Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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EIN DEUTSCHER SOMMER!
Die "Aufkündigung des sozialen Friedens" durch die Bundesregie-
rung mit ihrem neuen "Anti-Gewerkschafts"-Paragraphen 116 Ar-
beitsförderungsgesetz - abgetan und vergessen. Der "historische
Schock" von Tschernobyl - bewältigt und energiepolitisch verdaut.
Die "Skandale" um Flick und Lambsdorff, Parteispenden und Steuer-
hinterziehung beschwichtigt und langweilig geworden. Bundes-
deutschlands Spitzenpolitiker konnten mal wieder in Urlaub fah-
ren, ohne um ihre Arbeitsplätze fürchten zu müssen.
Die in Bonn Zurückgebliebenen haben sich derweil der Beschäfti-
gung hingegeben, die traditionell "Sommerloch" heißt. Die Reprä-
sentation des politischen Willens der Nation in Regierung und
Parlament hat Pause; da finden die Repräsentanten aus dem zweiten
Glied um so mehr Gehör. Sie ärgern einander und unterhalten das
Publikum und profilieren sich selbst mit haltlosen Beschimpfun-
gen, gewollten Mißverständnissen, radikalen Dummheiten. Gemeinsam
fördern sie die falsche Vorstellung, demokratische Politik wäre
letztlich doch b l o ß ein ziemlich unernstes Theater um die
ernsten Lebensfragen der Nation herum.
Dabei ist in Wahrheit gar keine Grenze auszumachen zwischen den
Ernsthaftigkeiten professioneller Politikmacherei und der
"bloßen" Angeberei im "Sommerloch". Keine "nationale Lebens-
frage", die nicht allemal berechnend, zum Zwecke eindrucksvoller
Repräsentation der Repräsentanten, von diesen selbst auf- und
auch wieder abgeblasen wird. Und umgekehrt: Keine Albernheit im
Konkurrenzkampf der Reservegarnituren, die sich nicht um
"politische Sachfragen" dreht, also fällige Ansprüche der Staats-
gewalt - gegen die verschiedensten Unterabteilungen ihrer Bürger-
schaft sowie gegen die verschiedenen Auslande - zur Sprache
bringt und bekräftigt.
So hat auch im diesjährigen "Sommerloch" die nationale Anspruchs-
haltung der Bonner Politik lauter laute Vorkämpfer gefunden - die
bayrische Staatskanzlei hat sich mal wieder für vieles als Stich-
wortgeber bewährt -, und so konnten Fortschritte nicht ausblei-
ben. Manches ist noch etwas selbstverständlicher geworden. Und
nationale Selbstverständlichkeiten versprechen nicht nur, sondern
verbürgen einiges an staatlichen Gewalteinsätzen.
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