Quelle: Archiv MG - ASIEN PHILIPPINEN - US-Demokratie im Pazifik
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MSZ 3-4/86
Demokratischer Weltspiegel
LAUTER SPRECHER DES WEISSEN HAUSES
Der historisch ungebildete Zeitgenosse könnte bei der Lektüre des
demokratischen Pressewesens anläßlich der Wahlen von Manila glatt
auf den Gedanken kommen, bei den Philippinen handle es sich um
den 51. Bundesstaat der USA oder das pazifische Inselreich sei
immer noch eine amerikanische Kolonie: Mit einer bedenkenlosen
Selbstverständlichkeit behandelt die westliche Öffentlichkeit die
Probleme des Marcos mit seiner Opponentin exklusiv und vor allem
als ein P r o b l e m d e r U S A und kommentiert nur die
Frage, ob und wie Reagan damit fertig wird.
Die Filipinos werden als Eingeborenenmasse registriert, die die
Angelegenheit bestenfalls ein wenig kompliziert, weil sie, zu
großen Demonstrationen zusammengefaßt, die Verhältnisse in Unord-
nung bringen könnten. So lautet der Tenor freiheitlich-demokra-
tisch-westlichen Meinens pluralistisch-unisono: ein schweres
Durcheinander, hoffentlich bald unter US-Kontrolle. Daß es demo-
kratischen Meinungsbildnern ohne weiteres gelingt, bei der von
ihnen offen herausgestellten Abhängigkeit des philippinischen
Herrschers vom Großen Bruder in Washington konsequent die Schluß-
folgerung zu unterlassen, daß die Umtriebe jenes Schlächters wohl
den westlichen Interessen entsprechen, denen sie dienstbar sind,
ist die eine Seite der Besprechung. Die andere besteht darin, die
Überlegungen a m e r i k a n i s c h e r Philippinenpolitik als
Charakterzüge beim H e r r s c h a f t s p e r s o n a l in Ma-
nila darzustellen.
Dabei widerstrebt es den meisten Zeitungsschreibern, Ferdinand
Marcos einfühlendes Verständnis entgegenzubringen, wie es Verena
Stern von der "Süddeutschen Zeitung" für nötig hält. Daß die
Filipinos triftige Gründe hätten, Marcos nicht wiederzuwählen,
kann sie sich gar nicht vorstellen:
"Gegen die politische Marcos-Maschinerie konnte die Opposition
folglich nur eines entgegensetzen: Die kostenlose Propagandama-
schinerie der ausländischen Journalisten, die unisono darüber be-
richteten, wie betrügerisch und gewalttätig diese Wahlen waren.
In den Tagen nach der Wahl wunderten sie sich dann, daß die Fili-
pinos diesen 'massiven Wahlbetrug' relativ gelassen hinnahmen."
(Süddeutsche Zeitung, 18.2.)
In eine rhetorische Frage gekleidet schließlich ihre besten
Glück- und Segenswünsche:
"Aber vielleicht sollte der 'alte kranke Mann im Malacanang-Pa-
last', dem in den letzten Jahren so vieles mißraten ist, noch
eine letzte Chance bekommen?" (ebd.)
Gängige agitatorische Praxis von Journaille und Wissenschaft hin-
gegen ist es - keineswegs unter Leugnung der american connections
der philippinischen Herrschaft -, von deren i m p e r i a l i-
s t i s c h e r Dienstfunktion gleichwohl zu abstrahieren: Dazu
werden die wirtschaftliche und politische Lage des Inselstaates,
das Wohl und Wehe seiner Einwohner aus Resultaten der von Marcos
verwalteten auswärtigen Benutzung des Landes in Wirkungen des
Charakters des Präsidenten verfabelt. An sich gute Absichten bei
Mangel an Fähigkeiten und Realismus will bei ihm Ulrich Rausch
ausgemacht haben, wenn er das Umverteilungsprogramm des
landwirtschaftlichen Grundeigentums zugunsten seiner Spezis dem
Etikett "Agrarreform" gemäß in eine letztlich leider nicht
zufriedenstellende Wohltat für die Pächter uminterpretiert:
"Das Agrarreformprogramm des Kriegsrechtsregimes war der erste
wirklich ernsthafte Versuch, die ländlichen Strukturen von Aus-
beutung und Armut wenigstens teilweise einem Wandel zu unterzie-
hen." (R. Hanisch (Ed.), Land Reform and Dispute Processing in
the Philippines, Baden-Baden 1983, S. 39)
"Bald fand man heraus, daß die ursprünglichen ehrgeizigen Pläne,
das Programm zur Landübertragung (an die Pächter) 1976 abzu-
schließen, nicht verwirklicht werden konnten." (a.a.O., S. 47)
Indessen überwiegen die Verdammungen. Beispielhaft Sönke Petersen
in der Münchener "Abendzeitung":
"Philippinen heute - das ist ein tief in die Krise gestürztes
Land. Korrupt, ausgebeutet, vom Bürgerkrieg bedroht. Präsident
Ferdinand Marcos' beispiellose Vetternwirtschaft hat das einst
fruchtbare Land in den Ruin getrieben." (AZ München, 23.10.)
Vor diesem düsteren Hintergrund lassen die Presse- und Fernseh-
fritzen die Anführerin der Pfründekonkurrenten Marcos' in freund-
lichstem Gelb erstrahlen. Keine Tour der Selbststilisierung Cora-
zon Aquinos ist ihnen zu blöd, um sie nicht als unbestreitbare
Tatsache hinzustellen, während der Vizekandidat, Marcos' Ex-Pro-
tege Salvador Laurel in der hiesigen Kommentierung weitgehend au-
ßen vor bleibt:
"Die Geschichte der Kandidatin Corazon Aquino trägt alle Züge po-
litischer Romantik, und was diese Geschichte so erstaunlich
macht, sie ist sogar wahr. ... Grundstock ihrer Popularität ist
sicher der Name, den sie trägt; entscheidend aber ist, daß sie
für etwas steht, was es in der philippinischen Politik bislang
eigentlich nicht gab: Ehrlichkeit." (Robert Hetkämper im ARD-
"Brennpunkt" vom 5.2.86)
"Tatsächlich hat die Partei (C. Aquinos) Partei ergriffen,...
aber für die Demokratie, für das Volk... " (Winfried Scharlau im
ARD-"Brennpunkt" vom 12.2.)
Das aktuelle Gerangel zweier Clans um die Macht und deren
Fleischtöpfe auf den Philippinen, Folge der amerikanischen Ent-
scheidung, dem als zu eigenwillig erklärten amtierenden Vasallen
unter den Titeln von Demokratie und freien Wahlen praktisch zu
signalisieren, daß er nicht notwendig ihre einzige Option ist,
verwandelt die Journaille in einen apokalyptischen Kampf zwischen
Gut und Böse, der für die USA ein Eingreifen moralisch unumgäng-
lich, diplomatisch aber problematisch macht: Scharlau live aus
Singapur:
"Aber dieses alles nimmt die Amerikaner ja in die Pflicht, und
man muß noch einmal fragen, warum denn diese Wahlen ausgerufen
worden sind. Sie sind ganz offenkundig unter dem Druck Amerikas
zustandegekommen. Amerika hoffte durch freie Wahlen die Führungs-
krise, die seit der Ermordung Aquinos ganz offenkundig war, zu
beenden, mehr Sicherheit zu schaffen, damit eine reformierte Re-
gierung zu haben und die Chance zu haben, die NPA, die Gueril-
lero, den kommunistischen Untergrund langsam auszutrocknen. ...
Die Amerikaner haben bislang das Gegenteil von dem erreicht, was
sie durch die Ausrufung von Wahlen erhofft haben. Man darf auch
nicht vergessen..."
Fritz Pleitgen live aus Washington geht dazwischen:
"Wenn ich da mal unterbrechen darf, Winfried Scharlau, aber damit
geraten die Amerikaner auch in eine Zwickmühle. Vorhin haben Sie
ja erwähnt, daß ihnen vorgeworfen wird, sie intervenierten zu
sehr in die inneren Angelegenheiten der Philippinen. Ronald Rea-
gan hat davor immer gewarnt, und er hat gesagt, wir wollen die
Souveränität dieses Staates achten. Gut, dies sind Lippenbekennt-
nisse, aber es sind auch ernstzunehmende Lippenbekenntnisse: Wenn
die Amerikaner zu weit gehen, dann werden sie ganz sicher dafür
getadelt werden, daß sie sich in die Angelegenheit der Philippi-
nen eingemischt haben."
Scharlau:
"Das ist richtig." ("Brennpunkt" vom 12.2.)
Angebliche und wirkliche Interessen der Amis mitsamt ihren ideo-
logischen Ehrentiteln geraten hier zu einem nahezu unentrinnbaren
Wirrwarr von Sachzwängen, so daß Uncle Sam in den Philippinen die
Fäden nicht in der Hand, sondern sich heillos in dieselben ver-
strickt zu haben scheint. Dem Weißen Haus das 'Richtige' zu ra-
ten, geben sich die beiden Schlaumeier auch nicht groß den An-
schein: Daß Amerika seiner Berufung gerecht werden solle, alle
Welt seiner freiheitlichen Regelung zu unterziehen (als ob sie
dies auch nur eine Sekunde lang nicht täten) und sich dabei nicht
dreinreden zu lassen, ist die ganze Botschaft ihres Gelabers.
Doch wenn des philippinischen Präsidenten hierzulande gedacht
wird, kehren manche auch vor der eigenen Tür: So ist Herr Peter-
sen von der "AZ" felsenfest davon überzeugt, daß deutsche Kredite
für das Menschenmaterial des Empfängerstaates eigentlich ein ein-
ziger Segen sind, weshalb die BRD auch im Westpazifik vermehrt
ordnend eingreifen solle:
"Daß Bonn... zahlt, nennt Warnke einen 'Balanceakt'. Hilfe sei
vor allem eine menschliche Pflicht. Wie richtig. Aber gilt das
nicht auch für Nicaragua? Warum haut Bonn nicht beim westlich
orientierten Marcos auf den Tisch, macht weitere Bundes-Hilfen
nicht von vagen Versprechungen, sondern von tatsächlichen Refor-
men abhängig?" (AZ 23.1.)
Das Schlimmste dabei: Dieser energische Kritiker sieht den bun-
desdeutschen Kapitalpfadfinder einer tiefen persönlichen Tragik
anheimfallen: "Der deutsche Entwicklungshilfeminister... scheut
das Risiko, will weder hier noch daheim unangenehm auffallen. Ei-
gentlich schade. Denn Jürgen Warnke hätte von Kompetenz, Engage-
ment und Menschlichkeit das Zeug zu einer überzeugenderen Rolle."
(ebd.)
Ungefähr mit demselben Material, dem Verlauf der philippinischen
Wahl und Washingtons Rolle hierbei, aus dem einige die Fiktion
basteln, die USA machten sich politischer Untätigkeit schuldig,
kann man auch pathetisch das Gegenteil verkünden:
"Was immer nach den Philippinen und Haiti kommen mag, Diktaturen
sind ins Wanken geraten, und Amerika ist ihre Geißel. Hut ab
vor Präsident Reagan. Präsident Marcos mag versuchen, sich mit
unfairen Mitteln an Manila festzuklammern und auf unredliche
Weise erheblich die Rückkehr zur Demokratie erschweren. Aber
indem man ihn fallen ließ" (wer hat ihn nur vorher gehalten?)
"und schließlich seine mörderischen Methoden verurteilte, zwang
ihn die US-Regierung zu den Wahlen und brachte eine demokratische
Opposition zum Leben." (New York Times)
Der moderne Imperialismus steht nicht an, sich zu seiner Verant-
wortung für jede Sauerei in der weiten Welt von freedom and de-
mocracy zu bekennen. Und die journalistischen Speichellecker sei-
ner Gewalt füllen die Spalten mit herzlich-informativen Glückwün-
schen.
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