Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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UNEINGESCHRÄNKTE SOUVERÄNITÄT GEGEN BESCHRÄNKTE WEHRMACHT
Kanzler Kohl hat Sowjetpräsident Gorbatschow bei dem "histori-
schen Treffen" am Kaukasus zugesagt, die zukünftige deutsche
Truppenstärke auf 370.000 Mann festzulegen. Rein zufällig eine
Zahl, die schon seit etlichen Wochen innerhalb der NATO im
Gespräch ist - ein hart abgerungenes Opfer, damit die Russen
"uns" die Einheit schenken, kann das dann ja wohl kaum gewesen
sein. Genau so soll man es aber sehen: Das vereinte Deutschland -
das natürlich mehr könnte, wenn es nur wollte - soll sich dazu
entschlossen haben, "militärisch bescheiden zu bleiben" (Bild-
Zeitungs-Kommentar vom 17. Juli).
Von wegen!
1.
Die Operationsbasis der Bundeswehr wird um runde 100.000 Qua-
dratkilometer erweitert, die Frontlinie um einige hundert Kilome-
ter nach Osten vorgeschoben. Die Stellungen des Gegners fallen
der westdeutschen Truppe unbeschädigt zu, da für diesen Sieg ja
kein einziger Schuß nötig war.
2.
Dies gilt auch für das gesamte Kriegsgerät der Nationalen Volks-
armee der DDR. Dieses Material ist für den Warschauer Pakt nicht
nur verloren, sondern fällt an die gesamtdeutsche Seite. Was da-
von weiter gebraucht werden kann, ist eine andere Frage. Immerhin
debattieren inzwischen die Bonner Wehrexperten, ob und wie die
erbeutete Hartware von der Übungsmunition bis zum Kampfflugzeug
Mig 29 in die Waffenarsenale der Bundeswehr eingebaut werden
könnte.
3.
Natürlich sind 370.000 Mann 130.000, also circa ein Viertel weni-
ger als die bisherigen 500.000. Im Vergleich mit dem Gegner je-
doch wird die Bundeswehr stärker:
- Die Truppen der Polen, der Tschechoslowakei und Ungarns sind
nicht mehr zum gegnerischen Lager zu zählen.
- Die Russen ziehen sich aus diesen Ländern zurück; aus der DDR
rücken 300.000 Mann ab.
- Die 100.000 ehemals feindlichen Soldaten der NVA fallen nicht
bloß als Gegner weg; sie gehören sogar zu "uns" - so daß wir uns
deren Abrüstung, bescheiden wie wir sind, auch gleich als Ver-
ringerung der gesamtdeutschen Streitkräfte hoch anrechnen lassen.
Die Sollstärke der Bundeswehr von 500.000 Mann war auf diese Ar-
meen berechnet, die nun wegfallen. Ihr NATO-Auftrag hieß, diese
Truppen im Zuge der "Vorwärtsverteidigung" zurückzuwerfen; jetzt
gibt es diese Truppen und die ganze bisherige Kriegslage nicht
mehr. Also darf die Bundeswehr ihre Sollstärke überprüfen: Eine
halbe Million ständig unter Waffen, das ist wohl nicht mehr nö-
tig...
Bleibt die Frage: Wozu sind eigentlich die 370.000 Mann nötig,
die bleiben sollen? Welcher militärische Auftrag gebietet diese
Macht, der gar keine feindliche "Übermacht" mehr gegenübersteht?
Wofür braucht Deutschland 370.000 Soldaten?
Die Antwort liegt in der neugeschaffenen Lage selbst. Deutschland
ist die neue politische und wirtschaftliche Großmacht in Europa.
A l s s o l c h e und d a f ü r braucht es - mindestens - die
zweitstärkste Armee auf dem Kontinent.
Diese neue deutsche Wehrmacht versteht sich ab sofort von selbst.
Eine "Bedrohung aus dem Osten" ist zu ihrer Rechtfertigung nicht
mehr erforderlich. Die "zentraleuropäische Rolle" des neuen
Deutschland reicht vollständig aus als Begründung dafür, 370.000
Mann ständig unter Waffen zu halten.
Denn Gewalt ist nun einmal d a s Mittel der Politik!
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