Quelle: Archiv MG - ASIEN PHILIPPINEN - US-Demokratie im Pazifik
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Wiener Hochschulzeitung, 04.03.1986
Internationale Heimatkunde: Die Philippinen
AMERIKAS DEMOKRATIE IM PAZIFIK
Die Philippinen: militärischer Stützpunkt der amerikanischen Navy
und Flugwaffe, der den Pazifik zum Binnenmeer westlicher Freiheit
macht. Dieser Flugzeugträger hat ein Hinterland: rund 7000 Inseln
und 55 Millionen Filipinos, zusammen ein Staat, der über einen
Naturreichtum an Kokospalmen, Zuckerrohr, Manilahanf und Gold,
sowie über einen nationalen Markt gebietet. Für die stabilen Ge-
schäftsbeziehüngen zum befreundeten Ausland gibt es die "kleinen
Brüder" der USA, von Roxas über Magsaysay bis zu Marcos, deren
staatliche und private Armeen für Frieden im Land sorgen.
Diese hochoffizielle Sichtweise der USA - "die grundsätzliche Li-
nie unserer Philippinenpolitik war und ist die Gewährleistung un-
serer Militärbasen Subic Bay und Clark, Field"; "Militärhilfe ist
das einzige Mittel, das die Reformbewegung auf den Philippinen am
Leben erhält" - ist die Realität, an der sich philippinische
Staatsmänner bewähren können. Daß bei den entwickelten Weltmarkt-
beziehungen - hauptseitig zu den USA - der nationale Reichtum
nicht zu kurz kommt, nahmen die Staatsvertreter der Philippinen
schon immer höchstpersönlich in die eigene Hand und konnten dabei
normalerweise auf weltpolitisches Verständnis rechnen. Korruption
und persönliche Bereicherung der Politiker waren ja dasselbe wie
die wirtschaftliche Entwicklung der Philippinen. Ihre Macht übten
sie - gelehrige Schüler der USA - fast ausnahmslos demokratisch
aus. Die kleine Schwierigkeit, die Stimme des Volkes bei den Wah-
len mit dem Votum der "neutralen Wahlbeobachter", die in der ame-
rikanischen Botschaft saßen, überein zu bringen, lösten sie auf
ihre Weise. "Blutige Wahltage" und der offen demonstrierte Wahl-
betrug wurden als landesüblich und keines Aufhebens wert ver-
bucht.
Kein Wunder, daß Marcos die Welt nicht mehr versteht. Jetzt soll
er so ziemlich alles falsch gemacht haben, und mit den schönsten
moralischen Titeln wie Menschenrechtsverletzungen, brutale Gewalt
und korrupte Figur wird ihm mitgeteilt, daß er ein Schlappmann
ist, überhaupt nur noch an einer Niere hängt und die längste Zeit
Präsident der Philippinen gewesen sein soll. Da kann er sich alle
vergangenen amerikanischen Lobeshymnen über den "starken Mann in
Manila" - "Mein starker rechter Arm in Asien" (Lyndon Johnson
1965); "Ich bewundere Ihren Kampf gegen den Kommunismus" (Reagan
1980); "Wir Amerikaner lieben an Ihnen, Herr Präsident, das Fest-
halten an den Prinzipien und Spielregeln der Demokratie" (Vize-
Präsident Bush 1985) - an den Hut stecken.
Heute wird er mit der Forderung nach "fairen Wahlen" konfron-
tiert. So melden die USA Zweifel an der Durchsetzungsfähigkeit
ihres bisher treuen und zuverlässigen Verbündeten an. Damit wird
tatsächlich die Herrschaft des Marcos-Clans zur Disposition ge-
stellt. Schon möglich, daß der verbitterte Diktator überhaupt
nicht mehr mitkriegt, daß dieser Stimmungswandel die Kontinuität
der besonderen Rücksichtnahme der USA auf sein Land ausdrückt -
heute mit neuer Radikalität vorgetragen.
Die Verbrechen des Marcos
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Marcos, dem einstmals weder Wahlfälschungen noch Kriegsrecht noch
sein entschiedener Umgang mit der Opposition - beispielhaft die
Ermordung Aquinos - ernsthaft nachgetragen wurden, wird jetzt mit
einer anspruchsvollen Sichtweise bekanntgemacht: "Droht den USA
auf den Philippinen ein zweites Iran?"
Beim Schah soll Carter zu lange auf den falschen "starken Mann"
gesetzt haben - mit dem bekannten Resultat. Heute wird präventiv
und ohne besondere Anlässe der Verdacht aufgemacht, daß auf den
Philippinen wegen der dortigen Herrschaftsverhältnisse die stra-
tegischen Interessen der USA und des Westens überhaupt gefährdet
werden k ö n n t e n. Unter diesem Kriterium müssen sich selbst
die treuesten Vasallen eine Sicherheitsüberprüfung gefallen las-
sen. Unter diesem radikalen Anspruch werden dann Verhältnisse,
die bisher die Lage da unten sicher gemacht haben, zu Indizien
fürs Gegenteil. So reicht heute schon die pure Möglichkeit, daß
in den nächsten 5 bis 10 Jahren die bewaffnete Guerilla der NPA
(Nationale Volksarmee) relevante Teile der Philippinen unter ihre
Kontrolle bringen könnte, weil sich Marcos dieser Sorge der USA
nicht genug annimmt. Statt eine Mannschaft einheimischer "green
berets" zu sein, die die Richtigen erledigt, handelt es sich bei
der philippinischen Armee, in der militärische Ränge als Staats-
pfründe vergeben und "mißbraucht" werden, um den Auswuchs eines
"korrupten Systems".
Die einstmals begrüßte und kriegsrechtlich durchgesetzte Zentra-
lisierung der philippinischen Wirtschaft und Politik in der Hand
eines starken Mannes und seiner Vertrauten entlarvt sich heute
als "crony capitalism" (Vettern-Kapitalismus). Mit der Vergabe
von Staatskrediten, Wirtschaftsprivilegien, Außenhandelspräferen-
zen an die Cronies wollte Marcos dafür sorgen, daß sich kapitali-
stische Geschäfte auch auf Peso-Basis lohnen - auch gegen die
aufgemachten Bedingungen der internationalen Konkurrenz. Auf sei-
nem Staatskonto haben sich dabei mittlerweile 28 Milliarden Dol-
lar angesammelt, die der philippinische Staat der internationalen
Bankenwelt schuldet; Grund genug für den IWF, die weitere Ent-
wicklung dieses Landes selbst "sanierend" in die Hand zu nehmen.
Bei den zur Auflage gemachten Peso-Abwertungen, Preisanhebungen
für Lebensmittel und Wirtschaftsbeschränkungen konnte man sich
immer auf Marcos verlassen, freilich mit einer Ausnahme: Die
neuen Konditionen sollten die staatlich abgesicherten Geschäfte
der Cojuangcos und Benedictos - und wie seine Vertrauten alle
heißen - nicht durchstreichen. Die andere Seite nahm das sehr
grundsätzlich als einen gänzlich unzulässigen Versuch, einen
philippinischen Protektionismus gegen die Notwendigkeiten des
freien Welthandels zu betreiben. Dagegen standen grundsätzliche
Wirtschaftsreformen an, und die Weigerung von Marcos ließ dessen
korrupte Machenschaften entdecken:
"Die amerikanische Regierung unterstützt den IWF und die Weltbank
bei ihren Versuchen, Präsident Marcos unter finanziellen Druck zu
setzen. Nach zwei Jahren wirtschaftlichen Niedergangs auf den
Philippinen treibt die Wirtschaft des Landes in den Ruin, der nur
durch einen radikalen Wandel aufgehalten werden kann... Der An-
fang muß mit der Zerschlagung der Zucker- und Kokosnußmonopole
gemacht werden, die sich im Besitz von Freunden des Präsidenten
befinden. Der IWF hat Kredite an die Philippinen zurückgehalten -
und überlegt, ob er ein Umschuldungsprogramm uon 14 Milliarden
platzen läßt -, um Marcos zu zwingen, die erwünschte Maßnahme
durchzuführen." (The Economist 9.11.85)
Den Wunsch nach "Reformen" haben die USA noch einmal eigenhändig
dringlich gemacht. Der Senat kürzte die Militärhilfe, und CIA-
Chef Casey und der Reagan-Spezi Senator Laxalt reisten nach Ma-
nila, um "mit entschiedenen Worten" Marcos zur fälligen Einsicht
zu nötigen. Genutzt hat es wenig; "es war, als ob man gegen den
Wind spuckt" (Laxalt). Marcos ist eben als Nationalist die welt-
politische Figur, die von Amerika bisher als Garant der philippi-
nischen Prosperität und als antikommunistischer Staatsmann gefei-
ert wurde - und diesmal stand seine Herrschaftsgrundlage auf dem
Spiel. In solchen Fällen beherrscht noch jeder Parteigänger des
Imperialismus das anti-imperialistische Vokabular. So verkündet
Marcos jetzt als erste Lehre einer eigenständigen "Filipino-Ideo-
logie", daß "die Verewigung einer abhängigen Wirtschaft das na-
tionale Schicksal in die Hände der internationalen Banken und Fi-
nanzinstitutionen legt" und daß "die Abhängigkeit vom Ausland
Ausdruck im Leben von Millionen in Form von zunehmender Arbeits-
losigkeit, schwerer Inflation und sozialer Unruhe findet". Auch
der Anti-Amerikanismus ließ sich auf philippinisch ausdrücken:
"Die Resolution" (über die Kürzung der Militärhilfe) "ist typisch
für die amerikanische Zucker- und Peitsche-Diplomatie, die ab-
wechselnd heiß und kalt bläst. Diese amerikanischen Politiker
sind nicht von der Kolonialpolitik des amerikanischen Imperialis-
mus von einst entwöhnt worden, der es darauf anlegt, schwächere
Nationen zu unterwerfen, um die Ziele großer amerikanischer Ge-
schäftsintereisen zu fördern." (ein Minister aus dem Kabinett von
Marcos)
Teile der philippinischen Regierungspartei sprachen sich sogar
für die Aufkündigung der amerikanischen Militärbasen im Land aus.
Demokratische Wahlen - Zum Betrug erklärt
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Um dem amerikanischen Verbündeten zu beweisen, daß sie auch künf-
tighin die Geschicke der Philippinen mit Marcos zu lösen hätten,
setzte der Präsident selbst Wahlen an. Er war sich sicher, daß er
keinen Konkurrenten zu fürchten brauchte; ganz einfach deswegen,
weil die USA - anders als in früheren Fällen - keinen philippini-
schen Oppositionspolitiker damit ausgezeichnet hatten, einen wür-
digen Nachfolger des derzeitigen Präsidenten abzugeben.
Die internationalen Wahlbeobachter, in Scharen vor allem aus den
USA angereist, erklärten die Wahlentscheidung zu einer von Moral
gegen Gewalt und Korruption: Die Moralseite wurde dabei vertreten
durch eine Opposition, die sich von der Regierungspartei nur da-
durch unterschied, nicht zum "Marcos-Clan" zu gehören, wenn sie
auch zum großen Teil alte Freunde von Marcos waren; durch die Ge-
schäftswelt Manilas, die am "crony capitalism" nicht oder zu we-
nig beteiligt war und die aufmerksam den sinkenden internationa-
len Kredit von Marcos registrierte; und durch die katholische
Kirche, die schön immer nationale und internationale Versöhnung
predigte. Sie alle stellten sich hinter die "Hausfrau" Corazon
Aquino. Die bestritt ihren Wahlkampf mit der Leidensgeschichte,
die Witwe des vom Marcos-Militär umgelegten Oppositionspolitikers
und Großgrundbesitzers Benigno Aquino zu sein. Das Volk durfte
darin seinen Hunger, sein Elend und seine Slumexistenz wiederfin-
den. Mehr als diese moralische Einheit wurde nicht versprochen.
Da gab der "korrupte" Präsident mehr aus. Die Beamtenschaft bekam
eine kleine Lohnerhöhung, der Benzinpreis wurde verbilligt, eine
spektakuläre Landverteilung fand statt. Wahlgeschenke waren schon
immer das, was Marcos unter Reformen verstand. Für das einfache
Volk gab es ein paar Pesos und etwas Reis, um die Wahlentschei-
dung voranzutreiben. Ansonsten verließ sich Marcos auf die von
seiner Regierung eingesetzten Dorfbürgermeister, die für die
richtige Wahlstimmung vor Ort sorgen sollten.
Cory und Ferdinand waren sich über die Hauptaufgabe des künftigen
Präsidenten ziemlich einig. Sie warf ihm vor, er sei "sehr er-
folgreich darin, das Volk in die Hände der Kommunisten zu trei-
ben". Er konterte damit, daß ein Wahlsieg Aquinos das Land wegen
der ausbrechenden Machtkämpfe unter den Oppositionspolitikern zum
Spielball der kommunistischen Guerilla machen würde.
Damit war die Rolle des Volks bei den Wahlen genügend umschrie-
ben; es brauchte nur noch zu wählen. Danach begann erst die rich-
tige Wahl, ausgetragen als Kampf um ihren "fairen Verlauf". Die
Berufung auf die Wahlurnen machte den eigentlichen Wahlkampf aus.
Für beide Kontrahenten fiel der Wählerwille mit der Demonstration
des eigenen Machtwillens zusammen, dem das passende Wahlergebnis
gleich mitgegeben wurde. Jede Seite erklärte sich zum eigentli-
chen Sieger und warf der anderen Mißachtung des Wählervotums vor
und alles im Hinblick auf die interessierte Welt Öffentlichkeit.
So weit die anwesend war, wie eine amerikanische Senatorenmann-
schaft, steckte sie die Nase in alle Wahlurnen, so daß jeder de-
monstrative Betrug auch wahrgenommen wurde. Eine philippinische
Bürgerrechtsbewegung, einstmals vom CIA gegründet, um die Nieder-
lage des bei den USA mißliebig gewordenen Präsidenten Quirino zu
kontrollieren, warf sich über die Urnen und bewies damit westli-
chen Demokraten, daß Marcos seine Niederlage vertuschen wollte.
Jede Seite zählte selbst aus, dementsprechend sahen die Wahler-
gebnisse aus. Ein moralischer Pluspunkt für Cory Aquino ergab
sich daraus, daß ihre NAMFREL schneller zählte, indem sie die
Wahlurnen nicht an die regierungsamtliche Zählkommission weiter-
gab. Außerdem meldete sie sich schneller als Wahlsiegerin zu
Wort, bereits acht Stunden nach Wahlende, als noch kaum Stimmen
ausgezählt waren, aber mit dem überzeugenden Argument, "eine ame-
rikanische Fernsehgesellschaft habe ihren Sieg vorausgesagt".
Jetzt haben die Parlamentsabgeordneten der Regierungspartei aus
den Urnen das überzeugende Votum für Marcos herausgelesen - und
damit endgültig das philippinische Volk um den Sieg betrogen, auf
den der Westen gepocht hat. Ob die USA Marcos "fallen lassen",
hat Reagan noch nicht entschieden. Diese Aussage, daß auf den
Philippinen nur die Wahlstimme des amerikanischen Präsidenten
zählt, darf deshalb noch als die Schwierigkeit einer Weltmacht
genommen werden, von den Launen eines Vasallen abhängig zu sein.
Der Wahlkampf selbst war srhon die Widerlegung der allseits be-
schworenen Gefahr, dem politischen System drohe eine Aufkündigung
von unten: An den Oppositionsfiguien wird die Verwaltung des Hin-
terlandes der amerikanischen Militärbasen nicht scheitern.
Souveränität - Ein spezielles amerikanisches Geschenk
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Daß die Stimme Amerikas für die Philippinen gilt, hat gute histo-
rische Tradition. 1898 nahmen die USA Spanien den letzten Rest
des ehemaligen Kolonialreiches ab (Cuba, Puerto Rico und die
Philippinen). Neben einer philippinischen Unabhängigkeitsbewe-
gung, die sie kolonialmächtig erledigten, fanden die USA schon
einige zivilisatorische Hinterlassenschaften der Spanier vor. Zu-
erst einmal den Peso als gültiges Zahlungsmittel und dann die ka-
tholische Kirche, die die Einwohner vom Aberglauben und vom Land
befreit und die Philippinen in einen kirchlichen Großgrundbesitz
verwandelt hatte. Ferner gab es bereits eine einheimische Kompra-
dorenmannschaft, die das philippinische Volk vertrat. Während die
Spanier die Philippinen hauptsächlich als Umschlagplatz ihres
weltweiten Handels benutzt hatten, machten sich die USA an die
Entwicklung ihrer Kolonie. Sie kauften dem Vatikan für 7 Millio-
nen Dollar den kirchlichen Grundbesitz ab und überließen die Zu-
richtung der philippinischen Landwirtschaft zu einer Monokultur
aus Zuckerrohr-, Kokosnuß- und Hanfplantagen der Privatinitiative
amerikanischer und philippinischer Geschäftsleute. Private Reich-
tumsproduktion auf den Philippinen hieß die Parole. Dementspre-
chend behandelten die USA das Land als einen Absatzmarkt für ame-
rikanische Waren. Dafür sollte sich heimische Kaufkraft entwic-
keln. Motor des inneren Marktes wurden US-Konzerne, hauptsächlich
aus der Nahrungsmittelbranche, die eigenständige Filialen auf den
Philippinen gründeten.
Getreu ihrer Devise, die Filipinos reif für das demokratische Le-
ben zu machen, beteiligten sie die heimische Oberschicht an den
kapitalistischen Geschäften und an der demokratischen Verwaltung
des Landes. Seitdem gibt es die 400 Familien-Clans, die Politik
und Wirtschaft der Philippinen unter sich ausmachen, die USA zur
zweiten Heimat haben, oft auch den amerikanischen Paß besitzen
und mit dem Dollar als erster Währung rechnen. Alles, was sie an
heimischen Geschäften tätigen, schlägt sich auch auf amerikani-
schen Bankkonten nieder.
Nach der japanischen Besetzung des Landes (1941-45) erklärte die
amerikanische Regierung die Philippinen für souverän, gemäß dem
Anspruch vom "Ende des Kolonialismus", den sie gegen Frankreich
und England geltend machte. Zuvor zerschlug MacArthur noch die
philippinische Freiheitsbewegung der HUKs, die gegen Japan ge-
kämpft und daraus das Recht auf einen eigenständigen Staat abge-
leitet hatten. Den richtigen Verwalter der gewährten Freiheit sa-
hen die USA in einem Kollaborateur der Japaner. Die USA garan-
tierten den Erfolg dieser neuen Nation mit einer Starthilfe von
250 Millionen Dollar und durch umfassende Schutzrechte. Zur Si-
cherheit der Philippinen machten sie die Unabhängigkeit von einem
Militärabkommen abhängig, das das Land für 99 Jahre zum militäri-
schen Stützpunkt und zur östlichen Aufmarschbasis zuerst gegen
Japan, dann gegen China und Vietnam und jetzt gegen die UdSSR er-
klärte. Teile des Landes wurden exterritoriales Hoheitsgebiet des
amerikanischen Militärs. Das philippinische Heer wurde von ameri-
kanischen Militärberatern aufgebaut, und die USA sicherten sich
das Recht zu, philippinische Bürger zur US-Army einzuziehen. Als
US-Hilfstruppen waren die Filipinos an allen von den USA in Asien
geführten Kriegen beteiligt, von Taiwan über Korea bis zu Viet-
nam. Ihre eigenständige Rolle wurde dem philippinischen Militär
durch eine amerikanische Militärhilfe zugewiesen, die speziell
auf den einheimischen Anti-Guerilla-Kampf zugeschnitten war. Als
die Amerikaner aus Vietnam abzogen, bekamen die Militärberater
Diems in Manila ein neues Betätigungsfeld. Diese zugewiesene
Wichtigkeit des eigenen Staates haben philippinische Politiker
nie als Einschränkung ihrer Souveränität verstanden: Sie waren
die eifrigsten Befürworter des SEATO-Militärpakts, mit dem die
Amerikaner in Asien ein Pendant zur NATO gründeten.
Zur Festlegung der Richtung, in die der wirtschaftliche Erfolg
der neuen Nation laufen sollte, knüpften die USA die Souveränität
an die Annahme des "Bell-Trade-Acts". Dieses Freihandelsabkommen
sicherte dem amerikanischen Export nach den Philippinen bis 1954
völlige Zollfreiheit zu. Umgekehrt galt dasselbe, mit einigen Mo-
difikationen. Produkte, die in Konkurrenz zu amerikanischen Waren
standen, waren nicht zollfrei und für die hauptsächlichen Export-
produkte der Philippinen legten die USA Höchstquoten fest. Damit
der gegenseitige Nutzen dieses Geschäfts mit Zucker und Kokosöl
auch weiterhin erhalten blieb, durften nur die philippïnischen
und amerikanischen Handelsgesellschaften, die schon vor 1940 im
Geschäft waren, die Quoten unter sich aufteilen. Für den Erhalt
der philippinischen Wirtschaft als Unterabteilung des amerikani-
schen Binnenmarktes stand die "parity"-Klausel, die amerikani-
schen Bürgern auf den Philippinen die gleichen geschäftlichen
Rechte wie den philippinischen Bürgern zubilligte. Logischerweise
sollte dieser erweiterte Binnenmarkt erst gar nicht von schwan-
kenden Wechselkursen behelligt werden. Der Peso wurde zum kleinen
Münzgeld des großen Bruders und sein Kurs fest an den Dollar ge-
bunden. Kleinliche Devisenkontrollen und Eingriffe in den freien
Kapitaltransfer hatte der philippinische Staat bleiben zu lassen.
"Pilipino muna!" - "Die Philippinen zuerst!"
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Diese Auflagen haben philippinische Politiker und heimische Ge-
schäftswelt immer so betrachtet, daß sich daraus etwas machen
läßt. Am wirtschaftlichen Fortschritt, jetzt unter eigener
Flagge, wurde die Bevölkerung beteiligt, ohne daß die landwirt-
schaftlichen Pächter und die Arbeiter in den Fabriken das Recht
zugestanden bekamen, ein ökonomisch anerkanntes Ausbeutungsmate-
rial zu sein. Die Mehrheit des philippinischen Volkes, die Klein-
pächter, lebten weiterhin in persönlicher Abhängigkeit von den
wenigen Großgrundbesitzern, denen sie den größten Teil ihrer
Ernte abzuliefern hatten: Die steigende Zentralisierung des Groß-
grundbesitzes vertrieb einen Teil dieser Pächter von ihrem Land;
aus den Pachtbauern wurden Saisonarbeiter, die zur Erntezeit Be-
schäftigung fanden oder gleich in die Slums von Manila zogen.
Seitdem die USA auf die meisten der wirtschaftlichen Auflagen
verzichteten - sie hielten sie nicht mehr für notwendig - und die
philippinische Wirtschaft sich der offenen Konkurrenz auf dem
Weltmarkt aussetzen darf, bekommen westliche Korrespondenten
philippinisches Anschauungsmaterial für die spannende Frage, ob
in Bangla Desh, der Sahelzone oder auf der Zuckerrohrinsel Negros
prozentual mehr Menschen verhungern. Vorher haben die USA philip-
pinischen Zucker zu einem Fixpreis aufgekauft, während jetzt der
Weltmarktpreis für Zucker den Anbau auch für die philippinischen
Zuckerbarone nicht mehr lohnend macht.
Findige Schnellrechner haben daneben herausgefunden, daß die Ar-
beitslöhne, die auf den Philippinen gezahlt werden, noch unter-
halb der in Malaysia und Hongkong gezahlten liegen. Die staatlich
betriebene Politik zur Senkung der Lohnkosten hat inzwischen auch
der philippinischen Wirtschaft erlaubt, von landwirtschaftlicher
Halbfertigproduktion zu wirklich "arbeitsintensiver" industriel-
ler Produktion überzugehen. Den Markt von textiler und elektroni-
scher Billigproduktion fanden die Philippinen allerdings schon
durch ihre staatlichen Nachbarn besetzt. Seinem sozialstaatlichen
Auftrag kommt der philippinische Staat nach, indem er Mindest-
löhne festlegt; an die braucht sich niemand zu halten. Das vom
Weltmarkt vorgegebene und inzwischen IWF-mäßig gelenkte Auf und
Ab der philippinischen Wirtschaftskonjunktur sorgt so für eine
kontinuierliche Verschlechterung der Lebensverhältnisse für das
philippinische Volk.
Gründe genug, daß immer einmal wieder Aufstände, Unruhen und
Streiks ausbrechen, bei denen radikale Sozialreformen eingeklagt
werden. Kein Wunder auch, daß bewaffnete Bewegungen für eine
"wirkliche" Unäbhängigkeit gegen die jeweilige Regierungsmann-
schaft von "US-Marionetten" auftraten. Der wachen Aufmerksamkeit
und des strategischen Interesses der USA an ihrem Land gewiß,
fanden philippinische Präsidenten darin jeweils Anlässe, ihr in-
ternationales Ansehen zu rechtfertigen und wieder für geordnete
Verhältnisse zu sorgen.
Von 1949 bis 1953 befreite die Hukbalahap, die militärische Orga-
nisation der philippinischen moskautreuen KP, einige Teile des
Landes, verjagte einzelne Großgrundbesitzer und setzte Volksver-
waltungen ein. Truman erhöhte die Militärhilfe, und unter der An-
leitung amerikanischer Militärberater räumte die philippinische
Armee gründlich auf. Umgebracht wurden nicht nur die HUK-Kämpfer,
zum Teil Partisanen, die gegen Japan gekämpft hatten, sondern
auch einiges Landvolk. Das war allerdings nur die spektakulärste,
weil gesamtstaatlich organisieite Form des Kampfes gegen die Sub-
version. Die tägliche Befriedung sah und sieht das philippinische
Militär als seine Hauptaufgabe an, darin unterstützt von den Pri-
vatarmeen der Großgrundbesitzer, die ihre besonderen Rechnungen
begleichen. Die haben auch ihren ökonomischen Hintergrund: Die
Vertreibung und Umsiedlung in Wehrdörfer räumt die Plantagenwirt-
schaft frei von überflüssiger Bevölkerung.
Anlaß zu größeren militärischen Unternehmungen gab auch der Ver-
such einiger muslimischer Stammesfürsten auf den südlichen In-
seln, sich für autonom und unabhängig von der Zentralregierung zu
erklären. Seit einigen Jahren kämpft eine neue Guerilla-Organisa-
tion, die bewaffnete Front der- neuen "maoistischen" KP. Die zur
Zeit auf rund 15.000 geschätzten Anhänger der NPA sind ein Anlaß,
weshalb Marcos bei den Amerikanern ins Gerede gekommen ist. Mit
ihrem Ziel der Bauernbefreiung orientieren sie sich an der
Kampftaktik des chinesischen "Langen Marsches" und halten sowohl
die Russen wie die Chinesen für Renegaten. Ihre Verstecke haben
sie mittlerweile überall auf den Philippinen, aus denen heraus
sie einzelne Überfälle unternehmen und kleinere Regierungspa-
trouillen angreifen. Ein Umsturz auf den Philippinen steht des-
halb noch lange nicht bevor. Der Aufruf der kommunistischen Par-
tei zum Wahlboykott hat die Cory-Fans nicht gestört.
Marcos' "Neue Gesellschaft"
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Aus der inzwischen ganz souverän betriebenen Öffnung der Philip-
pinen zum gesamten Weltmarkt leitete der seit 1965 regierende
Marcos den Anspruch auf eine neue Größe seines Landes ab - und
entdeckte, daß sein Inselreich noch gar nicht auf diese vorberei-
tet war. 1972 rief er das Kriegsrecht aus und verwaltete seitdem
die Philippinen mit diktatorischer Vollmacht. Das verstand er als
eine überfällige gesellschaftliche Reform, um aus den Philippinen
überhaupt erst eine Nation und aus ihren ökonomischen Mitteln ein
"Schwellenland" zu machen:
"Wir sind zu der Überzeugung gekommen, daß unsere Unabhängigkeit
unvollkommen ist, wenn wir erlauben, daß unsere Demokratie in
übertriebene Wahlkämpfe und einen unkontrollierten inhaltlichen
Liberalismus ausartet, dem soziale Ungerechtigkeit auf dem Fuß
folgt. Heute ist es die vornehmste Aufgabe der neuen Gesell-
schaft, wie die Filipinos die gegenwärtige Regierung nenne, das
noch verbesserungswürdige freiheitliche und unabhängige System
der Inselrepublik zu festigen. Wir kämpfen gegen Korruption, Lan-
danarchie und nationale Zersplitterung."
Politisch einflußreiche Interesse, der ständige Streit dieser In-
teressen um die Macht erschienen Marcos als Beeinträchtigung und
Schwächung seiner Staatsmacht. Das reiche demokratische Leben,
auf dessen Einrichtung die USA so stolz waren, mit Parteienkon-
kurrenz, Wahlen und freier Presse war das Vehikel der Konkurrenz
unter den 400 Familien, die die staatlichen Ämter als Pfründe ih-
rer privaten Interessen verwalteten. Die philippinischen Parteien
unterschieden sich erst gar nicht durch einen programmatischen
Anspruch, sondern danach, welche bedeutenden Interessen hinter
ihnen standen. Die philippinischen Politiker wechselten je nach
günstiger Gelegenheit die Parteien, einige schafften sich ihre
eigene Organisation an, und vor Wahlen zeichnete die amerikani-
sche Botschaft den von ihr erwünschten Kandidaten aus. Das war
zuwenig für einen nationalen Politiker wie Marcos. Er beendete
die "Zerspitterung" der Staatsmacht, indem er die Parteien verbot
- bis auf seine eigene Hausmannschaft -, seine Gegner verhaftete
und sämtliche demokratischen Rechte aufhob. Diese Straffung der
staatlichen Verwaltung ergänzte er um eine nationale Säuberungs-
welle, steckte 50.000 Filipinos ins Gefängnis, und das Militär
durfte sich austoben. Jetzt sorgte der "Marcos-Clan" für den Pri-
mat des Staates, dessen private Verwaltung den Philippinen eine
neue nationale Größe geben sollte.
Mit dem Kriegsrecht ging es für Marcos um mehr, als den nach zwei
Amtsperioden fälligen Rücktritt als Präsident zu vermeiden. Mit
der Konzentration der Staatsgewalt auf seine Person besaß er den
Hebel, den philippinischen "Oligarchen" den Kampf anzusagen. Aus
der philippinischen Geschäftswelt sollte eine nationale Ökonomie
werden. Das staatliche Wirtschaftsprogramm dafür war der "crony
capitalism". Der Zucker- und Kokosnußexport wurde staatlichen Mo-
nopolen unterstellt, und an die Spitze der Bergbau- und Stahlkon-
zerne sowie der aufzubauenden nationalen Industrieprojekte ge-
langten Vertraute des Präsidenten. Die Verwalter dieser staatli-
chen Wirtschaftsprogramme sind außerdem an fast allen Geschäften
auf den Philippinen und am Kapital der US-Konzerne beteiligt und
repräsentieren schon in ihrer Person die so geschaffene Nationa-
lisierung der Ökonomie. An dem staatlich abgesicherten und garan-
tierten Erfolg der "Cronies" sollten alle anderen philippinischen
Kapitalisten ihren Maßstab und ihren Stachel finden. Diese Zusam-
menfassung zu einer größeren nationalen Wirtschaftskraft kostete
auch einige Großgrundbesitzer und Kapitalisten ihren Besitz. Im
Namen des auf den Philippinen stets beliebten "Kampfs gegen die
Korruption" wurden sie von Marcos enteignet. Dieses neue Wirt-
schaftsprogramm sollte das schlagende Mittel sein, vermehrt aus-
ländisches Kapital ins Land zu ziehen. Konsequent verband Marcos
die Nationalisierung der philippinischen Wirtschaft mit staatli-
chen Anreizen für ausländische Anleger. Die kamen in den Genuß
von Steuerpräferenzen, durften sich an allen inländischen Ge-
schäften - auch an den philippinischen Banken - beteiligen und
waren frei von staatlichen Kapitalauflagen. Von den so Angespro-
chenen wurde das Kriegsrecht für ein sehr attraktives Wirt-
schaftsprogramm genommen und beantwortet:
"Das philippinische Investitionsklima hat sich fast täglich ver-
bessert, seit Präsident Marcos im September 1971 das Kriegsrecht
eingeführt und die Neue Gesellschaft deklariert hat. Diese Wende
ist so bedeutsam, daß alle Unternehmen, die in den Philippinen
investieren oder verkaufen wollen, sich über die dortige Situa-
tion von neuem vergewissern müssen. Vor allem ist die gesetzliche
Behandlung von Auslandsinvestoren und die Gewährung von Anreizen
geklärt und in manchen Fällen liberaler gestaltet worden; ein
neues politisches, ökonomisches und soziales Klima ist geschaffen
worden, in dem Unternehmen mit Zuversicht investieren können, si-
cher in ihrer zukünftigen Stellung im neuen, Rahmen eines wieder-
gewonnenen philippinischen Nationalbewußtseins." (Business Inter-
national, 27.11.1974)
Daß zu dem nationalen Projekt auch ein Volk gehört, hat Marcos
nicht vergessen. Der Landbevölkerung versprach er eine Landre-
form, die die Kleinpächter zu eigenen Herren machen sollte. Das
ist zwar nicht eingetreten: Die begünstigten Pächter konnten die
Ablösesumme an ihre Grundbesitzer nicht zahlen und wurden als
säumige Schuldner von ihrer Scholle vertrieben. Bei den alten
Feudalverhältnissen ist es jedoch nicht geblieben. Den Großgrund-
besitzern urde das Pachtsystem überhaupt verboten, so daß die
Plantagenwirtschaft jetzt von Lohnarbeitern betrieben wird, die
nur zur Erntezeit Beschäftigung finden.
Mit Hilfe kompetenter Berater der amerikanischen Regierung be-
kamen die städtischen Arbeiter betriebseigene und staatliche Ge-
werkschaften. Ihre Funktion bestand in der Kooperation mit Unter-
nehmensleitung und staatlichen Stellen. Für die Gewerkschaftsfüh-
rer war eine neue Pfründe innerhalb des "crony capitalism" einge-
richtet worden. Selbstverantwortlich konnten sie mit der Be-
triebsleitung Arbeitsverträge abschließen, die weniger den Lohn
als das Betriebsklima zum Inhalt hatten:
"Alle Beschäftigten sollen sich fleißig ihren angewiesenen Arbei-
ten widmen. Das Unternehmen verabscheut Faulheit. - Alle Beschäf-
tigten sollen die Anweisungen ihrer Meister befolgen. Die Unter-
nehmensleitung bestraft Ungehorsam."
Aus dem Aufschwung der philippinischen Nation ist freilich nichts
geworden! Vom Kriegsrecht und den damit verbundenen Träumen eines
Marcos sind die Ruinen einiger industrieller Großprojekte, der
Bankrott ganzer nationaler Geschäftszweige und die Slums von Ma-
nila - die eine Imielda Marcos auch einmal wegsaniert hat, wenn
sie den Blick aus einem Touristenhotel störten - übriggeblieben.
Aus der weltöffentlich gestellten Frage, ob die Philippinen jetzt
einen besseren Verwalter als den abgewirtschafteten Marcos ver-
dient haben kann das Inselvölkchen immerhin einen Schluß ziehen:
Ihrem Staat gilt unverändert das besondere Interesse der USA. Das
wird die Philippiner, die sich für das Menschenrecht auf eine
Wahlsiegerin Cory begeistern und die amerikanische Lebensweise
lieben, trösten.
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Pacific Power
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