Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Der ganz normale Nationalismus
VON DEN UNERSCHÖPFLICHEN CHANCEN,
SICH ALS GUTER DEUTSCHER AUFZUFÜHREN
Das Selbstbewußtsein, Deutscher und als Deutscher einiges wert zu
sein, ist schwer in Mode. Vom gestiegenen Ansehen deutscher Poli-
tiker bei den restlichen hohen Herren dieser Welt; von liebsamen
und vor allem unliebsamen Ausländern; vom Respekt, den das andere
Deutschland der Bundesrepublik einfach schuldig ist; von deut-
scher Art bei der Bewältigung sämtlicher Restrisiken des politi-
schen Lebens; von deutschem Siegeswillen auf den Center Courts
der freien Welt; von Lust und Leid des deutschen Fußballwesens,
an dem die Welt immer nicht genesen kann: davon bekommt man täg-
lich überreichlich Kunde. Von unten wie von oben wird ziemlich
ungeniert und willkürlich an allem der immergleiche Gesichtspunkt
geltend gemacht, ob und wieweit damit nationale Ehre eingelegt
werde. Weniger denn je läßt sich übersehen, daß die früher nicht
selten gepredigte Zurückhaltung in Sachen demonstrativer Natio-
nalstolz die nur schweren Herzens ertragene Einschränkung eines
elementaren Gemeinschaftsbedürfnisses war. Zwar gibt es sie wei-
terhin, die Fans einer selbstauferlegten schamvollen Bescheiden-
heit wegen Deutschlands unseliger Vergangenheit. Und es gehört
unter kritischen Menschen zur guten Sitte, vor Nationalismus zu
warnen. Daß aber für jeden zufällig in diesem Staatswesen Gebore-
nen eine besondere Beziehung zu und Bindung an dieses Gemeinwesen
selbstverständlich und quasi natürlich ist, davon sind noch die
ärgsten Warner vor nationalistischen Umtrieben überzeugt. Ergrei-
fen sie doch im Namen des deutschen Ansehens Partei für ein
'gesundes Nationalgefühl'. Insofern treffen sie sich mit denen,
die - immer den 'vaterlandslosen Gesellen' auf der Spur - sich
als Anwälte eines Rechts, ja einer Pflicht zu mehr Patriotismus
aufspielen, die gegen die deutsche Sühnepose die "Gnade der spä-
ten Geburt" ins Feld führen und ihr Volk gar nicht stolz genug
über "unsere" Stellung in der Welt sehen können.
Was da als elementare aller p e r s ö n l i c h s t e Einstel-
lung mit dem denkbar unpersönlichsten Inhalt öffentlich beredet,
allenthalben beschworen, zu mehr Mäßigung oder auch Betätigung
aufgerufen, immer aber gebührend mit Material versorgt und ange-
leitet wird, ist freilich so natürlich und menschenursprünglich
gar nicht. Wenn deutsch denken, wahrnehmen, fühlen die Form einer
an allem Möglichen und Unmöglichen sich betätigenden selbstver-
ständlichen Grundeinstellung hat, dann liegt das allein daran,
daß ein mündiges Volk die notwendigen Übergänge zu einer solch
selbstbewußt selbstlosen Betrachtungsweise immer schon hinter
sich hat, wenn es unter kundiger Anleitung das tägliche Sich-In-
teressieren, Argumentieren, Denken und Fühlen anfängt. Das ver-
breitete Interesse an allgemein einsehbaren Erfolgen der Gemein-
schaft, wie wenn sie j e d e r m a n n s Sache wäre, der aner-
kannte Wahn, Deutscher zu sein sei kein Z w a n g s-
v e r h ä l t n i s, sondern eine E i g e n t ü m l i c h-
k e i t, beruhen auf einem falschen Urteil, das jedem Bürger als
Vor-Urteil in Fleisch und Blut übergegangen ist. Behauptet ist da
nämlich jedesmal auf die eine oder andere Weise, daß die Sache
der Nation mit den persönlichen Anliegen des Bürgers
zusammenfällt, der ihr angehört oder doch zumindest
zusammenfallen müßte, wenn diese Übereinstimmung vermißt wird.
Nationale Gesinnung - ein moralisches Grundsatzurteil
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Bei der kollektiven Auffassung, die eigene Nation verdiene und
kriege Unterstützung, w e i l in ihren Erfolgen die Interessen
und Bedürfnisse des Bürgers zum Zuge kämen, handelt es sich um
eine p r o d u k t i v e L ü g e. Diese Lüge läßt sich einer-
seits mit einem unvoreingenommenen Blick in den Alltag der poli-
tischen Großtaten, auf die Praxis der nationalen Reichtumsvermeh-
rung in heimischen und ausländischen Betrieben, auf die vergange-
nen und gegenwärtigen Ansprüche der Volksvertreter nach innen und
außen und die Mittel und Methoden ihrer Durchsetzung widerlegen.
Andererseits ist dem verbreiteten Wahn damit überhaupt nicht bei-
zukommen, beruht und beruft er sich doch auf eine
I n t e r p r e t a t i o n dieser allenthalben mit Händen zu
greifenden Gegensätze zwischen Herren und Untertanen, in welcher
die politische Gewalt mit ihren Ansprüchen an die Bürger in einem
verständlichen und notwendigen Licht erscheint. Vorgestellt wird
sich da nämlich die Gesellschaft samt ihrer gewaltsamen politi-
schen Klammer als ein arbeitsteiliges Verhältnis von lauter
D i e n s t e n an einer gemeinsamen Sache, zu der jeder seinen
Teil beizutragen hat und in der jeder soweit auch seinen gebüh-
renden und zufriedenstellenden Platz finden kann.
Nach der einen Seite hin sind es damit also nie und nimmermehr
die schlichten materiellen und sonstigen B e d ü r f n i s s e,
an denen da die Gemeinschaft gemessen wird. Sie sind ja verwan-
delt in den gerechten Lohn und angemessenen, Ertrag, den so ein
mehr oder weniger gewöhnlicher und aufwendiger Beitrag zum großen
Ganzen rechtfertigt. Und da bringt es die vorgegebene Arbeitstei-
lung in Verantwortliche und Betriebslenker auf der einen, Beleg-
schaftsmitglieder sowie Steuerzahler auf der anderen Seite von
Haus aus mit sich, daß hier die Ansprüche nicht in den Himmel
wachsen. Sie richten sich nämlich nach den ideologischen Titeln,
die Politik und Öffentlichkeit für die dem Volk im Unterschied
zur Herrschaft zustehenden Lebensumstände erfunden haben. Mehr
als ein sicherer Arbeitsplatz, ein bißchen Frieden, eine gefe-
stigte Rente etc. wird da von Haus aus nicht ernsthaft für recht-
mäßig angesehen.
Nach der anderen Seite geben aber auch nicht die
w i r k l i c h e n L e i s t u n g e n d e r P o l i t i k
den Maßstab für das Bild einer nationalen Gemeinschaft ab, in der
man sich wie jeder andere irgendwie aufgehoben und eingeordnet
fühlen soll. Auch hier sind es die politischen Ehrentitel des ge-
lungenen gesamtgesellschaftlichen Zusammenspiels von verantwort-
lichem Einsatz und entsprechendem Anteil am nationalen Arbeitser-
trag, an denen sich ein zivilisierter Staatsbürger orientiert:
Das eigene kleine Glück hängt ganz von den Fortschritten und Not-
wendigkeiten des großen Ganzen ab, dem vom Tellerwäscher bis zum
Kanzler jeder auf seine Weise dient. So kennt denn ein jeder von
Haus aus auch den Unterschied zwischen der nationalen S a c h e,
als deren Teilhaber er sich fühlt, und den legitimen
A n s p r ü c h e n, die diese Teilhabe ihm eröffnet; er kennt
und akzeptiert den Unterschied von o b e n u n d u n t e n -
und wird über der ständigen praktischen Widerlegung seiner Auf-
fassung nicht einsichtig, sondern r a d i k a l. Schließlich
ist es der eigene D i e n s t w i l l e, der sich da selbstbe-
wußt zum Richter über das gelungene Zusammenwirken der nationalen
Kräfte aufwirft. Dem fällt deshalb auch nicht die Unwahrheit sei-
nes Urteils auf, sondern lauter D i f f e r e n z e n zwischen
Anspruch und Verwirklichung. Er macht sich daher stark für den
Fortschritt der Nation, d a m i t es mit den Lebensprogrammen
des Bürgers endlich vorangeht. Aufgrund der Abhängigkeit von den
nationalen Erfolgen, denen sich so ein anerkanntes Staatsmitglied
v e r p f l i c h t e t weiß - schließlich beurteilt es sie ja
als sein Lebensmittel, auf daß es mit seinen nützlichen Anstren-
gungen legitimen Anspruch hat - besteht es auf dem R e c h t,
daß allen nationalen Anstrengungen ungehindertes Gelingen be-
schieden sei.
So ist die nationale Gesinnung zu einem moralischen Grundsatzur-
teil verfestigt, das sich einerseits an allem und jedem betätigt
und andererseits freigemacht hat von der Überprüfung seines Aus-
gangspunktes. In der Form der Begutachtung und Beurteilung des
in- und ausländischen Gemeinschaftslebens klagt diese Gesinnung
das e i g e n e Lebensprogramm nur noch als Dienst aller
a n d e r e n an der g e m e i n s a m e n Sache ein. Und über
dem Ausbleiben des für angemessen betrachteten Lohnes wird sie
nicht radikal gegen die Zwangsgemeinschaft, sondern gegen die
vernachlässigte Pflichterfüllung des Rests der Welt, auf die er
als rechtschaffener Bürger und selbsternannter Anwalt der höheren
Anliegen einen ordnungsgemäßen Anspruch hat. Diesen Anspruch in-
teressieren also keine Gründe, sondern S c h u l d i g e und
Verantwortliche für Ge- oder Mißlingen der höheren Vorhaben, so
wie sie sich der brave Untertan mit seiner nationalistischen Lüge
zurechtgedacht und mit entsprechender Anleitung eingebildet hat.
Und in dieser, sein tägliches Treiben begleitenden Übung erfährt
ein solcher Untertan von allen Seiten nur Bestätigung. Einer-
seits, weil in einem fortschrittlichen Staatswesen wirklich alles
nach Maßgabe p o l i t i s c h e r Ansprüche eingerichtet und
ständig durchgemustert wird. Andererseits, weil sich dabei ein
Jeder als Anwalt einer nationalen Sache
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vorstellt und die anderen als Anwälte derselben Sache anspricht,
um sie darauf, bzw. auf das, was er darunter verstehen möchte,
festzulegen. Und die Erfahrung, daß privates Streben und nationa-
les Trachten meist g e g e n e i n a n d e r stehen, widerlegt
da, recht betrachtet, gar nichts. Im Gegenteil. Genauso, wie man
sich selber nur zu gerne bloß scheinheilig auf die höheren Not-
wendigkeiten beruft, begegnet man allen anderen in ihrem geäußer-
ten Diensteifer mit Mißtrauen, anerkennt also, daß man von ihnen
genauso und nicht zu Unrecht beargwöhnt wird: Damit behandelt man
die Anliegen der Nation wahrhaftig als etwas Vorgegebenes, vor
dem private Ansprüche z u r ü c k z u s t e h e n haben, die
anderer, aber auch die eigenen. Daraus folgt dann wieder ein
gutes R e c h t auf nationales Gelingen.
Mit diesem zur natürlichen Gesinnung verfestigten Standpunkt mu-
stert der aufgeklärte Demokrat ziemlich wahllos, aber zielstrebig
die ganze Welt durch, ohne sich mit Prüfungen theoretischer Art
groß aufzuhalten. Der Ertrag solchen Denkens besteht in lauter
"Beweisen", daß die Scheidelinie in Recht und Unrecht, Gut und
Böse mit den Anliegen der Nation nach innen und außen zusammen-
fällt, oder eben gerade nicht. Egal, wie dieses Urteil ausfällt,
es ist damit bewiesen, was unterstellt war: Daß alles Deutsche
letztlich in Ordnung geht, oder aber die Welt nicht in Ordnung
ist, weil das nationale Gutachterwesen nicht wie verlangt fündig
geworden ist. Zufriedenheit und Ärger sind also gleichermaßen ga-
rantiert. Und sie beziehen sich nicht auf ein zum Zuge gekommenes
eigenes Interesse, klagen umgekehrt keinen materiellen Lohn ein.
Verlangt und genossen oder vermißt wird der i d e e l l e Lohn
für den Eifer, mit dem man zur nationalen Sache steht: i h r
Vorankommen.
Mit der beanspruchten Dienstbarkeit und dem entsprechend recht-
schaffenen Selbstbewußtsein wächst einer erfolgreichen Nation da-
her auch eine entsprechend nationale Gesinnung zu. Mit jedem ge-
feierten E r f o l g auf den Feldern der nationalen Ehre ent-
wickeln sich die anspruchsvollen Maßstäbe für Stolz und neue
U n z u f r i e d e n h e i t, die nach entschiedenem Handeln
verlangt. So gedeihen mit den bundesrepublikanischen Staatsanlie-
gen auch die Manieren, Deutschland über alles zu stellen und das
Recht auf seinen Erfolg einzuklagen. Umso mehr, als ihre öffent-
liche A n s t a c h e l u n g u n d B e t r e u u n g mit dem
Fortgang der nationalen Vorhaben ebenfalls gedeiht.
Nationalfeiern: Schwarz-rot-goldener Gefühlsanspruch
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Die öffentliche Debatte über den Zapfenstreich ist vorbei: Er
wird feierlich begangen und kundgemacht. Die Debatte um die unge-
teilte Nationalhymne schreitet voran. Der Fernsehbürger geht mit
schwarz-rot-gold und Einigkeit und Recht und Freiheit zu Bett,
zwei Strophen im Sinn. Die Z e i c h e n für die Rechtmäßigkeit
der staatlichen Anliegen sind öffentlich gefragt und werden den
aufrechten Demokraten öffentlich präsentiert. Das sind die Herz-
stunden des überzeugten Nationalisten, in denen ihm der Staat als
gemeinschaftliches "Wir", das ihn einschließt und erhöht, zur un-
mittelbaren A n s c h a u u n g gebracht wird.
Aufmarsch, buntes Tuch und kommandierter Gesang, die inhaltslee-
ren Bebilderungen können auf Erläuterungen und Begründungen ver-
zichten. Sie sind schon das ganze Argument für das
a b s t r a k t e G e f ü h l, welches mit ihnen erweckt wird.
Erläuterungen und Begründungen können dem Schauder, den Liebhaber
dieser Zeichen regelmäßig empfinden und empfinden sollen, nur ab-
träglich sein, zumal sie nur dem einleuchten, der diese
F e i e r n n a t i o n a l e r E i n i g k e i t mit seinem
Staat schon befürwortet.
Ohne diese Zeichen, außerhalb der feierlichen Momente stellt sich
ja das schlichte Gefühl, man wäre in einer Interessengemeinschaft
aufgehoben, kaum ein. Und umgekehrt braucht man schon den Idea-
lismus des Gefühls "hier lebe ich, dazu gehöre ich", um während
der hehren Augenblicke das Erlebnis der Gemeinsamkeit zu genie-
ßen, auf das man es anlegt und das man sonst so oft entbehren
muß. Zu nichts anderem sind ja auch diese Zeichen erfunden.
Auf der anderen Seite bleiben diese nationalen Momente keineswegs
der Lust und Laune mehr oder weniger überzeugter Liebhaber deut-
schen Singens und Spielens überlassen. Die Unmittelbarkeit ehr-
fürchtigen Stolzes wird nämlich nicht nur laufend inszeniert,
sondern gegen Störungen tatkräftig verteidigt. Der Staat verlangt
kategorisch Achtung und Ehrerbietung vor den Zeichen; das Zusam-
mengehörigkeits g e f ü h l kommt als I m p e r a t i v daher,
dem sich jeder anständige Mensch in diesem Lande natürlich zu un-
terwerfen hat. Die Feier selbst, schließlich nicht umsonst vor
und für Soldaten am erhebendsten und beeindruckendsten, symboli-
siert den s t a a t l i c h e n A n s p r u c h, für die Ge-
meinschaft, in der man sich aufgehoben fühlen soll, das alltägli-
che Berechnen und private Treiben im Ernstfall auch völlig
hintanzustellen und ihr t o t a l zur Verfügung zu stehen: Die
Lüge vom lohnenden Sterben wird wahrgemacht, indem dem Dienst bis
zum letzten der ideelle Lohn nationaler Ehrbezeugung zuteil wird.
Am demonstrativen soldatischen Feierwesen ist manchem kritischen
Menschen ein ungutes Gefühl gekommen angesichts der letzten Kon-
sequenz, die die nationalistische Lüge einschließt. Nicht, daß
sie die Lüge durchschaut und widerlegt hätten. Sie halten die
Kriegsfeiern für einen W i d e r s p r u c h gegen die guten
Dienste und friedlichen Leistungen, zu denen die hohe
P o l i t i k dem deutschen Volk gegenüber v e r p f l i c h-
t e t sei. Die Güte der Nation wollen sie in den segensreichen
Zwecken guter Politik hochleben lassen. Und damit liegen sie gar
nicht so gegensätzlich zu den überzeugten Zapfenstreichlern. Die
"begründen" ihr selbstloses Hurra schließlich auch mit den
nützlichen Leistungen, zu denen das Gemeinwesen sich seinen
Mitgliedern gegenüber verpflichtet hätte und die es zu
verteidigen lohne, auch wenn dann von ihnen nichts übrig bleibt.
Die volkstümlichen Leistungen der Nation
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Arbeitsplätze und andere knappe Güter
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Bei seinen Erwartungen an die Nation greifen Politik und Öffent-
lichkeit dem Bürger hilfreich unter die Arme und buchstabieren
ihm konjunkturgerecht vor, wie seine Ansprüche gelagert sein müs-
sen, damit sie zumindest theoretisch vor den Verwaltern der Ge-
meinschaft als sein Recht Anerkennung finden. Zum Beispiel das
Recht auf einen "Arbeitsplatz", dem heutigen Inbegriff dafür, wie
nationalistische Forderungen nach Volkswohlfahrt gehen.
Das allgemeine Anspruchswesen hat, wo es sich zu Wort meldet, das
Lohnabhängigkeitsverhältnis längst in ein komplementäres Verhält-
nis gesellschaftlicher Rechte und Pflichten verwandelt. Der be-
hauptete soziale Beruf von Unternehmern ist es, als
"A r b e i t g e b e r" Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.
Der Beruf "A r b e i t n e h m e r" ist es, für Lohn Profitab-
les zu leisten. Der Beruf der Politik ist die tatkräftige Unter-
stützung von b e i d e m. Umso mehr, je mehr Volksmitglieder
nicht beschäftigt sind. Die Wahrheit, daß Produktivitätssteige-
rung und nationales Kapitalwachstum Arbeitskräfte überflüssig ma-
chen und außer Brot setzen, sieht sich, so betrachtet, genau
u m g e k e h r t an: Arbeitsplätze sind ein zunehmend knapperes
und deshalb zunehmend wertvolleres Gut, dessen Besitz ein Glück
und eine feine Gemeinschaftsleistung ist, dessen Fehlen aber der
ganzen Nation zu schaffen macht und einen jeden zur Verdoppelung
seiner spezifischen Anstrengungen verpflichtet.
So gern die sozialen Marktwirtschaftspolitiker die A n w e n-
d u n g der Ausbeutungsobjekte unter dem Titel "Arbeitsplätze
durch Wirtschaftsaufschwung" ihrem nationalen Pflichteifer
zuguteschreiben und als ihre ureigenste Leistung reklamieren, so
wenig lassen sie sich andererseits daran m e s s e n und weisen
die Schuld für das Arbeits l o s e n heer entschieden von sich.
Aus der dialektischen Anwendung dieser Logik durch Regierung und
Opposition ergibt sich für gebildete und ungebildete
Nationalgemüter ziemlich zwanglos ein Übergang zu einem
weitergehenden Anspruch an nationale Politik. Aus der Differenz
zwischen dem allseits gepflegten Recht des Volks auf produktive
Benützung und seiner Realität in Gestalt eines umfangreichen
Arbeitslosenheeres schließen Arbeitsplatzfans nämlich nicht, daß
sie sich selbst mit solch bescheidenen Lebensperspektiven in der
Nation ziemlich getäuscht haben. Lieber schließen sie darauf, daß
- alle Versäumnisse einmal abgerechnet, die man dieser oder jener
Partei gerne ankreidet, die zum Arbeitsplatzschaffen berufen sei
- dann wohl letztlich einfach nicht m e h r Arbeitsplätze zur
Verfügung stünden, man also mit den vorhandenen h a u s h a l-
t e n müsse. Das Vertrauen in die Bemühungen der eigenen
Führungsmannschaft verlagert sich deshalb auf die Überprüfung, ob
es denn mit der V e r t e i l u n g dieses knappen Guts auch
seine Richtigkeit hat, und wo sonst die Schuldigen dafür zu
suchen sind, daß mehr nicht zu verteilen ist. Fündig zu werden
fällt da nicht schwer: Das A u s l a n d ist schuld - und zwar
in Gestalt konkurrierender fremder Kapitalisten und in Gestalt
von Fremdarbeitern. Mit gewerkschaftlichen Vorrednern wird vor
den Japanern und anderen gewarnt, die unseren Markt kaputtmachen
und unsere Betriebe aufkaufen, also unsere Arbeitsplätze
vernichten. Auf der anderen Seite zählt dasselbe Gebaren von
Seiten deutscher Unternehmer ebenfalls unter die ausländischen
Anschläge: Allzuviele Türken besetzen unsere Arbeitsplätze. Jeder
könnte natürlich merken, daß Türken wie er deutsche Wertarbeit
leisten, weil die Anwender bei billiger Arbeitskraft keine
Nationalität kennen. Auch ist ziemlich unübersehbar, daß
deutsches Kapital in Japan und anderswo mit der und gegen die
Konkurrenz für alle Märkte der Welt produziert und auf allen
Märkten der Welt verkauft. Bloß schert sich der volkstümliche
Inter-Nationalismus darum wenig. Brave Arbeitnehmer, die sich auf
ihre Rechtschaffenheit und ihren Respekt vor Vorgesetzten viel
zugutehalten, werden darüber nicht selten radikal - in Gedanken
auch mal gegen den f r e m d e n Kapitalisten, und gegen die
a u s l ä n d i s c h e n Mitarbeiter sowieso.
Umgekehrt reden gewiefte Gewerkschaftler und Parteipolitiker den
Beschäftigten und Entlassenen auch ein, es läge an der mangelnden
Pflichterfüllung der h e i m i s c h e n Anwender von Arbeits-
kraft, deren M i ß-Management, wenn ihr Recht auf einen sicheren
Arbeitsplatz wieder mal nicht zu verwirklichen geht. Oder sie
stellen ihnen die ausländischen "Kollegen" als eine lobenswerte
opferbereite Dienstmannschaft vor, ohne die deutsches Wirtschaf-
ten doch gar nicht mehr auskommen könne. Das gilt bei kritischen
Menschen schon als Gipfel der Völkerfreundschaft und des Kampfes
gegen Ausländerfeindschaft - gegenwärtig mehr denn je. Augen-
blicklich wird nämlich in Politik und Öffentlichkeit die Auffas-
sung gefördert, die knappen Güter vom Arbeitsplatz bis zu den So-
zialhilfekassen müßten für deutsche Bürger reserviert bleiben und
dieses Land sei noch für den erbärmlichsten Sozialfall ein Privi-
leg, das ihm erhalten werden muß und soll.
Die Asylanten: Untragbare Anspruchsdenker
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Seitdem die Elendsfiguren aus den Hunger- und Kriegsgebieten der
Welt als Asylantenflut vorgestellt wurde, die aus dem Bildschirm
quoll - so wurde ein politischer Beschluß nämlich fürs Volk ins
Bild gesetzt -, gibt es sie eigenartigerweise wieder, die ver-
ständliche Angst vor Überfremdung, mit der Politiker unbedingt
verantwortlich umzugehen haben und über die sie sich nie wie über
andere unliebsame Meinungen hinwegsetzen können. Seitdem die Ver-
antwortlichen beschlossen haben, die vielen lästigen und die we-
nigen politisch erwünschten Asylanten wieder strenger zu trennen,
haben sie außerdem entdeckt, daß Deutschland zwar ein Asylrecht
hat, aber kein "Einwanderungsland" ist, "das Boot" BRD zum Unter-
gehen "voll" und jeder Asylant einer "zu viel" ist.
Damit sind gute Deutsche völlig ausreichend informiert und voll
bei der Sache, ohne sich um die Spitzfindigkeiten der Parteien,
wie man den Zustrom der unerwünschten Asylanten am besten verhin-
dert und sie am effektivsten abschiebt, noch groß zu kümmern. Man
hat ja mitgeteilt gekriegt, wer im Augenblick für die Politik
untragbar ist, also sind das auch entsprechende Typen. Als wäre
die Bescheidenheit, auf die der Dienst an den nationalen Aufgaben
verpflichtet, eine von deutschen Bürgern erfundene Zier und an
den Elendsgestalten aus der "Dritten Welt" vorn und hinten nicht
zu entdecken, machen die Leute im Lande an den Figuren, die ihr
Staat nicht mehr will, eine untragbare Anspruchshaltung aus. Da-
für halten sie an den Reden ihrer Politiker einfach all das fest,
was die behaupten, daß die Asylanten natürlich nicht alle wären,
aber...
Weil die Asylanten mit Arbeitsverbot belegt werden, um den uner-
wünschten Grenzgängern eine auch noch so mickrige Existenz gleich
unmöglich zu machen, handelt es sich zweifelsfrei um
"Schmarotzer", "Drückeberger" und "Nichtsnutze". Weil sie nicht
als freiheitsliebende Arbeitsplatzsuchende aus dem Unrechtsregime
mit den leeren Regalen über die Mauer geflüchtet, sondern über
Berlin Schönefeld ausgeflogen worden sind, haben sie es als
"Wirtschaftsasylanten" auf "unsere Arbeitsplätze" abgesehen und
auf "unseren Reichtum". Weil sie mit Care-Paketen und Taschengeld
in Sammelunterkünften gehalten werden, leben sie auf "unsere
Steuerzahlerkosten" in Saus und Braus, jedenfalls immer zu gut.
Und da es sich nun einmal nicht um afghanische "Freiheitskämpfer"
handelt, ist auch hier alles klar: "Politische Flüchtlinge"?
Warum sind die denn von zu Hause abgehauen? Doch wohl, weil sie
keine normalen Bürger sind, die schauen, daß und wie sie mit ge-
gebenen Bedingungen zurechtkommen.
Man kennt sich also prinzipiell aus, wenn auch das Unterscheiden
nicht immer ganz leicht ist, man des öfteren mal die eine mit der
anderen Mannschaft verwechselt und im Falle eines so dringlich
vorgestellten nationalen Problems überhaupt leicht genereller
wird, als es die Politik gerade vorexerziert und vorsortiert. So
anspruchsvoll sind Nationalisten: Alles, was sie einzustecken ha-
ben, klagen sie als Glücksfall ein, den ihr Staat vor mißbräuch-
licher Benützung zu schützen hat. Wozu sie der Neid, zielstrebig
aufgestachelt, anstachelt, ist das fordernde Bekenntnis zur eige-
nen Genügsamkeit und Folgsamkeit. So liefern Bürger, die auch
schon einmal eine Brandbombe in eine Sammelunterkunft werfen, ein
einziges Lebensbekenntnis ab, worin ihr Lebensanspruch im Grunde
besteht: daß mit ihnen ein starker Staat gemacht wird, der sich
gegen Ansprüche durchsetzt. Deswegen ist es der Staat, der durch
die Asylanten in Gefahr gerät - dann nämlich, wenn er seine Ab-
sicht kundtut, sich ihrer zu entledigen, soweit sie ihm nicht ins
Konzept passen.
Bessere Deutsche wittern im so bestätigten Ausländerhaß einen
Volksanspruch, vor dem sie unbedingt die Politiker warnen müssen.
Im Verein mit Gottesmännern sehen sie das deutsche Ansehen in Ge-
fahr - was ihnen offenbar auch das Wichtigste ist - und geben zu
bedenken, daß die "deutsche Wohlfahrtsgesellschaft" jetzt doch
noch einige angespülte Opfer verkraften können muß. Da wird weder
die von oben ausgemalte Gefahr dementiert, noch der Ausländerhaß,
der aus der erzwungenen Anspruchslosigkeit sein bestes Gütesiegel
macht; und schon gleich nicht werden Recht und Pflicht der Poli-
tiker bestritten, mit diesem Angebot von unten erfolgreich umzu-
springen.
So ist das "Asylantenproblem" wieder da, wo es in die Welt ge-
setzt wurde: bei den Politikern. Erstens erscheint gegen die
Volksstimmung, die sie erzeugt, aufgestachelt und mit entspre-
chender Orientierung versehen haben, der praktische Umgang der
Politiker mit den Asylanten von vornherein als maßvoll. Zweitens
ist diese Stimmung die passende Berufungsinstanz für jede politi-
sche Alternative in Sachen Asylantenrechtsregelung. Gegenseitig
ermahnen sich die Parteien, die Asylanten nicht zum Wahl-
kampfthema zu machen - womit es eins ist -, die Zuständigkeit,
die sie haben, nicht aus der Hand zu geben (weil sonst droht ein
"Flächenbrand, der nicht mehr zu löschen geht"). Jede solche
"Bremsung" der "irrationalen Stimmung" im Volk bringt diese wie-
der ein Stück voran und bekräftigt den Anspruch, daß Deutsche ein
staatlich verbrieftes Recht auf die Betätigung ihrer Tugenden un-
ter Ausschluß anderer haben und ihre Politiker alles tun, daß
sich in das Einheitswerk keine Unberechtigten einschmuggeln. Und
dafür wird ja längst gesorgt.
Umgekehrt geben die Politiker diesen Auftrag prompt an ihr Volk
zurück und klagen das "Recht auf Leben" ein, weil sonst die Deut-
schen "auszusterben" drohen. Der Staat braucht nun einmal eigenes
Material. Unter diesem abstrakten Gesichtspunkt wird über gemein-
schaftsschädliches Anspruchsdenken geklagt, weil sich nicht jeder
jedes Kind leisten will. Vereint mit Kirchenmännern entdecken
Christenpolitiker im Foetus den Inbegriff der Achtung vor dem Le-
ben, aus dem man keinesfalls aussteigen darf, und beklagen einen
untragbaren Sittenverfall bei der Volksproduktion, die dem Staat
naturgemäß zusteht. Versprochen wird dem Nachwuchs oder den EI-
tern deswegen noch lange nichts. Also heißt es Abstand nehmen vom
normalen Alltag der Moral und dem dazugehörigen Berechnungswesen,
zumindest theoretisch. Kinder werden nun einmal nicht als Deut-
sche ins Leben gesetzt, sondern meistens, weil zwischen Laken und
Bettdecke und auch überhaupt die Überlegung öfter aussetzt, womit
der Staat ein Gutteil seiner Sorge ja schon los ist, ihm könnte
das Volk ausgehen. Dennoch. Kaum gesagt, wird der Anspruch auf
deutsches Leben auch schon als berechtigter zur Kenntnis genommen
und diskutiert. Zumindest an den vielen Ausländern kann noch
jeder sehen, daß die Deutschen ziemlich wenig sind.
Das Ausland: Lauter "Probleme" für unsere Nation
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An T s c h e r n o b y l war die Nicht-Einhaltung der bundes-
deutschen Sicherheitsstandards für AKWs schuld. Das hat Zimmer-
mann gleich gewußt. Als Hinweis, daß hier die gleichen sicher-
heitsheischenden Atommeiler stehen, von denen dieselben staatlich
inszenierten Lebensrisiken für die Bevölkerung ausgehen, war das
nicht gemeint. Einleuchten sollte dem mit Becquerel-Dosen ver-
traut gemachten Bürgern etwas anderes: Unsere Tschernobyls gehen
in Ordnung und sind gefahrlos, weil sie unter deutscher Obhut
stehen, während unsere Wallmanns für eine gute Absicht ausländi-
scher Regierungen nicht garantieren können. An Cattenom entdecken
deutsche Politiker, die den Atomstrom für unverzichtbar für
"unsere" Wirtschaft halten, lauter lebensbedrohliche Gefahren,
die Land und Leuten drohen; so als wäre die deutsche Grenze ein
Schutzwall, der die nützliche und lebensnotwendige Atomenergie
hier von der Strahlengefahr dort trennt. Die Störfälle und Si-
cherheitsmängel im französischen Kraftwerk lassen sie nicht ruhen
- und nebenbei werden die gleichen Stör- und Unfälle aus deut-
schen Kernkraftwerken vermeldet. Der Verdacht wird erhoben, daß
Paris sich nicht einmal in die Unterlagen gucken läßt, wenn deut-
sche Politiker sie dazu auffordern, um sie mit den guten deut-
schen Normen und Auflagen zu vergleichen. Wenn aber Österreich
sich anmaßt, gegen W a c k e r s d o r f zu protestieren, dann
ist das eine unverschämte "Einmischung in die inneren Angelegen-
heiten der Bundesrepublik". Daß unsere Politiker die Pflicht ha-
ben, sich wegen der Sorge um die Nation überall einzumischen,
sich selbst aber nichts bieten zu lassen, wird dem Bürger an den
verschiedenen Fällen als selbstverständlicher Anspruch seiner
verantwortlichen Politiker mitgeteilt. Und nahegelegt wird ihm,
dies damit zu verwechseln, daß er es in seiner Heimat - samt her-
umstehenden AKWs - gut getroffen hat.
So sehen Inter-Nationalisten mit deutschem Paß dann auch das Pro-
blem: "Wir und die anderen." Vom besonderen Anlaß, bei dem Bun-
desbürger eine Zeitlang richtig Angst gehabt haben wollten und
Zimmermann Verharmlosung vorgeworfen haben, bleibt da nur noch
ein Anspruch der abstraktesten, also härtesten Art: Wird deut-
schen Interessen auch auswärts genügt und nachgekommen? - samt
dem Verdacht, daß unsere Politiker sich nicht entschieden genug
bei den befreundeten Partnern wie bei den erklärten Feinden
durchsetzen würden. So brauchen sie auch über nichts in der Welt
eine Ahnung zu haben. Ihr sicherer Nationalstolz legt an alle Er-
eignisse, die in der internationalen Staatenwelt vorkommen immer
die gleiche Meßlatte an: Erfolg (unserer) und Scheitern (welche
unnationale Absicht steckt dahinter?). Herauskommt eine zielstre-
bige Willkür, bei der das national gesinnte Gemüt darauf angewie-
sen ist, von seinen Politikern zu erfahren, welche Gefahr jetzt
gerade von welchem Ausland droht und wie sie genau einzuschätzen
ist.
Wallmann hat Cattenom geprüft und für gut befunden, die Anlage
entspricht deutschen Anforderungen: ein Grund zur Zufriedenheit!
Die SPD moniert, daß die französische Politik trotz unserer
"ernsten Einwände" Cattenom nicht einfach abschaltet: Das kann
nicht in Ordnung sein! Österreicher an der bayerischen Grenze
aufgehalten: richtig oder falsch?
Der Wille, das Treiben der eigenen Politiker auf internationalem
Parkett nach Erfolg und Scheitern zu sortieren, damit der zufrie-
dene Beweis und der unzufriedene Anspruch, daß man so richtig
liegt, erhalten bleibt, ist aus sich heraus eben nicht einmal fä-
hig, sich Belege zu finden. Die müssen seine Politiker ihm schon
noch vorgeben, richtig verdolmetschen und verständlich machen.
Die Mitteilungen, worauf wir in aller Welt aufzupassen haben, die
fälligen Differenzen und Unterschiede zwischen den Herren aller
Länder, die Betonung des "Machbaren" beweisen dann die Verantwor-
tung der für die Achtung alles Deutschen im Ausland zuständigen
Herren und unterscheidet sie von einem im Volk vorhandenen undif-
ferenzierten nationalen Fanatismus. Der wird dadurch bekräftigt -
ja, der Bürger liegt mit ihm grundsätzlich goldrichtig und sein
Nationalstolz ist bei der außenpolitischen Mannschaft gut aufge-
hoben -; andererseits auch immer enttäuscht. Die aufgezählten Er-
folge und der dringlich angemeldete Nachholbedarf bei diversen
Versäumnissen, die andere sich haben zuschulden kommen lassen,
sind als Belege nie Antwort auf die ganz grundsätzlich gestellte
Frage: Hört die Welt auf die deutsche Stimme?
Auch in dieser Hinsicht wird nationale Gesinnung von den Politi-
kern bedient. Von gestiegenem Ansehen der BRD in aller Welt,
selbst bei den Russen, weiß die Regierung zu berichten, während
die SPD beklagt, daß unser Kohl so manche Gelegenheit, andere Na-
tionen entschieden auf deutsche Interessen festzulegen "versäumt"
und von ihr auf diesem Gebiet errungene Erfolge "verspielt" wor-
den seien. Ja, deutsche Parteien sind jenseits des politischen
Tagesgeschehens zuallererst ganz grundsätzlich mit dem Ansehen
der BRD in der Welt beschäftigt.
Wie sehr sie dabei Erfolg haben, darf der Untertan an den Mienen
seiner Amtsträger ablesen. Daß sie zufrieden mit sich selbst
sind,
wenn sie nach einem Auslandsbesuch aus dem Flugzeug klettern -
"Präsident R. und ich hatten ein gutes Gespräch" -, ist gerech-
terweise das Anschauungsmaterial, in dem sich der Wille auf ein
nationales Lebensrecht von unten und oben trifft. Und mehr geht
deutsche Weltbürger das Treiben ihrer Politiker und Geschäfts-
leute auf dem internationalen Parkett auch nicht an - sie sind ja
dafür.
Unsere Herren: anerkannt vertrauenswürdig
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Da nun einmal feststeht, daß an den Staatsnotwendigkeiten kaum zu
rütteln ist, und sich bei denen außer den Machern sowieso keiner
so richtig auskennt - wozu auch, wenn man ja doch die einschlägi-
gen Ergebnisse samt den eingängigen Interpretationen frei Haus
geliefert kriegt -, kümmert sich ein mündiges Volk lieber darum,
ob sie auch e r l e d i g t werden. Auch diese Wertschätzung
"ordentlichen" Regierens bemißt sich freilich nicht an den Mit-
teln und Zielen der Politik, sondern an dem Katalog von Regie-
rungskunst, den noch ein jeder im meinungsbildenden Umgang mit
'Bild' und anderen Blättern lernt und anwendet. Es geht um die
Feststellung, o b Bonn seine Sache gut macht. W e l c h e und
wie, das ist dem Wunsch nach grundlosem Vertrauen in die Politik
entfallen und unter 'Das wissen die am besten' abgehakt.
Da die Sache, also die Leistungen der politischen Gewalt nach in-
nen und außen, nicht mehr zählt, ist der immer am Gelingen seiner
Herrschaft interessierte Mensch darauf verwiesen, die Qualitäten
seiner politischen Vorgesetzten an dem politischen Anstand zu
messen, den er in seiner eigenen Person verkörpert. Denn daß sie
für ihn regieren, ihn also zufriedenstellen sollen, steht ja nun
einmal fest. "Entspricht mir mein Herr?" "Ist er vertrauenser-
weckend?" "Macht er Eindruck auf andere?" "Ist er seines Amtes
würdig?" lauten die Prüfungsaufgaben, denen das politische
Personal unterzogen wird.
Ab sofort gelten damit die Herrschaften, die ihren Bürgern lauter
Staatsnotwendigkeiten aufbrummen, als eine Mannschaft, die ihre
eigentliche Bestimmung darin hat, das V e r t r a u e n und die
A n e r k e n n u n g ihrer selbsternannten Begutachter zu fin-
den. Insofern haben sie schon von Haus aus und vor jeder Prüfung
Respekt verdient, weil der Glaubwürdigkeitstester sie ja als
seine Vertreter unterstellt.
Die nähere Prüfung des Personals gestaltet sich gemäß der Dialek-
tik von Amt und Amtsinhaber, V o l k s- und S t a a t s-
v e r t r e t e r ebenso demokratisch wie schematisch. Demokra-
tisch, weil ein jeder Politiker von jedem Bürger mit den
mannigfachen positiven Eigenschaften verglichen wird, die
letzterer von ersterem geboten bekommt: E i g e n s c h a f-
t e n g u t e n R e g i e r e n s nämlich, die den gelungenen
Bezug des Überprüften auf sein schweres Amt und seinen Bezug auf
diejenigen widerspiegeln, die er in seiner Amtsausübung
repräsentiert. Nach unten hin lautet das Gebot: 'Volkstümlich,
aber dabei ganz Herr.' Gegenüber der Macht, die er ausübt:
'Erfolg' oder besser 'Verantwortung', wobei kein 'wofür' mehr
gefragt ist, wenn es um die persönlichen Qualitäten geht.
Andererseits gebietet die Verantwortung gegen die vielen Ansprü-
che Durchsetzungsfähigkeit, also Rücksichtslosigkeit; die enge
Bindung ans Amt verlangt Selbstlosigkeit, das entschiedene Auf-
treten aber auch hoheitliches Selbstbewußtsein. Kurz: Die metho-
dischen Tugenden guter Führung sind zahlreich, wenn es um die
Ausmalung des immergleichen Charakterbildes für das Urteil "Meine
Herren" geht.
Weil die verschiedenen Machtinhaber und -anwärter mit diesem Bild
verglichen werden, kann Kritik des öfteren nicht ausbleiben: Man-
gelnder Erfolg und (=) mangelnder Anstand gebieten es. So kommt
es sogar zu regelrechten Skandalen, die das Volk aus der Presse
erfährt und die sich immer dahin auflösen, daß irgendeine dieser
Figuren durch normale Amtshandlungen diesen Katalog empfindlich
mit Füßen getreten hat - meist hat es an der rechten überpartei-
lichen Durchsetzungsfähigkeit gefehlt, d.h. der Verdacht ist auf-
gekommen, ein Politiker habe sich nicht entschieden genug für das
Regieren eingesetzt, sondern für andere Interessen. Wo Skandale
den politischen Hauptgesprächsstoff bilden, da lebt also der
Wunsch nach sauberer Führung auf - und wird gut bedient. Denn die
Auffassung, daß ein politisches Amt eine hohe Aufgabe ist, deren
Gelingen von den guten Eigenschaften und dem Anstand seines Inha-
bers abhängt, wird ja auf jeden Fall mit jedem Fall bestätigt.
Es ist zwar extra unsinnig, sich die politischen Leistungen, die
auf der allgemeinen Gewalt beruhen, ganz p e r s ö n l i c h
vorzustellen - schließlich taugt jeder Politiker auf jedem Platz
und besitzt dann auch schon Sachverstand. Aber so dumm ist der
Demokrat auch nicht, daß er das nicht längst wüßte und zum zwei-
ten grundsätzlichen Gütesiegel der Person machen täte. Wer ein
Amt hat, ist eben schon v o n A m t s w e g e n eine
P e r s ö n l i c h k e i t. Kein Kanzler kann sich vor dem
"Kanzlerbonus", keine Regierungsmannschaft vor dem Urteil retten,
weil sie regiert hat, müsse sie auch eine Menge politischer Per-
sönlichkeiten zu bieten haben. So heften sich die Erfolgseigen-
schaften konsequent mit Vorliebe an die in der Parteienkonkurrenz
Erfolgreichen. Und so bewundert das demokratische Volk sinniger-
weise am meisten die, die es aufgrund seiner Verehrung für die
erfolgreiche Persönlichkeit per Wahl mit Erfolg gekrönt hat.
In dieser alltäglichen Begutachtung und Sortierung der diversen
Regierungs- und Oppositionsmannschaften erhalten Demokraten jede
Unterstützung. Die Medien inszenieren die Politikbegutachtung wie
eine tagtägliche Stiftung Persönlichkeitstest, und die Politiker
stilisieren sich entsprechend für die Öffentlichkeit als fähige
Figuren. Mit Umfragen und Barometern wird diese Inszenierung von
oben und ihr Erfolg als das Werk der Kontrolle von unten lebendig
gemacht - und gerechterweise erhalten diejenigen, die all diese
Prüfungen besonders glänzend bestehen, weil sie ein hohes Amt be-
sonders ausdauernd bekleidet haben, nicht den Titel Volksmann,
sondern Staatsmann.
So blüht in allen demokratischen Ehren das Naturrecht des guten
Volkes auf Führung - und seine Entsprechung: der P e r s o-
n e n k u l t. Für den ist in den Bonner Amtsstuben ein eigener
Geschäftsbereich eingerichtet. Ein Weizsäcker kann es gar nicht
verfehlen, sein Metier überzeugend zu gestalten. Erstens vertritt
er qua Amt alle Deutschen ganz überparteilich. So kommt der
letzte demokratische Verdacht braver Untertanen gegen ihre
Politiker vom Tisch: Sie könnten mit ihren Parteiungen die
Einheit stören. Zweitens ist er der lebende Beweis für die Ver-
antwortungslogik: G e w a l t ausübung ist G e i s t, weil al-
les, wofür Bürger von ihren Herren herangezogen werden, das Werk
einer Führungskunst ist, die in der Verantwortungs e t h i k ih-
rer Macher wurzelt. An der Besinnungsaufsatzlogik Weizsäckerscher
Festreden kann es nicht allein liegen, wenn sich hier ausnahms-
weise mal das ganze Volk geschlossen wie eine große Gemeinde auf-
führt. Alles Anhänger des Evangeliums: Deutschland hat eine
f e i n e O b r i g k e i t.
Die Kulturnation: Deutschland als Gesamtkunstwerk
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Bei allen guten Geistern dieser Republik fällt die Verwechslung
von Geist und Politik auf fruchtbaren Boden. Sie nehmen das Ange-
bot an ihren professionellen Verantwortungssinn ernst und stellen
sich das Verhältnis wahrhaftig genau umgekehrt vor: In den Niede-
rungen der alltäglichen nationalen Verwaltung waltet der Sinn der
gemeinschaftlichen Sache nur beschränkt und höchstens so weit,
wie diese Sphäre sich den Ideen und Werten verpflichtet weiß, aus
denen und in denen angeblich die Gemeinschaft wirklich lebt. So
werden sie lässig mit dem leidigen Widerspruch fertig, daß sie
ehrenwerte Verantwortung - bei allem Respekt - politisch prakti-
ziert den ideellen Glanz und originellen Reiz nicht bietet, der
es feinsinnigen Menschen so angetan hat. Wie wenn sie ein Bewußt-
sein davon hätten, daß in den Gegenwartsgeschäften gute Gründe
für ein heimeliges Gemeinschaftsgefühl gar nicht zu finden sind,
vertreten Intellektuelle, Künstler, Lehrer - freilich nicht zu-
letzt Politiker und Wirtschaftsmenschen selber - die Auffassung,
die verehrungswürdige Nation sei eigentlich mehr als eine Art Ge-
samtkunstwerk und Wertehimmel sowie eine - schwer alte - Idee zu
verstehen und jeder - Dichter, Denker, Künstler an vorderster
Front - sei ein bekennender Teil von ihr. Damit retten sie den
Verantwortungsschein für die Politik und das Geistesleben vor den
stillosen parteipolitischen Umtrieben: Die wahre deutsche Größe
ruht in Gedichten und Bildern, philosophischen Traktaten und Sym-
phonien und anderen Werken.
Freilich, übermäßig geistvoll und einfallsreich ist es nicht,
sich die Nation so zurechtzulegen, daß sie dem eigenen Selbstge-
fühl anheimelnd erscheint, und umgekehrt sich die Welt des schö-
nen moralischen Scheins ganz staatsbürgerlich umzuinterpretieren.
Daß der politische Zwangszusammenhang letztlich nichts als eine
schöngeistige Veranstaltung seelenverwandter Geister sei, darauf
kann nur verfallen, wer vorab gleich von zweierlei überzeugt ist
oder sich überzeugt geben will: Erstens, daß der Nation von Haus
aus Achtung gebührt; zweitens, daß das Schöne-Gute-Wahre die Welt
im Innersten zusammenhält und deshalb selbstverständlich wertvoll
und schwer bedeutsam ist. Nur so jemand, also zuallererst der
Kreis der Werteanwälte selbst, sieht in künstlerischer und wis-
senschaftlicher Erbauung und Belehrung die echten Repräsentanten
der gemeinschaftlichen Ehrensache. Die Behauptung, daß die Deut-
schen das Volk der Dichter und Denker seien, ist durch Isenheimer
Altar, West-östlichen Diwan, Beethovens Neunte und das Kunstwerk
der deutschen Sprache - elaborierter Code natürlich - nicht zu
beweisen. Auch nicht durch die Tatsache, daß zumindest heutigen
Denkern und Dichtern von Böll bis Golo Mann, Augstein bis Diwald,
Grass bis Reich-Ranitzky die Worte "deutsch", "Verantwortung für
Deutschland", "Kultur in Deutschland", "Leiden an Deutschland",
"deutsche Einheit" locker aus der Feder fließen. Die künstleri-
sche Tätigkeit ist nämlich erst einmal kein Produkt des Vaterlan-
des, sondern der auf ihre bedeutsamen Gefühle ausgerichteten In-
dividualität, was beileibe kein Gütesiegel, sondern ein nicht
wegzuleugnendes Faktum ist. Außerdem werden in anderen Nationen
auch Verse geschmiedet und geistige Botschaften ausposaunt wie
der Teufel - und hinterher genau wie bei uns interpretiert: Un-
sere Kultur ist Hänschen Rosenthal! Ferner macht der Genuß dieses
Treibens, so man ihn empfindet, vor den Landesgrenzen beileibe
nicht halt und wüßte nicht einmal zwischen Purcell und Händel,
Schmidt und Miller, Kandinsky und Klee zu unterscheiden, wenn ihm
nicht die Interpretationskünstler einordnend zur Hand gehen wür-
den. Und überhaupt, wo wirklich nur das nackte Nationalgefühl
Worte und Töne findet, da ist die "zarte Lyrik" auch nicht gerade
von der feinsten Art.
Aber ausgerechnet in einem Gemeinwesen, wo alles gleich in der
Form des Privateigentums daherkommt, sollen ausgerechnet Pro-
dukte, die zum Individuellsten vom Individuellen gezählt werden,
kollektives Eigentum sein. Und ausgerechnet die national sor-
tierte Welt des Privateigentums soll dadurch veredelt sein, da in
ihr die Feiern der Subjektivität und Moral erst so richtig aufge-
kommen sind. Dabei sind weder die Kulturleistungen und vor allem
die darin gefeierten moralischen Ansprüche so schöngeistig, noch
ist die Bedienung aus dem Fundus so rein persönlich, wie verspro-
chen wird. Schließlich schmücken vor allem die beinharten Manager
und Verwalter der Nation ihr Amt mit dem Glorienschein der Kul-
tur. Für ihresgleichen, für die öffentliche Repräsentation von
Luxus und zur Inszenierung von Massenfeiern bringen sie mit ihrem
privatwirtschaftlichen und öffentlichen Mäzenatentum wirklich ein
nationales Kulturleben in Gang.
Deswegen bekommen die freien Staatskulturschaffenden noch lange
keine Bedenken, sondern fühlen sich im Prinzip anerkannt als die
wahren Vertreter deutschen Treibens, als welche sie sich selber
verstehen. Das beflügelt sie, an sich selber die Gleichung von
Subjektivität und Verantwortung zu Ende zu denken. Kaum machen
sie den Mund auf, schon sinnen und schreiben sie konjunkturge-
recht kritisch über die Menschheit, das Leben, die Politik, die
Kultur - eben die Gemeinschaft im großen und ganzen. Sie führen
sich auf, wie es Fans der politischen Ehrentitel in den Sinn kom-
men muß, wenn sie sich zur Stellungnahme aufgerufen fühlen. Seine
nationale Offenbarung erfährt diese Einstellung regelmäßig, wenn
sich Repräsentanten ihres deutschen Standes treffen und unterein-
ander oder mit Politgrößen über den Auftrag der Kultur und ihre
Bewahrung in diesem unseren Lande streiten. Die gefährdete Frei-
heit und Einheit der Kultur ist das wenigste, was ihnen einfällt,
noch bevor sie sich darüber zerstreiten, ob die Kultur sich nun
partei-, allgemein- oder überhaupt nicht unmittelbar politisch
engagieren müsse, um so richtig bedeutsam zu sein.
In der historischen Kulturabteilung wird die Idee mit der deut-
schen Idee auf die Politik zurückreflektiert. Aus der Tatsache,
daß dieses Gemeinwesen nicht aus dem Nichts kommt, sondern mit
Gewalt entstanden ist, wird gefolgert, daß unser Staat nur der
vorläufig letzte Ausdruck einer seit ziemlichen Urzeiten wesenden
Idee ist. Ausgerechnet unter dem Gesichtspunkt der Vergänglich-
keit erscheint das Gebilde Bundesrepublik als Dauerauftrag und
rechtfertigt einiges an Problematisierung unter den abstrakten
Gesichtspunkten stabiler und wirkungsvoller Herrschaft. Mit Be-
geisterung und historischer Weitsicht debattiert ein Gutteil der
Zunft, was Bonn an Verantwortung aus den Lehren der Geschichte
zuwächst - natürlich sind es schon wieder Fragen der nationalen
Identität als Volk und Raum in Europa. Leute, die partout Hitlers
Ver-Führungskünste und Kriegs-Treiberei nicht recht verstehen und
schon gar nicht billigen zu können vorgeben, konstatieren im Na-
men der deutschen Vergangenheit die Zukunftslosigkeit der gegen-
wärtigen Grenzen, entdecken die Tragik des mitteleuropäischen
Machtverfalls, aber auch Hochzeiten deutscher Führung in Europa,
oder warnen vor einem einseitigen Anspruch auf Grenzrevision -
kaum erforscht, schon geflügeltes Wort im Munde Bonner Geistes-
riesen, kaum gehört, schon in Archiven quellenbelegt. Sogar die
Ehre einer selbständigen historischen Größe, natürlich nach vorne
offen, wird der Bundesrepublik zunehmend bändefüllender zuteil.
Und pünktlich zum Feiertag wirft man an einem Alten Fritz Krieg
und Kultur, Herrschaft und Philosophie, Pflicht und Neigung, Land
und Leute in einen preußisch-deutschen Topf. Klar, daß kritische
Köpfe engagiert mit dabei sind. So schmückt der Kulturbetrieb und
beflügelt die politische Selbstdarstellung mit Subjektivität und
Objektivität.
Mit solchen Spiegelfechtereien bereitet sich die Elite Vergnügen
und Anerkennung; deswegen gelten sie als vornehm und interessant
und werden gewöhnlich aufmerksamer verfolgt als so banale Ereig-
nisse wie Lohnkürzungen, Raketen und Terroristengesetze. Kriti-
sche Kulturbewahrer beherrschen außerdem locker den Übergang von
der Auffassung, alles Ungemütliche sei ein Stilbruch in der poli-
tischen Kultur, zu der Beschwerde, der Umgang mit der Kultur sei
der eigentliche Verstoß der Politik. So geht einer Sänger- und
Schreiber-, Filmer- und Denkermafia heutzutage alles genauso
gründlich durcheinander, wie umgekehrt die parteipolitischen An-
sprüche an den freien Geist zu Herzen genommen werden.
Massenkultur: Wir lassen uns das Singen nicht verbieten
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Wenn das Volk dieselben Übergänge macht und finanziert bekommt,
gilt das als ziemlich profan und niveaulos. Dabei macht das Volk
auch nichts anderes, als seine anerkannte Einstellung auf dem
Feld der Erbauung und des sportlichen Treibens zu genießen. Au-
ßerdem steht ja andererseits fest, daß so etwas natürlich in ei-
ner Kulturnation auch sein muß. Schließlich muß doch der kleine
Mann seiner Liebe zum Vaterland dort frönen dürfen, wo er etwas
davon versteht, wo es ihm gefällt und wo er garantiert nichts
ernstlich falsch machen kann. Da soll und darf er sich seine
Identifikationsfiguren suchen und ganz Kulturimperialist sein.
Vom Singen bis zum friedlichen Wettkampf, nichts, was nicht als
Nationalmannschaftsvergleich interpretiert und betreut wird. Hier
darf sich das Fanwesen freien Lauf lassen und das Volk bestäti-
gen, endlich einmal völlig Recht zu haben, wenn es Siege feiert
und Niederlagen einsteckt. Also fühlt sich jeder als privater An-
walt öffentlicher Rechte und führt sich entsprechend begeistert
oder auch enttäuscht und gehässig auf, wenn irgend jemand die
Dienste hat vermissen lassen, die aus Riesenbabies im Handumdre-
hen Tennismillionäre und Vorbilder für die deutsche Jugend ma-
chen. Auch der Naivling aus Leimen hat prompt gelernt, daß hier
mehr verlangt ist als bloß bornierter Tennisfanatismus.
Da es eigentlich Zufall ist, was aus deutschen und anderen Landen
an Sportskanonen und Sängerknaben frisch in die Arenen kommt und
schmettert, wird auch hier politisch nachgeholfen. Dem Volksge-
sundheitsertüchtigungswesen wird ein ordentliches Staatsprofiwe-
sen als Krönung aufgepropft, so daß sich wirklich lauter Spezia-
listen bilden, die den entsprechenden Geist im entsprechenden
Körper mitbringen. So bekommt auch hier das Nationalgefühl recht:
Siege sind keine natürliche Sache. Der Dialektik von Sport und
Politik wird die Synthese aufgesetzt, wenn sich die Volksvertre-
ter des Staates mit den Volksheroen treffen und nicht gemein ma-
chen. Auf dem Feld des niederen Vergnügens lassen die hohen Her-
ren den Massen Anerkennung widerfahren und tun so, als verbürgten
Sport und Politik arbeitsteilig Erfolge, auf die wir alle stolz
sein können. Um auch ja dem Vergnügen den nationalen Sinn über-
deutlich anzuheften und dem Kulturvergnügen noch das Gütesiegel
der organisierten Mitmenschlichkeit zu verpassen, werden heutzu-
tage im Vorbildwesen alle Grenzen zwischen Sport, Wohltätigkeit,
Politik und moralischer Aufrüstung durcheinandergebracht. Boris,
Otto, Uwe und Blacky, die Bild-Zeitung als Sponsor, vor den Augen
der Politiker, im Rahmen der nationalen Meisterschaft, im Dienste
von Unicef - was für ein Heidenspaß! Von so einem Politsport kön-
nen die Staatsamateure drüben nur träumen.
Der deutsche Volkscharakter: Wie ein Mann...
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Wo jeder beansprucht, daß in den unwichtigsten und persönlichsten
Dingen nationale Anliegen zu ihrem Recht kommen, da kommt auch
das deutsche Volk laufend wie eine Persönlichkeit daher, die in
allem Möglichen und Unmöglichen ihre heimatliche Entfaltung fin-
det. Das ist so selbstverständlich, daß es schon gar nicht mehr
auffällt und nicht selten mit dem Adjektiv 'deutsch' auskommt, um
die Verhältnisse volkstümlich auf dem Kopf zu stellen. Die
"deutsche" Jugend darf über ihren Gesinnungs- und Gemütszustand
sowie ihr individuelles Treiben Auskunft geben. In "deutschen"
Frauen, "deutschen" Männern, der "deutschen" Familie darf sich
das Staatsvolk selber in seiner unverwechselbaren Eigenheit re-
präsentieren. Ob die Deutschen nun am meisten schlucken - Bier
und Tabletten! -; ob ihnen nach dem Urteil anspruchsvoller Gemü-
ter der so überaus gewinnende Charakterzug des Humors abgeht,
oder ob sie doch wahrhaftig warme Tage in Bad und Biergarten zu
verbringen verstehen - es ist schon eine eigentümliche Mannschaft
und noch in ihren alleralltäglichsten Verrichtungen und gewöhn-
lichsten Einstellungen ein ganz besonderes "Wir", welches sich da
Ausdruck gibt.
Freilich, wo sich das Volk seine eigene Subjektivität zu Gemüte
führen darf, kommt so übermäßig viel auch wieder nicht dabei her-
aus. Bestenfalls noch die Tatsache, daß die alltäglichen Le-
bensumstände halt so sind, wie sie in einer (mit)führenden Welt-
macht nun einmal sind, und daß bis in die letzten Schlafzimmer-
ecken das staatsbürgerliche Handeln und Meinen ganz gewöhnlich
ist. Selbst wenn das als nationale Charakterkunde daherkommt,
ergibt das selten mehr als eine willkürliche Auswahl aus dem
eintönigen Tugendkatalog, mit dem eine anerkennenswerte und
anständige Bürgernatur bebildert wird: Zärtlich und etwas
pedantisch, locker und fleißiger oder fauler als sein
guter/schlechter Ruf, schwer männlich und fraulich - und vor
allem mit einer mehr oder weniger positiven Einstellung zu seinem
Staat. Die muß man immer wieder mal abfragen, da das Volk ein
Recht zu erfahren hat, daß es jenseits seiner täglichen
Verrichtungen auch noch entsprechend völkisch eingestellt sein
soll, natürlich seiner eigenen Meinung nach. Der Volk läßt sich
das schon längst nicht zweimal sagen und verzichtet auf
intellektuelle Verzierungen seiner Identitätskontrolle: Türk nix
gut, Franzosen olala, Kanaken, natürlich mit manchen Ausnahmen
und manchmal sogar anerkennend - Frauen gibt's in Thailand! -: so
kennt sich das Kollektiv im eigenen und fremden Wesen aus. Die
Identität liegt nämlich, die völkerverbindenden Sprachregelungen
moderner Rassisten mal auf den Punkt gebracht, immer noch in der
Überzeugung, daß "wir" die Besseren und eine geschlossene
Mannschaft gegen andere sind. Im Krieg kommt diese volkstümliche
Logik wieder auf den puren Staatsbegriff: Der Iwan... samt der
Logik der Ausnahmen, die dieses Urteil so unerschütterlich macht.
Nationalismus, Nationalgefühl, Patriotismus, oder wie man es
nennen will, ist eben das Gegenteil von Klassenbewußtsein - nicht
nur nach innen und im Frieden.
Eine Eigentümlichkeit bringen wir Deutschen ja wirklich mit, die
wir nicht mit allen anderen zivilisierten Völkern teilen und die
unseren Staat positiv von seinen europäischen Partnern abhebt.
Das natürliche Recht unserer Nation auf Gewalt gegen seine Feinde
läuft hier als leibhaftige Volks-Eigentümlichkeit herum. Ein
nicht geringer Teil der deutschen Kulturnation sind ewige Lands-
mannschaftler, die ganz persönlich das Leiden der Teilung reprä-
sentieren. Natürlich treibt die Politik nicht der Auftrag, noch
dem letzten Banater Schwaben seine Heimatsehnsucht zu verwirkli-
chen - da müßte der ja auch bloß wieder hin und unter seiner re-
alsozialistischen Obrigkeit volkstümeln. Aber das organisierte
vaterländische Anspruchswesen ist doch ein lebendiger Titel für
Staatsansprüche, die über die Oder-Neiße genauso hinausreichen
wie über die historische Mission, irgendein Machtvakuum in Europa
wieder mit uns zu füllen und Unrecht am Re deutscher Nation wie-
dergutzumachen.
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