Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Münchner Hochschulzeitung, 25.03.1982
Sonderausgabe Sozialwesen
Schmidt
WER IST DER ÄRMSTE MANN DEUTSCHLANDS?
Man selber sicher nicht. Denn immerhin hat man Arbeit, ein Aus-
kommen, eine Familie und ein Auto. Nicht viel, aber immerhin so-
viel, daß der Staat noch kräftig zulangen kann, sagt er.
Der Arbeitslose nebenan, der grad auf Arbeitslosenhilfe gesetzt
wurde? Der auch nicht, denn für den wird ja gesorgt. Und weil er
nichts arbeitet, kriegt er auch zu Recht wenig.
Pal Cernai von Bayern München, weil er seine gesamte Hintermann-
schaft umstellen muß? Schon eher, aber der wird ja dafür bezahlt.
Die richtige Antwort lautet: Bundeskanzler Helmut Schmidt. Der
wird zwar auch gut bezahlt, aber seine Probleme stehen in über-
haupt keinem Verhältnis zu seinem Gehalt.
Erstens einmal steht er sehr einsam da in der Welt, weil nämlich
niemand Solidarität übt mit ihm. In den USA ist er der
"meistkritisierte Mann der Welt" und daheim "schmerzen ihn die
zahlreichen Tritte, die er seit zwei Jahren aushalten muß und die
ihn an seiner Partei zweifeln lassen". Früher war alles viel bes-
ser. Damals während der Hamburger Flutkatastrophe haben a l l e
zum kommandierenden Innensenator H. Schmidt gehalten ("eine Welle
von Solidarität"), und noch schöner war's eigentlich im Juli 43,
"als im Bombenhagel binnen einer Woche 60.000 Menschen in Hamburg
starben. Solidarität, die Schmidt heute unter den eigenen Genos-
sen vermißt."
Man konnte sich ja fragen, was er eigentlich will. Er hat sich
noch kein einziges Mal Sorgen über die Folgsamkeit der Bürger ma-
chen müssen, als er
- zusammen mit den Amis eine "Raketenlücke" in Europa entdeckte
und sein Aufrüstungsprogramm in Gang setzte,
- als er die Finanzierung dieser Aufrüstung als "Sparprogramm"
verkaufte und jeden einzelnen spüren ließ und läßt,
- als er die Polen-Ereignisse dazu benützte, den Russen die Dau-
menschrauben noch ein Stück anzuziehen.
Aber die Opposition bedrängt ihn und will ihn tatsächlich ablö-
sen. Ganz zu schweigen vom Koalitionspartner, der sich kaltlä-
chelnd was mit der CDU/CSU ausrechnet; und von der Öffentlich-
keit, die fragt, wie lange sich der Kanzler noch hält. Das ist
gemein einem Mann gegenüber, der nach der Geiselbefreiung in Mo-
gadischu "seinen Gefühlen Lauf gelassen hat: Da habe ich ge-
weint." Einen Mann, der dermaßen im Staat aufgeht, daß es ihm gar
nichts ausmacht, zuerst das Leben von zig Geiseln aufs Spiel zu
setzen, dann aber hinterher vor Erleichterung weint, weil nun
sein Staat (und er!) gut dasteht - so einen Mann kann man doch
nicht einfach auswechseln und in einen Politiker der 2. Ordnung
rückverwandeln!
Ja, daran wird er sich gewöhnen müssen, der Kanzler: So ist das
eben in der Demokratie: wenn man das Sagen hat, man sich immer
anmaßender aufführen kann und den Gehorsam des Volkes immer un-
verschämter verlangt - dann kommt eine andere Figur daher und
sagt, sie werde dasselbe wie der Kanzler, aber noch viel ent-
schiedener durchführen. Und dann verliert H. Schmidt alles, was
ihm wert und wichtig war, und ein anderer führt das deutsche
Volk! Ein schweres Schicksal!
(Alle Zitate aus: "Süddeutsche Zeitung" v. 25.2.82)
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