Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Die BRD nach Kanzler Schmidt
FÜHRERLOS
Selten hat ein demokratischer Staatsmann der Nachkriegsgeschichte
den Abgang von der Macht derart versüßt bekommen wie der west-
deutsche Kanzler Schmidt. Eine "Aktuelle Sonderausgabe Helmut
Schmidt", dem "Kanzler für Frieden und Wohlstand", "Kämpfer für
soziale Gerechtigkeit", "Staatsmann und Mensch", also seinem
"Leben, Kampf, Werk" gewidmet, ferner ein "Tagebuch" des ehemali-
gen Regierungssprechers, ein "Dokument der Zeitgeschichte" über
die "schicksalshaften Tage der Republik", sowie ein Wust von Kom-
mentaren demonstrieren die bedingungslose Verehrung für demokra-
tisch bestallte Staatsdiener und räumen mit dem sorgsam gepfleg-
ten Vorurteil auf, ein Führerkult gedeihe nur in tausendjährigen
Reichen oder jenseits der Mauer.
Das demokratische Mehrheitsprinzip hat seine "Führernaturen", und
anläßlich des Koalitionswechsels wurde allenthalben ins staats-
bürgerliche Bewußtsein gehoben, was ein wirklicher Verlust für
das deutsche Volk ist: Es hat (s)einen Führer verloren!
Seine Taten
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Eine Kostprobe selbstgerechten Nationalismus':
"Am Nachmittag besucht mich Samjatin (...) Er kommt auf jene
denkwürdige Begegnung zwischen der sowjetischen Führung und dem
Bundeskanzler im Juli 1980 zurück, als der Kanzler durch die
Härte seiner Sprache Breschnew, Suslow und die anderen Politbüro-
mitglieder beinahe dazu brachte, die Tafel am Kreml zu verlas-
sen."
Ein forscher Kerl, unser Exkanzler. Aber worum ging's eigentlich
bei der Party? Was macht einen deutschen Kanzler so "mutig", un-
ter Verzicht auf diplomatische Formen der Kompromißsuche vom
Feind kompromißlos Gefügigkeit zu verlangen, was so mächtig, daß
die "zornigen" Herren der Weltmacht Nr. 2 ihn nicht vor die Tür
setzen?
"Es ist dem ZK-Abteilungsleiter anzumerken, daß der unbequeme
Schmidt für seinen Generalsekretär und manchen anderen jedenfalls
ein berechenbarer Partner ist, ein nicht zu erweichender Gegner
des Kommunismus, aber ein Politiker, der mit den Russen Frieden
halten will, ihre Sicherheitsinteressen anerkennt," (SS 20?) "und
der die Vorstellungen Präsident Reagans über die Sowjetunion für
realitätsfern, ja eigentlich für gefährlich hält."
Wo sich Gründungsauftrag und Staatsprogramm der Republik 'Weg mit
dem Kommunismus!' v o n s e l b s t verstehen, gereicht die
Kompromißlosigkeit der Gegnerschaft dem Menschen Schmidt zur
Ehre. Zumal die Macher der BRD seit je festgelegt haben, daß sich
ihr Beitrag zur imperialistischen Weltordnung wie
"F r i e d e n" buchstabiert und deshalb logischerweise jeder
Akt der Feindschaft "den Frieden halten will" - bis die anderen
sich ihm nicht mehr beugen. Dabei haben die Menschen auf dem
Kanzlerstuhl den unbestreitbaren Vorzug, immer ganz "nah" an der
Realität zu sein, weil sie die zusammen mit ihren Verbündeten
festlegen...
Wie man sieht, brauchen Böllings gebildete Leser nicht das Ge-
ringste über den radikalisierten Antikommunismus des westlichen
Kriegsbündnisses oder sonst irgendeinen selbstgesetzten Auftrag
der alten Koalition zu wissen (schließlich werden sie ja auch
nicht gefragt, ob er ihnen einleuchtet und sie deshalb für ihn
geradestehen wollen); es genügt vollauf, wenn sie dieses prakti-
zierte weltherrschaftliche Programm für eine irgendwie honorige
Angelegenheit halten, die sie als C h a r a k t e r s t ä r k e
des demokratischen Führers respektieren.
Damit sind sie reif für das eigentliche Thema.
Der Verrat
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Die öffentlichen Nachrufe auf den zum einfachen Abgeordneten de-
gradierten Kanzler erreichen den Rang einer methodologischen
Lektion in Sachen demokratischer Technik des Machterhalts - und
in Sachen Sinngebung dieser Techniken durch eine devote Staatsöf-
fentlichkeit. Wenn der Kanzlerintimus Bölling in Bestsellerdimen-
sionen die Untertanen an den letzten Tagen des Kanzlers H.S., den
"schicksalshaften Tagen der Republik" teilnehmen läßt, läuft auch
jedem Demokratieverächter das Wasser im Munde zusammen. Allein so
sehr er auch fündig wird - "Karrieresucht und höfische Andiene-
rei, Pfründewirtschaft und Heuchelei, Schmierenkommödiantentum
und Cliquenstreit" -, es will nichts taugen zum Beleg staatlicher
Schwäche, dient diese "Innenansicht" doch nur als Folie der Herr-
schaftstugenden von H.S. Immer schon waren höfische Günstlinge
und Neider die Insignien großer Herrscher - glaubt man ihren Ha-
giographen.
Und was muß der "oberste Souverän" da lesen, wie mit seinem ober-
sten Repräsentanten umgesprungen worden ist:
Der Kanzler, schützend umringt von einem "heimlich regierenden"
"Kleeblatt", wird von "Chargenschauspielern" belästigt, die "zu
Macht und Pfründen kommen" wollen, oder sich an ihm festhalten,
weil er "sie warmhält (!)".
Doch "im Kleeblatt wird abermals deutlich, daß Schmidt den Kampf
nicht aufgeben will, solange auch nur die kleinste Chance gegeben
ist...", wodurch natürlich klar wird: "...um Machterhalt geht es
ihm bestimmt nicht mehr."
Woher denn auch, ist es ihm doch immer nur um die Verantwortung
für Deutschland gegangen, die ohne Macht nicht zu tragen ist und
immer den zum Verantwortlichen qualifiziert, der sie gerade inne-
hat. Da wird die Sorge laut, dem Koalitionsführer
"gelinge es nicht, die Herren Genscher und Lambsdorff in den
Schwitzkasten zu nehmen", die "ihn auf Null bringen wollen" -
ihm, der schon als junger "Schmiddel" einen ganzen Ruderclub be-
fehligte! Und wer will es dem Kanzler ernsthaft verübeln, wenn er
angesichts der Aufforderung, "die Regierungsgewalt mit Klauen und
Zähnen zu verteidigen", "auch an sein eigenes Bild in der Ge-
schichte zu denken" bat. Daß ausgerechnet ein "Sachse" ("...hat
uns dieser Mann einzuschüchtern, ja gleichsam zu erpressen ver-
sucht") ihm sein Amt stiehlt, war ihm "ein richtig großer
Schmerz". Doch kurzerhand nimmt der Kanzler ein "Stahlbad" in der
Krise ("jetzt bin ich richtig lustig"). Soll er sich denn "immer
weiter in die Wäsche treten lassen"?
Mit der Bescheidenheit eines Regierungschefs, der weiß, daß seine
Person für die Staatsgeschäfte steht, und deshalb auf die Umkeh-
rung pocht, der Gang der Politik falle mit seiner Person zusammen
("Ihm ist bewußt, was alles kaputtgehen kann. Mag sein, es über-
trägt sich irgendwie, was die Menschen draußen für ihn empfinden,
daß sie irgendwie Angst davor haben, daß der Mann mit der Lotsen-
mütze weggeht" ), diktiert er den taktischen Plan, auf daß der
Volkswille auch richtig entscheide.
- "Wir dürfen nicht den Eindruck begünstigen (!), daß wir in
Wirklichkeit an unseren Sesseln kleben" ("Ich bin der Kanzler und
überlasse diese Republik nicht einem Mann, der das nicht kann.").
- "Wir dürfen nicht den Eindruck begünstigen, daß uns die Trauer
um die verlorene Macht langsam ersterben läßt" ("das frustrie-
rende Erlebnis der Oppositionspartei, dieses Immerzu-nur-reden-
und-nicht-gestalten-können, dieses Abgeschnittensein vom Herr-
schaftswissen...").
- Man muß "die Verantwortung für den noch ausstehenden letzten
Akt des Verrats festhalten", "die SPD muß überzeugend dastehen",
der "Graf darf nicht zum Märtyrer werden", "Genscher müsse...
vorgeführt werden", und nicht zuletzt gehört die "Schuldfrage"
richtig "angehängt".
Sich als Opfer des "FDP-Verrats" und zugleich als standhafter Ak-
tivist eines "unausweichlichen Bruchs" zu stilisieren, das zieht
bei einer Öffentlichkeit, die zwar die Inszenierung durchschaut,
aber gerade deshalb die parteipolitische Raffinesse zu würdigen
weiß und für ungefähr dasselbe wie Führungstugend und Verantwor-
tung nehmen will. Das Szenario des Kampfs um den Machterhalt in-
nerhalb der Parteienkonkurrenz belegt eine gesunde Portion Eman-
zipation vom Wählerwillen, auf den man sich beruft.
Der praktische V o l l z u g der demokratisch geforderten Tren-
nung von Staatsamt und Person gelingt bei Führern wie dem Kanzler
eben nur durch Verrat, jedenfalls in den Augen seiner Anhänger.
Die teilen mit dem Kanzler den öffentlichen Glauben an die
Selbstverständlichkeit seines persönlichen Machtanspruchs und mo-
bilisieren damit parteitaktisch die Untertanen für den letzten
großen Auftrag, den "Königsmord" zu sühnen - bei den nächsten
Wahlen. Der selbsternannte Kanzlersprecher und Hofschreiber auf
Lebenszeit betätigt sich dabei nach Kräften als der Verkünder der
Wahlkampfbotschaft vom großen Steuermann Schmidt. Und er braucht
sich dafür nicht einmal zu verstellen - gehört er doch zu den de-
mokratischen Hofschranzen, die heutzutage Legenden nicht mehr
bloß für die Nachwelt, sondern für die gegenwärtige Kontinuität
der Macht stricken.
Daß die Herrschaft sich beim Beraten der nächsten, Belastungen
und der Methoden ihrer Durchsetzung ein wenig über die Schulter
sehen läßt und dazu ein wenig vom Geschmack an der Macht preis-
gibt, läßt für einen SPIEGEL-Leser das Mitmachen zu einer wohlbe-
gründeten Angelegenheit werden. Und sein Urteilsvermögen wird mit
Auskünften folgender Art vollauf zufriedenstellend versorgt: Gen-
scher "blickte eisig", Ertl ist "hitzig", Lambsdorff "wirkt be-
drückt", "Schmidt (ist) tief innerlich mit dem Mann aus Halle
beinahe am Ende", "...kehrt fröhlich aus dem hessischen Wahlkampf
zurück" usw. usf. Dabei dementieren Böllings Notizen den belieb-
ten Intellektuellenwahn, in der Psychologie oder Psychopathologie
von Staatsfiguren sei der geheime G r u n d der Politik ausfin-
dig zu machen. Die getreulich protokollierten Gemütslagen der
dramatis personae bezeugen nie etwas anderes als eben die Überle-
gungen und Beschlüsse, wie und von wem - ja, was eigentlich? -
durchzusetzen ist.
Für das Interesse "Atmosphärischen" der Politik ist der Witz an
der herrlichen bundesdeutschen Staatsmacht '82, daß sie von Men-
schen mit Temperament und Lust an der Macht exekutiert wird. Er-
schütternd!
Diese Betrachtungsweise fördert nichts anderes zutage als die
Hochachtung, die sie der Staats m a c h t in Gestalt ihrer Re-
präsentanten entgegenbringt, und legt sich die außergewöhnlichen
menschlichen Vorzüge der Machtfiguren selbst zurecht. Da werden
aus den berufsnotorischen Dummheiten und Gemeinheiten wahre Of-
fenbarungen. Das bißchen berechnende Schlauheit im Umgang mit dem
politischen Konkurrenzverein ist gleich "richtig analysiert",
"schlüssig dargelegt", jedenfalls stets von einer bemerkenswert
unterschwelligen intellektuellen Güte.
Etwas für die Geschichte...
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"Nicht Geschichte machen wollte er, sondern weitermachen, und das
war schwierig genug." (Golo Mann)
Weil man ihn das nach Aussagen der Autorität in Sachen histori-
sche Persönlichkeiten nicht ließ, machte er halt doch Geschichte.
"The Chancellor", nicht nur ein deutscher, ein europäischer, nein
ein weltweiter Führer, mit allen wichtigen Menschen per du -
kurz, ein nationales Prestigesymbol für Weltpolitik, made in Ger-
many.
"Die Westdeutschen haben Glück gehabt: In jeder der drei Phasen
ihrer Geschichte stand der richtige Mann bereit."
Ob er "der bei weitem stärkste Bundeskanzler war, seit dem er-
sten" oder nicht - "er konnte sich nicht schwächer machen, als er
war". Zwar gilt Adenauer als "wohl der größte", doch nur, "weil
er die Gnade des Nullpunkts genutzt" habe. Dem "Aufbaukanzler"
folgte der nächste Große, der Aufbruchs- und Hoffnungskanzler
Brandt, doch auch dessen "geschichtliche Leistung steht auf einem
schmaleren Podest". Dann endlich kam die Zeit für Schmidt, der
sich
"den Mantel eines Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland mit der
Selbstverständlichkeit eines Mannes anlegte, der für diese Rolle
geboren ist."
In dieser Stunde von einem "Gescheiterten, auf sein richtiges Maß
reduzierten Politiker" (Strauß) zu sprechen, grenzt an Blasphe-
mie. Nein, die historische Einordnung in die Ehrengalerie großer
deutscher Führer hat ihre eigenen Maßstäbe dafür, wem "ein Stamm-
platz in der Geschichte" gebührt: Das "Prädikat der Größe" ver-
dient sich alleine der, der die Zeit prägt, von der er geprägt
ist, der "das in der jeweiligen Situation Notwendige" vollzieht,
nachdem er es für notwendig erklärt hat. Der zufrieden konsta-
tierte Aufstieg der Bundesrepublik zur europäischen Führungsmacht
und zum weltweit engagierten Partner der USA erscheinen für den
Historiographen der Macht ohne Umschweife als Verdienst, ja Cha-
rakter der politischen Oberverwalter dieses gemütlichen Gemeinwe-
sens. Das Quidproquo welthistorischer Würdigung eines Mannes, der
neudeutsche Größe im Rahmen der NATO und ein gehorsames Volk be-
nutzen konnte und ohne Rücksicht benutzt hat, läßt die Frage nach
dem Inhalt dieser Leistung und seinen Leidtragenden gar nicht
erst aufkommen. Nicht einmal die - nach Demokratenideologie ein-
zig legitime - Frage nach den Leistungen des deutschen Volkes
kommt auf. Umgekehrt geht die Betrachtung: Glücklich das Volk,
das einen solchen Mann hervorgebracht und über sich gewählt hat.
Ein mit dem Ideal einer großen Staatspersönlichkeit bebildertes
Lob der erfolgreichen Freiheit deutsch-demokratischer Politik,
das ist "historische Einordnung". Die Phantasie im Ausmalen von
Kanzlerfähigkeiten, die den bundesrepublikanischen Erfolg ausge-
macht haben sollen, läßt sich durch die Zufriedenheit beflügeln,
einem Repräsentanten der Macht huldigen zu dürfen, der sich mit
allen Insignien deutschen Geistes zu schmücken wußte. Da ist dann
auch Regieren - ohne demokratisches Drumherum und Gewaltentei-
lungsideologien - der erste Ausweis geschichtswürdiger Qualitä-
ten.
Keine Frage, "Helmut Schmidt war ein großer Kanzler". Und das
ganz ohne "Pathos" und Ghostwriter. Er, der sich "wohlgefühlt ha-
ben mag, als Offizier im Krieg", der Naturkatastrophen bändigte
wie Widerspruch in der eigenen Partei ("dirigiert schließlich im
militärischen Stil den Einsatz Tausender. Schmidt ist zweifellos
in seinem Element, kurz und knapp kommen seine Anordnungen."),
der Terroristen jagte und Krisen vertrieb - er hat ein gehorsames
Volk verdient, das er "in die Normalität einübte", die fälligen
Opfer bei seinem Führer abzuliefern. Und wer mag ihm "Arroganz
gegenüber den Massen" zum Vorwurf machen, ihm, dem "Intel-
lektuellen so hohen Grades", der "ständigen Umgang mit Ober-
häuptern der Christenheit und der Heiden" pflegte wie andere
ihren Rasen.
Ja, Helmut Schmidt hat Deutschland "die Weltgeltung verschafft,
die es vorher nicht besaß", hat Breschnew zurechtgewiesen wie
keiner vor ihm, hat die Engländer zur EG gebracht ("einen engli-
schen Vortrag konnte er in freier Rede halten, die Hände in den
Hosentaschen") - "eine überall hochgeachtete Persönlichkeit an
der Spitze in Bonn". "Im Dienste des Vaterlandes verbrauche ich
mich", schwarz kam er, grau ging er - er war der richtige Vor-
kriegsführer zur richtigen Zeit, und die Solidarität seiner Un-
tertanen, ihm seine weltpolitischen Pläne zu bezahlen, war das
mindeste, was er verlangen konnte. ("Die Leute spendeten eine
Menge Beifall, auch wenn er von den nötigen Opfern sprach.")
Nun ist er "am Ende, doch nicht gescheitert".
"Das einzige, was mit Sicherheit feststeht, ist, daß es lange,
sehr lange dauern wird, ehe wieder ein politisch so begabter, in-
tellektuell so überragender Chef im Bundeskanzleramt sitzen
wird." (Dönhoff)
Deutsche Intellektuellensprachrohre jedenfalls trauern ihm jen-
seits aller Parteigrenzen nach. Das demokratische Denken zeichnet
sich dabei nur durch eines aus: daß es bei allem Überschwang der
Lobhudelei über den Ex-Kanzler zugleich die Einsicht in den not-
wendigen Fortgang der Politik unter neuer Führung pflegt. Der
Wille zur persönlichen Identifikation mit der legitimen Gewalt
sucht sich seine Personen und ist doch mit den überpersönlichen
Staatsnotwendigkeiten vertraut und einig. Rundum mit der Herr-
schaft zufrieden - so trauert die gebildete Öffentlichkeit demje-
nigen nach, der acht Jahre regiert hat, also ein großer Deutscher
gewesen sein muß.
Tragik
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heißt deswegen auch der vergleichsweise unwesentliche Umstand,
daß bundesrepublikanische NATO-Beteiligung und politische Verwal-
tung einer effektiven Ausbeutung jetzt von anderen Figuren erle-
digt werden. Daß eine solche Führernatur wie Schmidt aus der
obersten Etage der Macht ausziehen mußte, liegt nie an den unpa-
thetischen handfesten Mechanismen demokratischer Regelung der
Herrschaft durch Parteienkonkurrenz; liegt nicht daran, daß die
Mehrheit der FDP eine neue Koalition für sich als günstiger be-
fand; liegt auch nicht an den Berechnungen der CDU, wie sie an
die Macht kommt; schon gar nicht daran, daß in Zeiten forcierter
Rüstungs- und Sozialsparpolitik eine Partei mit "Modell Deutsch-
land"- und "Entspannungs"image sich an ihrer eigenen Propaganda
einer "leider" notwendigen Wende als halbherzig blamiert. Das muß
tiefere und höhere Gründe haben. Gerade weil die wirklichen In-
halte der Politik unter die Selbstverständlichkeiten eingeordnet
und die Techniken der Herrschaft zum eigentlichen Inhalt erklärt
werden, ist der Führungswechsel ein historisches Datum, eine Ei-
genschaft, die so banal entscheidende Daten wie die Aufstellung
von Pershing-Raketen, die Aufnahme von Milliardenkrediten dafür
oder die "Sanierung" des Sozialstaates niemals für sich beanspru-
chen können. So tritt denn die historische Persönlichkeit - aller
wirklichen Gründe und Kalkulationen ihrer politischen Taten, aber
auch ihres Auftretens im demokratischen Konkurrenzgetriebe ent-
rückt den höheren historischen Umständen gegenüber, einer mit al-
len Attributen des Schicksals ausgestatteten bedeutungsvollen
Lage, die den Großen trotz seiner Fähigkeiten stürzen ließ. Zur
Deutung der Politik als einer Kunst tritt die der Politik als ei-
ner Verstrickung, Ausdruck einer höheren Notwendigkeit, die nur
eines beweist: Der Politiker ist nicht nur Subjekt, sondern auch
Opfer, Gegenstand der Bewunderung und des Mitgefühls für seinen
tragischen Weg bis ans bittere Ende. Die Tragik
"liegt nicht so sehr an Schmidt wie an den historischen Bedingun-
gen seiner achteinhalb Regierungsjahre." (Mann) Es geht um nichts
weniger als um "die Tragik Helmut Schmidts in einer Dekade des
Niedergangs".
Der Lotse wurde selbst zum Opfer, und zwar gleich mehrere Male.
Der "gravierende Fehler des Kanzlers": "Er hat versäumt, die Füh-
rung seiner Partei zu übernehmen", "entfernte sich von der SPD"
und damit "wuchs seine Vereinsamung". Zum zweiten: "Auf die Um-
weltbewegung, die Friedensbewegung, die Grünen, die Alternativen
reagierte er viel zu spät." Und doch wäre er mit allem fertig ge-
worden, "aber der Kanzler warf kaum noch einen geistigen Schat-
ten".
Da wird eine "bürgerliche Krise" aufgetan, zusätzlich noch zur
Weltwirtschaftskrise und überdies zur "weltpolitischen Krise" -
und da stand er nun, als "Arzt im Weltspital", alleingelassen -
tragisches Opfer seiner eigenen politischen Aktion:
"Jetzt wird ihm vieles angekreidet, was wahrscheinlich auch ohne
ihn gekommen wäre; manches, das er nicht verhindern konnte; eini-
ges, das im Zug der Zeit lag, nicht so sehr in der Konsequenz
seines Wollens."
Der Kanzler aber wäre nicht der Kanzler, ließe sich das "Dilemma"
einfach durch einen Personaltausch lösen. Das kann bei einem Füh-
rer seiner Klasse gar nicht sein. Ein Führer mag Fehler machen,
für die er nichts kann, "zu diesem Fehler werde er sich auch in
seinen Memoiren bekennen".
So ist denn schließlich die Tatsache des Koalitionswechsels sel-
ber schon der eigentliche Ausdruck der Krise, die den Wechsel un-
ausweichlich gemacht haben soll. Die Kanzlerperson steht mit ih-
rem beklagten "Schicksal" dafür ein, daß der Politik der geistige
Sinn abhanden gekommen sei. Während längst die Nachfolger den
leicht modifizierten Rüstungsaufbau- und Sozialabbau Haushalt
verabschieden, der NATO als einer "Idee" und den USA als
"Partner" Treue schwören und das Volk entsprechend rannehmen, se-
hen die Krisenauguren aus dem Kanzlerhofstaat "die Politik" am
Ende. Es gehört schon viel Sicherheit und sorglose Zufriedenheit
mit dem reibungslosen Gang demokratischer Konkurrenz und konkur-
renzloser Kontinuität der bundesrepublikanischen Politik nach in-
nen und außen dazu, um gleichgültig gegen diese Politik tief-
schürfende Perspektiven nach dem Muster zu entwerfen: Der Kanz-
lerwechsel - Ausdruck des Tiefpunkts deutscher Herrschaftskultur,
"Am Ende dieser schwierigen 13 Jahre ist die deutsche Politik -
und das gilt für alle Parteien - ideell ganz ungesättigt und kon-
zeptionell erschöpft."
Schmidts Niedergang ist so nicht mehr und nicht weniger als "eine
Erschütterung unseres parlamentarischen Systems." Ja, das ist
doch was! Wenn ein Führer abtritt, hat die Bühne zu zittern!
Und schon stürzt sich die gesammelte Linke auf die "historische
Chance", beim Aufpolieren der Opposition gewordenen Sozialdemo-
kratie ein wenig Mitverantwortung übernehmen zu dürfen.
"Einschnitt", "Wende", "Wechsel", "Ende einer Epoche" - so wie
"Die Zeit sich ihren großen Mann sucht", geht sie mit ihm zuende,
wenn ein richtiger Führer verabschiedet wird - das gehört sich
so.
Verzicht und letzte Größe
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Weil man von einem solchen Lotsen wie dem Kanzler eigentlich er-
warten durfte, daß er sich so leicht ein angestammtes Amt nicht
stehlen läßt, legten sich die Tage seiner Bedenkzeit schicksals-
schwer über die Republik ("kandidiert Schmidt?"). Und dann wurde
der bereits grob vollzogene Abgang feinpoliert, die Patina des
über der Parteienkonkurrenz stehenden "eigentlichen Führers" auf-
getragen, der Wermutstropfen beigefügt, wie fertig einen demokra-
tischen Staatsmann die Ausübung der Herrschaft über seine Unter-
tanen machen kann, für die er sich "opfert", und die Nation er-
fuhr: Der Kanzler v e r z i c h t e t. Bevor er in einer "für
die Öffentlichkeit bestimmten Erklärung" wohlgewägte Gründe vor-
trug, hatte es sich der Mann "nicht leicht gemacht". Ja, daß
Schmidt gar zuvor einen Pastor konsultierte ("Ich wollte wissen,
ob ich nicht gegen meine eigenen moralischen Pflichtvorstellungen
verstoße"), ließ keinen Zweifel mehr aufkommen:
"Damit hat Schmidt nicht gekniffen. Wenn es jemals einen gab, auf
den dieses Wort nicht anwendbar war, dann ist es er."
Nein, das Volk erfährt, der "Kanzler ist nicht gesund": "Sein
Herz schafft es nicht." Einerseits macht das einiges klar: "Wäre
Helmut Schmidt im vergangenen Jahr ein gesunder Mann gewesen, die
Dinge hätten vielleicht einen anderen Verlauf genommen." Aber
einen kranken Mann fertigmachen - pfui!
Andererseits hat sich einer was verdient, wenn er "bis zur völli-
gen körperlichen Erschöpfung" mit der Staatsgewalt gegenüber sei-
nen Untertanen hantiert: "Sie verweisen zudem auf sein Anrecht
auf mehr Lebensqualität nach so vielen strapaziösen Regierungs-
jahren, in denen die physische Belastbarkeit oft überstrapaziert
wurde."
Doch die Gesundheit allein kann der Grund für den Verzicht nicht
sein, weiß man doch, daß der Exkanzler nach seiner Erweiterung um
einen Herzschrittmacher nur an seine Zähne dachte ("am liebsten
würde er so tun, als käme er gerade vom Zahnarzt"!), Auch Loki
scheidet aus:
"Ich habe Ihn nicht gedrängt." Die historische Kontur des Kanz-
lers ist es vielmehr, die ebenfalls bedacht gehört. Loki:
"Sicher, der Wechsel ist nicht gerade elegant gewesen, aber mein
Mann hat dabei eine gute Figur gemacht." "Eher haben jene das Ohr
des bisherigen Kanzlers, die ihm raten, sich den glänzenden Ab-
gang nicht zu verderben."
Darüber hinaus ist der Kanzler eigen und ist deshalb schon prin-
zipiell nicht mehr der geeignete Mann für unsaubere Geschichten;
er kann sich
"nicht vorstellen, daß ich nach dem 6. März Koalitionsverhandlun-
gen führe, weder mit den Schwarzen, noch mit den Grünen und schon
gar nicht mit Herrn Genscher."
Schmidt ist nun wahrlich zu Höherem berufen, und der letzte Grund
für den Verzicht, der öffentlich gehandelt wird, macht ganz fein
aus dem A b g a n g einen A u f s t i e g. Denn für den zum
lebenden Beweis der politischen Sinndeutung seines Abtritts Er-
nannten bleibt nur noch eines zu tun: Durch die Inszenierung sei-
nes Abgangs und seines Übergangs aufs staatsmännische Altenteil
sich endgültig zu adeln und zum Führer jenseits des politischen
Tagesgeschäfts zu werden. Die Szenerie eines um seine Pflicht für
Deutschland und seine Partei ringenden, prinzipientreuen Politi-
kers ist nicht nur der nachträgliche Beweis des Verrats, der an
ihm verübt wurde, sondern so macht sich Schmidt schon zu Lebzei-
ten frei für die historische Würdigung, die aus dem ehemaligen
Schmidt-Schnauze endgültig den überparteilichen Nestor der Nation
macht:
"Denn Helmut Schmidts Entscheidung... ist mehr als nur eine
Personalentscheidung. Sein Rückzug aus dem politischen Parkett in
die Loge des Elder Statesman bedeutet nichts geringeres als eine
Veränderung der politischen Landschaft der Bundesrepublik."
Der Führer tritt heraus aus der Parteienkonkurrenz und wird zum
Chefberater der Nation:
"Er wird - Gott sei Dank - im Bundestag bleiben, gewiß als eine
Art Elder Statesman, aber bestimmt keiner voller Milde und Nach-
sicht, sondern ein unbequemer Mahner zu Vernunft und Augenmaß.
Die SPD und die Republik werden ihn in dieser Rolle dringend
brauchen, gerade in den kommenden Jahren."
Und nicht nur politisch will er die Nation bereichern. Bücher
wird er schreiben, Memoiren natürlich, Kunst und Geschmack neu
bestimmen ("in der darstellenden Kunst hingegen bevorzugt er die
Modernen - sofern sie in Form und Farbe seinen Vorstellungen von
Harmonie entsprechen"), sich mit anderen angemessen großen Füh-
rer-Figuren treffen, von Philosoph zu Philosoph mit Sir Popper
schwätzen (der wolle ihm noch was Wichtiges sagen), weiterhin
Klavier spielen, Schachgroßmeister werden und in seinem beschei-
denen Ferienhaus am Brahmsee Loki zur Hand gehen.
Das Prädikat "groß" will eben nicht nur politisch verdient sein.
Auch im Vergleich mit seinen Gegnern läßt sich die "Größe" eines
Führers dokumentieren. Angesichts des in Bonn nun herrschenden
"Phänomens eines Zwei-Zentner-Nichts", das kein Englisch kann und
von vielem wenig wisse, wird der Verlust des Lotsen in aller
Grausamkeit sichtbar:
"Ein großer Mann geht, ein Langer ist gekommen". Ja, was hält
denn der für Reden ("das hätte mein Pastor in 10 Minuten spannen-
der erzählt")?
"Birne" nennt man ihn und fragt: "Helmut Kohl - Kanzler der neuen
Mitte oder der neuen Mittelmäßigkeit?" Er, dem "bis heute das
Image des Provinzlers anhaftet", hat überdies gar jemand zur Gat-
tin, deren Vater die Panzerfaust erfand und die früher
"Sportschützin" war.
Der Verehrung des alten Führers wird so noch in den "miesen Qua-
litäten" seines Nachfolgers ein lebendes Denkmal gesetzt. Solch
einen Führer hat der deutsche Bürger nicht verdient. Jedoch,
"die Schlichtheit seiner Wunschwelt - für Intellektuelle ein
Graus - kommt bei einfachen Leuten an, die sich wie viele vom
linksliberalen Zeitgeist verunsichert fühlten."
So linksliberal ist der gebildete politische Verstand, daß er den
Neuen als Volksführer würdigt, sich den Alten als seine geistige
Führerfigur in ehrenvoller Erinnerung behält, und sich damit über
das gemeine Volk erhebt, das längst das neue geistige Klima im
alten Sinn zu spüren bekommt. Daß Politiker eine Frage des guten
Geschmacks sind; daß es allein zu beurteilen gilt, wem die Macht
gebührt, steht ebenso unverrückbar fest, wie die Kriterien, die
es dabei zu beachten gilt.
Das Ideal der Führernatur
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Ein Kanzler ist:
- von außergewöhrilicher Begabung zum Führen und Lenken;
- sensibel für des Volkes Wunsch nach einem Steuermann, der ihm
von "n ö t i g e n O p f e r n s p r e c h e n" kann;
- von imperialistischer Weltoffenheit, die dem "chancellor" bei
der Nr. 1 "am Potomac" Respekt verschafft;
- beseelt von dem unbedingten Willen, "s e i n e P f l i c h t
z u t u n", und zu herrschen...
Kurz: alle fingierten menschlichen Besonderheiten des
"H e l d e n" formulieren das I d e a l e i n e r e c h t e n
F ü h r e r n a t u r. Der "SPIEGEL"-Report dekliniert auf über
30 Seiten die demokratische Idiotie vor, sich die Zustimmung zur
Herrschaft, also zur R ü c k s i c h t s l o s i g k e i t ge-
genüber den eigenen Interessen und Bedürfnissen, als ganz persön-
liche V o r l i e b e zu Eigenschaften ihrer Figuren zu recht-
zulegen. Der ach so individuelle Geschmack bezieht dafür seine
Maßstäbe stets von oben. Nichts annehmlicher für Politiker, als
über Bürger zu verfügen, die jetzt das "E n d e d e r
f e t t e n J a h r e" immer schon erwartet haben und sich in
ganz persönlich definierte Tauglichkeitskriterien für die heute
nötige demokratische Führerfigur verlieben. So wünscht sich die
Obrigkeit ihre Gebildeten: als gehorsame und dabei selbstbewußte
Affen einer ganz krisenfrei praktizierten Politik.
Alle Zitate aus:
Helmut Schmidt. Leben, Kampf, Werk. Aktuelle Sonderausgabe (seit
November im Zeitschriftenhandel)
Klaus Bölling, Die letzten 30 Tage des Kanzlers Helmut Schmidt.
Ein Tagebuch (in: "Spiegel", Nr. 44/1982),
Golo Mann, Nicht Geschichte machen wollte er (in: "Spiegel"; Nr.
44/1982)
sowie Süddeutsche Zeitung, Abendzeitung München, Die Zeit.
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