Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Graswurzelimperialismus
"HERR GORBATSCHOW, WIE SOLL DAS GEMEINSAME HAUS DENN AUSSEHEN?"
Es ist zur Zeit Mode, an den russischen Generalsekretär Anträge
zu stellen, die er gefälligst zu bedienen hätte. Und zwar rein
aus dem Grund, daß er uns so furchtbar sympathisch ist und wir
ihm das mitteilen. Die Grünen, leicht beleidigt, weil Gorbatschow
auf Extra-Verhandlungen mit ihnen verzichtet hat, geben in der
"Frankfurter Rundschau" zu Protokoll, wie sie sich gute Verhand-
lungen vorgestellt hätten. Nach dem Muster:
1. 'Wir wissen, daß die BRD aufrüstet, ihr Atomprogramm durch-
zieht, die Natur versaut und vergiftet.'
2. 'Wir organisieren dagegen keinen Widerstand in der BRD, weil
wir als Partei mitkonkurrieren wollen. Insofern können wir nichts
dagegen machen, aber wir sind dagegen.'
"Die Realitäten der politischen Macht in unserem Land stehen der
Umsetzung eines solchen Konzepts bislang allerdings entgegen, was
uns immer wieder zu heftigem Widerspruch gegen die derzeitige Re-
gierung unseres Landes veranlaßt."
3. Und deshalb - wegen u n s, die wir zwar nichts zu sagen ha-
ben, solange wir nicht die absolute Mehrheit haben, die wir aber
nette Menschen sind - bloß wegen uns - soll die Sowjetunion -
noch mehr einseitig abrüsten:
"Wir möchten Sie ermutigen, diese Politik unbeirrt fortzusetzen
und sich eigener Modernisierungsbestrebungen zu enthalten, auch
wenn diese Politik seitens der NATO bislang nicht die Entspre-
chung findet, die ihr zukommen müßte."
- ihr Atomprogramm streichen und ihre Industrie abrüsten, also
alles ausprobieren, was die Grünen im Westen längst nicht mehr
durchsetzen wollen, weil es der nationalen Konkurrenzposition
schaden würde und deswegen sowieso nicht geht:
"Wir wünschen uns eine Ost-West-Zusammenarbeit, die nicht einfach
das westlich-kapitalistische Modell der Dominanz der Ökonomie
über die Ökologie kopiert, sondern in der an der ökologischen Um-
gestaltung der Ökonomie gearbeitet wird... Wir erwarten von der
sowjetischen Regierung, daß sie den gemeinsamen Bau von Hochtem-
peraturreaktoren nicht realisieren wird. Ebenso lehnen wir eine
weitere atomare Zusammenarbeit BRD-UdSSR auf dem Gebiet der ato-
maren Entsorgung kategorisch ab."
Weil w i r Nationalisten der edlen Sorte sind, die ihr Vater-
land im Namen von Idealen verehren, an die es sich nicht hält,
dürfen wir zu Hause davon absehen und zum Ausgleich unsere Forde-
rungen der gegnerischen Weltmacht präsentieren. Mit reinstem Ge-
wissen.
Die Grünen haben der Sowjetunion aber auch etwas anzubieten, näm-
lich ihr Herzensbedürfnis, den Sozialismus in der DDR abzuschaf-
fen:
"So nachhaltig und unverrückbar wir gegen jede Annäherung an die
Gefahr einer Wiederauferstehung eines großmächtigen "Deutschland"
streiten und deswegen wollen, daß die territoriale Nachkriegsord-
nung in Mitteleuropa unangetastet bleibt, so nachhaltig treten
wir aber auch dafür ein, daß die Grenzen in Europa ihren tren-
nenden Charakter verlieren... für die Öffnung der Grenzen... für
Freizügigkeit... Demokratisierungsprozesse in der DDR... "
(Frankfurter Rundschau, 14. 6.)
Von einem ähnlichen Forderungskatalog der Grünen beim Staatsbe-
such des US-Präsidenten hat man nichts erfahren, obwohl der -
ökomäßig betrachtet - auch einiges zum Abrüsten hätte. Das ver-
dankt sich wahrscheinlich der realistischen Seite der Grünen. Mit
Forderungen aufzutreten gegenüber auswärtigen Staatsmännern ge-
hört sich nur in einer Himmelsrichtung.
Andere Vereine hatten andere bescheidene Wünsche. Oder immer ir-
gendwie dieselben.
"Herr Staatspräsident, wollen Sie nicht auch ein David werden ?
Sie sind bereits auf dem besten Weg dazu. Wir brauchen viele Da-
vids - wir brauchen Sie - jetzt."
So zutraulich hat ein Verein
"David gegen Goliath e.V."
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den Führer des Bolschewismus, ehedem "Reich des Bösen",
'blutrünstiger Iwan', 'in einem Tag am Rhein' angeflötet. Besagte
Initiative hat sich 4 russische Worte in echt kyrillischer
Schrift in ihre Annonce pinseln lassen, wünscht "Genossin und Ge-
nossen Raissa und Michail" einen schönen Aufenthalt und findet,
daß sie es mit soviel Herzlichkeit von ihrer Seite doch verdient
hätte, daß der Chef der zweiten Weltmacht nur "drei Bitten Gehör
schenkt":
"Schalten Sie ab, Herr Staatspräsident, (Ihre Atomkraftwerke)...
Ziehen Sie ab, Herr Staatspräsident (Ihre Truppen)...
Reißen Sie ab, Herr Staatspräsidenl (alle Mauern und Stachel-
drahtzäune, die unser Land trennen)... "
Das soll Gorbatschow alles eben mal so nebenbei erledigen, weil
es a) s e i n Tschernobyl war, das geplatzt ist, b) "wir" hier
schwer darunter gelitten und "uns als Reaktion auf das Reaktorun-
glück in ihrem Land gegründet" haben. c) belehren "die Davids"
Gorbatschow darüber, daß "Sonne, Wind und Wasser Garanten für
eine Energiepolitik im Einklang mit unserer 'Mutter Erde' sind."
Für die Ausfälle in der sowjetischen Stromversorgung, wenn Gor-
batschow nicht nur seine AKWs, sondern auch noch alle Kohlekraft-
werke dichtmachen muß, liefern "die Davids" dann wahrscheinlich
Solarzellen aus Wackersdorf und deutschen Atomstrom. Aber mit dem
Wasser haben sie einen ernsten Fehler gemacht, da hätten sie sich
besser mal mit anderen einschlägigen Initiativen beraten, die
entdeckt haben, daß die russischen Wasserkraftwerke auch eine
ziemliche Sünde gegenüber "Mutter Natur" darstellen.
Falls Gorbatschow sich noch nicht ganz sicher ist, daß seine
Truppen das Überflüssigste von der Welt sind, verspricht ihm die
Initiative glatt in die Hand, daß "von unserem Land nie wieder
ein Krieg ausgehen wird". Andersartige Vermutungen, gestützt auf
- die Anwesenheit geballter NATO-Truppen auf deutschem Boden, An-
strengungen der Hardthöhe oder NATO-Pläne kann der sowjetische
Generalsekretär gleich vergessen. Die Davids wissen es besser. Am
Schluß entschuldigen Sie sich nochmal gründlich für Adolfs letz-
ten Rußlandfeldzug, als ob sie da auch schon wieder dabei gewesen
wären, finden aber, daß die Deutschen jetzt allmählich genug da-
für gebüßt hätten, so daß Gorbatschow die DDR wieder rausrücken
könnte. Weltpolitik vorgestellt nach dem Kindchen-Schema: Wir
sind uns nicht mehr böse, also schenk uns doch bitte unsere DDR
zum Spielen! Wahrscheinlich hat dieser Verein, der "pro Sonne"
ist, sich selbige zu lange aufs Hirn scheinen lassen.
Noch so ein paar "Offene Worte an Michail Gorbatschow" wollte die
"Internationale Gesellschaft für Menschenrechte"
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gesagt haben. Bei diesem extrem gemeinnützigen Verein handelt es
sich um einen Wurmfortsatz der CDU und das Lebenswerk der Corne-
lia Gerstenmaier (Tochter des bekannten Antifaschisten Eugen Ger-
stenmaier, der wegen zu unverfrorener Bedienung an Wiedergutma-
chungsgeldern seine Tochter den harten Gesetzen der freien Kon-
kurrenz aussetzen mußte, während drüben die Bonzen ihre Kinder
immer in Staatsposten hineinschieben). Diese Gesellsehaft, die in
der Vergangenheit die Rechtsaußen-Creme der Ostdissidenten, Mon-
archo-Nationalisten, litauische Bombenleger, arbeitslose Kosaken-
hetmane u.ä. eingesammelt und die affengeilsten Erlebnisberichte
aus den Russen-KZs publiziert hat, bedankt sich erstmal dafür,
daß Gorbatschow ihr jetzt ein Teil ihrer unermüdlichen Hetzarbeit
abnimmt und "Verbrechen und Mißstände" seines Systems "bekannt-
macht". Und weil er "den Stalinismus ausmerzt", und "wir uns
erlauben," "den Stalinismus" ein bißchen großzügiger als in der
Sowjetunion üblich zu interpretieren und "darauf hinzuweisen, daß
zu Stalins Hinterlassenschaft auch der antidemokratische Staat
DDR gehört", soll er sie halt hergeben. Auf jeden Fall sofort mal
alle politischen Gefangenen in der DDR freilassen, "unter ihnen
Bodo Strehlow, der seit 10 Jahren in Einzelhaft ist."
Wenn sich jetzt schon jeder bei "Gorbi" seinen Lieblingsgefange-
nen bestellen kann und er auch noch für die Organisation von DDR-
Ausflügen zuständig ist, kann er die Fahrkarte für
Die Leipziger Freundin von Nanni Pause
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gleich mitbestellen.
"Anzeige:
Lieber Gorbi,
wenn Du wissen willst,
warum ich Dich mag,
aber nicht verstehe,
daß meine Freundin aus Leipzig
mich nicht besuchen darf,
dann ruf doch einfach an:
Tel.: 0228/384536
Deine Nanna
P.S.: Freundschaft zwischen uns und den Menschen in Osteuropa ist
die beste Versicherungspolice gegen Kriege. Aber: Freundschaften
können nur durch offene Grenzen und Reisefreiheit entstehen.
Wie wär's mit einem 'europäischen Haus der offenen Türen'?"
Die CDU begrüßt den sowjetischen Präsidenten herzlichst mit einem
Kompliment - an sich selbst. Da staunt Knigge. Gorbatschow darf
sich nämlich beglückwünschen zu den "guten Beziehungen", die er
jetzt mit uns hat und die er "unserer Festigkeit an der Seite un-
serer amerikanischen Freunde" verdankt. Das ist mal eine zivili-
sierte Redeweise dafür, daß die da drüben nur die Sprache der Ge-
walt verstehen.
Deshalb leiert
Die CDU
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wohl auch wieder so unerbittlich das unerträglichste Sprachkunst-
werk der letzten Zeit herunter, nach dem gemeinsame Häuser nur in
Frieden und Freiheit wachsen können. Im Unterschied zu den ande-
ren Bittstellern, die mehr auf sich als nette Einzelexemplare po-
chen und mit vielen kleinen deutschen Nachnamen unterzeichnen,
unterschreibt die CDU gleich als "die Menschen". "In Ost und
West".
Weil sie weiß, was die alle "erwarten": So eine Regierung, wie
sie eine ist. "Freiheit", "Freiheit" und nochmals "Freiheit".
Klar, daß das vorläufig noch ein bißchen daran scheitert, daß im
Osten nach anderem Geschmack regiert wird und "unsere Festigkeit"
da leider auch auf ein Militär trifft. Insofern hat auch die CDU
eine freundliche Bitte, d.h. natürlich: "Die Menschen in Ost und
West erwarten", daß die Sowjetunion "ihre militärische Übermacht
beseitigt und daß weiter abgerüstet wird". Besichtigt man die
Wahnsinns-Abrüstungsleistungen, die die C-Regierung für sich an-
führen kann - die gerade beschlossene Erhöhung der Rüstungsetats
in der NATO um reale und regelmäßige 3%, Jäger 90, neue Abschuß-
geräte für konventionelle und atomare Kurzstreckenraketen, die
Anschaffung neuer Luft-Luft-Raketen usw. usf. -, wird sich Gor-
batschow diesem großzügigen Angebot einer "gute Zusammenarbeit"
wirklich kaum verschließen können. Aus Platzgründen müssen wir
hier mit der Würdigung der freundlichen Angebote an Gorbatschow
leider Schluß machen. Unsäglich viele Deutsche haben sich noch
gemeldet, die einmal in Rußland ihren Schuh, eine deutsche Wolga-
Republik, ein paar Wehrmachtsangehörige verloren oder eine fesche
Russin getroffen haben, die ihnen "Gorbi" doch bitte wiedergeben
soll; ebenso unsäglich viele dürsten nach einem Autogramm von ihm
oder mindestens, daß er zur Einweihungsfeier von ihrem Bierkeller
kommt. Der "Spiegel" hat diese Versöhnungswut des deutschen Vol-
kes neulich ziemlich repräsentativ zu Wort kommen lassen.
Und, hat er es uns gedankt? Hat er unsere Gorbimanie, den über-
wältigenden Empfang, den wir ihm geboten haben, die massenhafte
und begeisterte Erkenntnis, daß auch sowjetische Staatschefs
Frauen haben, mit Messer und Gabel essen und nicht auf allen Vie-
ren laufen, honoriert? Hat er wenigstens ein paar von unseren
Bitten erfüllt?
BamS stellt klar, was Sache ist in Sachen "Gorbi"
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Jetzt gehören sich auch mal wieder ein paar offene unfreundliche
Worte: Wenn er uns so prima gefällt, der Kreml-Knabe, dann bitte-
schön in folgender Eigenschaft: als "Konkursverwalter eines Sy-
stems, das 70 Jahre lang Unglück über die Welt gebracht hat". Und
wenn er sich nicht umstandslos in diesem unserem Sinne betätigt,
dann fallen uns nach unserem ganzen freundlichen Getue die beiden
Seiten unseres guten deutschen Feindbilds auch wieder ganz unge-
schminkt auf:
N i c h t u n s e r System richtet die Gesundheit moderner
Zeitgenossen, die Natur, die Einwohner der sog. "3. Welt" zu-
grunde, n i c h t u n s e r System versorgt die Welt mit Waf-
fen und Kriegsgründen und Schlächtereien - die kommunistische Re-
volution in Rußland ist an allem schuld, das wissen wir schon
seit '33. Und zweitens: Dieses böse System ist nicht bloß
w e r t, daß es zugrunde geht; es tut uns auch schon den Gefal-
len - zumindest schreibt "Bild" schon am Nachruf. Dumm ist bloß,
daß "Bild" und Gleichgesinnte das schon seit Jahrzehnten tun - am
Ende wird's wohl doch nicht ganz ohne die tatkräftige Nachhilfe
unserer Friedenstruppen abgehen...!
In diesem Sinne zieht "Bild am Sonntag" (vom 28.6.) Bilanz:
"Die Ergebnisse sind eher mager: Für Berlin hat sich nichts ge-
tan... " - hätte Gorbatschow Wohnungen für Aussiedler herschenken
sollen, oder was? "... Die Mauer wurde - trotz aller schönen Re-
den - nicht durchlässiger" - die DDR über die offene Wunde West-
berlin ausbluten lassen, das ist der gute alte Revanchistentraum,
den "Gorbi" auch nicht erfüllt hat; warum hätte er ihn denn auch
erfüllen sollen? Bloß weil der Bonner Staatsführung und der bun-
desdeutschen Einheitspresse der andere deutsche Staat nicht
paßt?! "... Die Abrüstungsangebote der NATO beiseite geschoben" -
in der Tat, zu dem schönen Bush-Vorschlag, im Westen 30.000 (in
Worten: dreißigtausend) US-Soldaten zurückzuziehen und dafür im
Osten 300.000 (in Worten: dreihunderttausend) Rot-Armisten zu
verschrotten, hat Gorbatschow nicht schon nach einer Woche begei-
stert "Jawoll!" gesagt. "Bejubelt haben die Deutschen ihre eige-
nen Hoffnungen und Wünsche, die sie mit Gorbatschow verbinden.
Seine Taten müssen noch folgen." Das ist gut: Der Russe muß nach-
geben, weil wir uns schon so darauf freuen. Sonst sind wir näm-
lich bitter enttäuscht. Und was ist dann fällig, geehrte "BamS"?
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