Quelle: Archiv MG - ASIEN PAKISTAN - Staat in Fernost
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Bochumer Hochschulzeitung, 23.10.1984
Kohl in Pakistan
FRONTSTAAT TRIFFT FRONTSTAAT
Auf der zweiten Etappe seiner Asienreise, in Pakistan, fühlte
sich Kanzler Kohl fast wie zuhause. In dem "Obersten Kriegs-
rechtsverwalter" (dies der amtliche Titel) Zia ul-Huq traf er auf
einen "Freund und Partner und eine bedeutende Kraft in einer für
uns wichtigen Region", der, wie Kohl, den Kampf um den westlichen
Frieden in Freiheit an vorderster Linie führt.
"Die Übereinstimmung in wichtigen Fragen der Weltpolitik ist
nicht erstaunlich; sie ist bedingt durch die Lage beider Staaten
an weltpolitischen Nahtstellen. Eine Störung des Weltfriedens
trifft jeden von uns immer zuhause." (Kohl beim Abendessen)
Ein schönes Gespann! Dank der NATO-Politik, der Sowjetunion ihren
Einfluß in Afghanistan so teuer wie möglich zu machen, ist Paki-
stan heute ein komplettes asiatisches Bollwerk gegen den Osten:
ein Eldorado für Waffenhändler, Agenten und Russenhetzer; Opera-
tions- und Rückzugbasis für die westlich geförderten Afghan-Par-
tisanen, denen die modern ausgerüstete pakistanische Armee Rüc-
kendeckung gibt; Verwalter riesiger Flüchtlingslager, deren In-
sassen, wenn sie nicht verrecken, als Rekruten für die NATO-
Hilfstruppen und als Vorzeigeobjekt freiheitlicher Moral dienen.
Dem Anliegen des Kanzlers, "das deutsche Interesse an Stabilität
in Südasien zu unterstreichen", ist Zia auch an der innenpoliti-
schen Front gewissenhaft entgegengekommen. Seinen Vorgänger
Bhutto hat er aufhängen lassen; die Opposition sitzt im Gefäng-
nis; aufmüpfige Religionsgruppen werden niedergemetzelt; einige
Millionen Pakistani machen die Drecksarbeit in den Golf-Staaten
der EG.
Der Inspekteur aus dem Frontstaat Nr. 1 war mit seinem und der
NATO Vorposten in Asien voll zufrieden. Zwar ließ sich aus tech-
nischen Gründen ein demonstrativer Besuch an der pakistanisch-
afghanischen Grenze - à la Berliner Mauer - nieht arrangieren,
aber die Entschlossenheit des Westens, Afghanistan als Dauerbren-
ner der Erpressung und des Angriffs gegenüber dem Hauptfeind zu
behandeln, ließ sich auch von Islamabad aus demonstrieren.
"Die Verletzung des Selbstbestimmungsrechts und die Anwendung von
Gewalt in Afghanistan schwächen das Vertrauen in die sowjetische
Politik und belasten das Ost-West-Verhältnis." (Kohl)
Diesen klaren Auftrag an den NATO-Vorposten Pakistan und seine
westlichen Sponsoren ergänzt der Kanzler um einen ganzen Katalog
an "vertrauensbildenen Maßnahmen":
- Verstärkung der regionalen Zusammenarbeit in Südasien, also
Schaffung einer dritten oder vierten Front (der Kanzler kam ja
gerade aus Peking) gegen die Sowjetunion in Asien;
- Hilfe für die Trinkwasserversorgung der drei Millionen Flücht-
linge, damit die Hilfstruppen genug Proviant für die Invasion und
Infiltration haben;
- Teilnahme Pakistans an der Oberaufsicht über Afghanistan unter
Schirmherrschaft der UNO. "Der Abzug der sowjetischen Truppen ist
dafür eine wichtige Voraussetzung" (Kohl).
Von Waffenhilfe und anderen Geschäften brauchte gar nicht erst
die Rede zu sein. Sie gehören zum Alltag der Beziehungen zwischen
den beiden Frontstaaten. Schließlich gehört Pakistan zu den
"wichtigsten Empfängerländern deutscher Entwicklungshilfe", und
der Lieferung eines deutschen Kernkraftwerkes im Werte von 1,6
Milliarden Dollar stehen nur die üblichen diplomatischen und völ-
kerrechtlichen Komplikationen im Wege.
In China, Pakistan und anderswo eine umfassende Einflußshpäre des
westdeutschen Imperialismus zu etablieren - kein Bündnis, kein
Geschäft, keine Metzelei, bei der die BRD nicht Anteil hätte -
das war die erklärte Absicht der Kohl'schen Reisediplomatie.
"Eine Frage nach dem Konzept der deutschen Asienpolitik beantwor-
tete Kohl mit dem Hinweis, daß es angesichts der Aufbruchstimni-
ung in diesem Kontinent geraten sei, nicht abseits zu stehen."
(FAZ)
Das ist jenseits aller ideologischen Nebelbildung ein recht unbe-
scheidener Anspruch in Sachen Weltherrschaft, für den eine
Schlächterfigur wie Zia ul-Haq genau der richtige Kronzeuge ist.
Entsprechend lässig ließ sich der obligate Test auf das demokra-
tische Gewissen erledigen. Hofberichterstatter Nowottny war ei-
gens nach Pakistan mitgereist, um Zia in den Arsch zu kriechen
und ihm die Zusage zu entlocken, er werde im nächsten Jahr Wahlen
ansetzen - natürlich unter Beibehaltung des Einparteiensystems.
Das demokratische Gewissen war's zufrieden und holte sich beim
Kanzler die Bestätigung, daß die BRD selbstverständlich den
"schwierigen Demokratisierungsprozeß" Pakistans unterstütze. Das
beruhigt. Ein Schäferhund des Westens wie Zia kann beim demokra-
tischen Lackmustest einfach nicht durchfallen: ob als Diktator,
der eine Opposition aufhängt, oder als Präsident, der sich via
Einparteiensystem akklamieren läßt. Welches Gegeifer wohl einge-
setzt hätte, wäre Nicaraguas Ortega auf Kohls Frage Zias origi-
nelle Antwort eingefallen?
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