Quelle: Archiv MG - ASIEN PHILIPPINEN - US-Demokratie im Pazifik


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       Bremer Hochschulzeitung, 12.05.1986
       
       Beispiel einer gelungenen Demokratisierung
       

UNSER "HERZCHEN" IN MANILA

"Marcos machte geltend, er sei immer noch rechtmäßiger Präsident der Philippinen. Dem widersprach Reagan und erklärte, die USA un- terstützten jetzt Präsidentin Aquino." (Die "New York Times" über das Telephonat auf Hawai) Seit Februar dürfen sich die Filipinos an einer neuen Regierung erfreuen. Zu verdanken haben sie sie einer hauseigenen Opposition und vor allem den Vereinigten Staaten, die mit der Forderung, daß der Wahlkampf "fair und gerecht" zu sein habe - nachdem sie 20 Jahre lang gegen die allseits bekannten Wahlbetrügereien des Mar- cos-Clans nichts einzuwenden hatten -, über den Diktator das po- litische Todesurteil verhängten. Marcos galt ihnen nicht mehr als der richtige Garant für Ruhe und Ordnung auf den Philippinen. Eine proamerikanische Präsidentin - daß sie das ist, daran ließ Carazon (= Herz) Aquino nie den ge- ringsten Zweifel -, die auch noch auf eine breitere Basis beim Volk verweisen kann, ist den USA natürlich allemal lieber. Und erst recht den Europäern: Vertreten durch Genscher meldeten sie in Manila eine EG-Option auf die künftige ökonomische und politi- sche Betreuung der "neuen Demokratie" an. Noch vorhandene Zweifel, ob denn die Dame über genügend "Erfahrung" im Umgang mit der Macht verfüge, konnten schnell aus- geräumt werden. Souverän bediente sie sich der ganz gewöhnlichen politischen und hoheitlichen Mittel, wie sie auch unter Marcos Usus waren. "Priorität ist, unsere Macht zu festigen." (Aquino) Durch bestehende Gesetze will man sich dabei möglichst nicht be- hindern lassen: Das Parlament wurde aufgelöst und regiert wird vorläufig auf dem Verordnungsweg. Ein Gesetz ermächtigt die Prä- sidentin für die nächsten 6 Monate, mit weitreichenden Notstands- vollmachten - unter Marcos Kriegsrecht benannt - zu regieren. Das sogenannte "Dekret" zu Marcos' Zeiten wurde durch den "Präsidentenerlalß" ersetzt. Unter dem Titel der nationalen Versöhnung stellen die neuen Machthaber in Manila klar, daß sie auf die Mitarbeit der bereits unter Marcos so bewährten Kräfte auch in Zukunft nicht verzichten wollen. Teilhabe an der Macht wird ihnen angeboten und einge- räumt. Die Kirche wirkt wie immer beratend mit und stellt ihre so wert- vollen Dienste - Appelle an Demut und Opferbereitschaft - beim Einseifen der gläubigen Volksmassen bereitwilligst zur Verfügung. Die Regierung selbst besteht zu einem großen Teil aus Ministern, die auch schon für Marcos ihr Geschick beim Regieren unter Beweis stellen konnten. Für Corazon Aquino steht auf alle Fälle fest, "daß diese Männer eine Menge geleistet haben". Das gilt natürlich erst recht für das Militär, das zuallervörderst in den "Versöhnungsprozeß" miteingeschlossen war. Mit dessen Diensten weiß nämlich auch die neue Regierung eine Menge anzufangen. Mit der Notwendigkeit der "Beruhigung" eventuell von ihrem "Hoffnungsengel" Cory enttäuschter philippinischer Hungerleider muß schließlich laufend kalkuliert werden. Und der von jeher an- gestammte Tätigkeitsbereich der Armee bleibt sicherlich erhalten. Nachdem die Verhandlungsbedingungen der kommunistischen Rebellen - grundlegende politische und wirtschaftliche Veränderungen, die Absetzung von Verteidigungsminister Enrile und Armeechef Ramos, sowie Gespräche über den Verbleib der US-Stützpunkte auf den Philippinen - rundweg abgelehnt wurden, also b e d i n g u n g s l o s e Gesprächsbereitschaft eingefordert wurde, ist es mittlerweile wieder soweit, daß Stabschef Ramos wie schon unter Marcos auf Kommunistenjagd geschickt wird. Ein nationaler Versöhnungsakt weiß eben fein säuberlich zu unter- scheiden zwischen den Stützen der Gesellschaft und solchen, die eine Gefahr für die Stabilität im Sinne einer gedeihlichen Benüt- zung von Land und Leuten darstellen und deswegen entweder zu ka- pitulieren haben oder von der staatlichen Gewaltmaschinerie ver- folgt werden. Mit einer Umwälzung der Verhältnisse auf den Philippinen hat das alles nichts zu tun. Inszeniert wurde dieser M a c h t w e c h s e l aber als "Revolution". Ganz revolutionär durfte sich die people's power per Wahlakt zwischen dem alten Diktator und einer Großgrundbesitzerin, die mit dem Mythos der Witwe eines ermordeten Oppositionellen den Wahlkampf bestritt, entscheiden. Dieses Verfahren brachte der neuen Regierung seitens der westlichen Beobachter das Gütesiegel "demokratisch" ein. Daß nie eine ordnungsgemäße Auszählung der Stimmen vorgenommen wurde, daß sich die neue Regierung in Manila in der Anwendung ihrer Mit- tel in nichts vom Marcos-Regime unterscheidet, tut diesem Urteil keinen Abbruch. Einerseits verlangt ja sowieso keiner in einem Entwicklungsland ein demokratisches Procedere wie in unseren zivilisierten Brei- ten, wo die allumfassende politische und ökonomische Benutzung der Massen so einvernehmlich geregelt ist - da steht schon die "mangelnde demokratische Reife" der dortigen Eingeborenen dage- gen. Andererseits wird gerade deswegen das Durchgreifen der je- weiligen Regierung und der Einsatz der staatlichen Gewaltmittel zur Herstellung einer den wirtschaftlichen und strategischen An- sprüchen des Westens genügenden inneren Ordnung auf den Philippi- nen zur unabdingbaren Notwendigkeit. Bei der Besprechung der Philippinen in der westlichen Öffentlichkeit fällt das dann unter die S c h w i e r i g k e i t e n, die die R e g i e r u n g bei der D u r c h s e t z u n g demokratischer Verhältnisse hat. Das gute imperialistische G e w i s s e n läßt sich mit diesem Schein einer Demokratie leicht zufriedenstellen, denn die impe- rialistische Politik verfolgt mit diesem von ihr in die Welt ge- setzten moralischen Maßstab einen Zweck, dem die Philippinen oh- nehin noch nie besonders widersprochen haben und dessen Erfüllung die neue Regierung garantiert. Insofern ist der Regierungswechsel in Manila ein wichtiger Präzedenzfall. Jede Regierung, die sich seitens der USA mit der Forderung nach "Demokratisierung" kon- frontieit sieht, kann sich ausrechnen, daß ihre Tage gezählt sind. Für die USA und ihre europäischen Bündnispartner steht die- ser Ehrentitel für nichts anderes als für ihr Recht auf Bevormun- dung aller anderen Souveräne, auf Oberhoheit über die Regierungs- geschäfte jeder eingeborenen Herrschaft. Dabei geben gelungene Einmischungen bei "alten Freunden" - wie auf den Philippinen oder Haiti den Rechtstitel für das Eingreifen gegen ausgewählte Feinde ab. Bei Libyen, Nicaragua, Angola steht die Forderung nach Demokratisierung nicht bloß für das Auswech- seln des Regierungspersonals, sondern für den Widerrufdes ganzen Staatsprogramms. Da wollen sich nämlich ganze Länder partout nicht von Washington aus regieren lassen. Deswegen geht dort die Demokratisierung nicht durch "innere Ursachen" oder ein bißchen "Revolution" zu bewerkstelligen. zurück