Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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WIE WEIT REICHT DEUTSCHLAND NACH OSTEN?

Die Deutschen verbrüdern und verschwestern sich ganz friedlich - sagen sie -, und auf einmal ist sogar diese alte Grenzfrage wie- der ziemlich offen. 40 Jahre lang hat die Grenze zwischen der DDR und Polen gegolten. Jetzt kommt die DDR weg - und die Polen krie- gen von deutscher Seite mitgeteilt: Nichts versteht sich einfach von selbst; erst wird mal "wiedervereinigt" und ein gesamt- deutsches Parlament gewählt; das ist dann so frei und gnädig und wird wohl, so wie die Dinge liegen, einen Grenzvertrag gewäh- ren... Seit die Bundesrepublik ihre Grenze nach Osten verschiebt, fürch- ten polnische Staatsmänner wieder vermehrt um die Westgrenze ihres Staates. Sie haben daher an die Konferenz der ehemaligen Siegermächte mit den Deutschen, die Mitte Juli in Paris getagt hat, den Antrag gestellt, es sollte zuerst eine verbindliche Grenzgarantie abgegeben werden, und nur unter der Bedingung sollte Deutschland seine volle Souveränität erhalten. Der pol- nische Außenminister selbst war nach Paris eingeladen, um diesen Antrag zu erläutern. Und damit ist er bei seinem westdeutschen Kollegen Genscher der- art aufgelaufen, daß er sich gar nicht mehr getraut hat, ir- gendein Gesuch einzureichen. Voller Empörung hat die deutsche Mannschaft es abgelehnt, sich auch nur im geringsten auf so etwas wie eine Bedingung für die volle deutsche Souveränität ein- zulassen. Der polnische Antrag kam gar nicht mehr auf den Ver- handlungstisch. Dieses Auftrumpfen konnte Genscher sich leisten; denn genau am Tag zuvor war zwischen Kohl und Gorbatschow am Kaukasus klarge- stellt worden, daß gegen die neue deutsche Macht kein altes Sie- gerrecht mehr etwas zählt. Am polnischen Interesse an einer si- cheren Westgrenze wurde gleich vorgeführt, was das heißt: Bonn läßt sich von niemandem auf irgendetwas festlegen und schon gar nicht vorschreiben, wie es mit seinem polnischen Nachbarn umgeht. Der hat gefälligst abzuwarten, was die Deutschen in ihrer Souve- ränität beschließen, und darf darauf vertrauen, daß die deutsche Obrigkeit auch in der polnischen Grenzfrage schon das Passende beschließen wird. Das einzige "Entgegenkommen", das der polnischen Seite in Paris zugesichert wurde, war genau das: Das zukünftige souveräne Ge- samtdeutschland wird mit Polen einen Vertrag abschließen. Wie der aussieht, wird sich zeigen. Bindende Zusagen gibt es nicht. Zwei- fel der Polen, ob sie dabei unbeschädigt davonkommen, sind nicht gestattet; denn sie zeugen von Mißtrauen, und das empfindet "unser" Genscher als ehrenrührig. So machen die Deutschen sich zum Meister des Verfahrens; der pol- nischen Seite bleibt nichts, als auf den guten Willen der Deut- schen zu setzen. Was sie von dem zu erwarten haben, das haben sie eben in Paris deutlich erfahren! zurück