Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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       Karl Held / Theo Ebel
       
       Abweichende Meinungen zur "Wende"
       

DAS 'MODELL DEUTSCHLAND' MACHT MOBIL

Resultate-Verlag Copyright 1984 by: Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher Literatur mbH Barerstr. 60, 8000 München 22 Verantw. Dr. Karl Held Druck und Vertrieb: MHB Gesellschaft für Druck und Vertrieb wis- senschaftlicher Literatur mbH, Amalienstr. 67, Rgb., 8000 München 40 ISBN 3-922935-17-6 Das 'Modell Deutschland' macht mobil Sind Vorkriegszeiten wirklich harmlos, bloß weil noch nicht Krieg ist? Der Westen will die Endabrechnung; nicht nur ein durchgedrehter US-Präsident drängt darauf und scherzt darüber. Die NATO tut al- les, damit es dazu kommt - zu ihren Konditionen. Das Waffenar- senal wird reichhaltiger, das Menschenmaterial einsatzbereiter gemacht. Die Ansprüche gegen den Feind, die friedliebenden Mah- nungen zum Wohlverhalten werden frecher. Die 'Deutschland-Poli- tik' wird mutiger. Das ändert die Stimmung im Land - und nicht nur die. Rücksichts- losigkeit gilt als Erfolgsrezept. Für einige ist sie das auch. Die demokratischen Christen und die Liberalen haben daraus 'die Wende' verfertigt. Die Opposition macht das Echo zur 'geistig-moralischen Erneuerung'. Und das gute deutsche Volk? Macht mal wieder mit; arbeitet - oder auch nicht; macht Kinder und kann die Türken nicht leiden. Die Russen sowieso nicht. So geht es zu, wenn eine demokratische deutsche Republik mobil macht. Alles Nähere erläutert dieses Buch. Inhaltsverzeichnis ------------------ Einleitung Die "Wende" und ihre kritischen Liebhaber I. Perfekte Demokratie: Volk antreten zum Machtwechsel! II. Mit der NATO geht's: ... über alles in der Welt! III. Drei Dinge braucht die Macht: Aufschwung total, Friede sozial, Armut normal IV. Deutsche Reinheitsgebote: Führen, Folgen, Kinderkriegen, Türken raus! V. Die christliche Moral einer deutschen Nation: Einig, recht und frei! Die "Wende" und ihre kritischen Liebhaber ----------------------------------------- Die Koalitionsregierung, die ihrer Machtübernahme stolz den Titel einer "Wende" gab, ist von öffentlicher Unzufriedenheit nicht verschont geblieben. Kein Tag vergeht, ohne daß sich mehr oder minder gewichtige Stimmen zu Wort melden, die an den Qualitäten der neuen Führung zweifeln. Mit e i n e m allerdings sind die Bedenken unserer demokrati- schen Öffentlichkeit ganz sicher nicht zu verwechseln: mit K r i t i k an den W e r k e n der Regierung Kohl. Was da an Vorbehalten und Mahnungen vorgetragen wird, erinnert eher an eine Liste von Anträgen, die vom Bedürfnis nach absolut glaubwürdiger Regierung zeugen. Deutsche Demokraten werden jedenfalls nicht müde, Belege für dieses Verlangen zu liefern. Es bewegt sie weit mehr als die Frage nach Grund und Zweck der gemachten Politik so- wie nach deren notwendigen Wirkungen. 1. So erfreut sich der - Karikaturisten abgelauschte - Befund, beim neuen Kanzler handle es sich, recht besehen, um eine B i r n e, der größten Beliebtheit. Leider ist mit dieser Re- spektlosigkeit - die seit der Amtszeit von Präsident Lübke etwas aus der Mode gekommen war - nicht die schlichte Entdeckung ge- meint, die leicht zu haben ist: Kanzler Kohl macht von seinem Verstand immerzu jenen eigenartigen Gebrauch, welcher Dummheiten hervorbringt. Vielmehr geht es bei der Verächtlichmachung des "Menschen" Kohl darum, daß ihm aufgrund seiner F ä h i g k e i- t e n die Qualifikation abgesprochen wird, und zwar für das A m t, das er gerade versieht. Und dieser Einwand ist sehr verräterisch. Immerhin erachtet er die von einem bundesdeutschen Kanzler ausgeübte M a c h t genauso wie Herr Kohl selbst für einen so unbedenklichen und ehrenwerten A u f t r a g, daß dieser unbedingt auch noch mit den Zierden des G e i s t e s ausgestattet und erfüllt gehört. Insofern ist die Respektlosig- keit des Birnenwitzes eine schiere Täuschung. Da dringen politisierende Gemüter darauf, daß ein von ihnen zutiefst r e s p e k t i e r t e s G e s c h ä f t - das des "F ü h- r e n s" - nur von Leuten versehen werde, die es auch dem an- spruchsvollen Liebhaber guter Herrschaft recht machen. Dieser Idealismus ergreift Partei lediglich für ein Personal an der Spitze des Staates, das sich auf die kundige, gekonnte, ge- schickte und raffinierte R e p r ä s e n t a t i o n der natio- nalen Belange versteht. Dem Amt und seinen "Pflichten" gegenüber verhält sich der zum Nationalsport entwickelte Spott über die "Birne" ebenso a n e r k e n n e n d und b o t m ä ß i g, wie er elitär auftritt in Bezug auf die Person, die den Geschmacks- und Stilansprüchen mündiger Bürger entsprechen muß. Solche Bürger melden ihr Recht auf eine respektable Besetzung der Hauptrollen in ihrem Staat an, d a m i t sie ihn in aller Form hochachten können. Die Anhänger der parteipolitischen Alternativen machen sowieso kein großes Aufheben über das, was sie einklagen. Der ge- wünschte "E i n k l a n g" ist der zwischen der Souveränität der Staatsmacht und der des sie ausübenden Personals. Überflüssig ist für dieses politische Bedürfnis eine P r ü f u n g d e r L e i s t u n g e n, die eine funktionierende Regierung so voll- bringt. Das könnte ja höchstens zu der schädlichen Feststellung Anlaß geben, daß das Regieren weder beim gegenwärtigen noch bei früheren Kanzlern eine Angelegenheit ist, die auf der Wahrhaftig- keit ihres geistigen Schaffens beruht. 2. Nicht besser steht es um die Meldungen, die ganz ohne Spott vom Schaden künden, der mit dem " Versager" Kohl über die Nation gekommen sein soll. Wer bei der Verfolgung des Treibens in Bonn bemängelt, der neue Mann sei "unfähig zu klaren Entscheidungen", hat sich eben auch nicht groß mit dem Inhalt dessen auseinander- gesetzt, was in Bonn täglich entschieden wird. Er gibt nur Aus- kunft darüber, daß ihm - Demokratie hin, Demokratie her - das I d e a l t a t k r ä f t i g e n u n d h e m m u n g s- l o s e n R e g i e r e n s äußerst geläufig ist. Wer darüber- hinaus ständig die Frage wälzt, ob die Koalition nun "brüchig" sei und der Kanzler auch mit den Streitigkeiten in seiner Mannschaft fertig werde, ob er gar den Quertreibereien eines Strauß gewachsen sei, den drückt nur eine Sorge. K o n k u r- r e n z u n d K r i t i k hält er weniger für sozialkundebuch- trächtige Vorzüge der Demokratie, sondern für eine einzige G e f ä h r d u n g d e r M a c h t. Die hohen Herren haben sich gefälligst zu vertragen und alles unter Kontrolle zu behalten! Andernfalls passiert das Schlimmste, was sich passio- nierte Demokraten vorstellen können-die Regierung verliert das "Vertrauen", "Staatsverdrossenheit" kommt auf, und keiner weiß mehr ein Machtwort, auf das er sich verlassen kann. Im Zuge sol- cher Sympathiekundgebungen für gelungene, weil reibungslose Herr- schaft darf dann schlicht mit schwankenden Beliebtheitskurven der zuständigen Figuren gewarnt werden. Auf diesem Gebiet ist nie von einem Grund dafür die Rede, daß das Volk ausgerechnet von Zu- trauen zu seinen Herrschaften erfüllt sein müßte. Dieses Wunsch- ergebnis demokratischer Phantasie - die Regierten zollen den Regierenden uneingeschränkten Respekt - scheint den Mahnern stän- dig in Gefahr. Und zu seiner (Wieder-)Herstellung raten sie auch schon einmal dem Kanzler, er möge "mehr arbeiten". Auch aus sol- chen, besonders im "Spiegel" breitgetretenen Vorwürfen gegen des Kanzlers "Arbeits- und Führungsstil" geht nur eines hervor: Die Sehnsüchte "kritischer Demokraten" richten sich auf die "Fähigkeiten" der "Macher", die für ein demokratisches Unterta- nengemüt P e r s o n e n k u l t erlauben und Kritik a n q u a A m t v o l l b r a c h t e n T a t e n überflüssig ma- chen. Die Lenker des Gemeinwesens werden allen Ernstes daran ge- messen, ob sie es verstehen, Politik glaubwürdig zu v e r k a u f e n! 3. Nur aus dieser Haltung erklärt es sich, warum die Fälle von vermuteter bis erwiesener Korruption zum Dauerbrenner demokrati- schen Raisonnierens geworden sind. Als wäre die legale Zusam- menarbeit der politischen Macht mit denen, die "die Wirtschaft" heißen, eine einzige Wohltat für Arbeitende und Arbeitslose, wird sich auf das Thema "S a u b e r k e i t" gestürzt! Ganz als ob die Beschmutzung führender "Westen" der springende Punkt für die regierte Mehrheit wäre, um den Konsens mit der Herrschaft zu kün- digen oder zu bekräftigen, wird da über nichts anderes verhandelt als eben über diesen Konsens. Der muß nämlich s t a b i l sein, und garantiert wird er angeblich nur durch den öffentlich zur Schau gestellten Anstand in Regierungskreisen! In den Einbildun- gen heutiger Kritiker gerät eben der S t a a t zum e i n- z i g e n G e s c h ä d i g t e n, dessen Sache zählt. Vor diesem Maßstab läßt sich das auf den Erfolg der Regierung ge- münzte Argument, sie würde unserem herrlichen Gemeinwesen keine guten Dienste erweisen, sooft sie im Inneren für Zwietracht Gele- genheiten stiftet, sachkundig erweitern. Daß die Regierung Kohl es an der tatkräftigen D u r c h s e t z u n g d e u t- s c h e r I n t e r e s s e n und Rechte fehlen läßt, ist die entsprechende Ergänzung der "Kritik" für alles 'Außenpolitische'. Freilich kürzt sich das Kriterium erfolgreicher Außenpolitik allemal auf die banale Überlegung zusammen, was für ein "Gewicht" die Repräsentanten eines Staates diesem in der internationalen Konkurrenz zu verschaffen vermögen. Bloß läßt sich dabei kaum übersehen, daß bei diesem höchst ehrbaren Unternehmen das bißchen Volk daheim selbstverständlich als dienstbare Manövriermasse unterstellt ist. Was der vielbeschworene und gerügte "Ausverkauf deutscher Interessen" - wie er dem letztlich doch "matten" Kohl zur Last gelegt wird - auswärts und daheim anrichtet, berührt diese Sorte nationalistischer Kritik jedenfalls nicht. Die Mittel zur durchschlagskräftigen Vertretung der deutschen Sache werden dem "Versager" ja in jeder Größenordnung ideell zugestanden - eben um ihn mit seinen diplomatischen Künsten zu blamieren. Kurz: Die S o u v e r ä n i t ä t d e r N a t i o n - nach innen wie nach außen - ist zum allgemeinverbindlichen Maßstab der "Kritik" geworden. Daß da ein ziemlich "totalitärer" Gesichts- punkt die meckernden Gemüter von rechts bis links beflügelt, küm- mert die wenig. Sie bekennen sich ja zu lauter armseligen Zeug- nissen einer "politischen Kultur", die den Maßstäben der "Wende"- Politiker so unheimlich verbunden ist. Die kritisierenden Demokraten verpassen den Witz an der Wende nicht aufgrund mangelnden Bescheidwissens. Sie haben G e f a l- l e n gefunden an den Zielsetzungen der neuen Mannschaft - und sie messen sie nur noch daran, ob sie auch schleunigst und glaubwürdig von den ihnen zu Gebote stehenden Machtmitteln einen ordentlichen Gebrauch macht. Deswegen gibt es auch immerzu den Einwand, die Regierung Kohl/Birne hätte "vor dem eigenen Anspruch versagt". Insofern tragen sie auf ihre Weise dazu bei, daß "wir" der Sache schon näher kommen. Welcher Sache? Davon handelt dieses Buch. I Die "Wende" war ein M a c h t w e c h s e l. Vorgenommen wurde er nach den Regeln, die in der Demokratie für die Kunst der Poli- tik gelten. Die Betreiber der "Wende", Politiker von Beruf, haben mit einem V o r w u r f einen A n s p r u c h angemeldet. Der Vorwurf bestand darin, daß die amtierende Regierung auf sämtlichen Gebie- ten die S a c h e d e r N a t i o n schlecht vertritt, wenn nicht verrät. Der Anspruch ging auf die Ü b e r n a h m e d e r F ü h r u n g, damit es mit Staatsschulden, überzogenen Sozial- leistungen und bündnispolitischem Wankelmut ein Ende habe. Was durch den berechnenden Koalitionswechsel der FDP v o l l z o g e n wurde, ließen sich die neuen Bündnispartner in Sachen Macht dann durch Wahlen b e s t ä t i g e n. Seither re- spektieren die Wähler die Erneuerungsmannschaft genau so, wie sie zuvor den Maßnahmen der sozialliberalen Koalition gehorcht hat- ten. Und die neue Opposition hegt bei dem Vorhaben, zurück in die "Verantwortung" zu kommen, heftige Zweifel - an der staatsdienli- chen Wirkung der Regierungstaten. Die Regierung beruft sich auf den Stimmzettel. So bemüht sich die ganze Nation um den Nachweis, daß sie nie in Gefahr war, und daß die Propaganda der R e t t u n g d u r c h d i e "W e n d e" eine L ü g e ge- wesen ist. Der Machtwechsel ---------------- Im Herbst 1982 hat stattgefunden, was die Demokratie so erfolg- reich, das Leben in ihr so frei und lebenswert machen soll: Die Opposition hat die Regierungsmannschaft im Amt abgelöst. Ein Volksbegehren war dazu weder vonnöten noch gefragt; die Stimmzettel kamen erst später, in wohlberechnetem Abstand. Nie hätte der demokratische Souverän, das regierte Volk, sich im "Modell Deutschland" das herausgenommen, eine nach allen Regeln des Rechts amtierende Regierung aus dem Amt zu jagen und einen Wechsel durchzusetzen. So etwas ist ja schon im Grundgesetz gar nicht vorgesehen. Und überhaupt an einer gegebenen Machtvertei- lung zu rütteln, das überläßt das bundesdeutsche Wählervolk seit jeher ganz und gar den Professionellen, die es ins Parlament ge- wählt hat. Ganz ohne entsprechende Beschwerden von unten war die Führungs- riege der FDP zu der Einschätzung gelangt, daß mit der SPD die Republik nicht mehr gescheit zu regieren sei. Die Staatsverschul- dung, von allen FDP-Ministern mitbeschlossen, erschien ihnen als unerträgliche Zerrüttung der Staatsfinanzen. Deren Sanierung, mit der Mehrung der staatlichen Einkünfte vor allem aus den Sozial- versicherungskassen und der Streichung gesetzlich zugesagter Lei- stungen aus diesen Kassen an Rentner, Arbeitslose und Kranke längst eingeleitet, wurde für viel zu zaghaft befunden. Umgekehrt sollte das Programm der Aufrüstung, insbesondere der Ausbau des Atomraketen-Stützpunkts Deutschland, beim Erfinder der Forderung nach einem "eurostrategischen Gleichgewicht" nicht mehr in siche- ren Händen sein. Stellvertretend für alle NATO-Partner und die US-Regierung zweifelte Genscher als verantwortlicher Außenmini- ster an der Bündnistreue der sozialliberalen Regierung. Die Belege für ihre Bedenken fanden die liberalen Führer nach Be- darf in der traditionellen innersozialdemokratischen Arbeitstei- lung zwischen "pragmatischen" Regierungspolitikern und Programm- idealisten aus der Partei. Das demonstrative Mitgefühl für die "sozial Schwachen", die von den eigenen verantwortlichen Sozial- politikern gerade auf Schmalkost gesetzt wurden, und die Lüge von den segensreichen Wirkungen für das bedürftige Volk, die durch staatliche Anleihen bei den Geldbesitzern und Schuldenmaklern der Nation zu erzielen wären, das wollte die SPD sich um so weniger nehmen lassen, je härter Inflation und "Sparhaushalt" den berühm- ten "kleinen Mann" trafen. Und nachdem an der Raketenstationie- rung nichts mehr zu deuteln war, hielt die sozialdemokratische Partei-"Basis" nur um so zäher an der Heuchelei fest, d a s wäre mit "Doppelbeschluß" und "Null-Lösung" nie und nimmer beab- sichtigt gewesen; die Revision längst getroffener Entscheidungen bliebe bis zum letzten Augenblick vorbehalten. Harmlose Deklara- tionen das alles, die der SPD in besseren Zeiten den Ehrentitel einer diskussionsfreudigen, auch und gerade für Abweichler wähl- baren, höflich: "integrationsfähigen" Staatspartei eingebracht hatten. 12 Jahre lang war die FDP damit glänzend zurechtgekommen. Der "aufmüpfige" Idealismus der SPD-"Basis" hatte den "Bürgerlichen" ihre Position als "unentbehrliches Korrektiv" in- nerhalb der Koalition, als Rückenstärkung des Kanzlers gegen die "Weltfremdheit" seiner Parteileute garantiert. Ab 1982 sah die FDP-Führung die unveränderte Sachlage jedoch an- ders. Sie erklärte die vertraute, auf kritisch-demokratische Gei- ster berechnete Diskussion der SPD über den Kurs ihres Kanzlers zur koalitionsgefährdenden Unberechenbarkeit. Sie stellte sich hinter den Vorwurf der Opposition, die SPD machte ihrem Führer das entschlossene Führen unmöglich. Sie wirkte mit an der Umwer- tung der sozialdemokratischen "Tugend" allseitiger "Offenheit" in das "Laster" mangelnder Geschlossenheit. Alles zusammengenommen lautete ihr Vorwurf, mit der SPD sei die Schmidt-Regierung im Grunde "n i c h t m e h r h a n d l u n g s f ä h i g". Die Bestätigung dieses verlogenen methodischen Vorwurfs nahm die FDP-Spitze selbst in die Hand. Sie verweigerte ganz einfach dem Kanzler die Zustimmung zu Finanzierungs- und Leistungskürzungsge- setzen, die von ihrem eigenen Standpunkt aus eigentlich nichts zu wünschen übrig ließen. Sie brachte ihre Vorschläge nicht in die Koalitions- und Kabinettsdiskussionen ein, sondern veröffent- lichte sie bewußt außerhalb und zum Schaden der Koalitionsdiszi- plin. Sie ging "Kompromisse" ein, um sich anschließend davon los- zusagen. Sie sorgte für die ständige öffentliche Wiederholung des Urteils, im Grunde sei die Koalition "am Ende" - und was derlei parlamentarische Gepflogenheiten mehr sind, um einen Verbündeten vor den Kopf zu stoßen und zu blamieren. Aus den perfiden Berech- nungen, denen diese Politik des zielstrebigen Koalitionswechsels folgte, machten die Größen der liberalen Vernunft kein Geheimnis. Den defensiven sozialdemokratischen Appell ans Gerechtigkeitsemp- finden des Publikums; die klägliche Beschwerde, mit der SPD sei doch alles zu machen, was die Liberalen wollten - im Nachhinein hieß dann das Gejammer, die FDP hätte der CDU/CSU genau das "zugestanden", was ihr die Koalition unter Schmidt angeblich so unerträglich gemacht hätte -, all das nahm die Genscher-Mann- schaft leichten Herzens in Kauf. Sie setzte darauf und konnte sich auch darauf verlassen, daß das Ansehen eines demokratischen Führers allemal keine Frage der Gerechtigkeit und des moralischen Anstands ist, sondern allein eine Sache des Erfolgs. Sie war sich daher sicher, daß ihre eigene "Illoyalität" vollauf genügen mußte, um das "Scheitern" der sozialliberalen Koalition zu bewei- sen und ihre "Zweifel" an Schmidts Durchsetzungs- und Führungsfä- higkeiten zu bewahrheiten - jedes andere Kriterium für die Tu- genden einer Regierungsmannschaft war ja nicht zuletzt durch Schmidt selbst als weltfremder Unfug blamiert und aus der politi- schen Kultur des "Modell Deutschland" hin ausgereinigt worden. Genschers Gerede, die alte Koalition habe ihre "Gemeinsamkeiten aufgebraucht", deswegen sei "die Wende fällig", war also keine Auskunft über inhaltliche Differenzen und wollte das auch gar nicht sein. Sie war die Absichtserklärung, die Koalition zu wech- seln. Es half den Sozialdemokraten gar nichts, die Heuchelei in allen "sachlichen" "Wende"-Begründungen der FDP zu "entlarven". Sie selbst haben ja die demokratische Selbstverständlichkeit mit durchgesetzt in der BRD, daß "sachliche Gemeinsamkeiten" eine Frage des Willens sind, die Macht miteinander zu teilen so wie "politische Sachnotwendigkeiten" überhaupt nichts anderes sind als eine Frage der politischen Macht, bestimmte Dinge und Vorha- ben als solche vorzuschreiben. Das R e c h t a u f d i e M a c h t, die dem Tüchtigen zu- steht, war dann auch während des Machtwechsels die ganze demokra- tische Alternative der SPD zu Kohl. "Verrat" und "Kanzlermord" hießen die "Argumente", auf deren Durchschlagskraft sie am mei- sten vertraut hat - mit einer Kritik an den politischen Vorhaben der neuen Koalition hat das nicht eben viel zu tun. Wenn mit Ei- fer herbeizitiert wurde, wann die Liberalen zuletzt noch Bünd- nistreue geschworen hätten; wenn der Unterschied und Gegensatz sozialdemokratischer Parteitagsphrasen zum Kurs der Koalitionsre- gierung von den Parteimännern der SPD selbst als bekanntermaßen unwichtig hingestellt und den Liberalen, die darauf herumritten, Heuchelei vorgeworfen wurde; wenn "Spiegel"- und gleichgesonnene Journalisten das "Drehbuch" des "Dolchstoßes" Tag für Tag und Stunde für Stunde rekonstruierten: dann machten die enttäuschten Schmidt-Fans auch kein besseres "Argument" geltend als den frustrierten W i l l e n z u r p o l i t i s c h e n M a c h t - berechnend eingekleidet in den Grundsatz blanker Un- tertanenmoral. Der lautet nämlich: D i e M a c h t g e b ü h r t d e m, d e r s i e h a t. Die Wahl -------- Die staatsbürgerliche Gesinnung des bundesdeutschen Wählers in dieser ihrer Elementarform war denn auch das einzige, worauf die Kohl-Mannschaft bei ihrem "Wende"-Manöver Rücksicht genommen hat. Bei ihren Abwägungen nämlich, zu welchem Zeitpunkt dem Machtwech- sel die Akklamation durch das wahlberechtigte Volk folgen sollte. Dieses selbst hatte sich keineswegs bei seinen neuen Regenten ge- meldet und den Anspruch erhoben, über "die Wende" zu entscheiden. Dafür hatte sich die SPD in dieser Frage zum Volksanwalt aufge- worfen und verlangte unter Anrufung sämtlicher Ideale der Volks- souveränität - die ihr bei keinem ihrer Fortschritte zu mehr Rü- stung und Armut als Bedenken eingefallen waren - "Neuwahlen so- fort!" Daß hinter diesem Verlangen gar nichts anderes steckte als die Berechnung, der der Macht ergebene Wähler könnte den "Kanzlerbonus" noch einmal, diesmal sogar erst recht, Helmut Schmidt zugute kommen lassen und die FDP für ihren "Königsmord" bestrafen, war jedem klar. Vom abgesägten Kanzler wurde sie noch eigens unterstrichen durch seine Entscheidung, allenfalls noch im Herbst '82 für Neuwahlen zur Verfügung zu stehen, nicht mehr im Frühjahr '83. Kohl kalkulierte mit einer ähnlichen Frist, um dem Wählervolk klarzumachen, daß er jetzt dran war und folglich ihm die Macht zustand. Genscher und Strauß stellten die gleiche Rech- nung in Bezug auf die FDP an: Strauß wollte ihr, ungeachtet des- sen, daß sie seinen eigenen Leuten die Macht gebracht hatte, das Etikett der Unzuverlässigkeit anheften und ihr durch rasche Neu- wahlen eine Niederlage bereiten - zumindest kokettierte er mit dieser Drohung. Genscher hätte lieber noch den Rest der Legisla- turperiode Zeit gehabt, um das Publikum an die Zusammensetzung seines Namens mit "Kohl-" statt mit "Schmidt-" zu gewöhnen. Der demokratischen Öffentlichkeit wurden diese Kalkulationen der alten und der neuen Machthaber, bis wann oder ab wann die selbst- verständliche moralische Ergebenheit "des Wählers" gegenüber der Macht und ihrem gerade amtieren den Inhaber am sichersten ihnen zugute käme, in aller Ausführlichkeit unterbreitet. Und in dieser Debatte um den Wahltermin wurde auch kein Zweifel darüber gelas- sen, wozu überhaupt gewählt werden sollte. Eben dazu nämlich, den puren uneingeschränkten Machtbesitz der neu amtierenden Mann- schaft mit dem Ehrentitel der Ermächtigung durch die Regierten selbst auszustatten. Die Illusion, bei demokratischen Wahlen würde mehr zur Wahl gestellt als das Personal der Macht, konnte da gar nicht erst aufkommen. Erklärtermaßen ging es nicht um ir- gendwelche Bedingungen für die Handlungsfreiheit der Regierung, sondern darum, den politischen Führern eine bedingungslose Hand- lungsfreiheit zuzusichern. Zurechtgerückt wurde auch die Vorstel- lung, den Verlauf ihrer Konkurrenz mit- und gegeneinander ließen die politischen Hauptfiguren der Republik sich von ihren Wählern vorschreiben. Das Volk wurde zur Wahl gerufen, um die Konkurr- renzentscheidungen seiner demokratischen Führer, deren in aller Freiheit verabredete Machtaufteilung zu bestätigen. Der Veran- stalter, die neue Kohl-Regierung, informierte dementsprechend eingehend das wahlberechtigte Volk darüber, was es allenfalls falsch machen konnte, welche Fehler es also zu vermeiden hatte. Es sollte vor allem die FDP nicht fallen lassen, der "die Wende" zu verdanken war. So wurde in der Sicherheit, daß die nötige Min- derheit es schon richtig verstehen würde, zu einer christlichen Leihstimmenaktion zugunsten der Liberalen aufgerufen. Daß die Mehrheit der Wählerstimmen auf alle Fälle der neuen Regierung z u s t a n d, sollte schon damit bewiesen sein, daß sie über- haupt wählen ließ. So viel Selbstsicherheit ihrer Herren darf eine bundesdeutsche Wählermannschaft ganz einfach nicht enttäu- schen. Alle diese Klarstellungen wurden vom demokratischen Publikum nicht etwa als Beleidigungen aufgenommen, sondern als hochinter- essantes Thema. Wo in aller Öffentlichkeit diskutiert wurde, wie "der Wähler" am geschicktesten zu "manipulieren" sei, da war diese Figur selbst in Gestalt der Presse und der durch diese ge- bildeten freien politischen Privatmeinung voll bei der Sache. Ausgiebig und sachkundig beurteilt wurden Geschick, Ungeschick und Mißgeschick, das die verschiedenen Hauptfiguren während der "dramatischen Tage in Bonn" an den Tag gelegt hatten, und wer da- bei den souveränsten Eindruck gemacht hätte. Die Erlaubnis zu wählen wurde genau so gewürdigt, wie sie gemeint war. Was hätte da am Wahlsonntag im März schiefgehen können? Zu Recht erklärte sich die Kohl-Mannschaft voll Stolz aus gege- benem Anlaß jenem Vorgänger weit überlegen, dessen Ermächtigung durch eine neue Parlaments-Koalition genau 50 Jahre zuvor eben- falls durch eine demokratische Wahl bestätigt worden war. Ganz ohne Terror und von oben angeordnete Gleichschaltung hat das Wäh- lervotum die "Wende" bestätigt und Kohl die souveräne Handlungs- freiheit zuerkannt, die Genschers FDP ihm bereits verschafft hatte. Das wohlerzogene Volk hat sich, wieder einmal und bewußter und ausdrücklicher als je zuvor, damit einverstanden erklärt, nur als Wähler gefragt zu sein und nur als Beifallsspender eine Rolle zu spielen. Der neue Stil ------------- Der Entschluß der FDP, "die Wende" zu veranstalten und Kohl statt Schmidt zum Kanzler zu machen, zeugt von einer seltsamen Kritik der politischen Macher an ihrem eigenen "Modell Deutschland". Es stimmt ja - was die SPD, bezeichnend genug, ihrem untreuen Koali- tionspartner vorgeworfen hat -, daß keine unüberwindlichen Mei- nungsverschiedenheiten über die fälligen politischen Maßnahmen die Regierungsparteien entzweit haben. Es stimmt ja wohl auch - was enttäuschte Sozialdemokraten, die es wissen müssen, im Nach- hinein versichert haben -, daß alles, was die FDP unter Kanzler Kohl mitbeschlossen hat, so oder so ähnlich mit einem Kanzler Schmidt auch zu haben gewesen wäre. Dennoch: Die FDP-Spitze war zu der Überzeugung gekommen, mit der SPD zusammen wäre kein Staat mehr zu machen, und hat diese fundamentale Kritik praktisch durchgezogen. Wenn schon nichts von den politischen Programmpunkten des "Modell Deutschland", so hat die FDP nur um so vollständiger dessen "Stil" und demokratischen Gepflogenheiten verworfen. Sie hat das Etikett "sozialliberal" für untauglich befunden und sich losge- sagt von einem Partner, der selbst noch die Politik der "schweren Zeiten" und der Entwöhnung eines "verwöhnten Volkes" als diskus- sionsfreudige Reformpolitik, die Aufrüstung nach Maßgabe des NATO-"Doppelbeschlusses" als "Entspannungspolitik" verkaufen wollte. Ihrer eigenen Rolle als "realistischer" Dämpfer sozialde- mokratischer Experimentierlust, als Garant marktwirtschaftlicher und bündnispolitischer Zuverlässigkeit hat sie abgeschworen - und nicht etwa, weil die Massen sich über die Verlogenheit solcher Selbstanpreisung beschwert hätten. Die FDP hat sich dazu durchge- rungen, ihre Politik nach neuen Gesichtspunkten zu verkaufen. Sie hat auf die Publikumswirksamkeit alter Parolen für "schwere Zei- ten" spekuliert und mit ihrem Schwenk waren auch schon die neuen Richtlinien für die öffentliche Meinung in Kraft getreten. - Die FDP hat der christlichen Beschwörung eines S t a a t s- n o t s t a n d e s recht gegeben, vor allem im Hinblick auf die Finanzlage der Republik. Zu den schon durchgezogenen und bereits geplanten sozialliberalen "Sparhaushalten" kam mit dieser Drama- tisierung der Lage nichts hinzu. Gegenposition war damit bezogen gegen die vorherige amtliche Manier, ihre Notwendigkeit zu - "begründen". Das sozialdemokratische "leider" hatte bislang das wirtschaftspolitisch organisierte Wachstum des sozialpolitisch verwalteten Elends beständig begleitet, ergänzt durch den Ver- gleich mit anderen Ländern, in denen es den Leuten angeblich oder wirklich noch schlechter ging. Diese Regierungsideologie hatte dem Standpunkt der Betroffenheit und der Forderung nach besseren Lebensbedingungen eine theoretische Berechtigung zuerkannt - wenn auch nur, um ihn als allzu schönes Ideal zurückzuweisen. Die christliche Lüge vom Notstand und drohenden Bankrott des Staates war frei von solchem berechnenden Respekt vor den materiellen In- teressen der drangsalierten Menschheit. Sie ist und sie verlangt das Bekenntnis zum Materialismus der Staatskasse als einzigem Ge- sichtspunkt, an dem die Sozialpolitik und die von ihr betroffenen Bürger sich zu messen haben. Opfer gehören von Staats wegen nicht heuchlerisch bedauert, sondern mit größter Selbstverständlichkeit eingefordert; nicht die neu beschlossenen Härten sind zu bekla- gen, sondern die Sozialpolitiker zu tadeln, die nicht ihren gan- zen Stolz in ihre Ankündigung legen: Das war der neue christlich- liberale Ton. Der Fortschritt zum Optimismus, der neuen christli- chen Staatstugend Nr. 1, macht sich von da aus leicht. Wenn man den Opfern des nationalen Fortschritts ihren Unterhalt als staat- liche Last, jede Mark für sie als Schritt hin zum Staatsbankrott erklärt, dann beweist jedes neue Opfer, das ihnen auferlegt wird, den - Aufschwung. So war der Weg vom Staatsnotstand zu neuer Blüte mit der Bestätigung der "Wende"-Regierung auch schon bewäl- tigt. Dieser kurze Weg war ohnehin nur in der nationalistischen Phantasie des Publikums zurückzulegen. Auf die alten sozialstaat- lichen Schröpfereien hatte man sich einen neuen zustimmenden Vers zu machen: Sie sind keine "leidigen Notwendigkeiten", sondern die T u g e n d einer ehrlichen Regierung. Und dafür galt die Kohl- Wahl als Beweis. - In ähnlicher Weise revidierte die FDP mit ihrer "Wende" die amtliche Deutung der neuen deutschen Großmachtpolitik, die Helmut Schmidt mit der "Entdeckung" der "eurostrategischen Raketen- lücke", also mit seinem Anspruch auf strategische Gleichrangig- keit zwischen NATO-Europa und der Sowjetunion eingeleitet hatte. Im Sinne der christlichen Propagandalüge von der bündnispoliti- schen Unzuverlässigkeit der SPD distanzierte sich Genscher von dem zuvor wider besseres Wissen gemeinsam mit der SPD gepflegten Schein, der NATO-"Doppelbeschluß" wäre im Grunde doch noch gar nicht der Beschluß zur atomaren Aufrüstung der BRD mit amerikani- schen Mittelstreckenraketen gewesen; deren Stationierung wäre noch offen bis zu einem abschließenden Urteil über die in Ver- handlungen erwiesene Unnachgiebigkeit der sowjetischen Seite; und dieser Nachweis selbst wäre noch bis Ende Oktober 1983 als offene Frage zu betrachten. Mit dieser sozialliberalen Verkaufsstrategie mochte die FDP-Spitze den Rüstungsfortschritt nicht mehr durch- ziehen. Das darin noch vorherrschende Ideal eines guten Einver- nehmens mit dem sowjetischen Feind wurde durch die Heuchelei er- setzt, man sei "desillusioniert" in Sachen "Entspannung". "Illu- sionslos" war fortan die Eindeutschung der offiziellen ame- rikanischen "Doktrin", wonach Gewalt und Gewaltandrohung die ein- zige für russische Kommunisten verständliche "Sprache" seien und viel besser als Friedfertigkeit "den Frieden sicherer" machten. Für die Liberalen fiel dabei die als propagandistisch günstiger eingeschätzte Rolle ab, nicht als der NATO-treue Scharfmacher ne- ben einer 'bedenklich' gestimmten SPD aufzutreten, sondern auf besonnen, Kontinuität zur alten "Entspannungspolitik" und Korrek- tiv zu den 110-Prozentigen von CDU und CSU zu machen. - Sogar den christlichen Tadel an Helmut Schmidts "verbrauchten Führungsqualitäten" hat die "Wende"-Mannschaft der FDP sich zu eigen gemacht und in die Tat umgesetzt - und das nun ganz sicher nicht, weil ihr Helmut Kohl als der tatkräftigere Macher einge- leuchtet hätte. Sie hat es dem SPD-Kanzler als unverzeihliche Schwäche angerechnet, daß seine Partei sich agitatorisch als An- walt der durch die Regierungspolitik Geschädigten aufgeführt hat. Wer die Regierung mittragen will, muß nicht bloß im Endeffekt für alle nationalen Anliegen einstehen, auch wenn sie für die meisten Leute harte Einschränkungen bedeuten; er muß die Einschränkungen selbst ohne Wenn und Aber befürworten und glaubwürdig empfehlen. Denn offensive Unverschämtheit beim Einfordern von Opfern macht den guten Führer aus; der Schein von Rücksichtnahme macht höchstens unglaubwürdig. Diese neu entdeckten liberalen Grund- sätze demokratischer Selbstdarstellung sprachen gegen eine SPD, die den Anschein einer Bindung der Politik ans Wählerinteresse nicht betont verabschieden machte; gegen einen Schmidt, der schlecht aus der SPD austreten konnte - also für die Führernatur eines Helmut Kohl. Der hat dementsprechend mit der Tugend unge- schminkter Ehrlichkeit und der totalen Linientreue seiner Partei für sich geworben und dabei, wie die FDP, darauf vertraut, daß dem Menschenmaterial des "Modell Deutschland" seine Rolle als Ma- terial der Nation mittlerweile auch in propagandistischer Hin- sicht einleuchten müßte. Die Menschen waren praktisch voll daran gewöhnt worden, als Basis und Manövriermasse für Rüstungs- und Wirtschaftswachstum zu dienen. War es für die Manager dieser Großmacht dann nicht an der Zeit, auch die demokratische Kultur der Nation entsprechend zu renovieren, also die - "bislang unter- schätzte"! - Opfergesinnung und Leidensfähigkeit des guten Volkes zu l o b e n und sich als Sachwalter d i e s e r faschisti- schen Volkstugenden herauszustreichen?! Gleichschaltung durch Parteienstreit ------------------------------------ Im Wahlkampf, der auf den Machtwechsel folgte, wurde dieses neue amtliche nationale Selbstbewußtsein ausführlich bekanntgegeben. Durch den gelungenen Machtwechsel war es als gültig bewiesen; der Wahlkampf bot Gelegenheit, das Wählervolk darauf auch festzule- gen. S o kamen in einem Parteienstreit ohne sachliche Differen- zen - außer in der Hauptfrage: wem die Macht gebührte - sämtliche Vorhaben der alten und neuen Republik zur Sprache: als "die Lage", auf die man sich fortan optimistisch und im Vertrauen auf die eigene Gewalt - statt mit der Attitüde des Bedauerns und im Namen eigentlich schönerer Pläne - beziehen sollte. Nichts wurde verschwiegen; weder die neuen Raketen, zu deren Stationierung Kohl sich ausdrücklich ermächtigen lassen wollte; noch die Sozi- alpolitik der Null-Tarifrunden, der Rentner-Verarmung und der Ar- beitslosen-Vermehrung und -Verelendung, für die Blüm sich von der ersten Stunde an starkmachen durfte; noch die Wirtschaftspolitik der Milliardengeschenke an "die Wirtschaft", mit der Lambsdorff und Stoltenberg "Leistung wieder lohnend" zu machen versprachen. Bekanntgegeben wurde das alles als Kritik an der alten Regierung, die etwa vorhandene Illusionen über die unweigerlich bevorstehen- den Härten nicht nachdrücklich genug zerstreut, sogar eher noch genährt hätte. Die falsche Einstellung, der SPD nämlich und des von ihr beeinflußten Volkes, - so lautete die Ideologie der "Wende", die am 6. März '83 recht bekam - drohte ein sachge- rechtes Regieren mit seiner notwendigen Rücksichtslosigkeit un- möglich zu machen; d e s w e g e n müßten neue Männer her. Der Gegenwahlkampf der SPD und ihre seitherige Oppositionspolitik ist zu einer Sammlung von Bestätigungen dafür geraten, wie rich- tig die "Wende"-Regierung mit ihren Prinzipien der "moralischen Erneuerung" von Politik und Volk lag und liegt. D e r e n M a ß s t ä b e nämlich, nicht etwa eigene abweichende Ideale, haben die Sozialdemokraten aufgeboten, um Kohl und seine Mann- schaft zu blamieren. Da würde die im "Modell Deutschland" ge- schmiedete Einheit des Volkes sowie von Volk und Führung ver- spielt: So lautet die sozialpolitische Oppositionslinie der SPD, von Blüms erster "Null-Runden"-Forderung bis zur Parteinahme des Kanzlers gegen die "35-Stunden-Woche" des DGB. Der selbstsicheren Arroganz der Macht wird da die Erinnerung an ihre - unbedingt verläßliche! - Geschäftsgrundlage, den "sozialen Frieden", entge- gengehalten; also eine bedingungslose Parteinahme für die innere Souveränität der Staatsgewalt jenseits aller parteilichen Diffe- renzen, die die Sozialdemokraten mit ihren guten Beziehungen zur Gewerkschaft besser zu garantieren wüßten. Bundesdeutscher Nationalismus ist ebenso in allen außen- und rü- stungspolitischen Angelegenheiten der sozialdemokratische "Trumpf". Wenn Bahr, Ehmke u.a. sich als Vorreiter einer überfäl- ligen NATO-Debatte um verstärkte "konventionelle" Kriegsfähigkeit profilieren, dann wollen sie ja weder hinter den endlich erreich- ten Status der Atomraketenrepublik zurück noch die Eindeutigkeit westlicher Feindschaft gegen die Sowjetunion relativieren oder gar in Frage stellen. Sie fürchten - wirklich oder heuchlerisch - um den unverwechselbar westdeutschen Anteil am Geschäft der Welt- herrschaft samt Kriegsvorbereitung: der nähme unter einem "Dilettanten" wie Kohl nicht wieder gut zu machenden Schaden. Je "linker" die unzufriedenen Sozialdemokraten, desto beliebter der Vorwurf, die christlich-liberale Außenpolitik hätte aus der BRD ein "weltpolitisches Leichtgewicht" gemacht. So fällt auch da der SPD-Opposition zur Politik der "Wende" ausgerechnet die belei- digte Erinnerung ein, die Instrumente und Ziele dieser Politik stammten doch aus Schmidts "Modell Deutschland" und gehörten pfleglich behandelt - durch sozialdemokratische Machthaber eben. Kein Zweifel: Die alten Macher um Helmut Schmidt hätten "das Nö- tige" genauso hingekriegt wie die neuen um Helmut Kohl. Dennoch löst "die Wende" sich nicht auf in die Selbstdarstellungs-Ideolo- gie der politischen Konkurrenten. Der Beschluß der FDP, den christlichen Maßstäben für die Deutung erfolgreicher nationaler Politik recht zu geben, hat Manieren ausgeräumt, die den demokra- tischen Führern - übrigens auch aus der SPD selbst! - als H i n d e r n i s erschienen, "das Nötige" zu tun. So macht sich in der Ideologie der "Wende" der Wille geltend, nicht eine andere Politik, sondern d i e P o l i t i k d e s "M o d e l l D e u t s c h l a n d" r a d i k a l e r zu machen. Und d a s ist keine bloße Ideologie geblieben. Die Regierung der "Wende" k o r r i g i e r t am Inhalt der Po- litik ihrer Vorgänger überhaupt n i c h t s. Vielmehr v e r l ä ß t sie sich auf deren Erfolge bei der Indienstnahme der Regierten. Mit dem Vorwurf, ihre Vorläufer hätten in der Wah- rung der nationalen Interessen v e r s a g t, sind die "gei- stigen Führer" der Republik angetreten, um die nämlichen In- teressen r a d i k a l e r durchzusetzen. Den M i t t e l n, die unter der Amtsführung ihrer Konkurrenz für ein souveränes Re- gieren bereitgestellt wurden, entnehmen sie nur den einen Auf- trag: W i r wissen von der Macht im Staate rücksichtsloser Ge- brauch zu machen. Also wird in der BRD ohne den Schein der Abhän- gigkeit von denen, die per Wahl ermächtigen, das Programm vollen- det, um das es von Anfang an ging. II Die Politiker der "Wende" gefallen sich in lautstarker Kritik an den Unterlassungen und Schwächen der bundesdeutschen Politik, die sie nur in der Rolle der Opposition mitgemacht haben. Dabei ge- fallen ihnen sichtlich die Leistungen der sozialliberalen Ära. Die F r e i h e i t e n d e s S t a a t e s im Umgang mit Freund und Feind sind nämlich erheblich gewachsen in der Zeit, als die Falschen das Sagen hatten: - Die W i r t s c h a f t s m a c h t B R D hat sich im inter- nationalen Konkurrenzkampf ebenso bewährt wie auf den Gipfeltref- fen, wo die "Ordnung" für die Weltwirtschaft immer gründlicher festgelegt wurde. Als Führungsmacht der EG bestimmen deutsche Po- litiker darüber, was entsprechend "unseren Interessen" im nahen und fernen Ausland erlaubt und verboten ist -- und über die Spe- zialität der Ostpolitik und der "deutschen Frage" regieren sie selbstverständlich in den Ostblock hinein. - Die "w e l t w e i t e V e r a n t w o r t u n g", derer sich deutsche Politiker seit Helmut Schmidt selbstbewußt rühmen, hat sich in einer ungenierten Mehrung der G e w a l t m i t- t e l niedergeschlagen, über die die BRD verfügt. Einerseits ist der Staat der "Wende" zum f ü h r e n d e n W a f f e n- h ä n d l e r aufgestiegen, der an allen "Friedensprozessen" beteiligt ist. Andererseits ist er im Rahmen "des Bündnisses", das weltweite Einmischung und deshalb den militärischen Vergleich mit dem Osten als seinen Tagesordnungspunkt Nr. 1 betreibt, sehr flott a u f g e r ü s t e t worden. Diese Errungenschaften mag die neue Regierungsmannschaft nicht als "Erblast" ansehen sie will sie ausbauen und verbessern. Die Bundesregierung ist zufrieden - über ihre Macht --------------------------------------------------- In einem Rückblick auf das Jahr des Beginns der Raketenstationie- rung hat Kanzler Kohl zu Neujahr 84 folgenden Vorzug seiner Poli- tik ausgemacht: "Wichtig ist es aber auch, daß es uns in dieser Zeit gelungen ist, unsere Nachbarn im Osten von der Berechenbarkeit deutscher Politik zu überzeugen." Wenn die Deutschen Atomraketen wollen, dann beschaffen sie sich die auch. Der Gegner, gegen den sie gerichtet sind, darf begei- stert sein: Er weiß, woran er ist. Ein gutes halbes Jahr später - die bundesdeutschen "Wiederver- einigungs"-Ideale werden gerade wieder heftig aufpoliert, und unter diesem Vorzeichen wird ein Programm zur Pflege der guten "innerdeutschen Beziehungen" aufgelegt - kritisiert die sowjetische Regierung die westdeutschen Bemühungen, über die Wirtschaftspolitik in die DDR hineinzuregieren. Kohl dazu: "Ich schlage vor, daß man über diese Tiraden zur Tagesordnung übergeht. Mich bewegt das überhaupt nicht." Sehr demonstrativ nimmt die Bundesregierung sich da, und nicht nur bei dieser Gelegenheit, die Freiheit heraus, den politischen Willen der östlichen "Supermacht" nicht bloß zurückzuweisen, son- dern für belanglos und gewissermaßen gar nicht existent zu erklä- ren. Fürchtet diese Regierung auch nur im Traum eine wie immer gear- tete Erpressung durch die - angeblich so gefährliche - So- wjetunion? - Im Dezember '83 erklärt Außenminister Genscher der Bundesverei- nigung der deutschen Arbeitgeberverbände die Aufrüstung der BRD mit neuen Pershing-Raketen folgendermaßen: "Es war die Entscheidung, ob die Bundesrepublik weiterhin die in- nere Kraft hat, ihren Teil an der gemeinsamen Sicherheitspolitik des westlichen Bündnisses zu übernehmen, oder ob sie auf die schiefe Bahn der Unberechenbarkeit und des Neutralismus gerät, die zur Isolierung im Bündnis und in Europa führen würde. Was ein solcher Kurs auch für unsere Volkswirtschaft bedeutet hätte, brauche ich vor diesem Gremium nicht auszuführen." Fürchtet diese Bundesregierung, die da ihre militärpolitischen Fortschritte zu schicksalsschweren Entscheidungen hochlügt, auch nur im entferntesten eine innen- oder außenpolitische Gefährdung ihrer prominenten Position in der NATO? - Demselben erlauchten Kreis erläutert der "Außenminister den Doppelsinn des Wortes "brauchen" - "nötig haben" und "benutzen" - am wichtigsten Anwendungsfall der deutschen Politik: "So entscheidend die richtigen nationalen Anstrengungen sind, so müssen wir uns zugleich bewußt sein: Unser Land kann den techno- logischen Wettbewerb mit den USA und Japan nicht allein auf sich gestellt bestehen. Wir haben dafür weder die Forschungs- und In- dustriekapazitäten, noch die Größe des Marktes. Für beides brau- chen wir Europa." Fürchtet diese Bundesregierung, sie könnte von ihren europäischen Nachbarn je zu ihrem Nachteil ausgenutzt werden? Oder auch nur, die von ihr vorangetriebene Einigung Europas wäre am Ende für die Nation ein Flop? - Dem Präsidenten aller Mexikaner vermittelt Kanzler Kohl aus An- laß seines Staatsbesuches folgende deutsche Perspektive: "Auf dem Gebiet der Wirtschaft eröffnen die steigenden Tendenzen des bilateralen Handels, der sich von 1977 bis 1981 verdreifacht hat, und der deutschen Investitionen in Mexiko, die sich von 1980 bis 1983 verdoppelt haben, günstige Perspektiven für den weiteren Ausbau unserer Beziehungen. Wir sollten diese Tendenzen fördern." Fürchtet diese Bundesregierung eine Zahlungskrise oder gar die Zahlungsunwilligkeit dieses "Entwicklungslandes" mit dem zweit- höchsten Schuldenberg? Sie ließe sich beliebig fortsetzen, die Reihe von Dokumenten tiefster Zufriedenheit der "Wende"-Regierung mit der Position Westdeutschlands in der Welt, die die Sozialliberalen ihr hinter- lassen haben. Ihr Weltbild zeigt die BRD in jeder Hinsicht als souveräne Instanz, die regieführend im Weltgeschehen mitmischt. Und ihre ideologischen Selbstdarstellungen dienen ihr stets als Leitfaden, R e a l i t ä t e n z u s c h a f f e n. a) Die Bundesbürger wurden von der gesamten öffentlichen Meinung, von "Bild" und "Spiegel" gleichermaßen, noch dazu angehalten, den iranischen Staat als Land eines mittelalterlichen Mullah-Terror mit viel zu vielen guten Dollars und westlichen Waffen zu verab- scheuen - da fuhr Genscher nach Teheran. Was er mit den Khomeini- Leuten vor Ort zu besprechen hatte, wurde nicht weiter bekanntge- macht. Die "unterschiedlichen Deutungen der Menschenrechte im Is- lam und im christlichen Abendland", für deren Vergleich eine ge- meinsame Expertenkommission beschlossen wurde, wird kaum im Vor- dergrund gestanden haben; und um den deutsch-iranischen Handel zu begutachten, der in Nord-Süd-Richtung den Umfang der besten Zei- ten des alten Schah längst wieder erreicht hat, hätte es den Au- ßenminister im Iran auch nicht gebraucht. Wenig vorher war, von der demokratischen Öffentlichkeit mit wohl- wollender Skepsis begrüßt, der Außenminister der Republik Süd- afrika in Bonn. Schlagzeilen machte nicht etwa die kapitalkräf- tige Benützung südafrikanischen Menschenmaterials durch VW, BMW und Siemens, sondern der Einfall des deutschen Protokollchefs, das übliche Besuchersofa wegschaffen zu lassen, damit es nicht hinterher heißen konnte, Kohl hätte sich mit einem bekennenden und praktizierenden Rassisten zusam- mengesetzt. Erklärtermaßen hat der kleine Vorbehalt bezüglich der südafrikanischen Unterscheidung zwischen schwarzen und weißen Menschenrechten die "fruchtbaren Gespräche" ansonsten nicht be- einträchtigt. Was da ganz ohne Sofa über den Verhandlungstisch gegangen ist, wurde wieder nicht an die große Glocke gehängt. Gold aus Südafrikas Minen wird es wohl kaum (bloß) gewesen sein. Nachschub vielleicht für die südafrikanische Invasionsarmee in Angola? Oder diplomatische Rückendeckung für deren Feldzug gegen die cubanischen Truppen, die dort die Regierung unterstützen? Für so unterschiedliche Staaten wie die islamische Republik Iran und die rassistische Republik Südafrika ist die Bundesrepublik zu einer oder sogar der maßgeblichen diplomatischen Schaltstelle ge- worden. Im Süden Afrikas etwa "vermitteln" bundesdeutsche Regie- rungen schon seit Jahren: Sie vertreten die Interessen der Buren- republik in diplomatisch geläuterter Form und bereiten in Konkur- renz zu den großen westlichen Verbündeten eine deutsche Rolle als "Schutzmacht" für ein selbständiges Namibia, einst Deutsch-Süd- west-Afrika, vor, noch ehe es diesen Staat überhaupt so richtig gibt. Im mittleren Osten teilt sich die Bonner Mannschaft die weltpolitischen Pflichten mit Frankreich, das den politischen An- walt und - unter heftiger deutscher Beteiligung! - Waffenlie- feranten des kriegführenden Irak macht, sowie mit den USA, die mit einer Flotte und von Saudi-Arabien aus das Golfkriegsgesche- hen unter Kontrolle halten. Die BRD hat sich zuständig gemacht für die p o l i t i s c h e A n e r k e n n u n g des neuen Iran durch die Führungsmächte der Weltordnung - einschließlich aller damit verknüpften B e d i n g u n g e n. Ohne Rückhalt bei einer dieser Führungsmächte will und kann näm- lich in diesen ordentlichen Verhältnissen kein Staat zurechtkom- men. Khomeinis islamisches Musterland braucht ebenso wie der Bu- renstaat mit seiner etwas äußerlichen Unterscheidung zwischen Nutznießern und nützlichem Menschenmaterial der heimischen Markt- wirtschaft eine m a ß g e b l i c h e Macht, die gewillt ist und die Mittel hat, ihn für die weltweite Sache der Freiheit n ü t z l i c h zu machen. "Nützlichkeit" verlangt da mehr als die Bedienung einzelner Geschäftsinteressen. Antikommunismus nach innen und nach außen ist gefordert: Garantien für die Freiheit des Eigentums, vorrangig des westlich-demokratischen, sowie für die richtige Parteilichkeit im Falle des Ernstfalls. Kriege an selbsteröffneten richtigen Fronten und eine unzweideu- tige Gewaltherrschaft sind Empfehlungen und werden politisch ho- noriert - die symbolischen diplomatischen Vorbehalte werden ent- sprechend behutsam und ohne häßliche Töne vorgezeigt. "Mittel- alterlicher" religiöser "Fanatismus", "antiimperialistische" Parolen und sogar ein ganzer gar nicht bestellter Krieg, der die weltweite Ostfront schon längst nicht mehr stört, brauchen aber auch keine Hindernisse dafür zu sein, daß man sich "im Grund- sätzlichen" einig wird. Richtig behandelt, kommt durchaus auch ein "revolutionärer" Mullah-Staat als Bastion gegen die Sowjet- union und als Anlagesphäre in Betracht, die dem christlichen Abendland nutzen kann - die der Westen zumindest nicht unbenutzt lassen sollte. Die imperialistische Welt ist da ja durchaus pluralistisch: Wo eine im Prinzip kooperationsbereite Regierung von den USA schlecht behandelt wird und sich einen An- tiamerikanismus leistet, da sind die verbündeten Konkurrenten der Weltmacht Nr. 1 autonom genug, um auf eigene Rechnung für die ge- meinsame Sache einzusteigen. Und wenn Frankreich sich in alter kolonialistischer Verbundenheit den Zugriff auf die eine Seite sichert, da nimmt eben Frankreichs bester östlicher Verbündeter bei der anderen Seite seine Chancen wahr. Damit wird ja gar nicht die Weltherrschaft der verbündeten Demokratien durchkreuzt, son- dern in freier und regelmäßig abgesprochener Konkurrenz das "Teile und herrsche!" in modernster Form weltweit verwirklicht. Die Bonner Regierung hat inzwischen die Mittel und damit inner- halb ihres Bündnisses die Freiheit, hierbei durchaus selbständig mitzuwirken. b) Es ist alles andere als Traditionspflege, wenn Strauß im Namen Deutschlands und der Seidel-Stiftung nach Togo fährt, um 100 Jahre Deutsch-Togo zu feiern, und dort den Genuß einer von ein- heimischen Negern auf deutsch vorgetragenen deutschen National- hymne ergriffen kommentiert: "Es ist ein bewegender Gedanke, sich vorzustellen, daß in diesen hundert Jahren, die in der Geschichte Europas und Afrikas schwe- rer wiegen als andere gleichlange Zeiträume, die Beziehungen zwi- schen dem togoischen Volk und dem deutschen Volk begründet, auf- rechterhalten, verstärkt wurden und heute auf dem Höhepunkt die- ser feierlichen Begegnung ihren besonderen Akzent erhalten. Die Bevölkerung Ihres Landes hat uns einen unvergeßlichen Empfang be- reitet." Vor lauter Rührung hat Strauß dem Staat Togo seine Schulden in Höhe von 250 Millionen D-Mark geschenkt. Das verweist allerdings auf eine ganz andere Sorte prächtiger Beziehungen als hundert Jahre bayerisch-togoische Völkerfreundschaft. Selbst wenn im in- ternationalen Vergleich die Summe von einer Viertelmilliarde Schulden lächerlich gering zu nennen ist: eine Kakao-Republik wie Togo muß auch an diesen Kredit erst einmal gekommen sein. Ge- schäfte müssen da schon gelaufen sein; allerdings keine solchen, die der togoische Staat selbst als politisches Subjekt eines weit ausgreifenden Geschäftslebens in Gang gesetzt hätte. Der Reich- tum, an dem Togo durch Phosphat-Export und politisches Wohlver- halten Anteil gewonnen hat, ist geliehen und in jeder Hinsicht hierzulande zu Hause. Er ist und bleibt ein deutscher Rechtstitel auf alles, was die Regierung in Lome damit anfängt. D a v o n wird nichts hergeschenkt, wenn Strauß aus feierlichem Anlaß das Sümmchen abschreibt und damit unterstreicht, daß die BRD in Bezug auf Togo dieses finanzielle Erpressungsmittel gar nicht braucht: Die souveränen Herrschaften vor Ort sind ohnehin noch viel dienstbarer als ihr Land nutzbar. Die Regel ist das allerdings nicht, die D-Mark-Schulden exoti- scher Staaten zu streichen; selbst wenn genauso klar ist wie im Falle Togo, daß an eine reguläre Verzinsung und Tilgung ernstlich gar nicht zu denken ist. Sie werden auch nicht eingetrieben, son- dern aufgeschrieben. Als wachsende Bilanzposten bei den engagier- ten Banken registrieren sie die erfreulichen Wirkungen des Um- stands, daß die wachsenden Geschäfte mit und in den Schuldnerlän- dern dort nicht wirklichen Reichtum, sondern ungleich stärker wachsende Zahlungsverpflichtungen an demokratische Geldgeber her- vorbringen. Denn es ist das Geld der Gläubigerstaaten, in dem der Geschäftserfolg der kreditierten Staatenwelt sich nicht nur ide- ell mißt, sondern auch realisieren muß, um tatsächlich verwendba- rer Reichtum zu sein. Dafür aber gelten Maßstäbe kapitalistischer Rentabilität, denen Länder, die sich die Mittel für ihre "Entwicklung" erst einmal leihen lassen müssen, nie gewachsen sind. Ihre Schuldenbilanzen zeigen daher den unwiderstehlichen Drang, ins Groteske zu wachsen - und das schafft die Gewähr, daß es dabei auch bleibt. Erst in der Uniform der paar führenden ka- pitalistischen Währungen und auf den Konten der wichtigen Banken wird der Ertrag ganzer Volkswirtschaften zu wirklichem und wach- sendem Reichtum. Weil und solange die Schuldnerstaaten auf Anteile am Reichtum der kapitalistischen Welt setzen, tun ihre aufgeschriebenen Schulden zusätzlich noch ihren politischen Dienst. Sie erlegen den Gläubi- gerstaaten die Pflicht auf, sich um die Wirtschaftspolitik ihrer seltsamen Partner zu kümmern - und denen lassen sie keine andere Wahl, als sich helfen zu lassen. Dabei nämlich, daß sie das na- türliche und menschliche Inventar ihrer Herrschaftsgebiete, nöti- genfalls bis hin zu den allemal zu aufwendigen Ernährungsgewohn- heiten ihres Volkes, immer noch vollständiger einer Auswertung durchs internationale Geschäftsleben zur Verfügung stellen. Das heißt, wie jeder weiß, "Entwicklungshilfe", wofür die Bundesrepu- blik seit langem einen eigenen Minister hat und nach dessen Aus- sagen im Jahr '83 so viel ausgegeben wie nie zuvor und im Ver- hältnis zu weiß-der-Teufel was mehr als alle anderen "Industrienationen". Bei den "Begünstigten" sorgt die ständig drohende Zahlungsunfähigkeit dafür, daß ihre Regierungen die dar- gebotene Hilfe auch richtig verstehen und anwenden. Wirtschafts- politische Erpressungen werden mittlerweile sehr zivilisiert ab- gewickelt - auf beiden Seiten. c) Rund um den Globus hat die BRD es mit einer Staatenwelt zu tun, die darauf angewiesen ist und darauf Wert legt, sich nach den Maßstäben der Weltwirtschaft und ihrer Ordnungsmächte nütz- lich zu machen. Die bundesdeutsche Regierung verfügt hier über eine Macht, die lohnenden Geschäften entstammt und für deren Fortsetzung und Erweiterung sorgt - also sich lohnt. Die nötige Gewalt "vor Ort" üben die partnerschaftlich verbünde- ten Diktatoren ganz souverän aus. Das bekommt nicht nur der demo- kratischen Moral der Bonner Regierung gut - je nach Bedarf kann sie einem Ausland gegenüber ihr Mißfallen in die höchst unver- fängliche Form der Forderung nach "Demokratisierung" kleiden! - , sondern bringt einen weiteren ganzen Extra-Geschäftszweig mit be- sonders sicheren und verläßlichen Erträgen zustande: den frei- heitlichen W a f f e n h a n d e l. Die schönsten Ge- schäftschancen liegen dabei gar nicht einmal in den Notwendigkei- ten, das jeweilige Volk unter die neuesten wirtschaftspolitischen "Sachzwänge" zu beugen und unter Kontrolle zu halten. Die demo- kratischen Führungsmächte haben es mit Souveränen zu tun, die die Garantiemittel ihrer rechtlichen Souveränität nicht bloß am Poli- zeibedarf, sondern auch dann an denen ihrer Nachbarn bemessen, wenn sie gegen die aktuell gar nichts vorhaben. Das schafft Aus- rüstungsbedürfnisse, in deren geschäftsmäßige Befriedigung die BRD längst hemmungslos und mit Erfolg eingestiegen ist: U-Boote nach Chile u n d Argentinien, Kampfhubschrauber in den Irak, Schnellboote nach Kuwait, am liebsten ganze Panzerarmeen in die saudische Wüste - wenn da die Konkurrenz der USA nicht zu stark wäre ... Zwar ist nie prinzipiell ausgeschlossen, daß die Empfänger ihre Wehr auch schon mal falsch verwenden und sich an Stellen als am- bitionierte Ordnungsmacht aufführen, wo sie einem anderen, sogar wichtigeren Verbündeten in die Quere kommen. Bonns argentinische Generalsfreunde haben nicht nur gegen ihre Untertanen durchge- griffen, wie man es von ihnen erwarten durfte, sondern Großbri- tannien einen Krieg geliefert, um sich als autonome "Schutzmacht" des Südatlantik zu etablieren - mit Waffen aus deutscher, franzö- sischer und ... britischer Produktion. Die Kontrolle der "freien" über die restliche Staatenwelt ist damit dennoch keineswegs auf- gehoben; im Gegenteil. Für die exotischen Waffenkunden wächst mit jedem Waffenkauf nicht bloß ihr Schuldenberg; sie sind auch immer mehr auf Zulieferungen aus den Ländern angewiesen, die mit fort- schrittlicher Waffentechnik ihr wichtigstes Nebengeschäft machen. Außerdem werden Waffen nie einfach verkauft wie ein Satz Möbel. Ihr Export setzt viel Aufgeschlossenheit des Kunden für die Welt- ordnungsinteressen des Verkäuferlandes voraus - sonst wird er am Ende wirklich einmal nicht genehmigt. Und er zieht einiges an "Kooperation" nach sich, von der Wartung der Rüstungsgüter bis zur Taktik und Strategie ihres Einsatzes. Die antikommunistische Zielrichtung versteht sich da von selbst, als Grundvoraussetzung des Ganzen. Sie ist noch nicht einmal als der Preis zu bezeich- nen, den die Kunden demokratischer Waffenlieferanten für ihre be- waffnete Souveränität zu entrichten haben - sie verzichten damit ja auf nichts, was sie wollen. Gläubigerstaat gegenüber einem Globus voller "Schuldnerländer", gesuchter Waffenlieferant, diplomatischer Fürsprecher, also: Kon- trollmacht für eine ganze Latte von Staaten zu sein, das ist die bundesdeutsche "Völkerfreundschaft" in den 80er Jahren. Welten entfernt von jenen Zeiten, als ein bißchen Wirtschaftshilfe und der Alleinvertretungsanspruch gegen die DDR noch die einzigen An- liegen und Instrumente waren, mit denen die Lübke-Republik sich ins weltpolitische Geschäft einmischte. d) Weltmacht ist die BRD geworden in Arbeitsteilung und Konkur- renz und Absprache mit den USA und ein paar anderen kapitalisti- schen Demokratien. Mit deren Führern trifft sich Helmut Kohl jährlich auf "Weltwirtschaftsgipfeln" und bewährt sich dort, will man der bundesdeutschen Hofberichterstattung glauben, als Serie von Mensch. So wie er im kleineren Rahmen Europas durch seine herzliche "Männerfreundschaft" mit dem Sozialisten Mitterrand im- mer wieder den Einigungsprozeß voranbringt, jenseits aller Grenz- kontrollen und Milchbauernsubventionierung. Bei all dieser schö- nen "Zwischenmenschlichkeit" auf höchster Ebene handelt es sich zwar, wie jeder weiß, um nichts als Proben zielstrebiger politi- scher Heuchelei. Eben deswegen ist es aber mehr als bloßer Unfug, wenn Bundesdeutschlands Weltpolitiker es lieben, sich als Stim- mungskanonen auf dem internationalen Parkett darstellen zu las- sen. In diesen Kreisen weiß man, was man aneinander hat: Die paar Weltmächte sind füreinander die Basis lohnender Macht weltweit. So weiß die Bundesregierung und registriert zufrieden, was sie ökonomisch an Europa hat. "Rund die Hälfte unserer Exporte geht in die europäische Gemein- schaft... Unsere Handelsbilanzüberschüsse verdanken wir Europa. Wir sind vital auf Wachstum und Prosperität unserer europäischen Partner angewiesen." Überflüssigerweise erzählt Minister Genscher das den Arbeitgeber- verbänden der Republik, die er für Europa wahrhaftig nicht mehr zu gewinnen braucht. Mit Frankreich zusammen und über die Brüsse- ler Zentrale hält die Regierung in Bonn außerdem die Staaten der Lomé-Abkommen, also vor allem fast ganz Schwarzafrika, ökonomisch und politisch im Griff. Unschätzbare Vorteile ergeben sich bei der Entwicklung und Produktion modernster Waffen wie beim an- schließenden Waffengeschäft, wo jeder der beteiligten Staaten die Schiebereien miterledigt, die einem anderen aus irgendeinem Grunde peinlich sind, ihn "Freundschaften" und Kundschaft kosten könnten. Das ist aber alles gar nichts gegen den Vorteil, den die bundes- deutschen Regierungen seit jeher für ihr großes nationales Spezi- alanliegen aus der Einigkeit mit ihren demokratischen Nachbarn ziehen: "Für die Überwindung der deutschen Teilung haben wir den Rückhalt im Bündnis und in der Europäischen Gemeinschaft nötig." (Kohl) Als nationaler Revanchismus hätte die "Wiedervereinigung Deutsch- lands", die das Grundgesetz vorschreibt, tatsächlich überhaupt keine Chance. Denn dieses Ziel bedeutet schließlich, ein ganzes Weltkriegsergebnis zu revidieren; und damit mißt die BRD sich nicht bloß mit ihrem ungeliebten sozialistischen Gegenstück, der DDR, sondern mit der "Supermacht" Sowjetunion selbst. Aus solcher "Not", die Rückholung der sowjetischen "Kriegsbeute" nicht als nationalen Kraftakt anstreben zu können - und zu dürfen -, hat aber bereits die Adenauer-Regierung eine imperialistische Tugend gemacht. Sie will dasselbe in dem größeren Rahmen, in den das "Problem" der sowjetischen Teilhabe am Sieg über Hitlers Deutsch- land richtig betrachtet ohnehin hineingehört. Der Minister für aufgeklärten Revanchismus, Windelen, sieht das so: "Ohne die unbeirrbar auf Freiheit und Selbstbestimmung gerichtete Kraft des freien Europa gibt es keine Aussicht auf eine freiheit- liche europäische Staatenordnung, in der Grenzen nicht mehr tren- nen. Die Politik der Bundesregierung war deshalb von Anfang an, seit Konrad Adenauer, europäisch orientiert. Die deutsche Frage wird nur im Einvernehmen mit unseren Nachbarn gelöst, oder sie wird nicht gelöst." Diese klassische Formel westdeutscher Bescheidenheit hat eben ihre offensive Kehrseite. Die war schon immer ihre Wahrheit; für Kohls "Wende"-Regierung ist sie zielstrebig verfolgtes Programm. Das "nur im europäischen usw. Rahmen" heißt eben: In diesem "größeren Zusammenhang" erhebt die BRD durchaus den Anspruch, den Nachkriegszustand Europas zu verändern. Von diesem zukunftswei- senden Standpunkt aus ist die "deutsche Frage" durchaus noch nicht "gelöst". e) Schon jetzt steht es um sie aber gar nicht schlecht. Sehr selbstzufrieden geben sich jedenfalls die Deutschland-Politiker der Koalition, wenn sie aus selbstverständlichen Mitteln des in- ternationalen Geschäfts lauter gewaltige Sonderaffären von grund- sätzlichem diplomatischen Kaliber drechseln. Seit Strauß der DDR- Regierung einen von Bonn verbürgten Milliarden-Kredit "vermittelt" hat, und erst recht seit der zweiten Affäre dieser Art, während der Vorbereitungen eines Honecker-Besuchs in der BRD, ist die "deutsche Frage" wieder hoch im Kurs, und zwar bei jedem Anlaß! Für die bundesdeutsche Öffentlichkeit ist die Politik zwischen Bonn und Pankow, die unverkennbar Züge einer sehr berechnenden deutsch-deutschen Kumpanei trägt, in mancher Hinsicht eine harte Nuß. Der militante Antikommunismus war doch durch die "Wende" wieder voll ins Recht gesetzt und durfte einerseits hemmungslos gegen jede ostdeutsche Grenzkontrolle geifern. Nun ist er mit ei- nem mehr als bloß geschäftsmäßigen Einvernehmen zwischen der ei- genen Führungsmannschaft und den Bösen in Pankow konfrontiert und muß sich sagen lassen, die eigentlich doch verhandlungsunwürdige andere Seite sei bestechend vertragstreu. Ihren gerechten Zorn wenden Deutschlands Rechte gegen anonym gelassene "Übereifrige", die sich dafür hergeben, "bei Honecker Schlange zu stehen", so als wäre der schon gar nicht mehr der amtierende Mörder der "deutschen Einheit". Die sozialdemokratischen Verfechter eines antikommunistischen "Wandels durch Annäherung" sehen ihr eigenes Anliegen beim christlichen Gegner so gut aufgehoben, daß ihnen nur wortgleich dieselbe Kritik einfällt, die die christlichen Re- vanchisten einst an Bahr und Brandt geübt haben und die heute ei- nem Strauß oder Jenninger entgegengehalten wird: "Schlecht ausge- handelt" wären die neuesten Abkommen, die "Belange Berlins" zu wenig durchgefochten, überhaupt ein "zu hoher Preis bezahlt" wor- den usw. Durchaus ungerechtfertigte Angriffe das alles, die die Bundesre- gierung zu Recht unbeirrt lassen. Die heftigen Beschwerden aus Moskau beweisen ihr den Erfolg ihrer Politik. Sicher, die DDR ist nicht Togo; ihre Schulden bedeuten nicht ohne Weiteres, daß die "realsozialistischen" Planer drüben ihren Staat schon zum nächst- gelegenen Entwicklungsland der BRD gemacht hätten. Die DDR ist noch nicht einmal Polen, dessen "Planwirtschaft" durch ihre "Förderung" mit westlichem Kredit auf die "Bedienung" der damit eingegangenen Verpflichtungen festgelegt und durch deren Wachstum ruiniert worden ist. Mehr als einen "Außenhandel" mit gewissen Überschüssen, die die Volkswirtschaft der DDR erzielt, bedeuten sie aber schon. Längst hat sich der Kreditüberbau des "inner- deutschen" Handels als westliches Mittel des Zugriffs auf einen Reichtum bewährt, den die ostdeutsche "Planwirtschaft" eigentlich gar nicht übrig hat und nur auf Kosten gewisser sozialstaatlicher Prinzipien der Partei, der Versorgung der Leute sowie der mit den RGW-Partnern abgestimmten Planvorgaben beizuschaffen vermag. Verarmung der Werktätigen und Zersetzung der "realsozia- listischen" Produktionsweise finden auch drüben statt - und werden von westlichen Banken als wachsende Zins- und Tilgungs- verpflichtungen und als entsprechend wachsender Devisenbedarf der DDR bilanziert. Vor allem gilt aber auch fürs "innerdeutsche" Geschäftsleben, daß der von den Frankfurter Banken aufgeschriebene ökonomische Vor- teil des Gläubigers unweigerlich politischen Nutzen bringt, so- lange die andere Seite sich für die Rolle des Schuldners hergibt und für ihre Zahlungsfähigkeit so ziemlich alles tut. Der durch Kredite behobene u n d v e r g r ö ß e r t e Devisenmangel der DDR erlaubt es einem Kohl und einem Strauß, politische Preise noch zusätzlich zu den ökonomischen zu diktieren. Bei denen kommt es auf die jeweils geregelte Einzelheit selbst gar nicht weiter an, sondern auf ihren tieferen politischen Sinn. 10 Mark weniger tägliches Eintrittsgeld in die DDR für West-Rentner, 30 Tage mehr Westbesuchserlaubnis für Ost-Rentner, erleichterter Bücher- und Schallplattenverkehr über die längst durchlöcherte ideologische Grenze, östliches Entgegenkommen bei der Gestaltung von Grenzbe- festigungen usw.: All diese "menschlichen Erleichterungen" sind weder geeignet noch darauf berechnet, irgendwelchen deutschen Menschen das Leben leichter zu machen. D a s wäre ja wohl durch die Anerkennung der DDR einfacher zu regeln als durch kriminalpo- lizeiliche Anklagen gegen Behörden von drüben, an deren Stelle man selbst treten möchte. Die Zusendung von Wehrpässen-West an gelegentlich hereinkommende DDR-Jugendliche trifft offenbar eher den Kern der Bonner humanitären Gesinnung! Der für bundesdeutsche Politiker unwiderstehliche Reiz "gesamtdeutscher" "Menschlich- keit" liegt in dem Moment von Oberhoheit über das polizeistaat- liche Gebaren der DDR, das ihnen damit zugestanden wird. Der Spruch, den der westdeutsche Kanzleramtsminister auf der Bundes- pressekonferenz der Bekanntgabe ostdeutscher Zugeständnisse vorangestellt hat: "In eigener Souveränität hat die Regierung der DDR beschlossen..." so als wäre jeder zeitliche Zusammenhang mit dem 950-Millionen-Kredit des Sommers '84 rein zufällig -, legt per Dementi das Gewicht auf die politische Hauptsache. Die Souveränität der DDR im Umgang mit ihrem Volk und ihrem Recht ist ein Stück weit in Frage gestellt und unter Bonner Bedingungen gesetzt worden, und zwar nicht bloß ideell mit der Beschwörung grundgesetzlicher Rechtsansprüche der BRD auf das ganze alte Reich - das geschieht laut genug nebenher -, sondern eben auch durch ein Stück praktische Einflußnahme. Die erscheint nur dann matt und geringfügig, wenn man sie in revanchistischem Geist gleich an dem absurden Ideal einer von Bonn erzwungenen Selbst- auflösung der DDR-Souveränität mißt. f) Der Sowjetunion jedenfalls geht dieses Einvernehmen viel zu weit. In ihrer Polemik nennt sie die Ideale und manchen prakti- schen Zweck der Bonner "Deutschland"-Politik beim Namen - und erntet damit ein demonstratives Desinteresse der Bundesregierung. Deren Sprecher weisen die sowjetische Kritik als bloßes "publizistisches Störfeuer" zurück, so als wäre die Regierung der Sowjetunion in dieser Angelegenheit nicht mehr als eine Zeitungs- redaktion. Dieselbe absichtsvoll respektlose Selbstsicherheit legt die christlich-liberale Friedensregierung da an den Tag wie wenig vorher gegenüber den sowjetischen Protesten gegen den von Bonn erwirkten Beschluß der WEU, der westeuropäischen NATO-Unter- organisation, letzte Rüstungsbeschränkungen für die BRD aufzuhe- ben. Ohne mit einer Wimper zu zucken, erklärt der Regierungsspre- cher die offizielle Erlaubnis, auch - endlich wieder - Fernbomber und Raketen zu bauen, zu einer rein innerdeutschen Angelegenheit, die die Sowjetunion nichts angehe. Als Zurücknahme der westdeut- schen Kritik an den sowjetischen SS 20, die ja auch auf rein so- wjetischem Gelände stehen, hat das niemand mißverstanden. Ohne Scheu geht die "Wende"-Regierung in die direkte politische Konfrontation mit der Sowjetunion hinein. Die Selbstsicherheit dazu bezieht sie gewiß nicht aus ihrer christlichen Überzeugung von der Gerechtigkeit und dem gottgewollten Erfolg ihrer Sache. Die neuen amerikanischen Atomraketen auf deutschem Boden - gleichgültig, wie gut oder schlecht sie funktionieren mögen - ha- ben dafür die nötigen materiellen Voraussetzungen geschaffen. Sie garantieren in deutlich höherem Maß als alle bisherigen amerika- nischen Versprechungen und Gerätschaften die strategische Gleichrangigkeit des "vorgeschobenen" westeuropäischen Postens mit dem "Herzland" der NATO, dem hochheiligen Territorium der USA-und damit das "eurostrategische Gleichgewicht" gegen die Atommacht Sowjetunion. Als "gleicher Schutz" wird das verdol- metscht. Die defensive Sprachregelung gilt einer weit weniger zu- rückhaltenden Sache. Die strategische Aufwertung des Pershing II- Stationierungslandes zum prinzipiell gleichrangigen Atomkriegs- gegner der Sowjetunion eröffnet diesem Staat neue Freiheiten, seine weltpolitischen Ansprüche geltend zu machen und dabei ge- genteilige Interessen der Sowjetunion zu ignorieren. Mehr noch: Für vermehrte offensive Rücksichtslosigkeit - das Gegenteil eben von "Erpreßbarkeit", die ohne "Nachrüstung" gedroht haben soll! - sind die US-Raketen da; das ist ihr politischer Zweck. Insofern repräsentieren sie den - längst vereinbarten - A u f t r a g des Bündnisses an seinen Frontstaat, seine Ansprüche an das "Wohlverhalten" und die Nachgiebigkeit der sowjetischen Regierung zu erhöhen. Die "Wende"-Regierung hat diesen Auftrag als ihre Chance ergriffen und in "Deutschland"-Politik umgesetzt. Die macht sie jetzt nämlich wie vom US-Standpunkt selber aus: in der Sicherheit, daß es keine ausnützbaren Unterschiede mehr gibt zwi- schen der deutschen "Sicherheitslage" und den Atomkriegsdrohungen der verbündeten "Supermacht". Sie macht selbst wirklich, was sie im Vorfeld der Raketenstationierung der sowjetischen Regierung stereotyp zum Vorwurf gemacht hat: Sie treibt einen "Keil" ins gegnerische Bündnis, maßt sich Zuständigkeiten für die Politik der "Ostblock"-Staaten an und beschafft sich die entsprechenden Erpressungsmittel - noch dazu unter dem heuchlerischen Titel "Friedensbemühungen". So agiert die BRD unter Kohl, mitten vor dem Krieg selbst, be- reits weltpolitisch als R a k e t e n r e p u b l i k. Das ist Grund und Inhalt der Selbstzufriedenheit, die die Staatsmänner der "Wende" im Land und auswärts bei jedem Staatsbesuch zur Schau tragen. Der Kanzler ist höchst zufrieden mit seiner Macht, und sein Programm erfährt in Washington eine Unterstützung, die es in sich hat. Die USA, so Reagan, finden sich ebenfalls mit einer T e i l u n g nicht ab - mit der von E u r o p a, denn so war Jalta nicht gemeint! - Kohls Vorgänger, die noch "Imperialisten" genannt werden dürfen, hätten den Kanzler um die Erfolge seiner weltweiten "Friedenspolitik" beneidet. Die Bundesregierung ist unzufrieden - mit dem Rest der Welt ----------------------------------------------------------- Gerade weil die Republik genügend Macht hat, ihre Ansprüche über- allhin geltend zu machen, wird ihre Regierung überhaupt nicht glücklich mit der Welt, in der sie ihre Macht betätigt. Alle an- deren machen nichts als Sorgen. a) Sorge Nummer 1 ergibt sich zwanglos aus dem Anspruch der BRD, sich - mit der NATO im Rücken - mit den Interessen der So- wjetunion grundsätzlich und wie auf gleichem Fuße auseinanderzu- setzen. So muß man sich in Bonn Tag und Nacht um Afghanistan, An- drej Sacharow und den polnischen Katholizismus kümmern - und nicht nur darum. "Afrika ist kein Spielfeld für Stellvertreter-Kriege, für die Austragung ideologischer Konflikte oder neokolonialistischer Ak- tivitäten, Afrika ist unser (!) Nachbar und Partner", ist ausgerechnet Franz Josef Strauß ausgerechnet in Togo einge- fallen. Ohne weitere Erklärung versteht es sich, daß er damit nicht die Feldzüge eines Savimbi gegen die angolanische Regierung im Auftrag von CIA und Südafrika kritisieren wollte, auch nicht die Durchsetzung marktwirtschaftlicher "Glaubensartikel" in der Sahel-Zone und schon gar nicht die europäische Oberhoheit über die Vertragsstaaten der Lome-Abkommen. Südamerika ist zwar nicht direkt "unser" Nachbar; ansonsten sind dort aber dieselben Gut- achter zuständig und dieselben Sorgen fällig: "Das berechtigte Verlangen nach sozialem Wandel wird aber manchmal von außen mißbraucht, um totalitären Regimen und strate- gischen Einflüssen den Weg in die Region zu bereiten. Ein Wider- stand gegen eine solche Entwicklung findet unsere Unterstützung. Wir unterstützen alle von der Region getragenen Bestrebungen um friedliche Lösungen, so vor allem die Initiative der Contadora- Gruppe für Zentralamerika." Wenn Kohl solches auf seinem Staatsbesuch in Argentinien von sich gibt, ist das natürlich keine Einflußnahme "von außen", ebensowe- nig wie Waffenlieferungen an Chile, Argentinien usw. je mit ir- gendwelchen "friedlichen Lösungen" für was auch immer in Konflikt geraten könnten. Die Sache ist eindeutig. Verbotene "strategische Einflüsse" oder "neokolonialistische Aktivitäten" sind immer dann gegeben, wenn die Sowjetunion eine Außenpolitik treibt - und davon läßt Moskau nicht ab, selbst wenn der bundesdeutsche Kanzler seine Ermahnun- gen im Kreml fast im undiplomatischen Klartext vorträgt: "Eine erneute, verbindliche Bekräftigung des Gewaltverbots kann zur Verbesserung der internationalen Lage beitragen, wenn Gewalt- anwendung dadurch konkret verhindert, Gewaltanwendung dort, wo sie andauert, beendigt wird." Nie kann der idyllische Frieden der kapitalistischen Weltwirt- schaftsordnung sicher sein, solange es eine sowjetische Gewalt gibt, die mancher widerstrebenden Macht eine Alternative bieten kann und sich sogar eigene Positionen und Stützpunkte schafft. Das ist die Gewalt, die "konkret" verhindert gehört. Ein Verzicht der Sowjetunion auf solche Machenschaften: das wäre allenfalls eine "Verbesserung der internationalen Lage", für die die BRD das Zugeständnis machen und einen vertraglichen Gewaltverzicht unter- schreiben würde. Einstweilen aber hat es eine realistische bun- desdeutsche Politik mit dem "Sachzwang" zu tun, überall auf ein mögliches weltpolitisches Auftreten der Sowjets aufpassen zu hel- fen und dafür zu sorgen, daß ihm fest und geschickt genug entge- gengetreten wird. b) Damit stellt sich folgerichtig Problem Nummer 2, das Außenmi- nister Genscher vor der WEU-Konferenz im Frühjahr '84 diploma- tisch so formuliert hat: "Nicht die USA sind im Bündnis zu stark, sondern die Europäer sind zu schwach. Es gilt, den europäischen Pfeiler der NATO zu stärken. Das heißt vor allem, die sicherheitspolitische Zusam- menarbeit der Europäer zu bündeln. Wenn uns das gelingt, werden wir mehr Gewicht im Nordatlantischen Bündnis erlangen und mehr Anerkennung außerhalb des Bündnisses erfahren." Stark genug kann "das Bündnis" überhaupt nie sein. Eben deswegen stellt sich aber sogleich die Frage nach dem Kräfte v e r h ä l t n i s. Und das stimmt die Bundesregierung unzufrieden. Nicht weil es wenig wäre, was sie zum Bündnis bei- steuert und folglich in ihm zu sagen hat. Das "Problem" liegt an- dersherum. Sie ist so weit aufgerückt, daß sie ihre Macht und ih- ren Einfluß wie nach Osten mit der sowjetischen "Supermacht", so bündnisintern mit der amerikanischen Führungsmacht vergleicht. Und dieser Maßstab ergibt natürlich ein bedenkliches Ergebnis: E b e n b ü r t i g ist die BRD nicht - mit der atomaren "Supermacht" USA! NATO-intern wird diese Unzufriedenheit bis in solche Einzelheiten hinein fündig, daß die BRD - General Altenburg, Generalinspekteur der Bundeswehr, hat es festgestellt - in den Marine-Stäben "nicht in dem Maße vertreten" sei, "das ihrem Verteidigungsbeitrag ent- spricht". Ob gerade die "unterdrückte" Seemacht der Bundesrepu- blik etwas mit der zu geringen "Anerkennung" zu tun haben könnte, die die Nation nach Genschers Einschätzung von "außerhalb des Bündnisses" erfährt? Schwer zu sagen, andererseits, auf wessen "Anerkennung" die Bundesregierung sich da angewiesen fühlen will. Umgekehrt gelesen wird die Botschaft schon klarer, und so wird Genschers WEU-Publikum sie auch verstanden haben: An der K o n t r o l l e ü b e r d e n R e s t d e r W e l t sieht die Bundesregierung sich n i c h t m a ß g e b l i c h g e n u g b e t e i l i g t. c) Das ist nun allerdings keineswegs bloß ein Problem ungeschick- ter westeuropäischer Sicherheitspolitik. Die christlichliberale Regierung sieht die Konkurrenz im Freiheitsbündnis gleich in viel größeren, epochalen Zusammenhängen. Ist nicht überhaupt zu be- fürchten, daß die USA sich von ihrer atlantischen "Gegenküste" ab- und ihrem aufstrebenden Gegenüber jenseits des Pazifik zuwen- den? Liegt am Ende die Zukunft des Globus in Südostasien? Den deutschen Arbeitgeberverbänden verdolmetscht der Außenmini- ster diese eher geschichtsphilosophische Sorge materialistisch so: "Unser Land und Westeuropa im Ganzen können ihren Wohlstand nur halten und vermehren, wenn sie den Anschluß an die von den USA und Japan ausgehende 'dritte industrielle Revolution' gewinnen." Über den Stand der Elektronik und des Roboterbaus in der BRD brauchte Genscher sich nicht erst sachkundig zu machen für diese Mahnung. Die Technik und ihre "Revolution" stehen hier, von den maßgeblichen Adressaten wohlverstanden, als Bild und symbolische Pseudoerklärung für den eigentlichen Ärger: die Nicht-Ebenbürtig- keit der BRD beim erfolgreichen ökonomischen Zugriff auf die ganze Welt. Da neidet der ideelle Gesamtaußenhändler der Nation natürlich den Japanern jeder Erfolg auf dem Elektronik-Markt. Er weiß aber auch, daß das mit einem drohenden Verlust der weltwei- ten Konkurrenzfähigkeit gar nichts zu tun hat und die Nicht-Eben- bürtigkeit im Vergleich mit Japan überhaupt eine Lüge ist. Und im Vergleich mit den USA stellt die Sache sich von vornherein gar nicht als Angelegenheit des technischen Fortschritts dar. Hier heißt das Ärgernis D o l l a r - und ist höchst doppeldeutiger Natur. Fest steht da einerseits die schreiende Ungerechtigkeit, daß die USA sich eine Wirtschaftspolitik leisten können und sich auch mit großem Erfolg leisten, die jeden anderen Staat in kürzester Zeit ruinieren würde - und noch dazu haben hier andere Staaten die Sorgen davon. Wie nie zuvor in der Weltgeschichte finanzieren die amerikanischen Freunde ihren Staatshaushalt mit Schulden: mit Dollars, die ihre Banken auf sämtlichen Finanzmärkten der Welt aufnehmen. Nachdem sie erst jahrelang die Welt mit ständig nach- gedruckten Dollarmassen "überschwemmt" haben, machen sie jetzt das Ideal des "recycling" wahr und ziehen alles Geld an sich, das eine Anlagemöglichkeit als Finanzkapital sucht. Ein gigantischer Import von Geldmitteln verschafft der Reagan-Regierung den Reich- tum, den sie für ihre noch gigantischeren Rüstungshaushalte ver- braucht. Die Schulden, die der amerikanische Staat damit gegen den Rest der Welt akkumuliert, haben dabei genau den entgegenge- setzten Effekt wie sonst bei Schuldnerstaaten. Weder gerät die einheimische Währung weltweit in Verfall, noch akkumulieren sich erpresserisch ausnutzbare Rechtstitel in den Händen der auswärti- gen Geldgeber. Der Reichtum, den die Finanzmärkte der Welt nach Washington transportieren, trägt ja längst die amerikanische Na- tionaluniform, setzt den einheimischen Dollar also gar keinem kritischen Vergleich aus. Indem er in die USA "heimkehrt", stärkt er im Gegenteil noch die relative Stellung des Dollar. Die hohen Zinsen, die berechnet werden, bilanzieren nicht die Schwäche des Schuldners, sondern sind das "marktwirtschaftliche" Ergebnis ei- nes staatlichen Geldbedarfs, dem von der gesamten Finanzwelt nur allzu gern entsprochen wird. Mit dem Geldzustrom steigt der Dol- lar wie der Dollarzins. Die auswärtigen Wirtschaftspolitiker wundern sich und haben ihre Probleme. Wer einen "Schuldnerstaat" verwaltet, sieht die natio- nale Schuldenlast nebst Zinsverpflichtungen ganz ohne eigenes Zu- tun vergrößert: Der Reichtum, den die US-Regierung verbraucht, mehrt die Ansprüche auf Reichtum aus den Schuldnerstaaten, den diese noch gar nicht haben. Am Wachstum dieser Ansprüche nehmen die Banken der BRD, erst recht ohne eigenes Zutun, heftig Anteil; wie denn überhaupt die Arbeit des Dollartransports in die USA und die Rekordverzinsung von Geldkapital den Bankbilanzen hierzulande prächtig bekommt. Wenn es da Sorgen gibt, dann nur die völlig be- griffslose, "wielange das gutgehen kann". Daß über alldem der Dollarkurs relativ zur D-Mark steigt, kann den Wirtschaftspoliti- kern der Exportnation BRD gleichfalls überwiegend recht sein. Der "technologische Vorsprung" der US-Industrie mag zwar groß sein, doch ist die wechselkursbedingte Verbilligung deutscher Konkur- renzwaren im Verein mit "europäischer Einigung" ein feines Re- zept, die geforderte Größe an Kapital herzustellen und die ein- schlägigen Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Was also bleibt vom Dollar-"Ärgernis", das, wie zu hören war, der deutsche Kanzler bei den letzten Weltwirtschaftsgipfeln fast, so- gar auf Kosten der guten Stimmung, aber eben doch bloß beinahe zur Sprache gebracht hätte? Es bleibt der höchst ungerechte Kon- kurrenzvorteil der US-Regierung, die sich die größten Haushalts- defizite lässig leistet, während der bundesdeutsche Finanzmini- ster d e s w e g e n immer ganz besondere wirtschaftspolitische Rücksichten nehmen muß. Wie weit darf der Bundeshaushalt die Fi- nanzmärkte der Republik "belasten", ohne daß es den kapitali- stisch produzierenden Kreditnehmern durch steigende Zinsen womög- lich das Geschäft verdirbt, wenn gleichzeitig das freie Finanzka- pital der Nation "in den Dollar geht" - und so Geschäfte macht, die dem Wirtschaftsminister andererseits wieder sehr gut gefal- len...? Schwer zu sagen, worin der befürchtete Schaden für die bundesdeutsche Ökonomie und Wirtschaftspolitik nun wirklich lie- gen soll - außer in der Umkehrung des goldenen Genscher-Satzes über das Kräfteverhältnis in der NATO: Nicht die bundesdeutsche Wirtschaft und Finanzkraft ist zu schwach - die Unbefangenheit, mit der die USA die ganze Welt auf die lässigste marktwirtschaft- liche Tour für die Vergrößerung ihrer Macht zahlen lassen, ist für die Konkurrenzverhältnisse innerhalb des Bündnisses z u e r f o l g r e i c h. Deswegen muß die Bundesregierung um ihren "Anschluß..." fürchten. d) Damit ergeben sich prompt neue unbefriedigte Ansprüche, und zwar einmal an die kapitalistisch-demokratischen Nachbarn. An denen will die BRD erklärtermaßen das Hilfsmittel für ihre ange- strebte ökonomische Ebenbürtigkeit mit dem Heimatland des moder- nen Kapitalismus haben. Sie wünscht innereuropäisch eine Vorzugs- stellung, so wie die USA sie dem Rest der Welt gegenüber haben: eine integrierte D-Mark-Zone, die dieses Ersatz-Weltgeld mit Not- wendigkeit "stark" macht. Doch statt ihre heimischen Gesellschaf- ten dafür herzurichten, kommen die Partner-Regierungen immerzu mit nationalegoistischen "Sonderwünschen" daher. Frau Thatcher will weniger zahlen, als an - für die BRD lohnenden - Unkosten auf Großbritannien entfallen. Herr Mitterrand will Subventionen für seine Stahlindustrie, die von den westdeutschen Konzernen ge- rade niederkonkurriert worden ist. Die südlichen Partner wollen die Agrarsubventionen für ihren Wein und ihre Oliven, mit denen doch den deutschen und holländischen Bauern ihre Milchseen und Butterberge finanziert werden. Irgendwelche griechischen und por- tugiesischen Sozialisten meinen, sie müßten für das Überleben ih- rer nationalen Arbeitslosen sorgen und könnten dafür EG-Mittel in Anspruch nehmen. In Frankreich gibt es noch immer Kommunisten, in Großbritannien militante Gewerkschafter. Italien besteht auf sei- ner Brenner-Grenze, wo doch sogar das neutrale Österreich vor deutschen Autos seine Grenzen abbaut. Und immer wieder will die "eiserne Lady" mit ihrer ansonsten so vorbildlichen Wirtschafts- politik nicht einsehen, daß die deutschen Vorteile aus "Europa" die maßgeblichen und wahrhaft europäischen sind. Staaten, die weiter weg wohnen, machen andere Dinge falsch. Die Türkei will ihre Türken nicht einfach zurücknehmen, die hierzu- lande einst gebraucht und jetzt überflüssig gemacht worden sind. Dabei sind die Ausländer nicht nur bei uns zu zahlreich, sondern auch dort, wo sie hingehören, in ihrem Ausland. So muß die Bun- desregierung sich auch noch über das Gebärverhalten von Negermüt- tern den Kopf zerbrechen; sonst hungern die schwarzen Massen bloß nutzlos durch die Gegend und bieten dem Kommunismus einen Nährbo- den - siehe Sorge Nummer 1. Solche Hungerländer nützlich zu er- halten, zahlungsfähig und auf dem richtigen Kurs, erfordert Um- sicht und sogar Geld. Denn die USA, Japan, die EG-Partner und erst recht die Sowjetunion wollen immerzu nicht wahrhaben, daß eigentlich sie für die Unkosten des blühenden bundesdeutschen Ge- schäftsverkehrs mit der "3. Welt" durch mehr "Entwicklungshilfe" aufzukommen hätten. Mit dem Geld, das die BRD solchen Ländern zu- kommen läßt, machen die zuständigen Herrschaften meist nicht das Richtige; aus Deutschland muß man ihnen erst beibringen, daß in- zwischen eine bodenständige "Entwicklung" mit möglichst altertüm- lichem Ackergerät für sie haargenau das Richtige wäre... Die Regierung der Großmacht BRD hat ein ziemlich klares Bild von der nachgeordneten Staatenwelt, in dem sich ihre Ansprüche an diese zusammenfassen. Die Staaten der zweiten bis letzten Garni- tur sind einerseits n i c h t s e l b s t ä n d i g g e n u g, was den Erfolg ihrer Herrschaft nach innen betrifft; nicht genug nämlich, um die hochgesteckten Erwartungen der Bundesrepublik an eine immerzu wachsende Dienstbarkeit ihrer Länder zu erfüllen. Sie sind andererseits viel z u s e l b s t ä n d i g, was ih- ren Eigennutz betrifft - gemessen an demselben Kriterium. Man muß ihnen helfen, und die "Dankbarkeit" läßt zu wünschen übrig. Auf- rüsten wollen sie, und dann muß man sie wieder kontrollieren. Statt sich f r e i w i l l i g a l s K o l o n i e n aufzu- fahren, erweisen sie sich noch immer als viel zu a n f ä l l i g f ü r d e n K o m m u n i s m u s. Kurzum: die Welt braucht Aufsicht. Und eben an der finden sich die Weltpolitiker in Bonn noch immer viel zu wenig beteiligt. Es gibt viel zu tun - die Regierung der "Wende" packt es an ----------------------------------------------------------- Die Mittel zu ändern, womit sie unzufrieden ist, hat und schafft sich die Bundesregierung im ihrem eigenen Machtbereich. Das eben unterscheidet sie als politisches Subjekt der imperialistischen Weltordnung von deren Geschöpfen. Denn es ist eine Frage der in genügend Reichtum begründeten Macht, aus dem Ärgernis über Hin- dernisse in aller Welt eine k o n s t r u k t i v e S e l b s t k r i t i k zu machen. Deren Weisheit lautet: "Es ist kein Zweifel: Noch haben wir Deutsche, noch hat Europa die Ressourcen, um wieder zur Spitze aufzuholen. Es ist in Wahr- heit nicht die Frage, ob wir die Herausforderung bestehen können, sondern ob wir sie bestehen wollen." Und natürlich wollen "wir". Außenminister Genscher, von dem diese dem Führer der USA abgelauschten goldenen Worte stammen, braucht gar nicht dazuzusagen, wer da seine Meinung nach wen wozu "herausfordert". Einem Staat wie der Bundesrepublik ist jedes "Problem", das er irgendwo auf dem Globus meint aufwerfen zu müs- sen, gleichbedeutend mit dem Auftrag, die nationalen "Ressourcen" in Stellung zu bringen. Wenn die Bundesregierung ihrem Staat die Diagnose stellt, sein Gewicht im Bündnis wäre zu gering, um den nationalen Anteil an der Kontrolle der Staatenwelt erfolgreich und lohnend genug zu gestalten, dann erklärt sie damit ihren Wil- len, Ansprüche und Mittel zu mehren, die über den Rang im Bündnis entscheiden. Daß es hierbei in erster Linie um die Ansprüche und Mittel der nationalen G e w a l t geht, haben schon die bundesdeutschen Politiker klar ausgesprochen, die ihr staatliches Machwerk voller Unzufriedenheit bezichtigt haben, ein "ökonomischer Riese und po- litischer Zwerg" zu sein. Zwar hat es schon dem "Wirtschaftswunderland" der 60erJahre nicht an schlagkräftiger Wehr gefehlt. Aber erst nach 12 Jahren "Modell Deutschland" und als Bastion einer strategischen Atomwaffe ist die Republik in der Lage, mit Nachdruck und Erfolg selber ihre Zuständigkeiten zu de- finieren. a) Das betrifft zum einen die E i n s a t z g e b i e t e west- deutscher Militärgewalt. Das Märchen von dem Breitengrad, über den die Bundesmarine nicht hinüberschiffen dürfte, wird zu den Akten gelegt. Umgekehrt wird der unhaltbare Zustand beseitigt, daß sie noch viel zu wenig engagiert ist an der Nordflanke der NATO, "dem eigentlichen Schlüssel zur Verteidigung Europas" (NATO-Befehlshaber Metcalf III). Nachschublinien gilt es über Grönland bis Kanada zu sichern, damit die Weltmacht Nr. 2 be- greift, "daß das Nordmeer nicht der Sowjetunion gehört", sondern uns; außerdem Norwegen, das eine deutsche Wehrmacht schon einmal besetzt hat. Die wärmeren Meere und Kontinente gehören zwar nicht zum vorgesehenen Einsatzgebiet der Bundeswehr - was sie überhaupt nicht hindert, dort zu üben, durchaus in nächster Nähe zum mit- telöstlichen Kriegsschauplatz! -. Doch kennt und nutzt die Bonner Regierung die bequemeren Wege, militärische Macht auch in Gegen- den zu "projizieren", die von der zu verteidigenden Heimat ziem- lich weitab liegen. Wenn Kanzler Kohl als Waffenhändler durch die Weltgeschichte reist, dann tut er eben nicht bloß MBB und Krauss- Maffei einen Liebesdienst. Er vermittelt der verehrten Kundschaft auch gleich das nötige Personal: Wartungsmannschaften, Ausbilder, Berater... - jeder Waffenverkauf schafft einen autonomen "Ableger" bundesdeutscher Militärgewalt. Schranken gibt es da höchstens noch an der amerikanischen Konkurrenz; mit den europäi- schen Konkurrenten wird längst gemeinsame Sache gemacht. Wenn die im Ernstfall eine Eingreiftruppe losschicken, dann ist die Bun- desrepublik auf alle Fälle nicht mehr bloß im Geiste mit dabei. b) Das Hauptprogramm der Bundesregierung betrifft jedoch die mi- litärische Konkurrenz im Bündnis; und es wird abgewickelt unter einem Titel, der die Lüge von der "Nachrüstung" noch in den Schatten stellt: "Hebung der Atomschwelle". Die Sache, um die es geht, hat NATO-Oberbefehlshaber Rogers in seiner unbefangenen amerikanischen Art so klargestellt: 50 "Die gegenwärtig wohl größte Chance für die Verbesserung der kon- ventionellen Verteidigungsfähigkeit der NATO liegt ... in der Er- weiterung des strategischen Ansatzes um die Option, den Gegner auch dort zu treffen, von wo aus sein Angriff gestartet, genährt und unterstützt wird." Das irgendwann im Frühjahr '84 nachfolgende ideologische Geplän- kel zwischen US-Vizepräsident Bush und BRD-Verteidigungsminister Wörner um den Unterschied zwischen "Vorne-" und "Vorwärts-Vertei- digung"-Wörner: "Die Forderung nach 'raumgreifenden Operationen' über die Grenze hinweg lehne ich ab" - kann man getrost verges- sen. Mittlerweile sind nämlich die Instrumente da, um die von Ro- gers gewünschte Option wahrzumachen: "General a.D. Schulze erinnerte" - laut Frankfurter Allgemeine auf derselben Wehrkundetagung, auf der Wörner sein Bekenntnis zum "Vorne" ablegte - "trocken daran, daß das 'Tornado'-Kampfflugzeug nicht zur Erdkampfunterstützung angeschafft worden sei. Es solle Zerstörung tief in gegnerisches Gebiet tragen. Dem Angreifer dürfe nicht signalisiert werden, daß der Angegriffene alle Schä- den allein zu tragen bereit sei. Wenn die NATO ihre Verteidigung als ein 'lineares Konzept' begriffe, sei die Frage nach der viel- berufenen Akzeptanz solcher Strategie abermals zu stellen." Unter einem "Gegen-"Angriff bis nach Weißrußland hinein tut's ein deutscher General nicht. Und da kann er über die nicht-'lineare' NATO-Strategie ebenso beruhigt sein wie über die Um- und Weit- sicht seiner Regierung. Wenn die tatsächlich so fest entschlossen wäre - wie sie den Russen gegenüber behauptet -, nie und nimmer weitreichende Raketen und Bombenflugzeuge zu bauen: warum läßt sie es sich dann durch die Aufhebung einer dagegenstehenden WEU- Vereinbarung extra erlauben?! "Stärkung der konventionellen Verteidigungsfähigkeit" ist der Name für das Bestreben, dem Feind im Osten mit besten Erfolgsaus- sichten einen Krieg antragen zu können, in dem der Gegner vor die Wahl gestellt wird, zu verlieren oder Atomwaffen einzusetzen. Das ist das Kriegsprogramm, das zum Aufbau der Pershing II-Atomwaffe logisch dazugehört, weil es deren militärische Erpressungswirkung überhaupt erst voll ausschöpft. Das passende Gerät - schon längst in der Erprobung oder bereits angeschafft - sind Waffen, die ohne Atomexplosion gegen das feindliche Militär gleichartige Wirkungen erzielen. Die Beseitigung eines irgendwie relevanten Unterschieds zwischen atomaren und nicht-atomaren Gefechtsfeldwaffen: das ist der einzige Sinn, in dem da die "Atomschwelle angehoben" wird. Das wird übrigens auch bekanntgemacht; nicht ohne Stolz auf die Leistungskraft bundesdeutscher Wehrtechnik. Daß dennoch das Eti- kett "konventionell" einen lieblichen Klang behält, gehört zu den Spitzenabsurditäten der westdeutschen Vorkriegszeit. Ungerührt kommen Regierung, SPD-Opposition und sogar große Teile der Frie- densbewegung in der Idiotie überein, das Streben nach Überlegen- heit ohne Atomwaffen - nach einer Kriegsoption also, die die ato- mare "Abschreckung" erst so richtig a u s n u t z b a r und da- mit alles andere als überflüssig macht! - als die harmlosere A l t e r n a t i v e zu den atomaren Wuchtbrummen hinzustellen. Von Regierungsseite ist das eine verharmlosende Sprachregelung; von SPD-Seite wieder einmal ein Vorstoß für mehr Aufrüstung voll im NATO-Trend, mit dem sie sich gleichzeitig für den Hausgebrauch als die behutsamere Mannschaft darstellt; blindlings geglaubt wahrscheinlich nur von ein paar unverbesserlichen Friedensfreun- den, die ihrer Republik die Strategie einfach nicht zutrauen mö- gen, die sie verfolgt. So spinnen die Grünen von "umweltscho- nenden" Waffen. Die SPD-Experten interpretieren an der von ihnen selbst eingeleiteten Aufrüstung der Bundeswehr herum, bis sie bei der Vokabel "defensiv strukturierte Verteidigung" angelangt sind. Und der Kanzler sagt, worum es vom deutschen Standpunkt aus geht: "Die NATO braucht stärkere konventionelle Streitkräfte. Das be- deutet, daß die Bundeswehr an Gewicht gewinnen wird" (so im Fe- bruar 84 auf der 27. Kommandeurstagung der Bundeswehr). Die Kleinigkeit, daß der NATO - B e d a r f das "Gewicht der Bundeswehr" natürlich noch nicht erhöht, sondern erst ihr be- darfsgerechter Ausbau, läßt der Kanzler hier unter lauter Geich- gesinnten weg, weil der Ausbau sich von selbst versteht und so- wieso geschieht. Er wollte nur noch einmal auf die Chance hinge- wiesen haben, die der logische Fortschritt der NATO vom atomaren "eurostrategischen Gleichgewicht" vorwärts zu "konventionellen" Kriegs-Optionen für den weltpolitischen Ranglistenplatz der BRD eröffnet. Auch diese "nationale Komponente" kennen oder merken natürlich die Oppositionsparteien und nutzen sie auf ihre Weise aus. Wo die "Wende"-Regierung in voller Kontinuität zum "Modell Deutschland" die Nation durch mehr Gewaltmittel gewichtiger macht im Bündnis, rügt die SPD, Deutschland sei immer noch längst nicht wichtig genug; "USA-hörig" lautet der dazu passende patriotische Vorwurf an Kohl. Und die Grünen deuten gleich vollends das Bünd- nis in eine Schranke wirklicher nationaler Autonomie um, weshalb man sich "abkoppeln" und "Europa blockfrei" machen müsse - und merken wahrscheinlich wirklich nicht, daß sie damit gegen den im- perialistischen Realismus der Bundesregierung für dessen Ideal eintreten. c) Die Regierung behebt derweil schon ihre nächsten Sorgen. Die Experten der "Wende" sehen die Lage nämlich so, daß konventio- nelle Aufrüstung, also die Beschaffung von neuem Gerät passend zu den gewünschten Möglichkeiten, Krieg zu führen, noch längst nicht alles ist. Eine lange Mängelliste gibt es abzuhaken: "Wir brauchen besonders elektronische Aufklärungs- und Führungs- systeme." (Generalinspekteur Altenburg) Die Munitionsfabriken arbeiten zwar auf Hochtouren; doch da es immer mehr Bomber und Geschütze zu bedienen gibt, rückt das Ziel eines für 30 Tage ausreichenden Munitionsvorrats in immer weitere Ferne: "Wir haben Panzer und Flugzeuge. Aber wir haben nicht in allen Bereichen genug Munition eingelagert." (Ders.) Und: "Wir haben nicht genügend Reserven, die rechtzeitig an der Front sein könnten." (Ders.) Viel zu wenige Geleitschiffe stehen bereit, um den Nachschub- transport aus den USA sicherzustellen. Sogar der Transportraum selbst könnte demnächst problematisch werden, seit die kommuni- stischen Billigflaggen - berechnend? - freiheitlichen Reedern das Geschäft kaputtmachen... Inbegriff all dieser vom neuen Verteidi- gungsminister in Auftrag gegebenen Sorgen: Hat nicht am Ende aus- gerechnet die umfassende "Runderneuerung" der Bundeswehr Mangel- situationen erst erzeugt und damit "Sicherheit gekostet"? Der Standpunkt dieser Selbstkritik ist klar genug. Da werden nicht mehr Kriegs-Optionen durchkalkuliert, sondern es wird der aktuelle Stand ihrer praktischen Durchführbarkeit von heute auf morgen überprüft - und für ungenügend befunden. G e f e c h t s- b e r e i t s c h a f t ist gefordert: genug Material für eine längere Schlacht, genug Personal - und, nicht zuletzt, genügend Moral. "Die Streitkräfteziele", die der NATO-Verteidigungsausschuß im Mai 84 festgelegt hat, "konzentrieren sich auf die Behebung be- sonders kritischer Schwächen in der konventionellen Verteidigung des Bündnisses, insbesondere hinsichtlich des Bereitschaftsstan- des, der Überlebensfähigkeit und der Durchhaltefähigkeit seiner Streitkräfte." Zunächst einmal muß die Menge des Menschenmaterials für den Tö- tungseinsatz stimmen. Mehr Leute müssen fit gemacht werden für den Soldatendienst. Besprochen wird diese "Notwendigkeit" als das Problem der "geburtenschwachen Jahrgänge", die demnächst zur Ein- berufung anstehen und den Bedarf nicht mehr decken könnten. Na- türlich erreicht man auch so, was man will. Eine neue "Wehrgerechtigkeit" schafft alles Personal heran, das sich ir- gendwie nützlich machen kann - Seelsorge oder mangelnde Tauglich- keit gelten bald nicht mehr, das falsche Geschlecht nur noch auf Widerruf als Hinderungsgrund. Länger wird der Wehrdienst logi- scherweise auch demnächst. Ob "unsere Jungs" auch genügend kampffähig sind, ist die andere aktuelle Sorge der christlichen Militärplaner, wenn sie in der Bundeswehr den "Menschen in den Mittelpunkt" stellen. Freiwillige Richter üben schon wieder die Kriegsgerichtsbarkeit - wenn auch nicht ganz unter Ernstfallbedingungen, wie ein Pressekommentar rügt: Dann wird man wohl kaum ohne Todesstrafe auskommen. Die al- ten pädagogischen Sorgen um die "Gammelei beim Bund" werden abge- löst durch Besichtigung und Förderung der menschlichen Kampf- kraft: Stimmt die Motivation, oder bleibt die "wegen überalterter Korps von Führungskräften" (Kanzler Kohl vor den Kommandeuren) auf der Strecke? Ist die Autorität noch intakt in unserer "modernen Massengesellschaft, in der sich die Prinzipien der französischen Revolution- Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - immer mehr durchgesetzt haben", wie Kanzler Kohl feststellen muß (er bleibt übrigens weiterhin ein guter Demokrat) -? Wie steht es mit der "inneren Einstellung des jungen Soldaten zu seinem, zu unserem Staat" (Kohl)? Kann die soldatische Tugend noch dem "Zeitgeist" standhalten - einem "Zeitgeist, in dem nicht die Frage gestellt wird, was tue ich für andere, sondern was tue ich für mich" (wieder Kohl)? Vor allem aber: Können "unsere Jungs" das überhaupt noch - im Gefecht ihren Mann stehen? "Wenn die jungen Offiziere von den Hochschulen in die Truppe kom- men, scheuen sie den Außendienst und entwickeln, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, den Drang in die Schreibstube. Ein stärkerer Praxisbezug ist notwendig, weil die kriegsgediente Generation mit ihrer Erfahrung jetzt aus der Bundeswehr verschwindet. Werden die Soldaten zu stark zum Theoretisieren erzogen, entsteht ein Pra- xisverlust" (Verteidigungsminister Wörner laut "Frankfurter Rund- schau"). Das Lob auf unsere Friedensarmee, 40 Jahre lang Krieg immer nur verhindert zu haben, hat eben auch eine unerfreuliche Kehrseite. "Erstmals liegt der Sinn einer deutschen Armee eindeutig darin, einen Krieg zu verhindern, nicht ihn zu führen. Je länger dies gelingt, desto mehr schreitet die Übernahme ziviler Verhaltens- normen und Denkweisen - und dies auch und gerade in spezifisch militärischen Bereichen - voran. Die Probleme, die sich daraus ergeben, sind der Preis der Friedenssicherung." (Altenburg) Der Frieden hat seinen Preis: Das Militär muß die "Wehrmüdigkeit bekämpfen". Warum wird dieses "Problem" wohl jetzt entdeckt? Warum vermißt man die alten erprobten Weltkrieg II-Kämpfer? Ein britischer Historiker ist darauf gekommen, daß die NATO-Streit- kräfte eine Chance haben, wenn sie "die gleiche Härte und Opfer- bereitschaft aufbringen wie die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg." Na also! d) Aufrüstung ist nichts ohne Wehrbereitschaft; und deren Pflege kann nicht an den Kasernentoren haltmachen. "Der jüngere Offizier muß wissen, daß das, was er tut, gewürdigt wird - und dies um so mehr, wenn er das Kasernentor nach 70 bis 80 Stunden verläßt und dann das Plakat vor sich sieht, das eine 35-Stunden-Woche fordert." (Kohl vor den Kommandeuren) Das Militär - diese Einsicht sprechen die "Wende"-Politiker nach Jahrzehnten "innerer Führung" und des Trugbilds vom "Bürger in Uniform" wieder offen aus - kann sein Vorbild und seinen Maßstab nicht im zivilen Leben haben. Eher schon umgekehrt! Ein Bürger ohne Uniform sollte gefälligst an den Offizier denken, der laut Kanzler 70 bis 80 Stunden im Kasernentor verbringt, ehe er für sich eine kürzere Arbeitszeit fordert. Nicht bloß zu feierlichen Anlässen wie öffentlichen Rekrutenvereidigungen, sondern im All- tag des Berufslebens soll man sein ziviles Dasein bescheiden am Höchstwert des militärischen Dienstes messen. Außerhalb dieser alltäglich unters Volk gebrachten Parolen, die davon künden, worauf es heute ankommt, hat die "Wende"-Regierung keine Propaganda für nötig gehalten. Sie geht einfach davon aus, daß auf den lange kurzgehaltenen Militarismus des bundesdeutschen Volkes Verlaß ist, ohne daß es dafür jedesmal Pauken und Trompe- ten als Argumente braucht. Sie setzt voraus und sagt es allen guten Deutschen, daß Protest unpopulär ist und alle guten Deut- schen sich in dem "wir" wiederfinden, in dessen Namen z.B. der allerkatholischste Bundestagspräsident nach geschlagener Raketen- debatte seine Siegesmeldung in die Welt setzt: "Wir haben - den Versuch der äußeren Belagerung des Deutschen Bundestages abgewehrt, - die friedlichen Demonstranten angenommen, - uns mit ihren Anliegen auseinandergesetzt, - die militarisierende Sprache zurückgewiesen, - den Nötigungen nicht nachgegeben und - schließlich nach freier und fairer Debatte entschieden." Die christlichen Fachleute der inneren Aufrüstung ziehen erst gar nicht die Möglichkeit in Betracht, ihr Publikum könnte Atomrake- ten schlimmer finden als ein bißchen Radau und Militarismus schlimmer als eine "Sprache", die ihn beim Namen nennt. Sie ver- trauen darauf, daß praktisch bewiesene Rücksichtslosigkeit auch moralisch imponiert und nichts die Ungerechtigkeit eines Anlie- gens schlagender belegt als sein Mißerfolg, der mit der Mehrheit im Parlament und der Polizei draußen davor sichergestellt ist. So schüren sie Haß und Verachtung gegen jeden, den sie mit dem Ver- dacht belegen, er ließe es an Dienstbarkeit bis zum Letzten feh- len. Die Pflege des Feindbilds wird auf dieselbe Weise bewerkstelligt. Eine schlechte Meinung von den Russen zu erzeugen, halten die PR-Spezialisten in Bonn zu Recht nicht für schwierig. Sie beherr- schen die Kunst, darauf anzuspielen: sie zu unterstellen und ho- heitsvoll gewisse Relativierungen daran anzubringen. Ihr Gegeifer spart sich die Widerlegung jeglicher Kritik- und hört sich, mit der Gewalt des Staates als Gütesiegel versehen, stets vornehm und zurückhaltend an: "Wir beteiligen uns nicht an dem Gegeifer und den Hetzkampagnen der sowjetischen Medien!" Und das soll keine Hetzkampagne sein? Die Karikaturisten aller friedliebenden demo- kratischen Blätter der Republik samt Publikum wissen es besser. Mit blutrünstigen russischen Bären, mit festgebundenen Honecker- Vögelein im kommunistischen Vogelbauer, mit Bildern aus dem Kreml, in denen senile Hilflosigkeit und brutale Bösartigkeit einander steigern - Botschaft: sie verdienen eine Niederlage, und sie ist ihnen auch sicher -, machen sie das populäre Echo. Dieser Öffentlichkeit braucht die Bundesregierung nur eine frei vom Zaun gebrochene diplomatische Bosheit gegen einen sowjetischen LKW, der unter diplomatisches Ausnahmerecht fallen soll, anzubieten, nebst ein paar süffisanten Anzüglichkeiten des dafür prädesti- nierten Regierungssprechers - schon wird eine Woche lang in immer absurderen Verdächtigungen gegen den "russischen Spionage-Laster" geschwelgt; am Ende soll er eine Pershing II geladen haben. An- schließend beschwichtigt die Regierung das von ihr aufgeregte Pu- blikum. Und wenn ihr das als "Unentschlossenheit" zum Vorwurf ge- macht wird, dann hat sie den Beweis, daß ihre freie Öffentlich- keit ihr bestes Propagandaministerium ist. Wenig später wird das- selbe Publikum mit den Kampferfolgen an der Olympia-Front be- lohnt, wo die von drüben erst gar nicht angetreten sind und des- wegen die Nationalhymne aller Deutschen etwas häufiger zu hören war. Innere Aufrüstung wird in der christlichen Demokratie der 80er Jahre verabreicht vom Standpunkt der Sicherheit, daß man sie gar nicht nötig hat. Dem Volk wird nichts aufgeredet und aufgedrängt, sondern mit Maßen Recht gegeben in seinem selbstverständlich vor- ausgesetzten faschistischen Gerechtigkeitswahn und antikommuni- stischen, antirussischen Nationalismus. Hetze geschieht als Aner- kennung für die richtige Opfergesinnung - als ideelle Belohnung derer, die das Menschenmaterial abzugeben haben. So fördert die "Wende"-Regierung mit ihrer Politik der militäri- schen und gesinnungsmäßigen Gefechtsbereitschaft ganz nebenher den "s o z i a l e n F r i e d e n", den sie für diese Politik nötig braucht. Denn die kostet ganz außerordentlich viel Geld; und das will erst einmal erwirtschaftet sein. Was ohne freiwillig hingenommene Opfer nicht abgeht. Etwas verzwickt - aber so l o h n t sich die Aufrüstung sogar noch für die Schaffung des Reichtums, den sie k o s t e t. Die Regierung der "Wende" besteht darauf, daß alle Mittel, die das "weltpolitische Gewicht" der BRD erhöhen und "unser Ansehen" stärken, bis hin zur Gefechtsbereitschaft ausgebaut gehören. Sie beherzigt konsequent eine Erfahrung aus dem Treiben ihrer Vorgän- ger: "Aufrüstung lohnt sich!" - ohne Wenn und Aber. III Der neuen Führung sind die heimischen Q u e l l e n i h r e r M a c h t ebensowenig ein Problem wie ihren Vorgängern. Aller- dings betrachtet sie die Nutzung dieser Quellen als einen einzigen K a m p f m i t H i n d e r n i s s e n. Diesen Hindernissen begegnet sie durch die Ausnützung ihres Rechts, M a ß s t ä b e zu setzen, denen "Wirtschaft" und "Arbeitswelt" zu gehorchen haben. Dabei braucht die kämpferische Wirtschafts- und Sozialpolitik nichts umzukrempeln, nicht einmal die Gewerkschaften. Den A u f- t r a g an jene, die "die Wirtschaft" heißen, definiert man in Bonn schlicht genauso wie das I n t e r e s s e, das Banken und Unternehmen von sich aus verfolgen. Zum Allgemeinwohl tragen Gewinne, je höher, desto mehr schon deshalb bei, weil of- fensichtlich alle, selbst der Staat, davon abhängig sind. Also gehört diese Sorte "Wachstum" gefördert und leicht gemacht. Be- kenntnisse zur Marktwirtschaft pur werden praktiziert, und dabei sind steuerpolitische Hebel eine matte Sache. F a n a t i k e r d e s n a t i o n a l e n G e s c h ä f t s e r f o l g s sind bemüht, die r e n t a b l e A r m u t als die Grundlage i h r e s Aufschwungs sicherzustellen. So verordnen sie alles im Rahmen ihrer Entscheidungen Mögliche, um die Leistung der regier- ten Lohnabhängigen profitabler und deren Kosten geringer zu ge- stalten. Das gewöhnliche Volk, seine Arbeit und sein Lebensunterhalt sind in jeder Hinsicht zu teuer. Auf dem Feld der Wirtschaftspolitik soll "die Wende" am allernö- tigsten gewesen sein; da - ausgerechnet! - hätten die Macher des "Modell Deutschland" das größte nationale Unheil angerichtet. Seltsam nimmt sich neben diesem Vorwurf allerdings aus, wie der Kanzler der "Wende" diese Notwendigkeit selber zwei Tage nach seiner Amtsübernahme kommentiert hat: "Wir werden eine Wiederbelebung unserer Wirtschaft, eine Wieder- belebung unseres Leistungswillens, unserer Leistungskraft, die notwendige Opferbereitschaft, etwa um den Staatshaushalt in Ord- nung zu bringen, nur dann in der Tat bewerkstelligen können, wenn das als eine geistig-moralische Herausforderung erkannt und ange- nommen wird." Wenn die neue Regierung ausgerechnet in der Welt des Geldes und des Geschäftswachstums nichts weiter zu ändern findet als die mo- ralische Stellung, mit der die Allgemeinheit dieses Treiben be- gleitet, dann hat sie am Gang der Geschäfte selbst und an der Po- litik, die ihm den Weg bahnt, offenbar nichts auszusetzen. Wenn Geist und Moral das einzige sind, was zu wünschen übrig läßt, dann gibt es am Reichtum und den Mitteln seiner Vermehrung auch nach den Maßstäben der "Wende" nicht viel zu verbessern. So ist Kohls Aufruf zur Erneuerung in der Sache ein warmes Kompliment an das "Modell Deutschland", für dessen Wirtschaftswachstum er so brennend gerne die Verantwortung übernehmen wollte. Wo aber das Geschäftsleben im Prinzip klappt, da hängt von einer wiederbelebten Gesinnung nichts Materielles ab. Die Tugend stellt sich allemal ein, wo die staatliche Gewalt erfolgreich dafür sorgt, daß gar keine Alternativen bleiben. Einem botmäßigen Volk wird sie unwidersprochen attestiert - und das richtet sich am Ende auch noch nach dem Lob seiner Führer. Tatsächlich hat es dem Volk der "verwöhnten" Deutschen deswegen auch schon vor der "Wende" an "Opferbereitschaft" und "Leistungswillen" nicht gefehlt. Wer hat sich den in Bonn beschlossenen "schweren Zeiten" und der in den Betrieben organisierten Leistung denn entzogen? Kohls wirtschaftspolitisches Programm, als große Alternative zu dem der sozialliberalen Vorgänger hingestellt, verkündet somit den Beschluß, in der Sache haargenau so weiterzumachen wie bisher - das aber so, als müßte die Nation sich dafür von allen vertrau- ten Gewohnheiten, dem sozialdemokratischen "Schlendrian" und "Anspruchsdenken" eben, gründlich freimachen. So kommt zum Wei- termachen immerhin das Eine hinzu: ein F r e i b r i e f f ü r R a d i k a l i t ä t. Gegen die "Erblast" der Arbeitslosigkeit - mehr davon! ------------------------------------------------------ Als die "Wende"-Regierung an die Macht kam, gab es bereits an die 2 Millionen Arbeitslose. Diesen Zustand erklärten seine neuen Verwalter als erstes zu einer "Erblast" der "verfehlten" sozial- liberalen Wirtschaftspolitik und sprachen sich damit von der als mögliche Forderung vorgestellten Verpflichtung frei, den Entlas- senen wieder zu einem Auskommen zu verhelfen. Das diesbezügliche Versprechen des sozialdemokratischen Kanzlers hatte sich mit den steigenden Arbeitslosenzahlen als Schwindel herausgestellt. Der christliche Nachfolger nahm das als Beleg für seine dialektische Weisheit, daß das Vorhaben, überflüssig gemachte Lohnempfänger von Staats wegen wieder in ein Beschäftigungsverhältnis zu brin- gen, die Sache nur schlimmer machen könne. Als hätten sie das ausgerechnet am "Modell Deutschland" lernen müssen, vertraten die regierenden Christen den Grundsatz, daß Rücksichtnahme aufs lohn- arbeitende Menschenmaterial der Wirtschaft mitsamt ihrer men- schlichen Manövriermasse gar nicht gut bekommt; und wie eine lo- gische Schlußfolgerung verkündeten sie ihren Beschluß, dem Wohl der Menschheit fortan durch mehr Rücksichtslosigkeit zu dienen. Wenn denn schon der Lebensunterhalt der Massen eine untergeord- nete Rechengröße in den Kalkulationen der Geschäftemacher i s t, dann fordert die christlich-liberale Fürsorge für den "kleinen Mann" kompromißlos, alles dafür zu tun, daß diesen Kalkulationen der größtmögliche Erfolg beschieden ist - egal, was für den "kleinen Mann" praktisch dabei herauskommt. a) "Den Aufschwung" fördern" - für dieses Programm brauchten die Bonner Ministerien nur weiterzumachen, was sie schon immer ge- macht hatten. Mit seinen S t e u e r n nimmt der Staat das Geschäftsleben seiner Gesellschaft als Finanzquelle in Anspruch. Und je reichli- cher die sprudeln soll, um so selbstkritischer beargwöhnt eine aufgeklärte Regierung ihre Steuern als geschäftsschädigende Last. Gegen solche Auswirkungen sind zwar längst Vorkehrungen getrof- fen: gesetzliche - und wie die aus sozialliberaler Zeit datieren- den einschlägigen "Skandale" beweisen, bietet bei größeren Summen das Ermessen des Wirtschaftsministers noch jenseits aller Geset- zesnormen einen Rechtsschutz vor der Verstaatlichung des privaten Reichtums, um dessen Vermehrung es in der Marktwirtschaft doch geht. Jede neue Regierung entdeckt aber von neuem in irgendwel- chen Steuerarten oder -sätzen einen "leistungshemmenden" "Auswuchs" des Steuersystems, schafft sie ab und erhöht dafür solche Abgaben, die nicht ausgerechnet die fürs Wirtschaftswachs- tum wichtigen und vorgesehenen Einkommen und Ausgaben belasten. Die Freunde des christlichen Aufschwungs haben sich unter dem Ti- tel "Steuerreform" gleich eine Minderung des Steuersatzes vorge- nommen, der jene höheren Einkommen trifft, die ohnehin gar nicht verausgabt werden können, sondern das Geldkapital der Gesell- schaft mehren Natürlich weiß jeder Steuerpolitiker der Koalition, daß die vorgesehenen Steuerprozente sowieso von keinem dieser "Großverdiener" je entrichtet werden; sie sind ein Ausgangsdatum für die Steuerberatung und demonstrieren nur - tröstlich fürs po- puläre Ge rechtigkeitsempfinden -, wieviel mancher übrig und ab- zuführen h ä t t e, wollte er von seinem Einkommen tatsächlich bloß leben. Deswegen haben Stoltenberg und Genossen es auch nicht eilig mit diesem gesetzlichen Steuergeschenk. Immerhin: Sie haben die Politik auf das Urteil festgelegt, die rechnerische Grundlage aller legalen Steuerhinterziehung sei zu hoch. Um so reibungslo- ser gehen da, ganz ohne neue Gesetze, die üblichen Steuernach- lässe für den Reichtum weiter, der sich um seine Vermehrung ver- dient macht. Nun mag das alles zwar manches Geschäft lohnender machen; der Ge- schäftserfolg selber ist durch staatliche Steuergeschenke nicht sicherzustellen. Dafür müssen schon direktere Subventionen her: "Finanzhilfen", die zur Versilberung gewisser Produkte beitragen, auf deren privatwirtschaftliche Herstellung es der Nation ankom- men soll. Die Auswahl solcher Produkte ist so schwierig nicht. Auch da treibt die "Wende"-Regierung nur zufällig etwas anderes als das "Modell Deutschland"; der "Subventionsdschungel" ist un- ter denen, die ihn abholzen wollten, derselbe geblieben. Der Weltmarkt für perfektionierte Elektronik, Weltraumraketen und Sa- telliten will von nationalen Multis erst noch erobert sein - so wie das auf den Märkten für Flugzeuge und Atomkraftwerke unter SPD-Obhut bereits gelungen ist. Also werden unter den Titel "Forschungsförderung" oder "Förderung innovativer Technologien" usw. die nötigen Milliarden ausgegeben, um die deutsche Industrie auch auf diesen Sektoren zu konkurrenzfähiger Geschäftemacherei zu verleiten. Zur Freigiebigkeit trägt da nicht wenig die Gewißheit bei, daß alle dort erzielten "technischen Fortschritte" der militärischen Macht der Republik und ihren nationalen Grundlagen zugute kommen, wie ja auch umgekehrt der militärtechnische Fortschritt, den von vornherein nur ein Kunde, nämlich der Staatshaushalt, zum Ge- schäft macht, stets seine zivilen Früchte trägt. Weder innerhalb der engagierten Unternehmen noch an ihren Produkten ist zwischen militärischem und zivilem "Komplex" noch eindeutig zu unterschei- den. Um die zur Konkurrenzfähigkeit nötige Kapitalgröße zu er reichen, nehmen im übrigen die neuen wie die alten Wirtschaftsförderer in Bonn gerne und ohne enge nationalistische Vorurteile auch die Un- ternehmen und Staatsgelder der europäischen Nachbarn in Anspruch - deren Markt sowieso, dafür hat man ja die EG. Gerade weil es aber um die "Märkte" geht, also ums G e s c h ä f t mit techno- logischen Errungenschaften und nicht um eine Blütenlese des men- schlichen Erfindungsgeistes, ist die Produktion modernster A r t i k e l nichts ohne die Modernisierung der P r o d u k- t i o n. Außer den extravaganten Zerstörungsbedürfnissen der staatlichen Gewalt sind die meisten technologischen Fortschritte ohnehin der Rationalisierung der Produktionsapparate gewidmet, und zwar in allen, nicht bloß den "Zukunfts"-Branchen. Mancher alte Industriezweig wird durch effektivere Produktionsweisen auf einmal wieder "zukunftsträchtig". In der beständigen Umwälzung des Produktionsprozesses sind die staatlichen Zuschüsse denn auch allemal am sinnvollsten angelegt - für den Aufschwung nämlich, den nach dem Willen jeder Bonner Regierung das Geschäftsleben nehmen soll, weil dessen Erfolg die Bedürfnisse ihrer Staatsgewalt finanziert. Mancher Geschäftszweig heißt dann zwar eine Zeitlang "Krisenbranche"; solange nämlich, wie die Rationalisierung Geld kostet, also zu "roten Zahlen" in der Bilanz führt, und wie sie als Auflösung ganzer Betriebsteile, Werke oder sogar Standorte vonstatten geht. Disponiert wird bei Rationalisierungen ja längst in europäischem, wenn nicht noch größerem Maßstab; und traditionsreiche "Stahlstädte" müssen schon einiges bieten, um auch nach der lohnenden Zentralisation der Stahlerzeugung noch welche zu bleiben. Staatliche Milliarden hel- fen "die Krise bewältigen", bis der neue Produktionsapparat steht und die Investitionen sich dermaßen lohnen, daß die tiefschwarzen Bilanzzahlen beim besten Willen nicht mehr zu verschleiern sind. In diese Phase bei wichtigen deutschen Industriezweigen ist die Regierung der "Wende" hineingeraten; das ist das große Verdienst ihrer "Politik für den Aufschwung". b) Auf diese Weise sind jede Menge "Arbeitsplätze geschaffen" worden. Alle die nämlich, die es heutzutage gibt und die damit bis auf weiteres die Gewähr dafür bieten, daß das bundesdeutsche Geschäftsleben mit ihnen einen Export- und Wachstumsrekord nach dem anderen bricht. Diese Arbeitsplätze sind längst keine "Plätze" mehr, wo ein Lohnarbeiter alles zum Produzieren Notwen- dige vorfindet und dann im Akkord oder unter Aufsicht ranklotzt. Längst ist dort nicht mehr bloß die Arbeit festgelegt, die einer zu verrichten hat, sondern die Arbeit pro Zeit: die Leistung, die er zu bringen hat. Die ist nicht bloß analytisch und synthetisch ausgerechnet, sondern durch die - inzwischen elektronisch "mitdenkende" Ausstattung des Arbeitsplatzes schon als prakti- scher Zwang realisiert, noch ehe das Tagewerk überhaupt begonnen hat. Das Gerücht, das der Kommunist Marx im 19. Jahrhundert über den Lohnarbeiter in die Welt gesetzt hat: er sei bloßes Anhängsel der Maschinerie, die seinem Anwender gehört - das ist 100 Jahre später dermaßen perfekt in Erfüllung gegangen, daß nichts am in- dividuellen Arbeitstag und am betrieblichen Ertrag mehr dem Zu- fall überlassen bleibt. Die Leistung des "Arbeitsplatzbesitzers" steht fest - und sie ist so hoch, daß es für den Gewinn auf sei- nen Lohn einerseits kaum noch ankommt: den Lohn aufs Produkt um- gerechnet, kann die bundesdeutsche Industrie sich heute als Bil- lig(stück)lohnland mit den letzten ostasiatischen Menschenschin- dern messen. Klar, dieser Aufschwung, seit Herbst 1982 unter alternativer po- litischer Regie, hat auch "Arbeitsplätze vernichtet". Alle die eben, die es nicht mehr gibt - und die damit den praktischen Be- weis geliefert haben, daß sie auch gar "keine Zukunft" mehr hat- ten und nicht zu erhalten waren. Um die kann es also auch über- haupt nicht schade sein; schon gar nicht aus dem Grund, weil ihre Zahl die der "neu geschaffenen" beträchtlich übersteigt. Der ganze Witz des Aufschwungs durch Modernisierungserfolge liegt ja gerade darin, daß der Ertrag des einzelnen Arbeitsplatzes zuver- lässig gesteigert, folglich der Bedarf an Arbeitskräften gesenkt und an Lohn auf die Dauer weit mehr gespart wird, als die Inve- stition gekostet hat. Nicht trotz, sondern durch den Aufschwung ist die Zahl der Arbeitslosen gewachsen; und zu diesem Erfolg be- kennt die "Wende"-Regierung sich auch in der Lüge, die Abschaffung unrentabler Arbeitsplätze hätte dafür immerhin die anderen "sicherer" gemacht. Eine bessere und erfolgreichere Wirtschaftspolitik gegen die "Erblast" der Millionen Arbeitslosen kann es eben gar nicht geben als eine, die deren Zahl vergrößert - dieses Ergebnis beweist nur, daß erst recht so fortgefahren werden muß, ohne "wenn" und "aber" und "leider". Nicht bloß gestiegen ist die Arbeitslosigkeit in zwei Jahren "Wende" ganz beträchtlich; sie ist vor allem zur Selbstverständ- lichkeit geworden. Sie gilt nicht mehr als Ausnahme, an deren Be- seitigung die Wirtschaftspolitik der neuen Regierung sich messen lassen müßte, sondern als wirtschaftspolitischer Normalfall, der neue Maßstäbe setzt - und zwar keineswegs bloß ideologische. Für die regierenden Christen ist die Massenarbeitslosigkeit ein pau- schaler Rechtstitel für einen Generalangriff auf alle Sicherhei- ten, die der nationalen Arbeiterklasse zugestanden oder gewährt worden sind. Denn ganz ohne Änderungen am "subjektiven Faktor" kommt auch der beste Aufschwung durch Rationalisierung nicht aus. Im Gegenteil: Die Fortschritte in Sachen Maschinerie und Technologie der Aus- beutung fördern Gesichtspunkte zutage, unter denen die werktäti- gen Individuen ihrer zweckmäßigen Benutzung noch ziemlich viele Hindernisse in den Weg legen. Im Zeichen der wohltätigen Rück- sichtslosigkeit, die der weitere Aufschwung verlangt, gehen Re- gierung und Unternehmer gemeinsam dagegen vor. "Abbau von Beschäftigungshindernissen" - durch mehr Flexibilität ---------------------------------------------------------------- Wenn dauernd jeder zehnte Lohnabhängige eine Beschäftigung sucht, die ihn ernährt, und keine findet, dann gilt in einer demokrati- schen Marktwirtschaft das Gesuch um einen Arbeitsplatz als der äußerste Anspruch, der einem Mitglied dieser gesellschaftlichen Klasse überhaupt zusteht. Logisch ist das zwar überhaupt nicht, die Schädigung bis zur Gefährdung der eigenen Existenz mit einer Preisgabe aller Interessen zu beantworten. Professionelle Mate- rialisten, die Sachwalter des Staatswohls zum Beispiel, gehen da ganz anders vor: Sie definieren bereits einen ausgebliebenen Zu- satzvorteil als Existenzgefahr. Genau deswegen gilt für deren Menschenmaterial aber eben das Umgekehrte: Da hat man das bloße Existieren-Können, egal welchen Aufwand sogar das kostet, als Privileg zu betrachten, für das sich Dankbarkeit gehört. Das ist die Logik des "Arbeitsplatz-Arguments", mit dem nicht erst die "Wende"-Regierung, diese aber mit besonderer Frechheit - und überhaupt ein jeder, der in ihrem Staat etwas zu melden hat -, jedes Interesse und jedes abweichende Anliegen totmacht, das von unten angemeldet wird. Kritik an der bundesdeutschen Rü- stungsindustrie wird ebenso im Namen der "gefährdeten Ar- beitsplätze" abgeschmettert wie Bedenken gegen die schrankenlose Vergiftung und Ruinierung der Landesbewohner und ihrer Lebensmit- tel, Einwände gegen die teuren Verkabelungsprojekte des Postmini- sters usw. Und wo sich schon gar keine Kritik und gar kein Inter- esse von unten mehr rührt in diesem Modell von einer Republik, in der Welt des betrieblich organisierten Leistungszwangs nämlich, da geht die Regierung ihrerseits mit dem "Arbeitsplatz-Argument" in die Offensive: "Die Gefahr ist groß, daß die, die Arbeit haben, sich in ihre Fe- stung zurückziehen und die Beute des Aufschwungs unter sich auf- teilen." (Blüm) a) Das findet der Bundessozialminister asozial; und so entnimmt er der Arbeitslosigkeit, genauer: dem harten Schicksal, das seine Behörden den Entlassenen bereiten, den Auftrag, gegen den Rechts- schutz für Lohnempfänger vorzugehen - das soll nämlich die "Festung" sein, in der angeblich die "Arbeitsplatzbesitzer" ihren "Besitzstand" verjubeln. So wird der K ü n d i g u n g s s c h u t z an verschiedenen Unterpunkten "gelenkiger" gemacht. Die "Vorruhestandsregelung" gibt der Unternehmermethode, ältere "Mitarbeiter" vorzeitig abzu- schieben, nämlich mittels einer billig erkauften "einvernehm- lichen Vertragsauflösung" dem Arbeitsamt zu überstellen, eine rechtliche Form. Natürlich bleibt die normale Altersgrenze, was für Vorruheständler eine Rentenminderung bedeutet, und die Sonderzahlungen des Arbeitgebers an seine eigentlich unkündbaren Alten entfallen. Der Zwang, "Massenentlassungen" per Sozialplan abzuwickeln, wird dadurch erleichtert, daß er erst von höheren Entlassenenzahlen ab gilt; für neugegründete Unternehmen entfällt er ganz. Befristete Arbeitsverträge werden auch da zulässig, wo sie sich auf eine gar nicht befristete Tätigkeit beziehen, und von jedem Anspruch auf Weiterbeschäftigung gesäubert. Leiharbeit wird von einschränkenden Bedingungen entbunden. Teilzeitarbeit und "job-sharing" werden arbeits- und versiche- rungsrechtlich als alternativer Normalfall anerkannt, ein sehr korrekter Fortschritt, wenn es schon aufs Arbeiten an kommen soll und nicht darauf, daß man vom Arbeitslohn leben kann. "Schutzrechte" für bestimmte Gruppen, Arbeitszeitvorschriften etwa für Jugendliche oder Frauen, werden gelockert oder aufgeho- ben; Mindestanforderungen an Ausbildungsplätze werden herabge- setzt. Kranke sollen teilarbeitsfähig geschrieben und entspre- chend einsetzbar werden. Die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen, Vertragsvorschriften usw. werden um die gesetzliche Öffnungsklau- sel ergänzt, daß die Tarifparteien Abweichendes vereinbaren dür- fen. Worauf diese Klausel zielt und ihr Erfinder sich auch verlassen kann, das zeigt das Ergebnis der "Tarifbewegung" des Frühjahrs 1984 in der Metall- und Druckindustrie. Unternehmer und DGB-Ge- werkschaften haben sich in diesen beiden Branchen auf eine Ar- beitszeitregelung geeinigt, die die Aufhebung fester Regeln zum Inhalt hat und entsprechend absurd lautet: "Die tarifliche wöchentliche Arbeitszeit ohne Pausen beträgt 38 1/2 Stunden. Die Arbeitszeit im Betrieb wird im Rahmen des Vo- lumens, das sich aus der für den Betrieb festgelegten wöchentli- chen Arbeitszeit von 38 1/2 Stunden im Durchschnitt aller Voll- zeitbeschäftigten ergibt, durch Betriebsvereinbarung geregelt. Dabei können für Teile des Betriebs, für einzelne Arbeitnehmer oder für Gruppen von Arbeitnehmern unterschiedliche wöchentliche Arbeitszeiten festgelegt werden. Die individuelle regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit kann für Vollzeitbeschäftigte zwischen 37 und 40 Stunden betragen... Dabei sind die betrieblichen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Die indi- viduelle regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit kann gleichmäßig oder ungleichmäßig auf 5 Werktage verteilt werden. Eine davon ab- weichende Verteilung kann nach Maßgabe betrieblicher Erforder- nisse mit dem Betriebsrat vereinbart werden. Die wöchentliche Arbeitszeit muß im Durchschnitt von 2 Monaten erreicht werden. Wenn keine andere Regelung getroffen wird, beträgt für Vollzeit- beschäftigte die regelmäßige tägliche Arbeitszeit bis zu 8 Stun- den. Der Arbeitgeber teilt jeweils monatlich dem Betriebsrat die Zahl der Arbeitnehmer mit einer regelmäßigen Wochenarbeitszeit zwi- schen 37 und 40 Stunden und den sich daraus ergebenden Durch- schnitt der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit im Betrieb mit..." usw. usw. (Manteltarifvertrag für die Gewerblichen Ar- beitnehmer der Metallindustrie) Was vormals eine tarifvertragliche 40-Stunden-Woche mit ergänzen- den 'Ausnahmebestimmungen' war, das ist hier gleich durch mehrere verschiedene Arbeitszeiten ersetzt: Eine "tarifliche wöchentliche Arbeitszeit", die aber nur der zweimonatliche Durchschnitt der wirklichen wöchentlichen Betriebsarbeitszeiten ist, welche sich wiederum aus lauter verschiedenen individuellen regelmäßigen wö- chentlichen Arbeitszeiten zusammenrechnen; letztere sind ihrer- seits aus fünf oder mehr oder weniger Arbeitstagen mit unter- schiedlicher regelmäßiger Arbeitszeit zusammengesetzt - wenn es dem Betrieb so in den Kram paßt. Die Nicht-Festlegung der Ar- beitszeit, für den einzelnen und die ganze Belegschaft, pro Tag, Woche und Monat: das ist die neue tarifvertragliche Festlegung - und zwar noch vor allen zusätzlichen Erlaubnissen zu Betriebsver- einbarungen über Schichtenregelungen, Wochenendarbeit, Überstun- den usw. Die an den Erfordernissen und Wünschen des jeweiligen Betriebs orientierte Aushandlung "vor Ort" tritt an die Stelle einer formell allgemein-verbindlichen Abmachung mit lauter Aus- nahmeerlaubnissen - so als hätte es nie gewerkschaftliche Zusam- menschlüsse und Kämpfe gegeben, um gerade das auszuschließen! Der neue Grundsatz, daß der Betrieb im Verein mit dem Betriebsrat für einzelne, ganze Abteilungen oder alle Beschäftigten mehr oder we- niger Arbeit beschließt und im Nachhinein einen Durchschnitt er- rechnet, der dann eventuell rein rechnerisch über längere Zeiträume hinweg zum vorschriftsmäßigen Total-Durchschnitt ausge- glichen werden darf, kann, sollte ..., zieht einen Schlußstrich unter eine Fiktion. Er beendet den rechtlichen Schein, eine 40- Stunden bzw. 5-Tage-Woche mit lauter 8-Stunden-Tagen sei der ge- sellschaftliche Normalfall. Daß dieses Ergebnis - und ein ganz ähnliches für die Druckindu- strie - mit den längsten Streiks der Nachkriegszeit erreicht wurde, das gehört in die Welt des deutschen gewerkschaftlichen Wahnsinns, der die Vorhaben der "Wende"-Regierung so vortrefflich ergänzt. Mit ihrem Streik w o l l t e n die DGB-Vereine IG Me- tall und IG Druck für mehr Beschäftigung oder wenigstens für si- cherere Arbeitsplätze O p f e r bringen - von dem Vorteil, mal wieder für etwas weniger Arbeit mehr Geld zu bekommen, war in der ganzen gewerkschaftlichen Streikagitation nur in Form der nach- drücklichen Klarstellung die Rede, so etwas würde selbstverständ- lich nicht angestrebt. Das O p f e r haben die so glanzvoll vertretenen und geführten deutschen Arbeiter bekommen - in Form von Arbeitszeiten eben, die ständig einen außerdurchschnittlichen Gebrauch der Arbeitskräfte organisieren, der aber nur durch- schnittlich verrechnet und entgolten wird. Daß durch dieses Opfer aber m e h r B e s c h ä f t i g u n g zustande käme, das ge- hört genauso ins Reich der Ideologie wie die entsprechende Ver- heißung der Blümschen Generalrevision des Arbeitsrechts. Genau das Gegenteil ist der Fall! Wo Verpflichtungen gegenüber den Lohnabhängigen entfallen, wird die Freiheit der Unternehmer allemal größer - die Freiheit, Arbeit einzufordern und Lohn zu sparen, beides, wenn nötig! Oder, einmal ganz im Sinne der kon- kurrenzgeplagten Unternehmer gefragt: Wer wird denn so blöd sein, ein festes Arbeitsverhältnis, von dem der angestellte Lohnempfän- ger regelmäßig seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, aufzuma- chen, wenn er ohne die unwirtschaftlichen "Soziallasten" mit Ge- legenheitsarbeit aller Art viel besser fährt? Die "Belegschaf- ten", die Arbeiter, die fest einer Betriebsgemeinschaft ange- hören, mithin einen "Arbeitsplatz" h a b e n, schwinden unter diesem Tarifrecht für Tagelöhner ganz sicher. b) Denn das ist der Vers, auf den sämtliche christlichen Erneue- rungen des Arbeitsrechts mitsamt den wegweisenden Manteltarifver- trägen bei Druck und Metall sich reimen: Kampf jeder rechtlichen Regel, die die f r e i e V e r f ü g u n g des Betriebs über seine Arbeitskräfte an "starre" Bedingungen bindet und dadurch behindern könnte. "F l e x i b i l i t ä t" heißt das Bedürf- nis, das Regierung und Gewerkschaft da ihrer Wirtschaft erfüllen. Dieses Bedürfnis ergibt sich sehr logisch aus den Rationalisie- rungserfolgen des bundesdeutschen Unternehmertums. Arbeitsplätze, die einer ganzen Belegschaft bis ins kleinste ihre stündliche und minütliche Arbeitsleistung vorschreiben und zuverlässig abfor- dern, sind erstens so teuer, daß es um jede Minute Stillstand schade ist. Arbeit rund um die Uhr und die widrigste Knapserei an Pausen, Zeiten und Löhnen wird so zum Rentabilitätserfordernis. Gegen die Rentabilität wird zweitens aber genauso verstoßen, wenn der technisch erzwungene Ausstoß nicht haarscharf zur aktuellen Auftragslage paßt. Fabriken werden doch nicht erst in riesige Ro- boter mit einprogrammierter Leistung verwandelt, um dann den ver- bliebenen Arbeitskräften doch wieder einen unterplanmäßigen Ein- satz abzuverlangen. Wo die Leistung exakt vorausberechnet und im Voraus festgelegt ist, da "muß" die Anpassung der Produktion an wechselnde Anforderungen logischerweise über die Arbeitszeit ge- hen: V a r i a b e l müssen Arbeitstag und Arbeitswoche ausge- schöpft werden können. Dieses betriebliche Bedürfnis ist so folgerichtig, daß die Be- triebe es sich tatsächlich schon längst praktisch erfüllt haben, auch ohne Blüms neue Arbeiteranpassungsvorschriften und ohne den flexiblen DGB-Arbeiter mit der Durchschnittsmasche. Es kostete ein paar Zuschläge, ein paar Abfindungen, ein paar Arbeitsge- richtsprozesse oder auch bloß laufende Gespräche mit dem Be- triebsrat, und dann lief alles: dann wurde länger als 50 oder we- niger als 30 Stunden, 3 oder 7 Tage die Woche gearbeitet, im Schichtbetrieb und auch außerhalb der festgelegten Zeiten; dann wurde flott eingestellt und noch flotter wieder ausgestellt; dann gab es Überstunden und Kurzarbeit nebeneinander oder sogar in derselben Abteilung hintereinander usw. In keinem Punkt ist es so, daß das bundesdeutsche Kapital nach Blüms "Wende" überhaupt erst dürfte, was ihm vorher, womöglich gar effektiv, verwehrt worden wäre. Nur, und das ist allerdings ein Fortschritt, wird so zur R e g e l, was bisher die - zulässige, aber - A u s n a h m e war; ein offizielles Regierungsargument für die Arbeitsrechtsre- form hieß geradezu, man wolle durch die Abschaffung der zahllosen Ausnahmeregelungen mehr Rechtssicherheit stiften. Es geht in der Tat um die Sicherheit, daß grundsätzlich alles erlaubt ist, was dem Unternehmen in seine Planung paßt. Es ist von vornherein im Recht, wenn es seine Leute mal länger dabehält, dann wieder frü- her heimschickt, dadurch Ausfälle von Arbeitern ebenso elegant überbrückt wie Auftragslücken usw. Dafür brauchen keine Sonder- vergütungen mehr gezahlt, keine Umstände mit dem Betriebsrat mehr gemacht zu werden. Der läßt sich viel nützlicher einsetzen: für die betriebliche Vorausplanung der flexiblen Arbeitszeiten über Monate und übers Jahr; für neue "Ausnahmen" wie die nach Bedarf abrufbare Jahresarbeitszeit... Ob hierfür wirklich jede Einzelheit, die dem Arbeitsminister ein- gefallen ist, zweckdienlich oder gar nötig ist, das ist eine zweitrangige Sorge. Selbst wo eine Neuerung praktisch gar nichts bringt, dient sie, sogar noch besser, der politischen Demonstra- tion, daß die Regierung der "Wende" schlechterdings keine "Tabus" kennt, wo es um das rücksichtslose und totale Verfügungsrecht der Aufschwung-Macher über ihr nötiges Menschenmaterial geht. Um ihr Interesse an "Beschäftigung" so glaubwürdig wie möglich zu doku- mentieren, sprechen sich die Reformatoren in Bonn für jede b e l i e b i g e Verteilung der Arbeitszeit aus. Sie scheuen sich auch nicht, die Arbeitszeit pro Tag, Woche, Monat, Jahr und - Leben als ganz und gar gleichgültige Größen zu behandeln. In ihren Rechnungen ersetzt auch ein Jahr "Vorruhestand" lässig vierzig Jahre Dienst nach Maß. Für das Arbeiterleben wahrgemacht bedeuten diese Rechnungen allerdings etwas anderes. V e r- b r a u c h t e Gesundheit ist gar nicht zu ersetzen, und allzu viele e r l e b e n den gerechten Ausgleich für ihren flexiblen Einsatz einfach nicht mehr. Deswegen spart sich die Christen-Regierung aber keineswegs den Zynismus, ihr Arbeiter-Flexibilisierungsprogramm als Maßnahme zur Förderung der proletarischen Individualität auszugeben: als Be- freiung des Arbeitnehmers von dem unmenschlichen Zwang fester Ar- beitszeiten. Tatsächlich wird an allen rechtlich zurechtgerückten Punkten der Gegensatz von Arbeitsdisziplin und Leben vorangetrie- ben. Die Freizeit hat keine feste Grenze mehr gegen die Arbeits- zeit - die deswegen nur um so disziplinierter eingehalten werden muß. Nicht nur ihre Dauer, auch noch ihre Einteilung ist dem wechselnden betrieblichen Bedarf unterworfen. Die Verlängerung der Freizeit an ein paar Tagen ist zwangsweise mit dem "Preis" verbunden, daß sie an den meisten Tagen noch nicht einmal mehr zur Erholung taugt. Die härteren Folgen dieser Sorte "Leben, um zu arbeiten" sind an dem unaufhaltsamen Aufwärtstrend der Früh- rentner- und Behinderten-Statistik abzulesen. Doch daran gibt es im "Modell Deutschland" nach wie vor der "Wende" keine Kritik - außer im Namen der Rentenkassen. Und diese Einwände liefern einem Blüm allenfalls die Stichworte für weitere Ergänzungen seiner So- zialpolitik des Aufschwungs. Billiglohnland BRD ------------------ a) Zum kapitalistischen Aufschwung gehört nicht bloß ein hem- mungslos rentabler Gebrauch der Arbeitskräfte, sondern auch deren absolute Verbilligung. Diesen dauerhaften Grund für die Revolu- tion hat der christliche Arbeitsminister schon gleich im ersten Herbst seiner Amtszeit als Forderung an die Gewerkschaften gel- tend gemacht. Eine "Null-Runde" in der "Tarifbewegung" hat er verlangt, also den Verzicht darauf, die Schmälerung des proleta- rischen "Lebensstandards" durch Abgaben- und Preiserhöhungen auch nur teilweise durch erhöhte Löhne zu kompensieren - von den be- trieblich organisierten Leistungssteigerungen ganz zu schweigen. Mit einer gewissen Verzögerung sind die größte und die radikalste Einzelgewerkschaft im DGB, IG Metall und IG Druck, dieser Zumu- tung nachgekommen und haben die längsten Streiks ihrer Vereinsge- schichte mit einem Lohnabschluß gekrönt, der ihre langjährige Ta- rifpolitik der "Reallohnsenkung" würdig fortsetzt. Noch bemer- kenswerter als die 3,3% ab Mitte '84 und die 2% ab April '85 ist dabei die Laufzeit des ab März '84 geltenden Vertrags bis in den Spätsommer 1986 hinein. Immerhin geben damit die ersten DGB-Ge- werkschaften von sich aus das Prinzip der jährlichen Verlustkom- pensation in aller Form auf und verabschieden sich auf volle zweieinhalb Jahre ganz und gar von der "Lohnfront". b) Derweil hat die Regierung, auch darin treu der sozialliberalen Tradition, an dem verstaatlichten und per Sozialversicherungskas- sen und Haushaltsgesetz verwalteten Teil des Lohns, von dem die unbrauchbaren und nicht gebrauchten Mitglieder der lohnarbeiten- den Klasse leben müssen, ihrerseits etliche "Minus-Runden" durch- gezogen. Den Hauptgesichtspunkt dafür hat sie mitten während des "Wende"Manövers mit ihrem Geschrei über den unhaltbaren "Notstand" der Staatsfinanzen und speziell der Sozialversiche- rungskassen angegeben - nach zwei Jahren hieß die passende Er- folgsmeldung: "Damit unser soziales Netz nicht zerreißt, mußte es auf eine so- lide finanzielle Grundlage gestellt werden." Wenn eine Politikermannschaft, die die Macht hat oder an sie drängt, eine "Krise der Staatsfinanzen" beschwört, dann hat sie nicht, wie das dumme Bild vom "Kassensturz" es behauptet, eine vorhandene Geldsumme einem feststehenden Ausgabenkatalog gegen- übergestellt und für zu klein befunden. Politiker wissen am be- sten, daß sie über beide Seiten b e s c h l i e ß e n, daß also auch jeder "Haushaltsnotstand" und die daraus abgeleitete Notwen- digkeit seiner "Konsolidierung" per "Sparhaushalt" in ihrem Be- schluß besteht, sich gewisse Gelder unbedingt besorgen zu wollen und andere nicht, gewisse Ausgaben zu streichen und sich andere um so hemmungsloser zu leisten. D i e s e r B e s c h l u ß war die "Erblast", die die C-Mannschaft am freudigsten von den Schmidt-Leuten übernommen und "bewältigt" hat. Die Verstaatlichung ansehnlicher Gelder, die die Unternehmen als Lohn- bzw. Lohnnebenkosten verbuchen, gegen das Versprechen einer Vorsorge für die absehbaren Gefährdungen der Lohnarbeiterexistenz durch Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter ist bereits im "Modell Deutschland" zur munter sprudelnden Einnahmequelle des Finanzministers ausgestaltet worden. Die Verausgabung dieser Gelder behält eine anständige parlamentarische Mehrheit natürlich ihrem per Haushaltsgesetz verwirklichten "politischen Gestal- tungswillen" vor. Und für den, ob christlich- oder sozial-libe- ral, sind die Rechtsansprüche einer wachsenden Zahl von Opfern des nationalen Geschäftslebens auf dieses Geld allemal eine Bela- stung, die zur Einschränkung "zwingt" - der zunehmenden Ansprüche nämlich. Es handelt sich beim "sozialen Netz" eben nicht um eine Versicherung, sondern um ein recht einseitiges Rechtsverhältnis des Staates zu der lohnarbeitenden Klasse seiner Gesellschaft. So haben Schmidts Sozialminister damit angefangen und die Anwälte christlicher Solidarität damit fortgefahren, die versprochenen Leistungen in dem Maße zu kündigen, wie sie vermehrt fällig ge- worden wären. Dabei hat die "Wende"-Regierung nicht etwa die Grundsätze der Versicherungsmathematik zur Anwendung gebracht, sondern eine Mo- ral, die Kohl bereits in seiner ersten Regierungserklärung formu- liert hatte: "Wir können die ökonomischen Dinge und den Staatshaushalt nur in Ordnung bringen, wenn jeder einsieht, daß er nicht auf Kosten der Allgemeinheit leben darf, sondern seinen Beitrag leisten muß." Wie macht das ein Kranker, der nicht kann? Wie ein Rentner? Wie ein entlassener Lohnarbeiter oder ein Jugendlicher, der erst gar keine Stelle findet? Die christliche Regierung hat sie aus aller moralischen Drangsal erlöst, indem sie auch noch ihren Lebensun- terhalt dem Kriterium der lohnenden Kosten unterworfen und da vieles als überflüssigen Luxus identifiziert hat, was unter ande- ren Konjunkturen noch als sinnvolle Investition erschienen war. Wozu sollen Arbeitslose noch auf Staatskosten umgeschult werden und eine Zeitlang auf einen "angemessenen" Arbeitsplatz warten dürfen, wenn an ihnen und ihrer Qualifikation ja doch kein Bedarf mehr besteht? Warum sollen Kranke sich für viel Geld zum Arbeiten wiederherstellen lassen, wenn der Zwang zu moralischer Rück- sichtslosigkeit gegen die eigene Gesundheit in "schweren Zeiten" weit billiger zum gleichen Ergebnis führt? Weshalb sollen ausge- rechnet Rentner, die am meisten krank sind, für ihre Krankenkasse nichts zahlen? Und wozu jährlich ein Stück Teuerung kompensiert bekommen, wo doch sowieso bloß die Zeit bis zum Sterben über- brückt werden muß? Die christliche Regierung hat etliche "Beiträge" entdeckt, die auch die nicht benützten und benutzbaren Lohnarbeiter zum Staats- haushalt leisten können. Besonders bei den Arbeitslosen ist sie fündig geworden, weil sie dieser "Erblast" gegenüber von vornher- ein auf dem Standpunkt stand, bestenfalls ein Teil dieser Leute sei als Reservearmee zu betrachten, die jederzeit wieder in den Dienst am Aufschwung einberufen werden könnte; in der Hauptsache handle es sich um eine dauerhafte Überbevölkerung, die mit den Erfolgen des Aufschwungs allenfalls wächst. Das Ergebnis ging Mitte 1984 erstmals als Erfolgsmeldung durch die Öffentlichkeit: "Trotz gleichgebliebener Arbeitslosenzahlen erwartet die Bundes- anstalt für Arbeit in diesem Jahr einen Überschuß in Höhe von 3 Milliarden D-Mark." Das "trotz" ist natürlich in Wahrheit ein "wegen": Das Gesetz aus sozialliberalen Zeiten sieht ja längst vor, daß ein Entlassener nur auf Zeit, abhängig von der Dauer seiner vorangegangenen Be- nutzung, zur verfügbar gehaltenen Arbeitskraftreserve zählt und spätestens nach zwei Jahren Stück um Stück in den Pauperismus entlassen wird. Klage haben darüber vor allem die Kommunen ge- führt: D i e "stöhnen" nach zwei Jahren "Wende" "unter ihren Sozialhilfe-Lasten"! Einen Protest gab es immerhin auch von der Gewerkschaft - bloß was für einen. Die Überschrift sagt eigentlich schon alles: "Sparopfer waren unnötig"! Darunter wird dann aufgelistet: "Die dramatisch geforderten 'Sparopfer'(von rund 5,6 Milliarden Mark vor allem bei den Sozialleistungen) waren gar nicht nötig, denn der Finanzminister hatte am 31. Dezember 1983 noch viel Geld übrig: Der Bund hat 6,5 Milliarden Mark weniger ausgegeben, und er hat 2,9 Milliarden Mark mehr eingenommen, als im Haushalt 1983 eingeplant waren ... Gekürzt wurden für 1983: das Kindergeld um 980 Millionen, die Ausbildungsförderung für Schüler um 200 Mil- lionen (1984: 600 Millionen), das Wohngeld um 60 Millionen (1984: 150 Millionen), die Sprachförderung von Ausländern um 100 Millio- nen. Stoltenberg strich auch die Zuschüsse des Bundes drastisch zusammen: Die Bundesanstalt für Arbeit erhielt 1,26 Milliarden weniger, die Rentenversicherung 900 Millionen weniger. Hätte Stoltenberg ehrlich gerechnet, wären die meisten Streichungen vermeidbar gewesen..." (metall, 3.2.1984) Unerbittlich hält diese Gewerkschaft ihrer Regierung die Lüge von den "leeren Kassen" zugute, kann sich notwendige und sinnvolle Abstriche vom Lebensunterhalt der eigentumslosen Klasse sehr gut vorstellen - und ignoriert hartnäckig, daß es der "Wende"-Mann- schaft überhaupt nicht auf eine "Umverteilung aus ideologischen Gründen" ankommt, sondern auf z w e i wirtschaftspolitische Ziele: eine dauerhafte Vermehrung des verstaatlichten Reichtums, und zwar durch eine durchgreifende Verbilligung des Lebensunter- halts der lohnarbeitenden Klasse. c) Denn indem die Regierung die Opfer ihres "sozialen Netzes" ausprobieren läßt, wo eigentlich Mitte der 80er Jahre für wohler- zogene Mitteleuropäer das Existenzminimum liegt, setzt sie mit allem Nachdruck einen Vergleich in Kraft, der auf dem tarifver- traglich durchorganisierten "Arbeitsmarkt" nur vermittels solcher staatlicher Hilfestellung stattfindet: die K o n k u r r e n z der Entlassenen mit den noch beschäftigten Lohnarbeitern. Statt daß diese sich, wie es manchem Wirtschaftsfeuilletonisten am liebsten wäre, vor den Werkstoren wechselseitig unterbieten mit ihren Lohnansprüchen, setzt der Staat mit seiner Unterstützung und deren selbsttätigem Sinken die Maßstäbe für einen Beweis, den die Gewerkschaft sich für ihre Tarifpolitik zu Herzen nimmt: daß "die Arbeit zu teuer" sei. Umgekehrt geben die gewerkschaftlichen Tarifabschlüsse, die sich stets an der Regierungslinie des "wirtschaftspolitisch Vernünftigen" orientieren - "das Durchsetz- bare" heißt das auf Gewerkschaftsdeutsch -, eindeutig vor, wozu ein Entlassener oder Schulabgänger bereit sein muß, wenn er über- haupt mit Lohnarbeit sein Dasein fristen will: zu allem nämlich, was die Unternehmer als Arbeitsplatz einrichten und an Arbeits- zeit abfordern. Daneben gibt es das umfangreiche Armenvolk, an dem die christlichen Sozialapostel die Bindung des Arbeiterlebens an den Lohn, also an eine profitbringende Benutzung, negativ in aller Härte geltend machen. Sie legen ja fest, was es heißt, daß einem Durchschnittsmenschen, der für Lohnarbeit nicht taugt oder gebraucht wird, kein durchschnittliches Leben zusteht. Aus den mit viel Geiz und Statistik hergestellten Ergebnissen kann dann jeder noch beschäftigte Lohnarbeiter stets von neuem die Gewiß- heit gewinnen, daß ein Arbeitsplatz überhaupt das Allerwichtigste im Leben ist - so daß sich die Frage nach einem wenigstens aus- haltbaren Verhältnis von Aufwand und Ertrag für einen "privilegierten" "Arbeitsplatzbesitzer" erübrigt. So ist das von der "Wende"-Regierung zur Universal-Ideologie aus- gebaute "Arbeitsplatz-Argument" mehr als eine ideologische Zutat zum Elend des Aufschwungs. Durch seine öffentliche Zirkulation setzt die christlich-liberale Wirtschaftspolitik die Konkurrenz auf dem "Arbeitsmarkt" gleich mitsamt ihrem Ergebnis in Kraft. Sie schafft das, solange die Gewerkschaft dabei als staatstreuer, regierungshöriger Tarifpartner mitspielt. Und daß der DGB seine einschlägigen Dienste kündigen könnte, fürchtet die Kohl-Mann- schaft nicht und braucht sie auch nicht zu befürchten. Die Offensive gegen den DGB: ---------------------------- Sozialer Friede wie immer - aber bedingungslos ---------------------------------------------- "Ich habe großen Respekt vor der Leistung der deutschen Gewerk- schaften nach dem Kriege. Ich bin zuversichtlich, daß sie an der großen Solidaritätsaktion zur Überwindung der Arbeitslosigkeit verantwortungsbewußt mitarbeiten werden." Sprach nicht Helmut Schmidt, sondern Helmut Kohl. Im Unterschied zu seinem Vorgänger hat er es allerdings nicht dabei belassen, der Arbeitervertretung die Erfüllung eines nationalen Auftrags und ihr staatstragendes Verantwortungsbewußtsein z u b e s c h e i n i g e n. Mit Erinnerungen an die politischen Grundsätze, denen sich bundesrepublikanische Gewerkschaftspoliti- ker selbst verschrieben haben, hat sich die "Wende"-Regierung nicht zufrieden gegeben. Genausowenig hat sie sich wie ihre 'gewerkschaftsnahe' Vorgänger-Mannschaft demonstrativ zur Über- parteilichkeit in Tarifauseinandersetzungen und zur Tarifautono- mie bekannt und sich im übrigen darauf verlassen, daß die Ver- rechtung des Arbeitskampfs, die wirtschaftspolitische Vernunft und demokratische Reife der deutschen Einheitsgewerkschaft sowie die Unnachgiebigkeit der Unternehmer zu wirtschaftsdienlichen, also politisch erwünschten Ergebnissen führen. Schlecht gefahren sind Brandt und Schmidt mit ihrer Linie nicht; sie hat ihnen maß- volle Lohnrunden, sozialen Frieden und außerdem noch Millionen Wählerstimmen garantiert. Und das alles nur dafür, daß die Regie- rung den Schein gepflegt hat, sie sei für die verantwortliche Mitwirkung der Gewerkschaft besonders empfänglich, habe für ihre sozialpolitischen Anliegen ein offenes Ohr und sei dem sozialen Fortschritt zugetan. Nur eines öffentlichen 'leider' aus dem Munde Helmut Schmidts bedurfte es, und schon war dem Anspruch der Gewerkschaften auf Respekt Genüge getan und zugleich ihre Mitwir- kung am sozialpolitischen Sparprogramm gesichert. Gesteigerte Lohnzurückhaltung war der Dank der Arbeitervertreter. Mit solchen Gewerkschaften kann man noch ganz anders umspringen, ist der Schluß der C-Regierung, die schließlich ihre Wähler mit den Opfern und Härten geworben hat, die das christlich-liberale Staatsprogramm für sie vorgesehen hat. Also haben sich die neuen Politiker in Bonn den Umstand zunutze gemacht, daß die Vertretung der Arbeiter hierzulande eine staatstragende Institution ist, die sich an der Herstellung und Wahrung des ungemütlichen sozialen Friedens beteiligt, und daß sie sich auch als eine solche Insti- tution öffentlich darstellt. Statt der Gewerkschaft weiterhin Ge- legenheit zu bieten, den Politikern einvernehmlich lauter Verbes- serungsvorschläge für die ökonomische und soziale Verwaltung der gemeinsamen Republik zu liefern und sich dann praktisch den Un- ternehmerwünschen und Regierungsleitlinien anzubequemen, dringt man in Bonn nun nachdrücklich und bei jeder Gelegenheit öffent- lich darauf, daß Alternativprogramme nicht genehm sind und eine verantwortliche Gewerkschaft nicht an der Politik mitwirkt, son- dern sich den Richtlinien der Politik zu unterwerfen hat. Jede Regierungsmaßnahme ist deshalb demonstrativ zu einem Grundsatz- streit mit der Gewerkschaft aufgebauscht und als Zurückweisung, ja Demütigung der Gewerkschaft inszeniert worden. a) Erstens einmal hat sich die Regierung mit aller Entschieden- heit und in der undiplomatischsten und respektlosesten Form gegen das gewerkschaftliche Verständnis von "Solidarität mit den Ar- beitslosen" gewandt. Die Arbeitsumverteilungsvorschläge der Ge- werkschaft mögen noch so konstruktiv-idealistisch, erkenntlich unernst gemeint und zu jedem "Kompromiß" bereit gewesen und vor- getragen worden sein, sie sind von den entsprechenden politischen Stellen betont unisono mit den Unternehmern der Wirtschaftsschä- digung und Verantwortungslosigkeit geziehen worden. Die gewerk- schaftliche Forderung nach "Arbeit für alle", ihr ideologischer Beitrag zur sozialpolitischen Generaldebatte, wurde gezielt als Anspruch mißverstanden und als völlig unhaltbar und unmöglich zu- rückgewiesen. Wenn es schon um eine 'beschäftigungspolitische' Tarifrunde geht, so der antigewerkschaftliche Klartext von Blüm und Konsorten, dann gilt einzig und allein das Verlangen der Un- ternehmer nach besserer und billigerer Nutzung der Arbeitskräfte; statt gewerkschaftlich "35-Stunden-Woche" muß das Programm unter- nehmergemäß "Differenzierung der Arbeitszeitordnung", "Flexibili- sierung" und "Auflockerung des starren Tarifrechts" heißen, mag das in der Sache letztendlich noch so nah beieinanderliegen. Mit ihrem Verzicht auf den Schein von Neutralität hat die Regie- rung nur das befördert, was ohnehin schon feststand: die kapita- listisch zweckdienliche "realistische" Seite des DGB-Programms. Ein Teil der Gewerkschaften hat ganz ohne öffentliches Spektakel und ohne Auseinandersetzungen mit den Unternehmern Billigsttarife und Vorruhestandsregelungen nach dem Gesetzesmuster abgeschlos- sen. Die andern haben ihren Arbeitskampf mit der Unterschrift un- ter sämtliche Unternehmerforderungen und einer zweijährigen Ver- abschiedung von der Tariffront beendet. Insoweit kann also die Regierung wirklich mit sich zufrieden sein. b) Zweitens hat die Regierung nach Kräften dafür gesorgt, daß der Arbeitskampf als Machtfrage verstanden und entsprechend von ihrer und Unternehmerseite geführt wurde. Ganz abgesehen vom materiel- len Streitgegenstand hat die Regierung im Verein mit den Unter- nehmern tatsächlich einmal die gewerkschaftliche Tarifautonomie in Frage gestellt und mit dem Tarifergebnis von 1984 durchbro- chen. Der Grundsatz einheitsgewerkschaftlicher Generalvertretung und der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen gilt zwar formell weiterhin, aber in der Sache hat die Gewerkschaft ein gutes Stück tarifvertraglicher Kompetenz abgegeben und an die einzelnen Betriebe delegiert. Außerdem hat die Regierung in Wor- ten und Taten öffentlich ihre Mißbilligung des Streiks bekanntge- geben - und nach Kräften an der Schädigung der Gewerkschaftskas- sen mitgewirkt durch den Beschluß der Bundesanstalt für Arbeit, bei Aussperrungen in Betrieben außerhalb der Tarifgebiete, in denen offiziell der Arbeitskampf stattfand, kein Kurzarbeitsgeld zu zahlen. Jeden Tag aufs neue war nach Blüm die Grenze der Lei- densfähigkeit der Volkswirtschaft endgültig überschritten, war nach Kohl das zarte Pflänzchen Aufschwung mit der Dampfwalze plattgewalzt. Und für die öffentliche Stimmungsmache gerade auch unter der Gewerkschaftsbasis führen die demokratischen Politiker eigene Meinungsumfragen gegen die "35-Stunden-Woche", Wirt- schaftsfachleute und Bild-Zeitung auf. Der Arbeitsminister, einst "selber Abbeide" und immer noch IG Metall-Mitglied, sprach den "Funktionären" ein ums andere Mal das Recht ab, überhaupt im Na- men der Arbeiter zu sprechen. Die werden nämlich statt durch die Gewerkschaft allein durch die Regierung vertreten. Wenn nicht die Autorität des Machthabers, so hat spätestens das klägliche Ergebnis des Arbeitskampfes dem Minister mit seiner Ge- werkschaftshetze recht gegeben. Streiken lohnt sich nicht, von der Gewerkschaft hat man nichts zu erwarten, was nicht ohne ihren Konfrontationskurs billiger zu haben wäre. Auf diese Lehren eines Arbeitskampfes hat die Politik Wert gelegt. Und sie hat deshalb jede Gelegenheit genutzt, um der Gewerkschaft ihren politischen Anspruch streitig zu machen: den auf selbstverantwortliche Mit- wirkung bei allen die Arbeiter und ihren profitablen Einsatz be- treffenden Fragen. Mittragen soll die Gewerkschaft die Politik schon, aber eben als bloßer verlängerter Arm der Regierung. Des- wegen hat die Regierung von Anfang an den Gewerkschaften in aller Öffentlichkeit eine erpresserische Alternative eröffnet. Entweder sich kämpferisch gegen die Regierung und ihren Kurs zu stellen, oder aber durch gehorsame Beschränkung ihrer Selbstdarstellung als Fortschrittskraft das öffentliche Wohlwollen der Politiker zu gewinnen. c) Die Gewerkschaften haben darin nicht einen Angriff auf den or- ganisierten Kampf der Arbeiterschaft um bessere Arbeits- und Le- bensbedingungen gesehen - da hätten sie längst bei den Regie- rungsmaßnahmen auf die Barrikaden steigen müssen; diesen Kampf wollten sie ja gar nicht führen. Als gesellschaftliche Institu- tion und demokratische Kraft, also in ihrer Teilhabe an der Staatsmacht und deren Gang sah sie sich bestritten - und war des- halb gegen diese Angriffe auch so hilflos. Wo ihre Demonstratio- nen der Verantwortung und Kompromißbereitschaft nicht mehr mit dem Gegenangebot honoriert werden, noch jedes Tarifergebnis unwi- dersprochen zu ihren Gunsten interpretieren und anerkanntermaßen auf Mitbestimmung und Tarifautonomie pochen zu dürfen, da ist den Chefmetallern und DGBlern nichts eingefallen außer einer jämmer- lichen Beteuerung: Sie wollten ihrerseits um nichts in der Welt die Machtfrage stellen, wirtschaftspolitischer Vernunft abschwö- ren oder die Arbeiter gegen die Grundsätze aufwiegeln, die ihnen so wenig bekommen. Mit der matten Beschwerde, die Regierung bringe den sozialen Frieden in Gefahr, haben sich Breit & Co. als die Hauptgaranten dieses teuren nationalen Gutes in Szene gesetzt und dafür natürlich erst recht nicht die erwünschten Danksagungen für gewerkschaftliche Vernunft und sozialpartnerschaftliche Ver- antwortung erhalten - sondern nur lauter neue harte Proben auf ihre nie enden wollende gewerkschaftliche Geduld. Der Streik, mit dem die 'radikalen' Gewerkschaften im DGB ihr Al- ternativprogramm und sich in Szene setzen wollten, ist deshalb noch nachträglich zum Beweis des Gegenteils geraten: Die Gewerk- schaften arrangieren sich auch mit einer politischen Führung, die sie beständig zur Räson ruft, rücksichtslos in die Pflicht nimmt und der sie vorwerfen, immer mehr zum "Handlanger der Unternehmer und ihrer Interessen" zu werden und "dauerhaft die Gewerkschaften schwächen" zu wollen. Kaum war die von oben ausgerufene Macht- probe mit einer saftigen Niederlage beendet und als solche gebüh- rend öffentlich ausgeschlachtet, hat der DGB Selbstkritik geübt: Es sei ein Fehler gewesen, nicht von Anfang an die 35-Stunden-Wo- che bei vollem Lohnausgleich als bloßes Fernziel darzustellen. Eine saubere Logik, die so recht zum neuen Klima paßt! Wenn schon der Schein einer eigenständigen Gewerkschaftspolitik von der Re- gierung bekämpft wird, dann hat sich die gewerkschaftliche Selbstdarstellung danach zu richten - und ihre praktische Mitwir- kung selbstverständlich auch. Dem Oberpropagandisten einer um- standslosen Teilhabe der Gewerkschaften an der sozialstaatlichen Verwaltung der nationalen Arbeit, NGG-Chef Günter Döding, blieb es vorbehalten, den politischen Ertrag der 'Jahrhundertaus- einandersetzung" und des "härtesten Arbeitskampfes in der Ge- schichte der Bundesrepublik" zu formulieren: "Bundeskanzler Helmut Kohl sollte die gemeinsamen vertraulichen Kamingespräche mit Arbeitgebern und Gewerkschaften wieder einfüh- ren. Da werden keine Fensterreden gehalten, da können wir uns leichter mit Arbeitgebern und Regierung auf wirkungsvolle Maßnah- men zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit einigen." So stellt sich die Gewerkschaft also inzwischen ideale Arbeiter- interessenvertretung vor. Der erlauchte Kreis der zuständigen Herren beschließt hinter verschlossenen Türen, wie das Volk sich nützlich machen darf und was ihm dabei (nicht) zusteht, und das Volk darf sich dann daran halten. Arbeiten und Gehorchen! Diesen Imperativ erfolgreicher Politik schreibt nach zwei Jahren "Wende" die Gewerkschaft den deutschen Arbeitern ins Stammbuch und sorgt mit dafür, daß sie dazu überreichlich Gelegenheit bekommen. Das gewährt den neuen Herren die Freiheit, den sozialen Frieden wirk- lich ohne jede Rücksicht zu strapazieren. Die Regierung der "Wende" besteht darauf, daß die L e i- s t u n g e n d e r K l a s s e n, die sie betreut, gesteigert werden. Zum E r f o l g d e r G e s c h ä f t s w e l t gibt es "keine Alternative", schon wegen der Staatsfinanzen. Also wird er rücksichtslos garantiert. Insofern sind die f ä l l i g e n O p f e r ein einziger Beweis gelungener Politik. Bei der Verordnung "schwerer Zeiten" bedient sich die Notgemeinschaft an der Macht einer weiteren "Erfahrung" aus den Tagen ihrer Vorgänger: "Armut und auch Arbeitslosigkeit lohnen sich!" - das Regierungsprogramm beruht auf beiden. IV Der Auftrag, den sich die christlich-liberalen Vaterlandsretter mit ihrer "Wende" erteilt haben, beschränkt sich keineswegs auf die Verwaltung des Beitrags, den A r m u n d R e i c h zur Mehrung der nationalen Größe leisten müssen. Das heute anstehende Regierungsprogramm umfaßt darüber hinaus die Besichtigung des Volkes nach Unterschieden, die recht grundsätz- lich den D i e n s t a n d e r N a t i o n betreffen. Eine d e u t s c h e R e g i e r u n g bekennt sich angesichts ihrer Aufgaben in den 80er Jahren zur Pflicht der Auslese. Sie mustert ideell und praktisch das ihr anvertraute Volk daraufhin durch, was es ohne und nach getaner Arbeit noch alles für den Er- folg der Nation zu leisten vermag. In Sachen E l i t e, F a m i l i e u n d A u s l ä n d e r ist die Führungsqualität der Riege um Kohl inzwischen so weit entwickelt, daß sie sich an der Wahrnehmung, Ausnützung und Her- stellung von Unterschieden zu schaffen macht, die auf einen ande- ren "Aufschwung" berechnet sind. Die Sache mit der Elite ----------------------- Von der gerechten Auslese durch Chancengleichheit... ---------------------------------------------------- Stets bemüht, den richtigen Kurs zu halten, orientieren sich Staatsmänner der demokratischen deutschen Republik erst einmal an den unbestreitbaren Grundsätzen der politischen Kunst. Deshalb betreiben sie W i r t s c h a f t s p o l i t i k, welche im Wachstum der "Wirtschaft" zu ihren Erfolgen kommt. Was das für eine "Wirtschaft" ist, die sie mit gesetzlichem Schutz betreuen und mit allen Maßnahmen befördern, bereitet zumindest den Bonner Charakteren kein Problem. Für sie ist Recht und Pflicht dasselbe, wenn sie auf die Produktion von ansehnlichen Besitztümern Wert legen, die in Geld beziffert werden und auswärts wie daheim er- neut ertragreich investiert gehören. Alles, was für diese Sorte Wachstum erforderlich ist, halten regierende Staatsanwälte des Allgemeinwohls für einen "Sachzwang". Sie bestehen auf Pflicht- erfüllung an den "Arbeitsplätzen", die der "Arbeitsmarkt" be- reithält - und wissen sehr genau, daß über den Einsatz, den Mil- lionen Deutsche Jahr für Jahr an den Tag legen, viel mehr zustan- dekommt als Geschäftsartikel jeder Größenordnung. Deshalb betrei- ben sie S o z i a l p o l i t i k, mit der sie sämtliche Formen und Grade der Armut verwalten, auf denen das Wohl der Wirtschaft beruht. Daß es Klassen, gar ein Proletariat gibt, streitet jeder verantwortliche Demokrat ab - dafür bekennt er sich aber zu jeder Menge von "s o z i a l S c h w a c h e n", auf deren Betreuung der Staat grundgesetzlichen Wert legt. Eine demokratische Führung hat nämlich das Recht, die soziale Hierarchie, die in der Welt von Freiheit und Gleichheit so ver- läßlich zustandekommt, zu beaufsichtigen. So legt sie fest, wie- viel Geld Millionen Deutsche von ihrem schönen Brutto-Einkommen für ihre "soziale Sicherheit" in "schlechteren Tagen" an allerlei Kassen abtreten müssen. Und sie entscheidet darüber, was denen zusteht, die aus dem Konkurrenzkampf des "Arbeitsmarktes" als So- zialfall hervorgehen. Daß ihr Volk beim Wahrnehmen seiner Chancen ständig in Oben und Unten, Reich und Arm, verantwortungsbeladene Menschen und weniger bis gar nicht brauchbare Bürger auseinan- derfällt, ist für Regierende eine Selbstverständlichkeit. Das Le- ben in Freiheit ist ein Kampf, und über den Ausgang des chancen- schwangeren Eignungstests entscheiden laut demokratischer Doktrin nie und nimmer die Maßstäbe und Methoden der Konkurrenz, sondern die Kandidaten. Schließlich hat jeder werdende Bürger während der Zeit, die er im demokratischen Bildungswesen zubringt, die Gelegenheit zur Quali- fikation. Er darf beweisen, wozu er taugt und zu welchen Laufbah- nen ihm "das Zeug fehlt". Demokratische Politik braucht sich da keinen Vorwurf gefallen zu lassen, wenn es die einen lebenslang in die Fabrik verschlägt und die anderen in mehr schöpferische Laufbahnen in Chefetagen und Regierungsgebäuden. Die Politik stellt ja nur die B e d i n g u n g e n der Auslese zur Verfü- gung, während die unterschiedliche Brauchbarkeit der Leute ganz eine Sache i h r e r F ä h i g k e i t ist. Auf die Leistungen ihres Bildungssystems konnten und haben sich bundesdeutsche Regierungen stets verlassen - und auf die dazuge- hörige Ideologie bei sämtlichen Betroffenen dazu. Die soziallibe- rale Koalition hat das auszunützen verstanden, indem sie die A u s w e i t u n g des Schul- und Hochschulwesens als eine R e f o r m hin zu mehr G e r e c h t i g k e i t und Chancen- gleichheit verkauft hat. Die Rekrutierung von mehr Leuten, welche im Interesse der leitenden und erzieherischen Betreuung der Nach- kriegsgeneration fällig war, galt ausnahmsweise nicht nur als "Sachzwang", sondern auch als gute Tat. Es ging um die Behebung des "Bildungsnotstandes" und die "Eröffnung von Chancen" für alle, die sich zu den vernachlässigten "Begabungsreserven" der Nation zählen durften. Zwar hätten die Jugendlichen, die da mit Chancen beglückt wurden, o h n e E r w e i t e r u n g des Bildungssektors in diesen gar nicht hineingepaßt. Doch tat dies der erfolgreichen Selbstdar- stellung der damaligen Regierung keinen Abbruch; im Blick auf die Wahlstimmen der Jugend wurde eine soziale Geschenkaktion daraus. Zwar unterblieb die V e r t e i l u n g der Jugend auf die ver- schiedenen Dienst-Grade der "sozialen Skala" kein einziges Schul- jahr. Doch angesichts der für viele durch Bafög überhaupt erst ermöglichten Teilnahme an mehreren Etappen der schulischen Kon- kurrenz - ein nebenbei erfolgtes Eingeständnis der allgemeinen Armut - stand Dankbarkeit auf der moralischen Tagesordnung. Be- klagt wurde sich erst einmal über den plötzlich auftretenden "Schulstreß" und die "Massenuniversität". Die konservative Opposition wußte allerdings schnell Bescheid. Der "Schulstreß" war natürlich keine Folge der Bewährungsproben, welche zwecks Auslese den Kindern auferlegt wurden. Daß nach wie vor geprüft und verglichen wurde, u m die "Fähigkeiten" und die ihnen entsprechenden Karrieren zu unterscheiden - das hielten die Kenner der Menschennatur mit ihren so unterschiedlichen A n l a g e n sowieso für d e n Witz an der Schule. So stand der christliche Befund über den "Streß" fest: Er entpuppte sich als die Folge der Sünde, gar nicht geeignetes Menschenmaterial mit Ansprüchen zu belasten, denen es sowieso nicht gewachsen ist. Der Versuch, den Vielen etwas b e i z u b r i n g e n - als ob das der Umgang der Schule mit Leuten wäre, deren Lücken einmal festgestellt wurden -, hatte nach Auffassung der Konservativen die Kinder unglücklich gemacht. Die Bildungsreform erwies sich als "unmenschlich", so daß ihr mit "Mut zur Erziehung" begegnet werden mußte. Auch das andere beabsichtigte Resultat, das der Einzug von mehr Jugendlichen in die "weiterführenden" Anstalten zeitigte, machte die humanistische Bildungsunion nicht verlegen. Klar, es hatten aufgrund des bißchen "bildungspolitischen Engagements" nun tatsächlich mehr Leute als je zuvor Abitur und Hochschulab- schlüsse. Aber damit konnten sie die Kultusbeauftragten der C-Gruppen nicht beeindrucken. Denen drängte sich sofort die Über- legung auf, daß unmöglich s o v i e l e Leute in der Lage sein können, Besinnungsaufsätze, Staatsexamensarbeiten und Habilitati- onsschriften abzuliefern. Und wenn dies doch der Fall wäre, so könne es sich um n i c h t s G e s c h e i t e s handeln. Seitdem ist unter Kennern der höheren Werte der "Niveauverlust" des deutschen Abiturs und der deutschen Universität nicht mehr zu beschönigen! ...zum christlich-liberalen Ruf nach Elite ------------------------------------------ Diese Erkenntnisse über Bildung sowie die Eignung nur einer Min- derheit für diese staatliche Zuwendung sind seit der "Wende" of- fizieller Leitfaden. Dabei ist es kein Geheimnis, woher der christpolitische Sachverstand seine Belege für den Verfall der Auslese nimmt, und wie er sich seine Diagnose konstruiert: B e r u f e n wird sich schlicht auf die untrüglichen S i g n a l e d e r K o n j u n k t u r, der die Politik tat- kräftig zur Durchsetzung verholfen hat. Wie einst die Soziallibe- ralen den "Mangel" an qualifizierten Kräften für den unaufhaltsa- men Aufstieg der deutschen Wirtschaft diagnostiziert hatten, als sie die korrekt abzuwickelnde Indienstnahme des vorhandenen Nach- wuchses organisierten, so verfahren heute die Politiker der Er- neuerung auch. Allerdings hat der fortgesetzte Erfolg der deut- schen Wirtschaft einer Abteilung der sozialen Hierarchie enormen Zuwachs beschert - den Arbeitslosen. Und die beflügeln nicht nur Arbeitsmarktpolitiker zu sozialen Überlegungen und Taten, die al- lesamt darauf abzielen, Arbeitskräfte zu mehr Leistung bei gerin- geren Kosten anzuhalten. Die überzähligen Bewerber aus allen mög- lichen Berufen sind für Bildungspolitiker ein einziges Indiz da- für, daß in Sachen Auslese unverzeihliche Fehler begangen worden sind. P r a k t i s c h e Schlüsse lassen sich da nicht vermeiden. Der offenkundigen Tatsache, daß die diversen Abschlüsse - vom Haupt- schulzeugnis bis zum Doktorat - ihren I n h a b e r n nichts nützen und ihnen nicht einmal eine Verdienstmöglichkeit in einer unteren Rangstufe garantieren, sieht vom S t a n d p u n k t d e s S t a a t s m a n n e s nämlich so aus: Die Unbrauchbar- keit dieser Leute beweist die Überflüssigkeit der Ausgaben für das Bildungswesen - zumindest einiges ist leicht entbehrlich. Also: - Mag die Zahl der Studenten auch noch einmal, vor der endgülti- gen Wirkung eines Dings namens "Pillenknick", zunehmen, so spricht doch alles gegen den Ausbau der Hochschulen. - Mögen viele ihre Versuche, an weiterführenden Schulen etwas zu werden, aus den Reichtümern ihrer Familie nicht finanzieren kön- nen, so ist doch die völlige Umstellung des Bafög auf Darlehen und allgemein ein munteres Streichen von Stipendien fällig. - Mögen auch die Schulklassen zu groß sein und immer wieder wegen der knappen Besetzung des Lehrkörpers einige Unterrichtsstunden ausfallen, so kommt doch die Einstellung von neuen - und reich- lich vorhandenen - Lehrern nicht in Frage. Den Einwänden gegen diese Maßnahmen, die nicht ausblieben, begeg- nete die neue Regierung gelassen. Die "Widerlegung" des "Machbarkeitswahns", dem ihre Vorgänger erlegen seien, überlassen sie den F a k t e n, die Staat und Wirtschaft unter ihrer Regie schaffen. Sie berufen sich auf den fehlenden B e d a r f nach all denen, die das bisherige Bildungsangebot durchlaufen haben und jetzt vom "Arbeitsmarkt" für u n b r a u c h b a r erklärt werden. So als müßten sie den Kritikern der staatlichen Sparmaß- nahmen endgültig alle idealistischen Vorstellungen in bezug auf das Evangelium der Chancengleichheit und den Nutzen einer Ausbil- dung austreiben, widerrufen sie sämtliche Illusionen über die Vorteile derer, die "etwas gelernt haben": Der letzte Test und der alles entscheidende in Sachen Brauchbarkeit wird nach wie vor von den Instanzen vorgenommen, die mit den Leuten kalkulieren. T h e o r e t i s c h e Schlüsse halten die auf "geistige Füh- rung" bedachten Politiker der Wende in ihrem Eifer durchaus auch bereit. An der Unzufriedenheit der Betroffenen, denen sie Chancen im Ausbildungswesen mit dem Argument nehmen, daß ohnehin keine Treffer daraus würden, haben sie ja eines bemerkt: Ihre Vorläufer im Amt haben unter ihren Voraussetzungen und mit ihren Mitteln immerhin eine "A u f s t i e g s m e n t a l i t ä t" erzeugt. Ihren Ausbau des Bildungswesens haben sie als einen verläßlichen Dienst an der nach Verdienstmöglichkeiten suchenden Jugend darge- stellt. So ist nach Auffassung der moralischen Erneuerer eine "A n s p r u c h s h a l t u n g" entstanden, die zurückgewiesen gehört. Keiner soll glauben, daß er mit seinem wie auch immer ge- arteten Z e u g n i s den A u s w e i s d e r B r a u c h- b a r k e i t in der Tasche habe-und womöglich noch das Recht auf einen anständigen Verdienst dazu! Umgekehrt blamiert sich angesichts der (zu) vielen Zeugnisinhaber selbstredend deren Q u a l i f i k a t i o n! Was hingegen laut Vizekanzler nottut, ist die elementare Einsicht in den Sinn der Chancengleichheit - und der besteht in der Schei- dung von "gut", weil begabt, auf der einen Seite, sowie "minder bemittelt" und zum Mitmachen, verdienstlos im Ernstfall. ver- pflichtet auf der anderen. Gerade dieses Resultat der Auslese, die Bereitstellung einer E l i t e, soll nach den neuesten Be- funden durch die "Gleichmacherei" der Bildungsreformen vereitelt worden sein. Im Namen des erwünschten R e s u l t a t s wird das V e r f a h r e n der demokratischen Auslese für äußerst gefährlich erachtet; die "Tüchtigen" dürfen in der Konkurrenz nicht behindert werden: "Aber gleiche Chancen schaffen nicht gleiche Ergebnisse, deshalb gehört zu dieser Chancengleichheit, daß die bessere Leistung er- möglicht, daß Begabung nicht vernachlässigt, sondern nach Kräften gefördert wird." Die feste Überzeugung, daß die Hierarchie seiner pluralistischen Gesellschaft allemal der Ausfluß einer "Begabung" ist, die weiß der Herr wer oder dieser selbst einmal verteilt hat, spricht da aus dem Munde des Hans-Dietrich Genscher. Wo seine "Begabungen" liegen, oder ob in der Dissertation von Helmut Kohl ein richtiger Gedanke vorkommt, braucht man da nicht zu fragen. Genauso wenig braucht man daran zu denken, daß Leistung so etwas wie Arbeit pro oder mal Zeit ist: das würde ja glatt einen 25jährigen Hilfsar- beiter vor einem 60jährigen Politiker oder Pfaffen rangieren und ihn in die Elite aufrücken lassen. Wer sich den Erfolg seiner Na- tion so erklärt wie Genscher, hat beim Wort "Leistung" nur die m o r a l i s c h e A n e r k e n n u n g im Kopf, die denen gebührt, die das Sagen haben: "Wer wie wir kaum über Rohstoffe oder andere natürliche Ressour- cen verfügt, muß am Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben, um zu überleben und zu prosperieren. Unsere natürlichen Ressourcen sind die Menschen, ihre Bildung und Ausbildung, ihre Leistungsfähigkeit und ihr Leistungswille. Daher kann unsere Gesellschaft, gerade wegen ihrer außerordentlich en- gen Verflechtung mit der internationalen Umwelt, nicht auf eine demokratische Leistungselite verzichten." Einmal kein Lob der Arbeit und derer, die sie verrichten müssen, ist dem besorgten Staatsmann da eingefallen - sondern ein Seufzer nach solchen, die sich auszeichnen, indem sie die Leistungen an- derer ertragreich gestalten! Als ob es davon nicht immer genug gäbe, in Bonn und anderswo, als ob diese Elite den deutschen Roh- stoffmangel - den es ja dank den erwähnten "Verflechtungen" so- wieso nicht gibt - beheben würde, spricht der Demokrat Genscher laut und deutlich aus, warum den Tüchtigen freie Bahn gebührt: Eine Nation braucht M e n s c h e n m a t e r i a l - und vor- neweg das B e s t e. Diese Elite will die Regierung f ö r d e r n, als müßte sie einen ihr kongenialen Menschen- schlag davor bewahren, in der "Chancengleichheit" getauften Kon- kurrenz ungerechterweise unterzugehen. In der festen Überzeugung, daß der Leistungswille der "Menschen" von den "Leistungseliten" und ihrer fristgemäßen Plazierung am rechten Ort in "unserer Ge- sellschaft" abhängt, bekennt sich der Demokrat der "Wende". Und zwar zu einer Rettung d e r deutschen Nation, die sich in der "internationalen Umwelt" nur dann gescheit behauptet, wenn eine E l i t e die brauchbare "Leistungsfähigkeit" des Rests - Masse heißt der nach wie vor - a n l e i t e t. Ohne das kundige Schalten und Walten dieser Elite, der deshalb auch alle M i t t e l des Geschäfts und der politischen Gewalt zugestanden gehören, ist das nationale Programm im Eimer. Fürwahr, eine feine Idee zu einem nicht minder feinen Programm. Hans-Dietrich Genscher und die übrigen Bonner Größen in Sachen "geistiger Führung" halten das folgende Zitat erstens sicher für ein Lob i h r e r deutschen Demokratie und zweitens für eine Mitschrift aus einem i h r e r Elite-Vorträge: "Die beste Staatsverfassung und Staatsform ist diejenige, die mit natürlichster Sicherheit die besten Köpfe der Volksgemeinschaft zu führender Bedeutung und zu leitendem Einfluß bringt." Vom Familienglück im Staatsauftrag ---------------------------------- zum Volk als Rohstoff der Politik --------------------------------- Die Sorgen einer Bundesregierung erschöpfen sich nicht in der Herstellung einer sozialen Hierarchie, in der jeder an seinem Platz die Dienste verrichtet, die für die Bewältigung jener "Herausforderungen" der Nation fällig sind, die Politiker so gerne aufzählen. Die P f l i c h t e n der Regierten reichen nämlich weiter als ihr Beruf, in dem sie den "Sachzwängen" nach- kommen, die Geld und Gesetz so überzeugend eröffnen. Entgegen ei- nem Gerücht, das auch Staatsmänner gelegentlich verbreiten, ist das P r i v a t l e b e n keine Ecke, in die sich der Staat nicht einmischt. Im Gegenteil - er regelt alles Erlaubte und Ver- botene, weil es ihm sehr darauf ankommt, wie sich seine Bürger in dieser Ecke bewähren. So ist die Familiengesetzgebung ein umfas- sender Kanon von Vorschriften, die unschwer erkennen lassen, worum es geht: aus der L i e b e zwischen den Geschlechtern und ihren gewollten oder ungewollten Folgen wird ein staatlich kon- trollierter V e r t r a g; und als Nutznießer des "privaten" Umgangs mit Geld, Heim und Nachwuchs präsentiert sich der Gesetz- geber. Das ist nichts Neues. F a m i l i e n p o l i t i k, aus dem Munde ihrer Betreiber immer als "Schutz der Familie" untertitelt, traktiert die Bürger seit jeher mit der prüfenden Frage, ob sie ihre Vermögens- und Erziehungsdinge auch g e m e i n- s c h a f t s d i e n l i c h abwickeln, sobald sie sich aufs andere Geschlecht einlassen. Sie behandelt die Launen der Zuneigung als G e f a h r - für die dauerhafte Brauchbarkeit in Nation und Arbeitswelt, also außerhalb des Reichs der Betörung. Und weil auf diesem Felde leicht so manches in Unordnung gerät - Pflicht und Neigung gehen sogar regelmäßig verschiedene Wege, wenn die Neigung zum Dienst verpflichtet wird -, haben die M o r a l a p o s t e l der Nation reichlich zu tun. Und Familienpolitiker sind von Berufs wegen damit befaßt, d i e Mo- ral per Gesetz zu verabreichen, die den staatlichen Anspruch auf die sozialen Erträge der Liebe im Land sichert. Ein gefundenes Fressen also für die Christenmänner an der Front der "geistig-moralischen Erneuerung". Familienförderung: Forderungen an die Keimzelle ----------------------------------------------- Wenn moralische Ausnahmeathleten wie Heiner Geißler in ein Amt kommen, in dem darüber befunden wird, was sich zwischen Mann und Frau gehört, dann ist eines sofort klar: zu l i b e r a l geht es allemal zu! Ob die sozialliberale Reform des Scheidungsrechts, die derzeit gültige Behandlung der "Schuldfrage", tatsächlich die Scheidung erleichtert hat, welche Vorteile Mann und Frau im Ver- gleich zur vorhergehenden Regelung haben oder aufgeben müssen - die Betroffenen werden es wissen. Was die Versorgungspflicht in Mark und Pfennig bedeutet, ob sie dem Staat ein paar Sozialfälle in Gestalt mittelloser, "schuldig" geschiedener Ehefrauen gemäß der alten Gesetzgebung erspart hat - wir mögen es nicht nachrech- nen. Auch Heiner Geißler wird die bekannten Rechnungen in Debat- ten nur vorlegen, um eines zu demonstrieren: E r hält die "Liberalisierung" seiner Amtsvorgänger für ungerecht und gemein- schaftsschädlich, e r will einer Verwilderung der heiligen Sit- ten nicht Vorschub leisten, e r - geschieden wie andere Kolle- gen von der Elite oder nicht - sehe in der Familie eine "Schicksalsgemeinschaft", mit der nicht leichtfertig umgegangen werden darf! Und mit der Mehrheit im Parlament wird der christ- lich regierte Staat wieder einmal den P r e i s festlegen, den die Auflösung einer Ehe die Beteiligten kostet. Insgesamt dürfen die amtierenden Moralisten sich dann dazu gratulieren, den V e r f a l l einer grundlegenden Institution unseres Gemeinwe- sens energisch g e b r e m s t zu haben. Der Kern dieses öffentlich zur Schau gestellten S i t t l i c h- k e i t s w a h n s wird von den Staatsanwälten der ehrwürdigen "Keimzelle" freilich hinreichend klargestellt. Freimütig kriti- sieren, sie, ohne es im geringsten peinlich zu finden, das Zeugungsverhalten ihrer Bürger. Sätze wie: "In einem freien Land ist der Wunsch nach Kindern die Privalange- legenheit der Eheleute..." "Jede Frau hat die freie Entscheidung für oder gegen ein Kind..." gehen mit einem "aber" weiter. Und stets versteigen sie sich zu Zahlenangaben, die das staatliche Durchschnitts-Wunschergebnis 2,2 mit den 1,3 "tatsächlichen" Kindern pro Familie konfrontie- ren. W a r u m der Mißstand, den Politiker da beklagen, eigentlich einer ist, erläutern sie in ihren familienpolitischen Lagebeur- teilungen nicht. So selbstverständlich gehen sie davon aus, daß Familien gegründet werden, in denen "Kinder kommen" - und daß sie mit der Sorge um die richtige Anzahl betraut sind. Ihren Wunsch nach mehr Nachwuchs kleiden sie eher in die Sprache der ökologi- schen Generation, die in allem und jedem die "Umwelt" am Werk sieht oder verunstaltet - "Wir sind kein kinderfreundliches Land!" - aber nur, um "die" Bürger der Sünde zu zeihen, sich als Hinder- nis aufzuführen für das nur allzumenschliche Verlangen, etwas liebes Kleines in die Welt zu setzen. Und damit ist er schon weg von seiner Diagnose, der Herr Familienbeauftragte der Nation. Er treibt bereits Ursachenforschung, erinnert gelegentlich an Er- scheinungen, die den mit Kindern gesegneten Leuten bekannt sind und wohl auch bei den latzhosentragenden Kinderfreaks der deut- schen Großstädte ein zustimmendes Nicken hervorrufen: Rentner wollen keinen Kinderlärm, andere Mieter und Vermieter auch nicht, Autofahrer wollen nicht ausweichen, und in öffentlichen Gaststät- ten ist das Geplärre auch nicht beliebt. Abgesehen davon, daß Mc- Donald zumindest der letzteren unter den Miseren den Kampf ange- sagt hat, glaubt so richtig keiner an das Argument, das da zum Besten gegeben wird. W e g e n der zu gewärtigenden Feindselig- keiten der "Umwelt" und des "Landes" gegen "das Kind" ist wohl noch keine Schwangerschaft unterblieben - Leute, die Kinder wol- len, gehören gewöhnlich sogar zu den hartgesottenen Landsleuten, die selbst vor und in Kriegen loslegen. Daher kommt auch aus dem Ermittlungsverfahren, wer oder was da schuld sei am ausbleibenden Segen, nichts heraus als ein "Herz für Kinder"-Aufkleber, er- hältlich an allen guten Tankstellen. Richtiger liegen unsere Kinderraten-Fahnder schon dann, wenn sie sich einmal erinnern, was alle wissen. Kinder sind nämlich ein l ä s t i g e s Glück, das Geld und Zeit kostet. Wenn sie wol- len, fällt Politikern durchaus auch einmal eine Wahrheit ein, wie eine Bemerkung von F.J. Strauß bezeugt: "Die soziale Frage Nr. 1 ist die junge Familie. Es sind heute eben zwei Einkommen normaler Art notwendig, um einigermaßen nor- male Lebensverhältnisse nach modernen Ansprüchen zu erreichen. Wenn das aber schwer mit der Notwendigkeit vereinbar ist, daß El- tern in jungen Jahren Kinder in die Welt setzen..." - so folgt daraus einiges. Erst einmal ganz bestimmt nicht, daß die Politik sich jetzt darauf verlegt, den Eltern im Lande das feh- lende zweite Einkommen zu bezahlen oder sonstwie finanzieren zu lassen. Eher schon die Definition der paar Mark Kindergeld a l s "ein Ausgleich für ausfallendes Zweiteinkommen" sowie ein Seufzer über die "modernen Ansprüche" - h e u t e. Denn das Eingeständ- nis der modernen Armut, die das Leben der meisten "Mitbürger" in seiner Nation auszeichnet, ist dem guten Mann ja nicht eingefal- len, weil er die "sozial Schwachen" durch Wohltaten beseitigen will - daß das nicht in Frage kommt, sagt ihm schon sein wirt- schafts- und sozialpolitischer "Sachverstand"! Opfer und Ver- zicht, das offizielle Programm der "Wende" für die "normalen Le- bensverhältnisse", will er keinesfalls kritisieren. Kritisch und kritikabel findet er - die G e b ä r r a t e n, und nur d e s w e g e n befaßt er sich mit "normalen Einkommen" und "modernen Ansprüchen". Da waren f r ü h e r die Sitten noch besser, als nicht wie "heute" Armut und der lebenslange Versuch, etwas von den reichlich angebotenen Genüssen aus der Warenwelt zu ergattern, auf Kosten des Kinderreichtums gingen! Kurz: In der Familiendebatte geht es ein wenig um den Ärger und die "Ohnmacht", die regierende Anwälte des Volkes verspüren ange- sichts der Tatsache, daß sich ihre Untertanen die F r e i- h e i t herausnehmen, zu wenig Kinder zu machen. Und wer fragt: "Zu wenig? Wofür eigentlich?", erhält nicht etwa Auskünfte über den N u t z e n, der jedem dreifachen Vater ins Haus steht. Bestenfalls winken pfäffische Erläuterungen des i d e e l l e n Lohns, des Sinns, der sich in der Stube voller Kinder einstellt! Vor allem darüber, daß die Ernährung und Erziehung der Nachkom- menschaft so schön viel S o r g e n bereitet: Denn die Garantie für ein Auskommen der so erwünschten Kleinen, für eine Zukunft ohne Entbehrungen unterschreibt kein Amtsträger aus Bonn. Nicht einmal einen Arbeitsplatz kann und will er zusichern! Es ist kaum zu übersehen, daß der von staatlicher Seite geäußerte Wunsch nach Kindern, der allemal statistisch daherkommt, auf ein schieres V o r h a n d e n s e i n v o n B a b i e s p r o Z e i t abzielt. D i e s e r Anspruch hat mit den "guten Grün- den", die sich ein Ehepaar zurechtgelegt haben mag bei seiner Entscheidung "dafür", nichts zu tun. Die praktischen Maßnahmen, die unter "Familienförderung" laufen, sind auch wenig geeignet, da Täuschungen hervorzurufen. Die den hohen Herren nur zu gut be- kannten "s o z i a l e n L a s t e n", die ein Kind für die meisten bringt, a b z u s t e l l e n - das ist der Sinn des Kindergelds genauso wenig wie der der Gewährung von Bafög-Darle- hen. Die Regierung der "Wende" ist durchaus ehrlich und desillu- sionierend verfahren. Sie hat ihrem Ruf nach der durchschnittlich kinderbestückten Familie kein Geschenk folgen lassen - ihre "Prämien", die aus christlichen Erwägungen heraus nicht so heißen sollen, sind auch wirklich keine. Beim Kindergeld selbst ist ihr die Gerechtigkeit ausgerechnet so eingefallen, daß es jetzt weni- ger gibt; dafür aber Steuernachlässe, die sich streng nach dem Gleichheitsgrundsatz bei manchen Bessergestellten so auswirken, daß ihnen so viel Steuern erspart bleiben, wie andere an Lohn kriegen! Auf einem Gebiet geht es allerdings um mehr als um Beihilfen, um die Ermöglichung von Opfern, die ja mit 100,- DM Kindergeld nicht weg sind. In Sachen Abtreibung ---------- besteht die kinderfreundliche Koalition auf der Entscheidung des Gegensatzes zwischen i h r e m Willen zum Kind und d e m e i n e r F r a u, die nicht Mutter sein mag. Mit agitatori- schen, finanziellen und juristischen, demnächst wohl auch mit ge- setzgeberischen Mitteln bekämpft Geißler die "überholte und men- schenunwürdige Mein-Bauch-gehört-mir-Ideologie". Ganz eindeutig und ethisch brutal abgesichert gehört der Bauch dem Staat: "Das ungeborene Leben zu schützen ist ganz sicher eine Aufgabe des Strafrechts." - tönt der Familienrichter der Nation, dem auch einmal ein Rat an die Männer einfällt: Sie möchten um Heiner Geißlers willen doch "von ihrem Pascha-Thron" herunter, war mit- ten im Sommer 1984 zu hören. Wenn "die M ä n n e r" einen bes- seren Stil an den Tag legen, ist erstens den gängigen Benutzungs- weisen der Frauen nichts mehr Schlimmes anzumerken; zweitens kann der Staatsmann dann erst recht jedes befruchtete Ei seiner ho- heitlichen Gewalt unterstellen, also auch verlangen, daß das eine oder andere Mutter-Leben versaut wird. So lautet die regierungs- amtliche Botschaft: "Das Bundesverfassungsgericht erklärte 1975 eindeutig, daß der Lebensschutz des ungeborenen menschlichen Lebens für die gesamte Zeit der Schwangerschaft Vorrang habe vor dem Selbstbestimmungs- recht der Schwangeren. Nur Umstände erheblichen Gewichts und Kon- flikte von solcher Schwere, daß von der Schwangeren über ein be- stimmtes Maß hinaus Opfer zugunsten des ungeborenen Lebens mit den Mitteln des Strafrechts nicht erzwungen werden können (!), können einen Schwangerschaftsabbruch rechtfertigen." Ein offenes Wort! Im Fehlen strafrechtlicher Handhabe liegt der Grund für die verschiedenen Sorten "Indikation", und in Herrn Geißler haben die Frauen sicher einen wackeren Streiter vor sich, wenn es um das "bestimmte Maß" geht, in dem sie zu Opfern ver- pflichtet sind! Mit seiner Stiftung "Mutter und Kind" und ihren lächerlichen 50 Millionen lieferte das Familienministerium eine Kostprobe seines moralischen Elans. Der Gegenwert eines halben Tornado wird da als Waffe gegen "pro familia" und das Argument "soziale Notlage" aufgefahren! Für diesen Anwalt des "Lebens" taugen einmal verabreichte 3000,- DM lässig dazu, ein Kind samt Mutter ohne Sorgen wesentlichen Ausmaßes über die Runden zu brin- gen. Wer das nicht akzeptiert, macht sich einer unerlaubten Un- lust zur Mutterschaft schuldig. Heiner Geißler hat bei alledem kein Problem damit, seinen Z y n i s m u s zu bemänteln. Er b e s t e h t einfach darauf, daß ihm, dem Strafrecht, den guten Sitten und überhaupt der Nation das R e c h t a u f K i n d e r, die unterwegs sind, gebührt. Er verweist sogar dar- auf, daß es genug Reichtum g i b t in seiner Republik der "Wende", um wirtschaftliche Not überflüssig zu machen. Aber nur, um Abtreibungen zu verbieten - nicht etwa zum Zwecke irgendeiner Sozialkritik: "ln einem Land mit einem Bruttosozialprodukt von mehreren Billio- nen Mark ist es ungeheuerlich, daß unter Verweis auf soziale Not- lagen abgetrieben wird." Der Mann will weder behaupten noch etwas dafür tun, daß ausge- rechnet die ledigen Mütter die Billionen haben. Er will "Schwangerschaftskonflikte nicht individualisieren" und so Zeug - also etwas untersagen. D a f ü r hat er sich das moralisch er- schütternde Argument zurechtlegen lassen, daß der Reichtum von Banken, Konzernen und Staat doch der beste Grund ist, armen Frauen wider ihren Willen ihren Embryo gesetzlich zu schützen! Das Geheimnis dieses Fanatismus des "L e b e n s", bei dem nie- mand mehr fragen darf, wozu, wie und warum - diese Frage entlarvt ein Christ leicht als das Stirnzeichen des Mörders, was ihm bei den drei Waffengattungen nie einfällt! -, verraten die morali- schen Riesen von Bonn selbst. Immer dann, wenn sie den Schritt von der Familienpolitik zur B e v ö l k e r u n g s p o l i- t i k tun. Dann schreien sie: Die Deutschen sterben aus! -------------------------- Nein, nicht wegen der paar Abtreibungen. Überhaupt! Um die Anzahl der Deutschen werden Hochrechnungen angestellt, die es in sich haben: Besorgnis erregt das schwindende Menschenmaterial immer unter dem Gesichtspunkt des Dienens. Sobald eine Abteilung des gegenwärtig regierten Volkskörpers etwas vom Leben h a b e n w i l l - und sei es nur einen Arbeitsplatz, um 1500,- DM zu verdienen -, erweist sie sich nach den Maßstäben der "wirtschaftlichen Vernunft" und des Staatshaushalts, die im freien Teil Deutschlands gelten, als überflüssig. Sooft Schüler und Studenten, Arbeitslose und Rentner f o r d e r n d auftre- ten, fehlt es hinten und vorne an den Mitteln, und sie sind ein- fach z u v i e l e. Ganz anders noch stellt sich die Sachlage dar, wenn unsere Bevölkerungspolitiker auf internationalen Konfe- renzen das W a c h s t u m d e r W e l t b e v ö l k e r u n g sorgenvoll beäugen und das "Hunger-Problem" im Anschluß an die Schuldenfrage im internationalen Rahmen wälzen. Da decken sich Theorie und Praxis einmal aufs Erfreulichste, weil das Verhungern ein durchgeführter Beweis ist - dafür, daß es z u v i e l M e n s c h e n gibt. Aber eben nicht bei uns! Und um diesen sich abzeichnenden Mangel an Deutschen so richtig drastisch im öffentlichen Bewußtsein zu verankern, wurde eine Kommission eingesetzt, die streng nach den Regeln der demokratisch-völkischen Wissenschaft ein alarmierendes "Resultat" verlauten ließ: Noch ganz ohne Feindeinwirkung sinkt das deutsche Volk bis zum Jahre 2030 auf ca. 40 Millionen ab! In der heißen Frage, was daran so schlimm sei, haben sich die Ge- lehrten alle Mühe gegeben, das Bedürfnis nach mehr Volk in ökono- mische Kosten-Nutzen-Rechnungen zu übersetzen. Getreu der Lehre vom staatlich kontrollierten "Generationenvertrag" tauchen dann die "Gefahren" auf: "Wer finanziert die Renten der heute 20jährigen?" Gemeint ist damit weniger die Wahrheit, daß nicht der Sozialstaat, sondern die Lohnabhängigen selbst ihre Notgro- schen finanzieren; vielmehr wurde davon ausgegangen, daß die ver- schiedenen Kassen mindestens im selben Maße wie heute eine Fi- nanzquelle des Staates zu bilden haben - und daß d a r a u s ein "Bevölkerungsproblem" entsteht! So wurden auch die anderen idiotischen Hochrechnungen - Minderung der Ausbildungskosten, we- niger Verkehrsunfälle und Ladendiebstähle - nicht als trostreiche kompensierende Entwicklung vermeldet. Der Standpunkt war und ist eben der gemeine, das deutsche Volk zu z ä h l e n und es als Q u e l l e f ü r d i e a l t e n u n d n e u e n A u f- g a b e n der Politik zu schätzen. Eine Rubrik hat es da den Verwaltern Deutschlands ganz besonders angetan: Während von den Kosten der Rüstung kein Aufhebens gemacht wird, steht der Nutzen künftiger Generationen für die Bundeswehr schon fest. Und dieser Nutzen ist fraglich, wegen - der "Bevölkerungsentwicklung"! Die Friedens- und Abrüstungspolitiker vermissen jetzt schon 100.000 Mann für die 90er Jahre! Gut zu wissen, daß unsere Herren in Bonn "unsere Zukunft" genau überdenken. Sie haben ein Programm, und bei der Überwindung der "Teilung Europas" verfallen sie nicht auf so primitive Parolen wie "Volk ohne Raum". Der Mangel, den der eine oder andere Volks- teil leidet, weil er ihn verordnet bekommt, wird nicht in die Vorstellung übersetzt, hier fehle es an natürlichen Reichtums- quellen und Lebensbedingungen. Es ist der N u t z e n des Vol- kes f ü r die Politik, der hier ganz abstrakt eingeklagt wird! Wenn Politiker mehr "Leben" schlechthin fordern, so deswegen, weil der Staat v e r f ü g b a r e s M a t e r i a l im Blick hat. Dazu heißt die Parole "Viele Deutsche!", denn sonst gibt es einen "Staat ohne Volk"! Ausländer raus! --------------- Dieses Motto heißt zwar höflich "Ausländerfrage", doch wird auch in der demokratischen Sprachregelung nur eine Antwort zugelassen. Wer die Ausländer, ihre mißlungene "Integration" und anderes als "Problem" dingfest macht, dem ist die eine große Erleuchtung ge- kommen: Sie sind keine Deutschen! Auch hier zählt der Einwand nichts, daß sie sich doch als brave Manövriermasse der deutschen Wirtschaft bewährt hätten, die Aus- länder; daß sie insofern durchaus den Mangel an Bevölkerung behe- ben könnten, der so beklagt wird. Daß diese Leute aus ganz Europa brav gearbeitet und Steuern bezahlt haben, will das "Wende"-Team sicher nicht bestreiten. Daß vom Standpunkt benutzter Lohnarbeit nichts gegen die Fremden einzuwenden ist, wissen die Hüter der Nation selbst am besten. Sie haben dieser rentablen Mannschaft ja selbst zum rechtlichen Status einer Reservearmee der deutschen Wirtschaft verholfen. Aber erstens sind die Geschäfte mit ihnen jetzt nur noch teilweise rentabel zu gestalten - a l l e werden ja nicht gleich ausgestellt und abgeschoben, sondern zunächst einmal nur die Unbrauchbaren. Und zweitens will man sie aus grundsätzlichen Erwägungen nicht behalten. Wer jetzt, nach 25jähriger Benutzung der Ausländer, entdeckt, es gäbe hierzulande z u v i e l von ihnen, und sie würden auf die Dauer auch gar nicht so richtig herpassen, sieht in den ehemali- gen Gastarbeitern mehr als ein Kosten-Problem. Er betrachtet sie als U n t e r t a n e n e i n e s a n d e r e n S t a a- t e s, die hierhergekommen sind aus "Berechnung": um des rela- tiven Vorteils willen, in Deutschland im Unterschied zu daheim aus ihrer Arbeitskraft ein paar Mark zu machen. Ihre anderen Sitten kommen daher höchstoffiziell ins Gerede: Auch wenn sie "kulturelle Identität" heißen, beweisen sie nur die R e s e r- v e dieser Leute gegenüber den heute anstehenden n a t i o n a- l e n D i e n s t e n, die nur von echten Deutschen mit der entsprechenden Gesinnung zu haben sind. Deswegen werden auch deutsche Nationalisten ohne die dazugehörigen Sprachkenntnisse ins Reich geholt - der Hauptposten an "Integrationswillen" ist von denen absolviert -, während die Knechte von Jahrzehnten deutschem Wachstums abgeschoben werden. Das Bedürfnis nach l o y a l e n D e u t s c h e n, die sich vermehren und auf ihre Elite hören, wächst im Bonn der "Wende" täglich. Eine bedingungslos treue Gefolgschaft braucht "unser Land" - was hat es da wohl vor? Die sehr liberale Kalkulation mit den Regierten als M e n- s c h e n m a t e r i a l, das speziell dem deutschen Staat - seiner Zahl und seiner Eigenart nach - genehm ist oder in die Quere kommt, ist schlichter R a s s i s m u s. Er kündet vom l e t z t e n n a t i o n a l e n D i e n s t. V Die "g e i s t i g - m o r a l i s c h e E r n e u e r u n g" ist das I d e a l eines rücksichtslosen Regierungsprogramms, das nur engagierte Nationalisten als eine Verpflichtung der Re- gierenden auf Anstand und Güte mißverstehen können und wollen. Die M o r a l i t ä t d e s F ü h r e n s besteht nämlich nie in der bescheidenen Vorführung von Tugenden, so daß kein mündiger Bürger je einen "Skandal" ausmachen kann. Im Gegenteil: M o r a l wird gepredigt und v e r a b r e i c h t. Die Regie- rung Kohl kennt keine andere Pflicht als das Recht des Volkes, von ihr regiert zu werden. Als einzigen Grund dafür weiß sie die E r m ä c h t i g u n g anzuführen, die ihr in den Wahlen zuteil wurde. Seit der "Wende" besteht man in Bonn bei jedem Anlaß dar- auf, daß W a h l eben E r m ä c h t i g u n g i s t - und daß jede noch so geringfügige Beeinträchtigung der S o u v e r ä n i t ä t ein Vergehen an den höchsten Werten dar- stellt. Auf diesen Weisheiten reiten der Kanzler und die Seinen so pene- trant herum, als wollten sie Faschisten imponieren. Die "Wende"-Regierung ist angetreten, den "Staatsnotstand" zu be- heben. Ihrem eigenen Bekunden nach hat sic das bemerkenswert fix geschafft. Anderthalb Jahre waren noch nicht ins Land gegangen seit ihrem Amtsantritt - Armut und Arbeitslosenzahlen gestiegen, die Aufrüstung und der neue "kalte Krieg" gut vorangekommen -, da galten bereits die Parolen: "Der Aufschwung ist da!", "Wir sind nicht erpreßbar!" usw. Zwei Dinge sind diesem raschen Erfolg der "Wende" zu entnehmen: - "Krise" oder "Aufschwung", "Notstand" oder "Wohlstand" der Na- tion sind, wann immer Politiker darüber reden, Deutungen der "Lage", mit denen sie A n s p r ü c h e bekanntmachen. Den An- spruch nämlich, man solle ihnen je nachdem entweder die Macht schleunigst übertragen oder die Macht, die sie ergriffen haben, danken. Insoweit gehören diese Vokabeln zum Hauptwörterbuch der demokratischen Konkurrenz zwischen Regierung und Opposition. - Die Erfolgsideologie der "Wende"-Regierung erhebt den Anspruch auf Dankbarkeit bemerkenswert offensiv. Sie verlangt von jeder- mann, sich ganz ohne problematisierende Zwischenschritte, gewis- sermaßen ohne Illusionen, über die eigene Lage zu täuschen. Die soll man nämlich überhaupt nicht kritisieren w o l l e n, son- dern im Namen der christlichen Machtergreifung im Staat gleich rundherum in Ordnung finden. Man soll zufrieden sein, schlicht weil Unzufriedenheit sich nicht gehört. Das ist die Quintessenz der "geistig-moralischen Erneuerung", zu der Kohl und alle seine Minister nach Kräften das Ihre beigetragen haben. Sprachregelungen ---------------- a) Unter sozialdemokratischer Führung durfte sich das Volk an an- sehnliche Inflationsraten und Arbeitslosenzahlen gewöhnen und dazu erklären lassen, es handle sich da um "Strukturprobleme", die niemandem so schwer zu schaffen machten wie - ihren Urhebern: den Machern der staatlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Belastungen der Bürger wurden als Lasten anerkannt - um in Bela- stungen des Staates uminterpretiert zu werden. Die frischen fröhlichen Christen von rechts befanden diese Recht- fertigungstour für zu düster. Sie erklärten die Existenz einer Teuerung, die die lohnarbeitende Menschheit drückt, unter ihrer Führung für eine Ansichtssache. In einer ganzen Anzeigenserie zum Jahreswechsel '83/'84 empfahlen sie eine Sichtweise, der zufolge der Mensch sich für eine etwas verringerte Entwertung seines Ein- kommens gleich enorm viel mehr sollte leisten können: "Die Teuerungsrate wurde halbiert. Während die Preissteigerungen im Sommer '82 noch bei 5 bis 6 % lagen, betrugen sie zum Jahre- sende 1983 nur noch 2,6 %. Das schafft (!) 20 Milliarden Mark neue (!) Kaufkraft (dies entspricht dem Wert von etwa 2 Millionen Kleinwagen)." Optimistisch betrachtet, können 2 Millionen Arbeiter sich von der Tatsache, daß alles teurer geworden ist, aber nicht so sehr, das ihnen angemessene Kleinauto kaufen - hätte der Kanzler die aktu- elle Inflationsrate mit der in Italien oder einem anderen Jahr verglichen, vielleicht wäre sogar ein Mercedes herausgekommen. Nach derselben Logik sollen die Bundesbürger ab 1986 weitere 20 Milliarden Mark mehr im Geldbeutel haben, weil Finanzminister Stoltenberg ihnen zwar keine Steuern erläßt; vom vorausgeschätz- ten überproportionalen Wachstum der Lohn- und Gehaltssteuer um 80 Milliarden Mark will er aber "nur" 60 Milliarden haben. Daß es das größte Vergnügen sei, wenn der Schmerz nachläßt, gehört an- sonsten in die Witz-Literatur - Kohls Regierung erklärt ihrem Volk allen Ernstes vermehrte Belastungen als Erleichterungen, die Aufschwungsgefühle wecken müßten, denn: sie hätten ja noch größer sein können. So ist auch die Zahl der Arbeitslosen, obwohl ge- stiegen, richtig gesehen mit Jahresanfang 1984 zurückgegangen, weil ihr Anstieg gegenüber dem Vorjahr diesmal geringer ausgefal- len ist als im Jahr zuvor. Auch die neulich noch als Weltunter- gangsgefahr beschworene Staatsverschuldung hält dieser sonnigen Antilogik nicht stand: Sie wird nach regierungsamtlicher Darstel- lung abgebaut, weil sie weniger kräftig wächst als in den Jahren zuvor. Der Luftverschmutzung geht es genauso: Laut Zimmermann nimmt sie ab, weil das Quantum Schadstoffe, das jährlich rausge- blasen wird, seit einiger Zeit gleich groß bleibt. Man muß das alles eben nur richtig sehen! b) Daß "der Aufschwung" andererseits doch auch Opfer kostet, und zwar nicht zu knapp, wird von der Regierung über dieser fröhli- chen Idiotie keineswegs vergessen. Für diese Abteilung und deren moralische Aufrüstung verfügt sie über ein katholisches Arbeiter- kind, das genau weiß, was für ein goldenes Herz die deutsche Ar- beiterklasse besitzt. Von den Sozialministern der Schmidt-Ära war man es gewöhnt, daß Erhöhungen der Abgaben an die sozialstaatli- chen Kassen bei Verschlechterung der Auszahlungsbedingungen und -summen mit vielen Krokodilstränen und dem Verweis auf - tun- lichst im Unklaren gelassene - "Sachzwänge" gerechtfertigt wur- den. Für einen sozialdemokratischen Sozialstaatsverwalter gehörte es sich ganz einfach, sich selbst als den bedauernswertesten So- zialfall vorzuführen und mit Hilfe der Dialektik von der "Verschlechterung zwecks Verbesserung" Hoffnung zu stiften. Die- ses Operieren mit geheucheltem schlechten Gewissen hat der christliche Sozialminister gleich weit von sich gewiesen. Die Herabsetzung der Arbeitslosengelder und Sozialhilfesätze, nach Ledigen und Verheirateten unterschieden; die Belastung der Rent- ner mit Krankenkassenbeiträgen und "Null-Runden", die Verkürzung und Verteuerung von Krankenkassenleistungen usw. usf. - das alles hat Blüm sich als unkonventionellen Einfallsreichtum zugute ge- halten: "Es muß gespart werden. Ich bin in der Tat der Sparminister. Ich weigere mich nur, dies nur defensiv betreiben zu müssen. Sparen muß mit Gestalten verbunden werden." Den Betroffenen hat er seine Einfälle nicht mit wohlfeilen Ver- sprechungen und Entschuldigungen serviert, sondern eine morali- sche Forderung obendrauf gesetzt: Jeder Geschädigte solle sich an den Opfern ein Beispiel nehmen, die die Sozialfälle einer anderen Kategorie bereits hatten bringen müssen - ganz so, als hätten die sich das aus lauter Opfermut so herausgesucht. Auf den zynischen "Schluß" von der ertragenen Not auf die löbliche Tugend versteht dieser katholische Minister sich ebensogut wie jener deutsche Reichskanzler, der sich nur aus einem tiefen Idealismus der klei- nen Leute erklären konnte, "wie so viele ein kärgliches Leben in Redlichkeit zu ertragen vermögen, das ihnen selbst nur Armut und Bescheidenheit aufer- legt, der Gesamtheit aber die Grundlagen ihres Daseins sichert." (Mein Kampf) Blüm, altgedientes IG Metall-Mitglied, nennt diese Tugend: S o l i d a r i t ä t. c) Die andere Abteilung der bundesdeutschen Klassengesellschaft, bei der das Gerede vom "Aufschwung" einem schneller wachsenden Reichtum entspricht, geht ebenfalls nicht leer aus in Sachen ide- eller Belohnung von oben. Die Förderung, die die "Investitionsfreude" der hierzulande tätigen Unternehmer aus der Staatskasse entgegennimmt, wird nicht mehr gerechtfertigt; schon gar nicht mit Etikettierungen wie "Beschäftigungsprogramm" oder "Bekämpfung der Arbeitslosigkeit". Die sozialdemokratischen Ideo- logien, denen zufolge die "kleinen Leute" mit "ihren Arbeitsplät- zen" die wahren Nutznießer jeder Milliarde wären, die der Firmen- welt für ihren Geschäftserfolg erlassen oder zugebuttert wird, werden zurückgewiesen. Die regierenden Christenmenschen fingieren erst gar kein Gerechtigkeitsproblem, wenn sie den erfolgreichen Reichtum belohnen. "Soziale Gerechtigkeit" definieren sie gleich andersherum. "Leistung muß sich wieder lohnen" heißt die Parole, mit der sie den Günstlingen ihrer Wirtschaftspolitik ein unwider- sprechliches Recht auf mehr Geld zuerkennen. Jedes Wort dieser Parole ist ein Schwindel: Es geht nicht um Leistung, weder das betrieblich festgelegte Arbeiten pro Zeit noch um irgendwelche Spezialeinsätze und -verdienste, sondern um die schönen Posten der Klassengesellschaft, die zum Geldverdienen verpflichten; de- ren Gegensatz zum Rest der Berufe war nie eingeebnet, muß also gar nicht "wieder" hergestellt werden; ihr Erfolg soll nicht bloß von angeblichen Behinderungen befreit, sondern durch geänderten Einsatz staatlicher Machtmittel noch besonders gefördert werden. Und daß das geschehen "muß", folgt aus keiner anderen Notwendig- keit als dem Willen der Regierung, die Sache mit dem Reichtum eben so zu handhaben. Gerechtigkeit ist genau das, was die Regie- rung an Unterscheidungen in ihrem Volk will; die sind gerecht, weil die Regierung sie will-das ist die Botschaft, auf die es Kohl und den Seinen bei ihren Sprachregelungen ankommt. Mit ihr spricht die Regierung sich frei von jedem Rechtfertigungsverlan- gen und setzt umgekehrt eine moralische Anklage gegen jedermann in die Welt, der ihrem Willen nicht Beifall spendet. Anti-Kritik ----------- Die Kunst, Kritiker von vornherein durch offensive Selbstgerech- tigkeit ins moralische Unrecht zu setzen, haben die christlich- liberalen Staatsmänner am Streit um die Raketenrüstung zu ihrer demokratischen Hauptdisziplin ausgebildet. Dabei waren sie in der glücklichen Lage, die wesentlichen christlichen Heucheleien be- reits fertig übernehmen zu können. Die Bergpredigt erlegt den Je- sus-Nachfolgern im Regierungsamt vor allem die Pflicht auf, ihr Volk gewaltsam zu "schützen", indem sie es als bewaffnetes Ge- waltmittel gegen den Feind aufbieten; jeder, der sich gegen die- sen gottgewollten Zustand wendet, macht sich verdächtig und hat zuallererst seine eigene Friedfertigkeit seiner kriegsbereiten Obrigkeit gegenüber zu beweisen: Diese Richtlinien für moralisch einwandfreie Raketenrüstungs-Kritik hatten Schmidt und Apel längst in den Sittenkodex der Republik eingeführt. Daran haben Kohl, Geißler, Wörner und Kollegen konstruktiv angeknüpft. Sie haben von diesem Standpunkt aus ihre polemischen Feldzüge ge- führt. a) Bei der SPD haben sie den Widerspruch aufgespießt, daß diese Partei sich jahrelang neben der regierungsamtlichen Selbstgerech- tigkeit auch noch Figuren wie Brandt und Eppler als Vorständler geleistet hat. Die standen mit ihrer Person für den Gestus des Verständnisses für "verbreitete Besorgnisse" und die Unzufrieden- heit mit der eigenen, wieder einmal "leider notwendigen" Regie- rungspolitik. Wider besseres Wissen, aber genau spiegelbildlich zur sozialdemokratischen Heuchelei haben die "Wende"-Christen diesen Gestus umgedeutet in eine Infragestellung bundesdeutscher Bündnistreue, eine halbe Preisgabe parlamentarischer Entschei- dungshoheit und eine hochverratsverdächtige Nachgiebigkeit. Scharfmacher Geißler durfte die Beschimpfung jedes Raketenkriti- kers als "5. Kolonne Moskaus" gegen die SPD wenden. An dem empör- ten Echo - ein paar Monate lang sprach offiziell kein Sozialdemo- krat mehr mit ihm - war dann der Erfolg zu registrieren, daß ge- rade die unhaltbare Ungerechtigkeit dieses Vorwurfs ihn so wirk- sam machte: ein M a ß s t a b war gesetzt. b) Dieser Maßstab hatte dem kundigen Familienminister zur "Friedensbewegung" selbst eine historische Einsicht eingegeben, deren Idee zu den bleibenden Kulturgütern von Nationen gehört, die sich auf einen Krieg vorbereiten: Die Verantwortung für die Greuel des Krieges träfe - von ihren bösen Urhebern einmal abge- sehen - in erster Linie die Pazifisten; denn die hätten sich ge- scheut oder weltkundigere Staatsmänner daran gehindert, den feindlichen Kriegstreibern rechtzeitig wirksam in den Arm zu fal- len; daß die Demokratie sie gewähren ließe, hätte sie gegenüber Diktaturen allemal in Nachteil gebracht. Eingedenk solcher M i t s c h u l d a n A u s c h w i t z sollten die "Friedensbewegten" von heute gefälligst die Schnauze halten. Da- mit war die Ideologie der "Abschreckung", wonach der Feind eben bloß "die Sprache der Gewalt versteht", doch einmal konsequent zuende gedacht: Die beste, wenn nicht einzig wirksame Kriegsver- hinderung ist der (Präventiv-)Krieg! So ergriff die Regierung entschlossener Christen die Gelegenheit, den ersten Hauptsatz ei- nes guten nationalen Kriegsgewissens als höchsten moralischen Maßstab ernsthafter Friedensliebe in die Debatte einzuführen. c) Die Schmidt-Regierung hatte sich bereits um die demokratische Dialektik von Frieden und Freiheit verdient gemacht. Mit ihrer Hilfe wird jeder demonstrierende oder sonstwie auffällige Kriegs- gegner und Rüstungskritiker darauf aufmerksam gemacht, daß seine Kritik nicht einfach seine Kritik ist, sondern die Wahrnehmung einer staatlichen Erlaubnis - Beweis: die Regierung könnte schließlich auch das lässig verbieten. Diese Erlaubnis würde von der Bundeswehr geschützt; gegen die Russen nämlich, die sie nicht so freigebig erteilen würden. So gesehen ist jede Kritik an der demokratischen Militärpolitik der BRD ein Widerspruch in sich, weil - so die Belehrung von oben! - die damit wahrgenommene Frei- heit ein weltumfassendes "Verteidigungs"-Programm einschließt. Der Christenregierung gefällt diese sophistische Beweisführung gut; nur der defensive Beigeschmack gefällt ihr nicht. Unsympa- thisch ist ihr die Fiktion, ausgerechnet das Kritisieren wäre der Witz an der Freiheit, für deren Schutz NATO, Bundeswehr und Atom- raketen da sind - wo gerade diese Freiheit doch nicht mehr ist als ein ärgerliches, eigentlich widersprüchliches, die Wehrbe- reitschaft unverantwortlich schwächendes Zugeständnis. Warum nicht gleich Klartext reden und deutlich machen, daß jeder die von der Bundeswehr verteidigte Freiheit mißbraucht und im Grunde nicht verdient, der meint, ihm wäre damit das Dagegen-Sein er- laubt? Also heben Kanzler, Verteidigungsminister und Kollegen bei jeder Gelegenheit hervor, wieviel Selbstverleugnung die Bundes- wehrsoldaten - bzw. sie als deren Anwälte! - aufbringen, wenn sie mit ihren Panzerarmeen dem oppositionellen Treiben der Friedens- bewegung einfach zusehen, statt es nach den angeblichen Maßstäben der Feindstaaten zu behandeln, gegen die sie die Freiheit schüt- zen. Wie abgrundtief Kritiker sich verfehlen, bedarf da gar kei- nes besonderen Hinweises mehr; nur noch einer psychologischen "Erklärung", mit der Kohl und Genossen die alte Vorstellung von der Bundeswehr als unerläßlicher Schule der Nation zeitgemäß zu- ende denken: Soweit nicht ohnehin "von drüben" gesteuert, handelt es sich bei Kriegsgegnerschaft mitten in einer wehrbereiten Demo- kratie um die Leichtfertigkeit von Leuten, die die harte Schule einer Diktatur und eines Krieges für die Freiheit selbst nie durchgemacht haben. Meinen Hitlers Rechtsnachfolger... d) Den Vorwurf mangelnder Dankbarkeit an die bewaffnete Staats- macht und ihre Agenten haben die regierenden Christen ebenso nach seiner zweiten Seite hin radikalisiert. Wo Kritik am Gebrauch von Menschen als Material des bewaffneten staatlichen Durchsetzungs- willens laut wird, deuten sie das - ausgerechnet - als Beleidi- gung der Menschen, die sie zum Waffendienst des Tötens und Sich-Töten-Lassens kommandieren. Im Namen der persönlichen Ehr- barkeit des dienstbaren Menschenmaterials verbitten sie sich jede Kritik an deren Dienst - und im Namen der eigenen persönlichen Ehre geben sie sich erst recht beleidigt. Wo sie anordnen, und Bedenken werden dagegen laut, da beharren sie auf ihrem Menschen- recht auf Meinungsfreiheit, das ihnen doch genauso zustände wie jedermann. Dabei geht es ihnen natürlich nicht bloß um die ver- harmlosende Lüge, Kabinettsbeschlüsse und deren öffentliche Kund- gabe samt ideologischer Einkleidung wären eigentlich nichts als eine Privatmeinung, am Stammtisch zum Besten gegeben. Indem sie sich jeder Kritik gegenüber als Opfer eines Anschlags auf ihre Meinungsfreiheit darstellen, setzen sie eine pauschale Anklage auf demokratie- und grundgesetzfeindliche A m t s a n m a- ß u n g in die Welt, sobald ein Privatmann seine wirklich bloß private Meinung gegen sie wendet. D i k t a t o r i s c h e G e w a l t soll auf einmal herrschen, wo nichts als häßliche Töne über ihre Macht aufkommen. So fängt die "Wende"-Regierung zunächst in der Sphäre der Propaganda an, abweichendes Meinen als verfassungswidriges Tun zu kriminalisieren. e) Von dieser Kunst der Anti-Kritik legt die Regierung inzwischen wöchentlich neue Proben ab. Da setzt sie sich zum Beispiel über ein nahezu einstimmiges Parlamentsvotum gegen die Inbetriebnahme eines neuen Braunkohlekraftwerks ohne Rauchfilter hinweg; die Op- position sieht pflichtgemäß das Parlament in seiner ganzen demo- kratischen Herrlichkeit düpiert - und der Regierungssprecher dreht den Spieß gleich herum: Ein so hervorragendes Parlament wie das bundesdeutsche könne überhaupt nie zur bloßen "Schwatzbude" herabgesetzt werden; nicht die Regierung mißachte den Bundestag, sondern ein jeder, der eine Mißachtung des Bundestags durch die Regierung überhaupt für möglich halte; ein solcher Kritiker ver- lasse den "Grundkonsens der Demokraten". Dies der Bundespresse- konferenz vor laufenden Fernsehkameras voller Empörung vorgetra- gen - und kein Gelächter kam auf. Ebensowenig wie in folgender Szene auf dem Münchner Katholikentag: In einer Podiumsdiskussion fordert ein wackerer Vertreter caritativer Ideale von der Regie- rung mehr Hungerhilfe für Afrika - und ausgerechnet die CSU-Größe im Kabinett, Minister Zimmermann, weist dieses Ansinnen mit der Begründung zurück: die Bundesregierung beteilige sich nicht an der Subventionierung von Diktatoren! f) Die Einfälle und Manieren der Christlich-Liberalen, Kritik an ihrem Tun zurückzuweisen und Beifall einzufordern, haben Methode. An jedem beliebigen Gegenstand, aus jedem Anlaß wird der ganz elementare Dreisatz des totalen demokratischen Unterwerfungsan- spruchs durchexerziert. - Der Grundsatz Nr. 1: "D i e M a c h t i s t g u t!" wird nicht durch die Ausmalung drängender Probleme und drohender Kata- strophen "plausibel" gemacht, gegen die die Politik sich stemmt bzw. um deren Lösung sie ringt. Er ergeht als Anordnung, dafür zu sein. - Die "Belehrung" Nr. 2, von Kanzler Kohl möglichst in jedes In- terview und jede Rede eingebaut: "D i e M a c h t h a b e n w i r!" ist alles andere als trivial. Sie ist die Erledigung je- des "Legitimations-Problems", wie sie prinzipieller gar nicht geht. Sie macht nämlich deutlich, daß die Demokratie überhaupt nur eine "kritische" Rückfrage der Regierten an ihre Macher zu- läßt, nämlich die höchst langweilige Nachfrage nach der formge- rechten Ermächtigung. Diese erledigt, ist damit bereits jeder an- deren Nachfrage, nach Zweck und Wirkung des regierungsamtlichen Gebrauchs der Macht womöglich, der Bescheid erteilt, daß sie sich unter Demokraten nicht gehört. Sie verdient also auch keine Ant- wort; noch nicht einmal mit einer schönfärberischen Lüge, womit das Recht zu derlei Fragestellungen ja irgendwie noch anerkannt wäre. Der Besitz der Macht ist der einzig denkbare "Beweis" da- für, daß das auch in Ordnung geht: Diese Zurückweisung jeder staatsbürgerlichen Illusion über einen angeblichen "Legitima- tionsbedarf" demokratischer Herrschaft ist der erschöpfende mora- lische Rechtstitel der "Wende"-Regierung. - Wer solche Illusionen nie gebraucht hat, um ordentlich mitzuma- chen, für den gilt Grundsatz Nr. 3: "W e r d i e M a c h t- h a b e r u n t e r s t ü t z t, i s t e i n g u t e r M e n s c h!" Nicht zufällig hat das Lob des im Grunde herzensguten, durchhaltewilligen Volkes seit Kohls Amtsantritt eine Hochkonjunktur wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Mit dem Kehrsatz: "Wer kritisiert, macht sich damit zum Hindernis für die gute Macht und ihre befugten Inhaber und gehört weggeräumt!" wird die Mehrheit belohnt und die Minderheit konfrontiert, die notwen- digerweise, auch ohne großes eigenes Zutun, übrigbleibt, wenn der Mehrheit eine fraglose Einigkeit mit der Sache und dem Personal der Macht unterstellt wird. An diesem vertrauensvollen Einverneh- men zwischen Volk und Führung versündigt sich, wer sich ihm, aus welchen Gründen auch immer, verschließt und den gewählten Herr- schaften in ihre Geschäfte hineinreden will. Affären ------- Die erneuerte politische Kultur der Bundesregierung bringt folge- richtig eine eigene Sorte von "Skandalen" hervor, die alle eine Eigentümlichkeit aufweisen: Es werden keine daraus. a) Einen Monat lang, zwischen Weihnachten '83 und Karneval '84, war die bundesdeutsche Öffentlichkeit sich einig, mit Manfred Wörner hätte Kohl einen Mißgriff bei der Besetzung des Verteidi- gungsministeriums getan. Anlaß und Gesichtspunkt dieses Bedenkens lagen so vollständig auf der Linie christlich erneuerter Staats- moral, wie es besser gar nicht ging - es fand deswegen sogar in höheren Koalitionskreisen, bei wichtigen Wörner-Konkurrenten, ein berechnendes Echo, so daß überhaupt ein Fall daraus wurde. Den treuesten Dienern der Nation, dem Offiziersstand der Bundeswehr, mehr noch: "der Generalität", hätte der zivile Oberbefehlshaber mit der Entlassung eines der Ihren mitsamt ehrenrühriger Begrün- dung die Ehre abgeschnitten. Heuchlerisch empört, solidarisierte sich alles, was hierzulande Opposition heißt, mit einem ehrpusse- ligen General, dem gelungensten Inbegriff des guten Volkes, an dem die "Wende"-Herren sich doch nicht satt-loben können. Für ein, zwei Wochen wurde dank parteiinterner Konkurrenz Wörners Po- sition ernsthaft wacklig - und Wörner selbst machte den einzigen politischen Fehler, den ein Mitglied der Kohl-Mannschaft in sei- ner Lage überhaupt begehen konnte. Er setzte alles daran, seine Entscheidung als sachlich geboten und gerechtfertigt n a c h z u w e i s e n, statt den Prinzipien offensiver Selbst- herrlichkeit, nach denen er gehandelt hatte, treu zu bleiben und jeden Zweifel an der Intaktheit seines Ermessens als Hochverrat zurückzuweisen. Mehr noch: Er ließ sich auf das Beischaffen von Z e u g e n für die den Umständen entsprechende Korrektheit sei- ner Personalpolitik ein - als könnte irgendwer einem Minister "die Verantwortung abnehmen", unfehlbar zu sein. Ein "unwürdiges Schauspiel", befand man allgemein; nicht so sehr wegen der "zwielichtigen Gestalten", die da zu einem großen Auftritt kamen, als vielmehr weil ein deutscher Bundesminister sich dazu her- abließ, höchstselbst zu recherchieren, um sich zu entlasten. Was von einem solchen Mann wohl "im Ernstfall" zu halten sei, wenn es auf seinen Überblick und seine Entscheidungskompetenz als Kriegs- minister einmal wirklich ankommt: Diese Frage wurde allen Ernstes anläßlich der Rechtfereigungsbemühungen Wörners aufgeworfen. Die persönliche "Souveränität" des Ministers wurde "kritisch" am Ex- tremfall souveräner staatlicher Gewaltanwendung gemessen und für zu leicht befunden; ganz selbstverständlich hantierte die künst- lich aufgeregte Öffentlichkeit mit diesem Maßstab. Und unter Anwendung desselben Maßstabs wurde die Öffentlichkeit auch wieder abgeregt und die "Affäre" beigelegt. Kanzler Kohl machte seinem Minister vor, wie man im Zeichen der moralischen "Wende" mit Bedenken und Vorwürfen umgeht: Man nimmt sie zum An- laß, Erhabenheit gegenüber jedem Rechtfertigungsverlangen zu de- monstrieren. Ein M a c h t wort des Kanzlers, nicht etwa neue "Untersuchungen" - und Wörner war wieder ein moralisch einwand- freier und überhaupt unter allen Konkurrenten der fähigste Mini- ster. Der Regierungschef "schenkte" Wörner sein "Vertrauen", un- ter Berufung auf nichts als seine Entscheidungshoheit; nach Tagen war der "Skandal" so tot, als hätte er nie stattgefunden. b) Mit der anderen Personal-"Affäre" wurde die Regierung genauso lässig fertig. Dem Mit-Initiator der "Wende", Wirtschaftsminister Lambsdorff, wurde vorgeworfen, durch millionenschwere Spenden der Firma Flick an seine Partei dazu gebracht worden zu sein, eine Steuerschuld in Höhe einiger hundert Millionen zu erlassen. Alle Saubermänner der Republik, denen weder gegen die Wirtschaftspoli- tik des Grafen noch gegen den Finanzbedarf der Parteien je ein ernsthaftes Bedenken gekommen war, sahen ihr Menschenrecht auf eine saubere Herrschaft verletzt, die ihren eigenen Verfahrensre- geln pünktlich gehorcht. Man sorgte sich, heuchlerisch und ent- sprechend heftig, um die gefährdete Ehre der Regierung. Von Lambsdorffs Konkurrenten wurde diese Sorge jedoch nicht aufge- griffen; und der Graf packte die Sache von Anfang an richtig an. Er ließ sich gar nicht erst auf den Versuch ein, den Bestechungs- vorwurf in der Sache zu entkräften. Er ging in die Offensive und stieß seine Kritiker auf demokratisch-rechtsstaatliche Verfah- rensregeln, an denen sie sich mit ihren Einwänden versündigt hät- ten. Der "Vorverurteilung" würden sie sich schuldig machen, den allerheiligsten Rechtsgrundsatz von der Unschuld des Angeklagten bis zum Richterspruch verletzen; die zuständige Staatsanwalt- schaft handelte nur aus politisch motivierter Bosheit; usw. Die blanke Versicherung des Ministers, er sei sich keiner Schuld be- wußt, reichte aus, um das Aufspüren und Veröffentlichen von Be- weisstücken gegen ihn als kriminellen Akt hinzustellen. Souverä- nität ist eben über jedes Ansinnen, sich zu rechtfertigen, erha- ben und hat das zu bleiben; dieses Prinzip verfolgte Lambsdorff sehr konsequent. Es richtete sich logischerweise erst in dem Moment gegen ihn, als das Verfahren eröffnet wurde und damit eine Defensive der Natur der Rechtssache nach nicht mehr zu vermeiden war. Wieder gab der Kanzler ein Beispiel christdemokratischer Regierungskunst: E r hatte den Entlassungsfall definiert; also entließ er den Grafen, ohne daß auch nur der Verdacht aufkam, am bisherigen Festhalten des Kanzlers an seinem Wirtschaftsminister müßte dann doch irgen- detwas faul gewesen sein. Binnen 12 Stunden war Lambsdorff er- setzt. Und von einer Stunde auf die andere glaubte niemand mehr an Lambsdorffs überragende, für Regierung wie FDP unverzichtbare Sachkompetenz, fand aber auch niemand mehr den kleinsten Schatten der Korruption auf Kohls Regierungsmannschaft. Die "Affäre" war so tot, als hätte sich nie jemand über die westdeutsche "Bananenrepublik" kunstgerecht aufgeregt. c) Die Zeit der Anklagevorbereitung gegen Minister Lambsdorff hielt die "Wende"-Regierung für den geeigneten Zeitpunkt, um erst einmal die Rechtslage der Finanzlage der Parteien anzupassen und Parteispenden steuerlich den Zuwendungen an gemeinnützige Ein- richtungen gleichzustellen - das ging ganz ohne "Skandal" über die Bühne. Anschließend sollte ein parlamentarischer Gnadenakt alle jene Freunde und Förderer des demokratischen Parteienwesens "entkriminalisieren", die ihre Spenden zur Steuerhinterziehung genutzt hatten. An das zur Begründung angeführte Sittenbild vom braven Handwerksmeister, der seinen uneigennützigen Beitrag zum finanziellen Überlebenskampf der Staatsparteien gutgläubig als Steuerminderung geltend gemacht hätte und sich nun aufs abscheu- lichste in die Nähe von Verbrechern und staatsfeindlichem Gesin- del gestoßen fände, konnten seine Erfinder zwar mit Sicherheit selbst nicht glauben. Um so ehrlicher überzeugt sind sie dafür bis heute von dem so bebilderten Grundsatz, daß nie und nimmer Unrecht sein kann, was ihrem demokratischen Konkurrenzkampf nützt. Und daß sie das Recht nach ihrem Ermessen korrigieren dür- fen, weil und soweit sie die parlamentarische Macht dazu haben, war ihnen als Parlamentariern sowieso vertraut. Dagegen richtete sich auch gar nicht die oppositionelle Entrüstung, die zwei Wo- chen lang die Öffentlichkeit beherrschte. Das genau entgegenge- setzte Bedenken wurde breitgetreten: Die Koalition hätte ihre Freiheit in der Handhabung von Recht und Gesetz verkauft; sie wäre ein Gefangener ihrer Geldgeber und nicht mehr wahrhaft sou- verän bei der Zuteilung von Gerechtigkeit und Gnade. Die christliche Regierungsmannschaft entnahm diesem Einwand wie- der nur den Auftrag, ihre intakte Souveränität vor allem an ihren Kritikern zu beweisen. Durch ein beschleunigtes Gesetzgebungsver- fahren gedachte sie das Begehren, die rechtliche Entschuldigung von parteispendenfreudigen Steuerhinterziehern vorher moralisch anzweifeln und diskutieren zu dürfen, gleich mit zurückzuweisen. Daß es dazu nicht kam, lag einzig an der Entdeckung des kleineren Koalitionspartners, daß seine spezielle Wählerschaft-im Unter- schied zum guten Volk der Christen-eine so freche Mißachtung der demokratischen Lust an moralischem Problematisieren nicht beloh- nen würde. Im Nu tat sich eine zuvor nie gesehene "Basis" schlipstragender Karrieristen auf, die in Konkurrenz zur Partei- spitze auf das "liberale Profil" drängte und öffentlich vorrech- nete, die 5% erforderten eine demonstrative Distanzierung vom Re- gierungsstil des großen Partners. Das Amnestiegesetz wurde zu- rückgezogen; allerdings unter lauten Beschwerden von CDU und vor allem CSU über die Unzuverlässigkeit der Liberalen, die einer durch und durch gerechten Sache wieder einmal nicht die Treue ge- halten hätten. Die Manier der "Wende"-Regierung, ihren Willen um- standslos als höchstes überhaupt denkbares moralisches Gütesiegel geltend zu machen, ist durch diesen ersten Mißerfolg auf alle Fälle nicht größerer Bescheidenheit gewichen. d) Den Gestus der Zurückhaltung und einer gewissen moralischen Bescheidenheit, den manche Sozialliberale noch so gerne kulti- viert haben, ist die Kohl-Regierung überhaupt niemandem schuldig. Auch jenem "Rechtsnachfolger" der jüdischen Nazi-Opfer, dem Staat Israel, nicht, demgegenüber sich immerhin jahrzehntelang die Heu- chelei eines schlechten Gewissens gehört hatte. Wie um diesen na- tionalen Aspekt der "geistigmoralischen Erneuerung" deutlich zu machen, hat der Kanzler sich mitten in Israel den Überdruß am jü- dischen Moralismus heraushängen lassen. Seine persönliche Un- schuld - 'erst nach Kriegsende mündig geworden, ätsch!' - hat er zum Bestandteil jener neuen bundesdeutschen Nationalideologie ge- macht, wonach die eigenen Ansprüche gegen den Rest der Welt unbe- fangen und offensiv vertreten gehören und deswegen auch die impe- rialistische Vergangenheit der Nation keiner moralischen "Vorverurteilung" mehr unterliegen darf. Natürlich ist er damit bei seinen Gastgebern angeeckt; und Teile der bundesdeutschen Öffentlichkeit haben sich mit aufgeregt über das dummdreiste Auftreten des Ehepaars Kohl - Sie: "Sind die Na- men der Umgekommenen im Computer gespeichert?"; Er: "Ich brauche keine Belehrungen!" -, über den SS-mäßigen schwarzen Ledermantel des Regierungssprechers Boenisch usw. Mancher hätte sich die Selbstdarstellung des westdeutschen Großmachttums an dieser Stelle doch noch einmal mehr à la Willy Brandt gewünscht. Bei der Regierung stieß diese Kritik auf geheuchelte Verständnislosig- keit. Der inkriminierte Fortschritt zu offensiver "Unbefangen- heit" war gerade beabsichtigt; es sollte deutlich gemacht werden, daß "mit Auschwitz keine Tagespolitik" gemacht werden könne. Das hat zwar auch noch keine Bundesregierung je getan; bisher hatte aber noch jede gerne so getan als ob. Sich selbst und ihrem guten Volk ist die "Wende"-Regierung es offenbar schuldig, diese Heuchelei eines nationalen Schuldbewußtseins endgültig aus der politischen Kultur der Republik zu tilgen. So hat jeder "Skandal", den eine oppositionelle Öffentlichkeit der neuen Regierung hat anhängen wollen, nur zur Darstellung ge- bracht, wofür die Macher der "Wende" geschätzt sein wollen - und worauf sie sich dabei verlassen. Respektiert sein wollen sie da- für, daß sie es ganz ausdrücklich niemandem recht machen wollen als sich selbst. Dabei verläßt die Regierung sich auf ein Ergeb- nis sozialliberaler Reformpolitik, nämlich auf die Gewohnheit des Volkes, die politischen Werke seiner Führung illusionslos hinzu- nehmen. Das ständige Wechselspiel von Illusion und Enttäuschung über Zwecke und Chancen "bürgerfreundlicher" Politik, von Idealen und "Realismus", war die geistige Geschäftsgrundlage des "Mehr- Demokratie-Wagen" gewesen. Der Überdruß daran hat leider nicht zu Zweifeln an dem angeblichen Realismus geführt. Die Christen haben ihn genommen und ausgenutzt als Verzicht darauf, der Politik überhaupt noch mit der Erwartung zu nahe zu treten, da würden die Bürger mit materiellen Wohltaten bedient. Ohne jede Kritik an der Macht haben sie die Einbildung entlarvt und entkräftet, es könnte berechtigte Ansprüche auf rücksichtsvolles Wohlverhalten einer gewählten Obrigkeit geben. Recht und Moral richten sich nach der Macht und sind keine Titel gegen sie; die Herrschaft läßt sich in ihre Affären nicht hineinreden; gelungene Politik darf nur nach dem Maßstab beurteilt werden, wie rücksichtslos zielstrebig sie zu Werke geht: Das hat das im sozialdemokratischen "Modell Deutschland" erzogene Volk verstanden und für richtig befunden. Wie sonst hätte es sich von Kohls "Wende" beeindrucken lassen können? Gesinnungspflege ---------------- Auf die Gesinnungsfestigkeit ihrer Bundesbürger verläßt sich die Regierung natürlich keineswegs blind. Sie tut auch einiges dafür. Das "gesunde Volksempfinden" wird kräftig gepflegt. Wo es sich zu Großveranstaltungen zusammenfindet - der Katholikentag in München war da ein bedeutsames Ereignis, vor allem weil sich dort "die Jugend" als eifriger Träger des reaktionären "Wir"-Bewußtseins eines guten Volkes betätigt hat -, ehren es die Regierungsmänner, indem sie es hemmungslos als Bühne für ihre Selbstdarstellung nutzen. Sie geben die Stichworte ein: "Schutz des ungeborenen Le- bens" bei den Katholiken, "Pflege der deutschen Kulturtradition" bei Sudeten und Rumänien-Deutschen; anschließend beziehen sie sich darauf als ihren demokratischen Auftrag von unten. Die staatliche Kulturförderung wird gezielt solchen Unternehmungen und vor allem Filmregisseuren zugewandt, die sich ohne Umstände und mit nachweislichem Publikumserfolg um die Pflege der Staats- tugend des Optimismus verdient machen: Gute Laune zu den "schweren Zeiten"! Anläßlich sich häufender 50. Jahrestage wird dem auf "Schicksalsgemeinschaft" getrimmten Volk seine allzu lange bloß verachtete Vergangenheit "wiedergeschenkt": Eine "vorurteilsfreie" Vergegenwärtigung jener unaussprechlichen 12 Jahre erbringt den amtlich bekanntgemachten Befund, das unver- wüstlich gute deutsche Volk sei im Grunde seines Herzens auch un- ter Hitler stets - christdemokratisch-liberal geblieben. Ein Schuft, wer den Tugenden des Patriotismus, des staatsbürgerlichen Gehorsams, des todesmutigen Antikommunismus, des Glaubens an na- tionale Werte und Vorbilder noch ihren "Mißbrauch" durch die Na- zis vorhalten möchte! Die ganze deutsche Geschichte darf es wie- der sein, mit ihren "Höhen und Tiefen"... Wo das nationalistische Volksempfinden zu Taten schreitet, etwa in Gestalt von aufgebrachten LKW-Fahrern gegen italienische Zöll- ner oder britische Hafenarbeiter, die für die Bezahlung von Über- stunden oder gewerkschaftliche Positionen streiken, da kennen die führenden Häupter der Koalition keine rechtlichen Bedenken, sich zu solidarisieren; wenn's so sein soll, auch durch persönliches Erscheinen samt Verbrüderungsszenen bei Blockadeaktionen. "Freie Fahrt für deutsche Interessen!" lautet der Auftrag, den die Re- gierung für sich aus den spontanen Bürgerinitiativen gegen solche kleinlichen Hindernisse wie eine fremde Staatsgrenze ableitet - im Unterschied zur Heiligkeit der eigenen Staatsgrenze gegen "Scheinasylanten"... Damit macht Kohl nicht nur Europa-Politik. Er bedient sein gutes Volk sogar mit der Beschränkung der Grenz- kontrollen an ausgewählten Übergängen auf Stichproben. Mehr fand dort zwar bisher auch schon nicht statt. Die Neuerung schafft aber schöne Rechtstitel darauf, das ausländische Steuerrecht, Fahndungswesen usw. dem bundesdeutschen anzugleichen, sowie einen "Sachzwang" für ein ganz anderes, älteres Vorhaben: Die "entfallenden" Grenzkontrollen werden einhellig als polizei- liches Problem besprochen; es muß ein Ersatz geschaffen werden, der mindestens die gleichen Kontrollmöglichkeiten verspricht und die bisherigen Fahndungserfolge sicherstellt. Und siehe da, es gibt schon einiges an Vorarbeiten. Längst ist alles staatlicher- seits Wissenswerte über die Bundesbürger in zahllosen Computern gespeichert; für eine lückenlose Kontrolle nach Bedarf braucht es eigentlich nur noch den gezielten Zugriff von einer Datenbank auf die andere. Und weil es den auch schon längst gibt, fehlt zur perfekten Kontrollmöglichkeit genaugenommen nurmehr die automa- tisch lesbare Kennmarke für jedes bundesdeutsche Individuum: der computergerechte Personalausweis. Logischerweise wird der wieder ins Gespräch gebracht - als geringfügiger Preis für den enormen "Vorteil", an manchen Grenzen "nur noch", nämlich wie bisher, nach Ermessen des Kontrollbeamten überprüft zu werden. Das ziel- strebig verfolgte Ideal des fahndungsgerechten Bürgers ist dabei überhaupt nicht mißzuverstehen als Notprogramm einer Regierung, die sich ihrer Verbrecher und Gegner kaum mehr zu erwehren wüßte. Es handelt sich eher umgekehrt um die reine Vorsorgemaßnahme, die totale Kontrolle eines Volkes sicherzustellen, das - und eben w e i l es bislang eine solche Kontrolle überhaupt nicht nötig macht. Die dazu passende Ideologie ist bereits zuvor, im Streit um die zur Datenüberprüfung und -aktualisierung vorgesehene Volkszählung, publik gemacht worden: Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten. Viel interessanter ist natürlich die Umkehrung: Wer von totaler Erfassung und Kontrolle etwas befürch- tet, der hat offensichtlich etwas zu verbergen und verdient gar nichts anderes, als daß Polizei bzw. Verfassungsschutz sich ein- mal um ihn kümmern. In solchem Dienst am gesunden Volksempfinden hat es ganz nebenher die fälligen Todesfälle gegeben. Autofahrer, die der Poli- zeistreife besoffen oder aus Angst davongefahren waren; ein Knabe, der so leichtfertig war, nachts in einem Jugendheim mit einem Einbrecher verwechselt werden zu können - solche und andere "Typen" bleiben auf der Strecke, seit die faschistische Be- schwerde über einen zu lockeren Umgang mit Gesetzesbrechern offi- ziell von oben Recht bekommen hat. Nach jedem derartigen Fall meldete sich übrigens die oppositio- nelle Öffentlichkeit zu Wort. Mit dem harten Vorwurf, offenbar ließe - ausgerechnet! - die S c h i e ß a u s b i l d u n g der Polizei zu wünschen übrig... Die Alternativen ---------------- Was in Kohls "Wende"-Republik Opposition heißt, ist überhaupt eine einzige Sammlung von Belegen dafür, wie sicher sich die Re- gierung ihrer Sache sein kann. Je polemischer sie auftritt, um so defensiver, um so reaktionärer und um so abstruser fällt die öf- fentliche Kritik an ihr aus. a) Die F r i e d e n s b e w e g u n g ist voll auf die zyni- sche "Gewaltfrage" eingestiegen, die ihr von oben entgegengehal- ten worden ist - ausgerechnet von den Adressaten ihrer Kritik an militärischer Gewalt. Ihre Opposition gegen die neue US-Raketen- waffe in Europa ist umgedeutet worden in ein "Problem" für die demokratischen Methoden der Machtausübung. Statt um die Raketen sollte es immerzu um die Grenzen gehen, die das parlamentarische System einer legitimen Oppositionsbewegung setzt; Grenzen, die auf gar keinen Fall verletzt werden dürften und deren auch bloß theoretische Nicht-Beachtung die Friedensfreunde als durch und durch unfriedliche Gemüter entlarve. Als Bedingung dafür, ihre Einwände überhaupt vorbringen zu dürfen, wurde der Friedensbewe- gung der Beweis abverlangt, daß sie nichts, aber auch gar nichts am gegebenen System demokratischer Gewalt in Frage zu stellen ge- dachte; alles andere sei - ausgerechnet! - G e w a l t. Brav demokratisch ist die Friedensbewegung dieser Beweispflicht nachgekommen. Sie hat die Moral demonstrativer "Gewaltfreiheit" im verlangten Sinn, also des einfältigsten Idealismus, in den ei- genen Reihen als politische Linie durchgesetzt. Sie hat sich zu allen vaterländischen Parolen bekannt. Sie hat sogar ihre Blockade-Aktionen als Festivals ihres - durch anwesende Prominenz bezeugten - guten Willens durchgezogen. Und konnte damit ihrer Beweispflicht doch nie Genüge tun. Denn bei soviel Unterordnung unter die Sitten parlamentarischer Demokratie blieb natürlich auch die Beweis w ü r d i g u n g ganz und gar Sache der Staatsgewalt und ihrer Öffentlichkeit. Und die waren längst bei der Frage angelangt, ob man den Friedensbewegten mehrheitlich böse Absicht unterstellen oder eine fehlgeleitete naive Friedens- sehnsucht zugute halten sollte. Für die politischen Wortführer der Friedensbewegung war dies nur ein Anlaß mehr, sich als den besseren Anwalt der demokratischen Kultur im Lande auszurufen. Dabei mündete ihre Klage über die Mißachtung eines angeblichen Mehrheitswillens im Volk am Ende in die Beschwerde, die R e c h t e d e s P a r l a m e n t s würden verkürzt, wenn die Regierung ihren Bundestag nicht vor Be- ginn des Raketen-Antransports noch einmal frei diskutieren und Beschluß fassen ließe. Das Ende des "Widerstands", der nie einer sein, sondern nur mit der grundgesetzlichen Phrase eines "Rechts auf Widerstand" kokettieren wollte, war sehr folgerichtig ein al- ternativer Saubermanns--Standpunkt reinsten Wassers. Mit dem bes- tritt die grüne Opposition ganze zwei Monate später ihre Kritik am Verteidigungsminister, der sich inzwischen der lauwarmen "Affäre Kießling" schuldig gemacht hatte. Es war wie das Possen- spiel, das dokumentiert, daß die Tragödie aus und vorbei ist; die eher peinlichen Versuche, dem Streit um die verlorene Generals- ehre eine tiefere Bedeutung beizulegen, haben das nur unterstri- chen. Vom "Widerstand" gegen die "undemokratische" Aufrüstungspo- litik blieb das Wohlgefallen an der "ätzenden" Häme, mit der die Wortführer der Grünen im Bundestag der Regierung die Anwaltschaft für und die Sorge um die demokratische Volksmoral streitig mach- ten: "Ach, hätte man uns doch gleich gesagt, was diese Koalition der Mitte unter geistig-moralischer Erneuerung versteht. Wer von uns hätte sich jemals dieses pfälzische Gesamtkunstwerk vorzustellen vermocht, welches in barocker Opulenz so langsam versumpft? ... Man weiß nicht, ob man angesichts dieses christdemokratischen Sittengemäldes lachen oder weinen soll. Die dumpfe Machterhaltung tarnt sich hier als Schmiere, und auf der Strecke bleibt die po- litische Moral. Man täusche sich nicht. Die langfristigen Folgen durch diesen Verlust werden schlimmer sein, als es jene glauben, die allein auf das Beharrungsvermögen eines niedergelassenen Hinterteils vertrauen..." "Kritik" vom Standpunkt gemeinsamer, Regierung und Opposition im Prinzip einigender Sorge darum, was "langfristig" für die Staats- gesinnung des Volkes dabei herauskommt, wenn die Obrigkeit sich so ungeschickt aufführt; "Kritik" in Form von methodischen War- nungen davor, daß schlechtes Regieren sich rächen werde; "Kritik" also bedingungslos konstruktiv: das ist dem "frechsten" MdB der Grünen, Joseph Fischer, gegen seine Regierung eingefallen, kaum waren die ersten Pershings im Land und ein General in den Schlag- zeilen. b) Die G e w e r k s c h a f t hat den "Klassenkampf von oben" entdeckt. Und zwar genau in dem Moment, wo sie mit ihrem allzu gut gemeinten Arbeitsverteilungsprojekt namens "35-Stunden-Woche" bei den Oberen abgeblitzt ist, denen sie damit doch imponieren wollte. Seit die Gewerkschaftsspitze hat einsehen müssen, daß die Regierung ihr tatsächlich ihre jahrelang zugestandene konstruk- tive Rolle in der Wirtschaftspolitik bestreiten will, beklagt sie die "soziale Ungerechtigkeit" der Bonner Politik. Diese Be- schwerde enthält denn auch, trotz aller realistischen Schilderun- gen der "neuen Armut", weder Wahrheit noch Opposition. Sie lebt gar nicht von der Einsicht in die ökonomischen Vorhaben der bun- desdeutschen Republik, geschweige denn in den notwendigen Zusam- menhang von Wachstum und Elend. Sie entstammt dem Ärger über man- gelnden Respekt der Obrigkeit vor den gewerkschaftlichen Gleich- berechtigungs- und Mitbestimmungswünschen, ausgedrückt als Vor- wurf, die Regierung ignoriere die selbstlosen Nachkriegsleistun- gen der deutschen Arbeiter, verkenne die unentbehrliche Stabili- sierungsfunktion des DGB und lasse es an Neutralität im Tarif- streit fehlen, wo der Kanzler doch eigentlich zum Schiedsrichter berufen sei. Die Regierung läßt solche Vorwürfe ins Leere laufen mit dem schlichten Hinweis, sie verstehe sich eben gar nicht als überparteiliche Instanz, sondern als Anwalt der "wirtschaftlichen Vernunft" und könne die Arbeiter im übrigen noch besser leiden als die DGB-Führung, sei nämlich von denen auch gewählt. Solchen schlichten Feindschaftserklärungen setzt der DGB erst recht nicht die Ankündigung eines "Klassenkampfes von unten" entgegen. Er be- gegnet ihnen im Gegenteil mit der Versicherung seines von oben mißachteten, dennoch unverbrüchlichen Willens, Derartiges zu ver- hindern und den "sozialen Frieden" verantwortungsbewußt zu halten - koste es, was es wolle. Praktischen Nachdruck verleihen die Ge- werkschaften ihren Beschwerden folglich nicht durch Kampfaktionen - DGB-Vereine bringen es fertig, vor ihrem eigenen Streik wochen- lang zu warnen und dem Gegner jede Initiative zuzuschanzen. Ein- druck wollen sie machen durch die Beteuerung und den per Arbeits- kampf geführten Nachweis einer proletarischen Opfergesinnung, an der der Rest der Gesellschaft sich ein Beispiel nehmen und die Regierung, statt den DGB schlechtzumachen, ihre Freude haben sollte: " Viele Politiker und Journalisten scheinen es nicht zu wissen: Der Streik ist mit hohen persönlichen Opfern und hohen Risiken für die Arbeitnehmer und ihre Familien verbunden. Sie müssen Ein- kommenseinbußen hinnehmen. Sie müssen berufliche Nachteile fürch- ten. Aber die Arbeitnehmer nehmen dieses Opfer auf sich..." (Ernst Breit) - und warum tun diese edlen Menschen das? "In Vergessenheit sollte nicht geraten, daß es den Gewerkschaften mit ihrer Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit in erster Li- nie um die Schaffung neuer Arbeitsplätze geht. Nachdem sich die Bundesregierung einer wirksamen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verweigert hat, blieb den Gewerkschaften nur die tarifpolitische Durchsetzung von Arbeitszeitverkürzung, um damit die Schaffung oder wenigstens Sicherung von Arbeitsplätzen zu ermöglichen. Das sollte vom Bundeskanzler... eigentlich anerkannt werden. Stattdessen stempeln sie die Streikenden und ihre Gewerkschaften fast zu Staatsfeinden, wobei sie ihre Politik mit dem Staat gleichsetzen - ein fragwürdiges Demokratieverständnis! Jedenfalls gefährden sie damit leichtfertig ein kostbares Gut: den sozialen Konsens und den sozialen Frieden. Um ihn wurden wir in der ganzen Welt beneidet. Er war für unsere Volkswirtschaft zu einem wichti- gen Produktionsfaktor geworden" und so weiter und so weiter (ebenfalls in: Quelle 6/84) Wo unterscheidet sich diese Beschwerde eigentlich noch von dem perversen Ideal eines gleichmäßig verteilten Schadens und des öf- fentlich belobigten Opfers, wie Minister Blüm es vorbuchstabiert? Die materiellen Interessen der vom DGB vertretenen Arbeiter haben für diese "Kritik" jedenfalls nicht die Gesichtspunkte geliefert - eher schon die altbekannten Schlager der nationalen Schicksals- gemeinschaft. Für die "Wende"-Regierung mit ihrer faschistischen Liebe zum guten Volk bedeutet das keine Ankündigung von Wider- stand. Zu ihrer Politik der selbstverständlichen Opfer liefert diese Gewerkschaft das passende E c h o v o n u n t e n! c) Was soll man schließlich davon halten, wenn das wichtigste po- litische Oppositions- und Skandalblatt der Republik, "Der Spie- gel", eine von ihm postulierte Empörung der Wählerschaft über die christlich-liberale Koalition und ihre Affären folgendermaßen vorträgt: "Wollt Ihr Euer Geschäft so weitertreiben, Ihr in Bonn? Wie lange noch? Schließlich seid Ihr nicht im Betäubungszustand zu Bettge- nossen gemacht worden. Ihr habt Euch gemeinsam zur Wahl gestellt. Ihr wolltet gemeinsam regieren, eine Mehrheit der Wähler hat Euch gewählt. Mag jetzt die Opposition triumphieren, sie schmückt sich mit Eu- ren Federn. Mögen unsere, der Kritiker, Federn krakeln und kra- xeln: Regiert werden muß ja trotzdem. Gönnt uns unsere Schaden- freude, aber, bittschön, entzieht ihr den Boden. Sonst werden wir auch diese Legislaturperiode vorzeitig beenden, das zweite Mal binnen vier Jahren." (R. Augstein in der Nr. 26/84) Eimmal abgesehen von der pennälerhaften Eitelkeit der Schreibe, die davon Zeugnis gibt, daß das, was hierzulande als Kritik Aner- kennung findet, nicht wahr sein und beherzigt werden, sondern ge- schmäcklerisch genossen sein will. Eimmal abgesehen auch von dem wahnhaften "wir", dem in der Person des Kommentators zusammenge- faßten Plural majestatis des Wählers, der da die vorige Legisla- turperiode beendet haben will- als wäre nicht die "Wende" gerade der schlagendste Beweis dafür, daß Demokratie andersherum geht und eine Opposition nur soviel gilt und ausrichtet, wie die FDP aus Gründen parlamentarisch-demokratischer Konkurrenz darauf Wert legt. In der Sache besteht die vorgetragene Kritik allein in dem Vorwurf, die Koalition nähme die ihr zuteil gewordene Ermächti- gung durch die Wahl, den Freibrief fürs Regieren, nicht tatkräf- tig genug wahr. Anklagend vorgetragen wird der lupenrein faschi- stische Anspruch des mustergültigen Bürgers, ohne Wenn und Aber, ohne Uneinigkeit unter den berufenen Führern, ohne "Reibungs- verluste" durchs demokratische Konkurrieren, ungestört von aller, auch der eigenen Meckerei r e g i e r t z u w e r d e n. Mit der Wahl, als deren Veranstalter er sich gleich auch noch vorkommt, will der gute Bürger, als welcher Augstein da spricht, kein anderes Recht erworben haben als eben das a u f e i n e H e r r s c h a f t o h n e S c h w ä c h e n. Bloß noch in der Manier einer unbefriedigten Ästhetik gelungener Herrschaft ist dieser kritische Standpunkt bedingungsloser Anti-Kritik unterschieden von den politischen Brutalitäten des Augstein- Kollegen Besser, der im der "Bild am Sonntag" immer schon einen Tag eher dran ist mit seinen Aufrufen, der Kanzler möge endlich, endlich seinen "Kanzelton" ablegen und "auf den Tisch hauen"! S o machen die besten Demokraten, über die je ein deutscher Kanzler gebieten durfte, die administrative Gleichschaltung von oben mehr als überflüssig. Ohne Zwang nutzen sie ihre Meinungs- freiheit zur Konkurrenz um die gelungensten Sorgen um Ehre und Erfolg der demokratischen Herren und eine "schicksalhaft" ver- schworene einige Volksgemeinschaft. Mit dieser Meinungsvielfalt stellen sie jedes "totalitäre" Propagandaministerium in den Schatten. Was sind denn schon Vor- und Nachzensur gegen den frei- willigen Wettlauf um den besten publizistischen Dienst an der Macht und ihren Inhabern?! Letztere brauchen also den Vergleich mit Hitlers "Wende" zur "geistig-moralischen Erneuerung" Deutschlands weder zu scheuen noch sich gefallen zu lassen. Über die meisten faschistischen Me- thoden der inneren Mobilmachung wissen sie sich mit Recht erha- ben. Wer auf die wartet, ehe er etwas merken will, der hat alle ent- scheidenden Fortschritte schon verpaßt. Die Regierung der "Wende" begnügt sich bei allem, was sie ver- fügt, nicht mit der üblichen Verklärung ihrer Taten zu lauter "Notwendigkeiten" und "Sachzwängen". Ihre Spezialität auf dem Felde der Selbstdarstellung besteht darin, ihre L e g i t i- m a t i o n, ihre wohlerworbene F r e i h e i t zur Führung zu betonen. Deshalb besteht sie dauernd auf der Gleichung, nach der R e c h t u n d M a c h t a l l e m a l d a s s e l b e sind. Deshalb gilt ihr G e i s t als die Gesinnung, die diese harte Wahrheit zum höchsten W e r t verfabelt, hinter dem alle minderen, weil "materiellen" Werte zurückzustehen haben. Die Tu- gend anderer will sie nur in respektvoller Akklamation ihrer sou- veränen Führungskünste am Werk sehen. Insofern läßt diese Regierung gerade in ihrer Selbstbespiegelung keinen Zweifel daran, wie ernst sie es mit der F r e i h e i t d e s u n b e h i n d e r t e n R e g i e r e n s meint. Ihr antikritisches Ideal einer widerspruchs- und widerstandslosen De- mokratie verrät, was diesmal Demokraten mit ihrem Volk vorhaben. So ging und so geht eben - M o b i l m a c h u n g! *** "Revanchismus"? Nie gehört! Aber Europa gehört wiedervereinigt. "Jalta" kann nicht das letzte Wort sein. "Frieden"? Aber immer! Besonders den Sowjetrussen muß man das beibringen. Am besten in der Sprache der Gewalt. Eine andere ver- stehen die doch nicht. "Imperialismus"? Aber doch nicht bei uns! Wir kümmern uns doch um alles: um Rohstoffpreise und Waffenhandel, um freie Schiffahrts- wege und Schuldenberge, um Überbevölkerung und Menschenrechte. Da haben wir doch wohl auch ein Recht darauf, daß uns nirgendwo der Russe 'reinredet. "Aufrüstung"? Für unsere Bundeswehr ein Fremdwort! Die muß uns nur verteidigen. Das geht am besten in Weißrußland - sonst hängt die Atomschwelle zu niedrig. "Der Westen will den Krieg"? Lächerlich! Wir setzen doch unsere schöne Weltordnung nicht aufs Spiel. Die setzen wir durch! Und Störenfriede haben darin nichts verloren! Karl Held/Theo Ebel Abweichende Meinungen zur 'Nachrüstung' Der Westen will den Krieg Acht Beweise und ein Schluß Resultate-Verlag, München 1983, 82 Seiten ISBN 3-922 935-16-8 zurück