Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Auch darin sind wir große Klasse:
ÜBER UNSERE ZONIS HABEN WIR EINE GRUNDSÄTZLICH SCHLECHTE MEINUNG
Mal ehrlich! Auf unsere ostdeutschen Brüder und Schwestern, die
ja jetzt auch zu unserer feinen Bundesrepublik gehören, ist fast
niemand gut zu sprechen. Daß die nichts taugen, im Grunde Schma-
rotzer sind, weiß noch ein jeder hier in Westdeutschland. Woher
weiß man das eigentlich so genau, daß unsere Volksgenossen drüben
längst nicht so viel wert sind wie wir in der alten BRD?
Ach so, das entnehmen wir mal wieder den Reden und Taten unserer
Politiker in Bonn und dem, wie die mit den neuen Staatsbürgern
der neuen Bundesländer umgehen. Natürlich sind wir mündig genug,
nicht einfach nachzuplappern, was die Herren in Bonn so für
Gründe haben oder sagen für ihren Umgang mit Ostdeutschland und
den Zonis dort. Da sind wir schon selbstbewußt und machen uns un-
seren eigenen Reim darauf. Das geht so:
"Ohne Fleiß kein Preis!"
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Der Staat legt fest, daß die Arbeitnehmer in Ostdeutschland er-
heblich weniger Lohn bekommen als die in Westdeutschland. Er tut
das, damit seine Lieblingsbürger, die Kapitalisten, in der
ehemaligen DDR extra günstige Bedingungen für ihren Einstieg in
ein Geschäft vorfinden. Das offensichtliche Interesse, Unterneh-
mer in der Zone an der Lohnfront mit niedrigen Kosten zu bedie-
nen, begründen die Politiker mit dem verlogenen Argument, die
Produktivität der ostdeutschen Produktionsstätten wäre ungefähr
so viel niedriger als in Westdeutschland, wie das Lohngefälle,
das sie durchsetzen, groß ist. Kaum geschieht das, weiß unsereins
in Westdeutschland sofort, daß die Zonis völlig zurecht Bil-
liglöhner sind. Wo Staat und Unternehmer allein des Geschäfts we-
gen die ehemalige Zone als Billiglohnland haben wollen, erfindet
sich die westdeutsche Volksmeinung ihren guten Grund, weshalb die
Lohnempfänger drüben so wenig kriegen: Wenn das so ist, wenn die
Ossis einen so geringen Lohn bekommen, dann haben sie auch nicht
mehr verdient; dann leisten sie auch weniger als wir, lassen es
am notwendigen Fleiß fehlen, arbeiten zumindest schlampig. So ist
man sehr schnell dabei, dem deutschen Stamm der Zonis einen Cha-
rakter zuzuschreiben, der ziemlich schlechte Züge aufweist. Und
alles, was der Staat seinen neuen Bürgern zumutet, soll nicht am
Staatsinteresse liegen, sondern an eben den Charakter-
eigenschaften, die man sich so eingebildet hat über unsere Brüder
und Schwestern. Fast wie bei Ausländern traut der Deutsche-West
dem Deutschen-Ost nichts Gutes, aber sonst viel zu.
So zu denken ist zwar reichlich bescheuert, weil es alle Gesetze
kapitalistischer Benutzung des Menschenmaterials auf den Kopf
stellt. Denn seit wann bestimmt denn der Fleiß die Höhe des
Lohns? Wo verdient man denn soviel, wie man leistet? In seiner
dummen Schlichtheit ist dieses bodenlose Urteil über die da drü-
ben aber billig zu haben und fast auf jeden Mist anzuwenden. Man
braucht nur ganz fest die Meinung haben, daß die Ostdeutschen nun
mal s o s i n d.
"Unverdiente Geschenke aus unserer Rentenkasse!"
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Verkündet der Blüm, daß die Renten in der Ex-DDR bald stärker, um
15%, angehoben werden als hier und wirbt dafür bei den westdeut-
schen Landsleuten damit, daß es den Alten und Ausgemusterten zwi-
schen Oder und Elbe nicht gar zu sehr viel schlechter gehen soll
als den hiesigen Rentnern, erscheint das dem kleinen Mann aus dem
goldenen Westen als viel z u v i e l Geld, das da den Leuten
drüben einfach g e s c h e n k t wird. Was macht es da schon,
daß man in der ehemaligen DDR von den Niedrigrenten unter DM-
Bedingungen einfach nicht leben kann. Gerechtigkeit muß Gerech-
tigkeit bleiben, sagt sich der Westdeutsche: Wir hier haben jahr-
zehntelang geschuftet und in die Rentenkasse eingezahlt. Und der
Zoni? Immer schön langsam hat er es gehen lassen und in die Ren-
tenkasse hat er so gut wie nichts abgezweigt. Von nichts kommt
nichts! Wo kommen wir denn dahin, wenn wir aus unserer Sozi-
alkasse denen drüben ihre Renten schenken, die sie sich gar nicht
verdient, also auch nicht verdient haben? Nein, einen elenden Le-
bensabend wünschen wir den Sachsen und Brandenburgern natürlich
nicht, Gott bewahre! Aber Gerechtigkeit muß doch sein, oder?
"Schmarotzer!"
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Arbeitnehmer, die in Ostdeutschland keine Arbeit haben, kommen
rüber und werden von westdeutschen Unternehmen genutzt, weil sie
so wunscherschön billig und nur nach Zonen-Tarif bezahlt werden
müssen. Schon wissen alle westdeutschen Arbeitnehmer, von Lohn-
gruppe 7 bis runter auf 2, was da los ist. Nein schuld sind nicht
die vom Staat festgesetzten Billiglöhne in der ehemaligen DDR;
schuld sind auch nicht hiesige Unternehmer, die daraus ein Ge-
schäft machen. Die Z o n i s klauen uns unsere Arbeitsplätze;
die Zonis drücken auf unsere guten Löhne. Das paßt in unser Bild
von denen da drüben: Erst vierzig Jahre lang den falschen Herren
dienen und dabei zu nichts kommen; und dann auf unsere Kosten das
Schmarotzen anfangen. Dieselben westdeutschen Bürger, die auf
ihre Politiker und Unternehmer im Grunde nichts kommen lassen und
sich nach deren Decke strecken, schimpfen drauflos, wenn hiesige
geschäftstüchtige Unternehmer billige arbeitslose Zonis benutzen.
Wieder sind es die Zonis, die sich schlecht benehmen. Und wieder
weiß man warum: Die s i n d e b e n s o!
"Alles auf unsere Kosten!"
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Kaum erfährt der westdeutsche Staatsbürger, daß sein Staat Milli-
arden locker macht, um in der ehemaligen DDR notwendige Bedingun-
gen für eine soziale Marktwirtschaft herzustellen und die Ge-
schäftsleute zum Investieren in der Zone anzuschieben, mutmaßt
der westdeutsche Staatsbürger, daß da Geld in ein Faß ohne Boden
gebuttert wird. Noch besser: Er regt sich darüber auf, daß die
nichtsnutzige Bagage der Volksgenossen der DDR für ihr Nichtstun
belohnt und mit unserem Geld durchgefüttert wird. Dieses "unser
Geld" hat der kleine Mann in der BRD zwar nie in seiner Tasche,
aber wenn er meint, die Deutschen "zweiter Klasse" würden sich
daran vollfressen, tut er schon mal so.
Kaum läßt die Regierung in Bonn verlauten, die deutsche Einheit
koste mehr, als man sich das zuerst gedacht hatte, und macht po-
tentiellen Unternehmen weitere Geschenke, damit sie in der ehe-
maligen DDR endlich unternehmerisch tätig werden, fürchtet Otto
Normalverbraucher in der BRD schon wieder, daß da Geld für ein
falsches Projekt ausgegeben wird - für die Zonis nämlich. Und als
Steuerzahler, der sonst auf kein Opfer verzichtet, wenn es ihm
seine Regierung ordnungsgemäß und regelmäßig abverlangt, wird der
Westdeutsche - zumindest verbal - fuchsig: Mit "unseren Steuer-
geldern" die Zonis zu subventionieren, von denen man ja weiß, was
das für welche sind, das geht auf keine Kuhhaut!
"Deutsche zweiter Klasse!"
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Die SPD hat selbst aktiv mitgestrickt an der Herstellung des
"Wohlstands"-Unterschieds zwischen hüben und drüben. Jetzt tönt
sie heuchlerisch, man möchte doch darauf achten, daß die Leute in
der Zone nicht wie "Menschen zweiter Klasse" behandelt werden
sollten. Das kriegt der westdeutsche Volksgenosse sofort in den
richtigen Hals. Er fühlt sich nämlich bestätigt in dem, was er
schon immer gesagt hat: daß nämlich die Zonis Deutsche zweiter
Klasse sind. Und ihm wird wieder einmal bekräftigt, daß er - in
seinem Fleiß; in seinem Dienst, der was bringt und überhaupt ...
- erster Klasse ist. Was er davon hat, ist eine andere Frage,
aber Moral und Gerechtigkeit gehen bekanntlich eigene Wege.
*
So geht das nicht enden wollende Stück: Wir mögen die Zonis
nicht.
Freilich läßt sich unsere Abneigung gegen die da drüben in Ost-
deutschland auch wieder beruhigen. Gegen den Anschluß der DDR an
die BRD ist ja hierzulande niemand auf die Barrikaden gegangen.
Wenn die Herren in Bonn es oft genug sagen, daß wir a l l e
D e u t s c h e sind, stellt man Verachtung, Neid und Mißgunst
gegenüber den Zweitklassigen hinter der Elbe auch wieder zurück.
Solche sind wir nämlich!
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