Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Statistiken melden Spar- und Schuldenrekorde:
HÖHEPUNKTE FREIHEITLICHER VERZICHTSKÜNSTE
Derzeit häufen sich besorgte Meldungen darüber, daß sich immer
mehr Bürger verschulden. Da heißt es,
- daß mehr als eine Million Familien "überschuldet" ist;
- daß durchschnittlich jede überschuldete Familie 6-9 Gläubiger
hat,
- daß überhaupt jeder Haushalt mit durchschnittlich DM 15.000,-
in der Kreide steht.
Und gleichzeitig erhalten dieselben Bürger ein Lob vom Sparkas-
senpräsidenten:
- "Bundesbürger stellen 1990 einen Sparrekord auf".
Wie ist es denn nun bestellt mit dem Geldausgeben von Otto Nor-
malverbraucher?
Sparen oder Verschulden - eine schöne Alternative
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Keiner lügt, weder der Sparkassenpräsident, noch die Statistik.
Die Mehrheit der Bürger, von denen die Rede ist, machen beides,
derzeit offenbar ein bißchen mehr: Sie sparen und verschulden
sich. Grundlage ist der Lohn, den ihnen die Unternehmer für ihre
Dienste zahlen. Der ist nämlich so knapp bemessen, daß er die
Lohnempfänger und ihre Familien bei jeder "größeren" Anschaffung
vor eine großartige Wahl stellt:
Entweder Kredit aufnehmen bzw. Ratenkauf, um in den Genuß des
jetzt fälligen Autos, der Kühltruhe oder eines Urlaubs zu kommen.
Weil das Geld, das dem "Arbeitnehmer" für Bedarf und Bedürfnisse
zur Verfügung steht, nicht reicht, überlistet er die Schranke
seines Geldbeutels durch die ihm eingeräumten Möglichkeiten der
Verschuldung. Das rächt sich: In den nächsten Monaten oder Jahren
muß sein Lohn auch noch für die Zinsbedienung und Ratenzahlung
herhalten.
Oder er entscheidet sich angesichts des schmalen Geldbeutels da-
für, die seine Kaufkraft übersteigenden "Konsumausgaben" auf die
Zukunft zu verschieben und spart. Der Haken ist nur, daß dann Au-
tokauf oder Urlaubsgenuß bis auf weiteres gestrichen sind. Der
auszugebende Lohn verringert sich zusätzlich um die Sparsumme,
die auf die hohe Kante gelegt wird.
Der "Normalverbraucher" - der so heißt, weil sein Geld im Erwerb
der normalen Güter des Bedarfs verbraucht wird und dabei schnell
verbraucht ist - hat also zwei Auswege aus seiner finanziellen
Notlage, die keine sind: Er kann seinen Geldbeutel überstrapazie-
ren und sich so heute gewisse Bedürfnisse befriedigen; dafür muß
er sich i n Z u k u n f t um so mehr beschränken. Oder er kann
sich zu einem s p ä t e r e n Zeitpunkt mehr Bedürfnisse
befriedigen, wenn er seinen Gürtel a k t u e l l noch enger
schnallt, als es sein laufendes Einkommen verlangt. Sparen und
Sich Verschulden sind zwei gleichermaßen miserable Formen des Um-
gangs mit der Armut. Sie schließen sich nicht aus, sondern exi-
stieren nebeneinander. Im Unterschied zum kapitalistischen Unter-
nehmer, für den Kredite Mittel der Geldvermehrung sind, nötigt
jeder für den bloßen Konsum getätigte Kredit den Verbraucher zum
Sparen. Und wer seine für künftige Notfälle aufgehobenen Rückla-
gen nicht antasten will, der muß sich für aktuelle Einkäufe ver-
schulden.
Zwei Verlaufsformen der Armut, die der Lohn garantiert
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Der Grund, der lauter Varianten des Verzichts zum alltäglichen
Haushaltsgebaren etlicher Familien werden läßt, ist kein Geheim-
nis: Der Lohn, der seinem Empfänger chronischen Geldmangel be-
schert, ist in unserer 'freien Marktwirtschaft' ein 'Ko-
stenfaktor' für diejenigen, die aus der Leistung der Arbeiter für
sich Kapital, d. h. einen möglichst großen Überschuß über das
eingesetzte Vermögen schlagen wollen. Es ist das "Pech" von
Lohnabhängigen, daß sie und ihre Familie von derselben Geldsumme
existieren müssen, die die Herren Geldbesitzer unter Ausnutzung
ihrer erpresserischen Macht so niedrig wie möglich kalkulieren.
Daß der Lohn folglich nie für ein sorgenfreies und anständiges
Leben reicht, spricht hierzulande allerdings nie gegen diesen. Im
Gegenteil: Mit der zur Verfügung gestellten Lohnsumme ergeht an
ihre Empfänger der Auftrag, ganz selbständig damit zurechtzukom-
men - w i e, das ist ihre Privatsache. Ihre Freiheit besteht
darin, dafür zu sorgen, daß sie, die mit jedem gezahlten Lohn le-
ben müssen, es trotzdem können, auch wenn er nicht reicht.
Selbstbeschränkung ist angesagt, d. h. "verantwortlicher" Umgang
mit den Techniken von Sparen und Verschulden. Und schon ist die
Beschränkung, die das Leben der Mehrheit regiert, keine Armut
mehr, sondern eine Frage der Kunst, sich einzuteilen. Und jeder
seines Glückes Schmied.
Das ist eben das Schöne an der Freiheit, die der Lohnarbeiter ge-
nießt: Armut gibt es bei uns nicht, weil die Betroffenen sie
höchstpersönlich managen dürfen.
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