Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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"Dialog mit der Jugend"
SCHARFE REZEPTE FÜR DEN FRIEDENSWILLEN
Man will sich mal wieder um die Jugend kümmern. Parteien und Kir-
chen betonen, beschließen und veranstalten Diskussionen dafür,
daß jeder mitbekommt, wie sehr sie sich mit den jungen Schäfchen
beschäftigen und daß sie es jeweils sehr viel besser und einge-
hender tun als die anderen. "Wir nehmen den Friedenswillen der
Jugend ernst", heißt heute die Methode demonstrativer Sorge, die
darauf reagiert, daß es vor allem junge Leute sind, die in der
Friedensbewegung ihre Sehnsucht nach Frieden äußern. Trotz aller
Parteienkonkurrenz aber gar nicht überraschend wenden alle das-
selbe uralte Prinzip an, wenn sie sich laut und vernehmlich der
Jugend annehmen: Sie weisen sie zurecht und stutzen ihren Idea-
lismus, der bekanntlich den Jungen noch zusteht, auf den staat-
lich verordneten Realismus zusammen.
Frieden ist eine viel zu harte Sache und kann erklärtermaßen
leicht noch viel härter werden, als daß dieser Zustand vor der
Vaterlandsverteidigung allein den noch idealistischen und ver-
führbaren Köpfen und Willen der Jugend bis 30 überlassen bleiben
dürfte. "Friedenssehnsucht darf nicht von falschen Propheten aus-
gebeutet werden", sagt der Zimmermann von der CSU, der dafür
wahrlich alt genug ist, mit der gleichen Unverschämtheit, die
Kollege Brandt für die SPD gleich methodisch auf den Begriff
bringt: "Friedenssehnsucht in praktische Friedenspolitik umzuset-
zen" heißt die Aufgabe, also die unseriöse Schwärmerei junger,
unerfahrener Menschen für die eigene Politik nutzbar zu machen.
Dann natürlich "fühlt sich die Partei durch die Demonstration (in
Bonn) in ihrem Willen bestärkt". (Nochmals Brandt.)
Christlich-Sozialer Dialog
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Er und seine anderen guten Propheten möchten "den jungen Menschen
wieder Mut machen", was diese Jugendfreunde zielgerichtet "in ei-
ner Art Mobilmachung" (Stoiber) gegen die Unruhestifter von der
Friedensbewegung bewältigen wollen. Man ist in der CDU sogar so
frei, auf die übliche "Ohne Wenn und Aber"-Tour zu verzichten und
"über die Erhaltung des Friedens in nicht vorgegebenen Denkscha-
blonen zu diskutieren". Etwa mit der neuen Schablone, die Frie-
densbewegung zu spalten, weil sich in ihr "ultralinke Marxisten
und Sozialisten mit überzeugten Pazifisten, Christen..." zusam-
mentun, so daß folgendes originelle Denkmuster zustandekommt:
"Im Dialog mit wirklichen (!) Pazifisten muß deutlich werden:
- Wir sind gemeinsam für den Frieden.
- Pazifismus ist für die CDU kein (?) Schimpfwort.
- Wir streiten nicht um das Ziel, sondern um den richtigen Weg
zur Sicherung von Frieden und Freiheit. ...
Mit jedem aufrechten Pazifisten teilen wir die Sehnsucht nach
Frieden, Gewaltfreiheit und weniger Waffen in dieser Welt... Die
Entscheidung absoluter (!) Gewaltfreiheit kann ein einzelner auf
sich nehmen; er darf sie niemals anderen und der staatlichen Ge-
meinschaft aufzwingen." (Argumente der CDU zur aktuellen Frie-
densdiskussion)
Da hat es die CDU besser, sie braucht niemandem etwas aufzuzwin-
gen, weil sie eh schon die staatliche Gemeinschaft vertritt. Eine
weitere neue Schablone in der Auseinandersetzung mit der frie-
denswilligen Jugend ist deshalb auch sie selbst:
"Wir erkennen an; daß es über den Weg (den Frieden zu sichern)
unterschiedliche Auffassungen gibt, aber wir wollen klarmachen,
daß die CDU die eigentliche Partei des Friedens in der Bundesre-
publik Deutschland ist: Der dreißigjährige Friede in Europa ist
das Ergebnis unserer Verteidigungspolitik." (Heiner Geißler)
Hier von einem Opportunismus der C-Gruppen zu reden, wäre völlig
verfehlt. Die Anerkennung des angeblich gemeinsamen Zieles ist
lediglich eine Phrase, um zu den Antworten zu kommen, die sowieso
gelten. Schon gewußt, daß weniger Waffen in Europa und in der
NATO die Kriegsgefahr erhöhen? Die Geschichtsschreibung der C-
Parteien kann dies nachweisen: indem sie alle militärischen Ak-
tionen des Ostens aufzählt dann Schluß; indem sie eine prozentige
Erhöhung der Rüstungsausgaben im Osten errechnet, gegenüber der
der Westen seine Überlegenheit viel billiger haben kann (sagt die
CDU natürlich nicht); indem jeder kleine Schritt der SU in der
Welt als Expansion gilt, jeder imperialistische Machtanspruch des
Westens wahrscheinlich Freiheit sein soll:
"Mit einseitigen Abrüstungsmaßnahmen (einseitig soll der Osten
abrüsten) würden wir uns zunehmend abhängig von der expansiven
Sowjetunion und ihren Verbündeten machen. Durch einen einseitigen
Verzicht auf Abschreckung nehmen wir dem Warschauer Pakt das
Risiko eines Angriffs und machen einen Krieg somit wahrscheinli-
cher." (alle aus Argumente der CDU)
Die freche Offenheit, zu sagen woran man interessiert ist, und
das ganze als Beweis auszugeben entblödet sich nicht, Chamberlain
und Daladier wegen ihrer mangelnden Kriegsbereitschaft als Schul-
dige des Zweiten Weltkriegs hinzustellen und nach der vorherigen
Aufzählung des russischen militärischen Ü b e r gewichts ein
G l e i c h gewicht in Europa für den Frieden verantwortlich zu
machen:
"Seit dem Zweiten Weltkrieg haben über 140 Kriege stattgefunden.
(Wer war es denn?) Der freie Teil Europas ist von diesen Waffen-
gängen verschont geblieben, obgleich in unserem Erdteil seit 1945
die höchste Rüstungsdichte besteht - weil hier ein wirksames
Gleichgewicht herrscht."
Schon gewußt, daß sozialer Wohlstand nur über das Niedermachen
der Russen zu haben ist?
"Jeder vernünftige und human denkende Mensch weiß, daß wir drin-
gend öffentliche und private Gelder für Randgruppen in unserer
Gesellschaft und die notleidenden Menschen in der Dritten Welt
benötigen. Aber was nützt uns die beste Sozialpolitik, wenn die
Kosaken kommen, fragte schon der bekannte liberale Politiker
Friedrich Naumann vor über 80 Jahren. Dies gilt auch heute. ...
Wenn wir nicht mehr bereit sind, unsere Verteidigung zu finanzie-
ren und als Folge davon in eine politische Abhängigkeit von der
Sowjetunion geraten, sind wir nicht mehr in der Lage, für eine
Verbesserung der Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft und in
den Entwicklungsländern zu sorgen."
Die Toten sind dann eh kein Sozialfall mehr, oder: Der beste So-
zialstaat läßt sich immer noch in der Nachkriegszeit machen.
Apropos Tote: Die Parole 'Lieber rot als tot', die verrückt genug
ist, weil sie diese Alternative aufmacht, anstatt sich mit dem
todbringenden Staat anzulegen, erfährt von den christlich-demo-
kratischen Realisten diese Widerlegung:
"Ist der Kommunismus wirklich eine Garantie gegen den Tod? Eine
historische Untersuchung der Menschenrechtssituation in kommuni-
stischen Regimen... kommt nach kritischer Bewertung aller Quellen
zu dem Ergebnis, daß mindestens 70 Millionen Menschen das Vor-
dringen des Kommunismus mit dem Leben bezahlen mußten."
Die Antwort der CDU auf diese saublöde Frage, wo doch schon das
friedliche Wirken der Staaten Millionen Tote produziert, könnte
unverfrorener nicht sein. Am besten hätten sich die Kommunisten
alle selbst erschießen lassen sollen (weil für diese Unter-
menschen nicht einmal das freiheitliche Menschenrecht gilt, sich
mit der Neutronenbombe gegen die Vergewaltigung seiner Schwester
zu verteidigen). So hätte es weniger Tote gegeben, bzw. nur so
viel, wie in der Statistik der CDU nicht vorkommen. Diese Propa-
ganda verschweigt nichts:
- Das Zarenreich und seine Verbündeten, nein
"Sowjetunion: Organisierter Terror und Bürgerkrieg, die ihren Ur-
sprung in der Oktoberrevolution hatten, forderten mehr als 14
Millionen Menschenleben."
- Der Faschismus, nein
"Deutschland: Über 2 Millionen Deutsche kamen bei der Vertreibung
aus dem kommunistischen Machtbereich nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs um."
- Frankreich und die USA, nein
"Indochina: Nach zuverlässigen, Schätzungen brachten die Kommuni-
sten zwischen 1945 und 1959 900.000 Zivilisten um. Im Vietnam-
krieg starben mehr als 1,5 Millionen Vietnamesen und 55.000 Ame-
rikaner."
Fazit: "Kommunismus ist keine Lebensgarantie, weil er trifft auf
so harten Widerstand, sobald er antritt, daß es für den Westen
eine wahre Befriedigung ist, wenn möglichst viele von dieser
Sorte ins Gras beißen, andererseits auch dem Kommunismus die
"Notwendigkeit" geschuldet ist, das eigene Volk im Abwehrkampf
gegen ihn zu verheizen.
Der kirchliche Segen
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zur brutalen Statistik der CDU, mit der diese der Jugend den
machtvollen Frieden beibringen will, der sich offiziell gehört,
weil er den Kommunismus niederhält, bleibt natürlich nicht aus.
So weltfremd ist die Bibel nun auch wieder nicht. Die CDU hatte
es in ihrem Strategiepapier bereits gesagt:
"Unser Verhältnis zu den Bischöfen und Kirchenpräsidenten ist
heute ausgezeichnet. Aber die sogenannte Friedensbewegung be-
treibt ihr Geschäft nicht auf der Ebene der Kirchenleitungen,
sondern in den Gemeinden..."
- und zwar so lautstark, daß der Kanzler mehrfach als Gastredner
auf der Kanzel vor einer "Einmischung der Kirche in die Politik"
zu warnen hatte, weil da im Rahmen christlicher Maßstäbe mal
nicht die Regierungslinie vertreten wurde. Selbstverständlich,
daß sich da die Kirchenleiter freiwillig in die Pflicht genommen
fühlen, aus der Tiefe des Glaubens heraus nach Möglichkeiten zu
suchen, "gemeinsam mit Verbänden und Parteien bei der Lösung
schwieriger Fragen zusammenzuwirken". Und wenn dann die Deutsche
Bischofskonferenz mitteilt, daß es "gegen die Ausflucht in ge-
fährliche Utopien und blinde Gewalttätigkeiten den Geist der Be-
sonnenheit braucht", so ist dies keine Einmischung in die Poli-
tik, weil jeder weiß, daß nicht die Aufrüstungspolitiker, sondern
die Aufrüstungskritiker gemeint sind.
Mit "allem Geist der Liebe" und "ohne nervöse Ungeduld und pani-
sche Angst" teilt Erzbischof Höffner den Gemeindelämmern die
Marschrichtung mit:
"Die katholische Kirche darf den Regierungen nicht das Recht auf
Notwehr und sittlich erlaubte Verteidigung absprechen. Für die
sittlich erlaubte Verteidigung bedarf der Staat der Unterstützung
des Volkes und der Bereitschaft des einzelnen zum Wehrdienst."
Nicht weniger gottesfürchtig und sittlich einwandfrei tritt die
moralische Aufrüstung der evangelischen Brüder auf. Wo in Hamburg
ihr Oberpräsident "den lieben Bundeskanzler" gegen die unsittli-
che und besonders schlimme psychologische Kriegsführung der Frie-
densfreunde in Schutz nimmt, damit dieser die Notwendigkeit der
anderen Kriegsführung erläutern kann, setzen sich in München ge-
strenge, aber gelehrte Herren der evangelischen Fakultät hin und
verfassen ihren Friedensappell. Wir sind uns sicher, daß der Ka-
thole Ratzinger auch unterschrieben hätte, wenn es seine Fakultät
gewesen wäre. Denn jüngst erst warnte er vor dem "Mißbrauch des
Friedensbegriffs". Der gemeine Christ solle vielmehr "Friedlich-
keit" zeigen, also tun, was die Regierung sagt: "Mit dem Ruf nach
dem äußeren Frieden wird zunehmend der innere Friede ver-
nachlässigt". Wo kämen wir denn hin, wenn die Grenzsituation des
Krieges nicht mehr als Quell religiöser Erfüllung angesehen
würde. Daß der Mensch die Gefahr ist, beweisen die evangelischen
Professoren mit ihrer Kriegstheologie:
"Der Christ kennt nicht nur das Gebot der Liebe, sondern auch die
Macht der Sünde, den unbändigen - oft brutalen - Machtwillen"
(des Kreml), "der Menschen. Dieser läßt sich nicht immer durch
Liebe entwaffnen.
Es kann nicht jedem Bürger eines Staates überlassen bleiben, nach
eigenem Gutdünken den notwendigen Schutz des Lebens wahrzunehmen.
Christen anerkennen das Amt der Machtverwaltung als eine Notver-
ordnung Gottes zur Eindämmung des Unrechts und zum Schutz des Le-
bens. Zur Sicherung des äußeren und inneren Friedens bedarf jedes
Staatswesen entsprechender Machtmittel. Es darf darauf weder ver-
zichten, noch seine Macht zur Unterdrückung der eigenen Bürger
und fremder Völker mißbrauchen. Christen sind verpflichtet, dem
Staat in seinem Bemühen, den Frieden zu erhalten, Dienst zu lei-
sten. Solcher Dienst ist gleichermaßen als Dienst der Liebe, des
Ausgleichs, der Förderung menschlicher Gemeinschaft wie auch als
Dienst der bewaffneten Verteidigung des Rechtes und des Lebens
erforderlich."
Jetzt weiß der Jesus, einfältig wie er war, was er mit seiner
Bergpredigt angerichtet hat. Das hätte er wirklich wissen müssen,
daß man aus seiner Bibel auch den notwendigen Kampf der göttli-
chen Notverordnung NATO gegen den sündigen Osten ableiten kann,
wenn man sich tief christlich in das Amt der Machtverwaltung hin-
einversenkt, d.h. mit aller Macht der Liebe die kritische Liebe
zur Macht und ihren möglichen Segnungen als Gewissensfrage immer
neu erörtern und sich zu lauter positiven Antworten durchzurin-
gen.
Die sozialliberale Jugendbewegung
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Ob SPD und FDP so anders mit der Jugend von heute umspringen, wie
es heißt, mag der Leser selbst entscheiden. Hier nur ein paar
Hinweise in die Richtung, daß diese Parteien gar nicht abseits
stehen, wenn ihre Konkurrenten loslegen:
1. Auch sie wollen den Friedenswillen der Jugend besonders ernst
nehmen.
2. Sie gehen sogar so weit, die Friedensbewegung als Strömung zu
charakterisieren, für die nur sie eigentlich eine Antenne haben.
3. Sie lassen es sich nicht nehmen, klarzustellen, daß bloße
Friedenssehnsucht ziemlich unrealistisch ist angesichts der Poli-
tik der Bundesregierung.
4. Das der Jugend einzupflanzen (und die Friedensbewegung lädt
sie auch ein, weil sie tatsächlich glaubt, die SPD wolle etwas
anderes als die CDU), setzen sie alle möglichen Diskussionsrunden
in Gang und veranstalten Foren mit Vermittlern zwischen Realismus
und Idealismus wie Eppler, Bahro...
5. und einem Apel, der sagt, weshalb man sich an die SPD halten
soll:
"Wenn 60 Millionen Deutsche in die Idylle der Neutralität fluch-
ten würden, müßte man befürchten, daß andere die Konflikte auf
deutschem Boden austragen, die wir, wenn wir in unserer Bedeutung
Politik machen, verhindern können."
6. Egon Bahr hat die Formel gefunden, wie er und seine Partei
völlig anders als die C- und K-Gruppen von rechts ihr Problem mit
der Friedensbewegung zum Wohle der SPD lösen: "Wenn mir jemand
einen anderen Weg zeigt, wäre ich gern bereit, jeden besseren zu
gehen." Der Krieg als die immer noch beste aller schlechten Frie-
densinitiativen?!
7. Man denke nur, die FDP hat sogar den Ihv, ihren tief in der
Jugend verankerten Studentenverband, eingeladen, um zu demon-
strieren, daß man die jugendliche Friedensbewegung nicht anderen
Parteien überläßt, sondern selbst die Leitlinien Genschers ver-
mitteln will. So und nur so gehört der Jugend die Welt!
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