Quelle: Archiv MG - BRD ALLGEMEIN - Auf dem Weg zur Weltmacht
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Nationale Heimatkunde
"WIR SIND WIEDER WER!"
DIE TRAURIGE WAHRHEIT DER NATIONALEN FESTWOCHEN
"Wieder"
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Die nationalsozialistische Vergangenheit ist "bewältigt". Die ge-
heuchelte Scham über "Hitlers Verbrechen", die berechnende Be-
scheidenheit in Sachen Nationalismus, das Eingeständnis einer un-
widerruflichen totalen Niederlage des alten Großdeutschland: Das
alles hat seinen Dienst getan. Vierzig Jahre lang haben die Bun-
desdeutschen, Regierungen wie Öffentlichkeit, bewiesen, daß sie
unvergleichlich besser sind als unter Hitler: unendlich gut zu
den Juden, also vor allem zu deren Staat, der so viele vertraute
Züge aufzuweisen hat; bedingungslose Anhänger der Freien Welt,
ihrer demokratischen Herrschaftsformen ebenso wie ihrer kapitali-
stischen und weltordnungsmäßigen Herrschaftszwecke; weder Milita-
risten noch Revanchisten, sondern treue Erfüllungsgehilfen der
supranationalen NATO-Strategie. Jetzt sind Deutschland und die
Welt reif für einen anderen Beweis: Der Rechtsnachfolger des al-
ten Reiches, das höchstens einerseits "untergegangen" ist und an-
dererseits irgendwie noch fortbesteht mitsamt seinen alten Gren-
zen, hat ein unveräußerliches Recht auf souveräne imperialisti-
sche Arroganz und ungetrübten Antimoralismus in seiner Weltpoli-
tik. Auch für die BRD kommt die Macht der Nation vor allem ande-
ren: Sie läßt sich die "Systemfrage" nicht mehr stellen, sondern
stellt sie selbst, nationalistisch kalkuliert, an den Rest der
Welt. Bei aller demokratischen Neuheit ist und weiß sich die
westdeutsche Republik in erster Linie der Kontinuität ihrer na-
tionalen "Geschichte" verpflichtet, ohne "Berührungsängste" vor
deren "dunklen Kapiteln".
Der 8. Mai 1985 bietet eine schöne Gelegenheit für die offensive
Demonstration dieses Standpunkts.
Jahrzehntelang hat die BRD es dem anderen deutschen Staat über-
lassen, das Datum des Kriegsendes als "Tag der Befreiung" zu fei-
ern. Zu den Kommunisten, die dort einen neuen Staat aufgemacht
haben; zu dem betonten politischen Gegensatz gegen den Faschis-
mus, in dem die DDR gegründet worden ist; zur Lebenslüge dieses
Sachsenstaates, in ihm hätte das bessere, antifaschistische
Deutschland zu sich selbst gefunden: Dazu hat ein solcher Gedenk-
tag auch immer bestens gepaßt. Er stand und steht dort für das
politische und ideologische Programm eines bedingten Nationalis-
mus, der nicht die Fortsetzung des deutschen Staates, sondern die
Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse an die Spitze aller
seiner Vorhaben stellt.
Aus eben diesem Grund war der Tag der bedingungslosen Kapitula-
tion in der westdeutschen Republik immer ein Ärgernis. Zwar war
Die deutsche Niederlage
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so komplett, auch auf moralischem Gebiet, daß der 8. Mai nicht
zum Trauer- und Feiertag revanchistischer Ansprüche geworden ist.
So total war das Ende des "3. Reiches" für die westdeutsche Demo-
kratie andererseits nie, daß sie nicht doch stillschweigend an
der Kontinuität der Nation als allererster Selbstverständlichkeit
festgehalten und die Kapitulation der Wehrmacht als
d e u t s c h e N i e d e r l a g e verbucht hätte. Gut - oder
besser: schlecht -, man durfte den einstigen Feindmächten und
neuen NATO-Verbündeten ihre Siegesfeiern nicht offiziell ver-
übeln. Als Deutscher aber gleich so zu tun, als hätte man auf De-
mokratie mehr Wert gelegt als auf ein intaktes Vaterland und
insofern bei Hitlers Niederlage mitgesiegt, war immer ein bißchen
hochverratsverdächtig und auf alle Fälle ziemlich "kommuni-
stisch".
Dieser Standpunkt kocht natürlich wieder hoch, wo für dieses
Jahr, und noch ausgerechnet von der Regierung der patriotischen
Aufrüstung, das Kriegsende als nationale Feierlichkeit angesetzt
wird. "Die Kapitulation feiern? - Nein danke!" ist kein unpopulä-
rer und auf alle Fälle ein ehrenweiter Meinungsknopf und Autoauf-
kleber; denn er hat die diesbezügliche Tradition der 36-jährigen
BRD auf seiner Seite. - Dennoch: er ist hoffnungslos von vorge-
stern. Denn mit ihrem Gedenkprogramm hat die Kohl-Regierung alles
andere auf die Tagesordnung gesetzt als ein nachträgliches ideo-
logisches Überlaufen ins Lager der siegreichen Feindmächte.
Als erstes hat sie sich alle allzu stolzen Siegesfeiern ihrer
heutigen Alliierten verbeten - und hat bei Lady Thatcher und Mi-
ster Reagan offene Ohren für dieses Ansinnen gefunden: Die Feiern
der angelsächsischen Gegner von einst dürfen keine deutschen Ge-
fühle von heute verletzen.
Zweitens gilt es offiziell als unpassend, aus Anlaß der Nieder-
lage die speziellen Opfer des dritten Deutschen Reiches speziell
zu würdigen. Die toten Kommunisten und russischen Kriegsgefange-
nen haben das noch nie verdient. Dafür aber immer die gefallenen
Helden der Reichswehr, denen Reagan die Reverenz erweisen wird.
Die Proteste der jüdischen Lobby in den USA haben erst für aus-
gleichende Gerechtigkeit gesorgt: Wenigstens die umgebrachten Ju-
den werden in die deutsch-amerikanische Demonstration einbezogen,
daß der letzte Krieg "uns" zu gemeinsamen Zielen zusammengeführt
hat. In diesem Sinne wird in Bitburg und in Bergen-Belsen gefei-
ert, außerdem am Hambacher Schloß und im Kölner Dom. Es gehört
vorgezeigt, daß die BRD sich inzwischen frei weiß von der Pflicht
zu einem schlechten Gewissen und sich ganz unbefangen ihrer na-
tionalsozialistischen Vorgeschichte erinnern kann.
Letzteres haben die freien Organe der öffentlichen Meinung als
ihren Sonderauftrag wahrgenommen. Mit dem Gestus des Dokumentari-
schen werden Szenen aus dem Bombenkrieg und "Die letzten 60 Tage"
im Spiegel eines authentisch fingierten Familienschicksals, Er-
fahrungsberichte nach dem Muster und Motto "Wie ich das Ende er-
lebt habe" und furchtbar originalgetreue Verfilmungen des U-Boot-
Kriegs ausgebreitet, die das verpönte Geschehen mit einem un-
scheinbaren Kunstgriff aus jeder kritischen Perspektive heraus-
rücken. Krieg und Kriegsende werden übersetzt in eine Flut von
E r l e b n i s s e n; und mit dieser unschuldigen Kategorie
rückt das e i n f a c h e V o l k: der von nationalsozialisti-
scher Ideologie nicht weiter beleckte Landser, die ums nächste
Essen besorgte Familienmutter, der davongekommene jugendliche
Luftschutzhelfer und ähnlich integre Privatpersonen, zum
"eigentlichen" Subjekt des Geschehens auf. Von der unverwüstli-
chen Borniertheit der Deutschen, die sich gefügt und alle An-
strengungen darauf gerichtet haben, noch aus dem äußersten
Kriegselend "das Beste zu machen" und ein bißchen Optimismus her-
auszuquetschen, bleibt wie von selbst nicht die grenzenlose Bor-
niertheit, sondern die Unverwüstlichkeit übrig. Und damit ist die
p o l i t i s c h e Botschaft schon fertig.
Das "bessere Deutschland",
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das nicht einmal durch Nazi-Herrschaft, Bombenkrieg und bedin-
gungslose Kapitulation totzukriegen war, hat, dieser modernen
Sichtweise zufolge, nicht in den urdeutschen Idealen - der Demo-
kratie, des Humanismus, der Völkerfreundschaft... - überlebt,
sondern im einfachen "guten Volk". Die Deutschen von neulich gel-
ten nicht mehr als das, was sie waren und wofür sie sich hergege-
ben haben, nämlich als Manövriermasse ihres Führers, sondern als
die wahre und eigentliche Substanz der Nation, die den ganzen
Horror als nun einmal gelaufenen, also dazugehörigen Teil ihrer
Geschichte weggesteckt hat. Sie sind die Gewährsleute einer na-
tionalen Identität, die mit Hitler und der Niederlage keineswegs
erloschen ist - also, um es kurz zu machen, die Berufungsinstanz
für die unerschütterlich fortdauernden p o l i t i s c h e n
R e c h t e d e r d e u t s c h e n N a t i o n.
Von deren Inhalt braucht in den teilnahmsvollen Rückblicken gar
nicht direkt die Rede zu sein. Es genügt vollauf, mit Bildern aus
dem schweren Alltagsleben des Volkes die pure Idee der ungerührt
überdauernden Nation zu malen. Welche Ansprüche und Rechte diesem
Subjekt zukommen, für welche politischen Ambitionen es den Anwalt
spielen darf, das steht ohnehin längst fest.
Schließlich gibt es dafür seit einer vollen Generation den ande-
ren Gedenk- und eigentlichen Nationalfeiertag: den würdevollen
Rückblick auf den 17. Juni 1953, als ein - in den Westzonen un-
denkbarer - Protest Ostberliner Bauarbeiter gegen Normenerhöhun-
gen, verknüpft mit viel reaktionärer Sehnsucht nach dem abge-
schafften "3. Reich" und kräftig interpretiert durch den RIAS,
für 24 Stunden Aufregung in der DDR sorgte. Der bundesdeutsche
Anspruch auf die ganze Nation, ohnehin in der Präambel des Grund-
gesetzes verankert, ließ sich seither mit dem guten Gewissen ei-
ner gar nicht nationalistischen Parteinahme für Freiheit, Demo-
kratie und sonstige Systemfragen als die höchste politische Sehn-
sucht der "getrennten Brüder und Schwestern" ausgeben. So ließ er
sich auch weltpolitisch hemmungslos vorzeigen: der nationale
Rechtsanspruch der BRD, noch unfertig zu sein und in Wahrheit
deutlich größer und viel gewichtiger als in Wirklichkeit.
Dieses gute bundesdeutsche Recht, eine "offene nationale Frage"
in die Welt zu setzen und sich für zutiefst unzufrieden zu erklä-
ren, solange die territorialen und weltpolitischen Kriegsergeb-
nisse in Europa nicht durchgreifend zum deutschen Vorteil revi-
diert sind, wird heuer erstmals zu einem anderen Anlaß feierlich
vorgezeigt und demonstrativ bekräftigt. Die Bonner Regierungs-
mannschaft hat durchgesetzt, daß sie das zur Tradition gewordene
Gipfeltreffen der führenden imperialistischen Staaten ausrichten
darf, das ausgerechnet in die nächste Nachbarschaft des runden
vierzigsten Jahrestags der reichsdeutschen Kapitulation fällt.
Und das in klarer, unverhohlener Berechnung. Mit Glanz und Gloria
in Bonn will sie alle alliierten Siegesfeiern in den Schatten
stellen und vor allem die unvermeidlich wie der aufgewärmte Waf-
fenbrüderschaft zwischen Ost und West von einst mit ihrer Lesart
dieses Geschichtsabschnitts erschlagen. Nach dieser historischen
Wahrheit hat am 8. Mai 1945 nicht so sehr die Anti-Hitler-Koali-
tion gesiegt, sondern es hat die "Solidarität der Demokraten",
Westdeutschland inklusive, und deren g e m e i n s a m e Geg-
nerschaft gegen den falschen Sieger aus dem Osten begonnen. Die
Bonner Gipfel-Demo soll die "West-Alliierten" von einst auf das
Bekenntnis festlegen, daß auch für sie der 2. Weltkrieg nur zur
Hälfte gut ausgegangen ist - genau insoweit nämlich, wie sie hin-
terher einen machtvollen, weltbeherrschenden Westblock aufgemacht
haben, zu dem die BRD feste mit dazugehört; wenn also Siegesfei-
ern, dann gemeinsam mit den Erben des einstigen Feindes.
Und g e g e n den "widernatürlichen Verbündeten", die So-
wjetunion, die dummerweise mitgesiegt hat. Denn mindestens zur
Hälfte, das soll die auserlesene Gipfelmannschaft in Bonn mitbe-
zeugen, ist auch für die Hitler-Feinde aus dem Westen ihr Krieg
doch ziemlich schiefgegangen, ihr Sieg eine halbe Niederlage
geblieben - an der entscheidenden, der antikommunistischen Front
nämlich.
Mit dem aufgeblasene Getue um den 8. Mai, der demonstrativen hi-
storischen Einbettung des Gipfeltreffens am Wochenende vorher,
beabsichtigt die Regierung der christlich-nationalistischen Er-
neuerung also nichts geringeres, als i h r e deutsch-nationale
Unzufriedenheit mit dem Kriegsergebnis ganz direkt und glanzvoll
und in feierlichem Einverständnis mit den heute verbündeten Geg-
nern von einst als die
Gemeinsame westliche Absage an das Weltkriegsergebnis
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bekanntzumachen. Die offene deutsche Rechnung mit der sowjeti-
schen Siegermacht soll von dem doch etwas provinziellen Datum des
17. Juni und dem bläßlichen Idealismus der Systemkonkurrenz abge-
löst und von den versammelten NATO- und Weltwirtschafts-Spitzen
als ihre gemeinsame Schlußfolgerung aus dem Kriegsende als sol-
chem ratifiziert werden: als ein Ärgernis, das der Weltkriegsver-
lierer und die westlichen Sieger miteinander t e i l e n. Die
Niederlage der Deutschen gibt den NATO-Auftrag her; der
F e h l e r der bedingungslosen Kapitulation von einst, durch
den die Sowjetunion zum unberechtigten Kriegsgewinnler geworden
wäre, ist r ü c k g ä n g i g zu machen: In diesem Geist wird
"40 Jahre danach" der deutschen Niederlage gedacht.
Diesen Demonstrationszweck haben die fixeren Teile der westdeut-
schen Öffentlichkeit gleich begriffen - von wegen "die Niederlage
feiern"! Der "Spiegel", Trendschnüffler der bundesdeutschen In-
telligentsia, war gleich, kaum hatten die regierenden Herren das
Stichwort "Jalta" fallenlassen, mit einer ausgiebigen Bebilderung
der deutschen Kriegsgeschichte im Lichte der "Wende" zu Diensten:
Die Verbündeten von heute hätten sich damals, als die Alliierten
Nachkriegsregelungen planten und durchsetzten, vom gemeinsamen
Feind aller guten Deutschen und Demokraten, der Sowjetunion, be-
trügen lassen um die Früchte der großen Schlächterei. Jalta - das
"Versailles" des 2. Weltkriegs; das Kriegsende - Beginn einer un-
erträglichen Spaltung" (Berlins, Deutschlands, Europas der
Welt...), die nach Überwindung schreit: S o hat sich der aufge-
klärte nationale Geist an Hitlers schiefgegangenen Weltkrieg zu
erinnern! "Bild-Zeitung" und andere Blätter fürs einfachere Volk
gehen weniger plump zu Werk, um dieselbe Botschaft rüberzubrin-
gen. Sie bebildern mit ihren Quasi-Reportagen einen Glauben, den
sie bei ihrem Publikum getrost voraussetzen, nämlich den an ein
gemeinsames deutsch-nationales "Schicksal", das die Nation durch
die Niederlage hindurch auf die Sonnenseite der Weltgeschichte
geführt hat - bloß leider noch nicht die ganze. Immer wieder von
"damals" zu quatschen: Das reicht schon, um unmißverständlich zu
unterstreichen, an was die Bonner Politik mit ihrem Welt-Gipfel
"anknüpfen" will und gegen was sie sich mit den Siegern von einst
einig ist: gegen den fortdauernden "Triumph" Stalins, der heute,
40 Jahre danach, unerträglicher denn je auf Deutschland und der
Welt lastet.
Das ist das "WIEDER", der nationale Sinn deutscher Begängnisse
zum Kriegsende. Das Nationalsozialistische an der Vergangenheit
ist vorbei, "bewältigt", Museumsstück. Noch zu bewältigen ist das
politische Erbe der Niederlage des Nationalsozialismus: die un-
deutsche Landkarte Europas, die den Aufstieg Westdeutschlands und
der ganzen Freien Welt so betrüblich überschattet. In diesem
Geist kommt das Kriegsende noch einmal auf die Tagesordnung der
Weltgeschichte. Das garantieren die Gipfelfiguren der Freien
Welt, indem sie sich zum 40. Jahrestag der alten deutschen Kapi-
tulation zwanglos, festlich und gutgelaunt um den neuen deutschen
Kanzler gruppieren.
"Wir"
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Patriotisches Zusammengehörigkeitsgefühl ist Mode in der BRD der
'80er Jahre aber wenn's bloß das wäre. Deutschland als Abzeichen
auf dem Parka, als Fahne im Stadion, als Anfeuerungsgeschrei für
Eishockey-Krüppel, als Hymne zum Abschluß eines trostlosen Fern-
sehabends: Das alles ist doch, für sich genommen, noch das Harm-
loseste, was sich mit der Nation und ihren Symbolen anfangen
läßt. Reichlich übertrieben und meistens ganz daneben daher auch
die geschmäcklerische Verachtung, mit der manche "kritischen"
Geister der Nation so gerne ausgerechnet die Ausstaffierung der
"Privatsphäre " mit Erinnerungen an die nationale Heimat strafen.
Noch bleiben die entsprechenden Meinungsknöpfe ja tatsächlich dem
privaten schlechten Geschmack überlassen; und das Radio kann und
darf man noch mitten in die Hymne hinein abschalten.
Nationaler Kollektivismus
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So leicht ist dem "Wir", das die Nationalmannschaft und das Mu-
sikcorps der Bundeswehr bloß spielerisch r e p r ä s e n-
t i e r e n, nicht auszukommen. Gegen den real existierenden
nationalen Kollektivismus hilft es gar nichts, wenn man sich von
dessen aufdringlichen Bebilderungen angeekelt abwendet und über
dessen beglaubigte Symbolfiguren ironisch erhebt in dem stolzen,
aber falschen Bewußtsein, "immer noch mein eigener Herr" zu sein.
Ein einheitlicher "Volkskörper", dessen Mitglieder sich von ihren
politischen Führern, ob sie wollen oder nicht, das einnehmende
"Wir" gefallen lassen müssen, sind ... "wir" alle kraft einer ge-
setzlichen Gewalt, über deren Natur die Bonner Gesetzgeber und
ihre Vollstreckungsbeamten weniger denn je Zweifel und Illusionen
aufkommen lassen. Kleinere Bürgerkriegsarmeen, die mit Was-
serwerfern und schwerem Räumgerät in Stellung gehen, wenn sich
irgendwo ein paar Hundert oder Tausend zu einer Protestdemonstra-
tion ihrer Friedfertigkeit versammeln; uniformierte Jünglinge mit
Maschinenpistolen, die harmlosen Verkehrsteilnehmern demonstrie-
ren, wie gut sie überwacht werden; Polizisten, die erst schießen
und dann fragen: Das gibt es unter Zimmermann vielleicht nicht
einmal so viel häufiger als zu sozialliberalen Zeiten. Einen an-
deren Symbolwert soll die einschüchternde Präsenz der Staatsge-
walt aber schon haben. Die Lüge von den "gesellschaftlichen
Spielregeln", die im "wohlverstandenen Eigeninteresse" aller Be-
teiligten einen Garanten und Schiedsrichter bräuchten, wird zu-
rechtgerückt durch die Ideologie einer Volksgemeinschaft, die
sich Abweichler und irgendwie verdächtige Elemente mit vollem und
höchstem Recht nicht gefallen lassen will. Dieses ideologische
Bild kommt zumindest in einer Hinsicht der Realität sehr nahe.
Der Staat ist ja tatsächlich kein Dienstleistungsunternehmen für
Leute, die sich nach ihren Interessen ihren gesellschaftlichen
Zusammenhang einrichten könnten. Die Souveränität seines Gewalt-
apparats finden die Bürger als ihre erste, unbedingten Respekt
erheischende Existenzbedingung vor. Sie sind unter die nationale
Gewalt und deren Gesetze subsumiert, noch bevor sie sich ihre Be-
dürfnisse zu Interessen zurechtlegen; diese "Gemeinsamkeit" ist
die Grundlage aller gesellschaftlichen und eigennützigen Bezie-
hungen.
Die Gemeinsamkeit, die die souveräne Gewalt innerhalb ihres
Volkskörpers stiftet, ist auf alles andere als die Beglückung von
jedermann berechnet; das ist die zweite Klarstellung zum Thema
"wir", um die die Bonner Regierung sich mit ihrer "Wende" ver-
dient macht. Kein Tag vergeht ohne die wiederholte Versicherung,
daß private Wohlfahrt der Massen und Existenzsicherheit für
Lohnabhängige schlechterdings nicht zusammengehen mit dem natio-
nalen Zweck, auf den es ankommt: dem wirtschaftlichen Erfolg der
Gesellschaft, wie sie nun einmal eingerichtet ist. Billige Lohn-
stückkosten werden voll Stolz als
Das "Geheimnis" des bundesdeutschen Wirtschaftswachstums
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und Außenhandelserfolgs
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verkündet - und sind es ja wohl auch: Leistungssteigerungen in
den Betrieben und Reallohnsenkungen als Ergebnis einer gemeinnüt-
zigen Tarifpolitik. Noch mehr davon: noch billigere Arbeit, noch
effektiver einsetzbar nach Betriebsbedarf, fordert die eine
Seite; der Partner Gewerkschaft treibt beides voran, mit Lohnver-
einbarungen auf Jahre hinaus unterhalb jeder vergangenen, gegen-
wärtigen oder zukünftigen Inflationsrate und mit neuen Freiheiten
für die Einteilung der Arbeitszeiten. Und immer wieder ertönt der
Refrain: Solange es noch so viele Arbeitslose gibt, sind sie der
lebende Beweis, daß Arbeit noch immer zu teuer, das Arbeiten-las-
sen noch immer an zu viele Auflagen gebunden ist. Also weg mit
den Auflagen; je weniger Sicherheit für Lohnarbeiter, um so eher
findet sich eine Gelegenheit, sie auszunutzen. Und je weniger sie
kosten, um so eher leistet sich ein Unternehmer welche; also weg
mit den tariflichen Mindestlöhnen. Die Arbeitslosigkeit sinkt
deswegen nicht um einen Mann und eine Frau: Wo Arbeitskräfte nach
Belieben zu benützen sind, braucht eine Firma natürlich weniger
davon. Das Argument für noch mehr Armut, das Druckmittel für
einen noch vorteilhafteren Einsatz der benötigten Lohnarbeiter
bleibt also erhalten; entsprechend frecher werden die politischen
Verwalter der ganzen Scheiße. FDPler fordern das Ende, CDUler die
Aufweichung tarifvertraglicher Festlegungen - so als böten die
tarifvertraglich fixierten zahllosen Lohngruppen nicht seit jeher
alle wünschbaren Mittel zur erlaubten Lohndrückerei. Die Gewerk-
schaft protestiert aufgeregt herum - und schließt lauter Tarif-
verträge ab, die bereits das Prinzip der betriebsspezifischen
Unterbietung des "eigentlich" Vereinbarten enthalten. Die
"kritische" Öffentlichkeit begreift sofort die "Forderung der
Stunde" und steuert das Ihre bei: "Bild-Zeitung" die einschlägi-
gen Einfälle von "anerkannten Fachleuten", die gerade dann am
eindeutigsten richtig liegen, "wenn's wehtut"; "Spiegel" furcht-
bar kenntnisreiche Beschwerden über das wirtschaftsmordende, men-
schenunwürdige Prinzip der "starren", angeblich nicht unterbiet-
baren Lohntarife. Selbstverständlich geschieht das alles bloß im
Interesse der Millionen Entlassenen, denen mit der Gelegenheit,
sich fürs wachsende Eigentum nützlich machen zu lassen, gleich
auch die Mittel abgehen, sich überhaupt am Leben zu halten. Denn
an den Arbeitslosen, und ebenso an Rentnern und Kranken, voll-
streckt der zuständige Bundesminister seinen Anteil an dem demo-
kratischen Grundgesetz, daß Nützlichkeit für die aktive Ge-
schäftswelt der Nation die Existenzbedingung für alle schlichte-
ren Bestandteile des Volkskörpers ist. Am gesellschaftlichen Aus-
schuß wird gespart: an der medizinischen Therapie, an der Rente,
an den überflüssig Gemachten ohne gute Wiederverwendungsprognose.
So ergänzt der Staat bei der Verwaltung der Lohnteile, die er
verstaatlicht, die Reallohnsenkung in den Betrieben durch die
Verbilligung der nationalen Arbeitnehmerklasse als ganzer. Wer
überhaupt einen Lohn verdient, hat dafür Opfer zu bringen; wer
keinen verdient, ist selber bloß noch Opfer; beides muß sein, da-
mit der Aufschwung weitergeht: So funktioniert die
n a t i o n a l e S o l i d a r i t ä t 1 9 8 5; das ist der
materielle Inhalt der Volksgemeinschaft, als deren Urheber die
Staatsgewalt sich so machtvoll vorzeigt.
Deutsche - Das Menschenmaterial...
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Mit der höchst effektiven Organisation dieses Gemeinschaftswerks
'Billiges Volk enormes Wirtschaftswachstum' ist die Regierung zu-
frieden - und sie will gleich noch mehr. Sie will Menschen, die
sich den ganzen Zirkus ohne Berechnung zu ihrem Lebenszweck ma-
chen.
Deswegen will sie erstens D e u t s c h e: Menschen, die von
Geburt an, also quasi natürlich, ihrer Gemeinde angehören; deren
in der Geburtsurkunde dokumentierte staatsbürgerliche Rasse für
Mitgliedschaft ohne Vorteilsrechnung bürgt - keine Türken, die
"bloß" Geld verdienen, keine Asylanten, die "nur" dem Hunger da-
heim entkommen wollen. Die gehören im Gegenteil heimgeschickt,
raus aus dem "aussterbenden" Deutschland; ein "Tag für Afrika"
bedeutet noch lange nicht, daß "wir" in "unserer" Lüneburger
Heide Vietnamesen und andere Neger gebrauchen könnten.
G e n ü g e n d Deutsche müssen es natürlich sein. Den Maßstab
fürs "genug" läßt der Familienminister offen; die Bedürfnisse des
Arbeitsmarkts, der "bloße" Materialismus des Wirtschaftslebens,
die geben ihn jedenfalls nicht her. Eher liefert da schon der
Verteidigungsminister mit seinen Sorgen um die Kopfstärke künfti-
ger Rekrutenjahrgänge Kriterien für die Mindestgröße eines
brauchbaren deutschen Volkskörpers. Auf alle Fälle folgt daraus
ein regierungsamtliches Ansinnen an die zeugungs- und gebärfähige
Generation: Familien müssen her, lauter kleine Brut- und Versor-
gungsanstalten für den völkischen Nachwuchs. Zwar kann der Fami-
lienminister das Vögeln und Gebären nicht anordnen - wir sind si-
cher, daß er das bedauert. Wohl aber kann er aus dem Familien-
recht alles entfernen, was als Zugeständnis an private Lust und
Liebe mißverstanden werden kann. Scheidung nur, weil die Zunei-
gung nicht mehr stimmt; Abtreibung bloß, weil die Eltern in spe
ihre Zukunft anders planen möchten; "wildes" Zusammenleben ohne
Rechtsfolgen: Das paßt nicht in eine V o l k s g e m e i n-
s c h a f t, die für ihre nationale Zukunft eine gescheite
Alterspyramide haben will.
...für die demokratische Republik
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Von diesem V o l k s standpunkt aus klären die Bonner Herrschaf-
ten auch den unter den Sozialliberalen so gern mißdeuteten Sinn
der D e m o k r a t i e, auf die die bundesdeutsche Teilnation
einst festgelegt worden ist. In freien Wahlen fordern politische
Führer ihre ausdrückliche Ermächtigung ein; und Ermächtigung
heißt ausdrücklich, daß sie sich von Wünschen ihrer Wähler nicht
abhängig machen, sondern kraft ihrer bestätigten Souveränität
ganz frei über die Opfer befinden, die das Wohl und die Zukunft
der Nation erfordern. Demokratie ist kein Freibrief für einen
Parteienstreit, in dem womöglich gesellschaftliche Interessen-
gruppen ihre Bereitschaft zum Mittun von der Berücksichtigung ih-
rer Anliegen abhängig machen. Sie ist ein Wettstreit alternativer
Führerfiguren, in dem Aufgaben und verlangte Führerqualitäten al-
lemal feststehen; und sie erfordert Wähler, denen ihre Verantwor-
tung für die Bestallung des richtigen "starken Mannes" wichtiger
ist als ihr besonderes, parteiisches Interesse, an das sie beim
Räsonnieren über Politik ohnehin nicht zu denken haben. Wenn ei-
ner das doch tut, macht es auch nichts; denn an einer demokrati-
schen Wahlstimme zählen von Rechts wegen nicht die Überlegungen,
Wünsche und Vorbehalte, mit denen der Wähler sie befrachtet haben
mag, sondern allein der darin bekundete Wille, regiert zu werden.
Nicht einmal das stört sonderlich, wenn einer diesen Willen nicht
per Wahlakt bekundet: Regiert wird sowieso; und Stimmen wie
Stimmenthaltungen stehen dem Gewinner zur Interpretation als
Herrschaftsauftrag frei zur Verfügung. Wer gar nicht wählt, ver-
liert damit höchstens das moralische Recht, sich über die Herr-
scher zu beschweren, die er noch nicht einmal gewählt hat: Mit
solchen Klarstellungen wird von Regierung wie Opposition in der
BRD der 80er Jahre fürs Wählen "geworben"!
Dieser gesamte Kollektivismus der Nation steht hierzulande - im
Unterschied zu weniger entwickelten, demokratisch noch unreifen
Völkern - längst fest, wenn der geehrte Mitbürger dann auch noch
aufgefordert wird, sich privat und persönlich seinen affirmativen
Vers auf die "nationale Identität" zu machen, die ihm in Arbeit
und am Feierabend, im Alltag und an Wahltagen auferlegt wird. Und
nur, weil die höchstpersönlichen K o s t e n dieses nationalen
"wir" so verdammt hoch sind, ist es mehr als eine harmlose Ge-
schmacksverirrung, wenn die Betroffenen die angebotenen Idiotien
aufgreifen, um sich aus der nationalen Gewalt, die ihre Existenz-
bedingungen diktiert, ihren S t o l z zu machen. Dieser Stolz
ist eine einzige Härte gegen sich selbst; denn mit ihm versucht
der patriotische Bürger, die Opfer, die ihm ganz ungefragt zuge-
mutet werden, mit freiwilliger Zustimmung zu der Gewalt, die ihn
drangsaliert, zu überholen. Größere Opfer stören diese Haltung
daher auch nicht, sondern beweisen einem Nationalisten die Größe
der Sache, zu der er sich um so hartnäckiger bekennt - nach dem
Grundsatz: So große Opfer wie die meinen verdient nur ein ganz
extra großer Zweck. Diese Lebenslüge verlangt nur eins, nämlich
den E r f o l g der nationalen Sache: gegen Mitbürger, die ihm
nicht ebenso große Opfer bringen; und erst recht gegen alle, die
ihr gar nicht dienen oder dienen wollen. Die Opfer, die die
Staatsgewalt schafft, werden so betrachtet zu Ausweisen ihres Er-
folgs; an dem dafür notwendigen Aufwand an Gewalt und den Nieder-
lagen anderer hält der Stolz selbstbewußter Untertanen sich
schadlos.
"Wer"
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Nachbarn und andere "Schwellenländer" kennen "uns" als Heimatland
erfolgreicher Produkte, Firmen und einer Währung, die einen sehr
soliden Inbegriff von Reichtum darstellt. Ob ausländische Welt-
bürger dann lieber "die Deutschen" verachten, denen ihre stammes-
verwandten Hoteliers zu Ferienzeiten die Deutschmark aus der Ta-
sche ziehen, oder mehr die soliden Gebrauchsgüter
"Made in Germany"
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bewundern, die man sich leisten können muß, oder beides durchein-
ander, das gehört auch auswärts zu den nationalistischen Ge-
schmacksfragen. Ebenso das Maß der Freude an Jahrestagen des Sie-
ges über das alte Deutschland, mit der manches patriotische Gemüt
sich wenigstens moralisch schadlos hält für die heutigen Nieder-
lagen einheimischer Fabrikanten und Wirtschaftspolitiker in der
Konkurrenz mit bundesdeutschem Kapital, Management und Steuerauf-
kommen.
Jenseits aller Ideologien hat die Geschäftswelt sämtlicher kon-
kurrierenden Nationen es mit Massen und Expansionsraten eines dem
Bonner Finanzminister steuerpflichtigen, in Frankfurter Währung
berechneten kapitalistischen Reichtums zu tun bekommen, der ihre
angestammten Geschäftsmittel mit Beschlag belegt. Auf ihren Märk-
ten haben auswärtige Fabrikanten sich mit bundesdeutschen Billig-
lohnstückkosten auseinanderzusetzen. Ihre Währung, das nationale
Maß ihres Reichtums und Geschäftserfolgs und zugleich Mittel und
Materie des Reichtums ihrer Staatsgewalt, wird von berufsmäßigen
Spekulanten mit der
D-Mark
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verglichen und im er wieder für einen relativ weichen bis
schwindsüchtigen Wertmaßstab befunden. In den Sphären der produk-
tiven Anwendung ihres nationalen Menschenmaterials machen sich
bundesdeutsche Konkurrenten breit, die Leistungsstandards der
Spitzenklasse einführen, den Leuten die letzten Reste bodenstän-
diger Produktionsweisen austreiben und mit überlegenen Mitteln
neue Mittel für ihr Wachstum auftun.
Dieser Zugriff bundesdeutschen Kapitals auf fremde Geschäftssphä-
ren und -mittel setzt voraus, daß die Politik ihm den Weg gebahnt
hat und die Zustimmung der zuständigen fremden Souveräne sicher-
stellt. Tatsächlich können Bonner Wirtschaftspolitiker ihrer Kli-
entel garantieren, daß die Ausnutzung fremder -Märkte, Währungen
und Proleten selbst dann ungehindert weitergeht, wenn darüber die
Reichtümer ganzer Nationen ihren Eigentümer, ihren Nutznießer und
ihr nationales Gewand wechseln; wenn ganze Währungen zu Unterab-
teilungen der D-Mark-Zirkulation herabgesetzt werden; und sogar
wenn die autonome Zahlungsfähigkeit ganzer Staatsgewalten darüber
zugrunde geht. Denn noch vor ihren Kaufleuten, Industriekapitänen
und Spekulanten haben die politischen Funktionäre des bundesdeut-
schen Wirtschaftswachstums sich bei ihren konkurrierenden Kolle-
gen eingeführt als Schutzpolizisten eines von nationalen Schutz-
vorschriften befreiten Welthandels und eines Währungsvergleichs,
bei dem umsichtig berechnende Makler nach dem "Gesetz" von Ange-
bot und Nachfrage das relative Gewicht des Reichtums der Nationen
ermitteln. Sie machen den internationalen Rechtsanwalt der Frei-
zügigkeit anlagewilligen Kapitals, einschließlich Transfer der
abgesahnten Gewinne in jede beliebige Währung und Himmelsrich-
tung, und fordern die Gleichschaltung aller nationalen Wirt-
schaftspolitiken auf eine Linie, die der von ihnen betreuten Ge-
schäftswelt in allen vergleichbaren Ländern dieselbe wachstums-
fördernde Rücksichtslosigkeit sichert, der "wir" "unser Wirt-
schaftswunder" verdanken.
Durchgesetzt hat sich dieser bundesdeutsche Imperialismus der
freien ökonomischen Konkurrenz nicht auf Grund der Ideale der su-
pranationalen Einheit, des gemeinsamen Kulturerbes und der immer
gemeinsameren Märkte, in die er sich mit Vorliebe einkleidet.
Sein Geburtshelfer war, seine Geschäftsgrundlage ist der bis
heute aufrechterhaltene Nachkriegsbeschluß der westlichen Haupt-
siegermacht USA, der Staatenwelt den Freihandel und die Konverti-
bilität ihrer Währungen auf Dollar-Basis als ökonomische Exi-
stenzbedingung zu diktieren. Die Geschäftswelt der BRD hat es mit
ihrem durch Hitler erzogenen, durch seinen Krieg anspruchslos ge-
machten Menschenmaterial geschafft, aus dem Diktat ihre Chance
und aus der Chance, auf den Trümmern des Krieges einen Kapitalis-
mus mit riesigen Wachstumsraten in Gang zu setzen, einen Bom-
benerfolg zu machen. Die politischen Führer der verkleinerten Na-
tion haben sich nicht weniger zielstrebig und erfolgreich in das
amerikanische Programm der "einen Welt": des
Imperialismus der freien Staatenkonkurrenz
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nach US-Regeln, eingeschaltet. Weltmacht und Weltwirtschaftsord-
nung made in USA ersparen "unseren" Machern viel imperialisti-
sches Auftreten mit Waffen, subversivem Personal und eigenen Ord-
nungstruppen, mit ruinösen Wirtschaftskriegen und militärischer
Erpressung. Die prinzipiell geregelten Machtverhältnisse zwischen
den kapitalistischen Staaten und ihrer Führungsmacht bieten Staa-
ten wie der BRD die Chance, mit der Wucht ihres Reichtums lauter
"freundschaftliche Beziehungen" zu erpressen. "Wir" haben unter
anderem eine "europäische Gemeinschaft" zustandegebracht, die
noch viel besser als vergrößerter D-Mark-Raum und als Quelle bun-
desdeutscher Macht funktionieren könnte, gäbe es nicht immer noch
ein paar Konkurrenten in d i e s e m Geschäft.
So kennt die Welt den bundesdeutschen Staat als zweitklassigen
Mitveranstalter des universellen Kapitalismus, der "Weltwirt-
schaftsordnung" heißt und von dem US-Präsidenten und handge-
zählten sechs weiteren Regierungschefs der zweiten und dritten
Rangstufe betreut wird.
Staatsmänner aus aller Welt warten entsprechend sorgenvoll auf
die Entscheidungen auch aus Bonn; denn von denen hängt es ab, für
welche Zwecke, mit welchen Mitteln und unter welchen Aussichten
sie ihr Volk unter Kontrolle halten und ihr Land zur gefälligen
Benutzung aufbereiten.
Die Bonner Herrschaften - die bundesdeutschen wie ihre hohen Gä-
ste - plagen Sorgen von seltenerem Zuschnitt. Die
"W e l t s c h u l d e n k r i s e" gehört sicher nicht dazu;
denn deren Grund und Prinzip ist die so bequem kredittechnisch
verbürgte Rechtslage, wonach die in hartes Geld zu verwandelnde
Produktion ganzer Länder schon lange im voraus den Gläubigern aus
der Freien Welt gehört; und die haben hauptsächlich Probleme mit
gewissen spekulationshemmenden Verrechnungs- und Abschreibungs-
vorschriften, wenn gewichtige Schuldner in Verzug geraten. Das
"H u n g e r p r o b l e m" sehen seine Veranstalter im Stolz
auf ihre "weltwirtschaftliche Verantwortung" ebenfalls ganz an-
ders als ihre einheimischen Moralisten. Ihrer wirklichen Verant-
wortung werden sie sehr wohl gerecht, und sie "versäumen" auch
nichts und begehen kein Unrecht, wenn sie stillschweigend von der
Übereinkunft ausgehen, daß zahlreiche Völker und Unmassen von
Leuten ganz einfach z u t e u e r sind: Die mangelnde Kredit-
würdigkeit der zuständigen Herrscher, ermittelt und festgelegt
durch staatliche und private Finanzexperten, ist in dieser Frage
ihre unbezweifelbare Auskunftsquelle. Aus den Konsequenzen dürfen
dann ihre braven Untertanen sich einen moralischen Anstoß für ihr
gutes Herz verfertigen.
Der Juniorpartner der USA
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Etwas anders ist es schon mit dem "D o l l a r p r o b l e m":
der Schuldenpolitik der US-Regierung. Die Milliardenbeträge, mit
denen eine anlagewillige Geschäftswelt aus aller Herren Länder
den Haushalt der USA kreditiert, gehen dieser zwar nicht verlo-
ren, sondern wachsen, wie es sich für Finanzanlagen in Dollar-
Uniform gehört. Die Regierungen des zweiten Glieds finden sich da
allerdings mit dem ziemlich prinzipiellen Abstand konfrontiert,
der sie von ihrer Führungsmacht trennt. Ihnen fehlt die amerika-
nische Bequemlichkeit, mit der die Reagan-Regierung sich Reichtum
nimmt und Schuldtitel ausgibt, ohne ihren Kredit und dessen Mit-
tel, den Dollar, als Maß und Materie des Reichtums zweifelhaft zu
machen. Im Gegenteil: Der Vergleich mit dem Dollar, praktisch
vollführt in tausenden täglichen Finanztransaktionen, läßt die in
D-Mark, Franc oder Pfund repräsentierte nationale Bürgschaft für
immerwährenden Geschäftserfolg matt bis zweifelhaft erscheinen
und schmälert die internationale Kaufkraft der europäischen
Staatshaushalte. Das "weltwirtschaftliche Problem" ist damit al-
lerdings auch schon wieder zu Ende: Der von den USA und ihren
Mitmachern arrangierte internationale Kapitalismus ist - keine
Garantie und noch nicht einmal ein Versprechen auf Zahlungs- und
sonstige "Gleichgewichte" zwischen den führenden Mächten; und die
auserlesenen Probleme der Bonner Mannschaft, die an ihrer D-Mark
den Vorzug des Dollar: den absoluten Zugriff auf die Reichtümer
dieser Welt, schmerzlich vermißt, sind für Reagan und seine Leute
nicht der allerkleinste Grund, damit selber ein Problem zu krie-
gen. Für "unsere" amerikanischen Freunde sind "wir" vielmehr
ziemliche Querulanten, die ihren Reichtum behüten wollen, wo es
längst um Wichtigeres geht: den Schutz des Systems, dem alle ka-
pitalistischen Wirtschaftsmächte ihren Erfolg verdanken. Schließ-
lich hat die Bequemlichkeit des D-Mark-Imperialismus, ohne eigene
Interventionstruppen bei der Ordnung der Welt durch die USA und
ihr Bündnis mitmachen und mitprofitieren zu dürfen, ihren Preis.
Der wird als Beitrag zur integrierten Militärmacht des Westens
entrichtet; und seine Höhe und Verteilung ist das einzige Pro-
blem, das alle engagierten Mächte als eines anerkennen - das also
wirklich eines ist.
Besagten Preis bezahlen "wir", entgegen dem amerikanischen Dauer-
verdacht, seit jeher im Grunde reichlich und gerne. Denn die Auf-
rüstung der Bundeswehr und die Übernahme gewisser amerikanischer
Rüstungslasten ist, entgegen dem Dauerverdacht "linker" und al-
ternativer BRD-Nationalisten, kein verlorener Zuschuß an den Ehr-
geiz der USA, die Welt zu beherrschen, sondern die Eintrittskarte
zur Beteiligung daran. Sie ist die letzte Bestimmungsgröße des
internationalen Gewichts der Republik, noch grundlegender als
ihre D-Mark und ihre schwäbischen Markenfabrikate. Auch für die
BRD, die nirgends Kriege führt oder Länder besetzt hält, stimmt
immer noch, daß der imperialistische Zugriff auf die souveräne
Regierungsgewalt und den Reichtum fremder Länder in letzter In-
stanz eine Frage der einsetzbaren militärischen Gewalt ist. Dem
bundesdeutschen Militär ist allerdings seit der Wiederbewaffnung
seine klare Frontstellung vorgegeben und seine arbeitsteilige
Aufgabe zugewiesen. Gleichwertiger Widerpart der Sowjetunion auf
europäischem Boden haben die deutschen und die in der BRD stätio-
nierten NATO-Truppen zu sein.
Das ist die Geschäftsgrundlage dafür, daß die US-Army auch die
deutsche Freiheit in aller Welt - von Nicaragua bis Afghanistan
und von Kambodscha bis Angola mitverteidigt.
Dem Auftrag, zweitstärkste "konventionelle" Streitmacht in Europa
zu werden, haben "wir uns" in demokratisch angespitztem Wehr-
machtsgeist gestellt. Neben einer von heute auf morgen mobili-
sierbaren 2-Millionen-Mann-Armee ist dabei eine Rüstungsindustrie
herausgesprungen, der selbst dieser garantierte Absatzmarkt zu
eng ist. Der angenehme ökonomische "Sachzwang", durch größere Se-
rien, also auf entsprechend ausgeweiteten Märkten die Rüstungsko-
sten zu bremsen und volkswirtschaftlich rentabel zu gestalten,
hat sich mit der weltpolitischen "Pflicht" verbunden, die Staa-
tenfamilie nicht dem Einfluß eigensüchtiger Waffenlieferanten
auszuliefern, sondern dann schon lieber selbst mit deutschen Ex-
perten und Gerätschaften auswärtige Herrscher zur Sicherung des
r i c h t i g e n Friedens anzuhalten. Vieles steckt hier noch
immer in den Anfängen; anderes läuft über traditionsreiche fran-
zösische und britische Adressen. Immerhin kennt die Welt auch au-
ßerhalb der NATO "uns" als erfolgreiche Polizeiausbilder, U-Boot-
Bauer und Panzerlieferanten; und nicht wenige Staaten verdanken
die Souveränität, mit der sie sich als hoffnungsvolle Anlagesphä-
ren deutscher Kredite bewähren wollen, dem deutschen Waffenhandel
- auch eine Art Kredit, die mindestens so effektiv, dabei billi-
ger und moralisch unschuldiger ist als ein stehendes Kolonial-
heer.
Raketenrepublik...
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Für die Aufgaben und Ambitionen der BRD "im Herzen Europas" sind
allerdings selbst die dressierten Jungs der Bundeswehr mit ihren
Leos und Tornados nicht genug. Um der Sowjetunion wirklich als
gleichrangiges politisches Subjekt gegenübertreten und im Namen
der NATO die "deutsche Frage offenhalten" zu können, muß von
deutschem Boden schon wieder eine strategische, d.h. für den Be-
stand der gegnerischen Macht entscheidende, also atomare Bedro-
hung ausgehen. So haben die Partner ihren westdeutschen Front-
staat respektieren gelernt als Initiator des einen, als zahlungs-
fähigen und -willigen Unterstützer des anderen aktuellen Aufrü-
stungsunternehmens, mit denen die USA die strategische Vorent-
scheidung gegen die Sowjetunion auf dem Gebiet der Atomkriegsmög-
lichkeiten suchen: Die Ausstattung Westeuropas mit amerikanischen
Mittelstreckenraketen ist ein sozialliberaler Einfall - Ehre, wem
Ehre gebührt -, die Mitwirkung an überirdischen Raketenabwehrsy-
stemen, die den Atomkrieg endlich nach dem Muster klassischer
Schlachten zu führen erlauben, fällt fürs erste in die christli-
che Ära...
W e r "wir" endlich wieder sind, weiß seither vor allem der
Adressat dieser bundesdeutschen Vaterlandsverteidigung: die So-
wjetunion. Die fürchtet im selbstbewußten "Rechtsnachfolger" des
Hitler-Reiches seit jeher den Scharfmacher im westlichen Bündnis;
schließlich verbindet die BRD als einziger NATO-Staat mit dem
Bündniszweck, die große sozialistische Ausnahme aus der Weltwirt-
schaftsordnung und deren waffenstarrendem Weltfrieden unschädlich
zu machen, noch einen besonderen nationalen Anspruch auf die Ver-
änderung der politischen Nachkriegs-Landkarte Europas. Von dieser
Furcht war und ist ein Gutteil der sowjetischen Aufrüstung ebenso
diktiert wie der Versuch, den grundgesetzlich verankerten bundes-
deutschen Revanchismus durch vorteilhafte Geschäftsbeziehungen,
durch die Aufwertung der sozialliberalen Regierungen zu bevorzug-
ten Adressaten der sowjetischen Weltpolitik, durch Berlin-Zuge-
ständnisse u.ä. zu saturieren oder zu neutralisieren.
...mit "offener deutscher Frage"
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Die bundesdeutsche Ostpolitik hat diese Angebote mit der Kunst
beantwortet, Scharfmacherei als Friedenspolitik zu betreiben. Sie
hat die angebotenen Geschäftschancen zu Mitteln entwickelt, die
östlichen Planwirtschaften vorteilhaft zu benutzen und nach Be-
darf zu schädigen; sie hat das diplomatische Einvernehmen zur
Form für die Übermittlung der härtesten westlichen Ansprüche an
sowjetisches "Wohlverhalten" gemacht; sie hat eine Deutschlandpo-
litik der zersetzenden "Verständigung", der praktischen Relati-
vierung der Ostberliner Souveränität anstelle ihrer bloß rhetori-
schen Bestreitung, betrieben. Die christlichen Erben dieses
"deutschen Modells" antisowjetischer Friedenspolitik können daher
in voller Kontinuität und mit demselben Außenminister klarstel-
len, worum es immer gegangen ist: um die deutsche Federführung
und einen besonderen nationalen Nutzen bei allen westlichen Un-
ternehmungen mit dem Ziel, den Ostblock zu spalten, die soziali-
stische Herrschafts- und Wirtschaftsform zu zersetzen, den plan-
wirtschaftlichen Reichtum kapitalistischer Verwendung zuzuführen,
die Sowjetunion zur Duldung aller einschlägige Fortschritte zu
zwingen, also ihre Macht zu schwächen... Über die weiteren Aus-
sichten wird anstandshalber nur in der Metaphorik der "Einigung"
- Deutschlands, Europas, Schlesiens... - unmißverständliche Aus-
kunft gegeben.
Nun sind besondere ostpolitische Künste sozialliberaler Machart
nicht mehr gefragt, weder von sowjetischer noch von amerikani-
scher Seite, seit die USA ihre Feindschaft gegen die Sowjetunion
nicht mehr mit diplomatischer Berechnung in den Formen vertrags-
mäßiger Vereinnahmung abwickeln, sondern ihrem Feind zumuten, der
amerikanischen Überlegenheit nachzugeben und sich für erpreßbar
zu erklären. Seither wissen auch "wir" wieder ganz offiziell, daß
man mit der Sowjetunion nur "weiterkommen" kann, indem man ihr
schadet und mit überlegenen Machtmitteln droht. Als
Anwälte eines deutschen Europa
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mit einem freien Schlesien in der Mitte haben "wir" das im Grunde
immer gewußt. Jetzt lernt die Staatenwelt und vor allem der Ost-
block eine Bonner Arroganz der Macht kennen, die den ersten Bun-
desregierungen mangels Macht nicht zu Gebote stand und von den
nachfolgenden erst mit viel Rüstungs- und Weltpolitik begründet
werden mußte.
Die Ewiggestrigen, die der Sowjetunion noch immer "legitime Si-
cherheitsbedürfnisse" zugute halten und auf Kompromißbereitschaft
dringen, wollen inzwischen, im Zeichen neuer Raketen und Jahres-
tage, damit nur noch einen taktischen Ratschlag erteilt haben,
wie die Bundesregierung sich auf Basis tiefster Bündnistreue zu
den USA noch als eigenständiges Subjekt zur Geltung bringen
könnte. Sie vermissen den Schein des "Bremsers" westlicher Offen-
siven, die Rolle als inkarnierte Glaubwürdigkeit der westlichen
Heuchelei, die der sozialliberalen Ostpolitik so gut angestanden
haben. Und sie bringen sogar e h r l i c h e Empörung zuwege -
z.B. wenn amerikanische Militärexperten und Waffenhändler die
Ausrüstung der NATO-Luftwaffe mit elektronischen Gerätschaften
aus den USA durchsetzen, obwohl "unsere" Rüstungskonzerne viel
bessere Ware herstellen; oder wenn "wir" zum Satellitenwaffen-
Programm der USA "unsere" Technologie beisteuern sollen, ohne an
den militärischen Spitzengeheimnissen der amerikanischen Atom-
macht "gleichberechtigt" teilzuhaben.
Das sind denn auch die Punkte, an denen die Bundesregierung sich
selber mit Reagans Leuten zankt und sogar noch inmitten der Har-
monie des Gipfels in Bonn deutsch-nationale Bedenklichkeiten vor-
bringt. Schließlich sind "wir" wieder wer; an "unserer" Technolo-
gie können auch die USA nur zu ihrem Nachteil vorbei, wenn's ums
"Totrüsten" der Sowjetunion geht. Also feilschen "wir" mit um Ko-
sten, Vorteile und den Zeitplan des amerikanischen Rüstungspro-
gramms gegen die russische Atomraketenwaffe, ohne die die So-
wjetunion ihren Laden längst hätte dichtmachen müssen. Und gehen
in die Geschichte ein als die Nation, die nach zwei verlorenen
Weltkriegen keine Kriegsvorbereitung gescheut hat, damit von ih-
rem Boden nie wieder eine Niederlage ausgeht.
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