Quelle: Archiv MG - ASIEN VIETNAM - Ein Trauma der Amis?
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10 Jahre Ende des Vietnamkriegs
AUSGETRAUMAT!
"Die Amerikaner werden immer vor Gewaltanwendung zurückschrecken.
Das ist das Charakteristikum unserer vornehmen Zurückhaltung
(decency)." George Shultz, US-Außenminister.
Bei einer Nation, die sich für die weltweite Stiftung von Frieden
und Freiheit zuständig sieht, fallen die Kriegsgedenktage mitun-
ter zusammen. So durfte das amerikanische Volk in den letzten Wo-
chen gleichzeitig vierzig und zehn Jahre zurückdenken, um sich
die dort bereitliegenden historischen Lehren präsentieren zu las-
sen.
Was den Mai 45 betrifft, so liegt die Sache für einen Amerikaner
ganz klar: Den Deutschen so erfolgreich eins aufs Haupt gegeben,
daß sie 1. bedingungslos kapituliert, 2. sich mehrheitlich, d.h.,
so weit man ihrer habhaft werden konnte, in den Dienst des Freien
Westens gestellt haben. Strittig blieb bei den diesbezüglichen
Feierlichkeiten nur die Frage, ob man dem ehemaligen Gegner durch
die Ehrung seiner toten Soldaten die moralische Anerkennung zu-
teil werden lassen sollte, als V o l k jene Tugenden aufzuwei-
sen, also auch damals an sich gehabt zu haben, die man an ihm als
heutigem Verbündeten so sehr schätzt.
Weniger selbstzufrieden, aber gerade deswegen nicht weniger ein-
deutig fielen die Besprechungen zum zehnjährigen Abzug aus Viet-
nam aus
"The War That Went Wrong"
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Jahrelang gehörte es dies wie jenseits des Atlantiks zum guten
Ton demokratischer Bewußtseinspflege, den Vietnamkrieg als
"das vielleicht bitterste Kapitel der US-Geschichte" (Frankfurter
Rundschau, 6.6.)
zu betrachten. Es waren nie die nachhaltige Verwüstung einer
Weltregion und die Ermordung mehrer Millionen Menschen, die das
vielbemühte "schlechte Gewissen der amerikanischen Nation " her-
vorriefen. Die Scham, jenes Selbstbewußtsein, das eine Verfehlung
der eigenen Taten gegen die Maßstäbe, denen sie gehorchen sollen,
konstatiert, ist auch bei einem Staat nicht so beschaffen, daß
hierin diese M a ß s t ä b e einer Kritik unterzogen würden.
Wenn ein Staat bei der Besichtigung seiner Geschichte "dunkle Ka-
pitel" entdeckt, so stellen diese allemal einen Verstoß gegen die
von ihm formulierten Ansprüche an s e i n e n E r f o l g dar.
So ist die pflichtschuldige Erwähnung von Kriegsopfern stets der
Auftakt zur Feststellung des eigentlichen, p o l i t i s h e n
Schadens des Krieges, der dann die Zahl der Toten als
"unangemessen" ("unnötig", "sinnlos"), die Kosten also als zu
hoch erscheinen läßt.
Freilich ist der Schaden, den die USA aus dem Vietnamkrieg davon-
getragen haben wollen, in der Tat ausschließlich einer des
Selbstbewußtseins. Schließlich haben sie den Krieg aus eigener
Machtvollkommenheit beendet; und vom militärischen Standpunkt
nehmen sich ihre 58.000 Toten in der Bilanz wahrlich nicht
schlecht aus:
"'In die Steinzeit zurückbomben' wollten die amerikanischen Ge-
neräle das Land, und auf diesem Weg waren sie ein gutes Stück
vorangekommen. Generalstabsmäßig wurde die Umwelt zerstört und
verseucht: Vierzehn Millionen Tonnen Bomben und Granaten fielen
auf Vietnam - dreimal soviel wie auf alle Länder im Zweiten Welt-
krieg. 500 Kilo Dioxin regneten auf die Wälder nieder - in Seveso
vergifteten 0,3 Kilo die Umwelt. Zerstört wurden: die Hälfte der
nordvietnamesischen Städte völlig, 3000 Schulen, 350 Krankenhäu-
ser, das gesamte Verkehrssystem, unzählige Deiche und damit die
Grundlage des Reisanbaus. Zwei Drittel der Südvietnamesen flüch-
teten aus ihren Dörfern, drei Millionen Vietnamesen kamen ums Le-
ben, 800.000 wurden zu Waisen, eine Million zu Krüppeln. Noch
heute sterben jährlich etwa tausend Menschen an Blindgängern, die
zu Zehntausenden im Boden lauern, noch im nächsten Jahrzehnt wer-
den dioxin-verseuchte Kinder zur Welt kommen. Von sich aus konnte
und kann dieses Volk nicht wieder auf die Beine kommen." (Für
"Die Zeit" vom 26.4. eine hervorragende Gelegenheit für einen
mildtätigen bundesrepublikanischen Imperialismus.)
Was also vom amerikanischen Standpunkt aus am Vietnamkrieg
"danebenging", wie es das "Time-Magazine" in seiner Titelge-
schichte vom 15. April formuliert, ist folgendes:
"Der US-Idealismus starb aus... alle Vorstellungen von Ritter-
lichkeit brachen zusammen."
Den Krieg so führen, daß man am Ende auch moralisch als Sieger,
als ritterlicher Befreier dasteht, das wär's also gewesen. Das
geht freilich nur, wenn man, wie eben mit der BRD geschehen, in
dem besiegten Land ein genehmes politisches System und somit die
entsprechende Geschichtsschreibung installiert. So viel Engage-
ment war Vietnam den USA am Ende auch wieder nicht wert.
Die Erledigung eines Dominosteins
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Der Beschluß der USA, den im 2. Weltkrieg herbeigeführten Nieder-
gang der Kolonialmächte durch die weltweite Errichtung souveräner
Nationalstaaten zu besiegeln - ein Beschluß, dem bereits während
des Krieges die ideologische und militärische Aufrüstung der
dortigen Völkerschaften gegen die faschistischen Eroberer voran-
gegangen war -, traf in Südostasien auf eine politische Konstel-
lation, die die USA zum Entwurf einer eigentümlichen Doktrin ver-
anlaßte. Die "Domino-Theorie", die den "Fall" einer einzigen Na-
tion zum zureichenden Grund für den anschließenden "Fall" einer
weiteren Nation nach der anderen erklärte, war die Antwort auf
die Herausforderung, die dem Sachwalter des freien Weltmarktes in
der Existenz des damals von der DDR über China bis Nordkorea rei-
chenden noch recht "monolithischen" Weltkommunismus gegenüber-
stand.
Mit der Weigerung, den Friedensschluß zwischen Frankreich und den
Viet-Minh von 1954 anzuerkennen, der freie Wahlen für ganz Viet-
nam vorsah - der damalige Präsident Eisenhower rechnete mit einem
Wahlerfolg von 80% für Ho Chi Minh -, lehnten die USA grundsätz-
lich die Errichtung eines Nationalstaates ab, für den ein sozia-
listischer Staat, nämlich die VR China, als Garantiemacht einste-
hen wollte. Die Errichtung Südvietnams als souveräner Staat und
die Bekämpfung der kommunistischen Guerilla waren somit eine
Kampfansage an den Anspruch einer sozialistischen Nation, für die
Geschicke anderer Länder Verantwortung übelnehmen zu wollen. Der
Zweck des Vietnamkriegs war der, den Anspruch der USA auf unbe-
schränkte Zuständigkeit für das Weltgeschehen in der prekären
Phase der Liquidierung der Kolonialreiche gegen die "anti-
imperialistische" Gegenmacht des Ostblocks durchzusetzen, also
dafür zu sorgen, daß nicht die freie Welt zur "Insel" auf dem
Globus wurde, sondern das sozialistische Lager eine "Insel" auf
dem Globus blieb.
Als Henry Kissinger 1973 den Friedensnobelpreis für die Beendi-
gung des achtjährigen u n u n t e r b r o c h e n e n Bombarde-
ments Nordvietnams entgegennahm, war dieser Zweck vollauf er-
reicht. Davon zeugt nicht nur die oben zitierte Kriegsbilanz über
die Zerstörung Vietnams. Viel wichtiger waren die inzwischen ge-
genüber dem gegnerischen Lager errungenen Erfolge, für die der
Vietnamkrieg ein Mittel gewesen war. Die UdSSR hatte sich in den
ganzen Jahren der systematischen Zerstörung ihres Verbündeten
niemals zu einem unmittelbaren Eingreifen in das Kriegsgeschehen,
geschweige denn zu einem Ultimatum an die USA veranlaßt gesehen;
statt dessen tat sie so, als ob der Imperialismus in seiner
"Entspannungspolitik" ihr Angebot von der "Koexistenz" und dem
"friedlichen Wettbewerb der Systeme" angenommen habe. Die VR
China hatte mittlerweile die SU als Haupthindernis für eine er-
folgreiche chinesische Außenpolitik ausgemacht und behandelte die
vietnamesischen Kommunisten mit zunehmendem Argwohn.
"No more Vietnams"
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So war der 1954 gefaßte Plan zur "Eindämmung des Weltkommunismus"
am Exempel Vietnam 10 Jahre später geradezu deutlich übererfüllt
- und gerade deswegen erschienen der Krieg und sein Resultat, der
Abzug der Amerikaner aus dem zur Wüstenei gemachten Vietnam, ge-
radezu als Ausdruck von Schwäche. Gegenüber dem dem Imperialismus
immanenten universalen Anspruch erscheint nämlich jeder Teiler-
folg als Mißerfolg. Und von daher stellt Richard Nixon der bei
seinem Amtsantritt geschworen hatte, nicht der erste Präsident zu
sein, der einen Krieg verlöre, in seinem jüngst erschienenen Buch
"No more Vietnams" folgerichtig fest:
"Wir haben den Krieg gewonnen, aber den Frieden verloren."
Vom Standpunkt des erfolgreichen Imperialismus aus ist es uner-
träglich, daß der Kriegsgegner überhaupt ein souveränes Staatsge-
bilde auf die Beine gebracht hat und den mittlerweile von China
und den von Amerika aufgerüsteten ASEAN-Staaten geführten Krieg
gegen sich a u ß e r h a l b seiner eigenen Landesgrenzen zu
führen imstande ist.
Gerade weil die angebliche "Niederlage" Amerikas folgendes Resul-
tat gezeitigt hat,
"Die 'Dominosteine' der vielzitierten geopolitischen Theorie fie-
len nicht, Amerikas Rolle in Asien ist stärker als zuvor. "
(Spiegel 9/85)
"Im gesamten pazifischen Bereich... (ist) Amerikas Einfluß größer
als je zuvor." ( Süddeutsche Zeitung, 20.4.)
stellt der Vientamkrieg einen A u f t r a g dar:
"Kein neues Vietnam kann bedeuten: Wir werden es kein zweites Mal
versuchen. Es sollte aber bedeuten: Wir werden kein zweites Mal
scheitern." (Nixon)
Und so sieht sich der demokratische Sachverstand anläßlich seines
Jubiläums mit einem "Problem " konfrontiert:
"Das entscheidende Problem, wann und wie die USA noch einmal ihre
Truppen in einen auswärtigen Krieg schicken sollten." (Time)
Schon zur Jahreswende hatten maßgebliche Stimmen die Öffentlich-
keit mit diesem. "Problem " vertraut gemacht. So nannte Verteidi-
gungsminister Weinberger als Bedingung für das offizielle Engage-
ment von US-Truppen:
"Es muß die berechenbare Gewißheit vorhanden sein, daß wir die
Unterstützung des amerikanischen Volkes und des Kongresses genie-
ßen."
Diese Position hielt Außenminister Shultz für geradezu windel-
weich:
"So etwas wie eine Garantie auf öffentliche Unterstützung im vor-
aus gibt es nicht",
das Volk müsse eben gewonnen werden. Und wie "Time" sekundierte,
gehe dies ja recht schnell:
"Man betrachte nur die begeisterte Zustimmung zur Invasion auf
Grenada."
Nebenbei: Auch 1968, am Höhepunkt der Totaloffensive, war die an-
geblich so kriegsmüde US-Bevölkerung mehrheitlich für einen er-
höhten Militäreinsatz in Vietnam. Und im übrigen dürfe es bei ei-
nem nationalen Anliegen darauf ja wohl am allerwenigsten ankom-
men, wie der demokratische Kongreßabgeordnete und Vorsitzende des
Ostasien-Ausschusses Stephen Solarz feststellte:
"Es ist ein anderer Ausdruck für eine nationale Handlungsunfähig-
keit, wenn wir auf eine Meinungsumfrage angewiesen sind, die be-
weist, daß zwei Drittel des amerikanischen Volkes dafür sind, be-
vor wir je Gewalt anwenden."
Schließlich sei man auch beispielsweise im 1. Weltkrieg mit Auf-
ständen fertig geworden. Aber erfreulicherweise scheint auf den
US-Bürger der 80er Jahre ohnehin Verlaß:
"Es gibt eine wachsende Anerkennung der Tatsache, daß ein Zurück-
schrecken vor allen Schlachten, die weniger leicht zu gewinnen
sind als Grenada, gleichbedeutend wäre mit der Preisgabe der
Rolle Amerikas als einer Weltmacht. Und das ist andererseits kei-
nesfalls ein Weg, der das Überleben der Nation als einer freien
Gesellschaft sicherstellen kann."
Und so kann man den eigenen Anspruch auf die künftige Gestaltung
von Kriegen als Volkes Stimme ausgeben:
"Vietnam-Veteranen treten. leidenschaftlich dafür ein, daß Ameri-
kaner nie mehr zum Sterben in einen Krieg geschickt werden dür-
fen, den die Politiker sie nicht gewinnen lassen wollen. Und un-
ter 'gewinnen' verstehen sie ganz eindeutig so etwas ähnliches
wie einen Sieg nach Art des Zweiten Weltkriegs mit bedingungslo-
ser Kapitulation." (Time)
Und wo das Fußvolk sich so radikal dem nationalen Zweck ver-
schreibt, da darf die umgekehrte Huldigung nicht ausbleiben:
"Rund 25.000 Veteranen des Vietnamkrieges haben in New York an
einer Konfettiparade anläßlich der 10-Jahres-Feiern der Beendi-
gung des Krieges in Südostasien teilgenommen. Den Kriegsteilneh-
mern war bei ihrer Rückkehr vor 10 Jahren eine derartige Ehrung
verweigert worden. ... Der Zug der Veteranen wurde vom New Yorker
Bürgermeister Edward Koch angeführt. ... Er bezeichnete die Pa-
rade als Wiedergutmachung einer 'schrecklichen Ungerechtigkeit'."
(Süddeutsche Zeitung, 9.5.)
In der Tat eine Ungerechtigkeit sondergleichen, vom Standpunkt
eines relativen Mißerfolges und unter der scheinbaren Verbeugung
vor der damaligen Kriegsopposition den Helden der Nation die ge-
bührende Ehrung zu verweigern. Aber damit ist heute Schluß:
"Ein Vietnam-Veteran zu sein - das ist heute wieder etwas in den
USA." (Frankfurter Rundschau, 6.5.)
Ein Tatbestand, der auch im kulturellen Schaffen der Nation sei-
nen Ausdruck findet. War es in den siebziger Jahren Usus, wie
etwa in den Filmen "Taxi Driver" und "Apocalypse Now", den Viet-
namkrieg als Tummelplatz von Neurotikern zu schildern, die mit
einer rationalen politischen Kalkulation nicht das Geringste ge-
mein hatten, so zeichnen sich heute Vietnam-Veteranen wie der
"Magnum"-Held durch all jene Eigenschaften aus, die einen wahren
Mann ausmachen. Und mit wohligem Grausen läßt das Time-Magazin
einen Professor aus Louisville feststellen:
"Unter den Studenten ist der Krieg heute einfach 'in'."
Von wegen "angeschlagenes Selbstbewußtsein"!
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