Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Kohls Masche
DAS VOLK WILL - DER KANZLER SAGT IHM, WAS
"Nicht ich, sondern den Menschen in der DDR eilt es mit der
Einigung."
Ob Bundeskanzler Kohl die BRD-Wirtschaft ab sofort auf die DDR
ausdehnen, sich noch in diesem Jahr von a l l e n Deutschen im
Amt bestätigen lassen oder ein Großdeutschland in der NATO will -
nie wird er müde zu betonen, daß s e i n e jeweilige politische
Notwendigkeit haargenau das ist, was sich d i e L e u t e
wünschen. Für ihn ist sogar das NATO-Militärbündnis ein fröhli-
cher Zusammenschluß freier Völker (während der Warschauer Pakt
...). Zur Zeit beteuert er besonders gerne, daß nicht er, sondern
die lieben Landsleute selber es mit der Wiedervereinigung so ei-
lig haben. Wenn man ihnen nicht möglichst bald die Segnungen un-
seres Systems ins Haus setzt, dann strömen sie alle über die Ex-
Grenze zu uns und es gibt ernste Platzprobleme.
Nun gibt es häßliche Stimmen, die meinen, der Bundeskanzler
h e u c h e l t mit dieser ewigen Berufung aufs Volk. Sie soll
ein dünner Vorwand sein für sein eigentliches Vorhaben: die ei-
gene Macht abzusichern und auszudehnen, um als "Kanzler der Eini-
gung" in die Geschichtsbücher einzugehen.
Wir möchten gar nicht abstreiten, daß der einmalig bequeme Weg
zur Vergrößerung der Nation, der sich Bonn gegenwärtig als
"Wiedervereinigung" anbietet, ein gefundenes Fressen für den
Größenwahn eines bundesdeutschen Staatschefs ist. Aber einen
G e g e n s a t z zwischen diesem verdienten Wahn und den An-
sprüchen der erfolgreichsten Großmacht Europas können wir nir-
gends entdecken. Und beim Vorwurf der Heuchelei müssen wir den
Kanzler sogar ein wenig in Schutz nehmen - denn hier tut Diffe-
renzierung not.
Einerseits ist es und bleibt es absolut gelogen, wenn ein Politi-
ker so tut, als würde er sich seine Politik Tag für Tag vom Volk
vorgeben lassen. Andererseits ist in einer ordentlichen Demokra-
tie nichts leichter zu haben als die tagtägliche Berufung der re-
gierenden Machthaber auf den Volkswillen. Der besteht nämlich
darin, alle vier Jahre das eine oder das andere Führungspersonal
zu bestätigen und sich in der Zwischenzeit, also andauernd, prak-
tisch nach dem zu richten, was ihm an Führung geboten wird. Das
heißt: unter den von oben erlassenen Bedingungen als arbeitender
Mensch, Mutter, Mieter, Steuerzahler und allseitiger Geldberapper
tagtäglich Staat und Kapital dienen. D a n e b e n hält sich
der Volkswille natürlich eine gewaltige Meinung zu den Werken
seiner Politiker, die - wenn es hart auf hart geht - bei der
nächsten Gelegenheit glatt ausgewechselt werden. Weil demokrati-
sche Staatsmänner also für ihre "Sachzwänge" werben wollen und
sich gleichzeitig des unerschütterlichen praktischen Gehorsams
ihrer Bürger sicher sein können, lieben sie es immer, ihre aus-
schließlich s t a a t s fördernden Taten als Volksauftrag hinzu-
stellen. Und obwohl jedes Kind die billige Lüge durchschaut, wird
logischerweise von einem gestandenen demokratischen Führer gar
nichts anderes erwartet.
Kein Wunder also, daß unser Bundeskanzler diese Heucheltour sehr
schätzt und hervorragend beherrscht. Gerade jetzt, wo er sich mit
seinem ganzen deutschen Volk auf dem Bahnhof der Geschichte
trifft. Denn in bezug auf das anstehende Anliegen Nummer 1 der
deutschen Staatsmacht - die Ausdehnung der Souveränität gen Osten
- findet er ein betroffenes Volk vor, das so gut wie keinen Un-
terschied zwischen seinen Reiseplänen und dem Fahrplan seines
Bundeskanzlers mehr entdecken kann. Die DDR-Bürger haben sich
nämlich in den Kopf gesetzt, daß ihnen schon viel zu lange eine
e r f o l g r e i c h e O b r i g k e i t versagt geblieben
ist, und geben sich deswegen bereitwilligst als Material dafür
her - um im obengenannten tagtäglichen Dienst als arbeitender
Mensch usw. wenigstens beim r i c h t i g e n Staat dabei zu
sein! Zusammen mit den hiesigen Deutschen, die sich auch nichts
Schöneres vorstellen können als eine Ausweitung ihres Staatsge-
biets, geben sie Kohl also recht in seiner verlogenen frommen
Selbstdarstellung als bloßer Erfüller von Bürgerträumen.
Ein demokratischer Führer ist eben so mies wie sein Volk, und um-
gekehrt.
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