauen. Und ohne Verhandlungen darüber noch abzuwar-
ten, wird beschlossen, wo es nur geht, in Sachen Aufrüstung zuzu-
legen:
"... erfordert dies ständige Anstrengungen seitens aller Bünd-
nispartner zur Verstärkung ihrer Verteidigungsbereitschaft und
militärischen Stärke. Unsere Länder verfügen über die dazu erfor-
derlichen Mittel."
Wie man sieht, ja!
Zwei Kriege
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fanden auch noch statt, neben den anderen Iran-Irak, Angola, Kam-
bodscha ...), die sowieso zur Zeit dazugehören. Auf und um die
Falklandinseln bewiesen die Briten mit prinzipieller Zustimmung
aller ihrer NATO-Brüder, daß auch wenn es sich nur um ein trost-
loses Eiland mit Schafen, Pinguinen und ein paar verrückten
Durchhalte-Landsleuten handelt, ein Krieg mit Toten und Milliar-
denkosten auf jeden Fall sein muß, weil die Ehre der Nation keine
Demütigung duldet, schon gar nicht von den Argentiniern. Bewiesen
wurde auch, daß konventionelle Kriege unterhalb der Atomschwelle
auch für zivilisierte Atommächte immer eine naheliegende Lösung
sind. Deshalb wurde und wird auf diesem Gebiet in der NATO noch
einiges für die Effektivierung der kämpfenden Truppe getan. Wi-
derlegt wurde schließlich auch, daß heute der Nationalismus des
Volkes weniger ausgeprägt wäre als früher mal. Argentinier und
Briten bangten bei dem menschenmordenden Treiben um nichts als
den Sieg und der deutsche Zeitungsleser durfte sich mitfreuen.
Eine feine Aussicht für den Fall, daß es in Deutschland so weit
ist.
In Palästina hatte sieh erst gar kein Feind durch "Verletzung des
Völkerrechts" in Ungnade gebracht. Die Israelis hatten selbst be-
schlossen, ihre ungehinderte Gewaltausübung auszudehnen, und
überzogen deshalb den Libanon mit ihrem "Frieden für Galiläa".
Und weil bekanntlich die Deutschen, die Japaner und die Juden die
besten Soldaten sind, räumten die letzteren gründlich auf. Nach
dem Prinzip: Ein toter Palästinenser ist immer besser! produzier-
ten die Israelis so viel Leichen, daß der Rest der PLO nurmehr
durch Abhauen auskommen konnte. Jeder tödliche Fortschritt der
Israelis würde mit Einwänden der USA begleitet - bis dann der Li-
banon fest in westlicher Hand war und nur noch ein paar Hundert
mutmaßliche Terroristen umgebracht werden mußten. Die Verhandlung
über den schuldigen Anstifter zu dieser berechneten Aktion läuft
noch. - Überhaupt die Israelis. Wegen ihrer gnadenlosen Ab-
schlachterei jedes mutmaßlichen Terroristen (ist gegeben, wenn
ein Palästinenser im Flüchtlingalager lebt) darf man nicht von
Völkermord reden und Begin nicht als Führer der "Endlösung" be-
zeichnen. Wenn jemand aber "Türkensau" an die Wand malt, braucht
er nichts Großes zu befürchten. Das liegt daran, daß die Juden
immer noch zur deutschen Vergangenheitsbewältigung zählen.
Ein Wirtschaftskrieg
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ist an verschiedenen Fronten eröffnet worden. Gemeinsam forcierte
der Westen gegen den Osten seine Embargopolitik. Den Auftakt bil-
deten die amerikanischen Sanktionen gegen das europäisch-sowjeti-
sche Erdgasröhrengeschäft. Dann einigte man sich darauf, die
enormen Vorteile aus diesem Geschäft doch noch mitzunehmen und
die Wirtschaftsbeziehungen zum Osten umfassender und gezielter
nur noch als Waffe einzusetzen. Außerdem ist Wirtschaftskrieg und
Kriegswirtschaft sehr kostspielig, deshalb führten ihn die Ver-
bündeten auch untereinander. Die Japaner sind durch den Fleiß
deutscher Auto- und Fernsehbauer schon ganz schön aus dem Feld
geschlagen worden. Der deutsche Stahl läßt sich durch die ameri-
kanische und französische Konkurrenz nicht kleinkriegen. Schließ-
lich zeichnet sich deutsche Wertarbeit dadurch aus, daß sich
deutsche Wertarbeiter immer noch billiger und produktiver machen
lassen. Die Neger und Mexikaner sind deshalb selber schuld, wenn
sie auf billigem Öl und billigem Kaffee sitzen bleiben und nur
deswegen nicht ganz abgesehrieben werden, weil sonst westliche
Banken einige Milliarden verlieren würden. Zum Lohn für seinen
erfolgreichen Einsatz an dieser Front darf das deutsche Volk von
Arbeitslosen und Billigarbeitern auf den Rest der Welt schimpfen,
besonders die Japaner, weil sie genauso brav und fleißig sind,
für eine Bedrohung halten; schuld an allem ist natürlich der rus-
sische Erzfeind - wie gehabt.
Die Wende
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der bundesdeutschen Politik wurde inszeniert unter großem Aufwand
an liberaler Ideologie. Praktisch machte dies Kohl zum Kanzler,
und gegenüber dem sorgenvollen Begutachten des Schicksals der FDP
bleibt festzuhalten, daß es für Genscher immer noch gelangt hat,
an der Macht zu verbleiben. Die Wende wurde aber auch inszeniert
unter großem Aufwand an Verratsideologien, die ebenfalls prakti-
schen Lohn erbrachten. Ausgezahlt haben sie sich zunächst in Hes-
sen: Dort ergaben sich in den Wahlen wider Erwarten und zur
Freude der SPD für Börner die sogenannten "Hamburger Verhält-
nisse". Und in Hamburg wiederum ergaben sich zur Überraschung und
Freude der SPD die Abschaffung der "Hamburger Verhältnisse". So
ergab die als Wende debattierte kontinuierliche Fortsetzung der
Politik genug Stoff für die politisierte Öffentlichkeit und genug
Futter für das Interesse des "Spiegel"-Publikums. Das eben ist
das Kriterium einer lebendigen Demokratie, wenn die harten Ent-
scheidungen und Taten der politischen Gewalt als solche de Dis-
kussion und Beurteilung entzogen werden und, wenn überhaupt, nur
noch als Anhängsel der demokratischen Methode vorkommen. So gese-
hen kann auch von 1982 als einem Jahr der Krise und der Stagna-
tion wahrlich nicht die Rede sein.
Nicole
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war unter diesen Umständen mit ihrem europäischen Spitzenschlager
"Ein bißchen Frieden" die passende Begleitmusik in diesen schwe-
ren Vorkriegszeiten. Endlich hatte Deutschland auch auf diesem
Gebiet den wohlverdienten Sieg davon getragen, indem Nicole dem
Frieden durch Abschreckung den zeitgemäßen Entspannungsklang bei-
gab. Der Frieden soll bei jedem braven Untertanen selbst anfan-
gen, wenn der z.B. seinen Hund nicht mehr schlägt. Die dumme Göre
Nicole war auch deswegen genau richtig, weil sie extra erklärte,
nicht aktiv in der Friedensbewegung mitzuarbeiten, also mit ihrem
Friedensgesang auf keinen Fall oppositionell sein wollte, sondern
nur für Frieden. Ein weiterer Schlager von ihr bestätigt ihren
Sinn für Zeitgefühl
"Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund.
Die Sonne brennt dort oben heiß.
Wer zu hoch hinaus will, der ist in Gefahr."
Für Arbeitslose und Genscher und Kohl gleichermaßen angenehm an-
zuhören.
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