Quelle: Archiv MG - ASIEN PHILIPPINEN - US-Demokratie im Pazifik
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Wiener Hochschulzeitung, 04.03.1986
Philippinen / Haiti
REVIREMENT BEIM HERRSCHAFTSPERSONAL
29 Jahre lang mit Vater und Sohn Duvalier bzw. 20 Jahre unter dem
Präsidenten Marcos - sowohl die Inselrepublik Haiti als auch die
Philippinischen Inseln scheinen bis vor kurzem gemütliche Plätze
in den Tropen gewesen zu sein, die dem mitteleuropäischen Zeitge-
nossen bestenfalls als exotische Reiseziele bekanntgemacht wur-
den. Seit kurzem erst ist dies anders: Auf Haiti soll ein blut-
rünstiger Diktator entmachtet worden sein und in Manila ein Kol-
lege sein "letztes schmutziges Geschäft" (Bild, 11.2.) drehen.
Der gewöhnliche Imperialismus
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findet es nämlich völlig in Ordnung, daß außerhalb seiner Metro-
polen, in denen Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft blühen,
Präsidenten "auf Lebenszeit gewählt" werden und Staatsmänner alle
paar Jahre "Wahlen" inszenieren, bei denen es nicht darauf an-
kommt, daß die Stimme des Volkes die Konkurrenz der Politiker
entscheidet, sondern darauf, daß man den Beobachtern im Ausland
möglichst viele und eindeutige Volksstimmen vorweisen kann. Für
gewöhnlich bieten die Kreaturen des Imperialismus bestenfalls das
Szenario für die Unterhaltungsindustrie in der zivilisierten
Welt: 'Auf Kommunistenjagd in Mindanao' oder: 'Unter den Tontons
Macoutes von Port-au-Prince' - das ist ein Film mit James Bond
oder ein Roman von Graham Greene. Ein "realistisch" geschilderter
"Hintergrund" mag zwar Material abgeben für Erschütte-
rung/Empörung, ändert aber rein gar nichts an den "geordneten Be-
ziehungen" unserer Regierungen mit ihren Partnern in der "Dritten
Welt", wo bekanntlich andere Verhältnisse herrschen, die "wir"
uns nicht aussuchen können, zumal der Kommunismus nur darauf lau-
ert, von "uns" diese Länder zu übernehmen. Zum Beispiel Haiti:
1974 bei der Fußball-WM in der BRD gewann die junge Mannschaft
aus dem reiche Duvaliers auf Anhieb die Sympathien der westdeut-
schen Sportpresse. Der Torhüter erhielt anschließend einen Ver-
trag bei 1860 München. Sein Beruf wurde als "Bereitschafts-
polizist" mitgeteilt: ein Tonton Macoute! 1961 hatte die US-
Administration, die unter den Kennedys erstmals die Frage der
"Menschenrechte" gegen andere Regierungen einsetzte, die
"Entwicklungshilfe" für Haiti gestrichen, gleichzeitig aber die
Militärhilfe für "Papa Doc's" Streitmacht um exakt den gleichen
Betrag erhöht.
Zum Beispiel die Philippinen: Seit den Wahlen von 1965, in denen
Marcos durch massive Fälschungen zum Präsidenten gekürt wurde
(damals wurde übrigens nie ein "Endergebnis" verkündet; die Armee
erklärte Marcos zum Sieger!) ließ Marcos noch dreimal wählen, und
jedesmal meldeten westliche Journalisten aus Manila, daß von
Wahlen gemäß westlichen Regeln nicht die Rede sein könne. Bis zu
den Wahlen vom 7. Februar nie ein Grund zur Aufregung, geschweige
denn für eine extra Pressekonferenz des US-Präsidenten!
Die Ermordung politischer Gegner zählt ebenfalls zu den landesüb-
lichen Methoden der Durchsetzung. Marcos selbst wurde 1938 wegen
der eigenhändigen Erschießung eines Konkurrenten seines Vaters zu
Gefängnis verurteilt und machte sein Jura-Examen im Knast. Das
hat die USA bis heute nicht daran gehindert, diesen Mann als
"Führer des philippinischen Volkes" anzuerkennen und großzügig
per Militär- und "Entwicklungs"hilfe zu, finanzieren.
Zum Beispiel das haitianische und das philippinische Volk: Daß
die da unten weder was zum Beißen noch was zu melden haben, zählt
zu den Selbstverständlichkeiten, deren Kontinuität über jeden Re-
gierungs- und auch Regimewechsel sichergestellt ist: Über Haiti
nach der Abreise Jean Claude Duvaliers melden die Medien überein-
stimmend, daß die alten Machthaber (minus "Baby Doc") die neue
Regierung stellen. Und über Corazon Aquino lautet das höchste Lob
aller demokratischen Beobachter, daß "Cory" an der engen Bindung
zu den USA, an den ökonomischen Verhältnissen und den politischen
Einflüssen im Lande garantiert n i c h t s ä n d e r n wird.
Von ihr erwartet man sich allenfalls mehr Erfolg im Kampf gegen
kommunistische und moslemische Guerillas.
Die Vereinigten Staaten von Amerika
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begutachten die Zustände in den Staaten ihres Weltdominiums näm-
lich nicht nach dem Glück, den vollen Bäuchen und der würdevollen
Menschlichkeit der Leute, die das Pech haben, Mitglieder der
Freien Welt zu sein. Zu allererst interessiert sie als
O r d n u n g s m a c h t, daß Ruhe und Ordnung herrscht, wo sie
Dollars angelegt haben, Stützpunkte unterhalten oder auch bloß
die Feld- und Grenzzeichen ihrer Hemisphäre aufgepflanzt haben,
die offiziell S i c h e r h e i t s i n t e r e s s e n heißen
und überall da vorhanden sind, wo die USA sie zu solchen erklä-
ren.
Dabei verstehen sich die USA unter Ronald Reagan keineswegs bloß
als Weltpolizist, der für Ruhe sorgt, nachdem es gekracht hat:
Unzufrieden mit einem Regime sind die zuständigen Stellen im
State Department in weiser Voraussicht schon v o r h e r. Und
diese U n z u f r i e d e n h e i t sorgt dann dafür, daß aus
den ganz normalen Zuständen auf einmal eine "Krise des Regimes"
wird. Im Falle Haitis ist die Urheberschaft der USA an den
"Unruhen", die Jean Claude Duvalier angeblich zum Abdanken ge-
zwungen haben sollen, durch eine kleine Ungereimtheit beim Zeit-
plan des "Umsturzes" in die Spalten der Weltpresse gelangt: Der
US-Botschafter meldete den Abflug Duvaliers bereits 3 Tage vor
der Landung der US-Air-Force-Maschine, die den abgehalfterten
Herrscher ins französische Auffanglager abtransportierte. Klei-
nere bis hin zu mittleren Emeuten hungernder Slumneger hat es
auf Haiti seit Jahren gegeben. Das hat nie den Staat ernsthaft
gefährdet. Erst der B e s c h l u ß d e r U S A, den Duvalier
nicht mehr zu halten und eine vorher ausgehobene und präparierte
Alternativriege mit der Regierung und ihren Geschäften zu be-
trauen, hat die "Lage" für den alten Diktator "unhaltbar" ge-
macht. Als ihm Washington seine 30 Mio. Dollar Militärhilfe pro
Jahr strich, wußte Duvalier, daß er in Pension gehen mußte.
Im Falle der Philippinen sind es ebenfalls Überlegungen der USA
gewesen, die auf einmal für u n t r a g b a r erklären, was die
Herrschaft in Manila 20 Jahre lang sehr sicher ge- und ihr Volk
geduldig ertragen hat. Mit der Entsendung einer Senatskommission,
die "beobachten" soll, ob es wirklich "faire" Wahlen gibt, ist
das Marcos-Regime unter einen Anspruch gestellt worden, an dem
'es scheitern' m u ß. Selbstverständlich haben die US-Außenpo-
litiker gewußt, daß Marcos ungezinkte Wahlen nicht gewinnen kann.
Genau das haben sie aber vom Regime in Manila verlangt und damit
ihr prinzipielles Mißtrauen ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht.
Wenn die Journalisten hierzulande jetzt alle wissen wollen, daß
die "philippinische Geschäftswelt und die Banken" von Marcos ab-
fallen, "keinen Peso mehr investieren wollen, solange er weiter-
hin die Regierung besetzt hält" (ARD-Brennpunkt vom 12.2.), dann
reagieren sie auf den Umstand, daß der Pate jeder Macht auf den
Philippinen nicht mehr zweifelsfrei für die a m t i e r e n d e
Regierung in Manila b ü r g t. Deshalb fallen die Aktien des
Marcos-Clans. Andererseits signalisiert der plötzliche Einsatz
der USA für freie Wahlen auf den Philippinen, daß das Weiße Haus
deren Ergebnis nicht fürchtet, im Gegenteil mit einer Präsidentin
Aquino kalkuliert. Deshalb kommt auch hierzulande nie der häßli-
che Verdacht auf, mit dem ansonsten noch jede Opposition in der
"Dritten Welt" konfrontiert wird, sie sei letztlich "kommuni-
stisch" oder zumindest so "gesteuert".
Der Anspruch der Freiheit
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an die Staaten und Völker ihres Einzugsbereichs ist ein grenzen-
loser. Sie sollen gefälligst werden wie sie selbst. Demokratie
und Marktwirtschaft in allen Ländern ihrer Herren. Das heißt: die
p r o d u k t i v e F a r c e davon: Auf den Philippinen ent-
deckt Reagan freudig die Durchsetzung eines "Zwei-Parteien-Sy-
stems", weil jetzt zwei Klüngel mit Gewalt und Beschiß um die
Macht und um die Anerkennung durch die USA rangeln. Für Haiti
verpflichten sich die USA, den neuen Machthabern "beim Aufbau der
Demokratie" zu helfen. Erste Aufgabe: "Die Rekonstruktion der Ar-
mee" (der US-Botschafter). Das Ideal der Freiheitsstaaten und ih-
rer amerikanischen, Führungsmaeht sieht so aus: Lauter
"Drittwelt"-Demokratien, in denen der US-Botschafter und die CIA
für die Regierung u n d für die Opposition sorgen, wo also eine
Regierung und eine Oppositon einmütig um den Segen der USA kon-
kurrieren.
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