Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht


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       "20 Jahre deutsch-französische Freundschaft"
       

VOM ERBFEIND ZUM KONKURRENZFREUND

Die d e u t s c h - f r a n z ö s i s c h e Freundschaft hat Geburtstag. Gefeiert wird ein "Markstein in der Geschichte" zweier Völker, die nach jahrhundertelanger "Erbfeindschaft" sich just vor 20 Jahren eines Besseren besonnen und sich "ausgesöhnt" haben sollen. Man muß sich die Wende so vorstellen, daß Franzosen und Deutsche wie "wankende und erschöpfte Ringer" einander stütz- ten und "nach vergeblichem und verheerendem Ringen" das erkann- ten, "worin sie einander gleichen" (de Gaulle). Die Kriege, die Napoleon bis Hitler mit ihrem jeweiligen Volksmaterial angezet- telt und mit unterschiedlichen Zielen und Erfolgen durchgeführt haben, sind historisch, vom heutigen Freundschaftsstandpunkt aus betrachtet, ein einziger Kampf (1. Lüge) der Völker (2. Lüge) um ihre Einheit (3. Lüge). Man muß nur hinter den Schlächtereien das eigene Ideal erblicken, und statt der Herrscher, die von ihnen kommandierten Völker zum eigentlichen Subjekt erheben, und schon leuchtet die Idiotie ein: "In Wirklichkeit verfolgten Deutschland und Frankreich, indem sie sich gegenseitig ihre Herrschaft aufzuzwingen suchten, um sie dann auf ihre Nachbarn auszudehnen, jedes für sich den Traum der Einheit, der seit zwanzig Jahrhunderten die Gemüter bewegt." Dabei hatte die deutsch-französische Freundschaft einen Geburts- helfer, den sich Karl der Große nicht hat träumen lassen: die USA. Sie befreiten Frankreich von den Nazibesatzern und schlossen mit der alliierten Besetzung Deutschlands dort ein für allemal den "Irrtum" aus, "daß der Schaden des Nachbarn der eigene Nutzen sei" (Lübke): Die neugegründete BRD war per definitionem zum Nut- zen des Westens da und wurde von den Amerikanern mit partner- schaftlicher Hilfe zu einem freiheitlichen Bollwerk gegen die "Bedrohung aus dem Osten" aufgebaut. Die Franzosen freilich, die als geschwächte Siegermacht mit den Deutschen um US-Hilfe konkur- rierten, behandelten den entnazifizierten Amizögling jenseits des Rheins immer noch als potentielle Gefahr für den Weltfrieden. Jede deutsche Verfügung über militärische Gewalt sollte auf Dauer verhindert, das Saarland und die linksrheinischen Gebiete unter französische Hoheit gestellt und das Ruhrgebiet dem französischen Kapital reserviert werden. Die Führungsmacht des Westens hatte jedoch ihr eigenes Europakonzept und das schloß auch bei den Franzosen den "Irrtum" aus, daß "der Schaden des Nachbarn der ei- gene Nutzen" sein könnte: Der amerikanisch kreditierte Wiederauf- bau Deutschlands fand statt, die BRD vollbrachte ihr "Wirtschaftswunder", so daß sie neben Frankreich als die stärkste ökonomische Macht in die EWG einzog, und es wurde ihr die Ehre zuteil, bedeutendstes europäisches Mitglied der NATO zu werden. So hatte es die französische Siegermacht allmählich satt, sich mit kostspieligen Kolonialkriegen (Indochina, Algerien) einen entsprechenden Wiederaufbau zu vermasseln, - und setzte sich mit dem neuen Konkurrenten ins Benehmen, um dessen Potenzen für die eigene Wirtschaft zu benutzen. Und für den Bonner "politischen Zwerg" war mit der neuen ökonomischen Perspektive auch ein wei- teres Stück Souveränität gewonnen, wenn er als europäischer Part- ner von nun an ganz friedlich den Markt des ehemaligen Erbfeinds benutzen konnte. Das funktionierte und funktioniert mit beträcht- lichem Erfolg auch andersherum. Und in den halbjährlichen Konsul- tationen des Präsidenten aus Paris mit dem Bonner Kanzler, zu denen - je nach Bedarf - die halben Kabinette hinzugezogen wer- den, demonstrieren die beiden EG-Führungsmächte, daß sie in ein sehr funktionelles Verhältnis zueinander getreten sind, bei dem die üblichen Differenzen zwischen K o n k u r r e n t e n den gemeinsamen Zweck des Bündnisses nicht in Frage stellen. Als deshalb Adenauer und de Gaulle sich umarmten, fingen die Kriegsteilnehmer zu flennen an, weil sie an den Wechselfällen ih- rer Untertanenexistenz den geheimen Gang der Geschichte verspüren konnten. Ihnen war sofort klar, daß die über sie herabgekommene Völkerfreundschaft eine so großartige Sache ist, daß sie nur von Staatsmännern r e p r ä s e n t i e r t werden kann. So lassen sie sich von Journalisten seit Jahren erzählen, daß nach dem Bru- derkuß der beiden Alten der Pompidou mit dem wiedervereinigungs- verdächtigen Brandt nicht mehr so gut konnte, Giscard und Schmidt über Weltwirtschaftsfragen allabendlich telephonierten und Mit- terrand und Kohl in Sachen Kriegsvorbereitung kein schlechtes Paar abgeben. Im übrigen denken sie über das befreundete Volk ge- nauso gut oder schlecht, wie sie schon über den Erbfeind gedacht haben; gehört es doch zu dieser Sorte Freundschaft dazu, daß häß- liche Töne in der Öffentlichkeit breitgetreten werden, die einen als alte Nazis, die andern als Nichtsnutze beschimpft und beide der Duldung solcher Volksvorurteile bezichtigt werden. Entspre- chend lustig wird es, wenn - natürlich auf Geheiß der Obrigkeit - badische Winzer busweise in die Partnerstadt verfrachtet werden, dort beim kommunistischen Bürgermeister für die Heimat antreten und bei Käse und Baguette sich über den immer noch zu verspüren- den Deutschenhaß ihrer Freunde beklagen. Besonders drollig wird es, wenn Pädagogen am Werk sind, 15-jährige Gymnasiasten einen gleichaltrigen Briefpartner "bekommen", dem sie einen Brief über ihre Hobbys schreiben müssen, den der Französischlehrer ihnen aufsetzt. "Mit Leben erfüllt" wird die deutsch-französische Freundschaft, die nichts anderes ist als die Ideologie für den Volksgebrauch eines für Staat und Kapital vorteilhaften Kommerzi- ums, natürlich nicht mit derlei Schnickschnack, sondern hinter den Kulissen des diplomatischen Verkehrs der jeweiligen Obrigkei- ten und die grenzüberschreitende Zirkulation von Waren und Kapi- tal trägt weit mehr zu ihrer "dauerhaften Festigung" bei als der "zwischenmenschliche" Verkehr. "Wir müssen das Wir wieder deutlicher begreifen. Und das Ich muß in das Wir eingebracht werden." So formuliert der Kanzler der nationalen Wende die "geistig-mora- lische Herausforderung", der er mit seiner Politik Rechnung tra- gen will. Daß angesichts solcher Zielsetzungen kleinliche Kritte- leien etwa an Bismarck'scher Einigungs- und Reichspolitik keine Chance mehr haben, weil die BRD dabei ist, sich des Bis- marck'schen Erbes würdig zu erweisen, versteht sich da fast von selbst. Kein Nationalismus ohne Tradition --------------------------------- Der unverhohlene Stolz der BRD auf ihre ökonomische Stärke, auf ihre politische Stabilität, auf ihre Macht und Geltung in der Welt will gerade in Vorkriegszeiten - die passende - deutsche Vergangenheit als Überhöhung des Selbstzwecks 'Nation' nicht mis- sen. Der Umstand, daß es das Phänomen deutscher Nation in einer auf den heutigen Zustand beziehbaren Gestalt seit ca. 200 Jahren gibt - Mittelalter-Träumereien vom Heiligen Römischen Reich Deut- scher Nation, wie sie Anfang des 19. Jahrhunderts die Traditions- suche der den deutschen Nationalstaat anstrebenden Fortschrittler bestimmten; gelten heutzutage als romantische Schwärmereien und entsprechend obsolet, weil keine auch nur irgendwie nachvollzieh- bare Kontinuität zum heutigen Staatsgebilde herstellbar ist -, soll dem, was heutzutage immer noch (versehen mit einem 'leider') als nationales Provisorium erscheint, ideelle und deshalb so echte Plausibilität per historischem Gewicht verleihen. Friedrich II., Bismarck und 70/71, das bietet auch dem, dessen herrschaft- liche Tradition das nie war, Vorbildliches an nationalem Ein- heitsbewußtsein, wenn er als Untertan anlässlich der rückblicken- den Feier der deutschen Nation so bescheiden ist, sie als seine anzusehen. Die Behandlung der Weimarer Republik und insbesondere des Fa- schismus (in der zitierten Nationalgeschichte unter dem Titel: "Verführung und Gewalt"!) sind Paradebeispiele für den zweckmäßi- gen Umgang mit der nationalen Tradition, gerade in der jetzigen Phase des nationalen Aufbruchs. Wird die erste deutsche Demokra- tie einerseits hochgehalten als die Ära, in der zum ersten Male alle Deutschen als freie Staatsbürger agieren konnten, kriegen sie als eben diese Staatsbürger, egal, ob als Volk oder Führung, gleich eins auf den Deckel, weil sie ihre schöne Freiheit miß- braucht haben, mit ihrer Parteienzersplitterung den Staat zerrüt- tet und ihn zur leichten Beute für den machtbesessenen (Ver)Führer gemacht haben, der seinerseits dann diesen Staat für seine überzogene Machtpolitik mißbraucht und die eigentliche na- tionale Tradition Deutschlands zerstört hat. Diese doppelt ungute Abteilung deutschnationaler Tradition mündet aber in eine einzige staatsmoralische Nutzanwendung für heutzutage. Wenn alle Staats- bürger freiwillig von ihrem besonderen Interesse Abstand nehmen bzw. es freiwillig in demjenigen der Nation "aufgehen" lassen, dann kann es zu so etwas wie Weimar und dem Dritten Reich nicht mehr kommen. Dann befinden "wir" uns vielmehr in der ungebro- chenen Linie derer, die Preußen und Deutschland hervorbrachten. Solch praktischer und gegenwartsbezogener Umgang mit der nationa- len Tradition ist ihre Definition, hat aber mit einer Art von Weitergabe nichts zu tun: "Tradition: das, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur o.ä. in der Geschichte von Generation zu Generation (innerhalb einer bestimmten Gruppe) entwickelt und weitergegeben wurde (und auch in der Gegenwart gültig ist)." (Duden 81) Der letzte Teil der Definition ist ihr Springpunkt (und steht deshalb zu Unrecht in Klammern!), denn die gegenwärtige Handha- bung der nationalen Tradition macht ja gerade klar, daß deren Geltendmachen seine ganze Wucht daraus bezieht, daß es die aktu- ellen politischen Manöver auch noch mit konsekutiver Notwendig- keit ausstattet oder sogar einen finalen Zusammenhang herstellt, der die aktuelle Politik "in die Pflicht nimmt" und demgegenüber sich derjenige vergeht, der die von der historischen Traditions- logik gebotenen Haltungen und Maßnahmen nicht mitvollzieht. Der Boom in der Beschwörung deutschnationaler Traditionselemente ver- leiht den schon seit Jahren praktizierten, von der neuen Regie- rung nur ausdrücklich zum neuen Programm erhobenen Tendenzwende den Glanz und die Wucht eines Auftrags der Historie. Die Nation selbst als das eigentliche metaphysische Subjekt deutscher Ge- schichte verlangt als Fortsetzung ihrer im historischen Prozeß der letzten 200 Jahre sichtbaren Manifestationen eine Politik, die Kategorien wie Vaterland, Volksgemeinschaft und Gemeinnutz (angeblich wieder) zur Grundlage des staatlichen Handelns macht und erteilt so der gewollten und umstandslosen Verpflichtung der Bürger auf das Staatsinteresse durch die Macher die höhere Weihe historischen Glanzes, so als ob sich aus Preußens Gloria für den Bürger XY etwas Feines ableiten ließe. zurück