Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
zurück
Carstens und Schmidt an die Nation
"VERTRAUEN SIE NICHT DEN FALSCHEN PROPHETEN!"
Wie einfach haben es Leute, die über Macht verfügen. Im Unter-
schied zu Kommunisten, die auf nichts vertrauen können, sondern
auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen sind, daß jemand ihre
Kritik, ihre Argumente einsieht und für richtig befindet, haben
Männer der Macht schon gewonnen, bevor sie überhaupt den Mund
aufmachen. Als Verantwortliche wofür und zu wessen Segen, das ist
keine Frage genießen sie von vornherein Respekt, egal, ob sie
mufflig die erste Parlamentsdebatte verfolgen, ob sie still und
mit dem entsprechenden Aufsehen demonstrativ die deutsche Heimat
durchwandern und dabei solch tiefe Erkenntnis machen: "Ich bin
überrascht, wie viele Brot- und Wurstsorten es in der Bundesrepu-
blik gibt." (Carstens)
Besonders respektabel wirken die obersten Repräsentanten der Na-
tion, wenn sie zu Weihnachten bzw. zum Jahreswechsel über die
staatlich frei gelenkten Rundfunk- und Fernsehanstalten gleich
doppelt und dreifach in die Stube jedes Bundesbürgers kommen und
sich extra Gedanken machen. Da sprühen sie nur so von Dummheiten
und tragen in getragenem Ton angeblich ewiggültige Lebensweishei-
ten und Tugenden vor, die jeden Pfaffen neidisch werden lassen
müssen, zumal die gläubige Herde dieser staatlichen Oberhäupter
ungemein größer ist. Carstens und Schmidt legten zu dieser Jah-
reswende den Deutschen insbesondere vier hervorragende "Gedanken"
ans Herz - ohne sich abzusprechen.
I. Gürtelschnallenweisheit
--------------------------
Da seit einiger Zeit feststeht, daß dem Volk zusätzlich Opfer ab-
verlangt werden und dazu von oben die Ideologie verabreicht wird,
daß es nichts mehr zu verteilen gebe - als wenn vorher der vor-
handene Reichtum fein säuberlich an alle sortiert worden wäre -,
war es nicht verwunderlich, daß in puncto Bescheidenheit ein ern-
stes Wort gesprochen wurde. Carstens landete ausgehend von Weih-
nachten über "Besinnung" schnurstracks beim "Nachdenken", ohne
den Geist der Zuhörer über Gebühr zu strapazieren. Verlangt waren
lediglich vier Antworten mit "Nein!" und eine mit "Genau!"
"Nachdenken über sich selbst, über die Gesellschaft, über die
Welt, in der wir leben, und über die Frage, was eigentlich wich-
tig ist, ist es allein der Wohlstand? Sind es immer höhere An-
sprüche, die wir an den Staat und an die Gesellschaft stellen?
Ist es die Befriedigung aller Wünsche? Ist es ein Dasein in Ego-
ismus und Selbstbezogenheit?" - Nein, nein, nein und nochmals
nein - "ich zweifle, ob wir so zum Frieden in uns selbst kommen."
- Genau!
Der Bundespräsident zweifelt natürlich überhaupt nicht an dem,
was er seinem Volk unterjubeln will, aber der skeptische Gestus
der offenen Frage klingt besser, so als handle es sich um einen
offenen Disput zwischen Staatsmann und Bürger. Wunderbare Konse-
quenz dieser freien Aussprache die Aufforderung, zu Weihnachten
auch einmal frische Luft zu schnappen, von wegen der Behinderten,
Kinder, Spätaussiedler und Ausländer: "Sehen Sie sich einmal in
der Nachbarschaft um!"
Der Kanzler ging zu demselben Behufe noch gewiefter vor. Ver-
zichtspropaganda wollte er gar keine treiben und kam logischer-
weise bei ihr an:
"Die alte Redensart vom Gürtel, der enger geschnallt werden
müsse, die will ich nicht benutzen. Es ist auch gegenwärtig kein
Grund, von Blut Schweiß und Tränen zu reden, es ist auch kein
Grund zur Schwarzmalerei, aber" (was jetzt wohl kommt?) "wir müs-
sen einsehen, 1981 wird kein Jahr, in dem größere materielle An-
sprüche verwirklicht werden können; denn ökonomisches Wachstum
wird es 1981 in Europa kaum geben. Oder anders gesagt" (schön an-
ders gesagt: "Ansprüche müssen wir an uns selbst stellen, nicht
andere und den und nicht an den Staat."
Wenn doch diese obersten Vorbeter - Vorreiter wäre erlogen - op-
ferbereiter Unterwürfigkeit des Bürgers nicht immer in der "Wir"-
Form reden würden, sondern klar und deutlich "Ihr sollt, Ihr
müßt!" sagten. Aber nein, immer so, als säßen sie mit u n s in
einem Boot. Der Präsident gab die großartige Einsicht zum Besten,
"daß wir nicht in einer friedlichen Welt leben". Der Kanzler de-
monstrierte Beschidenheit: "Wir können den Frieden nicht garan-
tieren."
II. Friedenshetze
-----------------
Wir nicht, aber wieso eigentlich er nicht? Kam man auf die ange-
spannte Weltlage zu sprechen, verursacht dadurch, daß der Westen
dem Osten gehörig auf die Pelle rückt, war von "wir" nicht mehr
die Rede. Da wurden eigenartige Subjekte aufgefahren: "unruhiges
Jahr", "politische Zersetzung", etwas deutlicher "Afghanistan",
wofür man (die Politiker) genausowenig könne wie für die im sel-
ben Atemzug zitierten "Naturkatastrophen". Über Entspannung, die-
sem Gebilde, das offenbar ohne ihre Macher über der Welt schwebt,
meinte Schmidt sagen zu müssen,
"daß die Entspannung einem zweiten Schlag, wie dem der sowjeti-
schen Invasion in Afghanistan, nicht würde standhalten können." -
Wer bitte?
Aber dann, wenn es um Friedensliebe und Sorge um den Frieden
geht, dann sind es wieder die Politiker, "wir", die alles Erdenk-
liche tun. Man stelle sich vor, Helmut Schmidt will nach Camus'
Vorlage in diesen Zeiten einfach konservativ sein und "den Zer-
fall der Welt verhindern". Das kann ja heiter werden.
III. Verführung Minderjähriger
------------------------------
Zum Höhepunkt des Nachdenkens fanden die Staatsmänner - und wie-
der beide, als sie sich an der Jugend zu schaffen machten. Wieso
eigentlich die Jugend 1980/81 zu einem Schwerpunktthema der Anma-
che wurde, ist nicht ganz sicher zu klären. Jugend hat laut gän-
gigem Begriff zu anständigen und nützlichen Erwachsenen heranzu-
wachsen, also etwas zu lernen, wenn's soweit klappt, zu arbeiten,
falls ein Arbeitsplatz vorhanden, und ansonsten hat sie nicht
frech zu sein, weil sie will ja erst was werden und hat den Be-
weis ihrer Nützlichkeit noch zu liefern. Wieso also das Getue um
diese Heranwachsenden? Schmidt und Carstens sind doch nicht etwa
der Ideologie verfallen, daß die Jugend heute auf dem Sprung zum
Aussteigen sei? Wo sie doch einfach sieht, wie sie zurechtkommt,
Disco liebt und SPD, FDP und CDU/CSU wählt, wenn sie 18 wird?
Oder ist Carstens schon so alt geworden, daß in ihm die kindliche
Pubertät hochkommt? Vielleicht haben beide auch nur gedacht, in
einer Festrede müßten die Kleineren vorkommen, und da ist ihnen
die Spinnerei durchgegangen. Bei Papi Präsident muß man jeden-
falls den Eindruck bekommen. Erst bot er überflüssigerweise so
praktische Dinge wie Bildung und Musik an, auch Dichtung war da-
bei. Dann gab er doch tatsächlich Tips für die Gesundheit, mit
der originellen Rechnung, daß sie sich für die Jugend noch lohnt:
"Ich möchte Ihnen zum Zweiten raten, etwas für Ihre Gesundheit zu
tun. Die Lebenserwartung liegt heute bei über 70 Jahren. Sie, die
Sie jetzt 15 oder 20 sind, haben also voraussichtlich (!) noch 50
Lebensjahre vor sich. Und da macht es einen großen Unterschied,
ob Sie gesund oder krank sind" (scharf beobachtet). "Deswegen
bitte ich Sie herzlich, seien Sie im Genuß von Alkohol und Niko-
tin zurückhaltend! Treiben Sie" (nicht "nicht ab", sondern)
"Sport! Meiden Sie Drogen! Vertrauen Sie nicht den falschen Pro-
pheten" (Gesundheit!), "die Ihnen den ungehemmten Lebensgenuß als
das eigentliche Ziel hinstellen, sondern üben Sie auch etwas
Selbstdisziplin! Suchen Sie einige der Ideale zu verwirklichen
(?), die Sie in sich tragen! Seien Sie mutig, mutig nicht nur ge-
genüber den Alteren, wenn Sie eine andere Meinung haben als die
ältere Generation, sondern auch mutig gegenüber Ihren Altersge-
nossen, wenn Sie Ihnen ihre Meinung aufzwingen wollen" (wen meint
er nur?). "Bedenken Sie, daß wer laut schreit" (und kein Fernse-
hen zur Verfügung hat wie der Präsident) "im allgemeinen wenig zu
sagen (!) hat und daß ideologischer Eifer schon manche gute Sache
zerstört hat."
Das Letzte hat der Präsident nicht als Selbstkritik gemeint.
Trotzdem bleibt die Frage, gegen welche Jugendverführer der Car-
stens eigentlich anrennt. Die Jugend ist doch ganz in seinem
Sinne verdorben und vertraut doch offen oder im Herzen den
falschen Prophetien der erwachsenen Staatsmänner plus Anhang. Das
bestätigt auch der Kanzler, den Carstens vielleicht hätte vorher
fragen sollen.
"Für die Jungen möchte ich eines hinzufügen: wenn heute neue Le-
bensformen, einfachere Lebensbedürfnisse, Abkehr von materiellen
Ansprüchen den Maßstab für viele junge Menschen bilden, so soll-
ten wir Älteren das begrüßen."
Aber was soll dann die folgende, völlig überflüssige Predigt?
"Wer sich verweigert, der blockiert seine eigene Zukunft. Arbei-
ten Sie mit, daß unser Staat, daß unser, Gesellschaft an Mit-
menschlichkeit und Solidarität gewinnen."
Hoffentlich überfordert das alles nicht die heranwachsenden Teile
des Volkes. Nur drauf hören, wenn einer leise spricht, dabei we-
nig rauchen, sich von keinem andern als... seine Meinung aufzwin-
gen lassen und dabei noch mutig, ohne Droge und Blockierung an
die Zukunft denken. Ist das nicht etwas viel bei einer Lebenser-
wartung von bloß noch 50 Jahren mit ganz einfachen Lebensbedürf-
nissen?
IV. Der Jugend gehört die Welt
------------------------------
Doch "Fürchtet Euch nicht!", wie der Kanzler so biblisch be-
merkte, denn was der Präsident in vielen Begegnungen herausgefun-
den haben will: "Ich habe Vertrauen in die junge Generation."
Wenn jemand zu beneiden ist, dann ist es die Jugend. Hat sie
nicht Ideale "in sich"; hat sie nicht die Familie, "die immer
noch innigste, verläßlichste und dauerhafteste Verbindung, die
der Mensch hat", "die Großmütter, die sich ihrer Enkel annehmen"
(Carstens). Und wird das aufkeimende und größer werdende Leben
nicht geschützt durch die wehrhafte Jugend, so daß man sagen
kann, sie ist in der glücklichen Lage, sich selbst und den Frie-
den und sogar noch die Freiheit verteidigen zu können. Carstens
an seine Jungs in Uniform:
"Den Soldaten möchte ich meinen besonderen Dank aussprechen. Sie
bewahren durch ihren Dienst den Frieden. Wer seine Augen auf-
macht, kann sich der Tatsache nicht verschließen, daß dieser
Friede bedroht ist" (na, von wem wohl?). "Und wie es einem Lande
geht, das sich nicht verteidigen kann, haben wir im letzten Jahr
wieder gesehen" (Land fängt mit A an, mehr sagen wir nicht).
"Darum verdient die Bundeswehr unseren Dank und unsere Unterstüt-
zung."
Eigentlich sollte der erste Artikel des neuen Jahres zu den
Festreden der beiden obersten Chefs in Bonn nicht schon wieder
beim gepflegten demokratischen Militarismus enden. Aber was kön-
nen wir dafür, wenn der Carstens ausgerechnet zu Weihnachten
(oder gerade deshalb?) die jungen Männer mit dem staatlichen Tö-
tungsauftrag für den Frieden lobt. Dieselben, denen er ein paar
Worte vorher noch ausrechnet, daß sie noch 50 Jahre zu leben hät-
ten - ach so, er hat "voraussichtlich" dazugesagt. Vielleicht hat
er an diesem Punkt wirklich nachgedacht, der falsche Prophet in
Amt und Würden. - So wollen wir schließen, wie das der große Vor-
sitzende tat, einfach zum Nachdenken:
"Ich möchte schließen, mit einem Gruß an alle Deutschen, beson-
ders an die Deutschen im anderen Teil unseres Vaterlandes. Mit
ihnen fühlen wir uns gerade heute eng verbunden. Mein Gruß ist
Ausdruck einer brüderlichen Gesinnung, die wir trotz der uns auf-
erlegten Trennung füreinander bewahren wollen. Ich wünsche Ihnen
allen ein gesegnetes..."
zurück