Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 13, 22.04.1980
Neu erschienen
DIE BUNDESREPUBLIK 1980 -
UND WAS MARXISTEN AN IHR ZU ÄNDERN HABEN
Was wird den Lesern geboten?
1. Leser, die die Demokratie der BRD für einen zwar nicht ganz
gelungenen, aber verteidigungswerten Versuch halten, dem kleinen
Mann zu Diensten zu sein, werden in Teil 1 der Schrift mit einer
Analyse der hiesigen demokratischen Verkehrsformen bekannt ge-
macht, die die gängigen Vorstellungen darüber gründlich auf den
Kopf stellt.
Aus dem politischen Alltag der BRD im Wahljahr 1980 wird gefol-
gert, daß es in der besten aller deutschen Demokratien um den
freiwilligen Verzicht und die Unterwerfung der kleinen Leute un-
ter die reichlich rücksichtslosen Zwecke der politischen Herr-
schaft geht. Nicht nur am Wahlkampf, aber auch daran, wird ge-
zeigt, welche Freiheiten sich die gewählten Führer der Nation ge-
genüber den politischen Massen herausnehmen können. Damit ist
auch alles darüber gesagt, was im Oktober zur Wahl steht. Eine
Wahlempfehlung ist nach dieser Lage der Dinge nicht zu erwarten.
2. Leser, die die Auffassung teilen, die BRD sei wieder eine
Größe in der Welt, aber das müsse noch lange nicht bedeuten, daß
die Deutschen den amerikanischen Weg teilen, werden über die
Fortschritte aufgeklärt, zu denen es die imperialistische Macht
BRD inzwischen gebracht hat - in sehr aktiver und erfolgreicher
Teilnahme am Imperialismus der USA und von keinen Hindernissen
seitens der Massen beeinträchtigt. Lösungsvorschläge für den Ost-
West-, Nord-Süd- oder sonstigen Gegensatz in der Welt müssen aus-
bleiben.
3. Leser, die die bundesdeutsche Wirtschaft als Grundlage einer
Leistungs-, Industrie- oder Wohlstandsgesellschaft schätzen oder
kritisieren, werden in Teil II der Schrift anhand der Untersu-
chung des Alltags der arbeitenden Massen auf das Ideologische an
dieser Sicht ebenso hingewiesen wie auf die Realität, über die
diese Ideologien verkehrte Auskünfte geben. Für Mitleid mit den
Opfern, die die BRD-Ökonomie als Grundlage ihrer Stärke erzwingt,
gibt die Analyse erst recht keinen Anhaltspunkt. Stattdessen wer-
den die bundesdeutschen Arbeiter dafür kritisiert, daß sie sich
zum Fußvolk einer Einheitsgewerkschaft machen, die die politische
Mitverantwortung für Armut und Ausbeutung ihrer Kundschaft zu ih-
rem obersten Anliegen erkoren hat.
4. Leser, die ihre intellektuelle Beschäftigung mit der Welt für
ungemein gescheit und überaus nützlich halten, werden in Teil III
bei einem Blick in die akademische Werkstatt erfahren, daß wir
beide Urteile für ganz falsch, und die unter Akademikern übliche
Manier, die Welt zu problematisieren, nur für kunstvoll-kompli-
zierte Liebeserklärungen an die Herrschaft halten. Vorschläge für
die alternative Ausgestaltung der Wissenschaft oder die Verbesse-
rung der Studienbedingungen wird man infolgedessen vermissen.
5. Leser, die die MARXISTISCHE GRUPPE ins linke Spektrum der BRD
einzuordnen suchen, wird in Teil IV diesbezügliche Orientierungs-
hilfe versagt. Stattdessen wird am aktuellen Stand des hiesigen
Revisionismus gezeigt, warum der Abgang in eine bunte Subkultur
der konsequente Endpunkt einer Politik ist, deren antikapitali-
stischer Inhalt mit der zur Methode gewordenen Politik zusammen-
fällt, sich selbst mit den Massen ineinszusetzen.
6. Leser schließlich, die unsere normativen Leitkriterien bei der
Analyse der Welt von 1980, unsere Perspektive für die Welt nach
1980, und überhaupt unser Menschenbild zu erfahren suchen, werden
in dieser Hinsicht wenig Glück haben. Immerhin bekommen auch sie
die Erklärung dafür, warum ihnen ausgerechnet solche Fragen in
den Kopf kommen.
Die Resultate Nr. 1 unterscheiden sich also ziemlich stark von
den Analysen zur geistigen und sonstigen Situation der Zeit, die
den bundesdeutschen Meinungsmarkt in zunehmender Zahl bevölkern.
Dieser Unterschied ist beabsichtigt; das Risiko, dafür als metho-
disch unreflektiert, von der realen Bewegung abgehoben und dogma-
tisch verschrieen zu werden, wird dafür in Kauf genommen, jeder
entsprechende Vorwurf gern ignoriert. Das Heft ist für Leute ge-
schrieben, die auf ihr Urteil etwas geben und deswegen Argumente
als solche zu behandeln gewillt sind.
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