Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 13, 22.04.1980
Teach In
ARMUT UND REICHTUM 1980
Die Lage der arbeitenden Klasse in der BRD
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Der Arbeiter ist heutzutage ein allgemein anerkannter und gefrag-
ter Menschenschlag. Man nennt ihn deshalb auch gerne Ar-
beit n e h m e r, obwohl er heute wie damals sein Geld damit
verdient, daß er seine Arbeit gibt. Nun zeigt der moderne Name
für den Arbeitsmann, daß man ihm nicht einfach wegen einer so ge-
meinen Sache wie der Arbeit Anerkennung zollt, sondern wegen sei-
nes schönen Harmonierens mit den Leuten, die seine Arbeit nehmen,
den Arbeit g e b e r n. Beide heißen Sozial p a r t n e r, so-
lange die Arbeitnehmer in den Lohntarifverhandlungen Augenmaß be-
weisen und den Partnern, die ihnen schon die Arbeit geben, nicht
dafür auch noch immer mehr Geld abnehmen. Andernfalls heißen die
einen volkswirtschaftliches Risiko, und in diesem Jahr hatten der
Wirtschaftsminister und seine tarifautonome Gewerkschaft die Na-
mensgrenze auf ziemlich genau 7% festgelegt. Außer wirtschaftspo-
litisch vernünftigen Menschen sind Arbeitnehmer auch noch
V e r b r a u c h e r, die mit ihrer kaufkräftigen Nachfrage das
Geschäft beleben sollen, aber nicht so recht können, weil sie ei-
nigermaßen beschränkt ist. Umworben ist ihr Geldbeutel daher
stets von Clementine, den Dr. Dralles und Toni Schmückers VW-Kon-
zern. Weil der Mensch nicht alles haben kann, was er braucht,
wird er bei städtischen Sparkassen als S p a r e r und kleiner
K r e d i t nehmer geschätzt. Daß die Lebensgewohnheiten dieser
Menschensorte immer ein bißchen anders ausfallen als bei den an-
deren Partnern, weiß heute jeder. Es ist aber durchaus keine
Schande, ein e i n f a c h e r M a n n zu sein, solange man
sich anständig aufführt und nicht der Mann von d e r
S t r a ß e wird. Aber wer will das schon. Schließlich ist man
auch noch W o h l s t a n d s b ü r g e r.
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Ein Wohlstandsbürger wird man schnell: man muß nur den VW-Arbei-
ter und seinen Golf, mit dem er ans Montageband fährt, mit seinem
Nachkriegsbruder oder einem nackten Neger, vergleichen, besser
nicht mit Toni Schmücker oder dem Bundeshaushalt: sonst kommt man
nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Wenn die Redakteure in den
Fernsehstudios, die Statistiken solchen Inhalts verlesen, einmal
unter sich und anderen Intellektuellen nach zehn im Dritten Pro-
gramm zusammenhocken, fällt auch schon einmal das mehr gering-
schätzige Wort vom M a s s e n k o n s u m des Wohlstandsprole-
ten. Zwar wird mit diesem Urteil über Couchgarnitur und Eßgewohn-
heiten in Otto Normalverbrauchers Haushalt verächtlich ausge-
druckt, daß von derartigen Genüssen nicht allzuviel zu halten
ist, die Rede aber, daß "wir" in einer Wohlstands- und sogar
Überflußgesellschaft leben, soll damit auch nicht bestritten
sein. Die Wirtschaft schließlich hat Reichtum in Hülle und Fülle
hervorgebracht, auch wenn er nur in Versicherungspalästen, Kon-
zernbilanzen und dem Bundesetat, für den gewöhnlichen Wohlstands-
menschen also nicht zu haben ist. Zu haben dagegen ist ein Ar-
beitsplatz, an dem diese Sorte Reichtum erarbeitet wird und für
den Proleten das schöne Resultat zeitigt, daß er Woche für Woche
in die Fabrik einmarschiert. Arbeit macht eben nicht reich, eher
schon macht die Produktion kapitalistischen Reichtums den Arbei-
ter überflüssig. Wer heute für das Wachsen unserer Wirtschaft ar-
beitslos gemacht wird, bekommt nicht einfach von der Heilsarmee
ein Ständchen geblasen. Armut ist viel zu wichtig, als daß man
sie einigen versponnenen Privatiers in mildtätigen Vereinen über-
lassen könnte. Die sind in dem Maße unter die Bedeutung der Tier-
schutzvereine gesunken, wie mit dem Aufblühen des Wirtschaftswun-
ders auch die staatliche Verwaltung der Armut im Großen gewachsen
ist. Heute wird nach allen Regeln sozialstaatlicher Kunst die Ar-
mut für die Wirtschaft funktional gemacht, damit sie sich lohnt.
Wer sich in der Arbeitslosenstatistik wiederfindet und die Höhe
der Arbeitslosen- und Sozialgelder sowie ihre Auszahlungskrite-
rien zu Kenntnis nehmen durfte, kann diese Wahrheit praktisch
fassen. Der Rest soll mit der sozialstaatlichen Angeberei aufhö-
ren.
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Soviel schließlich ist wahr am Sozialstaat. Nicht auf Armut kommt
es ihm an, sondern darauf, daß sie sich nützlich macht. Arbeit
ist sehr gefragt, nicht unbedingt Arbeiter, wie der Arbeitslosen-
markt belehrt. Denn schließlich ist sie d a s Mittel, mit dem
so ziemlich alle Probleme unserer Wirtschaft bereinigt werden. Ob
die Scheichs die Heizölpreise der Multis hochschrauben oder der
BMW-Vorstand mit japanischen Toyotas zu kämpfen hat, hier muß
sich der Überflußmensch die Frage nach der Lohnhöhe gefallen las-
sen, im internationalen Vergleich und überhaupt. Ein einziges Är-
gernis ist er also auch, unser Wohlstandsprolet. Und nur weil und
wenn er sich die Frage nach den deutschen Lohnstückkosten an sei-
nem Fließband praktisch zu Herzen nimmt, erfährt er in der Tages-
schau aus dem Munde des Kanzlers, daß er auch in diesem Jahr wie-
der Sozialpartner heißen darf, der einfache Mann. Wofür er da ei-
gentlich so herzlich belobigt wird, kann er zwar an seinem Geld-
beutel und seiner Physis ablesen, daß es aber auf jeden Fall für
ihn gut war, kann ihm noch jeder dahergelaufene Journalist aus-
rechnen, weil er nicht den Hauch einer Ahnung haben will davon,
was in einer Fabrik passiert:
"Für ein Rundfunkgerät der Superklasse brauchte ein Industriear-
beiter 1979 nur noch 16 Stunden und 24 Minuten zu arbeiten, woge-
gen der Aufwand 1969 noch bei 55 Stunden und 26 Minuten lag."
Den Laden, in dem man mit Arbeitsstunden bezahlen kann, verraten
wir nicht, wie man die Rechnung widerlegt schon, aber nicht hier.
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"Die wirklichen Lebensumstände des Proletariats sind so wenig ge-
kannt unter uns, daß selbst die wohlmeinenden 'Vereine zur Hebung
der arbeitenden Klasse', in denen jetzt unsre Bourgeoisie die so-
ziale Frage mißhandelt, fortwährend von den lächerlichsten und
abgeschmacktesten Meinungen über die Lage der Arbeiter ausgehen."
Dieser Kommentar stammt von einem Kommunisten über 130, einem to-
ten noch dazu. Das wollen wir ihm aber nicht übel vermerken.
Schließlich sind auch Kant und sein kategorischer Imperativ, Je-
sus und die Bergpredigt ein ziemlich alter Hut und doch immer
noch eine Verbeugung wert, wenn sie vom Kanzler nächstens zitiert
werden. Den F e h l e r von Friedrich ENGELS wollen wir im an-
gekündigten Teach-In allerdings nicht machen: Ideologen der Armut
die E x i s t e n z der Armut nachweisen zu wollen, ohne die es
ihre falschen Gedanken nicht gäbe, ist ein langweiliges und über-
flüssiges Geschäft. Wenn er dafür auch noch mit dem Verzicht auf
Champus und Mittelklasse-Frauen bezahlt, halten wir das für einen
Fehler, den sich ein Materialist nicht leisten sollte:
"Mir war es um mehr zu tun als um die nur abstrakte Kenntnis mei-
nes Gegenstandes, ich wollte euch in euren Behausungen sehen,
euch in eurem täglichen Leben beobachten, mit euch plaudern...
Ich verfuhr dabei so: Ich verzichtete auf die Gesellschaft und
die Bankette, den Portwein und den Champagner der Mittelklasse
und widmete meine Freistunden fast ausschließlich dem Verkehr mit
einfachen Arbeitern; ich bin froh und stolz zugleich, so gehan-
delt zu haben."
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Enthüllungen moralisch verwerflicher Zustände wird man nach dem
Gesagten auf dem Teach-In vergeblich erwarten. Vertreten wird da-
gegen die ganz unmoralische These eines anderen toten Kommuni-
sten, der im Unterschied zu seinem Kampfgefährten dem Portwein
und den Frauen weniger ab-, der Theorie dafür umsomehr zugespro-
chen hat. Das Ergebnis war ziemlich konkret:
"Arbeitskraft wird hier gekauft, nicht um durch ihren Dienst oder
ihr Produkt die persönlichen Bedürfnisse des Käufers zu befriedi-
gen. Sein Zweck ist Verwertung seines Kapitals, Produktion von
Waren, die mehr Arbeit enthalten, als er zahlt, also einen Wert-
anteil enthalten, der ihn nichts kostet und dennoch durch den Wa-
renverkauf realisiert wird."
Wie der Beweis geht, verraten wir noch nicht. Soviel aber sei
vorweggenommen:
- Für seine Durchführung sind Kenntnisse des "KAPITAL" von Karl
MARX nicht unbedingt erforderlich. Ein Blick in die Welt der Ar-
beit, auf den AKKORDLOHN und die gelungensten Methoden der RATIO-
NALISIERUNG helfen da durchaus weiter.
- Schließlich wird sich auch erklären lassen, wie ARMUT & REICH-
TUM im Wandel der Zeiten sich einigermaßen geändert haben, ande-
rerseits aber auch irgendwie ähnlich geblieben sind. Im Kapita-
lismus leben wir doch noch immer, auch wenn er kein "MANCHESTER-"
mehr davor hat.
- W a r u m jedoch die ganze Welt solches dementieren möchte und
auf die Idee der ÜBERFLUSSGESELLSCHAFT verfallen wollte, ergibt
eine knappe Würdigung des SOZIALSTAATES und seiner Dienste für
die Ausbeutung.
- Außerdem sollte man sich nicht vor der Frage drücken, warum
auch die ARBEITER selbst von der Wohlstandsgesellschaft nicht
allzuviel haben, aber einiges von ihr und ihrem Sozialstaat hal-
ten. Neben einem kaputten Kreuz haben sie zwar noch ihre Anerken-
nung als Sozialpartner und dank ihrer GEWERKSCHAFT auch noch die
MITBESTIMMUNG, aber wie kann man dafür leben?
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