Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Von der "Erinnerung" an den "Ausbruch" des 2. Weltkrieges zur
"Verantwortung" für die Korrektur seiner Ergebnisse
DER IMPERIALISTISCHE SINN DER DEUTSCHEN VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG
Wenn sich einprägsame Daten der faschistischen deutschen Vergan-
genheit jähren, sind stets amtliche Worte der Besinnung ange-
bracht. Die Kunst des Distanzierens des Rechtsnachfolgers des
III. Reiches von eben diesem, die dabei zu Ehren gelangt, ist an
sich eine einfache Übung, weil der Katalog der im Pflichtteil
namhaft zu machenden Schandtaten feststeht. Doch manchmal wird
bei der Kür gepatzt, und die Feststimmung bei der Inszenierung
der offiziellen Heuchelei stellt sich nicht so recht ein, wenn
die Anschauung vom Faschismus als deutscher Fall von tragischer
Verstrickung bloß bei der verständnisvollen Darbietung aller -
damals wie heute - einleuchtenden Gründe fürs Mitmachen hängen-
bleibt. Sicher hat Jenninger, den solches Mißgeschick vor einem
knappen Jahr um sein Amt brachte, bis heute nicht begriffen, wo-
mit er bei seiner einfühlsamen Rede auf die Judenverfolgung ei-
gentlich danebenlag. Die Redenschreiber des Kanzlers jedenfalls
haben bei dessen "Erklärung zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des
Zweiten Weltkrieges" nicht nur peinlich genau darauf geachtet,
daß Schuld und Unschuld in passenden Dosierungen verteilt wurden.
Sie haben vor allem darauf Wert gelegt, in Sachen "Kriegsschuld"
die Anklagebank richtig zu besetzen.
Des Kanzlers Motto:
"Erinnerung - Trauer - Mahnung - Verantwortung "
stellte vorweg den einzufahrenden Ertrag der Rede vor Augen, für
den diesmal des historischen Datums gedacht werden sollte. Thema-
tisch galt es hierfür, am historischen Stoff die geschichtsphilo-
sophisch-moralische Steilvorlage einzuholen, die Kohl in das
schöne Bild vom "Guten", "das sich eben nicht zerstören läßt" und
vom "Bösen in der Geschichte", das "auf Dauer keinen Bestand"
hat, kleidete. (Alle Zitate aus: Erklärung der Bundesregierung
zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges,
1.9.1989) In diesem Sinne, und damit auch jeder wußte, wovon an-
läßlich des Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen
e i g e n t l i c h die Rede war, galt es in einem ersten Zu-
griff die Scheidungslinie zwischen gut und böse in etwa anzubrin-
gen, und -
Der Kanzler erinnert sich
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"Es ist wahr: Allzuviele Menschen in Deutschland - auch manche im
Ausland - hatten sich vom Tyrannen blenden und irreleiten lassen.
Das Urteil über die NS-Diktatur hängt indes allein von ihren Un-
taten ab, ihrem Vernichtungsfeldzug und dem Völkermord."
Wie es so ist, wenn ein Kanzler sich aus dem "Erinnern" an damals
die Pflicht zur politischen "Verantwortung" schnitzt, die er
heute trägt, ist schon der Gegenstand seiner Rückbesinnung eine
verlogene Ideologie. Wenn der Mann "w a h r" sagt, meint er,
daß bei nüchterner und abgeklärter Überlegung an seiner Deutung
des Faschismus keiner vorbeikommt. Derzufolge hat es sich darum
gehandelt, daß das Volk seinem Führer gefolgt ist, aber nicht
wußte, wobei eigentlich. Das kommt nach des Kanzlers Auffassung
daher, daß das deutsche Volk - einerseits - von Haus aus
"sittliche Substanz" ist. Dieses grundgute Vermögen bewahrheitet
sich darin, an sich alle Tugenden ausgeprägt zu haben, mit denen
sich ausgezeichnet Staat machen läßt: Kohl weiß da nicht nur die
Idee der "Volksgemeinschaft" und die edlen "Werte der Heimatliebe
und des Patriotismus" zu nennen, sondern auch all die anderen
"Tugenden wie Tapferkeit, Loyalität und Opferbereitschaft", die
auch der Reichskanzler vor ihm zu schätzen und zu nutzen ver-
stand. Doch kommt es - andererseits - bei diesen Tugenden ganz
darauf an, was ein guter Staatsmann aus ihnen macht. Und weil ja
so manche faschistische Errungenschaft den an die Raffinessen de-
mokratischer Staatskunst gewöhnten politischen Geschmack ver-
letzt, heißt der erste Hauptsatz der Kohlschen Geschichtslehre
vom Faschismus: G u t e s Volk, aber s c h l e c h t e Füh-
rung, die es n i c h t v e r d i e n t hat.
So unerfindlich bleibt, was die erfolgreiche Inanspruchnahme al-
ler völkischen Tugenden, die ihm selbst das Herz übergehen las-
sen, mit "blenden" und "irreleiten" zu tun haben soll, so uner-
gründbar ist auch der Inhalt des Verdikts Kohls, die politischen
Machenschaften der faschistischen Führung betreffend. Der Mann
mit Doktor sagt "U r t e i l" - und macht damit bloß erneut sei-
nen Unwillen zum Dogma, zwischen einem solchen und einer morali-
schen Verurteilung zu unterscheiden. Die hält er für zwingend ge-
boten, hütet sich allerdings vor falschen Beschuldigungen und re-
serviert den ja schon feststehenden moralischen Malus ausschließ-
lich den Machenschaften, die ihn schon im Namen tragen. Die
T a t e n nämlich der "NS-Diktatur" - von der faschistischen
Ordnung im Innern bis zur Fortsetzung des Staatsprogramms per
Krieg nach außen - gehen dem Vernehmen nach im Prinzip in Ord-
nung; ganz zu Recht in der Logik eines Staatsmannes, schließlich
ist die Anwendung von Gewalt sein Metier. Gnadenlos verurteilt
gehören sie sich in dem Fall, wo ein Kohl nicht anders kann, als
sie für "U n t a t e n" zu halten - weil sie aus dem Repertoire
von Formen zivilisierter Gewaltausübung nach 1945 aussortiert
wurden. Und solche Untaten, an denen er einen ihm einleuchtenden
und deshalb ehrenwerten Staatszweck nicht erkennen können will,
kann Kohl gleich zweifach hersagen: ein Krieg, der zweifellos
nicht im Namen eines edlen Werts geführt wurde, deswegen b l o ß
"Vernichtungsfeldzug" war und sich einer ganz a b s u r d e n
Feindschaft verschrieb - "Völkermord".
So zur apolitischen, rein moralischen Chimäre verklärt, hebt der
deutsche Faschismus sich wohltuend schlecht vom heutigen Staat
der Deutschen ab, und die "Dimension des Grauens", die da her-
übergrüßt, kann gar nicht deutlich genug deutlich gemacht werden.
Vor allem aber kommt es auf die Schlußfolgerung an, die aus den
vom Kanzler eigens namentlich nochmal erwähnten bekannten un-
schuldigen Opfern ("Kolonnen ausgemergelter Kinder, Frauen und
alter Menschen", freilich auch Sinti Roma, Shoah, usw. usw.) zu
ziehen ist:
"Sich der unschuldigen Opfer zu erinnern heißt: das Grauen im Ge-
dächtnis zu bewahren, es sich im ursprünglichen Wortsinne - zu
vergegenwärtigen. Es muß uns immer Mahnung sein und darf nicht
durch falsche Vergleiche verharmlost werden. Hüten wir uns davor,
gedankenlos oder gar in polemischer Absicht Worte wie
'Faschismus' oder 'Widerstand' ohne weiteres auf aktuelle Sach-
verhalte anzuwenden!"
Richtig verglichen nämlich, so hört man vom Goebbels-Gorbatschow-
Spezialisten, stellt sich angesichts des faschistischen "Grauens"
augenblicklich Zufriedenheit darüber ein, von solchen Formen
staatlichen Terrors in der Demokratie verschont zu sein. Also
heißt D a n k b a r k e i t a u s P r i n z i p die Parole,
wenn man demokratisch regiert wird, was hinter das Kapitel
"Trauer", von der der Kanzler "tief bewegt" ist, einen erfreuli-
chen Schlußpunkt setzt.
Die Klärung der Kriegsschuldfrage
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fällt dem Kanzler insofern leicht, als er nur seine Hymne auf die
demokratische Regierungskunst wiederholt. Über den Kriegszweck
Hitlers redet er ohnehin nicht, und da er zwischen der ehrenwer-
ten Liebe zur Wahrheit und seiner eigenen zum deutschen Vaterland
sowieso nicht zu unterscheiden pflegt, ist der GröFaZ ganz
schnell und bequem an dem "politisch-moralischen Anstand" bla-
miert, den der deutsche Kanzler aus seinem Amtseid bezieht:
"Hitler hat den Krieg gewollt, geplant und entfesselt. Daran gibt
es nichts zu deuteln. Wir müssen entschieden allen Versuchen ent-
gegentreten, dieses Urteil abzuschwächen. Das ist ein Gebot der
Wahrhaftigkeit und des politisch-moralischen Anstands. Es ist
auch Gebot eines recht verstandenen Patriotismus, meine Damen und
Herren. Denn Hitlers Vernichtungswille hatte sich zuletzt auch
gegen unser eigenes Volk gerichtet: Im Angesicht der totalen Nie-
derlage wollte er es mit sich in den Abgrund reißen."
Was ist das nur für eine ehrliche Haut! Er stellt eine Tatsache
fest - und leugnet sie glatt nicht! Heroisch stemmt er sich gegen
Anfechtungen, es doch zu tun, und hält sich dabei ausgerechnet
noch für anständig. Und dann teilt er den geneigten Damen und
Herren mit, daß diese edle Gesinnung auch noch dem Vaterland
dient, insofern dieses am V e r l u s t des von Hitler
'entfesselten' Krieges ein einziges Zeugnis dafür besitzt, wie
w e n i g der Führer dem deutschen Interesse g e d i e n t
hat: Von der hohen Warte eines für Deutschland erfolgreichen Füh-
rers aus besehen, ist ein für Deutschland verlorener Krieg Vater-
lands v e r r a t von dem, der ihn angefangen hat - das
"entschieden" und ungeschminkt an die Adresse Hitlers loszuwer-
den, macht nicht nur jedes "Deuteln" überflüssig, sondern ist ge-
nau die Tour, in der sich der Kanzler in s e i n e m Erfolg
sonnt. Daher seine Wahrhaftigkeit und sein Anstand.
Gar nichts falsch gemacht haben dagegen die Patrioten, die sich
von Hitler kommandieren ließen, treu zum Staat standen und auch
im Faschismus all das taten, was sie sonst auch tun:
"Wir müssen uns hüten, aus heutiger Zeit vorschnelle Urteile zu
fällen. Wer von uns, meine Damen und Herren, könnte guten Gewis-
sens vor sich behaupten, daß er im Angesicht des Bösen die Kraft
zum Martyrium aufbrächte? Und wer von uns kann eigentlich ermes-
sen, was es damals bedeutete, im Bewußtsein der Gefahr für die
eigene Person auch das Wohl der eigener Familie aufs Spiel zu
setzen?"
Einsam sind die Tapferen, denn wer verzichtet schon auf seine
Karriere als Lehrer, Arzt, Beamter, Jurist... bloß weil grad' Fa-
schismus ist?! Um so größer schon wieder das fällige 'Dankeschön'
für den Segen der heutigen Herrschaft:
"Die Menschen heute sind nicht besser und nicht schlechter als
die Menschen damals. Aber sie stehen glücklicherweise nicht unter
dem Zwang, sich unter den Bedingungen einer totalitären Diktatur
entscheiden zu müssen."
Das "Argument", das der Kanzler hier für den Glücksfall ins Feld
führt, unter der Fuchtel seines demokratischen Rechtsstaats zu
stehen, ist ziemlich unwiderleglich: Wo Rechtsstaat ist, gibt's
den 'Entscheidungszwang', einer Diktatur zu gehorchen oder nicht,
in der Tat nicht. Den Gehorsamszwang gegenüber dem Rechtsstaat
aber schon; und daß das ein G l ü c k für die Untertanen wäre,
ist bloß die nette Geste eines zufriedenen Machthabers, der von
der prinzipiellen Unanfechtbarkeit seiner Machenschaften ohnehin
ausgeht und sein Volk dafür lobt, daß es ihm beim Regieren nicht
in die Quere kommt. Dafür darf der Kanzler aber auch was von sei-
nem Volk verlangen, denn umsonst ist das Glück, bedingungslos,
aber ohne Diktator, geltendem Recht und Gesetz Folge leisten zu
dürfen, natürlich nicht: Damit es auch wirklich vom nächsten Hit-
ler verschont bleibt, muß es wie beim ersten wie ein Mann hinter
seinem Staat stehen:
"Wer heute konsequent den Rechtsstaat verteidigt, wird morgen
nicht in die Lage kommen, Widerstand leisten zu müssen."
In andere Lagen aber lässig, und dafür verdienen sich die Bürger
von heute dieselbe Anerkennung ihres Kanzlers, die der auch den
Volksgenossen des III. Reiches zollt - die waren an der Heimat-
front oder auswärts stets "ehrlich und aufrichtig überzeugt, ih-
rem Land treu zu dienen", und haben darüber nicht wenig an
"menschlicher Größe" produziert. Versteht sich von selbst, daß
auf solche Patrioten selbst ein "Vernichtungskrieg" keinen Schat-
ten wirft, und zwar umso weniger, je länger der gedauert hat:
"Das nationalsozialistische Regime verstrickte Menschen guten
Willens in ein verwirrendes, in ein diabolisches Netz, dem zu
entkommen immer schwieriger wurde."
Das wird allen Polen, die zugehört haben, schwer ans Herz gegan-
gen sein, zumal der Kanzler in Sachen "Schuld und Versöhnung"
auch noch eigens
Grußworte an das polnische Volk
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fand.
"In deutschem Namen und von deutscher Hand ist dem polnischen
Volk Furchtbares angetan worden"
Nachdem ja in etwa feststeht, daß hierfür der wesentlich undeut-
sche Vaterlandsverräter Hitler verantwortlich zeichnete, leiten
sich aus deutschen Versäumnissen damals gleich Pflichten deut-
scher Politik heute ab:
"Wir wollen Verständigung zwischen dem deutschen und dem pol-
nischen Volk. Das ist unsere Pflicht, und es entspricht auch der
Sehnsucht beider Völker."
Der Kanzler weiß nicht nur genau, daß die Sehnsüchte des pol-
nischen Volkes in dem begründet liegen, worauf sich die deutsche
Außenpolitik verpflichtet. Er kennt sich vor allem auch darin
aus, was für die Erfüllung des polnischen Wunschtraums von
"Verständigung" und "dauerhafter Aussöhnung" alles vonnöten ist:
Mit derselben Unverfrorenheit, mit der er aus der moralischen Ab-
grenzung seiner Demokratie gegenüber Hitler im Innern das Recht
auf absolute Handlungsfreiheit herleitet, begründet er mit dem
Titel "Versöhnung" das moralisch unanfechtbare Recht aller An-
sprüche deutscher Ostpolitik und pocht mit dem Verweis auf die
gelungene Aussöhnung der - Deutschen mit der NATO darauf, daß den
deutschen Ansprüchen gefälligst Rechnung getragen gehört - im
wohlverstandenen polnischen Eigeninteresse, versteht sich. So hö-
ren die Polen zunächst, daß sie nicht die einzigen waren, denen
"von deutscher Hand" übel mitgespielt wurde - auch noch Franzo-
sen, Juden, ja
"die allermeisten Völker Europas erfuhren schweres Leid".
Dann belehrt sie der Kanzler darüber, daß sie mit diesen beileibe
nicht bloß das Leid verbindet, sondern auch der nicht locker las-
sende deutsche "Versöhnungs"wille. Und der hat vielleicht
"Erfolge" vorzuweisen! Durch schlichtes Nichterwähnen der handfe-
sten imperialistischen Grundlage deutscher Politik, der deutsch-
französischen Waffenbrüderschaft im NATO-Verbund ebenso wie des
politischen Einigungswerkes "Europa", präsentiert Kohl die Er-
folgsbilanz bundesdeutscher Außenpolitik als ein einziges
"Zuschütten" von "Gräben" zwischen "Völkern" und liebevolles Ein-
sammeln von "Partnern" und "Freunden". Natürlich darf dabei -
auch das prächtige Verhältnis, das der NATO-Frontstaat in Europa
zum westlichen Vorposten im Nahen Osten pflegt, als leuchtendes
Beispiel des Geistes der Aussöhnung nicht fehlen:
"Das Beispiel unseres Verhältnisses zum Staate Israel und zu Ju-
den in aller Welt zeigt, daß bei gutem Willen auf allen Seiten
selbst über tiefe Abgründe Brücken geschlagen werden können."
Es sei denn, die Abgründe sind doch zu tief wie bislang im Falle
Polen. Die deutsch-jüdische Allianz beweist nämlich, daß es an
den Polen liegen muß, wenn eine entsprechende "Aussöhnung" mit
denen noch nicht zustande gekommen ist. Doch der Kanzler ist
guter Hoffnung:
"Ich bin überzeugt, daß sich die gesellschaftliche Öffnung in Po-
len günstig auf unsere Bemühungen auswirken wird. Die Möglichkei-
ten für eine Verständigung zwischen unseren Völkern werden um so
besser, je weiter die Entwicklung zu mehr persönlicher Freiheit
in Polen voranschreitet. Denn wahre Versöhnung ist nicht nur eine
Frage menschlichen Wollens, sondern natürlich auch der politi-
schen Gegebenheiten."
Und was für Polen gilt, ist für das restliche Ost-, Mittel- und
Südosteuropa in etwa auch der Fall. Das deutsche Recht auf impe-
rialistische Einmischung, das Kohl aus der Aufarbeitung der
deutsch-polnischen Vergangenheit ableitet, ist die Zukunftsper-
spektive der deutschen Nation, und die hat nicht nur für Polen
jede Menge Verantwortung, sondern sieht sich - die europäischen
Staaten im Osten betreffend - so ziemlich überall dort verpflich-
tet, "die Frage" nach den i h r p a s s e n d e n "politischen
Gegebenheiten" aufzuwerfen, wo sie sich angesichts der bestehen-
den ganz von selbst aufdrängt. Auch dies versteht der Kanzler -
dem Anlaß seiner Rede gemäß - als deutsches Erbe des Hitler-
krieges auszudrücken, wofür er eigens
Mitschuldige am Weltkrieg
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bemüht. Das sind einmal die, deren "guter Wille" ein Fehler war.
Der Kanzler, der sich, flockig wie immer,
"zur Absage an Krieg und Gewalt als Mittel der Politik"
bekennt, weiß von einer damals ungemein verbreiteten, doch
schwächlichen "Sehnsucht nach Frieden in unserer Zeit" zu berich-
ten und vom Verhängnis der
"Illusion, der Fanatismus der nationalsozialistischen Machthaber
lasse sich durch Kompromisse und Zusammenarbeit zähmen"
- und gibt auf diesem Wege nicht nur zu bedenken, daß der Welt-
krieg nie von deutschem Boden ausgegangen wäre, wenn die anderen
ihn rechtzeitig angefangen hätten. Seine tiefe historische Ein-
sicht von der Macht, die
"zu welchem Zweck auch immer verliehen, nur durch Gegenmacht zu
kontrollieren ist",
führt denselben Kohl, der von Verständnis für alle braven Mitma-
cher beim deutschen Faschismus nur so trieft, dazu, im
m a n g e l n d e n A n t i f a s c h i s m u s S t a l i n s
den Miturheber des Weltkriegs und aller seiner Folgen dingfest zu
machen. Er schafft es auch noch obendrein, sich vom Stalinschen
Erbe an die politische Verantwortung mahnen zu lassen, die in der
westlichen Kriegs- und Wertegemeinschaft von heute begraben
liegt:
"Wir Deutsche begreifen die besondere Verantwortung, die uns dar-
aus erwächst, daß Hitler nach Abschluß dieses von vielen so ge-
nannten Teufelspaktes Polen mit Krieg überzog. Damit wurde dieses
Land das erste Opfer des nationalsozialistischen Rassen- und Ver-
nichtungskrieges...
Wir verurteilen ihn und die nachfolgenden Gewalttaten ohne jede
Einschränkung. ...
Der Hitler-Stalin-Pakt war das Produkt eines zynischen Zusammen-
spiels zweier Diktaturen. Die eine der beiden ist in dem von ihr
selbst entfachten Inferno ein für allemal untergegangen. Die So-
wjetunion steht - 36 Jahre nach Stalins Tod - mitten in einem
schmerzhaften Prozeß der kritischen Selbstprüfung im Zeichen
'neuen Denkens'."
Der Mann kann unterscheiden. Von der deutschen Nachkriegs-Diplo-
matie mit dem Osten beschwört er Passagen lang den "Geist der
Aussöhnung" und gibt mit der "Annäherung" und dem "Wandel" an,
die durch die hehre Vertragskunst ins Werk gesetzt worden seien.
Und hier ist ihm der bloße Umstand einer diplomatischen Vereinba-
rung zwischen feindlichen Parteien untrügliches Indiz von Kompli-
zenschaft der Beteiligten - weil der Vertragspartner Stalin
heißt! Daß Hitler "nach Abschluß " des Vertrages Polen überfallen
hat, ist nur deswegen einer Erwähnung wert, weil das "nach" als
"nicht ohne" und das "nicht ohne" als "wegen" verstanden sein
will. Daß ein Erfolg der Hitlerschen Vorkriegsdiplomatie etwas
anderes ist als die im politischen Programm des deutschen Impe-
rialismus liegende N o t w e n d i g k e i t des Kriegführens,
das w i l l Kohl nicht unterscheiden.
Das kindische Bild vom "Teufelspakt", wonach sich in Hitler und
Stalin Abgesandte desselben Übels namens "Totalitarismus" getrof-
fen hätten, um in Weltkriegsdingen gemeinsame Sache zu machen,
faßt die ganze Lehre zusammen: "D a m i t" haben sie b e i d e
den Auftakt zum Hitlerkrieg gegeben! Daß die Sowjetunion schon
damals als das Hauptopfer dieser Unternehmung feststand, irri-
tiert nicht weiter. Ob das interessierte Leugnen eines histori-
schen Faktums in Ordnung geht oder nicht, hat mit Wahrheit so-
wieso nichts zu tun, sondern ist ganz vom Interesse abhängig, das
sich die Fakten zu seinen Zeugen frisiert. Deswegen sind
"Auschwitz"- und ähnliche Lügen unstatthaft, weil das Selbstlob
der Demokratie nicht über die Beschönigung faschistischer
"Schandtaten" läuft - zum Zweck der wohlfeilen Distanzierung von
ihnen dürfen sie ja gerade nicht vergessen werden.
Kohls Hitler-Stalin-Pakt-Lüge
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liegt dagegen voll auf der Linie der "Lehre", die "die Ge-
schichte" nach dem Abdanken des III. Reiches für den Rechtsnach-
folger vorformuliert hat und die berufene Alphabeten wie Kohl
vorwärts wie rückwärts als "Auftrag" hersagen können: Der tiefe
Sinn der Mär von den beiden Bösewichten, die sich wegen ihres ge-
meinsamen bösen Zwecks im Pakt gefunden hätten und von denen bis-
lang erst einer sein verdientes Los kassierte, besteht darin,
über den anhängigen Rest-"Totalitarismus" - der unverdientermaßen
dem "Inferno" entronnen ist - g e n a u dies losgeworden zu
sein. Die zum Weltkriegsgeburtstag fällige Trockenübung in Sachen
Anti-"Totalitarismus", mit der der Kanzler seine Nation in ein
schönes Licht rückt, geht wie von selbst über zur antikommunisti-
schen Frontstellung der deutschen Republik von heute. Nahtlos
knüpft sich an das dümmliche Bild vom weltgesetzmäßig dem Tod ge-
weihten Imperium des Bösen das i m p e r i a l i s t i s c h e
R e c h t des guten Deutschland, den Totalitarismus der Freiheit
dort wahr werden zu lassen, wo er hingehört. So kann gar nicht
entschieden genug darauf hingewiesen werden, wer alles von diesem
"Anschlag auf das Völkerrecht" b e t r o f f e n war:
"Die damaligen Vereinbarungen bedeuteten eine schändliche Mißach-
tung der Unabhängigkeit und territorialen Integrität Polens, der
baltischen Staaten, Finnlands und Rumäniens."
Dann steht nach einer formellen Distanzierung der BRD von ihrem
Rechtsvorgänger nämlich sofort der einzige Nutznießer dieses Ver-
trages fest und damit auch zum Abschuß frei: Weil die BRD keinen
Wert auf Rechtsgültigkeit der von Hitler getroffenen Vereinbarun-
gen legt, was ihre Interessen heute betrifft, hat sie auch schon
das Recht, sich zum Richter über die Hinnehmbarkeit des sowjeti-
schen Besitzstandes von heute aufzuschwingen:
"Das bedeutet auch, daß wir aus dem Pakt selbst und aus seinen
Zusatzvereinbarungen keinerlei Rechtfertigung für nachfolgende
Völkerrechtsverstöße des Deutschen Reiches und der Sowjetunion
herleiten."
Nach dieser Logik: 'Wir leiten aus einem Vertrag keine Rechtsan-
sprüche mehr ab, also hat die G e g e n s e i t e i h r e n
Besitzstand herauszurücken!', harrt noch manches in Europa in Er-
mangelung seiner höheren Rechtfertigung durch das deutsche Inter-
esse von heute der Inangriffnahme - seitens einer Politik, die so
gerne unter dem Titel "Selbstbestimmungsrecht der Völker" an-
tritt, weil der den Kodex aller Richtlinien und Maßnahmen meint,
nach denen sie die Brauchbarkeit von "Völkern" für sich einzu-
richten pflegt:
"Für die Deutschen in der DDR und für viele Völker in Mittel-,
Ost- und Südosteuropa wurde das Kriegsende zum Ausgangspunkt für
die Ablösung der einen Diktatur durch eine andere. Die Spaltung
Deutschlands und Europas läßt sich durch den Zweiten Weltkrieg
zum Teil erklären, jedoch in keiner Weise rechtfertigen."
Während man nach dem 1. Weltkrieg noch tief unter der "Schande"
litt, die Versailles für die Nation brachte - bis die sich dann
im nächsten Krieg ihr verletztes Recht wieder verschaffte, kommt
der deutsche Revanchismus von heute durch und durch verlogen da-
her: "Freiheit! " heißt die so über- und un-national anmutende
Parole, auf die der deutsche Kanzler deutet, um die Unannehmbar-
keit des Kriegsergebnisses zu begründen und so s e i n e m In-
teresse, Europa von Deutschland aus neu zu ordnen, den Status ei-
ner sittlich-ideellen Mission zu verleihen. Im Unterschied jedoch
zu intellektuellen Geistesriesen, die bei ihrer Anwendung der
Techniken geschichtswissenschaftlicher Deutungskunst auf i h r e
Weise aus der Vergangenheit der deutschen Nation einen so oder
ähnlich lautenden Auftrag zur Gestaltung der "Zukunft" heben, ist
des Kanzlers Vision vom Auftrag der deutschen Politik alles an-
dere als eine bloße idealistische Phrase. Sicher - es ist pures
Geschwätz, wenn der Kanzler die Frucht seines "Erinnerns" an den
1.9.1939 in folgende Sentenz faßt:
"Liebe zum Vaterland und Liebe zur Freiheit, Patriotismus und eu-
ropäische Gesinnung dürfen allerdings nie wieder getrennte Wege
gehen. Das ist die Konsequenz, die wir gemeinsam ziehen müssen."
Vom bloßen Schwätzer unterscheidet ihn aber wesentlich die
M a c h t, über die er nicht nur als oberster Befehlshaber der
deutschen Nation verfügt, sondern die dieser auch noch als Mit-
glied eines Kriegsbündnisses namens NATO zuwächst: D i e mit
i h r e m Programm und der Wucht ihrer Mittel ist die substanti-
elle Basis, von der aus ein Kohl aus dem Weltkrieg Nr. 2 die
"Konsequenz" für geboten erachtet, daß am deutschen Wesen zwar
nicht die Welt, aber die Grenzen in Europa jedenfalls schon zu
genesen haben.
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